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Leseprobe: Freundschaftspiel

Freundschaftspiel

Die Geschichte, der Hendrix Witzl später den Titel Freundschaftspiel gab, hatte für Marie vier Stunden früher begonnen; mit einem Bimmeln der Ladentür nämlich. Hendrix erzählte sie seinem Großvater, als wäre sie seine eigene. Nach zögerlichem Beginn steigerte er sich in eine ihm selbst unbekannte Fabulierleidenschaft hinein.
Es war früher Samstagnachmittag, die Sonne brannte vom wolkenlosen Himmel herab; in der Fußgängerzone von Nastetten herrschte bereits kein Betrieb mehr und Marie freute sich schon darauf, bald den elterlichen Laden abschließen zu können.
Ihre Eltern führten eine kleine Buchhandlung, die seit der Eröffnung des Großfilialisten World of Books gleich schräg gegenüber kaum mehr etwas einbrachte; dementsprechend schlecht war auch die familiäre Stimmung, denn über kurz oder lang würde man die Buchhandlung aufgeben müssen. Maries Mutter, die sich bereits vorsorglich um eine neue Stelle kümmerte, verbrachte die Wochenenden auf EDV-Fortbildungsseminaren in der Nähe von Braunschweig; im November würde sie eine Prüfung ablegen, um dann eine Festanstellung bei Peek & Cloppenburg zu bekommen – in der Datenverarbeitung freilich, nicht im Verkauf. So jedenfalls lautete die Version für Marie und ihren Vater.
Der vertraute seiner Tochter jeden zweiten Samstag ab 13 Uhr den Laden an, da es in der letzten Stunde erfahrungsgemäß nicht mehr viel zu tun gab. Auf diese Weise konnte er sich von seinen Existenzsorgen wenigstens einen Nachmittag lang ablenken und seine geliebten Hannoveraner ansehen, wenn sie ein Heimspiel hatten. An diesem Samstag empfing Hannover 96 die Bayern aus München, es war ein Freundschaftsspiel zur Vorbereitung auf die neue Bundesligasaison. Selbst solche Details erwähnte Hendrix, obwohl er spürte, dass Dieter allmählich ungeduldig wurde.
„Marie saß hinter der Kasse und las die Witze im BuchReport, als die Schaufensterscheiben zu vibrieren begannen; direkt vor der Buchhandlung, also in der Fußgängerzone, hatte ein Kleinbus des Seniorenstifts Sankt Kunibert gehalten. Aus der Fahrerseite sprang ein junger Mann. Der Kleidung nach zu urteilen handelte es sich um einen Zivildienstleistenden. Ohne zuvor den Motor abgestellt zu haben, eilte er um das Auto herum zur Beifahrerseite, hievte einen Rollstuhl aus dem Laderaum und postierte ihn in geeigneter Weise so neben dem Kleinbus, dass er die alte Dame nur noch vom Beifahrersitz zu heben brauchte und hineingleiten lassen konnte.
Marie hatte die Szene eher beiläufig beobachtet, doch als nun die Ladenbimmel ertönte und der junge Mann den Rollstuhl samt Dame hereinschob, erhob sie sich vom Kassentresen und schritt auf die Kundschaft zu.
„Das muss sie sein. Was für ein Glück!“, erklärte die Dame ihrem Begleiter. „Den Rest mache ich schon! Kannst in Ruhe nach deiner Katze sehen. In einer halben Stunde erwarte ich dich hier wieder zurück!“
Sekunden später entfernte sich der Kleinbus, abermals vibrierten die Scheiben.
„Wann ist hier Ladenschluss?“, fragte die Dame mit leicht näselnder Stimme. Sie machte einen eleganten Eindruck in ihrem grauen Kleid.
„Genau genommen in drei Minuten“, antwortete Marie. „Aber es kommt nicht so darauf an. Was darf ich denn für Sie tun?“, fügte sie schnell hinzu, denn ihr Vater hatte sie beschworen, jeden Kunden wie ein rohes Ei zu behandeln.
„Wenn du mir zunächst vielleicht ein Glas Wasser bringen könntest …, ich verdurste nämlich und außerdem muss ich meine Pille schlucken.“
Marie war bereits auf dem Weg zur Kochnische, als die Dame ihr hinterherrief: „Am besten, du schließt jetzt schon mal ab. Ich möchte nämlich nicht gestört werden!“
„Als ich mit dem Wasser kam, bat mich die Dame, sie in die Kinderbuchecke zu schieben. Damit uns niemand durch die Fensterscheibe beobachten konnte. Ein bisschen unheimlich war mir das Ganze schon, kannste dir ja sicher denken. Aber so richtig gefährlich kam mir die Alte auch nicht vor, denn sie saß ja im Rollstuhl. Ich tat ihr also den Gefallen. Jetzt sollte ich mir einen Stuhl holen und mich ihr gegenüber setzen. Was will die nur, habe ich mich gefragt.“
„Du erzählst, als wärest du selbst dabei gewesen!“, sagte Dieter Lange.
„Wolltest du doch, oder nicht?“, gab Hendrix zurück.
„Also: Was wollte sie?“, versuchte Dieter Lange die Ausführungen seines Enkels zu forcieren.
„Du wirst mir vielleicht nicht glauben, aber pass auf: Sie erzählte Marie, dass sie an MS leide und schon seit sieben Jahren im Rollstuhl sitzt. Und dass ihre beiden Söhne in München leben und sie, seitdem sie im Sankt-Kunibert wohnt, noch nie besucht haben. Ihr früherer Ehemann schon gar nicht; der hat sie verstoßen, als sie noch gesund war. Mittlerweile ist er tot.“
Hendrix hatte bis zu dieser Stelle noch nicht Feuer gefangen. Nun folgte jedoch ein Detail, das ihn aufmerken ließ und das er dem Großvater mit gesteigerter Lautstärke präsentierte, weil er gegen einen ganz in der Nähe aufheulenden Moped-Motor ankämpfen musste, wie auch in Filmen die Hintergrundmusik oft lauter wird, wenn es zu einer entscheidenden Stelle kommt.
„Zwanzig Millionen hat der ihr angeblich hinterlassen. Muss man sich einmal vorstellen! Zwanzig Millionen. Aber sie hat nichts davon gekriegt. Nicht einen Cent. Ihre Söhne bezahlen das Altersheim und ein Taschengeld, sonst nichts. Weil sie irgendwann mal, als es ihr schon sehr schlecht ging, einen Vertrag unterschrieben hat, den sie gar nicht kapierte. Der sie voll über den Tisch zog. Du musst dir das mal vorstellen, zwanzig Millionen …“
„Aber dagegen kann man doch gerichtlich vorgehen!“, sagte der Großvater.
„Weiß ich nicht. Hat sie vielleicht ja auch versucht. Vielleicht war sie dazu schon zu schwach und zu krank, oder vielleicht hatte sie niemanden, der sie dabei unterstützte. Soll ich jetzt also weitererzählen oder nicht?“ Hendrix’ Stimme klang aufgebracht.
„Sicher, sicher!“ Der Großvater stopfte seine Pfeife. „Bin gespannt, worauf das jetzt überhaupt hinausläuft!“
Das Motorengeräusch erstarb urplötzlich, die friedliche Abendstimmung war wiederhergestellt. Vom „Goldener Hirsch“ wehte La Paloma herauf, aber leise genug, um nicht das Muhen der Milchbauerkühe zuzudecken.
Hendrix fuhr fort mit seinem Bericht.
„Auch Marie hatte sich die ganze Zeit gefragt, warum die Dame ihr das alles erzählte. Nun erfuhr sie es und sofort war sie von der Sache gefesselt, was sie durch die Art und Weise, in der sie mir davon erzählte, deutlich machte. Du hättest sehen müssen, wie sie dabei geguckt hat!“ Hendrix’ Wangen glühten jetzt regelrecht.
„Einen Menschen gibt es, den die alte Dame seit ihrer Jugend liebt. Den sie auch geheiratet hätte, wäre die Ehe nicht für ihn eine kleinbürgerlich-spießige Institution gewesen, die er verachtete. Und jetzt rate mal, von wem ich rede!“

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Leseprobe: fabian. in memoriam. eine erzählung über selbstverletzendes verhalten

Fabian in memoriam

Wieder einer dieser Tage. Fabian legte den Brief, den er in der Schule bekommen hatte, auf den Esstisch. Seine Eltern würden ihn dort finden, wenn sie nach Hause kamen. Er wusste, was dann passieren würde. Er wusste es. Es war immer das Gleiche.
Langsam, mutlos und niedergeschlagen ging er nach oben in sein Zimmer. Es war nicht sonderlich groß. Sein altes, größeres Zimmer hatte er seiner jüngeren Schwester überlassen müssen, als sie sich dies zum Geburtstag gewünscht hatte. Sie hatte sich vor ihre Eltern gestellt, einen unschuldigen Blick aufgelegt und zwei- oder dreimal die Wimpern bewegt. Wimper klimper. Ganz plötzlich. Ohne Vorwarnung. Sie hatte Fabian an einen kleinen Hund erinnert, an einen Köter, der um Fressen bettelte und dabei winselte. Wie der von der alten Dame aus der Nachbarschaft. Dieser kleine, verdammte Kläffer. Fabian mochte keine Hunde.
Trotzdem hatte er alle seine Sachen in dem kleinen Zimmer, das eher einem Verschlag ähnelte, unterbringen können: den alten Schreibtisch, bei dem eine der beiden Schubladen kaputt war, das Bett, dessen Matratze völlig durchgelegen war, den alten Kleiderschrank, den bereits seine Großmutter benutzt hatte, und das große Bücherregal, auf dem nicht einmal genug Platz für seine Bücher war.
Und wie so oft, wenn er nach Hause kam, ging er auch heute wieder zum Regal und schaute sich die zahlreichen Buchtitel an, die ihn mit farblich unterschiedlich bedruckten Buchrücken ansahen. Viele Bücher standen hier, die er sich aus eigenem Interesse gekauft hatte. Einige hatte er auch von der Schule zu lesen bekommen. Aber das war der kleinere Part. Er hasste es, zum Lesen gezwungen zu werden. Wer sagte denn, dass er nicht auch ohne Zwang irgendwann zu einem dieser Bücher gegriffen hätte, die durch die didaktisch ausgeklügelten Lehrpläne als verbindliche Unterrichtsinhalte angesehen wurden? Wer sagte, dass er sich nicht auch so dafür interessiert hätte? Und wer wagte es, ihm vorzuschreiben, für was er sich zu interessieren hatte? Schulische Entmündigung war ihm zuwider. Leider blieb ihm als Schüler nichts anderes übrig, als damit zu leben.
Trotzdem hatte er alle Bücher, die er besaß, bereits mehrfach gelesen. Selbst solche, die ihm nicht so gefielen. Und selbst die, zu denen er gezwungen worden war. Das lag daran, dass es ihm schwerfiel, dies nicht zu tun. Es war für ihn wie ein innerer Drang, immer wieder das Papier zu fühlen und die Worte zu lesen, sich fallen zu lassen und in einer Vorstellung zu treiben, die ihm so notwendig erschien. Er war diesen Büchern ausgeliefert, wie ein Lebewesen, das einen Wirt brauchte, um zu leben, das zum Tode verurteilt war, wenn es keinen Wirt besäße. Und dafür war er ihnen dankbar, einfach unendlich dankbar.
Er strich fast zärtlich über die Einbände, fühlte das geknickte, benutzte Papier und glitt mit den Fingern beschwörend über die Bücher. Eines nach dem anderen erfühlte er und die Geschichte eines jeden kam ihm in den Sinn. Es war so, als könne er die Bücher allein durch die Berührung erneut lesen. Und mit den Geschichten kamen auch seine Gefühle wieder, geschichtenspezifische Gefühle, die so wechselhaft waren, dass er nicht einmal die Zeit fand, über jedes Gefühl nachzudenken und es auszudrücken. Es war nicht wirklich ein Gefühl, es war eher der Hauch eines Gefühls, eine Ahnung, eine Idee, die einen kurz erfreute oder schmerzte, kurz traurig stimmte oder auflachen ließ, etwas, was man kaum zu greifen vermochte, bevor es, vom Sand der Zeit erfasst, bereits wieder vergehen musste.
Fabian hielt bei seinem Lieblingsbuch inne und liebkoste es wie einen Schatz, den es vor unzähligen Gefahren zu hüten und zu beschützen galt. Er ertastete jede Unebenheit des Umschlags, spürte Knicke, spürte den Falz, besah sich das geschundene Material und lächelte wehmütig. Ein Zeugnis des hochfrequenten Gebrauchs dieses Buches.
Sein Vater hatte ihm bereits vor Jahren geraten, die Bücher wegzuschmeißen. Es würde nicht passen, dass ein Junge in seinem Alter so viel lesen würde. Nein, eigentlich würden Jungen generell nicht lesen. Das würden nur Mädchen tun. Und um die sollte er sich doch endlich einmal kümmern! Oder sei er etwa schwul? Wie auch immer: Er solle das verdammte Lesen sein lassen, sonst würde er die Bücher selbst irgendwann einfach wegschmeißen! Immerhin sei er sein Sohn und als sein Sohn solle er gefälligst tun, was man ihm sage! Zu seiner Zeit, damals, da hätte es das nicht gegeben! Er hätte mit seinen Klassenkameraden die Bücher, die sie in der Schule hatten lesen müssen, verbrannt, kurz nachdem sie ihren Abschluss in der Tasche gehabt hatten! Sie hätten das Papier zum Anzünden des Grills benutzt und ein gutes Stück Fleisch darauf gebraten. Immerhin hätte man ja das Ende der Schulzeit feiern wollen! Da sei das Buch wenigstens zu etwas nützlich gewesen!
Fabian seufzte. Zu oft musste er an diese Worte denken. Und jedes Mal fühlte er sich schlecht dabei, denn das war falsch. Die Worte beschämten und schmerzten ihn. Sie erinnerten ihn an vergangene, historische Gegebenheiten, die so nie wieder geschehen durften! Erst recht nicht in einem verdammten Grill auf dem Schulhof!
Fabian stellte das Buch wieder dorthin, von wo er es hervorgeholt hatte und griff in das oberste Fach des Holzregals, das sich unter der Last bedrohlich nach unten bog. Er schob einige Bücher hin und her und ertastete schließlich das, was er gesucht hatte. Schnell zog er es heraus. Er hatte ein Buch in der Hand, das in schwarzes Leder eingebunden war. Es sah stark abgegriffen aus. Der Einband hatte Risse, Unebenheiten, Schmutzflecken, und es wirkte fast so, als hätte die starke Benutzung des Buches den Titel, der auf dem Einband gestanden haben musste, einfach getilgt. Doch Fabian wusste, dass dieses Buch noch nie einen Titel geführt hatte. Es gab keinen. Vielleicht würde er ihm irgendwann einen geben, doch noch war nicht die Zeit dazu. Noch war es nicht beendet, ein unbeendetes Werk, ein Fragment, das keinen Titel verdiente.
Er ging zu seinem Schreibtisch, betätigte die kleine Lampe, die nur ungenügend Licht spendete und schlug das Buch auf. Die ersten Seiten waren leer, unbedruckt und unbeschrieben. Fabian hatte sie freigelassen, da in gedruckten Büchern auf diesen Seiten der Autor stand, der Titel, der Verlag, der es gedruckt hatte, eine Jahreszahl, einige Hinweise zum Copyright. Das alles gab es bei diesem Buch nicht. Und erst nach einigem, zielstrebigem Blättern fand er die erste beschriebene Seite. Wie immer, wenn er dieses Buch anschaute, so war er auch dieses Mal wieder erstaunt darüber, dass seine Schrift bei jedem Eintrag anders aussah. Nicht, dass man sie nicht hätte erkennen können. Ein Paläograf hätte sofort erkannt, dass Fabian derjenige war, der in dieses Buch geschrieben hatte. Daran bestand kein Zweifel. Die einzelnen Buchstaben schrieb er charakteristisch und selbst wenn er sich ernsthaft Mühe gegeben hätte, sie möglichst stark zu entfremden, hätte man im Notfall seine Handschrift erkennen können. Und trotzdem gab es Abweichungen zu seiner normalen Handschrift. Leicht zittrig hatte er geschrieben, teils etwas unordentlich, manches durchgestrichen, anderes ergänzt. Wenn dies seine Grundschullehrerin gesehen hätte, wäre ihr Kommentar wohl wie folgt gewesen: „Fabians Schriftbild ist unsauber und unregelmäßig. Aber er hat sich stets bemüht.“ Der letzte Satz war immer der entscheidende. Das war auch in Büchern oft so. Wer das Ende zuerst las, verdarb sich den Anfang.
Fabian blätterte weiter. Er sah Zeichnungen, die er mit rotem Kuli gemalt hatte, schwarze, unregelmäßige Textabschnitte, die einem Tagebucheintrag gleichkamen – aber ohne dieses „Liebes Tagebuch …“, das fand er doof – und Texte in Versform, Lyrisches also, das seinem kranken Hirn entsprungen war, wie er so gern sagte. Pseudoliterarische Gedanken. Als Gedicht wollte er sie nicht bezeichnen. Nein, Gedichte schrieben nur jene, die es verstanden, solche zu schreiben. Sie wussten viel über Metrik, über Reimformen, über die Wohlgeformtheit von Wörtern, über die Ästhetik der Kunst. Er hatte nur seine Gedanken niedergeschrieben, das, was ihn bewegte, was er fühlte, das, was aus seiner Hand sprudelte, ohne dass er es verhindern konnte. Er hatte ein Ventil geöffnet und den Inhalt einfach herausfließen lassen. Er hatte es schöner gefunden, Verse zu verwenden. Sie waren so schön kurz und kompakt. Er wollte es schön schreiben, so, wie sie es im Mittelalter gemacht hatten. Die Minnesänger beispielsweise. Sie hatten auch schön geschrieben, denn damals galten Texte in Versform als schön. Zudem hatte er das Gefühl, dass er das, was er normalerweise in einem sehr langen Text hätte ausführlich beschreiben müssen, in wenigen Versen unterbringen konnte. Vielleicht kam daher der Name? Gedicht – dicht, etwas verdichten. Etwas gedichten? Etwas zu einem verdichteten Ge machen? Komprimieren. Warum nicht Gekomprimiert? Oder Gekurz? Geprägnant? Nein, Gedicht hieß es. Gedicht. Ein komisches Wort. Gedicht, Gedicht, Gedicht. Es gab solch komische Wörter; sie klangen bei mehrmaligem Sagen einfach komisch. Gedicht, Gedicht, Gedicht … Napf, Napf, Napf. Futternapf … Komisch. Wer dachte sich so etwas nur aus?
Als er die erste leere Seite erreicht hatte, nahm er einen schwarzen Kuli zur Hand und schrieb.
Schon häufig hatte er über die Schule geschrieben. Darüber, wie ihn seine Mitschüler ärgerten. Darüber, wie er sich in der Schule fühlte. Und natürlich auch darüber, wie die Lehrer mit ihm umgingen.
Heute hatte er wieder einmal Ärger bekommen. Eine Lehrerin hatte ihn beschuldigt, in ihrem Unterricht nicht aufzupassen. Sie hatte ihn sogar beschuldigt, ihren Unterricht gestört zu haben. Dabei hatte er in der hintersten Ecke des Klassenzimmers gesessen und geschwiegen. Was hätte er denn auch sagen sollen? Oder zu wem? Fabian fühlte sich jedenfalls ungerecht behandelt. Egal, was in der Klasse passierte, immer war ER daran schuld. Fabian fragte sich, wie lange er das noch aushalten würde und ob er …
„Fabian!“
Eigentlich hätte er zusammenzucken müssen. Früher wäre er zusammengezuckt. Wenn der eigene Vater oder die eigene Mutter lautstark nach einem riefen, wenn sie geradezu nach einem schrien, dann zuckte man als Kind zusammen und demonstrierte so Respekt vor dem elterlichen Sprechorgan. Am besten wirkte es, wenn man einen langen Vornamen besaß. Dann wurden beim Schreien keine Abkürzungen benutzt. Niemand rief „Max!“ Nein, man rief „Maximilian!“, wenn es darauf ankam, wenn es die Situation erforderte. Eine situationsadäquate Vornamenaufzählweise. Interessant war es auch, wenn man mehrere Vornamen hatte: „Maximilian Theodor Friedrich Stephan Kurt! Komm sofort runter!“ Herrlich! Ob sich Eltern bei der Namensgabe des Kindes schon darauf einstellten, dass sie ihr Kind irgendwann anschreien mussten? Überlegten sie sich schon im Voraus, wie es wohl klang, wenn sie wütend aus der Küche oder dem Wohnzimmer traten, um in Richtung des kindlichen Zimmers lautstark nach dem Nachwuchs zu schreien? Wenn er, Fabian, ein Kind benennen müsste, dann würde er einen unglaublich langen Namen wählen, einen mit einer besonders kurzen und prägnanten Abkürzung. Einen gedichteten Namen sozusagen. Und dann würde er den Schrei üben, sodass er möglichst gemein herüberkam. Es war nämlich eine Kunst, so zu schreien, dass das Kind den sofortigen Drang verspürte, aufzuspringen und zu den Eltern zu eilen. Demütig. Unterwürfig. Sein Vater hätte es respektvoll genannt. Es musste einfach so sein, dass man das fürchtete, was folgen würde: Ärger, Hausarrest, diverse Verbote oder erzieherische Maßnahmen, deren Nutzen man für unsinnig hielt oder nicht verstand, die man aber trotz allem fürchtete. Mal ernsthaft: Was nützte es, das Kind aufs Zimmer zu schicken, wenn es einen Teller kaputt gemacht hatte? Was nützte es, Jugendlichen, die ihre Lehrer bedrohten oder verprügelten, 20 Stunden Sozialarbeit aufzudrücken, wovon sie dann doch nur 10 abhielten und die anderen 10 bezahlten? Was nützte es, dass Kinderschänder in Deutschland nur wenige Jahre Gefängnis erhielten und dann wieder auf freien Fuß gesetzt wurden, um sich das nächste Opfer auszusuchen? Wenn er Richter wäre, würde er solche Schweine kastrieren lassen! Ab mit dem Ding! Alles andere war ja anscheinend nicht effektiv. Doch er war kein Richter und er war auch kein Kind mehr. Es war lange her, dass er das letzte Mal zusammengezuckt war, als seine Eltern nach ihm geschrien hatten. Heute war er davon nur noch genervt.
Fabian klappte das Buch unvollendeter Dinge zu, verstaute es wieder oben auf dem Regal und ging nach unten. Dort erwarteten ihn bereits seine Eltern.
Sein Vater hatte die Arme verschränkt, wie er es immer tat, wenn er eine Strafe verkünden wollte, und sah verärgert zu seinem anscheinend allzu missratenen Sohn. Seine Mutter fing wie wild an zu gestikulieren, als sie ihn sah und schrie ihn an.
„Was soll das schon wieder, Fabian?! Kannst du dir nicht einmal Mühe geben mit dem, was du tust? Jetzt ist schon wieder ein Brief von der Schule bei uns gelandet! Es hat einfach keinen Sinn mehr mit dir!“
„Deine Mutter hat recht. So geht es einfach nicht weiter! Entweder, du bewegst deinen Arsch und machst gefälligst mehr für die Schule, oder du kommst ins Heim!“, brüllte sein Vater. „Ich hab die Schnauze voll, verdammt! Du bekommst Hausarrest! Und jetzt geh auf dein Zimmer, ich will dich heute nicht mehr sehen!“
Fabian folgte der strengen Geste, die nach oben zeigte, drehte mitten auf der Treppe um und ging wieder nach oben, obgleich er noch nicht einmal unten angekommen war. Er beeilte sich nicht sonderlich. Was hätte es auch gebracht? Nichts. Und es hatte auch nichts gebracht, dass er aus seinem Zimmer gekommen war, um wieder dorthin zurückgeschickt zu werden. Er wollte ohnehin nicht raus. Was sollte er denn auch draußen?
Seine Eltern blieben am Treppenabsatz stehen und schrien weiter. Doch diesmal war nicht Fabian derjenige, der ihre Worte aushalten musste. Sie schrien sich gegenseitig an, schoben sich die Schuld für diesen missratenen Sohn zu und drohten mit der Scheidung, sollte der andere nicht endlich einmal etwas richtig machen. Das taten sie häufiger. Vor einigen Jahren, als es angefangen hatte, hatte Fabian weinend in seinem Bett gelegen. Seine Eltern hatten geglaubt, er würde schlafen. Aber er hatte nicht geschlafen. Er hatte alles gehört, was seine Eltern gesagt hatten, nein, was sie geschrien hatten. Er hatte die Beleidigungen gehört, die Schimpfwörter, die sie ihm verboten hatten auszusprechen. Manchmal hatten sie auch das hauseigene Porzellan zu einem hübschen Scherbenberg verarbeitet. Dann hatte seine Mutter auch noch in mühsamer Kleinarbeit sauber machen müssen, was nicht gerade zur Entspannung der Situation beigetragen hatte. Fatal.
Er wartete auch heute wieder auf fliegende Untertassen – in den Zeitungen wären entsprechende Meldungen über interstellare Flugobjekte mal wieder angeschwollen – doch verebbte das Schreien schneller, als es die Situation eigentlich verlangt hatte. Trotzdem gab es keinen Grund, sich diesbezüglich zu wundern. Fabian wusste, was geschehen war. Das Thema war auf Fabians kleine Schwester gekommen und die Gemüter beruhigten sich verräterisch schnell. Die kleine, wundervolle Schwester. Ach ja! Fabian konnte nicht mehr verstehen, worüber die Eltern sprachen, da sie sich in Richtung des Wohnzimmers bewegten. Aber er konnte es sich gut vorstellen. Die kleine Schwester war eben ein Wunschkind.
Als Fabian in seinem Zimmer angekommen war, das manchen Frauen selbst als begehbarer Kleiderschrank oder Schuhschrank zu klein gewesen wäre, drehte er seine Musik auf, setzte sich auf sein Bett und schloss die Augen. Er wollte vergessen. Einfach vergessen. Oft fragte er sich, wie es wohl wäre, wenn man sich an nichts erinnern konnte. Er hatte Filme gesehen und Bücher gelesen, in denen Personen mit Amnesie vorgekommen waren. Sie waren häufig sehr verzweifelt gewesen und hatten mit allen Mitteln versucht herauszufinden, wer sie waren, hatten versucht, etwas über ihr Leben herauszubekommen. Woher waren sie gekommen? Wer waren ihre Eltern? Wer waren sie selbst? Hatten sie einen Partner? Kinder? Gar einen kleinen, wuscheligen Hund? Vielleicht waren sie reich und ihr Geld wartete auf dem Konto nur darauf, dass sich der Besitzer wieder daran erinnerte! Oder steckte gar ein perfider Plan dahinter? Wollte der Ex-Partner das Geld? Wollte ein Konkurrent den Posten in der Firma?
Ob er sich das alles auch fragen würde? Ob er es auch versuchen würde? Würde er diesem Leben, das er hasste, hinterherjagen, es suchen, sich nach ihm verzehren, wie ein Durstiger in der Wüste nach einem Schluck Wasser? Und was würde er tun, wenn er es gefunden hatte? Wäre er dann auch so glücklich wie die Personen im Film? Würde er jene umarmen, die er mochte? Würde er weinen? Und was würde er tun, wenn es nicht so wäre, wenn er sich nicht darüber freuen würde? Würde er bereuen, dass er danach gesucht hatte? Nach seiner eigenen Büchse der Pandora?
Er saß noch lange auf seinem Bett, lauschte der Musik und dachte nach. Die Gedanken sind frei, heißt es. Selbst die im Mittelalter waren sich da einig. Die Gedanken sind frei.
Erst als es bereits sehr spät war, ging er schlafen. Er hatte eine unruhige Nacht. Wie so oft. Lange lag er wach. Ihm war heiß unter seiner Decke und er wälzte sie von sich, nur um kurz darauf wieder nach ihr zu greifen, weil ihm kühl wurde. Er drehte sich von einer Seite zur anderen, legte sich auf den Rücken, breitete die Arme aus und sah zur Decke. Warum tat er sich das überhaupt noch an? Es hatte doch ohnehin keinen Sinn mehr. In seinen Gedanken konnte er tun, was er wollte. Die Gedanken sind frei.

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Leseprobe: Rattentalk – oder wie ich Freunde fand

Tag 10

Rattentalk – oder wie ich Freunde fand

Ratte geht stiften!
Was für ein Tag *träum*. Waren erst wieder am Strand, einfach genial! Habe 14 Steine getaucht, die waren riesengroß! Bin dann noch mit Ratte durch den Flusslauf gerannt. Auf einmal war sie weg. Ist wohl in ein Loch gefallen. Pech, wenn man so winzig ist. Am Ende waren wir beide klitschnass und voll versandet. Hat Spaß gemacht aber leider mussten wir los, hatten noch einen Tierarzttermin. Ich mag da nicht gerne hin, es riecht dort komisch. Das macht mir Angst, aber vor der Kleinen werde ich es natürlich nicht zeigen.
*

Mama und Papa waren mit uns dann beim Arzt und da hat Ratte einen Q-Tipp in den Poschi bekommen. Ach, ich liebe ihre schrillen Töne. Aber die Magdalena kann keine gute Ärztin sein; bei mir quietscht die Ratte höher – und – vor allen Dingen: LÄNGER!!!
*

Auf dem Nachhauseweg kommen wir immer an einem großen Hund vorbei; da ist die Tür immer auf und nur ein schmales Brett steht davor. Jedes Mal, wenn wir da vorbeikommen, macht er einen Mordsterror, ich dann natürlich auch.
Wir beide waren nicht angeleint und ich noch völlig verträumt vom Tauchen.14 STEINE! Riesengroße! Mein persönlicher Rekord!
Na ja, der Köter gebärdet sich wie irre. Hängt halb über dem Brett … Ratte zuckt … MEINE Chance! DISKRETER geht es echt nicht!!! Habe sofort geschaltet, mit einem Affentanz hin und gegenangekläfft. Na, zumindest hab’ ich so getan. Ich gleich zu Ratte gebrüllt: „Pinky, Pinky, LAUF! Ich kann ihn nicht aufhalten! Er wird über das Brett springen und dich schnappen!“ … Und Ratte gibt Hackengas! Hört nicht mehr auf zu laufen … WEG! Ich mir gleich die Schweißtropfen aus dem Gesicht getupft. Dumpy, das haste sehr elegant gelöst. Dann hab’ ich Mama und Papa gesehen, die genau in der Mitte standen.
Ging ja alles unheimlich schnell. Neee, die sahen gar nicht glücklich aus. Mama ist Pinky hinterher, aber mit Schlappen an den Füssen … Und es war dunkel. Mamas Stimme klang auch gar nicht gut und da ich meinen Papa NIE allein lasse, bin ich sofort zu ihm hin. Ratte ist fast nicht mehr zu sehen. Mama brüllt noch einmal ihren Namen; wir anderen beiden Hunde kläffen nicht mehr … Und sie bleibt tatsächlich stehen …
Mama ganz vorsichtig hin, um sie nicht noch mehr zu erschrecken … und Ratte stürmt auf sie zu und klettert auf ihre Schulter … wie eine Katze. Katzen mag ich ja. Ist sie vielleicht …?
*

Ich versuche über alles nachzudenken. Wenn sie jetzt zum Rudel gehört und sich mir unterordnet – kann sie mir bei der Jagd helfen. Zwei sind auch immer stärker als einer; obwohl, ich bin ja nun echt der Killer vor dem Herrn … Wenn mein kleines Rättchen keine Angst mehr hätte, könnten wir auch dem Nachbarhund eine überzwiebeln. Nicht dass ich Angst hätte, aber ich bin ja nun durch diese blöde Leishmaniose etwas geschwächt. Würde ich natürlich nie zugeben, schon gar nicht vor ihr. Das Alter, ich werde vergesslich – und dann noch die scheiß Medikamente. Wird man mit Spritzen und Schnüffeln als Junkie abgestempelt? Wegen Drogenhund und so? Muss ich auch noch nachschlagen! Gleich aufschreiben.
EINES hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt und das werde ich NIE vergessen. Diesen Sprint von meinem Rättchen … geschätzte 200m in 3 Sek. – und das mit 9 Wochen … Ich werde sie gleich einmal an meinem Huhn quietschen lassen; aber nur in meinem Beisein.

 

Rattentalk – Tag 10