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Leseprobe: Fiona – Entscheidungen

Fiona – Entscheidungen

Katharina lacht, dann startet sie den Motor und lässt den Wagen anrollen. Ich betrachte inzwischen ihr Outfit. Sie hat die Haare zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden, trägt so etwas Ähnliches wie ein Bikinioberteil, eine Art Pomanschette und eng anliegende Overknees. Da bin ich mit meinen Stiefeletten fast schon konservativ.
„Wir sehen aus wie zwei Straßennutten“, konstatiere ich.
„Ja, mag sein. Na und?“
Ich zucke mit den Schultern. „Ich bin jahrelang so rumgelaufen. Traurigerweise denken dann viele Kerle, das sei ein Freibrief.“
„Das ist wohl wahr. Selbst schuld, wenn du rumläufst wie eine Nutte, dass du vergewaltigt wirst.“ Katharina grinst. „Aber weißt du was? Das bedeutet implizit auch, dass Männer vollständig durch ihren Schwanz gesteuert werden. Ansonsten würde ihnen ihr Verstand sagen, dass es ausgeschlossen ist, dass Frauen, die so rumlaufen, vergewaltigt werden möchten. Und das wiederum bedeutet, dass Männer keine denkenden Wesen sind.“ Nach einer kurzen Pause fügt sie immer noch grinsend hinzu: „Was natürlich nicht stimmt. Es zeigt nur, dass man vorsichtig sein sollte mit Ausreden.“
„Ja, allerdings. Ich begreife den Versuch eines Mannes, mich zu vergewaltigen, als Freibrief, ihm den Schwanz abzuschneiden. Schließlich zeigt er ihn mir aus extremer Nähe äußerst freizügig.“
Katharina lacht schallend. „Wollen wir einen gemeinsamen Blog machen?“
„Gute Idee. Ich glaube, das würde mir gefallen. Unter Pseudonym oder echtem Namen?“
„Traust du dich?“ Katharina schaut mich neugierig an.
Ich denke nur kurz über die Antwort nach: „Scheiße, warum eigentlich nicht?“
Sie nickt.
„Katharina …?“
„Ja?“
„Hast du den Teufel gesehen?“
„Ups! Wie kommst du darauf?“
„Möchtest du nicht darüber reden?“, erkundige ich mich.
„Ja, ich habe ihn gesehen. Ich habe Satan gesehen.“
„Gibt es Gott?“
„Das fragt mich eine Kriegerin?“ Katharina wirkt amüsiert. „Wenn du das nicht weißt, wie willst du eine Kriegerin Gottes sein?“
„Ich bin eine Kriegerin Gottes? Warum braucht Gott eine Kriegerin? Außerdem, er hat doch seine Engel.“
„Engel sind feinstofflich. Außerdem ist ihr Wirken nicht auf die Erde beschränkt. Du hingegen bist dem Statthalter unterstellt.“
„Also gut, dann bin ich ja so was wie ein Engel des Statthalters.“
Katharina lacht. „Ja, in gewisser Weise ein passender Vergleich.“
„Hast du schon mal einen Engel gesehen?“
Katharina wird wieder ernst. „Vielleicht.“
„Vielleicht? Was bedeutet vielleicht? Das hättest du sicher mitgekriegt, wenn du einem Engel begegnet wärst.“
„Was macht dich da so sicher?“ Katharina mustert mich nachdenklich. „Glaubst du, du würdest einen Engel erkennen? Woran?“
„An den Flügeln, zum Beispiel.“
„Engel haben keine Flügel, das ist nur Teil der Legenden. Wozu auch? Wenn sie doch feinstofflich sind und nicht den Regeln der materiellen Welt unterliegen, wozu sollten sie Flügel brauchen?“
„Hm. Das ist wahr. Und woran erkennt man sie dann?“
Katharina zuckt die Achseln. „Vielleicht spürt man es, so wie man es spüren würde, wenn Gott vor dir stünde. Glaube ich. Ich weiß es nicht.“
„Woran hast du Luzifer erkannt?“
„Weil er mal ein Engel war? Angeblich?“ Katharina grinst. „Außerdem hat er es gesagt. Und er wusste Dinge, die nur mein Vater wissen konnte. Quod erat demonstrandum.“
„Kannst du Latein?“
„Ein wenig. Ich war mal mit einem Priester … äh … eng befreundet.“
„Mit einem Priester?“
Katharina zuckte die Achseln. „Sind auch nur Männer mit einem Schwanz, und dieser Schwanz hat Bedürfnisse. Auch wenn die immer so tun, als wenn es nichts Normaleres gäbe, als dass Männer und auch Frauen dies unterdrücken können, um sich dann Gott hinzugeben. So ein Schwachsinn.“ Katharina grinst. „Wenn du wüsstest, wie viele Priester und Nonnen ich getroffen habe, die es nicht ausgehalten haben. Kaum irgendwo ist so viel Lug und Trug. Und eigentlich ist mir das so scheißegal. Ich hatte meinen Spaß.“
„Du liebst Sex?“
„Lieben?“ Katharina wirft mir einen nachdenklichen Blick zu. „Liebst du das Essen? Es wird viel zu viel Aufhebens darum gemacht, anstatt es zu machen. Andere Tiere diskutieren auch nicht erst rum, ob es nun moralisch ethisch und sonst wie vertretbar ist, dass sie nun bumsen, oder?“
„Aber dafür machen sie es nur wegen der Fortpflanzung.“
„Komm schon, Fiona, das meinst du nicht ernst!“ Katharina lacht. „Warum sollte ein Hund nichts tun, was ihm Spaß macht? Klar könnte er sich auch dagegen entscheiden, die Freiheit hat er. Aber, mal ehrlich, warum sollte er?“
„Du meinst nicht, er ist einfach nur von seinem Instinkt getrieben?“
„Ganz sicher nicht. Er kann sich entscheiden. Aber meistens hat er keinen Grund, sich dagegen zu entscheiden, was ihm sein Körper vorschlägt. Auf so schwachsinnige Ideen kommt nur der Mensch. Na ja, nicht nur. Aber Tiere sind da ehrlicher, meistens.“
„Hast du schon mit einem Tier geschlafen?“
„Mit einem Tier?“ Katharina wirft mir einen Blick zu. „Sind für dich Menschen keine Tiere?“
„Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.“ Ich denke darüber nach, während Katharina eine Antwort schuldig bleibt.

 

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