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Buchtipp: Im Zwielicht der Zeit

Im Zwielicht der Zeit

Ellinor Wohlfeils zweiteilige Familien-Saga aus „Im Zwielicht der Zeit“ und „Im Bann der Vergangenheit“ erzählt unaufgeregt ein Stück deutscher Geschichte.

Ellinor Wohlfeil, die den Nationalsozialismus als Kind eines jüdischen Vaters und einer arischen Mutter erlebte, schildert darin das Leben vor dem Zweiten Weltkrieg, währenddessen und nicht zuletzt auch danach. Wer Parallelen zu heute sucht, wird sie finden, doch man darf nicht vergessen, wie anders Deutschland heute dasteht als 1929.

Dennoch sind die beiden Romane sehr wichtig.

Hier ein Link zu einestages auf SPON mit Bildern und einem Text von Ellinor Wohlfeil.

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Leseprobe: Im Zwielicht der Zeit

Im Zwielicht der Zeit

Gertrud und Emmy saßen im Wohnzimmer und waren mit Näharbeiten beschäftigt. Zwischen ihnen stand ein großer Korb mit Wäsche, die noch geflickt werden musste. Die Nachmittagssonne sandte ihre Strahlen durch das halb geöffnete Fenster. Ein leichter Wind bauschte die Gardine und spielte mit ihren Schatten. Es war still in dem Raum, nur von draußen drangen ab und zu Geräusche herein: Rufe, Hundegebell, Kinderstimmen, das Rumpeln der Straßenbahn, die vorüberfuhr. Die beiden Frauen schwiegen, jede hing ihren Gedanken nach.
Da wurde plötzlich die Tür geöffnet. Gertrud schrak zusammen und blickte auf. Ihr Vater stand im Türrahmen. Seine große Gestalt schien die ganze Öffnung auszufüllen. Er hielt einen Brief in der Hand. „Paul hat geschrieben“, sagte er mit ruhiger Stimme.
„Oh, Vater, wie schön!“ Gertrud ließ den Strumpf fallen, den sie gerade stopfte, und wollte vor Freude aufspringen, doch ein Blick in das ernste Gesicht des Vaters hielt sie zurück. „Was ist?“ Ängstlich sah sie ihn an.
„Paul ist schwer verwundet, aber es geht ihm schon besser“, sagte Oertel mit belegter Stimme. Dann las er vor: „Lieber Vater, liebe Gertrud! Ihr habt lange nichts von mir gehört. Aber ich konnte nicht schreiben, denn ich bin schwer verwundet. Ich habe einen Lungendurchschuss. Doch inzwischen geht es mir besser, und ich hoffe, dass ich in ungefähr zwei Wochen aus dem Lazarett entlassen werde. Wie freue ich mich auf zu Hause!“
Oertel ließ den Brief sinken. Sein Gesicht hatte jetzt einen ungewohnt weichen Ausdruck. Gertrud schien es, als sei alle Strenge daraus verschwunden. Sie selbst hatte Tränen in den Augen, Tränen der Freude, des Mitleids und der Sorge. „Paul kommt nach Hause, dem Himmel sei Dank!“ rief sie aus. „Er wird wieder gesund werden, Vater. Die Hauptsache ist doch, dass er lebt.“
Sie stand auf und ging zu ihm hin. Oertel nahm ihre Hand und drückte sie fest, dann drehte er sich um und ging wortlos aus dem Zimmer.
Zwei Wochen später stand Gertrud voller Erwartung mit ihrem Vater auf dem Bahnsteig, um ihren Bruder vom Zug abzuholen. Überall drängten sich Menschen. „Wo kommen all diese Leute her?“ Sie blickte sich überrascht um. „Es kann doch nicht sein, dass alle ihre verwundeten Angehörigen abholen wollen.“
„Wahrscheinlich kommen auch Frontsoldaten, die Heimaturlaub haben, mit diesem Zug“, meinte Oertel.
Als die Lokomotive schnaufend in den Bahnhof einfuhr und schließlich hielt, kam Bewegung in die Menge. Gertrud wurde von einer dicken Frau beiseite geschubst, die rufend und winkend versuchte, einem Soldaten entgegenzulaufen, der gerade auf Krücken aus einem Waggon herauskam. Einige junge Männer in Uniform winkten lachend, sprangen rasch auf den Bahnsteig, bahnten sich einen Weg durch das Gedränge zu einer Gruppe wartender Frauen und begrüßten sie stürmisch.
Ein großer, schlanker, leicht gebeugt gehender junger Mann kam mit schleppenden Schritten auf Oertel und Gertrud zu. Das ist doch nicht Paul, ging es ihr durch den Kopf, das kann er nicht sein. Als er dann vor ihnen stand, war er Gertrud so fremd, dass sie fast Scheu vor ihm empfand. War er größer geworden? Oder kam es, weil er so abgemagert war? Der Uniformmantel schien ihm gar nicht zu passen. Und wie blass und schmal er geworden war! Das war nicht mehr das vertraute Gesicht, das sie von früher her kannte. Seine Gesichtszüge waren viel schärfer geworden, die Nase und die Wangenknochen traten hervor, und von der Nasenwurzel abwärts bis zu den Mundwinkeln zogen sich Linien, die vorher nicht dagewesen waren. Alles Weiche, alles Kindliche der Vergangenheit war aus diesem Gesicht verschwunden. Es zeigte einen bitteren Ausdruck, der zu seiner Jugend nicht recht passen wollte. Zögernd, fast ein wenig schüchtern, reichte Gertrud Paul die Hand. Es gelang ihr nicht, ihn spontan zu umarmen, wie sie es eigentlich gewollt hatte, wie sie es auch früher bei manchen Gelegenheiten getan hatte. Da war etwas Trennendes, wie eine Mauer, das sie hinderte, ihm nahe zu kommen. „Willkommen zu Hause, Paul“, sagte sie leise. Ihre Stimme bebte. In ihren Augen lag ein Ausdruck von Betroffenheit, aber auch von Wärme.
Oertel legte seinem Sohn einen Arm um die Schultern und drückte ihn leicht an sich. „Gut, dass wir dich jetzt ein Weilchen zu Hause haben. Du musst dich nun erst einmal erholen.“
Auf dem Heimweg sprachen die drei kaum. Gertrud versuchte ein paar Mal, eine Unterhaltung mit Paul anzufangen. „Schön, dass du wieder da bist“, sagte sie, und „Wie geht es dir?“ Aber Paul schien sie nicht zu hören. Verlegen sah sie zu Boden. Auf einmal kamen ihr ihre Worte unaufrichtig und belanglos vor.
Paul war in den nächsten Tagen sehr still und in sich gekehrt. Es war so, als sei er noch nicht richtig nach Hause gekommen. Von der Front erzählte er gar nichts. Als der Vater ihn nach seiner Verwundung fragte, gab er nur eine knappe Auskunft.
Emmy schienen die Veränderungen in Pauls Wesen am wenigsten aufzufallen. Oder sie ließ sich nichts anmerken. „Schmal sind Sie geworden, Herr Paul“, stellte sie in ihrer mütterlich-resoluten Art lächelnd fest. Dann sah sie ihn aufmunternd an und legte wie bekräftigend ihre Hand auf seinen Arm: „Das kriegen wir schon wieder hin. Wir werden Sie richtig aufpäppeln.“
Ein dankbares Lächeln glitt über Pauls Gesicht.
Was war das für ein Schrei? Gertrud fuhr aus tiefstem Schlaf hoch. Da hat doch jemand geschrien, oder habe ich geträumt? Verstört rieb sie sich die Augen und horchte angespannt. Da, da ist es wieder! Ein Schrei, als sei jemand in Todesnot! Und dann dieses Stöhnen, so qualvoll … dieses Wimmern … Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Es klingt, als sei alles Leid der Welt in diesen schmerzerfüllten Lauten eingefangen und suche verzweifelt nach einem Ausweg. Das kommt ja aus Pauls Zimmer! Einen Herzschlag lang war sie starr vor Schreck. Dann fasste sie sich und zog entschlossen den Morgenrock über. Was war los? Sie musste zu ihm.
Paul warf sich unruhig im Bett hin und her. Er war schweißüberströmt, die Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, seine Augen waren halb geöffnet. Gertrud wusste nicht, ob er wach war oder schlief. Voller Angst betrachtete sie ihn. Er muss etwas Furchtbares träumen. Immer wieder dieses klägliche Wimmern und Stöhnen … Jetzt sagt er etwas … aber ich kann ihn kaum verstehen … Seine Stimme ist so verändert. Sie versuchte, genau hinzuhören, und konnte schließlich einige Wortfetzen aufschnappen. „Dieser ewige Regen … Mir ist so kalt … alles nass … und der Schlamm … Ich kann mich nicht bewegen …“ Es war wie ein Klagen, das immer erregter wurde. „Läuse … überall … am ganzen Körper … jetzt auch noch Ratten … weg … weg …“ Er schlug wie wild mit den Händen um sich.
Gertrud wollte zu ihm gehen, seine Hände festhalten, ihn in den Arm nehmen, aber sie stand da wie gelähmt. Sie konnte sich nicht von der Stelle rühren. Dann schien ihr, als würde Paul sich beruhigen. Aber plötzlich wurde seine Stimme wieder lauter, die Erregung nahm zu. „Meine Augen … tun so weh … blenden so … diese Leuchtkugeln …“ Er schlug die Hände vor das Gesicht. „Dieses Heulen … dieses grauenhafte Pfeifen … da, eine Explosion … nicht hier … bitte, nicht hier … Ich will nicht sterben …“ Seine Worte gingen unter in einem markerschütternden Schrei. Dieser Schrei riss Gertrud aus ihrer Erstarrung. Sie spürte, wie ihre Kräfte zurückkehrten, ging zum Bett ihres Bruders und rüttelte ihn, so fest sie konnte.
„Wach auf, Paul, wach auf! Du hast einen Albtraum!“, rief sie verzweifelt. Mit einem Ruck fuhr Paul in die Höhe, saß kerzengerade, seine weit aufgerissenen Augen starrten mit leerem Blick ins Zimmer. Er sah Gertrud nicht, schien noch nicht wach zu sein. „Blut … überall Blut …“ Er sprach mit ersterbender Stimme. „… und die vielen Toten … überall Tote … diese Schmerzen …“ Dann war es nur noch ein hilfloses Schluchzen, das Gertrud Tränen in die Augen trieb. Sie rüttelte ihren Bruder wieder mit verzweifelter Heftigkeit. „Wach auf, wach doch endlich auf, Paul! Quäl dich doch nicht so!“
Paul schien nun endlich wach zu sein. Er blickte seine Schwester an, und sie sah in seinen Augen, in seinem ganzen Gesicht das Entsetzen gespiegelt, das furchtbare Grauen, das er erlebt haben musste. Still nahm sie seine Hand und lehnte seinen Kopf an ihre Schulter. So saßen die Geschwister eine Weile beieinander, keines sagte ein Wort. Paul lehnte sich erschöpft an Gertrud, und sie strich von Zeit zu Zeit über sein wirres Haar, so wie man ein Kind beruhigt, das schlecht geträumt hat. Es war eine fast scheue Berührung, eine liebevolle, aber hilflose Geste. Schließlich schob Paul seine Schwester sanft von sich.
„Geh wieder schlafen, Gertrud. Es tut mir leid, dass ich dich geweckt habe.“
Das ist seine normale Stimme, dachte sie erleichtert. In all ihrer Betroffenheit hatte dieser Gedanke etwas Tröstliches.
„Paul …“, sagte sie leise, fasste seinen Arm und sah ihm forschend ins Gesicht. Aber er schüttelte den Kopf, legte sich zurück in seine Kissen und drehte sich auf die Seite, ihr den Rücken zuwendend. Sie verstand. Er wollte nicht darüber reden, er konnte nicht darüber reden. Die Schrecken, die er erlebt hatte, saßen zu tief. Wie böse Geister hatten sie sich in seiner Seele festgekrallt. Mit eisernem Griff hielten sie ihn umklammert, und er kämpfte mit aller Kraft, dass sie ihn nicht ganz zerstörten. Wenn es an der Zeit ist, wird er darüber reden, dachte Gertrud. Er muss darüber reden, sonst zerbricht er daran. Aber jetzt ist es noch zu früh. Leise ging sie aus dem Zimmer.

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Leseprobe: Im Zwielicht der Zeit

Im Zwielicht der Zeit

Arm in Arm schlenderten Anni und Gertrud die stille Nebenstraße entlang, in der Marcels Atelier lag. Sie genossen den lauen Sommerabend. Tagsüber hatte es geregnet, aber jetzt war der Himmel wieder klar. Gertrud atmete tief den würzigen Duft ein, der die Luft erfüllte. Sie betrachtete im Vorbeigehen die Fassaden der alten Patrizierhäuser. Manche waren mit Efeu oder
Weinlaub bewachsen. In den kleinen Vorgärten blühten Rosen. Wie ruhig es hier war. Da blieb Anni stehen und deutete auf eines der alten Häuser: »Wir sind da.« Die innere Spannung, die Gertrud schon den ganzen Tag über gespürt hatte, wurde stärker, als sie die drei Stufen zur Haustür hinaufgingen und dann in den kühlen, dämmrigen Flur eintraten. »Wir müssen ganz nach oben, vier Treppen rauf. Marcels Atelier ist unter dem Dach«, sagte Anni.
Mit einem Gefühl gesteigerter Erwartung, in das sich Neugier, aber gleichzeitig auch Unsicherheit und ein bisschen Angst vor dem Unbekannten mischte, folgte Gertrud der Freundin. Sie waren noch nicht ganz oben, da schallte ihnen laute Jazzmusik entgegen. Anni drehte sich zu Gertrud um: »Das Fest ist schon in vollem Gange, aber wir haben noch nichts versäumt. Komm.« Sie öffnete die Tür – und Gertrud blieb überrascht auf der Türschwelle stehen. Verwirrt starrte sie in den riesigen Raum mit vier großen Dachfenstern, durch die man geradewegs in den Himmel blicken konnte. Was für ein Chaos, was für ein Durcheinander! Welch ein Gegensatz zu der stillen Straße! Sie bemühte sich, Einzelheiten zu erfassen. Verwundert sah sie, wie einige der Gäste auf der freien Fläche in der Mitte ihre Glieder verrenkten. So kann man also auch tanzen, dachte sie. Na ja, zu der schrillen Musik passt das. Ihr Blick wanderte weiter über die Kissen und Polster, die rundherum auf dem Boden verteilt waren, über die Mädchen und die jungen Männer, die es sich darauf bequem gemacht hatten, rauchend, trinkend, miteinander schwatzend. Die Luft war dunstig von Zigarettenqualm, und die Jazzmusik hämmerte in ihren Ohren. Das ist nichts für mich, hier gehöre ich nicht hin! Sie wollte am liebsten davonlaufen. Da gab Anni ihr einen leichten Klaps auf den Rücken. »Komm,
oder willst du ewig hier stehen bleiben?«
»Hallo, da kommt ja unsere Lehrerin«, rief ein junger Mann Anni entgegen.
»Pädagogin, bitte, Raoul. Sie studiert doch Pädagogik«,
sagte eine große, schlanke Blondine mit einem vielsagenden Augenaufschlag.
»Was für einen Paradiesvogel hast du denn da mitgebracht? Komm, Kleine, lass dich mal ansehen. Süß siehst du aus.« Er legte Gertrud seine Hände auf die Schultern und drehte sie zu sich hin. Gertrud fühlte, wie sie errötete, und senkte für einen Moment scheu ihren Blick. Aber dann sah sie ihr Gegenüber neugierig an und schaute in zwei übermütig blitzende blaue Augen unter einem wuscheligen blonden Haarschopf. Halb schüchtern, halb kokett lächelte sie ihm zu. Mit einem aufmunternden Blinzeln fasste der junge Mann Gertruds Arm und wollte sie mit sich fortziehen.
»Finger weg, Raoul! Die ist nichts für dich.« Anni gab ihm lachend einen Klaps auf die Hand.
»Na, na, nicht so streng, Frau Oberlehrerin. Aber nachher tanzen wir zusammen, ja, schöne Goldmarie?« Das ist wohl eine Anspielung auf mein Kleid, dachte Gertrud. Sie sah an sich herunter und stellte fest, dass ihr gelbes Kunstseidenkleid in der schummrigen Beleuchtung einen matten Goldglanz bekommen hatte.
»Holen wir uns was zu trinken, hier bedient sich jeder selbst.« Anni nahm Gertrud mit sich fort zu einem langen, schmalen Tisch, der an der Wand aufgestellt war. »Das ist eigentlich ein Arbeitstisch, aber heute wird er zweckentfremdet als Bar benutzt.« Sie deutete auf die vielen Flaschen. Zwischen Wein-, Sekt- und Bierflaschen sah Gertrud auch andere, die sie nicht kannte. Neugierig griff sie nach einer solchen Flasche und wollte sich ein Glas einschütten, doch Anni hielt sie zurück: »Damit würde ich nicht gerade anfangen. Trink ein Glas Moselwein, der ist süffig. Marcel bekommt ihn von seinem Onkel, der hat ein Weingut.« Die beiden Mädchen schenkten sich Wein ein und nahmen auch von den Häppchen, die auf dem Tisch standen.
»Hallo, Anni, kommt zu uns!« Ein Mädchen mit einem
lustigen Gesicht, dem die braunen Locken keck in die Stirn fielen, winkte ihnen zu. Der blonde Junge an ihrer Seite wirkt ein bisschen schüchtern, dachte Gertrud, und fühlte Sympathie für ihn. Er scheint sich hier auch nicht ganz wohl zu fühlen. Ihr war zumute, als sei sie ohne Übergang, von einem Augenblick zum anderen, in eine fremde, schillernde Welt versetzt worden. Diese Welt faszinierte sie, aber sie fürchtete sich auch ein bisschen davor. Sie fühlte sich unsicher und sehnte sich nach ihrem geordneten Zuhause, nach dem Schutz ihrer bürgerlichen Familie. Gleichzeitig spürte sie jedoch in sich einen Hunger nach neuen Erlebnissen, nach Abenteuern und die Bereitschaft, sich auf das Ungewöhnliche einzulassen, auch wenn es mit Risiken verbunden war. Wenn sie die ausgelassenen Tänzer ansah, dann erfüllte sie eine prickelnde Lust, sich unter sie zu mischen und es ihnen gleichzutun. Doch irgendetwas in ihrem Innern hielt sie auf ihrem Sitz fest. Sie nippte an ihrem Wein und sah zu dem Paar hinüber, das sich in einer Ecke eng umschlungen hielt. Das Mädchen hatte sein Kleid halb heruntergestreift, sodass der Busen zu sehen war. Dass sie sich nicht geniert!! Empörung stieg in Gertrud auf. Sie runzelte die Stirn und zog die Mundwinkel verächtlich nach unten, sodass ihr Gesicht einen abweisenden Ausdruck bekam. Doch dann glätteten sich ihre Züge wieder, und ein Lächeln spielte um ihre Lippen. Das ist ein völlig anderes Leben! So frei, so ohne Zwang! Jeder gibt sich, wie er ist, keiner verstellt sich, alle sind fröhlich, genießen das Leben. Warum muss man es sich immer so schwer machen wie Vater? Es lebt sich doch viel leichter mit ein bisschen Lustigsein, ein bisschen Spaß. »Bohème-Milieu« würde Vater sagen, und der Ausdruck seiner Augen und der Tonfall seiner Stimme würden voller Verachtung sein. Wenn er gewusst hätte, wohin ich gehe, dann hätte er es mir bestimmt verboten. Aber warum? Hat man nicht auch ein Recht darauf, einmal zu lachen, zu tanzen, Wein zu trinken und fröhlich zu sein? Sie betrachtete das Mädchen, das ihr gegenüber saß. Es trug ein grellbuntes Kleid mit einem tiefen Dekolleté. Ziemlich gewagt, ich würde so etwas nicht anziehen. Aber sie hat eine gute Figur, und mit dem schwarzen Haar und dem dunklen Teint sieht sie wie eine Zigeunerin aus.
Eine neue Platte wurde aufgelegt. »Komm, kleine Mimi, jetzt tanzen wir Shimmy.« Raoul zog Gertrud am Arm mit sich fort, ehe Anni protestieren konnte. Gertrud kannte diesen Tanz nicht. Raoul erklärte ihr, dass er aus Amerika stamme. »Ein ganz neuer Tanz!« Wieder dieses Blitzen in seinen Augen, das ihr so ein merkwürdiges Kribbeln verursachte. Mit festem Griff wirbelte er sie herum, sodass sie Angst hatte, den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Anni rief ihr im Vorbeitanzen zu: »Das ist was anderes als das langweilige Gedudel beim Tanztee, findest du nicht auch?« Die letzten Worte gingen in einer rasanten Drehung unter. Gertrud fühlte sich wie berauscht.
Plötzlich ließ Raoul Gertrud los. Sie blieb erschrocken mitten auf der Tanzfläche stehen und sah ihm verwundert nach. Er stellte das Grammophon ab, stieg auf einen Stuhl und fing an
zu deklamieren:

jolifanta bambla
o falli bambla
grossige m’pfa babla horem
egiga goramen

Mit großen Gesten unterstrich er seine Worte, so, als hätte er etwas äußerst Bedeutungsvolles zu sagen. Inzwischen waren alle aufmerksam geworden. Ein paar Mädchen riefen lachend
»Aufhören, Raoul!«, andere klatschten begeistert Beifall.
»Er heißt eigentlich Otto, aber er nennt sich Raoul nach seinem großen Vorbild Raoul Hausmann«, erklärte Anni Gertrud mit einem spöttischen Lächeln.
Inzwischen hatte sich eine kleine Gruppe um Raoul versammelt, der immer noch auf seinem Stuhl stand. Alle redeten gleichzeitig auf ihn ein.
»Dada ist doch Unsinn, schon der Name bedeutet nichts,
ein Zufall!« Eine laute Stimme übertönte die anderen. Gertrud blickte in die Richtung, aus der sie kam, und entdeckte einen dicken Mann, dessen gewaltiger Bauch über der Hose hing. Sein Hemd war aus dem Hosenbund herausgerutscht. Angewidert
dachte sie: Wie nachlässig! Aber es scheint ihn nicht zu stören.
»Im Französischen heißt es immerhin ›Steckenpferd‹, Guido«, konterte Raoul und unterstrich seine Worte mit ausgestrecktem Zeigefinger, »im Rumänischen heißt es ›Jawohl, wirklich, so machen wir’s‹, im Deutschen …«
»Babysprache«, unterbrach ihn lachend ein rothaariges Mädchen in einem engen schwarzen Kleid. »Babysprache ist es im Deutschen, nichts anderes.« Sie schien sich über Raoul lustig zu machen.
»Es heißt ›Ich pfeif drauf, rutsch mir den Buckel runter‹«, rief jemand aus einer anderen Ecke herüber.
Künstlervolk, ging es Gertrud durch den Kopf, Künstlervolk würde Vater missbilligend sagen.
»Dada ist die einzig mögliche Lebensform  sich von den Dingen werfen lassen … nein sagen und lachen … lachen über den gewaltigen Hokuspokus des Daseins …«, hörte sie jetzt einen schlanken, blassen jungen Mann mit dunkler Hornbrille sagen, den sie bisher noch nicht beachtet hatte.
»Über die Wirklichkeit kann man nicht lachen …«
»Der Künstler muss politisch denken und sich engagieren …«
Wie kann jemand diesen Quatsch überhaupt ernst nehmen, dachte Gertrud, hörte aber doch interessiert weiter zu.
»Ha, sich totschießen lassen für eine fragwürdige Nation … für das Vaterland … Was ist denn das, das Vaterland? Wie können wir es lieben, wenn es unsere Arme und Beine, unser Leben verlangt in einem unsinnigen Krieg?« Das war Raoul mit seinem ungestümen Temperament. Er war inzwischen von seinem Stuhl
heruntergekommen und hatte sich unter die anderen gemischt.
»Damit das nicht wieder passiert, müssen wir uns engagieren. Wie, das haben uns Max Beckmann und George Grosz gezeigt mit ihren Bildern. Sie malten den Krieg, wie er wirklich
ist.« Gertrud horchte auf. Welch sympathische Stimme!
»Und es wird wieder so kommen, Marcel, wenn wir das Bürgertum nicht endlich aus seinem sanften Schlummer aufwecken, mit Posaunengedröhn:

Zumba, zamba
Buliamba

Ein Mädchen hielt ihm den Mund zu. »Lasst uns lieber tanzen, Raoul, verderbt uns nicht die Stimmung!« Aber ihr Einwand ging in dem allgemeinen Gerede unter.
»Nachdem die bürgerliche Ordnung ins Chaos geführt hat, wollen wir Chaos in die Ordnung bringen. Die Gesellschaft
ist krank. Ein neuer Mensch muss geschaffen werden …«
Gertrud war erstaunt. Wie kann jemand im Ernst wünschen, Chaos in die bürgerliche Ordnung zu bringen, und sich dann auch noch einbilden, so könne ein neuer Mensch entstehen? Aber sie schien nicht allein so zu denken.
»Wie wollt ihr mit Chaos einen neuen Menschen schaffen? Man lacht doch nur über euch, nimmt euch nicht ernst «, rief das rothaarige Mädchen dazwischen, das sich vorhin über Raoul lustig gemacht hatte.
»Die Menschen werden uns noch ernst nehmen, wenn sie anfangen zu denken«, sagte Raoul mit Überzeugung.
Aber das tun sie doch, die Menschen machen sich Gedanken. Gertrud erinnerte sich an ihren Vater und ihren Bruder und an die Auseinandersetzungen, die es gegeben hatte. Sie machen es sich wirklich nicht leicht.
»Die Menschen werden euch als Provokateure einsperren!«, rief wieder jemand von hinten.
»Dada ist die einzig wirkliche Kunstform … getragen vom spontanen Einfall … Es lebe die Spontaneität … nicht gegängelt
und verstümmelt von Regeln, Vorschriften und Prinzipien …«
Raoul redet sich ja richtig in Begeisterung, dachte Gertrud. Ihr schwirrte der Kopf. Sie verstand nicht recht, dass alle sich derartig ereiferten. Diese Gedanken, diese Ideen … Sie waren so fremd und ungewohnt für sie. Müssen nicht Regeln und Vorschriften sein? Aber wie oft habe ich mich selbst innerlich aufgelehnt gegen Vaters strenge Prinzipien. Wie eingeengt fühlte ich mich dadurch. Es ist vielleicht etwas Wahres dran an dem, was sie sagen. Ihr geordnetes Dasein wurde ihr auf einmal fragwürdig. Fasziniert hörte sie weiter zu.
»Dada ist mehr … es ist ein Geisteszustand … der einzige, mit dem es sich leben lässt … Weg mit Begriffen wie Moral, Ehre, Freiheit, Brüderlichkeit … Wohin haben sie uns geführt? Nach der Wirklichkeit des Krieges sind sie nur noch ein Skelett von Konventionen.«