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Leseprobe: Yaron

Yaron

„Da wird euer Vater aber staunen! Es geht doch nichts über einen überraschenden Besuch! Kommt rein, er sitzt an der Terrassentür und schaut den Eichhörnchen zu!“
Tatsächlich saß Johan Baum in einem Sessel neben den ausladenden Terrassenfenstern und freute sich sichtlich über das Schauspiel im Garten. Er blickte neugierig auf, als Ella von weitem schon „Papa!“ rief, doch Yaron bemerkte, dass in diesem Blick kein Erkennen lag. Mit seiner rechten Hand deutete er aus dem Fenster. Ella stellte sich beben ihn und schaute ebenfalls nach draußen. Ihr belustigter Gesichtsausdruck glich dem des Mannes, der ihr Vater war, wie ein Ei dem anderen.
„Ist das keine Überraschung, Johan?“, fragte der ältere Mann, der die beiden Kinder in den großen Wohnraum begleitet hatte. „Ella und Yaron sind gekommen.“
„Ella“, wiederholte Johan Baum mit einem Lächeln und deutete wiederum in den Garten. „Da, die …“ Er konnte sich nicht mehr erinnern, wie die kleinen, flinken Felltierchen hießen.
„Ja, die Eichhörnchen, Johan. Die unterhalten uns schon seit Tagen. Kein Kinofilm könnte interessanter sein, nicht wahr?“
Der Betreuer kam Johan Baum zu Hilfe. „Sie flitzen durch den Garten und klettern auf die höchsten Bäume. Und manchmal kann man sie springen sehen. Von einem Baum zum anderen.“
Ella hatte sich ohne Scheu auf den Schoß ihres Vaters gesetzt und er hielt sie fest mit seinem Arm umschlungen. Das kannte er so wohl noch von früher. Yaron fühlte einen Stich. Er konnte sich nicht daran erinnern, je auf dem Schoß seines Vaters oder seiner Mutter gesessen zu haben.
„Du wolltest Papa etwas vorlesen“, forderte er Ella auf. Dabei klang seine Stimme zuerst schrill und wurde dann urplötzlich so leise, dass der Betreuer ihn besorgt ansah.
„Ist dir nicht gut, mein Junge? Hier im Raum ist ziemlich trockene Luft. Ihr könnt euch gerne etwas zu trinken nehmen. Saft und Wasser stehen dort drüben auf dem Tisch.“
Yaron hatte keinen Durst, aber er ging zu dem Getränketisch und füllte drei Gläser mit einem Gemisch aus Apfelsaft und Mineralwasser. Damit kehrte er zu Ella und dem Vater zurück und gab jedem eines.
Johan Baum schenkte ihm zum Dank ein Lächeln, doch nach wie vor ließ nichts darauf schließen, dass er seinen Sohn erkannte. Dieses Lächeln hätte er jedem anderen auch geschenkt.

 

Blick ins Buch

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Leseprobe: Freundschaftspiel

Freundschaftspiel

Beim Brötchenholen hatte Dieter Lange ein wenig warten müssen, weil sich sein Vorgänger eifrig mit der Krämerin unterhielt. Zunächst interessierte ihn das Gespräch nicht, dann aber hörte er doch zu, weil der Name Hans-Rudolph Müller fiel. Es ging um eine Frau, die mit dem ollen Querulanten einst liiert gewesen sei und jetzt bei Günthers zu Gast wäre, wer immer das auch sein mochte, Günthers.
Sie sei ungeheuer scharf darauf, diesen Schriftsteller kennen zu lernen, der immer bei Bergmanns absteige. Ob die Krämerin wisse, was für ein Typ der eigentlich sei. Man lese ja in den Zeitungen nicht gerade das Beste über ihn, aber das sage ja nichts aus, weil in den Zeitungen eh der größte Mumpitz abgedruckt werde.
Die Plaudernden hatten noch nicht bemerkt, dass ihnen der Mann, über den sie sich gerade unterhielten, Dieter Lange nämlich, zuhörte; um weitere Peinlichkeiten zu vermeiden, hüstelte Dieter nun. Der Mann, dessen Rücken er bereits seit Geraumem hatte bestaunen dürfen, drehte sich um. Lange erkannte ihn sofort; es war einer der Männer, die er auf dem Friedhof angesprochen hatte.
„Oh, ich halte ja den ganzen Verkehr auf!“, schalt er sich selbst und tat einen Seitenschritt, um den Platz vor der Verkaufstheke frei zu geben.
Dieter Lange bedankte sich, und sich gleichsam an den anderen Kunden als auch die Krämerin wendend, sagte er, indem er vom einen zur anderen schaute: „Ich wollte Sie nicht unterbrechen, ich hörte nur, dass von Rudi Müller die Rede war …“
„Und von einer seiner ehemaligen Geliebten!“, fiel ihm die Krämerin ins Wort. „Ich erzählte dem Herrn gerade: als die Dame – angeblich handelt es sich sogar um eine Gräfin, gestern davon erfuhr, dass Sie hier bei uns Urlaub machen, war sie ganz aus dem Häuschen!“
„Sie wohnt nämlich ein paar Tage bei uns in Welterode, also bei meiner Frau und bei mir nämlich auch!“, komplettierte der Vorkunde Langes Wissen ums Zeitgeschehen.
„Na, na“, der Schriftsteller vollführte eine Handbewegung, als dotze er einen Basketball. „Wegen mir muss niemand aus dem Häuschen!“, scherzte er, war sich aber nicht sicher, ob das auch so verstanden wurde, wie er Hendrix später gestand.
„Doch, doch, Herr Autor! Ich bestimmt nicht, aber wenn Sie wüssten, was für einen Narren die Gräfin an Ihren Büchern gefressen hat, bräuchten Sie jetzt gar nicht so machen (er dotzte jetzt denselben Basketball)! „Sagen Sie mal, möchten Sie nicht uns, also unserem Besuch, meiner Frau und mir natürlich auch, einen Besuch zum Abendessen abstatten, damit die Gräfin Gelegenheit hat, Sie persönlich kennen zu lernen?“
Dieter Lange wählte die falsche Argumentation, um sich herauszureden; vermutlich hatte die Erwähnung der Gräfin längst seine Neugierde geweckt. „Ich möchte Ihnen keinesfalls Umstände bereiten, Herr …“
„Günthers. Friedhelm Günthers. Dann bereiten Sie uns eben keine Umstände und kommen einfach so. Unser Gast, eine alte Freundin meiner Frau, hat alle Ihre Romane gelesen, sie ist, wie man heute sagt, ein Fan von Ihnen (er sprach’s Fenn aus). Wie wäre es mit morgen Abend, 8 Uhr?“
Der Großvater wandte sich jetzt allein an die Krämerin und erstand vier Brötchen gegen abgezähltes Bargeld.
„Aber vordrängeln wollte ich mich wirklich nicht!“, beteuerte er unnötigerweise.
„Man wird doch wohl einem bedeutenden Schriftsteller noch den Vortritt lassen dürfen!“, spöttelte Günthers, der am Ladenausgang gewartet hatte. „Na, was sagen Sie zu meinem Vorschlag? Kommen Sie?“
„Ich werde es mit meinem Enkel besprechen. Ich bin nicht allein in Golgenude. Ich urlaube hier mit meinem Enkel.“
„Was heißt denn hier besprechen? Bestimmen heutzutage schon die Enkel über ihre Großväter?“, musste sich Dieter Lange anhören. Er konnte sich nicht helfen, er fand diesen Günthers unsympathisch, doch behielt er das für sich. Immerhin wollte er Hendrix nicht gleich abschrecken. Eine bessere Gelegenheit, die alte Dame zu treffen, die Hans-Rudolph Müller gekannt hatte, würden sie nicht geboten bekommen. Auch Hendrix müsste das Langes Erachtens nach interessieren, wenn er es tatsächlich ernst meinte mit seiner Schreiberei!
Gemeinsam verließen Günthers und Lange den Laden.
„Einen Freund werde ich natürlich auch dazu bitten. Ich und Max, wir sind nämlich wie Pech und Schwefel.“
„Interessant!“, sagte Lange und überlegte kurz, welchem der beiden Freunde dabei wohl die Rolle des Pechs zustand. „Wo erreiche ich Sie, wenn wir tatsächlich kommen sollten? Kann ich Sie gegebenenfalls anrufen?“
Günthers förderte aus der Innentasche seiner Jägerjoppe eine Visitenkarte zutage und hielt sie Lange hin. Der nahm sie (dem Gesicht nach) erfreut entgegen und warf einen Blick darauf.
„Rechtsanwalt?“
„Aber im Ruhestand, Herr Autor. Sind Sie nicht eigentlich allmählich auch in dem Alter, in dem man aufhören darf?“
Der Großvater vermutete einen Scherz und lachte höflich.
„Natürlich!“, gab er zurück. „Dieter Lange, Schriftsteller im Ruhestand! Köstlich! Den merke ich mir! Ich muss jetzt übrigens dort lang!“
Endlich geschah, worauf Hendrix schon lange gewartet hatte. Sein Großvater griff zur Pfeife.
„Er hat mich dann noch bis zur Haustür begleitet. Seltsamer Mensch, Hendrix! Aber interessant! Und viel wichtiger: Wir lernen deine alte Dame kennen. Diese Günthers haben ihr das Gästezimmer gerichtet, und fürs Erste wohnt sie jetzt da.“
Hendrix schluckte das gerade abgebissene Brötchenstück unzerkaut hinunter.
„Okay“, sagte er, „aber die kennen uns doch gar nicht! Wieso sind wir jetzt da eingeladen? Die können doch gar nicht wissen, dass wir etwas wissen!“
Der Großvater zündete das Feuerzeug und führte die Flamme zum Pfeifenkopf. Qualm stieg auf. Sofort roch es nach Vanille.
„Na, weil … sie … weil die alte Dame meine Bücher schätzt. So einfach ist das. Und jetzt lass uns beide bitte überlegen, was wir heute unternehmen!“
„Wolltest du dir nicht die Buchhandlung Weinert anschauen?“, erkundigte sich Hendrix. Es sollte sich eher beiläufig anhören, doch ihm war klar, dass Dieter seinen Beweggrund durchschaute. Darum grinste er jetzt.
Sein Großvater nickte. „Richtig! Ob ich das heute oder morgen mache, ist zwar wurscht, aber das Wetter lädt eh nicht gerade ins Freibad ein. Wenn es dir recht ist, würde ich gern ein, zwei Stündchen lesen, und dann nehmen wir den Bus nach Nastetten, d’accord?“
Lesen war ein gutes Stichwort. Hendrix stand auf, zog „In der Aula“ aus dem Regal, schlug das Buch an geeigneter Stelle auf und reichte es seinem Großvater.
„Kannst du diese Schrift vielleicht entziffern?“
Dieter Lange lehnte die Pfeife gegen den Aschenbecher, nahm seine Brille ab und hielt sich das Buch dicht vor die Augen.
„Lustig, Junge! Hör dir das an: „Meiner liebsten Amelie mit den besten Wünschen für eine baldige Genesung – Dieter Lange.“
Hendrix stutzte.
„Soll das heißen, du selbst …“
„Ach Quatsch! Entweder hat sich jemand einen Scherz erlaubt, oder er heißt eben auch so. In der Bundesrepublik haben derzeit 762 Dieter Langes inklusive meiner Wenigkeit einen Telefonanschluss. Einer davon ging übrigens sogar mit mir zur Schule. Der ist später Priester am Niederrhein geworden. Ein ganz harter Bursche – niederrheinischer Taliban sage ich immer. Der wird es wohl gewiss nicht sein!“
Hendrix zeigte sich wenig beeindruckt, was jedoch vor allem an der Tatsache lag, dass er sich innerlich auf sein bevorstehendes Wiedersehen mit Sarah vorbereitete.
„Dieter?“
„Ja?“
„Ist man, wenn man einen Menschen liebt, automatisch mit ihm befreundet?“
Der Großvater griff zur Pfeife, die nicht mehr zog.
„Darüber muss ich erst nachdenken, Hendrix. Du stellst manchmal verblüffend knifflige Fragen!“
Lange entflammte das Feuerzeug, hielt es an den Pfeifenkopf und sog die Flamme unter Hervorbringung mehrerer P-Laute an.
„Umgekehrt gefragt wäre die Antwort leichter“, antwortete er jetzt. „Um jemanden wirklich als Freund zu empfinden, muss man ihn selbstredend lieben – auf eine gewisse Weise jedenfalls. Aber ich vermute, du zielst auf die Liebe zwischen Frauen und Männern ab, stimmt’s?“

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Leseprobe: fabian. in memoriam – eine erzählung über selbstverletzendes verhalten

Fabian in memoriam

Ohne sich umgezogen zu haben, verließ Fabian den Schutz seiner beengten vier Wände. Bereits auf der Treppe konnte Fabian Stimmen und Gelächter hören. Sie drangen aus dem familiären Wohnzimmer zu ihm und ließen ihn langsamer laufen. Wie immer, wenn er diese Geräusche hörte, ergriff ihn eine unaussprechlich intensive Lustlosigkeit, die sich im Beisein seiner Verwandten häufig in notwendige Resignation verwandelte. Wenn es nach ihm ging, konnte er gut und gerne auf diese familiären Pflichttermine verzichten. Aber es ging nicht nach ihm. Es ging nie nach ihm.
Früher einmal hatte er die Besuche seiner Verwandtschaft gemocht. Er hatte sich wohl gefühlt in ihrem Beisein, hatte sie geradezu herbeigesehnt. Und er hatte sich auch stets gefreut, wenn wieder einer der nun berüchtigten Pflichttermine näher gerückt war. Doch je älter er geworden war, desto abstoßender erschien ihm jede Festlichkeit. Das lag nicht etwa an einer adulten, festlichen Unlust, die den einen oder anderen jungen Rebellen zu ergreifen gedachte. Vielmehr lag es an der Tatsache, dass er mit der Zeit erkannt hatte, welches ekelerregende Spiel seine Verwandten trieben.
Die Geburtstagsgäste bestanden aus den noch lebenden Großeltern, die trotz ihres biblischen Alters mit einer enormen Kraft die kindlichen Wangen zu zerquetschen verstanden und dabei ein sopranes „Nein, du bist aber groß geworden!“ verlauten ließen, den Tanten und Onkel, die immer im Wettstreit mit den eigenen Eltern standen, wenn es darum ging, eine möglichst hohe Bildung der eigenen Nachkommen vorzuweisen, und den Cousinen und Cousins, die sich zu fein dafür fühlten, sich im kindlichen Spiel die Finger schmutzig zu machen und stattdessen lieber ihrer Verwandtschaft in den Arsch krochen. Eben die ganze generationenübergreifende Bagage.
Sie alle saßen adlig-sittsam um einen kunterbunt gedeckten Tisch, der inmitten eines Konfettimeeres zu treiben schien, das sich unaufhaltsam im gesamten Wohnzimmer auszubreiten gedachte. Ein mehrstöckiger, mit rosa Zuckerguss überzogener und mit allerlei essbarem rosa und rotem Firlefanz verzierter Kuchen stand direkt vor der kleinen Schwester der Wünsche, die am Kopfende des titanic-haften Tisches saß. (Passend dazu stand neben ihr der Geburtstagstisch – der Tisch der Wünsche, sozusagen.) Eine exakt abgezählte Menge an Kerzen brannte fröhlich auf dem Kuchen und spielte dem unwissenden Kind vor, dass Feuer etwas war, das man zu Dekorationszwecken verwenden konnte und durfte. Ein hübsches Bild! Hinter dieser brennenden rosa Kalorienbombe standen noch zwei Glasplatten, ebenfalls mit Kuchen bestückt: ein Blechkuchen, ein Formkuchen, Stückchen. Jeder einzelne mit einer erstickenden Schicht Puderzucker bestreut. Schade, dass es den nicht in rosa gab … Rosa Luftballons mit leicht verformten Pferdchen und bunte, glänzende Girlanden in Herzchenform dienten der augenkrebsfördernden Zierde von Wänden und Decke und ließen das Herz jedes Herzpatienten höherschlagen. Farblich dazu abgestimmt trug Fabians kleine Schwester einen berüschten Traum aus Rosa. Wie jedes Jahr. Passend dazu war sie unpassend geschminkt, trug billigen Modeschmuck der Mutter. Ganz alleine ausgesucht! Fabian fragte sich, ob ein Stylist zur Rettung zahlreicher Menschenleben nötig war, oder ob er lieber einen Innenarchitekten rufen sollte. Ob sie auch zusammenarbeiten würden?
Alle Anwesenden lachten, als hätte jemand das Wohnzimmer mit Lachgas geflutet, und strahlten wie ein einziges riesiges Atomkraftwerk. Viele vom Farbspektrum verwirrte Augenpaare waren auf die kleine Schwester gerichtet. Kaiserin und Untertanen! Ein Gerangel um Gunst! Die Hand entschied über Glück und Schmach, über Leben und Tod. Wo bleibt denn nur der Harlekin?

Marc stellte seine Badesachen am Rand der nahen Wiese ab und sah sich um. Er hatte sich einen Plan zurechtgelegt: Zunächst wollte er seine Klassenkameraden von sich überzeugen. Zu diesem Zweck wollte er auf zahlreiche, stundenlange Badesessions mit seinen früheren Freunden zurückgreifen, bei denen er sich nicht nur im Schwimmen, sondern auch im Springen hatte üben können. Er war sich sehr sicher, dass er mit einer entsprechenden Showeinlage die Aufmerksamkeit der Schüler und damit ihre Zustimmung des Cliquenbeitritts erhalten konnte. Anschließend wollte er sich zu ihnen begeben, mit ihnen in direkten Kontakt treten und sich austauschen. Und dann würden sie ihn einladen, sich zu ihnen zu legen. Daher lohnte es sich seiner Meinung nach nicht, vorher einen Liegeplatz zu suchen. Sicher, sein Plan war riskant. Aber: No risk, no fun!
Trotz des Chaos, das im Freibad herrschte, brauchte Marc nicht lange, bis er auch die Jungen und Mädchen aus seiner Klasse entdeckt hatte. Sie saßen zusammengedrängt am Beckenrand und unterhielten sich und scherzten dabei. Einer der Jungen spritzte die Mädchen nass, die kreischend aufsprangen und zu flüchten versuchten. Die anderen lachten. High Five. Bisher hatten sie Marc noch nicht entdeckt.
Marc fackelte nicht lange und ging in Richtung der Sprungbretter. Dabei gab er sich Mühe, möglichst cool auszusehen. Aufrecht, die vorhandenen Muskeln zeigend, lässig. Jetzt kam es darauf an, gesehen zu werden. Sie mussten ihn bemerken, mussten ihm zusehen, wie er ohne mit der Wimper zu zucken, das Sprungbrett betrat, wie er sich cool positionierte, um sich dann in das kühle Nass zu begeben.
Ein kurzer, schmunzelnder Blick in Richtung der Schüler. Er hatte Glück: Ein Mädchen hatte ihn bemerkt, stieß die eine oder andere Freundin in ihrer Nähe an und zeigte in seine Richtung. Die Blicke der anderen folgten der Geste und alle sahen nach oben. Marc spürte, wie ihn die Situation erfüllte. Übertrieben penibel spannte er alle seine Muskeln an – selbst solche, von deren Existenz er bis zu diesem Zeitpunkt keine Kenntnis gehabt hatte – sah auf einen fiktiven Punkt am Horizont, so, wie es auch weltberühmte Springer zu tun pflegten, nahm Anlauf, bewegte die perfekt angespannten Arme in einer zuvor aufs schärfste einstudierten Weise, winkelte die Beine an und vollzog einen einfachen, sauber geschlossenen Salto ins Wasser. Er spürte, wie er gekonnt in das erfrischende Wasser eintauchte, beschrieb eine nahezu perfekte Parabel unterhalb der Wasseroberfläche – sein Mathelehrer wäre stolz auf ihn gewesen – und tauchte mit einem kräftigen Ruck seines Kopfes, der sein Haar nach hinten schnellen ließ und jeder Werbung Konkurrenz gemacht hätte, wieder aus dem Wasser auf. Ein Blick in die Richtung seiner Klassenkameraden reichte, um anerkennendes Nicken zu sehen, interessiertes Kichern zu bemerken und um vom coolsten Jungen der Klasse mit einem Wink zur Gruppe beordert zu werden. Marc lächelte triumphierend und hob dabei nur einen Mundwinkel und beide Brauen, so, wie er es bei den Helden im Fernsehen immer gesehen hatte, kurz bevor ihnen ein besonders guter, femininer Fang gelang. Die Vorstellung war ihm geglückt, die Zuschauer applaudierten und er genoss das Scheinwerferlicht, das ihn, und nur ihn allein, in gleißend hellem Licht erstrahlen ließ.