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Leseprobe: Die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen – Die Asylentscheiderin

Die Asylentscheiderin

Dann rief Cochise an, die irgendwann in den letzten Wochen wieder Kontakt zu mir gesucht hatte und die wusste, dass heute mein erster Tag im Praktikum gewesen war. Sie riss mich wieder mitten hinein in Krieg und Verzweiflung. Nach ihrer Reaktion zu schließen war ich wohl ein wenig einsilbig am Telefon.
„Du hast anscheinend keine Lust zu erzählen, wie es dir ergangen ist?“, sagte Cochise, nachdem sie vergeblich versucht hatte, aus mir herauszuholen, was heute passiert war.
„Leider habe ich heute Abend keine Zeit, aber vielleicht hast du ja am Wochenende Lust, dich mal mit mir auf ein Bier zu treffen?“
Ich wusste nicht recht, ob ich dazu Lust hatte. Cochise würde mir mit Sicherheit wieder ihre Sicht der Dinge schildern und es wäre wohl kaum zu vermeiden, dass wir in eine unangenehme Diskussion hineinrutschten. Andererseits hatte ich das Bedürfnis über meine Erfahrungen zu sprechen und auch wenn Cochise dafür nicht die beste Wahl war, so hatte ich sie doch schon lange einmal wieder treffen wollen. Wir hatten uns zuletzt beim Klassentreffen gesehen und seit einiger Zeit immer wieder miteinander telefoniert. Irgendetwas hatte sie in mir angerührt, was ich noch nicht zu fassen bekommen hatte. Nach so vielen Jahren war sie aus dem Nichts aufgetaucht und meine Gedanken kreisten seither immer wieder um sie. Das irritierte mich ein wenig, da wir während der Schulzeit nicht viel miteinander zu tun gehabt hatten. Aber warum sollte ich sie nicht als erwachsene Frau neu kennenlernen? Während meiner Zeit mit Richard hatte ich nicht viele enge Kontakte gehabt und nach meiner Trennung von ihm musste ich feststellen, dass ich keine eigenen Freunde besaß, die mit ihm nichts zu tun hatten. Da war es ganz gut wenn ich mich nun um neue Freundschaften oder zumindest Bekanntschaften bemühte. Außerdem war heute erst Montag und die Tage bis Samstag erschienen mir als eine kleine Ewigkeit. Ich sagte zu, abmelden konnte ich mich immer noch, wenn mir am Ende der Woche nicht nach einem Zusammentreffen mit Cochise sein sollte.

Meine erste Woche im Praktikum verlief verhältnismäßig ruhig. Karl-Heinz hatte die einfacheren Fälle eingeladen, so schien es mir. Wir hatten auch in den folgenden Tagen mehrere Klienten aus Syrien, deren Aufenthalt von vorneherein so gut wie sicher war und die wir schnell abhaken konnten. Dazwischen hatte er ein paar Jungs aus Afrika eingeplant. Sie kamen aus unterschiedlichen Ländern, erzählten aber alle ähnliche Geschichten. Von Armut und Arbeitslosigkeit, von Familien, die alles Geld zusammengelegt hatten, um ihren Söhnen und Neffen die Flucht nach Europa zu ermöglichen, die hier nun dringend nach Arbeit suchten, um das Erhaltene wieder zurückgeben und in Zukunft ihre Familien unterstützen zu können.
So hatten wir die ganze Woche über in schöner Regelmäßigkeit morgens Kriegsflüchtlinge, die bleiben durften und nachmittags junge Männer, mal einen, mal zwei, einmal sogar drei nacheinander, die fast alle bereits in anderen europäischen Ländern registriert waren und so nach der Dublin-Verordnung in Deutschland keinen Anspruch auf ein Asylverfahren mehr hatten. Die nicht registriert waren, konnten in Deutschland ihr Asylverfahren durchführen, aber sie alle suchten laut Karl-Heinz lediglich ein finanziell besser ausgestattetes Leben bei uns und hatten deshalb keinen wirklichen Grund zu bleiben. Es lief alles genau so ab, wie ich es in den vorhergehenden Wochen in der Theorie gelernt hatte, und wenn ich die Geschichten aus dem Krieg in Syrien hörte, dann war mir klar, dass der kräftige Junge vom Vortag keinen Platz belegen durfte, den wir so dringend für die Familien brauchten, deren Haus zerbombt und deren Lebensgrundlage zerstört war.
Saß mir dann am Nachmittag ein junger Mann gegenüber, der von abenteuerlichen und lebensgefährlichen Fluchtwegen erzählte und zu weinen begann, wenn er sich an seinen ertrunkenen Freund oder den in der Sahara verloren gegangenen Bruder erinnerte, dann war ich mir nicht mehr so sicher. Aber, so rief ich mich immer wieder selbst zur Ordnung, die einen haben einen wirklichen Grund zur Flucht, die anderen nicht. Was unterwegs passiert, zählt nun einmal nicht.
„Warum kommt denn keiner aus Afrika, der einen wirklichen Asylgrund mitbringt?“, fragte ich am Freitagnachmittag, als Karl-Heinz zufrieden seine Akten zusammenschob und wir gleich ins Wochenende gehen wollten. „Das kann ja nicht sein, dass kein Einziger wirkliche Gründe mitbringt. Wir hatten da in der Ausbildung doch sehr unterschiedliche Fälle vorliegen. Hier sind ja alle ganz ähnlich.“
„Es ist einfacher wenn man ein wenig Ordnung ins Flüchtlingschaos bringt“, konterte Karl-Heinz. „Das wirst du auch bald feststellen. Wenn du alle Fälle wie Kraut und Rüben durcheinander anhörst, wirst du ziemlich schnell verrückt. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen – diese Strategie macht es leichter. Das habe ich in der langen Zeit, in der ich mich nun mit all dem Elend beschäftige, gelernt.“
Da war er wieder, dieser Satz, der mich verfolgte.
Mein Kollege, der sonst immer so abgeklärt und unerschütterlich wirkte, zeigte doch erste, wenn auch geringfügige Anzeichen von Gefühl, stellte ich mit Erstaunen fest.
Vielleicht hat er ja recht, ging es mir durch den Kopf. Andererseits muss ich dann womöglich die gesamte Woche über die ganz schlimmen Fälle anhören, wenn ich mir zuvor eine Woche lang zumindest halbtags „Auszeit“ nehme.
Ich würde meine eigene Ordnung finden müssen, das stand schon mal fest. Wie sie aussah wusste ich jetzt noch nicht. Ich wollte aber auch nicht weiter darüber nachdenken, jetzt stand erst einmal das Wochenende vor der Tür.
„Nächste Woche machen wir nur vormittags Anhörungen. Nachmittags entscheiden wir gemeinsam die Fälle, die ich noch zur Bearbeitung hier liegen habe. Ich lasse immer einige Zeit vergehen zwischen Anhörung und Entscheidung. Man soll ja nichts übers Knie brechen und ein wenig Zeit, um eingehend über die Geschichten unserer Klienten nachzudenken, müssen wir uns schon nehmen. Außerdem: Wie sieht das denn aus, wenn wir heute anhören und morgen entscheiden? Das kommt nirgendwo gut an. Weder bei den Flüchtlingen noch bei unseren Vorgesetzten. Also merk dir das: Wenigstens drei Wochen oder besser mehr sollten zwischen dem Interview und deiner Entscheidung liegen. Aber dieser zeitliche Abstand ergibt sich mit der Zeit von selbst. Es sammeln sich, wenn du der Reihe nach vorgehst, im Lauf der Zeit genügend Fälle auf deinem Schreibtisch an, so dass da auch mal ein paar Monate zwischen Anhörung und Entscheidung liegen.“
Mit diesem Resümee verabschiedete Karl Heinz mich ins Wochenende.

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Leseprobe: Spanische Dörfer – Wege zur Freiheit

Spanische Dörfer

Wenn Enrique den Drang nach Luft und Sonne verspürte, blieb ihm nur die Wahl zwischen dem Englischen Garten und dem Isarufer. Heute entschied er sich für den Englischen Garten. Der war nahe und er konnte noch im All Together vorbeigehen, bevor seine Schicht in der Tapasbar begann. Enrique nahm seinen Rucksack, der immer bereitstand für diese kleinen Ausflüge ins Freie. Eine Decke, ein Buch und ganz wichtig: Schreibzeug und Notizblock. Mehr brauchte er nicht. Wenn die Sehnsucht oder der Zorn über die bestehenden Verhältnisse zu groß wurden, dann half es Enrique, dies alles in Worte zu fassen und in seinem Notizbuch abzulegen. Dann war er fürs Erste die Gedanken los, die ihn so sehr umtrieben und ihm die Ruhe nahmen.
Aber heute kam Enrique weder zum Schreiben noch zum Lesen. Gerade als er seine Decke an einem sonnigen Platz ausbreiten wollte, sah er zwei berittene Polizisten sich einer schwarzen Frau nähern, die nicht weit von ihm auf einer Strohmatte an einen Baum gelehnt saß und in einem Buch las.
Materialien für den Deutschunterricht im Leistungskurs, konnte Enrique noch lesen, dann waren die Reiter da. Sie musste Lehrerin sein, dachte Enrique, und zugleich tauchte vor ihm eine Frau mit Rucksack auf, die sich das Wasser aus den Kleidern schüttelte. Woher kam sie denn so plötzlich? Außer dass beide Frauen schwarz waren, gab es keine Verbindung. Die eine, vermutlich aus Afrika geflohen und fremd in Spanien, wo er ihr begegnet war. Die andere zu Hause hier in Deutschland, wo er, Enrique, der Fremde war. Da fiel es ihm wieder ein: Die Verbindung waren die Polizisten, die eine Bedrohung für die Frau darstellten. Diese Bedrohung spürte er auch jetzt wieder. Lauf! Los, lauf!, hatte er der Frau in Spanien zugerufen. Hier in München im Englischen Garten war Weglaufen wohl nicht angebracht und für eine einheimische Deutschlehrerin vermutlich auch nicht nötig.
Aber die Augen würde er aufhalten und sich notfalls einmischen. Oft schon hatte Enrique gehört, dass deutsche Polizisten Menschen aus dem einzigen Grund kontrollierten, weil diese nicht weiß waren. Und genau das schien hier der Fall zu sein.
Die Pferde standen unruhig vor der Frau, die noch immer mit dem Rücken an den uralten und riesigen Baum gelehnt saß und nun keine Möglichkeit mehr hatte, sich zu entfernen. „Personenkontrolle“, hörte Enrique den einen der beiden Polizisten unfreundlich vom Pferd rufen. „Your passport“, forderte der andere nicht minder unfreundlich. „Do you understand me?“
Enrique näherte sich langsam der kleinen Gruppe. Ungerührt las die Frau weiter in ihrem Buch, hielt es etwas unnatürlich hoch, wohl um ihnen zu ermöglichen, den Titel zu lesen. Sie gab ihnen noch eine Chance, ihren Irrtum zu erkennen. „Die versteht kein Englisch, die kommt geradewegs aus dem Busch“, meinte der Erste.
„Können Sie nicht lesen?“ Enrique war um den Baum herumgegangen und stand nun neben der Frau. Hinter den Pferden war ihm doch etwas unheimlich gewesen.
„Was willst du denn?“, fragte der Polizist im wahrsten Sinne des Wortes von oben herab.
„Seit wann duzen wir uns?“, konterte Enrique. „Ich möchte fragen, warum Sie eine Frau kontrollieren, die ganz ruhig und friedlich an einem Baum sitzt und ihre nächste Unterrichtseinheit für den Deutsch-Leistungskurs vorbereitet.“ Er machte eine künstlerische Pause, um den Deutsch-Leistungskurs ankommen zu lassen. Dann fuhr er fort: „Könnte das damit zusammenhängen, dass die kontrollierte Person schwarz ist? Racial Profiling ist verboten. Wissen Sie das nicht?“
Enrique staunte selbst über seinen Mut. Oder war es eher unüberlegter Leichtsinn? Egal, es war sowieso zu spät und er war auf jeden Fall froh, dass es raus war. Dass er nicht einfach nur still zugesehen hatte.
„Himmihergottsakra, wos geht’s di o?“, polterte der Polizist, der zuvor Englisch gesprochen hatte, nun auf Bayrisch los, während der andere in sein Funkgerät sprach.
Die Frau war in der Zwischenzeit aufgestanden. Sie lachte Enrique an. „Danke, dass du dich eingemischt hast. Das kommt wesentlich seltener vor, dass sich jemand hinter mich stellt, als dass ich kontrolliert werde. Mein Perso ist schon ganz abgenutzt.“
In der Ferne tönte die Polizeisirene. Sie schien näherzukommen. „Was bist du denn für einer, was mischst du dich ein?“, schimpfte nun der Reiter mit dem Funkgerät auf Enrique herab. Die Pferde scharrten ungeduldig in der Erde, hatten wohl keine Lust mehr, einfach nur herumzustehen. Aber sie waren nun mal im Dienst. Da half alles Scharren nichts.
„Du bist doch selbst nicht von hier“, fuhr der Beamte fort. „Zeig mal deine Papiere.“
„Ich komm schon klar“, sagte die Frau leise zu Enrique. „Geh’ jetzt lieber. Und noch mal danke!“ Aber noch bevor Enrique den Rat befolgen konnte, raste ein Streifenwagen auf die kleine Gruppe unter dem Baum zu. Er bremste knapp hinter den Pferden, die sich erschreckten und nur mit Mühe zu halten waren. Zwei Beamte in Zivil sprangen aus dem Fahrzeug und bevor Enrique wusste, wie ihm geschah, lehnte er mit ausgebreiteten Armen am Auto, seine Nase berührte fast das Fenster, und jemand trat ihm von hinten die Beine auseinander.
„Papiere! Passport!“, forderte eine Stimme hinter ihm. Enrique konnte sich nicht bewegen, wie sollte er seinen Ausweis aus der Tasche holen? Er spürte, wie sie begannen, ihn von oben bis unten abzutasten. Dann wurde er umgedreht, einer drückte ihn rücklings gegen das Fahrzeug, der andere taste routinemäßig seinen Körper ab. Er zog den Ausweis aus der Innentasche von Enriques Jacke und reichte die Karte einem der Reiter. Dann fuhr er fort, seine Aufgabe gewissenhaft auszuführen. Als er mit dem Oberkörper fertig war, alle Taschen ausgeleert und in die Ärmel gefasst hatte, machte er sich am Hosenbund zu schaffen. Aber auch der schien nichts Brauchbares herzugeben, enthielt keinen Stoff, war einfach nur ein Hosenbund. Seine Hände setzten ihren Weg nach unten fort. Als er Enrique zwischen die Beine griff, erstarrte er. Er griff noch mal zu und sagte dann viel zu laut: „Da fehlt doch was?!“

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Leseprobe: Jetzt bin ich hier

Jetzt bin ich hier

Ubuntu

Ein Anthropologe bot Kindern eines afrikanischen Stammes ein neues Spiel an. Er stellte einen Korb voller Obst in die Nähe eines Baumes und sagte ihnen, wer zuerst dort sei, gewinne die süßen Früchte. Als er das Startsignal gab, nahmen sie sich gegenseitig an den Händen und rannten alle zusammen los. Am Baum angekommen, setzten sie sich um den Korb und genossen gemeinsam ihre Leckereien. Als er sie fragte, weshalb sie so gelaufen waren, wo doch jeder und jede die Chance gehabt hätte, die Früchte für sich allein zu gewinnen, sagten sie: „Ubuntu. Wie kann eines von uns froh sein, wenn all die anderen traurig sind?“

Ubuntu in der Xhosa-Kultur bedeutet:

„Ich bin, weil wir sind“.