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Leseprobe: Spanische Dörfer – Wege zur Freiheit

Spanische Dörfer

Wenn Enrique den Drang nach Luft und Sonne verspürte, blieb ihm nur die Wahl zwischen dem Englischen Garten und dem Isarufer. Heute entschied er sich für den Englischen Garten. Der war nahe und er konnte noch im All Together vorbeigehen, bevor seine Schicht in der Tapasbar begann. Enrique nahm seinen Rucksack, der immer bereitstand für diese kleinen Ausflüge ins Freie. Eine Decke, ein Buch und ganz wichtig: Schreibzeug und Notizblock. Mehr brauchte er nicht. Wenn die Sehnsucht oder der Zorn über die bestehenden Verhältnisse zu groß wurden, dann half es Enrique, dies alles in Worte zu fassen und in seinem Notizbuch abzulegen. Dann war er fürs Erste die Gedanken los, die ihn so sehr umtrieben und ihm die Ruhe nahmen.
Aber heute kam Enrique weder zum Schreiben noch zum Lesen. Gerade als er seine Decke an einem sonnigen Platz ausbreiten wollte, sah er zwei berittene Polizisten sich einer schwarzen Frau nähern, die nicht weit von ihm auf einer Strohmatte an einen Baum gelehnt saß und in einem Buch las.
Materialien für den Deutschunterricht im Leistungskurs, konnte Enrique noch lesen, dann waren die Reiter da. Sie musste Lehrerin sein, dachte Enrique, und zugleich tauchte vor ihm eine Frau mit Rucksack auf, die sich das Wasser aus den Kleidern schüttelte. Woher kam sie denn so plötzlich? Außer dass beide Frauen schwarz waren, gab es keine Verbindung. Die eine, vermutlich aus Afrika geflohen und fremd in Spanien, wo er ihr begegnet war. Die andere zu Hause hier in Deutschland, wo er, Enrique, der Fremde war. Da fiel es ihm wieder ein: Die Verbindung waren die Polizisten, die eine Bedrohung für die Frau darstellten. Diese Bedrohung spürte er auch jetzt wieder. Lauf! Los, lauf!, hatte er der Frau in Spanien zugerufen. Hier in München im Englischen Garten war Weglaufen wohl nicht angebracht und für eine einheimische Deutschlehrerin vermutlich auch nicht nötig.
Aber die Augen würde er aufhalten und sich notfalls einmischen. Oft schon hatte Enrique gehört, dass deutsche Polizisten Menschen aus dem einzigen Grund kontrollierten, weil diese nicht weiß waren. Und genau das schien hier der Fall zu sein.
Die Pferde standen unruhig vor der Frau, die noch immer mit dem Rücken an den uralten und riesigen Baum gelehnt saß und nun keine Möglichkeit mehr hatte, sich zu entfernen. „Personenkontrolle“, hörte Enrique den einen der beiden Polizisten unfreundlich vom Pferd rufen. „Your passport“, forderte der andere nicht minder unfreundlich. „Do you understand me?“
Enrique näherte sich langsam der kleinen Gruppe. Ungerührt las die Frau weiter in ihrem Buch, hielt es etwas unnatürlich hoch, wohl um ihnen zu ermöglichen, den Titel zu lesen. Sie gab ihnen noch eine Chance, ihren Irrtum zu erkennen. „Die versteht kein Englisch, die kommt geradewegs aus dem Busch“, meinte der Erste.
„Können Sie nicht lesen?“ Enrique war um den Baum herumgegangen und stand nun neben der Frau. Hinter den Pferden war ihm doch etwas unheimlich gewesen.
„Was willst du denn?“, fragte der Polizist im wahrsten Sinne des Wortes von oben herab.
„Seit wann duzen wir uns?“, konterte Enrique. „Ich möchte fragen, warum Sie eine Frau kontrollieren, die ganz ruhig und friedlich an einem Baum sitzt und ihre nächste Unterrichtseinheit für den Deutsch-Leistungskurs vorbereitet.“ Er machte eine künstlerische Pause, um den Deutsch-Leistungskurs ankommen zu lassen. Dann fuhr er fort: „Könnte das damit zusammenhängen, dass die kontrollierte Person schwarz ist? Racial Profiling ist verboten. Wissen Sie das nicht?“
Enrique staunte selbst über seinen Mut. Oder war es eher unüberlegter Leichtsinn? Egal, es war sowieso zu spät und er war auf jeden Fall froh, dass es raus war. Dass er nicht einfach nur still zugesehen hatte.
„Himmihergottsakra, wos geht’s di o?“, polterte der Polizist, der zuvor Englisch gesprochen hatte, nun auf Bayrisch los, während der andere in sein Funkgerät sprach.
Die Frau war in der Zwischenzeit aufgestanden. Sie lachte Enrique an. „Danke, dass du dich eingemischt hast. Das kommt wesentlich seltener vor, dass sich jemand hinter mich stellt, als dass ich kontrolliert werde. Mein Perso ist schon ganz abgenutzt.“
In der Ferne tönte die Polizeisirene. Sie schien näherzukommen. „Was bist du denn für einer, was mischst du dich ein?“, schimpfte nun der Reiter mit dem Funkgerät auf Enrique herab. Die Pferde scharrten ungeduldig in der Erde, hatten wohl keine Lust mehr, einfach nur herumzustehen. Aber sie waren nun mal im Dienst. Da half alles Scharren nichts.
„Du bist doch selbst nicht von hier“, fuhr der Beamte fort. „Zeig mal deine Papiere.“
„Ich komm schon klar“, sagte die Frau leise zu Enrique. „Geh’ jetzt lieber. Und noch mal danke!“ Aber noch bevor Enrique den Rat befolgen konnte, raste ein Streifenwagen auf die kleine Gruppe unter dem Baum zu. Er bremste knapp hinter den Pferden, die sich erschreckten und nur mit Mühe zu halten waren. Zwei Beamte in Zivil sprangen aus dem Fahrzeug und bevor Enrique wusste, wie ihm geschah, lehnte er mit ausgebreiteten Armen am Auto, seine Nase berührte fast das Fenster, und jemand trat ihm von hinten die Beine auseinander.
„Papiere! Passport!“, forderte eine Stimme hinter ihm. Enrique konnte sich nicht bewegen, wie sollte er seinen Ausweis aus der Tasche holen? Er spürte, wie sie begannen, ihn von oben bis unten abzutasten. Dann wurde er umgedreht, einer drückte ihn rücklings gegen das Fahrzeug, der andere taste routinemäßig seinen Körper ab. Er zog den Ausweis aus der Innentasche von Enriques Jacke und reichte die Karte einem der Reiter. Dann fuhr er fort, seine Aufgabe gewissenhaft auszuführen. Als er mit dem Oberkörper fertig war, alle Taschen ausgeleert und in die Ärmel gefasst hatte, machte er sich am Hosenbund zu schaffen. Aber auch der schien nichts Brauchbares herzugeben, enthielt keinen Stoff, war einfach nur ein Hosenbund. Seine Hände setzten ihren Weg nach unten fort. Als er Enrique zwischen die Beine griff, erstarrte er. Er griff noch mal zu und sagte dann viel zu laut: „Da fehlt doch was?!“

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Leseprobe: Ich bin ich – Mein transsexuelles Leben

Ich bin ich

Mein Engagement in Bregenz lief weiter wie gehabt, aber irgendetwas war anders geworden mit mir, mir war nur noch nicht klar, was eigentlich.
Männliche Tänzer tragen immer ein sogenanntes Suspensorium als Schutz für die Genitalien, aber wohl auch deshalb, dass nicht jeder gleich sieht, was der Mann in der Hose hat. Während des Aufwärmens an der Stange sah ich mich jetzt anders an als zuvor. Mein Blick fiel sehr oft auf das Suspensorium, was undefinierbare Gefühle in mit auslöste. Aber egal, ich war Profi und es musste weitergehen, in vier Wochen sollte die Premiere sein. Doch meine Ruhe war dahin, ich konnte mich nicht mehr richtig konzentrieren, das fiel auch anderen auf und es gab Ärger. „Pour qui est-ce que tu te prends?“ (Für wen hältst du dich?), schrie meine Choreografin, wenn es wieder mal nicht so klappte, wie gewohnt.
Jeden Tag wurde es schlimmer, ich konnte mich nicht mehr aufs Tanzen konzentrieren, immer sah ich nur meine Familienplanung im Spiegel und ich fand sie furchtbar. Zu Hause sprach ich mit meinem Schatz, erzählte ihm, dass ich nicht mehr klar kam, dass es schon einige Verweise gegeben hatte, weil ich so unkonzentriert arbeitete.
Langsam, als ich diese engen Strumpfhosen immer mehr zum Kotzen fand, wurde mir auch klar, dass ich etwas ändern musste.
Ich machte einen Termin mit meiner Lehrerin, einer sehr strengen russischen Primaballerin. Sie war 64 Jahre alt und ich hatte Angst. Als ich ihr Zimmer betrat, hatte ich den Eindruck, sie würde gleich explodieren. Bevor meine Angst mich verstummen ließ, sprudelte ich einfach so heraus: „Ich kann nicht mehr als Mann tanzen.“
„Comment? Was meinst Du?“
„Ich kann nicht mehr als Mann tanzen, ich möchte als Ballerina auf die Bühne.“ Ich konnte ihr nicht sagen, warum. Minutenlang herrschte Totenstille im Zimmer.
„Il faut que tu partes, raus!“, schrie sie und zeigte auf die Tür. Irgendwie fühlte ich mich befreit, erleichtert.
„Warte!“, tönte es da hinter mir, als ich eben den Raum verlassen wollte. „Wie stellst du dir das vor? Du bist einer meiner besten Tänzer und als Ballerina bist du mit 184 cm doch viel zu groß. Wer soll mit dir tanzen? Es gibt keinen Tänzer, der 204 cm groß ist. Punkt und fini!“
Fini! Ende! Als ich das Theater verließ, wusste ich, das war es jetzt gewesen. Aber mir ging es gut, jeder andere wäre vermutlich am Boden zerstört gewesen, das Ende einer großen Karriere. Für mich war es die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe. Das weiß ich heute mit absoluter Sicherheit.