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Leseprobe: Im Bann der Vergangenheit

Im Bann der Vergangenheit

Der Winter wurde bitterkalt.
„Ob wir jemals wieder die Zentralheizung in Betrieb nehmen können? Ich glaube es nicht“, seufzte Gertrud. „Wahrscheinlich ist sie inzwischen auch kaputt. Wir haben sie ja schon so lange nicht mehr anstellen können, die ganzen letzten Kriegsjahre hindurch nicht.“ Gertrud stand auf der Leiter und holte ein paar Decken aus einem Wandschrank. Die wollte sie vor die großen Fenster in der Diele stopfen, um die Kälte und den scharfen Ostwind abzuhalten.
Kohlen oder Briketts waren knapp, und Gertrud war froh, dass Anna mit Bormanns im Herbst so fleißig Tannenzapfen gesammelt hatte. Sie ließen sich in dem Ofen im Wohnzimmer gut zum Heizen verwenden. So konnte sie mit den Kohlen sparsamer umgehen. Anna beobachtete immer wieder fasziniert durch die Marienglasscheibe, wie die Zapfen verglühten, und sie hatte jedes Mal ihren Spaß daran, wenn sie so lustig knackten und prasselten. Herr Bormann hatte Holz aus dem Wald herangeschafft, außerdem hatte er einen Baum im Garten gefällt. Aber das alles reichte nur für den einen Ofen. In den Schlafzimmern war es so kalt, dass sich auf dem Wasser in der Waschschüssel über Nacht eine dünne Eisschicht bildete.
An einem frostigen Morgen im Januar hörte Anna, wie ihre Mutter laut ihren Namen rief. Nein, dachte sie, ich will noch nicht aufstehen. Sie kuschelte sich tiefer unter ihr dickes Federbett. Die Wärmflasche, die sie abends mitgenommen hatte, war kalt geworden, und sie warf sie auf den Boden. Aber unter ihrer Bettdecke war es schön warm. Sie schauderte bei dem Gedanken an ihr kaltes Zimmer.
„Anna, Joachim, aufstehen!“ Die Stimme ihrer Mutter war lauter geworden. Plötzlich steckte sie den Kopf durch die Tür. „Die Wasserleitung ist eingefroren. Ihr müsst helfen. Wir müssen Wasser aus dem Stübchenbach holen.“ Dann ging sie ins Nebenzimmer. „Joachim, du musst auch mit anfassen.“
Diese Worte ihrer Mutter erfüllten Anna mit Genugtuung. Na endlich muss er auch mal was tun! Sie kroch unter ihrem Federbett hervor und schlüpfte schnell in ihren dicksten Pullover und die Skihose. Waschen kann ich mich später, wenn es warmes Wasser gibt, dachte sie.
Herr Bormann, der Hausmeister, hatte schon den großen Schlitten aus dem Schuppen geholt. Er stand wartend daneben, die unvermeidliche Pfeife im Mund. Anna fragte sich, ob die Wölkchen vor seinem Gesicht Pfeifenqualm oder sein in der Kälte gefrorener Atem waren. Wahrscheinlich beides, entschied sie. Im Zwielicht des dämmrigen Morgens sah er aus wie ein Gnom, der sich aus dem Wald hierher verirrt hatte. Gertrud brachte eine Waschwanne und einen Eimer, und Frau Bormann stellte eine große Milchkanne auf den Schlitten.
„Mehr geht nicht“, meinte Herr Bormann, „oder wir müssen zweimal fahren.“
Joachim kam als Letzter. Anna warf ihm einen triumphierenden Blick zu, aber er bemerkte es nicht. Ruhig nahm er eines der breiten, festen Leinenbänder, die an dem Schlitten befestigt waren, und schlang es sich um die Schulter. Herr Bormann tat dasselbe, und gemeinsam zogen sie den Schlitten aus dem Garten hinaus und den Waldweg hinauf. Der hart gefrorene Schnee knirschte unter seinen Kufen. Frau Bormann und Anna schoben am hinteren Ende.
Zum Bachtal hinunter gab es eine abschüssige Stelle.
„Achtung!“, schrie Herr Bormann. „Dass wir nicht ins Rutschen kommen.“
Alle vier stemmten sich gegen den Schlitten. Anna wäre fast in den Schnee gefallen, aber sie konnte noch rechtzeitig die ausgestreckte Hand von Frau Bormann greifen.
„Pass auf, Mädchen!“, rief die Frau erschrocken aus.
Herr Bormann nickte Joachim anerkennend zu. „Du bist ein kräftiger Bursche geworden, alle Achtung.“
Unten am Bach griff Herr Bormann nach der Axt, die er mitgenommen hatte, und schlug damit ein Loch in das Eis. Die Schläge hallten durch den stillen, froststarrenden Wald. Anna sah staunend zu, wie die Eisstückchen durch die Luft flogen. Die Sonne war inzwischen aufgegangen und ließ sie funkeln und glitzern wie kleine Sternschnuppen. Unter dem Eispanzer floss glucksend das Wasser des Stübchenbachs. Als das Loch groß genug war, nahm Joachim den Eimer, schöpfte Wasser aus dem Bach und füllte damit zuerst die Waschwanne und dann die Milchkanne von Frau Bormann, die zu groß war und nicht in das Loch hineinpasste. Schließlich stellte er den vollen Eimer auf den Schlitten. Anna beobachtete ihn. Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck von Befriedigung.
Der Rückweg führte zunächst bergauf. Durch die Last war der Schlitten jetzt schwerer. Sie zogen und schoben ihn mit all ihren Kräften, kamen aber nur langsam voran. Sie glitten oft aus, und sie mussten aufpassen, dass kein Wasser verschüttet wurde. „Da wird uns wenigstens warm“, meinte Herr Bormann und lachte.
Gertrud stand schon wartend an der Haustür, als sie zurückkamen. „Im Wohnzimmer ist der Ofen schon an, da könnt ihr euch gleich aufwärmen“, rief sie ihren Kindern entgegen.
Später saß Anna in ihrem Zimmer. Sie hatte den Mantel übergezogen, sonst hielt sie es vor Kälte nicht aus. Vor ihr auf dem Tisch lagen einige Klassikerbände: Schiller, Shakespeare, Grillparzer. Sie hielt einen Band von Friedrich Hebbel in der Hand und war ganz vertieft in ihre Lektüre. Die Klara aus „Maria Magdalene“, die würde ich zu gern einmal spielen. Schade, dass ich mit Frau Seeck daran nicht mehr weiterarbeiten konnte.
In den arbeitsreichen Sommer- und Herbstmonaten hatte Anna wenig Zeit für sich selbst gehabt. Sie hatte zwar oft daran gedacht, wie sie bei Frau Seeck in Berlin Unterricht hatte, bis die Schauspielerin die Stadt verließ, weil die Theater geschlossen wurden. Aber sie kam nicht dazu, Sprechübungen zu machen oder sich mit ihren Rollentexten zu beschäftigen. Oft sah sie sich in ihrer Fantasie auf der Bühne stehen, fühlte die Verzweiflung Gretchens, die leidenschaftliche Liebe der Julia oder den Mut und die Entschlossenheit der Johanna. Sie wusste, sie konnte all diese Gefühle überzeugend ausdrücken. Das Publikum würde ihr Beifall klatschen, und sie würde als Künstlerin geschätzt und anerkannt sein. Aber bei solchen Tagträumen war es bis jetzt geblieben. Sie sah keinen Weg, wie daraus Wirklichkeit werden könnte. Es schien ihr, als müssten alle Menschen nach dem Krieg das normale Leben erst wieder lernen. Jeder ist nur mit seinen Alltagssorgen beschäftigt, genau wie wir auch, und sonst passiert nichts, dachte sie.
Und dann hatten Plakate in der Stadt für den 25. Februar die Ankunft einer Schauspieltruppe angekündigt. Im großen Saal des Kurhauses sollte Lessings „Minna von Barnhelm“ aufgeführt werden. Anna war wie elektrisiert. Da muss ich hin! Mutti wird mir sicher das Geld für eine Karte geben. Vielleicht kann ich dem Intendanten ja mal vorsprechen … Die Gedanken überschlugen sich in ihrem Kopf. Ob er mich überhaupt vorlassen wird? Er wird mich sicher abweisen. Vielleicht ist er arrogant? Aber er kann doch auch nett sein. Welche Rolle soll ich denn sprechen? Meine Texte von der Eignungsprüfung, die ich damals in Berlin gemacht habe? Zu Hause hatte sie die Klassikerbände aus dem Bücherschrank geholt. Und nun saß sie da und überlegte, ob sie es wagen sollte, die Klara zu sprechen oder die Hero oder vielleicht doch besser die Jungfrau oder die Julia. Sie fing an, laut ihre Rollen zu deklamieren und bemerkte nicht, dass sich die Tür öffnete. Ihre Mutter stand auf der Schwelle.
„Anna, ist das denn nötig? Joachim sitzt nebenan und lernt. Du störst ihn.“
Anna zuckte zusammen. Schreck und Ärger spiegelten sich in ihrem Gesicht. „Immer Joachim! Immer dreht sich alles nur um Joachim!“, stieß sie ärgerlich hervor.
„Es ist wichtig, dass Joachim das Abitur besteht. Ihm fehlen doch drei Schuljahre, weil die Nazis ihn damals vom Gymnasium verwiesen haben. Das muss er nun alles nachholen.“ Die Stimme ihrer Mutter klang leicht gereizt.
Zorn blitzte auf in Annas Augen. Heftiger als beabsichtigt entgegnete sie: „Was ich mache, ist auch wichtig. Ich will einem Intendanten vorsprechen. Eine Schauspieltruppe kommt hierher, ich habe die Plakate in der Stadt gelesen.“
Ihre Mutter fasste sie an den Schultern und drehte sie zu sich herum: „Kind, hängst du denn immer noch an diesen Träumen? Ich dachte, du bist inzwischen zur Vernunft gekommen.“ Sie strich ihrer Tochter mit einer mütterlichen Geste über das Haar, aber Anna machte sich los, kehrte ihrer Mutter den Rücken zu und ließ sie stehen.
Trotz der Auseinandersetzungen mit ihrer Tochter brachte Gertrud es nicht über das Herz, ihr den Besuch dieser Aufführung zu verwehren. Es gab so wenig Abwechslung für ein junges Mädchen. Sie schenkte ihren beiden Kindern eine Karte.
Ungeduldig sah Anna dem Tag der Aufführung entgegen. Dann war es endlich so weit. Mit klopfendem Herzen saß sie neben Joachim in dem großen Kurhaussaal und sah sich um. Der Saal war voll. Anna wunderte sich. Die Karten waren schon tagelang vorher ausverkauft gewesen. Die Menschen schienen auch nach geistiger Anregung ausgehungert zu sein. Aufgeregt wartete sie darauf, dass der Vorhang sich endlich hob. Dann begann das heitere Spiel um Verwirrung und Liebe. Es waren lauter junge, unbekannte Schauspieler, die da oben auf der Bühne standen. Wie wünschte Anna sich, eine von ihnen zu sein, mit ihnen da oben stehen zu können, die Begeisterung und das Engagement, mit denen sie das Stück spielten, mit ihnen zu teilen, mit hineingenommen zu sein in das Geschehen auf der Bühne. Als der Vorhang fiel, klatschte sie begeistert. Joachim neigte sich zu ihr und meinte: „Das war doch gut, findest du nicht auch?“
Nach der Vorstellung nahm sie all ihren Mut zusammen, ging hinter die Bühne und bat, Herrn Vandamme, den Intendanten, sprechen zu dürfen. Dann stand sie einem freundlichen, älteren Herrn gegenüber. Sein Haar war schon stark ergraut, aber sein frisches, leicht gebräuntes Gesicht, in dem noch keine Falte zu sehen war, ließ ihn jünger erscheinen. Die graublauen Augen verrieten Wachheit und Lebendigkeit. Er führte Anna in einen kleinen Nebenraum und sah sie fragend an. Das Mädchen errötete. Das Herz pochte gegen ihre Rippen wie ein eingesperrtes Tier, die Kehle war ihr wie zugeschnürt.
„Ich möchte Sie fragen, ob ich Ihnen einmal vorsprechen darf“, brachte sie mühsam heraus.
Ihr Gegenüber sah sie lächelnd an. „Natürlich, ich bin immer an jungen Talenten interessiert“, antwortete Herr Vandamme und betrachtete seine Besucherin, die in so offensichtlicher Aufregung vor ihm saß, leicht amüsiert. Dann fragte er sie, was sie bisher gemacht habe, bei wem sie Unterricht gehabt hätte und was sie von ihrer Zukunft erwarte.
„Wissen Sie“, erklärte er Anna, die sich durch seine ruhige, sachliche Art inzwischen wieder beruhigt hatte, „ich habe vor, in Goslar eine junge Bühne zu gründen. Es wird zwar noch eine Zeit lang dauern, bis wir anfangen können. Die Genehmigung von der Stadtverwaltung habe ich bereits, aber das Startkapital fehlt, und einen geeigneten Raum habe ich auch bis jetzt nicht gefunden. Doch das ist alles nur noch eine Frage der Zeit.“ Am Ende des Gesprächs vereinbarte er einen Vorsprechtermin mit Anna.

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Buchtipp: Im Zwielicht der Zeit

Im Zwielicht der Zeit

Ellinor Wohlfeils zweiteilige Familien-Saga aus „Im Zwielicht der Zeit“ und „Im Bann der Vergangenheit“ erzählt unaufgeregt ein Stück deutscher Geschichte.

Ellinor Wohlfeil, die den Nationalsozialismus als Kind eines jüdischen Vaters und einer arischen Mutter erlebte, schildert darin das Leben vor dem Zweiten Weltkrieg, währenddessen und nicht zuletzt auch danach. Wer Parallelen zu heute sucht, wird sie finden, doch man darf nicht vergessen, wie anders Deutschland heute dasteht als 1929.

Dennoch sind die beiden Romane sehr wichtig.

Hier ein Link zu einestages auf SPON mit Bildern und einem Text von Ellinor Wohlfeil.

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Leseprobe: Im Zwielicht der Zeit

Im Zwielicht der Zeit

Gertrud und Emmy saßen im Wohnzimmer und waren mit Näharbeiten beschäftigt. Zwischen ihnen stand ein großer Korb mit Wäsche, die noch geflickt werden musste. Die Nachmittagssonne sandte ihre Strahlen durch das halb geöffnete Fenster. Ein leichter Wind bauschte die Gardine und spielte mit ihren Schatten. Es war still in dem Raum, nur von draußen drangen ab und zu Geräusche herein: Rufe, Hundegebell, Kinderstimmen, das Rumpeln der Straßenbahn, die vorüberfuhr. Die beiden Frauen schwiegen, jede hing ihren Gedanken nach.
Da wurde plötzlich die Tür geöffnet. Gertrud schrak zusammen und blickte auf. Ihr Vater stand im Türrahmen. Seine große Gestalt schien die ganze Öffnung auszufüllen. Er hielt einen Brief in der Hand. „Paul hat geschrieben“, sagte er mit ruhiger Stimme.
„Oh, Vater, wie schön!“ Gertrud ließ den Strumpf fallen, den sie gerade stopfte, und wollte vor Freude aufspringen, doch ein Blick in das ernste Gesicht des Vaters hielt sie zurück. „Was ist?“ Ängstlich sah sie ihn an.
„Paul ist schwer verwundet, aber es geht ihm schon besser“, sagte Oertel mit belegter Stimme. Dann las er vor: „Lieber Vater, liebe Gertrud! Ihr habt lange nichts von mir gehört. Aber ich konnte nicht schreiben, denn ich bin schwer verwundet. Ich habe einen Lungendurchschuss. Doch inzwischen geht es mir besser, und ich hoffe, dass ich in ungefähr zwei Wochen aus dem Lazarett entlassen werde. Wie freue ich mich auf zu Hause!“
Oertel ließ den Brief sinken. Sein Gesicht hatte jetzt einen ungewohnt weichen Ausdruck. Gertrud schien es, als sei alle Strenge daraus verschwunden. Sie selbst hatte Tränen in den Augen, Tränen der Freude, des Mitleids und der Sorge. „Paul kommt nach Hause, dem Himmel sei Dank!“ rief sie aus. „Er wird wieder gesund werden, Vater. Die Hauptsache ist doch, dass er lebt.“
Sie stand auf und ging zu ihm hin. Oertel nahm ihre Hand und drückte sie fest, dann drehte er sich um und ging wortlos aus dem Zimmer.
Zwei Wochen später stand Gertrud voller Erwartung mit ihrem Vater auf dem Bahnsteig, um ihren Bruder vom Zug abzuholen. Überall drängten sich Menschen. „Wo kommen all diese Leute her?“ Sie blickte sich überrascht um. „Es kann doch nicht sein, dass alle ihre verwundeten Angehörigen abholen wollen.“
„Wahrscheinlich kommen auch Frontsoldaten, die Heimaturlaub haben, mit diesem Zug“, meinte Oertel.
Als die Lokomotive schnaufend in den Bahnhof einfuhr und schließlich hielt, kam Bewegung in die Menge. Gertrud wurde von einer dicken Frau beiseite geschubst, die rufend und winkend versuchte, einem Soldaten entgegenzulaufen, der gerade auf Krücken aus einem Waggon herauskam. Einige junge Männer in Uniform winkten lachend, sprangen rasch auf den Bahnsteig, bahnten sich einen Weg durch das Gedränge zu einer Gruppe wartender Frauen und begrüßten sie stürmisch.
Ein großer, schlanker, leicht gebeugt gehender junger Mann kam mit schleppenden Schritten auf Oertel und Gertrud zu. Das ist doch nicht Paul, ging es ihr durch den Kopf, das kann er nicht sein. Als er dann vor ihnen stand, war er Gertrud so fremd, dass sie fast Scheu vor ihm empfand. War er größer geworden? Oder kam es, weil er so abgemagert war? Der Uniformmantel schien ihm gar nicht zu passen. Und wie blass und schmal er geworden war! Das war nicht mehr das vertraute Gesicht, das sie von früher her kannte. Seine Gesichtszüge waren viel schärfer geworden, die Nase und die Wangenknochen traten hervor, und von der Nasenwurzel abwärts bis zu den Mundwinkeln zogen sich Linien, die vorher nicht dagewesen waren. Alles Weiche, alles Kindliche der Vergangenheit war aus diesem Gesicht verschwunden. Es zeigte einen bitteren Ausdruck, der zu seiner Jugend nicht recht passen wollte. Zögernd, fast ein wenig schüchtern, reichte Gertrud Paul die Hand. Es gelang ihr nicht, ihn spontan zu umarmen, wie sie es eigentlich gewollt hatte, wie sie es auch früher bei manchen Gelegenheiten getan hatte. Da war etwas Trennendes, wie eine Mauer, das sie hinderte, ihm nahe zu kommen. „Willkommen zu Hause, Paul“, sagte sie leise. Ihre Stimme bebte. In ihren Augen lag ein Ausdruck von Betroffenheit, aber auch von Wärme.
Oertel legte seinem Sohn einen Arm um die Schultern und drückte ihn leicht an sich. „Gut, dass wir dich jetzt ein Weilchen zu Hause haben. Du musst dich nun erst einmal erholen.“
Auf dem Heimweg sprachen die drei kaum. Gertrud versuchte ein paar Mal, eine Unterhaltung mit Paul anzufangen. „Schön, dass du wieder da bist“, sagte sie, und „Wie geht es dir?“ Aber Paul schien sie nicht zu hören. Verlegen sah sie zu Boden. Auf einmal kamen ihr ihre Worte unaufrichtig und belanglos vor.
Paul war in den nächsten Tagen sehr still und in sich gekehrt. Es war so, als sei er noch nicht richtig nach Hause gekommen. Von der Front erzählte er gar nichts. Als der Vater ihn nach seiner Verwundung fragte, gab er nur eine knappe Auskunft.
Emmy schienen die Veränderungen in Pauls Wesen am wenigsten aufzufallen. Oder sie ließ sich nichts anmerken. „Schmal sind Sie geworden, Herr Paul“, stellte sie in ihrer mütterlich-resoluten Art lächelnd fest. Dann sah sie ihn aufmunternd an und legte wie bekräftigend ihre Hand auf seinen Arm: „Das kriegen wir schon wieder hin. Wir werden Sie richtig aufpäppeln.“
Ein dankbares Lächeln glitt über Pauls Gesicht.
Was war das für ein Schrei? Gertrud fuhr aus tiefstem Schlaf hoch. Da hat doch jemand geschrien, oder habe ich geträumt? Verstört rieb sie sich die Augen und horchte angespannt. Da, da ist es wieder! Ein Schrei, als sei jemand in Todesnot! Und dann dieses Stöhnen, so qualvoll … dieses Wimmern … Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Es klingt, als sei alles Leid der Welt in diesen schmerzerfüllten Lauten eingefangen und suche verzweifelt nach einem Ausweg. Das kommt ja aus Pauls Zimmer! Einen Herzschlag lang war sie starr vor Schreck. Dann fasste sie sich und zog entschlossen den Morgenrock über. Was war los? Sie musste zu ihm.
Paul warf sich unruhig im Bett hin und her. Er war schweißüberströmt, die Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, seine Augen waren halb geöffnet. Gertrud wusste nicht, ob er wach war oder schlief. Voller Angst betrachtete sie ihn. Er muss etwas Furchtbares träumen. Immer wieder dieses klägliche Wimmern und Stöhnen … Jetzt sagt er etwas … aber ich kann ihn kaum verstehen … Seine Stimme ist so verändert. Sie versuchte, genau hinzuhören, und konnte schließlich einige Wortfetzen aufschnappen. „Dieser ewige Regen … Mir ist so kalt … alles nass … und der Schlamm … Ich kann mich nicht bewegen …“ Es war wie ein Klagen, das immer erregter wurde. „Läuse … überall … am ganzen Körper … jetzt auch noch Ratten … weg … weg …“ Er schlug wie wild mit den Händen um sich.
Gertrud wollte zu ihm gehen, seine Hände festhalten, ihn in den Arm nehmen, aber sie stand da wie gelähmt. Sie konnte sich nicht von der Stelle rühren. Dann schien ihr, als würde Paul sich beruhigen. Aber plötzlich wurde seine Stimme wieder lauter, die Erregung nahm zu. „Meine Augen … tun so weh … blenden so … diese Leuchtkugeln …“ Er schlug die Hände vor das Gesicht. „Dieses Heulen … dieses grauenhafte Pfeifen … da, eine Explosion … nicht hier … bitte, nicht hier … Ich will nicht sterben …“ Seine Worte gingen unter in einem markerschütternden Schrei. Dieser Schrei riss Gertrud aus ihrer Erstarrung. Sie spürte, wie ihre Kräfte zurückkehrten, ging zum Bett ihres Bruders und rüttelte ihn, so fest sie konnte.
„Wach auf, Paul, wach auf! Du hast einen Albtraum!“, rief sie verzweifelt. Mit einem Ruck fuhr Paul in die Höhe, saß kerzengerade, seine weit aufgerissenen Augen starrten mit leerem Blick ins Zimmer. Er sah Gertrud nicht, schien noch nicht wach zu sein. „Blut … überall Blut …“ Er sprach mit ersterbender Stimme. „… und die vielen Toten … überall Tote … diese Schmerzen …“ Dann war es nur noch ein hilfloses Schluchzen, das Gertrud Tränen in die Augen trieb. Sie rüttelte ihren Bruder wieder mit verzweifelter Heftigkeit. „Wach auf, wach doch endlich auf, Paul! Quäl dich doch nicht so!“
Paul schien nun endlich wach zu sein. Er blickte seine Schwester an, und sie sah in seinen Augen, in seinem ganzen Gesicht das Entsetzen gespiegelt, das furchtbare Grauen, das er erlebt haben musste. Still nahm sie seine Hand und lehnte seinen Kopf an ihre Schulter. So saßen die Geschwister eine Weile beieinander, keines sagte ein Wort. Paul lehnte sich erschöpft an Gertrud, und sie strich von Zeit zu Zeit über sein wirres Haar, so wie man ein Kind beruhigt, das schlecht geträumt hat. Es war eine fast scheue Berührung, eine liebevolle, aber hilflose Geste. Schließlich schob Paul seine Schwester sanft von sich.
„Geh wieder schlafen, Gertrud. Es tut mir leid, dass ich dich geweckt habe.“
Das ist seine normale Stimme, dachte sie erleichtert. In all ihrer Betroffenheit hatte dieser Gedanke etwas Tröstliches.
„Paul …“, sagte sie leise, fasste seinen Arm und sah ihm forschend ins Gesicht. Aber er schüttelte den Kopf, legte sich zurück in seine Kissen und drehte sich auf die Seite, ihr den Rücken zuwendend. Sie verstand. Er wollte nicht darüber reden, er konnte nicht darüber reden. Die Schrecken, die er erlebt hatte, saßen zu tief. Wie böse Geister hatten sie sich in seiner Seele festgekrallt. Mit eisernem Griff hielten sie ihn umklammert, und er kämpfte mit aller Kraft, dass sie ihn nicht ganz zerstörten. Wenn es an der Zeit ist, wird er darüber reden, dachte Gertrud. Er muss darüber reden, sonst zerbricht er daran. Aber jetzt ist es noch zu früh. Leise ging sie aus dem Zimmer.