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Leseprobe: Rattentalk – oder wie ich Freunde fand

Tag 10

Rattentalk – oder wie ich Freunde fand

Ratte geht stiften!
Was für ein Tag *träum*. Waren erst wieder am Strand, einfach genial! Habe 14 Steine getaucht, die waren riesengroß! Bin dann noch mit Ratte durch den Flusslauf gerannt. Auf einmal war sie weg. Ist wohl in ein Loch gefallen. Pech, wenn man so winzig ist. Am Ende waren wir beide klitschnass und voll versandet. Hat Spaß gemacht aber leider mussten wir los, hatten noch einen Tierarzttermin. Ich mag da nicht gerne hin, es riecht dort komisch. Das macht mir Angst, aber vor der Kleinen werde ich es natürlich nicht zeigen.
*

Mama und Papa waren mit uns dann beim Arzt und da hat Ratte einen Q-Tipp in den Poschi bekommen. Ach, ich liebe ihre schrillen Töne. Aber die Magdalena kann keine gute Ärztin sein; bei mir quietscht die Ratte höher – und – vor allen Dingen: LÄNGER!!!
*

Auf dem Nachhauseweg kommen wir immer an einem großen Hund vorbei; da ist die Tür immer auf und nur ein schmales Brett steht davor. Jedes Mal, wenn wir da vorbeikommen, macht er einen Mordsterror, ich dann natürlich auch.
Wir beide waren nicht angeleint und ich noch völlig verträumt vom Tauchen.14 STEINE! Riesengroße! Mein persönlicher Rekord!
Na ja, der Köter gebärdet sich wie irre. Hängt halb über dem Brett … Ratte zuckt … MEINE Chance! DISKRETER geht es echt nicht!!! Habe sofort geschaltet, mit einem Affentanz hin und gegenangekläfft. Na, zumindest hab’ ich so getan. Ich gleich zu Ratte gebrüllt: „Pinky, Pinky, LAUF! Ich kann ihn nicht aufhalten! Er wird über das Brett springen und dich schnappen!“ … Und Ratte gibt Hackengas! Hört nicht mehr auf zu laufen … WEG! Ich mir gleich die Schweißtropfen aus dem Gesicht getupft. Dumpy, das haste sehr elegant gelöst. Dann hab’ ich Mama und Papa gesehen, die genau in der Mitte standen.
Ging ja alles unheimlich schnell. Neee, die sahen gar nicht glücklich aus. Mama ist Pinky hinterher, aber mit Schlappen an den Füssen … Und es war dunkel. Mamas Stimme klang auch gar nicht gut und da ich meinen Papa NIE allein lasse, bin ich sofort zu ihm hin. Ratte ist fast nicht mehr zu sehen. Mama brüllt noch einmal ihren Namen; wir anderen beiden Hunde kläffen nicht mehr … Und sie bleibt tatsächlich stehen …
Mama ganz vorsichtig hin, um sie nicht noch mehr zu erschrecken … und Ratte stürmt auf sie zu und klettert auf ihre Schulter … wie eine Katze. Katzen mag ich ja. Ist sie vielleicht …?
*

Ich versuche über alles nachzudenken. Wenn sie jetzt zum Rudel gehört und sich mir unterordnet – kann sie mir bei der Jagd helfen. Zwei sind auch immer stärker als einer; obwohl, ich bin ja nun echt der Killer vor dem Herrn … Wenn mein kleines Rättchen keine Angst mehr hätte, könnten wir auch dem Nachbarhund eine überzwiebeln. Nicht dass ich Angst hätte, aber ich bin ja nun durch diese blöde Leishmaniose etwas geschwächt. Würde ich natürlich nie zugeben, schon gar nicht vor ihr. Das Alter, ich werde vergesslich – und dann noch die scheiß Medikamente. Wird man mit Spritzen und Schnüffeln als Junkie abgestempelt? Wegen Drogenhund und so? Muss ich auch noch nachschlagen! Gleich aufschreiben.
EINES hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt und das werde ich NIE vergessen. Diesen Sprint von meinem Rättchen … geschätzte 200m in 3 Sek. – und das mit 9 Wochen … Ich werde sie gleich einmal an meinem Huhn quietschen lassen; aber nur in meinem Beisein.

 

Rattentalk – Tag 10
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Leseprobe: Yaron

Yaron

„Da wird euer Vater aber staunen! Es geht doch nichts über einen überraschenden Besuch! Kommt rein, er sitzt an der Terrassentür und schaut den Eichhörnchen zu!“
Tatsächlich saß Johan Baum in einem Sessel neben den ausladenden Terrassenfenstern und freute sich sichtlich über das Schauspiel im Garten. Er blickte neugierig auf, als Ella von weitem schon „Papa!“ rief, doch Yaron bemerkte, dass in diesem Blick kein Erkennen lag. Mit seiner rechten Hand deutete er aus dem Fenster. Ella stellte sich beben ihn und schaute ebenfalls nach draußen. Ihr belustigter Gesichtsausdruck glich dem des Mannes, der ihr Vater war, wie ein Ei dem anderen.
„Ist das keine Überraschung, Johan?“, fragte der ältere Mann, der die beiden Kinder in den großen Wohnraum begleitet hatte. „Ella und Yaron sind gekommen.“
„Ella“, wiederholte Johan Baum mit einem Lächeln und deutete wiederum in den Garten. „Da, die …“ Er konnte sich nicht mehr erinnern, wie die kleinen, flinken Felltierchen hießen.
„Ja, die Eichhörnchen, Johan. Die unterhalten uns schon seit Tagen. Kein Kinofilm könnte interessanter sein, nicht wahr?“
Der Betreuer kam Johan Baum zu Hilfe. „Sie flitzen durch den Garten und klettern auf die höchsten Bäume. Und manchmal kann man sie springen sehen. Von einem Baum zum anderen.“
Ella hatte sich ohne Scheu auf den Schoß ihres Vaters gesetzt und er hielt sie fest mit seinem Arm umschlungen. Das kannte er so wohl noch von früher. Yaron fühlte einen Stich. Er konnte sich nicht daran erinnern, je auf dem Schoß seines Vaters oder seiner Mutter gesessen zu haben.
„Du wolltest Papa etwas vorlesen“, forderte er Ella auf. Dabei klang seine Stimme zuerst schrill und wurde dann urplötzlich so leise, dass der Betreuer ihn besorgt ansah.
„Ist dir nicht gut, mein Junge? Hier im Raum ist ziemlich trockene Luft. Ihr könnt euch gerne etwas zu trinken nehmen. Saft und Wasser stehen dort drüben auf dem Tisch.“
Yaron hatte keinen Durst, aber er ging zu dem Getränketisch und füllte drei Gläser mit einem Gemisch aus Apfelsaft und Mineralwasser. Damit kehrte er zu Ella und dem Vater zurück und gab jedem eines.
Johan Baum schenkte ihm zum Dank ein Lächeln, doch nach wie vor ließ nichts darauf schließen, dass er seinen Sohn erkannte. Dieses Lächeln hätte er jedem anderen auch geschenkt.

 

Blick ins Buch

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Leseprobe: Freundschaftspiel

Freundschaftspiel

Beim Brötchenholen hatte Dieter Lange ein wenig warten müssen, weil sich sein Vorgänger eifrig mit der Krämerin unterhielt. Zunächst interessierte ihn das Gespräch nicht, dann aber hörte er doch zu, weil der Name Hans-Rudolph Müller fiel. Es ging um eine Frau, die mit dem ollen Querulanten einst liiert gewesen sei und jetzt bei Günthers zu Gast wäre, wer immer das auch sein mochte, Günthers.
Sie sei ungeheuer scharf darauf, diesen Schriftsteller kennen zu lernen, der immer bei Bergmanns absteige. Ob die Krämerin wisse, was für ein Typ der eigentlich sei. Man lese ja in den Zeitungen nicht gerade das Beste über ihn, aber das sage ja nichts aus, weil in den Zeitungen eh der größte Mumpitz abgedruckt werde.
Die Plaudernden hatten noch nicht bemerkt, dass ihnen der Mann, über den sie sich gerade unterhielten, Dieter Lange nämlich, zuhörte; um weitere Peinlichkeiten zu vermeiden, hüstelte Dieter nun. Der Mann, dessen Rücken er bereits seit Geraumem hatte bestaunen dürfen, drehte sich um. Lange erkannte ihn sofort; es war einer der Männer, die er auf dem Friedhof angesprochen hatte.
„Oh, ich halte ja den ganzen Verkehr auf!“, schalt er sich selbst und tat einen Seitenschritt, um den Platz vor der Verkaufstheke frei zu geben.
Dieter Lange bedankte sich, und sich gleichsam an den anderen Kunden als auch die Krämerin wendend, sagte er, indem er vom einen zur anderen schaute: „Ich wollte Sie nicht unterbrechen, ich hörte nur, dass von Rudi Müller die Rede war …“
„Und von einer seiner ehemaligen Geliebten!“, fiel ihm die Krämerin ins Wort. „Ich erzählte dem Herrn gerade: als die Dame – angeblich handelt es sich sogar um eine Gräfin, gestern davon erfuhr, dass Sie hier bei uns Urlaub machen, war sie ganz aus dem Häuschen!“
„Sie wohnt nämlich ein paar Tage bei uns in Welterode, also bei meiner Frau und bei mir nämlich auch!“, komplettierte der Vorkunde Langes Wissen ums Zeitgeschehen.
„Na, na“, der Schriftsteller vollführte eine Handbewegung, als dotze er einen Basketball. „Wegen mir muss niemand aus dem Häuschen!“, scherzte er, war sich aber nicht sicher, ob das auch so verstanden wurde, wie er Hendrix später gestand.
„Doch, doch, Herr Autor! Ich bestimmt nicht, aber wenn Sie wüssten, was für einen Narren die Gräfin an Ihren Büchern gefressen hat, bräuchten Sie jetzt gar nicht so machen (er dotzte jetzt denselben Basketball)! „Sagen Sie mal, möchten Sie nicht uns, also unserem Besuch, meiner Frau und mir natürlich auch, einen Besuch zum Abendessen abstatten, damit die Gräfin Gelegenheit hat, Sie persönlich kennen zu lernen?“
Dieter Lange wählte die falsche Argumentation, um sich herauszureden; vermutlich hatte die Erwähnung der Gräfin längst seine Neugierde geweckt. „Ich möchte Ihnen keinesfalls Umstände bereiten, Herr …“
„Günthers. Friedhelm Günthers. Dann bereiten Sie uns eben keine Umstände und kommen einfach so. Unser Gast, eine alte Freundin meiner Frau, hat alle Ihre Romane gelesen, sie ist, wie man heute sagt, ein Fan von Ihnen (er sprach’s Fenn aus). Wie wäre es mit morgen Abend, 8 Uhr?“
Der Großvater wandte sich jetzt allein an die Krämerin und erstand vier Brötchen gegen abgezähltes Bargeld.
„Aber vordrängeln wollte ich mich wirklich nicht!“, beteuerte er unnötigerweise.
„Man wird doch wohl einem bedeutenden Schriftsteller noch den Vortritt lassen dürfen!“, spöttelte Günthers, der am Ladenausgang gewartet hatte. „Na, was sagen Sie zu meinem Vorschlag? Kommen Sie?“
„Ich werde es mit meinem Enkel besprechen. Ich bin nicht allein in Golgenude. Ich urlaube hier mit meinem Enkel.“
„Was heißt denn hier besprechen? Bestimmen heutzutage schon die Enkel über ihre Großväter?“, musste sich Dieter Lange anhören. Er konnte sich nicht helfen, er fand diesen Günthers unsympathisch, doch behielt er das für sich. Immerhin wollte er Hendrix nicht gleich abschrecken. Eine bessere Gelegenheit, die alte Dame zu treffen, die Hans-Rudolph Müller gekannt hatte, würden sie nicht geboten bekommen. Auch Hendrix müsste das Langes Erachtens nach interessieren, wenn er es tatsächlich ernst meinte mit seiner Schreiberei!
Gemeinsam verließen Günthers und Lange den Laden.
„Einen Freund werde ich natürlich auch dazu bitten. Ich und Max, wir sind nämlich wie Pech und Schwefel.“
„Interessant!“, sagte Lange und überlegte kurz, welchem der beiden Freunde dabei wohl die Rolle des Pechs zustand. „Wo erreiche ich Sie, wenn wir tatsächlich kommen sollten? Kann ich Sie gegebenenfalls anrufen?“
Günthers förderte aus der Innentasche seiner Jägerjoppe eine Visitenkarte zutage und hielt sie Lange hin. Der nahm sie (dem Gesicht nach) erfreut entgegen und warf einen Blick darauf.
„Rechtsanwalt?“
„Aber im Ruhestand, Herr Autor. Sind Sie nicht eigentlich allmählich auch in dem Alter, in dem man aufhören darf?“
Der Großvater vermutete einen Scherz und lachte höflich.
„Natürlich!“, gab er zurück. „Dieter Lange, Schriftsteller im Ruhestand! Köstlich! Den merke ich mir! Ich muss jetzt übrigens dort lang!“
Endlich geschah, worauf Hendrix schon lange gewartet hatte. Sein Großvater griff zur Pfeife.
„Er hat mich dann noch bis zur Haustür begleitet. Seltsamer Mensch, Hendrix! Aber interessant! Und viel wichtiger: Wir lernen deine alte Dame kennen. Diese Günthers haben ihr das Gästezimmer gerichtet, und fürs Erste wohnt sie jetzt da.“
Hendrix schluckte das gerade abgebissene Brötchenstück unzerkaut hinunter.
„Okay“, sagte er, „aber die kennen uns doch gar nicht! Wieso sind wir jetzt da eingeladen? Die können doch gar nicht wissen, dass wir etwas wissen!“
Der Großvater zündete das Feuerzeug und führte die Flamme zum Pfeifenkopf. Qualm stieg auf. Sofort roch es nach Vanille.
„Na, weil … sie … weil die alte Dame meine Bücher schätzt. So einfach ist das. Und jetzt lass uns beide bitte überlegen, was wir heute unternehmen!“
„Wolltest du dir nicht die Buchhandlung Weinert anschauen?“, erkundigte sich Hendrix. Es sollte sich eher beiläufig anhören, doch ihm war klar, dass Dieter seinen Beweggrund durchschaute. Darum grinste er jetzt.
Sein Großvater nickte. „Richtig! Ob ich das heute oder morgen mache, ist zwar wurscht, aber das Wetter lädt eh nicht gerade ins Freibad ein. Wenn es dir recht ist, würde ich gern ein, zwei Stündchen lesen, und dann nehmen wir den Bus nach Nastetten, d’accord?“
Lesen war ein gutes Stichwort. Hendrix stand auf, zog „In der Aula“ aus dem Regal, schlug das Buch an geeigneter Stelle auf und reichte es seinem Großvater.
„Kannst du diese Schrift vielleicht entziffern?“
Dieter Lange lehnte die Pfeife gegen den Aschenbecher, nahm seine Brille ab und hielt sich das Buch dicht vor die Augen.
„Lustig, Junge! Hör dir das an: „Meiner liebsten Amelie mit den besten Wünschen für eine baldige Genesung – Dieter Lange.“
Hendrix stutzte.
„Soll das heißen, du selbst …“
„Ach Quatsch! Entweder hat sich jemand einen Scherz erlaubt, oder er heißt eben auch so. In der Bundesrepublik haben derzeit 762 Dieter Langes inklusive meiner Wenigkeit einen Telefonanschluss. Einer davon ging übrigens sogar mit mir zur Schule. Der ist später Priester am Niederrhein geworden. Ein ganz harter Bursche – niederrheinischer Taliban sage ich immer. Der wird es wohl gewiss nicht sein!“
Hendrix zeigte sich wenig beeindruckt, was jedoch vor allem an der Tatsache lag, dass er sich innerlich auf sein bevorstehendes Wiedersehen mit Sarah vorbereitete.
„Dieter?“
„Ja?“
„Ist man, wenn man einen Menschen liebt, automatisch mit ihm befreundet?“
Der Großvater griff zur Pfeife, die nicht mehr zog.
„Darüber muss ich erst nachdenken, Hendrix. Du stellst manchmal verblüffend knifflige Fragen!“
Lange entflammte das Feuerzeug, hielt es an den Pfeifenkopf und sog die Flamme unter Hervorbringung mehrerer P-Laute an.
„Umgekehrt gefragt wäre die Antwort leichter“, antwortete er jetzt. „Um jemanden wirklich als Freund zu empfinden, muss man ihn selbstredend lieben – auf eine gewisse Weise jedenfalls. Aber ich vermute, du zielst auf die Liebe zwischen Frauen und Männern ab, stimmt’s?“