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Leseprobe: Fiona – Wiederkehrer (Band 4)

Wieso ist es schon dunkel? Das bedeutet, es ist mindestens acht Uhr abends. Und das ist gar nicht gut.
Ich überlege kurz, dann lasse ich mich in meinen Bürosessel fallen und rufe mit dem Handy James an. Er ist schnell dran, also wartet er bereits.
„Hunger“, sagt er statt der Begrüßung.
„Du hast Hunger?“
„Ich auch. Aber ich kann mir was zu essen machen.“
„Tut mir leid“, erwidere ich lachend. „Ich komme grad aus einem Meeting, das länger gedauert hat. Du könntest Sandra trotzdem schon was geben. Im Kühlschrank ist ja noch was da. Musst du nur warm machen.“
„Bist du da nicht die Chefin? Wieso dauerte das Meeting so lang?“
„Haha. – Ich check noch meine Mails, dann komme ich. Gehen wir heute aus?“
„Mit einem Baby?“
„Wozu wohnen meine Eltern direkt nebenan? Aber wir müssen nicht.“
„Mal sehen. Hängt davon ab, wann du nach Hause kommst.“
„Sehr witzig. So lange werde ich ja wohl nicht brauchen. Bis später, mein Schatz.“
Ich lege das Handy neben die Tastatur und überfliege meine Mails. Um diese Zeit kommen nicht so viele neue rein, zwei beantworte ich gleich, dann fahre ich meinen Rechner herunter.
Das Display des Handys wird hell, bevor der Klingelton losgeht.
Dass Bens Name zu sehen ist, gefällt mir gar nicht. Für einen kurzen Moment überlege ich sogar, ob ich drangehen soll. Doch dann siegt mein Pflichtbewusstsein.
„Hi Ben.“
„Kannst du herkommen?“
Ich stutze. Das ist eigentlich überhaupt nicht Bens Art. Nicht einmal, als Emily die Bank überfallen hat, klang er so.
„Alles in Ordnung, Ben?“
„Nein, nicht wirklich. Hier läuft einer durch die Gegend, der seit zwei Jahren tot ist.“
„Aha. Und was habe ich damit zu tun?“
„Na, Übernatürliches ist doch dein Gebiet.“
„Übernatürliches? Ben, du redest nicht etwa davon, dass da einer durch die Gegend läuft, der wirklich tot ist?“
„Doch, genau davon rede ich. Ich bin auf dem Friedhof in Newvil, weil der Friedhofswärter uns angerufen hat. Er sah eine verdächtige, nackte Gestalt herumlungern, als er sie zur Rede stellen wollte, hat sie ihn weggestoßen, dann ist sie weggerannt. Der Wärter hat seine Spur zurückverfolgt und kam zu der Gruft der Burtons. Sie ist offen, einer der Särge ebenfalls. Und leer ist der auch noch.“
„Und woraus schließt du auf Übernatürliches?“
„Der Wärter behauptet, er hätte den Nackten erkannt. Er hat ihn bei der Aufbahrung vor zwei Jahren im Sarg liegen sehen. Einer der Toten des Massenunfalls vom 3.9.2005. Ich weiß nicht, ob du dich an den Nebel erinnerst, der an dem Tag die ganze Stadt bedeckt hat.“
„Schwach“, erwidere ich nachdenklich. „Glaubst du ihm?“
„Jedenfalls ist die Leiche weg. Und er will einem nackten Mann begegnet sein, der aussah wie der Tote. Hinzu kommt, dass es keine Einbruchsspuren in der Gruft gibt. Im Gegenteil, es sieht so aus, als wäre sie von innen aufgebrochen worden.“
„Ups. Hör zu, Ben, ich habe noch nie von herumirrenden Leichen gehört, das wäre selbst für mich neu.“
„Hältst du es für ausgeschlossen?“
„Machst du Witze? Ich halte gar nichts mehr für ausgeschlossen.“
„Ich auch nicht. Also, kommst du?“
„Ja“, antworte ich unbegeistert. Wieso muss James immer recht behalten?
Ich ziehe meine Jacke an und fahre mit dem Aufzug in die Tiefgarage. Es stehen nur noch wenige Autos da, unter anderem meins. Auf dem kurzen Weg vom Aufzug zum Auto spüre ich die Kälte, die von draußen kommt.
Während der Fahrt zum Friedhof rufe ich James an.
„Hunger“, sagt er. „Wie ich höre, bist du schon auf dem Weg. Und weil du anrufst, bist du nicht auf dem Weg zu uns.“
„Ich muss eine Leiche einfangen.“
„Eine was?“
„Eine Leiche.“
„Einfangen?“ Okay, James ist erschüttert. Zumindest für seine Verhältnisse.
„Da läuft ein Toter herum und ich soll ihn einfangen.“
„Du redest von einem, der richtig tot ist?“
„Zumindest war er es angeblich. Etwas über zwei Jahre lang. Und jetzt läuft er durch die Gegend.“
„Klingt gruselig. Und wo fährst du jetzt hin?“
„Zum Newviller Friedhof.“
„Oh, wie stimmungsvoll. Oktober, abends im Dunkeln. Das passt ja gut. Bist du sicher, dass dich da nicht jemand verarschen will?“
„Das traue ich Ben nicht zu.“
„Also hat er dich angerufen. Schade, das macht die Sache ernst. Weck mich, wenn du nach Hause kommst, ich bin neugierig.“
„Äh, sag mal …!“ Ich atme tief durch. „Ja, ist gut.“
„Dann viel Spaß bei der Zombiejagd.“
Ich starre entgeistert das Display von der Freisprechanlage an und fahre fast gegen ein parkendes Auto. Verdammt, Zombiejagd?
Am Friedhof ist nicht viel los. Ich kann verstehen, dass Ben in dieser Sache Aufsehen vermeiden möchte. Er steht neben seinem Wagen in Gesellschaft von zwei uniformierten Polizisten und eines weiteren Mannes. Das wird der Wärter sein.
Ich parke meinen Wagen neben ihnen und steige langsam aus. Hier ist es noch kälter als in West Town. Liegt ja auch höher, der Friedhof sogar am Waldrand. Ich ziehe die Jacke eng um mich und schlage den Kragen so hoch, wie es nur geht.
„Hi“, sage ich zu der Versammlung. „Ich nehme an, eure Leiche ist noch nicht wieder aufgetaucht?“
„Nein, die läuft noch herum“, antwortet einer der Polizisten grinsend. „Ich halte das Ganze für irgendeinen dummen Streich, der allerdings langsam lästig wird.“
„Das ist kein Streich!“, erwidert der, den ich für den Friedhofswärter halte. „Ich bin Martin Cartwright, der Friedhofswärter.“
„Fiona. Also, nochmal für Doofe. Sie haben einen nackten Mann auf dem Friedhof gesehen?“
„Ich habe ihn nicht bloß gesehen, sondern angefasst, um ihn festzuhalten. Er stand ganz nahe vor mir und ich konnte deutlich sein Gesicht sehen. Es war Victor Burton, den ich gesehen habe. Oder sein Zwillingsbruder. Aber ich glaube, er hat keinen.“
„Man kann heutzutage sehr echt wirkende Masken herstellen“, sagt der Polizist, der vorhin schon gesprochen hat. „Und in einer solchen Situation können einen die Augen auch schon mal täuschen. Also, ich glaube wirklich nicht an Geister.“
„Und wozu dann das Ganze? Für einen Streich etwas zu viel Aufwand, oder?“
Da hat Martin recht.
„Ich könnte mir verschiedene Gründe vorstellen“, bemerke ich. „Kann ich mir die Gruft ansehen?“
Martin nickt und geht los. Wir folgen ihm. Ben gesellt sich zu mir und fragte leise: „Was denkst du wirklich?“
„Ich habe gelernt, dass alles möglich ist. Wirklich alles. Aber ich kann mir grad nicht vorstellen, warum jemand nach zwei Jahren auferstehen und nackt durch den Friedhof rennen sollte.“
„Jedenfalls ist die Gruft aufgebrochen und einer der Särge leer, nämlich der, in dem Victor Burton gelegen hat.“
„Das ist zumindest interessant, dennoch kann es sein, dass jemand nur möchte, dass wir denken, Victor wäre auferstanden. Ich denke, im Moment ist eine nicht ganz so übernatürliche Erklärung nicht auszuschließen. Aber es kann genauso gut sein, dass wirklich einer, der schon verwest sein müsste, wieder durch die Gegend läuft. Im letzteren Fall wird es spannend.“
Wir erreichen die Gruft. Im Schein der Taschenlampen betrachte ich die Tür. Sie sieht wirklich aus, als wäre sie von innen aufgetreten worden. Das beweist zwar nichts, aber wenn jemand die Geschichte hier insziniert hat, dann hat er große Sorgfalt darauf verwendet, dabei authentisch zu wirken.
„Wollen Sie sich auch drinnen umsehen?“, fragt Martin.
„Klar.“
„Es ist aber dunkel.“
Ich blicke ihn an, dann lasse ich mir eine Taschenlampe geben und betrete die Gruft. Die anderen bleiben draußen, was mir auch lieber ist.
Es riecht moderig und nach verwesten Leichen. Das ist aber nicht weiter verwunderlich. Ich spüre auch deutlich, dass sich noch nicht alle vollständig von ihrem physischen Dasein gelöst haben. Doch das ist nicht mein Problem, daher tue ich so, als würde ich das gar nicht merken.
Ich sehe sofort, welcher Sarg Victor Burton gehört, denn der Deckel liegt daneben auf dem Boden. Er sieht aus, als wäre er von jemandem, der in dem Sarg gelegen hat, heruntergestoßen worden.
Das wird mir jetzt langsam ein wenig zu authentisch und ich beginne, ernsthaft in Erwägung zu ziehen, dass es wirklich Victor Burton ist, der draußen nackt herumläuft. Was ich nicht verstehe, ist, wieso er nicht verwest ist.
Sicherheitshalber werfe ich einen Blick in den offenen Sarg, aber der ist leer.
Ich gehe wieder nach draußen und zünde mir eine Zigarette an.
„Was hast du herausgefunden?“, erkundigt sich Ben.
„Der Sarg ist leer.“
„Sehr witzig! Und was noch?“
Ich zucke die Achseln. „Nichts weiter. Aber vielleicht solltet ihr in den umliegenden Häusern mal nachfragen, ob jemand etwas Ungewöhnliches bemerkt hat.“
Ben nickt den Polizisten zu, die sofort losgehen.
Ich blicke Martin an. „Ich brauche eine Liste der Beerdigungen heute und gestern.“
„Die habe ich im Büro.“
„Dann holen Sie sie bitte.“
Als auch er weg ist, sehe ich Ben an. „Da drinnen spuken einige noch herum, aber eben nicht in ihren Körpern. Ich halte es jedenfalls für immer wahrscheinlicher, dass unser Victor tatsächlich auferstanden ist.“
„Müsste er aber nicht völlig verwest sein?“
„Warum denn? Ist doch eh alles nur eine Illusion.“
„Ja, aber das bedeutet doch nicht, dass einer wieder einen vollständig wiederhergestellten Körper hat!“
„Ben, ich habe noch nie einen echten Geist gesehen, dafür aber viele andere Dinge, von denen ich früher gedacht habe, sie wären Ausgeburten von Fantasyautoren. Mich kann nichts mehr erschüttern.“
„Gut zu wissen. Und jetzt?“
Ich nehme einen letzten Zug, dann drücke ich die Zigarette aus und werfe sie fort.
„Das habe ich nicht gesehen.“
„Was denn? – Komm, wir laufen mal über den Friedhof, vielleicht begegnen wir ihm. Erzähl mir was über ihn.“
„Tja, er war das, was man einen Pechvogel nennen könnte. Er starb am 3. September 2005 bei einer Massenkarambolage aufgrund des Nebels, der an dem Tag die ganze Stadt eingehüllt hat. Am Tag zuvor hatte er geheiratet.“
„Autsch.“
„Seine Frau, also seine Witwe, die heißt Victoria, geborene Johnson.“
„Wo wohnt die? In Skyline?“
„Keine Ahnung, kann ich aber herausfinden, wenn es wichtig ist.“
„Vielleicht. Kommt darauf … dein Handy.“
Ben nickt und nimmt den Anruf an. Er hört interessiert zu, dann sagt er: „Wir kommen“ und legt auf.
„Was ist los?“
„In einem der Häuser wurde eingebrochen. Gestohlen wurde nur Kleidung. Ein Jogginganzug für Männer, Schuhe und etwas Geld. Der Dieb hat aber das Portemonnaie, Papiere, Kreditkarte, alles dagelassen, nur etwa 20 Dollar mitgenommen.“
„Reicht für ein Taxi“, murmele ich.
„Wie, was?“
„Reicht für eine Taxifahrt innerhalb von Skyline. Finde mal heraus, wo diese Victoria wohnt!“
Während Ben noch telefoniert, erreichen wir das Haus neben dem Friedhof, vor dem die beiden Polizisten herumstehen.
„Langsam kommt mir das Ganze doch etwas seltsam vor“, sagt jener, der vorhin die Masken ins Spiel gebracht hat. „Vielleicht wollte jemand jemandem einen Streich spielen und hat ihm die Kleidung geklaut.“
„Auf dem Friedhof?“, frage ich. „Haben Sie noch mehr unwahrscheinliche Vorschläge?“
„Jedenfalls wahrscheinlicher als Spukgestalten.“
Martin kommt mit einem Blatt Papier angelaufen und Ben ist fertig mit dem Telefonieren. Ich werfe pflichtbewusst einen Blick auf die Liste mit den Beerdigungen, dann blicke ich Ben fragend an.
Er nickt und sagt zu den Polizisten: „Ihr macht ein Protokoll und ich fahre mit Fiona zu Victoria Burton.“
„Und was mache ich?“, fragt Martin.
„Einen Rundgang über den Friedhof, vielleicht haben wir was Wichtiges übersehen“, antworte ich ihm.
Ben kann sich beherrschen, bis er im Auto sitzt, dann kriegt er einen Lachkrampf. Ich steige in mein eigenes Auto, zünde mir eine Zigarette an und warte. Als Ben endlich losfährt, folge ich ihm.
Victoria Burton wohnt in einer Villa, die mich eher an einen Bunker erinnert, der in einen Hügel reingebaut wurde. Wir parken vor der Doppelgarage und schlendern zum verglasten Hauseingang in der verglasten Fassade.
Sie öffnet uns in einem bodenlangen, gelben Kleid, das bis zum Bauchnabel ausgeschnitten ist. Irgendwie macht sie den Eindruck, als hätte sie jemand anderes erwartet. Sie sieht uns fragend an.
„Guten Abend“, sagt Ben und zeigt seinen Ausweis. „Ich bin Ben Norris, das hier ist Fiona. Wir sind wegen Ihres Mannes hier.“
„Wegen meines Mannes? Ich bin Witwe.“
„Das wissen wir“, erwidert Ben nickend. „Dürfen wir hereinkommen?“
Nach kurzem Zögern nickt sie und tritt zur Seite. Sie führt uns in das große, helle Wohnzimmer. Mir fällt ein Bild auf dem Kaminsims auf, das sie mit einem jungen, gutaussehenden Mann zeigt. Hinter ihnen der Eiffelturm.
„Ist das Victor?“, erkundige ich mich.
„Ja, das ist Victor. Und wer waren Sie nochmal?“
„Mein Name ist Fiona Flame.“
„Aha. Sie haben mir gar nicht Ihren Ausweis gezeigt.“
„Ich bin keine Polizistin, Victoria. Ich helfe dem Lieutenant in dieser Angelegenheit.“
„In welcher Angelegenheit?“ Sie blickt von mir zu Ben und zurück.
„Mrs Burton, Ihr Mann ist aus der Gruft verschwunden“, erklärt Ben feinfühlig. Ich habe große Lust, ihm einen Tritt in den Hintern zu verpassen.
„Mein Mann verschwunden? Aus der Gruft?“ Sie starrt ihn aus großen Augen an. „Sie meinen, er wurde … gestohlen?“
„Nun, das wissen wir nicht so genau. Der Friedhofswärter ist auf dem Friedhof einem nackten Mann begegnet, der aussah wie Ihr Mann.“
Sie starrt ihn immer noch an, aber ich sehe ihr an, sie wird gleich explodieren.
„Sind Sie verrückt?! Wenn das ein Witz sein soll, ist das ein verdammt schlechter! Wo ist die versteckte Kamera?! Wer zum Teufel seid ihr?!“
Ich fange sie ab, als sie auf Ben losgeht und zerre sie auf die Couch. Dabei werfe ich Ben wütende Blicke zu.
„Mrs. Burton! Mrs. Burton, sehen Sie mich an!“ Als sie stattdessen versucht, auf mich einzuschlagen, packe ich ihre Handgelenke und drücke so fest zu, dass sie vor Schmerz aufschreit. Und sie sieht mich endlich an. „Mrs. Burton, ich weiß, wie verrückt das klingt. Jemand, der aussieht wie Ihr Mann vor seinem Tod ausgesehen hat, ist nackt auf dem Friedhof rumgerannt, ist dann in einem Haus daneben eingebrochen, hat Kleidung und 20 Dollar gestohlen und ist seitdem verschwunden. Ich glaube, dass er herkommen wird.“
„Aber warum?“
Ich lasse testweise ihre Handgelenke los. Sie bleibt wie erstarrt in derselben Position.
„Nun, ich kann nicht ausschließen, dass es Ihr Mann ist und Sie besuchen will.“
„Er ist tot! Seit zwei Jahren!“
„Das weiß ich.“
Sie sieht mich an, als würde sie mich zum ersten Mal wahrnehmen, und sagt: „Ich kenne Sie. Ich hab Sie schon mal gesehen. Sind Sie nicht die Wahnsinnige, die nackt auf dem Flughafen rumgerannt ist?“
„Sie wurde dazu gezwungen“, erwidert Ben.
„Schon gut, Ben. – Mrs. Burton, mir ist klar, wie absurd das für Sie klingen mag. Für gewöhnlich vermeide ich es, das zu tun, was ich jetzt tun werde.“
„Nein!“, sagt Ben.
Ich höre nicht auf ihn, sondern packe mit der linken Hand meinen ausgestreckten Zeigefinger der rechten Hand und knicke ihn ruckartig nach hinten. Es knackt laut und vernehmlich. Der Schmerz ist die Hölle, aber ich bin ihn gewohnt und presse nur aufzischend die Zähne zusammen.
Victoria Burton starrt entgeistert meinen gegen den Handrücken gedrückten Finger an. Ich lasse ihn los und beobachte durch den Tränenschleier, wie er sich langsam aufrichtet, bis ich ihn schließlich wieder ganz normal bewegen kann.
„Victoria, Ihr Mann wird hier früher oder später auftauchen. Ich habe keine Ahnung, wieso er wieder am Leben ist, aber er ist es.“
„Don …“, flüstert Victoria.
„Wie bitte?“
„Don … Mein Freund. Er wird gleich hier sein.“
„Rufen Sie ihn an und sagen Sie ihm, dass er wieder nach Hause fahren soll.“
Victoria nickt geistesabwesend und geht zu einer Kommode, auf der eine Basisstation mit Mobilteil steht.
Während sie telefoniert, gehe ich zu Ben. Er ist etwas bleich.
„Du bist wahnsinnig!“, sagt er leise. „Das muss doch höllisch wehtun!“
„Das Abschneiden war schlimmer.“
„Erinnere mich bloß nicht daran! – Also gut, und wie geht es weiter?“
„Wir warten, bis Victor kommt.“
„Das kann ja ewig dauern!“
„Ich glaube nicht. Er muss nur ein Taxi finden und herkommen. Dann wird er eine Weile ums Haus rumschleichen. Da wir aber wieder abziehen, kommt er rein. Und weil wir ja nicht wirklich weg sind …“
„Raffiniert“, sagt Ben grinsend.
„Echt jetzt? Du wärst auch auf so eine Idee gekommen.“
„Natürlich. Allerdings habe ich nicht so viel Erfahrung mit Geistern.“
„Er ist kein Geist“, erwidere ich leise. „Ich habe eine Idee, was passiert sein könnte, will aber erst mit ihm sprechen.“
Victoria Burton ist fertig mit dem Telefonat und kommt zu uns. Sie hat Tränen in den Augen.
„Was passiert jetzt?“
„Victor wird vermutlich nicht reinkommen, solange wir hier sind, darum tun wir so, als würden wir wegfahren.“
„Was … was hat er vor? Ich meine, wie kann das alles möglich sein? Der Finger … Geister … So was gibt es doch gar nicht!“
„Es ist nicht leicht zu verstehen“, erwidere ich. „Als ich das erste Mal damit konfrontiert wurde, habe ich das alles für Spinnereien gehalten. Aber inzwischen weiß ich, dass unser westliches Weltbild mit der Realität ziemlich wenig zu tun hat.“
„Aber was sind Sie überhaupt? Auch ein Geist?“
„Nein, ich bin echt und lebendig“, sage ich kopfschüttelnd. „Meine Aufgabe ist es, mich um Dinge zu kümmern, die nicht in unser westliches Weltbild passen. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“
Danach fahren wir fahren mit unseren Autos weg, allerdings nur um drei Ecken, und gehen zu Fuß zurück. Auf unsere Bitte hin läßt Victoria Burton alle Lichter an und dank der Glasfassaden ist es auch von der Straße aus gut zu sehen, was im Haus passiert.
Erst einmal gar nichts. Sie läuft im Wohnzimmer umher, sichtlich nervös. In der Hand hält sie das Telefon und scheint mit sich selbst eine Unterhaltung zu führen.
Plötzlich fährt sie herum und starrt zur Tür.
Und einige Sekunden später kommt ein Mann ins Wohnzimmer und auf sie zu.
Ich setze mich in Bewegung, ohne darauf zu achten, ob Ben mithalten kann. Die Tür hält mich nur kurz auf, dann stürme ich ins Wohnzimmer.
Victor und Victoria Burton stehen nebeneinander und starren mich an.
„Guten Abend“, sage ich.
Keuchend kommt Ben neben mir an und sagt auch „Guten Abend“. Vermutlich fällt ihm genausowenig etwas Besseres ein wie mir.
„Was machen Sie denn hier?“, fragt Victor Burton.
„Wir wollen mit Ihnen reden“, antworte ich und mustere ihn neugierig. Er scheint es wirklich zu sein, auch das Verhalten der Frau deutet daraufhin. „Immerhin sollten Sie verwest im Sarg liegen.“
„Tue ich aber nicht“, murmelt er. „Ich brauche etwas zu trinken. Sie auch?“
Ich nicke. „Ich nehme einen Scotch.“
Er geht zur Bar und macht drei Drinks fertig. Ein Glas mit Martini reicht er seiner Frau. Dann blickt er Ben an.
„Ich trinke nichts, danke“, sagt dieser.
Er bringt mir meinen Scotch. Bei der Übergabe berühren sich kurz unsere Hände. Seine fühlt sich normal an. Seltsam. Sehr seltsam.
„Wir sollten uns setzen“, sagt Victor Burton und deutet auf die Sitzgruppe.
Wir nehmen sein Angebot an. Ben und ich sitzen nebeneinander auf der Couch, Victor und Victoria Burton getrennt in zwei Sesseln. Victoria ist sehr bleich, ihre Hand zittert leicht und vermutlich steht sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Kann ich gut verstehen.
„Victor – ich darf doch? -, Sie sollten wissen, dass ich vertraut bin mit … sagen wir mal, mit Dingen, die sich scheinbar der rationalen Erklärungsmöglichkeiten einer aufgeklärten westlichen Welt entziehen. Allerdings bin auch ich noch niemandem begegnet, der nach zwei Jahren Totsein in seinem restaurierten Körper zurückkehrt.“
„Das liegt vermutlich daran, dass Sie eine falsche Vorstellung über das Jenseits haben“, erwidert Victor ruhig.
„Habe ich das?“
„Nun, sind Sie gläubig?“
Ich verneine kopfschüttelnd.
„Und was glauben Sie dann über das Jenseits?“
Ich lehne mich lächelnd zurück und nippe an meinem Glas. „Nichts. Ich war schon oft tot und weiß, wie es in der Verborgenen Welt aussieht.“
Seine Augen weiten sich. „Sie … Sie wissen von der Verborgenen Welt?“
Ich nicke. „Mich interessiert vor allen Dingen, warum Sie hier sind und wie Sie das geschafft haben. Wobei, den Grund kann ich mir denken. Sie haben eine sehr attraktive Ehefrau. Ist es deswegen?“
„Ich liebe sie“, sagt Victor ruhig.
„Ihnen ist aber schon klar, dass Sie nicht einfach von den Toten auferstehen und so weitermachen können, als wäre nichts geschehen?“
„Ja, natürlich. Für dieses Problem habe ich noch keine Lösung.“
„Es gibt keine. Sie sind tot, Victor.“
„Der Tod ist eine Illusion, genauso wie das Leben. Wenn Sie die Verborgene Welt kennen, müssten Sie das doch wissen.“
„Ich weiß es auch. Aber die meisten Menschen wissen es nicht. Die sind das Problem. Wobei mich dennoch interessiert, wie Sie das geschafft haben.“
„Und Sie? Wie schaffen Sie das?“
„Ich bin eine Kriegerin, deswegen regeneriert sich mein Körper grundsätzlich immer wieder.“
„Sie sind eine Kriegerin? Sie sind doch Fiona, das Mädchen, das vor ein paar Jahren so viel in den Medien war? Wegen dieser Kindermissbrauchsgeschichte?“
„Ja, ich war das. Damals wusste ich allerdings nicht, dass ich eine Kriegerin bin.“
„Was ist eine Kriegerin?“, fragt Victoria leise.
Ihr Mann antwortet. „Eine Art Engel. Das ist eine komplizierte Geschichte, weil die Welt eigentlich ganz anders funktioniert, als die Menschen das glauben.“
„Krieger haben die Aufgabe, für das Gleichgewicht zu sorgen“, füge ich hinzu. „Leider hat der Chef vergessen, zu definieren, was er eigentlich mit Gleichgewicht meint. Wie auch immer, im Fall Ihres Mannes weiß ich nicht, was ich tun soll. Er verletzt das Gleichgewicht nicht wirklich, auch wenn es für mich völlig neu ist, dass ein gewöhnlicher Mensch in der Lage ist, sich zu regenerieren. Und das auch noch nach einer so langen Zeit.“
„Sagen wir es mal so: Ich hatte Hilfe durch jemanden, der das auch geschafft hat, aber schon lange kein Wiedergänger mehr ist. Er hat genug von der Welt, von der Illusion. Er hat mir gezeigt, wie das geht.“
„Beeindruckend“, erwidere ich lächelnd. „Dennoch bleibt das Problem, dass Sie in dieser Welt offiziell seit zwei Jahren tot sind. Es ist nicht vorgesehen, dass Tote wiederkehren.“
„Das kommt aber immer wieder vor, dass Menschen, die für tot erklärt wurden, plötzlich wieder da sind“, sagt Ben.
„Ja, aber in solchen Fällen gibt es entweder keine Leiche oder zumindest eine, die nicht ganz eindeutig identifiziert werden kann.“
„Das stimmt“, gibt Ben zu.
„Das ist doch Wahnsinn!“, schreit plötzlich Victoria Burton. „Ich werde doch nicht mit einem Geist zusammenleben! Ihr seid alle wahnsinnig!“
„Ich bin kein Geist!“, protestiert Victor. „Ich bin genauso aus Fleisch und Blut wie du. Ich habe meinen Körper vollständig regeneriert. Ich werde weiterleben und altern und irgendwann wieder sterben.“
„Nein!“
„Doch! Und ich darf dich daran erinnern, dass ich das Haus gekauft habe. Du hast es geerbt, aber wenn ich wieder am Leben bin, dann gehört es wieder mir und …“
„Jetzt mal langsam“, unterbreche ich ihn. „Auch wenn es nicht den großen göttlichen Plan gibt, waren Sie trotzdem tot und damit Ihr irdisches Leben beendet …“
„Wir sind alle unsterblich!“
„Nicht als menschliche Manifestierung. Victor Burton hat aufgehört zu existieren. Ihre Engagement für diese Rolle ist abgelaufen. Sie müssten sich eigentlich eine neue Rolle suchen, wenn Sie wieder leben wollen. Und dann die vorgesehene Prozedur durchmachen: Zeugung, Geburt, Aufwachsen, und so weiter.“
„Wollen Sie mich töten? Um das Gleichgewicht zu wahren?“
„Blödsinn. Ich kann nicht erkennen, wie Sie das Gleichgewicht stören. Trotzdem werde ich nicht einfach zur Tür rausspazieren, ohne eine Lösung für … für das Problem zu haben.“
„Es muss doch möglich sein, irgendwie zu erklären, dass nicht ich beerdigt wurde!“
„Hallo? Die gesamte Verwandtschaft hat Sie aufgebahrt gesehen!“
„Ich wurde beim Unfall übel zugerichtet.“
Ich blicke Ben an. „Der Wärter will ihn doch erkannt haben und hat ihn vorher nur bei der Aufbahrung gesehen.“
„Sagt er. Die Leichen werden normalerweise für die Aufbahrung wieder hergerichtet, so gut es geht.“
„Ich weiß“, murmele ich und denke an Norman.
„Aber so weit ich mich erinnere, war Victor Burton in seinem Auto von der Ladung des LKWs vor ihm zerquetscht worden.“
„Aber in seinem Auto?“, frage ich nach.
„Das habe ich verliehen“, sagt Victor.
„Und wo waren Sie zwei Jahre lang?“
„Hm.“
Ich betrachte seine Frau, die aussieht, als stünde sie kurz vor der Ohnmacht. Was mich nicht wirklich verwundert. Nicht nur, dass ihr totgeglaubter Ehemann quietschfidel plötzlich auftaucht, sondern er will sie auch noch aus dem Haus schmeißen, das sie sich zusammen mit ihrem Liebhaber so schön eingerichtet hat.
Geht ja gar nicht.
Dürfte sie jedenfalls denken.
Ob sie auch darüber nachdenkt, dass Victor gesagt hat, dass er sie liebt?
„Mal angenommen, diese Fragen lassen sich alle so klären, dass Sie wieder Ihr altes Leben aufnehmen könnten. Aber auch dann bliebe es Fakt, dass Sie die Illusion durchschauen, dass Sie von der Verborgenen Welt wissen.“
„Das würde ich schön für mich behalten, sonst würde ich für verrückt erklärt.“
„Und? Sie würden also einfach alles für sich behalten und niemandem davon erzählen? Das kann ich mir nicht vorstellen. Immerhin wurde doch Ihr gesamtes Weltbild umgeworfen.“
„Ihres doch auch.“
„Das stimmt, und ich hatte auch lange daran zu knabbern.“
„Trotzdem sind Sie hier. Und eine Kriegerin.“
Ich seufze. „Ihre Frau weiß jetzt auch davon.“
Er mustert sie. Sie starrt den Boden an. „Hören Sie, Fiona, warum geben Sie mir nicht einfach mal einen Tag Zeit, über meine Situation nachzudenken? Muss ich das wirklich jetzt sofort entscheiden? Das ist grausam.“
Ich sehe Ben fragend an. Er nickt.
„In Ordnung, denken Sie bis morgen Abend darüber nach. Und bis dahin bleiben Sie im Haus, gehen nicht einmal in den Garten. Niemand darf Sie sehen. Am besten geht auch Ihre Frau nicht aus dem Haus.“
Victoria starrt mich entsetzt an. „Sie wollen mich wirklich mit … mit dem hier allein lassen?“
„Es ist Ihr Mann, Victoria. Der Mann, den Sie geheiratet haben. So, als wäre er niemals gestorben.“
Sie sinkt in sich zusammen.
„Fiona, überlassen Sie das mir. Ich kümmere mich darum. Niemand wird mitbekommen, dass ich hier bin. Und bis morgen habe ich eine Entscheidung getroffen.“
Ich nicke. „In Ordnung. Ich komme morgen Abend wieder vorbei und wir setzen diese Unterhaltung fort.“
„Ich danke Ihnen. Ich bin mir sicher, dass wir eine Lösung finden werden.“
Ganz sicher.
Victor begleitet uns zur demolierten Haustür. Ich reiche ihm die Hand. Die Berührung ist unspektakulär, wie der Händedruck eines jeden Menschen.
Draußen atmet Ben tief durch. „Irgendwie ist das ganz schön gruselig“, sagt er dann.
„Ja“, erwidere ich nachdenklich. Wir gehen langsam los. „Und du meldest, dass wir ihn nicht gefunden haben und er nicht aufgetaucht ist?“
Er nickt. „Hoffentlich ist es richtig, was wir hier tun.“
Das hoffe ich auch.
Wir verabschieden uns neben meinem Wagen, dann steige ich ein und fahre nach Hause.

Nodus Sinuatrialis.
Das kann sich doch kein Mensch merken! Zumindest keiner, der nicht zehn Jahre Medizin studiert hat. Andererseits, der Name ist genial. Finde das mal im Internet. Und selbst wenn du was findest, kommst du niemals darauf, dass du nicht auf einer Seite für angehende Herzchirurgen gelandet bist.
Ich mustere den Ausdruck der Mail. Die haben eine Geschäftstelle in Newvil, was ich ganz praktisch finde, weil der Weg vom Zuhause der Burtons dahin nicht sehr weit ist. Unter den gegebenen Umständen vielleicht ein großer Vorteil.
Ich greife nach dem Telefon und rufe James an.
„Mein Schatz, du bist der Größte!“, erkläre ich ihm.
„Du hast Glück, dass Geheimdienst mehr ist als nur geheimer Dienst“, erwidert er in seiner üblichen Bescheidenheit.
„Das hast du aber schön gesagt. Und ich wusste das doch schon, schließlich habe ich James Bond gesehen. Und Craig als Bond ist sowieso …“
„Sag nichts Falsches, meine Liebe“, unterbricht er mich.
„So, so. Hast du einen bestimmten Verdacht, was ich sagen wollte?“
„Wahrscheinlich, was alle in spätpubertären Zustand zurückversetzte Frauen sagen wollen, nachdem sie Craig als Bond gesehen haben.“
„Jetzt machst du mich ja mal neugierig. Was sagen denn Frauen, die in spätpubdingsbums Zustand zurückversetzt wurden?“
„Das müsstest du doch besser wissen als ich“, brummt er. „Wann kommst du eigentlich nach Hause?“
„Lenk nicht ab!“
„Ich lenke nicht ab.“
Ich seufze. „Du bist unmöglich. Dabei weißt du doch genau, dass gegen dich kein anderer James eine Chance hast. Den Craig schlägst du doch um Längen.“
„Oh, oh, das gibt eine ganz schön hässliche Schleimspur.“
„Gar nicht. Ich habe doch eine Hose an.“
Jetzt lacht er endlich. „Da hast du was missverstanden, meine Liebe. Aber wir wollen das mal nicht am Telefon vertiefen.“
„Du willst ja bloß, dass ich möglichst schnell nach Hause komme. Aber ich muss dich enttäuschen, ich habe immer ein paar Slipeinlagen zur Reserve im Büro.“
„Jetzt wird das Gespräch eindeutig zu intim für die NSA.“
„Das stimmt. Also, ich fahre jetzt zu Victor und Victoria und höre mir an, was sie mir zu sagen haben. Falls Victoria nicht schon einen Nervenzusammenbruch hatte. Dann fahre ich bevorzugterweise mit Victor zu der Geschäftsstelle von … von Nodus Wasauchimmer.“
„Nodus Sinuatrialis.“
„Verdammt, ich wusste doch, irgendwas war verkehrt! – Sag mal, wieso kannst du das so gut aussprechen? Verheimlichst du mir etwas?“
„So schwer ist das ja nun auch wieder nicht.“
„Ja, ja, du bist ja auch nicht blond wie ich. So, mein Lieber, das war wie immer ein entzückendes Gespräch mit dir, aber ich muss los, sonst wird es sehr spät und du schläfst schon, wenn ich nach Hause komme.“
„Alles in Ordnung?“
„Ja, klar. Wieso fragst du?“
„Du klingst etwas aufgekratzt.“
„Das liegt am Sekt.“
„Am Sekt?“
„Am Sekt.“
„An welchem Sekt?“
„Den ich getrunken habe.“
„Aha. Muss ich jetzt wirklich alles einzeln aus dir herauskitzeln oder erzählst du mir in zwei zusammenhängenden Sätzen, was los ist?“
„Bob, den ich aus meiner Traineezeit gut kenne, hat heute Geburtstag. Die ganze Abteilung hat mit ihm angestoßen und ich halt auch.“
„Das waren ja wirklich zwei Sätze.“
„Ich bin ja auch eine brave Ehefrau, die tut, was man ihr sagt.“
„Okay, du hast grad bewiesen, dass Alkohol wirklich ähnlich wirkt wie Wahrheitsserum. Ich meine, du hast es widerlegt.“
Ich lache. „Mein Schatz, ich lege jetzt auf und fahre.“
„Okay. Wer legt zuerst auf? Du oder ich?“
„Du bist doof. Bye!“ Immer noch lachend beende ich die Verbindung und lege das Telefon auf den Tisch.

Als ich gegen die Tür klopfe, höre ich kurz darauf Schritte auf der anderen Seite und dann die Stimme von Victoria: „Wer ist da?“
„Fiona.“
Jemand nestelt an der Tür herum, dann kippt sie zur Seite. Ich mustere sie beim Eintreten und gebe erst Victoria, dann ihrem wiederauferstandenen Mann die Hand. Victor hängt die Tür danach wieder ein.
„Tut mir leid“, sage ich. „Aber ich hatte es eilig.“
„Schon gut“, erwidert er. „Wir wollten heute nur nichts riskieren und haben deswegen die Tür noch nicht reparieren lassen.“
„Das ist eine gute Idee.“ Ich folge Victoria in den Salon, wo jetzt die Jalousien unten sind.
„Möchten Sie einen Scotch?“, erkundigt sich Victor, bereits auf dem Weg zur Bar.
„Nein, heute nicht. Im Büro gab es eine Geburtstagsfeier und ich möchte meinen Alkoholpegel nicht weiter hochtreiben.“
„Oh. Okay, dann …“
„Moment mal!“, ruft Victoria. „Bevor wir weitermachen, möchte ich klarstellen, dass ich diesen Wahnsinn nicht länger mitmachen werde! Ich werde ausziehen!“
„Warum denn?“, frage ich erstaunt.
„Warum? Das fragen Sie noch!? Sehen Sie sich den doch an! Ich habe ihn vor zwei Jahren zu Grabe getragen, er müsste von den Würmern zerfressen sein!!“
„Ja, aber dafür sieht er doch eigentlich ganz gut aus.“
„Was?!?“, kreischt sie. „Halten Sie das alles irgendwie für einen Scherz?!“
„Nein, keineswegs. Mir ist der Ernst der Lage durchaus bewusst. Aber dieser Mann ist aus Fleisch und Blut wie Sie. Wenn Sie nicht wüssten, dass er gestorben ist, würden Sie es nicht merken.“
„Ich weiß es aber!“
„Trotzdem, er ist jetzt … sozusagen im alten Zustand. Bevor er starb. So eine Art Hard-Reset.“
Victoria starrt mich an und sieht aus, als würde sie sich gleich auf mich stürzen. Ihr Mann bewahrt sie vor dieser Dummheit, indem er zu ihr tritt und ihr ein Glas mit irgendetwas Alkoholischem darin reicht.
„Trink das, mein Schatz. Fiona ist eine Kriegerin.“
Sie mustert ihn, dann nimmt sie mit mürrischem Gesichtsausdruck das Glas und kippt den Inhalt hinunter.
„Ja, und? Was bedeutet das?“
„Dass sie viel stärker und schneller ist als normale Menschen. Es wäre also keine gute Idee, sie anzugreifen.“
„Habe ich das getan? Nein. Na also!“
Ich wende mich grinsend ab und wandere zur Couch. Während ich mich fallen lasse, erkundige ich mich: „Sagen Sie, Victor, welche Lösung haben Sie gefunden?“
„Ja, also …“ Er folgt mir und setzt sich am anderen Ende der Couch. „Ich könnte bei dem Unfall so schwer verletzt worden sein, dass ich mein Gedächtnis verloren habe. Es hat so lange gedauert, bis ich …“
„Und wer ist dann in Ihrem Sarg beerdigt worden?“
„Ein Freund, der mit mir im Auto saß.“
Ich mustere ihn.
„Ja, ist ja schon gut, der Plan ist nicht besonders gut durchdacht.“
„Freundlich ausgedrückt.“
„Aber was ist mit meiner Idee von gestern? Dass ich gar nicht im Wagen war, weil ich ihn kurzfristig verliehen habe? Und weil der Körper ziemlich … äh, demoliert wurde beim Unfall, hat niemand gemerkt, dass ich das gar nicht war. Ich meine, eine DNA-Probe hätte das aufgedeckt, aber es gab ja keinen Grund zu zweifeln.“
„Und wer wird seitdem vermisst?“
„Öh … darüber habe ich natürlich auch schon nachgedacht. Es könnte ein Kumpel von mir gewesen sein, der im Ausland wohnt. Er ist für ein paar Tage nach Skyline gekommen und brauchte dringend ein Auto …“
„Victor, wer soll Ihnen den Schwachsinn abkaufen?“
Er senkt den Blick. „Ich will nicht zurück. Nicht jetzt. Ich lebe doch. Habe Herzschlag, Blutdruck, Gefühle. Wollen Sie mich wirklich wieder töten?“
Ich schüttele den Kopf. „Nein, das will ich nicht. Habe nie gesagt, dass ich das will. Dennoch brauchen wir eine vernünftige Lösung. Sie können nicht einfach in Ihr altes Leben zurück.“
„Und wie soll die aussehen?“
„Wir fragen jemanden, der mit so was mehr Erfahrung hat als ich.“
Überrascht blickt er mich an.
„Es gibt noch mehr wie mich?“
„Sieht ganz danach aus“, erwidere ich nickend. „Gar nicht so weit weg von hier gibt es eine Geschäftsstelle von … Ich kann mir diesen Scheißnamen nicht merken!“ Ich hole den Ausdruck aus der Hosentasche. „Nodus Sinuatrialis.“
„Bitte, was?“
„Das ist lateinisch und heißt Sinusknoten.“
„Sinusknoten? Ernsthaft jetzt?“
Ich nicke schon wieder. „Ja. Passt doch, oder? Da gibt es noch mehr Wiederkehrer. Ich vermute, die haben die ein oder andere Idee, was wir mit Ihnen anfangen sollen.“
„Und da haben Sie einen Termin ausgemacht?“
„Einen Termin?“ Ich starre ihn entgeistert an. „Nein, wir gehen einfach hin. Jetzt.“
„Jetzt?“
„Ja.“
„Werde ich hierher zurückkommen?“
Ich zucke die Achseln. „Keine Ahnung. Sie sind mein erster derartiger Fall, Victor.“ Ich blicke Victoria an, die auf einem Stuhl in der Essecke sitzt und apathisch vor sich hinstarrt. „Sie kommen auch mit, Victoria.“
„Ich?“ Sie hebt den Kopf und stiert mich an. „Wieso denn?“
„Es ist immerhin Ihr Mann, um den es geht. Sie müssen ihn ja mal geliebt haben. Außerdem geht es Sie auch ganz praktisch was an, wie es weitergeht.“
„Er ist tot“, flüstert sie. „Ich habe um ihn getrauert. Erst war ich wütend. Wütend auf Gott, wütend auf das Schicksal. Dann kam die Einsamkeit. Und irgendwann habe ich mich aufgerafft, habe angefangen, mein Leben zu leben. Ja, ich habe ihn geliebt. In einem früheren Leben.“
„Das tut mir leid.“ Ich wende mich an Victor: „Zwei Jahre sind eine lange Zeit.“
„Ich weiß. Ich … In der Verborgenen Welt gibt es keine Zeit. Ich dachte wohl irgendwie, ich komme hier an und alles ist wie früher. Mir war gar nicht klar, was zwei Jahre bedeuten können.“
„Kommt darauf an, für wen. In der Verborgenen Welt sind zwei Jahre wie ein Wimpernschlag. – Nun, hilft alles nichts. Wir nehmen meinen Wagen.“
„Muss ich mich umziehen?“, fragt Victoria, während sie sich mühsam erhebt.
„Keine Ahnung. Entscheiden Sie selbst, welchen Eindruck Sie machen wollen.“
„Meinen Sie, das ist den Zombies wichtig?“
„Ich bin kein Zombie!“, entfährt es Victor. „Wann akzeptierst du das endlich?“
„Gar nicht“, erwidert Victoria und geht aus dem Salon.
Victor blickt mich an. Ich zucke nur die Achseln.
Victoria kommt paar Minuten später umgezogen wieder und wir machen uns auf den Weg.

Dekadent. Das Wort kommt mir spontan in den Sinn, als wir auf die Auffahrt abbiegen und das Gebäude erblicken, in dem Nodus Sinuatrialis seinen Vereinssitz hat.
„Ist ja ziemlich dekadent“, bemerkt Victor, der neben mir sitzt.
„Tote sind immer dekadent, wenn sie durch die Gegend laufen!“, erwidert Victoria von hinten.
„Meine Liebe, das wird allmählich doch langweilig“, stellt Victor fest.
„Dann geh doch zurück in deine Gruft, wenn es dich nervt!“
Er schüttelt den Kopf und verzichtet auf eine weitere Diskussion. Was ich für eine weise Entscheidung halte.
Ich parke den Wagen neben einem wuchtigen Geländewagen aus England. Beim Aussteigen sehe ich mich neugierig um. Die Gegend ist vornehm, wie es sich für Newvil gehört, wobei wir uns in einer der älteren Ecken Newvils befinden, die noch nicht so von Neureichen überbevölkert wird wie der Rest des Vorortes. Ich werfe einen Seitenblick auf Victor, der vor seinem Tod zu den typischen Vertretern der Yuppies gehört hat. Börsenjunkie.
Die schwere Metalltür mit zwei Flügeln ist nicht abgeschlossen; ich halte sie den beiden Burtons auf, damit sie nicht von der zurückschwingenden Tür erschlagen werden. Nicht auszudenken, wenn Victoria auch zum „Zombie“ würde. Der reinste Horror.
Der Raum, in den wir gelangen, ist mit geräuschdämpfendem Teppich ausgelegt und wirkt nicht weniger edel als das Ambiente draußen. Hinter einem riesigen, massiven Schreibtisch, auf dem genug Platz zum Tennis spielen ist, sitzt eine Frau etwa mittleren Alters. Im Anbetracht der Umstände bin ich mir nicht ganz sicher, wie ich ihr Alter abschätzen soll.
Sie blickt uns freundlich durch eine randlose Brille entgegen und lächelt dabei professionell. Ich weiß nur, wenn bei CSE am Empfang die Damen so lächeln würden, hätte ich sie schon längst auf einen Selbsterfahrungskurs geschickt.
Aber vielleicht ist das in einem Verein, der vorgibt, Herzinfarktüberlebenden ins Leben zurück zu helfen, eher angebracht. Ich glaube es zwar nicht, aber ich bin ja auch keine Herzinfarktüberlebende und werde es auch nie sein.
„Guten Abend und herzlich willkommen bei Nodus Sinuatrialis“, sagt sie mit einer überraschend angenehm temperierten Stimme. „Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Hi“, erwidere ich bewusst schnodderig. „Wir sind hier, um einen Knoten zu lösen.“
„Wie bitte?“
Auch meine Begleiter wirken etwas irritiert.
„War ein Scherz“, erkläre ich.
Endlich versteht sie und ein zweites Lächeln überlagert das erste auf ihrem Gesicht. „Ich verstehe. Nun, wenn ich kann, bin ich Ihnen selbstverständlich dabei behilflich.“
„Das ist schön. Wir hätten gerne den Chef gesprochen … Moment …“ Ich hole den Mailausdruck hervor, auf dem alles Wichtige steht. „Mr. Peter Wolf.“
„Mr. Wolf ist in einem Meeting“, erwidert das personifizierte Lächeln. „Ich nehme an, Sie haben keinen Termin.“
„Richtig angenommen, Miss …“
„Verzeihen Sie meine Unhöflichkeit. Ich bin Virginia Wolf, die Tochter von Mr. Wolf.“
„Trifft sich gut“, sage ich und schenke ihr ein Lächeln.
„Möchten Sie denn Informationsmaterial über unsere Arbeit mitnehmen?“ Sie greift elegant hinter sich und holt ein Päckchen mit bunten Broschüren nach vorne. „Ist jemand von Ihren Begleitern betroffen?“
„Das kann man wohl so sagen“, bestätige ich.
„Ich verstehe. Das ist natürlich ein großer Einschnitt im Leben eines Menschen. Aber man hat ja Glück gehabt und den Herzinfarkt überlebt …“
„Hat man nicht“, unterbreche ich sie. „Miss Wolf, ich schlage vor, wir lassen dieses Geplänkel und kommen zur Sache.“
Sie sieht mich ausdruckslos an. „Ich fürchte, ich verstehe Sie nicht, Miss …?“
„Mrs. Flame. Fiona Flame.“
„Also, Mrs. Flame, ich fürchte, ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.“
„Natürlich wissen Sie das, so wie Sie ja auch wissen, dass Ihr Vater ein Wiederkehrer ist.“
„Noch ein Zombie!“, entfährt es Victoria.
„Ein Wiederkehrer? Was genau meinen Sie damit? Es gibt natürlich einige Mitglieder, die bei ihrem Herzinfarkt eine Nahtoderfahrung hatten, aber ich glaube, Wiederkehrer ist nicht der passende Ausdruck dafür.“
„Ich meinte ja auch die Wiederkehrer, die schon richtig und ganz tot waren und es geschafft haben, ihren Körper zu reaktivieren.“ Ich werfe einen Blick auf Victor. „Wie auch immer sie es geschafft haben.“
„So was gibt es nicht“, erklärt Virginia Wolf ruhig.
„Natürlich gibt es das. Auch wenn ich zugeben muss, dass mir dieses Phänomen neu ist. Aber ich bin lernfähig und habe akzeptiert, dass es selbst in Skyline einige Hundert Wiederkehrer gibt. Und Ihr Vater gehört dazu, was Ihnen bekannt sein wird.“
„Aha. Und Sie denken, Sie kennen einen Wiederkehrer?“
„Das denkt sie nicht nur, das weiß sie sehr genau.“
Miss Wolf schwenkt ihren Blick von mir zu Victor. „Und woher?“
„Weil ich vor zwei Jahren bei einem Unfall gestorben und gestern wiedergekehrt bin.“
Miss Wolf mustert ihn nachdenklich, dann nimmt sie Victoria unter die Lupe.
„Das ist die Witwe“, sage ich. „Die ehemalige Witwe, um genau zu sein.“
„Und wie kommen Sie ins Bild, Mrs. Flame?“
„Ich bin eine Kriegerin.“
Ihre Gesichtszüge entgleisen nur kurz, aber dafür umso nachdrücklicher. Doch sie fängt sich schnell wieder.
„Eine Kriegerin? Sie, Fiona Flame?“
„Überraschung!“, erwidere ich grinsend. „Also, können wir jetzt endlich mit Ihrem Vater sprechen?“
„Ich … ich bin mir nicht sicher, ob er noch da ist. Ich schaue mal nach.“
Als sie aufsteht, stelle ich mich ihr in den Weg. „Miss Wolf, vorhin war er noch im Meeting. Wenn ich wollte, würde ich einfach in sein Büro marschieren, aber das ist meistens nicht meine Art. Zumal ich Ihrem Vater nichts will. Mir geht es nur darum, Victor Burton zu helfen, mit seinem neuen, ungeplanten Leben zurechtzukommen und ich glaube, Ihr Verein kann ihn dabei unterstützen. Als Kriegerin habe ich nichts gegen Wiederkehrer.“
„Wirklich nicht?“, fragt sie leise und senkt den Blick. „Wir haben durchaus von Vorfällen gehört, wo Krieger Wiederkehrer getötet haben.“
„Das ist bedauerlich, aber ich bezweifle, dass sie es ohne triftigen Grund getan haben. Auch Wiederkehrer können Dinge tun, die ein Krieger als Störung des Gleichgewichts einstufen kann, dann muss er handeln. Die Tatsache, ein Wiederkehrer zu sein, stellt für mich jedenfalls keine Störung des Gleichgewichts dar. Ich habe nicht vor, Ihrem Vater zu schaden. Allerdings hasse ich es, verarscht zu werden. Das kann mein persönliches seelisches Gleichgewicht sehr empfindlich stören und dann reagiere ich nicht immer nachvollziehbar.“
Ich betrachte sie, die immer mehr zu einem Häuflein Elend mutiert. Eigentlich ist sie eine hübsche Anfangdreißigerin, zumindest dem Anschein nach. Gekleidet in einen braunen Zweiteiler, Strümpfe und Lackschuhe mit zwar hohen, aber nicht schwindelerregenden Absätzen wirkt sie sogar seriös und dürfte geeignet sein, normale Menschen, die den Verein für das halten, was er vorgibt zu sein, zu täuschen. Aber mit mir ist sie eindeutig überfordert.
„Es tut mir leid“, murmelt sie und starrt den Boden an. „Darf ich an Ihnen vorbei? Ich frage meinen Vater …“
„In Ordnung. Aber nicht weglaufen. Bin sowieso schneller.“
Sie nickt und zwängt sich an mir vorbei, dann geht sie durch eine schwere Holztür, vielleicht Mahagoni. Dekadent wirkt sie auf jeden Fall.
„Sie haben ihr ja ganz schön Angst gemacht“, stellt Victoria fest. „Hoffentlich kriegt der Zombie-Vater keinen Herzinfarkt!“
„Das wäre eine ziemliche Ironie“, erwidere ich grinsend, dann wende ich mich an Victor: „Ich habe das Gefühl, Sie werden sich von Ihrem früheren Leben verabschieden müssen.“
„Glauben Sie, das wird man mir hier raten?“
„Den Eindruck habe ich, ja.“ Ich nehme die Broschüren vom Schreibtisch und blättere sie durch, während wir warten.
Weit komme ich nicht, bis die Tür wieder aufgeht und Virginia Wolf zurückkehrt. Ein hochgewachsener, grauhaariger Mann begleitet sie. Er kommt mir bekannt vor, aber mir fällt nicht ein, wo ich ihn schon mal gesehen haben könnte.
Er kommt auf mich zu und hält mir die Hand hin, die ich ergreife.
„Miss Flame, eine Überraschung, Sie hier begrüßen zu dürfen. Ich bin Peter Wolf.“
„Die Überraschung ist ganz auf meiner Seite. Meine Begleiter sind Victoria und Victor Burton.“
Peter Wolf begrüßt die beiden auch, dann deutet er auf die Tür, durch die er gekommen ist. Seine Tochter folgt uns.
„Darf ich Ihnen etwas anbieten? Vielleicht Kaffee?“
„Ich nehme einen“, erwidere ich. Victoria schüttelt den Kopf, Victor möchte ein Glas Wasser.
Virginia geht wieder nach draußen.
Nachdem wir uns alle gesetzt haben, blickt Wolf mich an und sagt ruhig: „Sie haben meiner Tochter einen ganz schönen Schreck eingejagt. Sie hat keine besonders gute Meinung von Kriegern, fürchte ich.“
„Schwarze Schafe gibt es überall.“
„Gewiss. Ich gebe zu, ich bin überrascht, dass Fiona Flame eine Kriegerin ist. Obwohl Sie ja durchaus bewiesen haben, dass Sie kämpferisch veranlagt sind.“
„Und dabei wusste ich zu der Zeit noch nicht, dass ich eine Kriegerin bin.“
„Das denke ich mir, denn wenn Sie es gewusst hätten, hätten Sie sich vermutlich anders verhalten.“
„Mit Sicherheit.“
Die Tür geht auf und Virginia kommt mit den Getränken. Sie serviert sie stumm, dann setzt sie sich in der Nähe ihres Vaters. Im Vergleich zu ihrem selbstbewussten Auftreten zu Beginn unserer Begegnung wirkt sie im Moment sehr unsicher und verloren.
„Dann kommen wir doch zur Sache“, fährt Peter Wolf fort. „Was kann ich für Sie tun? Meine Tochter hat angedeutet, dass Mr. Burton … schon einmal tot war?“
„Und wie ich tot war!“, erwidert dieser. „Bis ich dann erfahren habe, dass diese ganze Gefrorene Welt eine Illusion ist und eine einzige Verarsche!“
„So würde ich das nicht nennen“, sagt Peter Wolf ruhig. „Diese Illusion hat durchaus einen Zweck.“
„Welchen denn?“
„Wir sind nicht hier, um die philosophischen Aspekte des menschlichen Daseins zu diskutieren“, unterbreche ich.
„Zumal es keineswegs nur um Menschen geht.“ Peter Wolf lächelt sanft.
„Ich weiß, aber auch darum geht es nicht.“
„Was soll das bedeuten?“, kreischt Victoria. „Wollen Sie damit andeuten, dass es diese … diese Zombies nicht nur auf der Erde gibt? Oder dass auch Tiere …?“
Ich seufze. „Victoria, Sie werden akzeptieren müssen, dass die Welt aus mehr als nur Modezeitschriften und Hollywoodstars besteht. Die Erde ist nicht mehr als ein Fixpunkt unter vielen im Universum. Wie auch immer, Victor, ich möchte jetzt wirklich nicht über existenzphilosophische Aspekte des Universums diskutieren, zumal ich befürchte, dass Sie nur einen kleinen Ausschnitt der Wahrheit wissen.“
„Und Sie wissen mehr?“
„Ich bin eine Kriegerin.“
„Dann wissen Sie vermutlich auch vom Statthalter?“, fragt Peter Wolf.
„Wissen? Machen Sie Witze? Ich hatte schon mehrmals das Vergnügen, mich mit ihm unterhalten zu dürfen.“
„Das hört sich an, als wäre es eigentlich das Gegenteil eines Vergnügens gewesen.“
„Ansichtssache“, murmele ich. „Lassen wir das. Wir haben hier ein ganz konkretes Problem und mein Gefühl sagt mir, dass Sie im Umgang mit dieser Art von konkreten Problemen mehr Erfahrung haben als ich.“
„In der Tat“, bestätigt Peter Wolf nickend. „Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass das Wiederkehren manchmal … unerwünschte Nebenwirkungen hat.“
„Unerwünschte Nebenwirkungen?“, wiederholt Victor und starrt ihn entsetzt an.
„Nun ja, Sie dürfen nicht vergessen, dass der menschliche Geist auf ein Leben programmiert ist. Mrs. Flame wird sicherlich bestätigen können, dass es einiges an Arbeit bedarf, als Mensch mit dem Wissen um das, was jenseits der Grenzen der Gefrorenen Welt liegt, umgehen zu lernen …“
„Das stimmt.“
„Krieger sind aber Seelen, die sich diese Aufgabe gezielt ausgesucht haben, das erleichtert die Eingewöhnung. Wenn ich das mal so sagen darf. Wiederkehrer verletzen die Spielregeln und überschreiten Grenzen, die eigentlich nicht ohne Konsequenzen überschritten werden dürfen.“
„Ach?“, sage ich. „Wie sehen diese Konsequenzen denn aus?“
„Das ist unterschiedlich, Mrs. Flame. Meistens geht es darum, dass Wiederkehrer nicht mehr in ihr altes Leben zurück können und eine neue Identität annehmen müssen. Meine Tochter und ich zum Beispiel sind vor fünf Jahren bei einem Hausbrand ums Leben gekommen und leben seitdem ein sehr zurückgezogenes Leben als Hinzugezogene. Wenn jemand sich sehr viel Mühe gebe, könnte er herausfinden, dass wir eigentlich niemals geboren wurden. Zumindest nicht als Virginia und Peter Wolf.“
„Ich glaube, ich weiß wer Sie waren“, sage ich nachdenklich. „Sie kamen mir vorhin schon irgendwie bekannt vor.“
„Ich würde es sehr schätzen, wenn Sie dieses Wissen für sich behalten würden, Mrs. Flame.“
Ich schenke ihm ein Lächeln, denn für einen anerkannten Wissenschaftler, der Nahtoderfahrungen ausschließlich ins Reich der Biochemie verfrachtet hat, muss die Erkenntnis, da sehr falsch gelegen zu haben, ein Kulturschock gewesen sein. Es erklärt aber auch, warum er sich so sehr für Wiederkehrer einsetzt.
„Selbstverständlich, Peter.“
„Danke, Fiona.“ Er lächelt auch, also hat er verstanden.
„Ihr habt mich abgehängt, glaube ich“, beschwert sich Victor. „Wovon redet ihr?“
„Ich weiß jetzt, wer Peter Wolf mal war und warum er jetzt Peter Wolf ist“, erkläre ich, wohlwissend, damit keineswegs zur Entwirrung von Victor beizutragen. „Mich interessiert sehr, welche Probleme es noch geben kann.“
„Nun, schwierig wird es dann, wenn einem Wiederkehrer klar wird, über welche Macht er verfügt.“
Ich verstehe sofort. Logisch. Wiederkehrer haben hinter die Grenzen geblickt und waren in der Lage, mindestens einmal ihr erweitertes Wissen anzuwenden, als sie nämlich ihren Körper reaktiviert haben. Und auch wenn sie eigentlich Menschen wie vor ihrem Tod sind oder werden, haben sie den Menschen, die noch vor ihrem physischen Tod stehen, eines voraus: Sie durchschauen die Illusion.
„Wie oft kommt das vor?“
„Nicht oft. Ein Wiederkehrer weiß nicht nur, über welche Macht er verfügt, er weiß auch, welche Konsequenzen es hat, wenn er diese Macht auch nutzt.“
„Zum Beispiel, dass Krieger ihn töten wollen.“
„Zum Beispiel.“
„Ich finde das richtig, dass diese Zombies wieder dahin zurückbefördert werden, wohin sie gehören.“ Victoria schon wieder.
„Wiederkehrer sind keine Zombies, sondern Menschen wie Sie“, erklärt Peter geduldig. „Bis auf die Tatsache, dass sie die Illusion erkennen, unterscheidet sie nichts, aber auch gar nichts, von anderen Menschen.“
„Ja, sicher.“
Peter blickt mich fragend an und ich zucke die Achseln. „Sie müssten es doch kennen, dass Angehörige damit nicht umgehen können.“
„Nun, es ist eher selten, dass Angehörige von einer Wiederkehr erfahren. Und die meisten sind dann glücklich über die hinzugewonnene Zeit.“
„Ich nicht!“
„Victoria, würdest du jetzt endlich bitte deine Fresse halten!?“
Drei Augenpaare richten sich entgeistert auf Victor, eines empört.
„Von einem Zombie lasse ich mir nichts befehlen!“
„Der Zombie bist du hier, dein Gehirn ist offenbar außer Betrieb, wahrscheinlich seit der Geburt schon!“
Victoria schnappt nach Luft, Virginia bekommt einen Lachanfall, Peter lächelt sanft und ich überlege, ob ich dazwischengehen soll.
Nachdem sich alle wieder beruhigt haben, sagt Peter in der von ihm gewohnten Ruhe: „Ich glaube, ich kann einen Vorschlag unterbreiten, der alle Interessen berücksichtigen dürfte.“

„Als meine Tochter und ich wiederkehrten und feststellten, dass es noch mehr wie uns gibt und wahrscheinlich immer gegeben hat, beschlossen wir, unser neues Leben für etwas Sinnvolles, für etwas Wichtiges zu nutzen.“ Peter erhebt sich und geht zum Fenster. „Mrs. Burton, Wiederkehrer sind alles andere als Zombies, aber ich darf Ihnen versichern, es gibt sie ebenfalls, die Zombies. Und ich darf Ihnen ebenfalls versichern, eine Begegnung mit ihnen würden Sie niemals vergessen, nicht für den kurzen Rest Ihres Lebens.“
„Was meinen Sie damit?“, erkundigt sich Victoria, während die Zornesröte in ihrem Gesicht einer deutlich helleren Farbe weicht.
„In der Verborgenen Welt gibt es all das, was Menschen sich jemals vorgestellt haben“, erkläre ich. „Und auch wenn sie nur einen kleinen Teil der Verborgenen Welt ausmachen, wobei Zeit und Raum in der Verborgenen Welt keine uns gewohnte Bedeutung haben, sind sie uns am Nächsten, denn sie entstanden aus uns, den Menschen. Und viele von ihnen sind … nun ja, nicht unsere Freunde.“
„Um es mal vorsichtig auszudrücken“, ergänzt Peter lächelnd. „Es ist daher sehr gut, dass sie in der Verborgenen Welt sind.“
„Dann sollen sie doch da bleiben, wo ist das Problem?“
„Das Problem, Victoria, ist, dass die Grenze zwischen der Verborgenen Welt und der Gefrorenen Welt die Illusion ist. Die Illusion der Gefrorenen Welt. Und auch wenn sie die materielle Welt schon seit Jahrtausenden zusammenhält, ist sie in Wahrheit ziemlich zerbrechlich. Wenn Menschen träumen, überschreiten sie diese Grenze, verliert die Illusion ihre Kraft und wir begegnen unseren tiefsten und dunkelsten Ängsten. Können Sie sich vorstellen, was es bedeuten würde, wäre diese Grenze plötzlich weg und die Gestalten aller Albträume aller Menschen seit Anbeginn der Zeit hätten ungehinderten Zugang zu unserer Welt? Wobei, meine Welt ist es nur teilweise, aber ich bin ja auch eine Kriegerin.“
„Sie waren vermutlich schon in der Verborgenen Welt“, bemerkt Victor.
„Ab und zu.“
„Und was hat all das mit uns zu tun?“, fragt Victoria. Sie wirkt ruhiger als vorhin noch. Vielleicht beginnt sie endlich zu begreifen.
„Nun“, setzt Peter an, während er immer noch am Fenster steht, „trotz alldem ist die Verborgene Welt durchaus faszinierend und schön, insbesondere im Vergleich zu den Einschränkungen und Entbehrungen, die uns das materielle Dasein, ich möchte fast sagen, das materielle Gefängnis, aufzwingt. Der Tod ist nichts Schlimmes, sondern letztlich der Entlassungsschein. Das ist natürlich nur schwer zu vermitteln, obwohl es durchaus eine immer größer werdende Bewegung gibt, deren Mitglieder zumindest ahnen, dass die aufgeklärte Welt nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Aber natürlich erliegen auch sie gerne den Verlockungen der Materie und nutzen die Sehnsüchte der Menschen aus, um Geschäfte zu machen. Wie dem auch sei, wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, ein wenig Licht ins Dunkle zu bringen, und gründeten eine Kirche, die wir Aeternumen nannten.“
„Ein aussprechbarer Name wäre vielleicht sinnvoll gewesen“, bemerke ich.
Peter mustert mich kurz mit einem Anflug von Missbilligung, dann lächelt er. „Nun, für Sie ist sie ja nicht gedacht, Fiona.“
„Was für ein Glück. Immer wenn ich zur Messe ginge, müsste ich erst nachlesen, wie die Kirche heißt.“
Offenbar finden es nicht alle witzig, denn Victoria fährt mich an: „Sie sind ja wirklich so was von blond und das typische Beispiel für Menschen, die nicht mit dem Kopf denken!“
„Womit denke ich denn?“, erkundige ich mich amüsiert.
„Was weiß ich? Da Sie keine furchterregenden Muskeln besitzen, wahrscheinlich mit der Fotze!“
„Victoria!“, ruft Victor entsetzt.
„Was? Seitdem die bei uns aufgetaucht ist, gibt es nur Ärger! Überhaupt, sie war sogar vor dir da! Vielleicht hat sie dich zu uns geführt!“
„Wer ist hier blond?“, entfährt es Viriginia.
„Ich nicht!“
„Ruhe jetzt!“ Ich kann auch laut. Ziemlich laut sogar. Alle erstarren. Ich stehe auf und gehe zu Peter. „Welchen Vorschlag wollten Sie eigentlich unterbreiten, der alle Interessen berücksichtigt?“
Peter wirft einen Blick in die Runde, dann mustert er mich. „Nun, ich denke, sein altes Leben weiterzuführen ist für Victor Burton keine Option. Dazu müsste mindestens seine Frau mitspielen, und das erscheint mir etwas unwahrscheinlich. Außerdem weiß ich aus eigener Erfahrung, wie sehr das Wissen darum, dass die Welt mehr ist als nur ein paar Atome, die Gedanken beherrscht. Irgendwann wird es zur Besessenheit. – Victor, schließen Sie sich uns an. Bei uns brauchen Sie sich weder zu verstecken noch zu verstellen. Unsere Kirche kann Menschen wie Sie gut gebrauchen.“
Bleiern schwere Stille legt sich über den Raum. Selbst Victoria schafft es mal, keinen ihrer wenig hilfreichen Kommentare abzugeben. Alle beobachten Victor, der einen unsichtbaren Punkt des Universums, der sich zufällig grad in dieses Büro verirrt hat, anstarrt.
Endlich hebt er den Kopf. „Vermutlich haben Sie recht, Peter, und ich sollte Ihr Angebot annehmen. Welche Wahl habe ich denn auch?“
„Die realistisch gesehen zur Verfügung stehenden Optionen sind relativ überschaubar“, erwidere ich.
Er lächelt. „Vorsicht, Sie zerstören das Vorurteil meiner Frau über Sie, Fiona.“
„Passiert mir öfter.“
Ich habe Respekt vor Architekten. Und ich habe Respekt vor Handwerkern, die deren Vorstellungen so präzise umsetzen wie die Handwerker, die dafür gesorgt haben, dass die schwere Holztür, wahrscheinlich Mahagoni, des Büros, in dem wir uns befinden, wirklich, wirklich schalldicht ist.
In beiden Richtungen.
Blöd nur, dass nicht einmal ich rechtzeitig mitbekomme, was da passiert. Das heißt, als die Tür aufgerissen wird und ziemlich viele Menschen ins Büro stürzen, bekomme ich das mit, aber es ist eigentlich zu spät.
Da die Neuankömmlinge in Kampfanzüge gekleidet und bewaffnet sind, reagiere ich mehr oder weniger reflexartig. Meine einzige Waffe ist mein Körper, aber diese nachweislich ziemlich effektiv.
Den Ersten erwisch ich mit einem Aufwärtstritt und schnappe mir bei der Gelegenheit seine Pistole. Dann fahre ich herum und starre in eine Mündung.
Verflucht, das sind keine gewöhnlichen Menschen und sie bewegen sich verdammt schnell!
„Schön sauber bleiben“, sagt das Gesicht, das zu der Mündung gehört.
„Heute Morgen habe ich geduscht“, erwidere ich. Meine Pistole zeigt auf die Stirn in dem sprechenden Gesicht. In Filmen ist das immer eine klassische Pattsituation. Hier und jetzt, in meiner Realität, bin ich mir dessen nicht so sicher. Ich bin unsterblich, mein Gegner auch?
Doch eigentlich ist nicht diese Frage entscheidend. Die entscheidende Frage lautet: Will ich, dass andere, unschuldige Menschen sterben? Victoria, Victor, Peter, Virginia? Sie alle haben ebenfalls mindestens eine Waffe auf sich gerichtet.
Und dann sind da noch weitere Neuankömmlinge, überwiegend Männer. Insgesamt etwa zwanzig, wie eine schnelle Zählung ergibt.
„Ach ja? Umso hässlicher würden die Blutflecken wirken.“
„Oh ja, das ist wohl wahr.“ Ich mustere ihn. Er ist grob geschätzt Anfang bis Mitte Dreißig. Südländischer Typ mit braunen Locken. „Ich habe nicht das Gefühl, dass du schon wieder sterben möchtest.“
„Oh, du scheinst eine ganz Schlaue zu sein“, erwidert er spöttisch. „Aber du hast natürlich recht, Wiederkehren ist nichts, was auf Knopfdruck und immer funktioniert. Es ist ein bisschen wie Russisches Roulette. Von daher würde ich es mir gerne ersparen. Und deinen Freunden auch!“
„Wer sagt denn, dass es meine Freunde sind?“ Ich wende den Blick nicht von ihm.
„Weil du mit ihnen zusammen hier gesessen hast“, zischt er.
Ich hasse solche Diskussionen. Ich könnte ihn töten und einige weitere. Irgendeine Kugel würde mich dann erwischen. Und vermutlich nicht nur mich. Ich würde irgendwann wieder auferstehen, die anderen nicht.
Ich beschließe, dass so ein Massaker eine empfindliche Störung des Gleichgewichts darstellen würde, und lasse die Waffe sinken.
„Eine weise Entscheidung“, sagt mein braungelockter Freund, nimmt mir die Pistole ab und schubst mich zu den anderen. „Wenn alle schön vernünftig bleiben, passiert niemanden was. Okay, alles gesichert?“
„Gesichert!“, ruft jemand von der Tür. „Wir sind allein!“
„Sehr schön.“ Er wendet sich wieder uns zu. „Setzt euch einfach alle mal hin.“
Ich lasse mich auf einen der durchaus bequemen Stühle fallen, lehne mich zurück und kreuze die Beine. Die anderen folgen, wenn auch etwas zögerlich, meinem Beispiel.
„Sehr schön“, sagt der Südlandische. „Wie schon erwähnt, geschieht niemandem etwas, wenn ihr nicht versucht die Helden zu spielen. Von euch will ich gar nichts.“
„Was willst du denn, Hugh?“, fragt Peter, mit der vertraulichen Anrede meinen Verdacht bestätigend, dass die Eindringlinge keine Fremde sind.
„Die Liste“, antwortet Hugh.
Peter schüttelt den Kopf. „Das ist ausgeschlossen und das weißt du auch.“
Bevor Hugh antworten kann, ertönt mal wieder Victorias schrille Stimme: „Sind das etwa auch Zombies?“
„Zombies?“, fragt Hugh mit großen Augen.
„Wiederkehrer“, helfe ich bereitwillig aus.
„Oh ja, werte Dame, wir sind Wiederkehrer. Haben Sie etwa ein Problem damit?“ Hugh beugt sich vor und lächelt Victoria an.
„Terror-Zombies! Ihr seid Terror-Zombies!“
Sie ist wirklich kreativ, das muss ich neidlos anerkennen.
Hugh sieht das allerdings anders. Nach einem kurzen Moment schreit er sie plötzlich an: „Hinsetzen! Klappe halten!“
Victoria, die, wohl vor Aufregung, vorhin aufgesprungen ist, lässt sich mit geweiteten Augen wieder sinken und sagt tatsächlich nichts mehr. Anscheinend ist ihr gerade klar geworden, dass die Terror-Zombies möglicherweise beleidigt reagieren könnten. Zumindest macht Hugh nicht den Eindruck, als würde ihn die Bezeichnung als Terror-Zombie kaltlassen.
„Gut“, sagt Hugh. „Nachdem nun auch das geklärt ist, können wir uns jetzt mit den wichtigen Dingen beschäftigen. Zum Beispiel mit der Liste!“
„Es gibt keine Liste“, erwidert Peter ruhig.
Hugh richtet seine Pistole plötzlich auf ihn. „Wirklich nicht? Auch nicht, wenn ich dich erschieße?“
„Dann erst recht nicht.“ Peter wirkt immer noch ruhig. Ich habe das Gefühl, seine Ruhe ist nicht gespielt.
„Und warum nicht, Professor?“
„Weil biometrische Angaben von mir notwendig sind, um an die Liste zu kommen. Auch solche, über die ich tot nicht mehr verfüge.“
„Hm. Ob ich das glauben soll?“
„Er könnte die Wahrheit sagen!“, wirft einer von seinen Begleitern ein, die bislang schweigend die Diskussion beobachtet haben. „Wenn eine Stimmprobe von ihm notwendig ist, dann brauchen wir ihn lebend.“
Hugh nickt. „Ja, das könnte natürlich sein. Nun, aber wir könnten seine Tochter erschießen.“
„Mich?“ Victoria sinkt noch mehr in sich zusammen.
„Dann kommt ihr ebenfalls nicht an die Liste.“
„Sag bloß, ihre biometrischen Daten sind ebenfalls notwendig.“
„Genau so ist es“, bestätigt Peter. „Der Tresor ist doppelt gesichert. Und es sind mehrere biometrischen Daten notwendig. Stimme, Iris und Fingerabdruck. Selbst wenn du uns also die Augen rausschneidest und die Finger abschneidest, nützt dir das nichts, denn unsere Stimmen würden dann garantiert nicht mehr zu den Proben passen.“
„Ich glaube, du lügst uns an, um euch zu retten.“
„Kannst du es dir erlauben zu riskieren, dass ich doch die Wahrheit sage?“
Faszinierend. Ich bewundere den wiedergekehrten Professor. Seine Kaltblütigkeit ist geradezu unglaublich.
„Kann mich jemand auufklären, um was es hier geht?“, erkundige ich mich.
Hugh starrt mich an, als würde er mich zum ersten Mal sehen. „Wer bist du eigentlich? Verdächtig, wie ruhig du wirkst. Bist du eine Polizistin?“
„Ach ne, ganz sicher nicht.“ Ich mustere seine Gefährten. Sie scheinen unsicher zu sein. Das sind keine Terroristen. Aber was zum Teufel wollen sie eigentlich? „Mein Name ist Fiona Flame. Und wie heißt du?“
„Hugh Canman. Deine Ruhe ist erstaunlich. Ich glaube, du bist es gewohnt, dass eine Waffe auf dich gerichtet wird.“
„Durchaus.“
„Und dennoch bist du keine Wiederkehrerin.“
„Nein, ich bin kein Zombie.“
„Haha“, sagt Victoria.
„Was ist das eigentlich für eine Sache mit dem Zombie? Ich möchte auch darüber lachen.“
„Ein running gag“, erkläre ich. „Nicht so wichtig, nicht jetzt. Also, was ist hier eigentlich los?“
„Wüsste nicht, was dich das angeht“, erwidert Hugh.
„Eine Menge. Ich bin hier mittendrin.“
„Na und? Verhalt dich ruhig, dann geschieht dir nichts. – Peter, wir bekommen die Liste und …“
„Welche Liste?“, unterbreche ich ihn.
Er starrt mich an. „Du scheinst wirklich keine Angst zu haben. Vielleicht erlaube ich meinen Freunden, sich mit dir zu amüsieren. Dann vergeht dir schon der Übermut.“
Ich mustere seine Freunde und zucke die Achseln. „Ich bin nicht interessiert. Aber wenn sie mich angreifen, wehre ich mich und töte sie.“
„Du tötest sie?“, fragt Hugh fassungslos.
„Was ist das denn für eine?!“, ruft einer seiner Freunde.
Statt einer Antwort schnappe ich mir die Pistole von Hugh und richte sie auf ihn. Etwa 19 Pistolen zielen daraufhin auf mich. Sehr gut.
„Bist du wahnsinnig? Gib mir meine Waffe zurück!“ Er bewegt sich auf mich zu. Ich schüttel den Kopf und drücke den Abzug leicht durch, die Mündung auf seine Stirn gerichtet.
Er bleibt stehen.
„Selbst wenn du mich erschießt, stirbst du“, sagt er dann.
„Aber ich wache kurze Zeit später wieder auf, du nicht“, erwidere ich lächelnd. „Und dann töte ich die nächsten. Solange, bis niemand mehr übrig ist.“
„Scheiße, sie ist eine Kriegerin!“
Ich nicke und mustere Hugh abwartend.
Er leckt sich die Lippen. „Also schön, dann bist du eben eine Kriegerin. Du darfst nicht zulassen, dass den Menschen hier etwas passiert!“
„Ich muss Prioritäten setzen. Und du weißt, dass ich als Kriegerin eigene Entscheidungen treffe. Es ist wichtiger, dass ihr nicht an diese Liste kommt, warum auch immer.“
Nur am Rande registriere ich die entsetzten Gesichter der anderen Geisel. Meine Konzentration ist auf Hugh gerichtet, genau wie meine Waffe. Meine Hand zittert kein bisschen, im Gegensatz zu manch einer anderen, die eine Waffe hält.
„Wir … wir müssen diese Liste haben“, sagt er.
„Was ist das für eine Liste?“
Er schweigt, aber Peter nicht: „Sie enthält die Namen aller uns bekannten Wiederkehrer.“
„Und diese Liste ist besser gesichert als ein Goldschatz?“
„Können Sie sich vorstellen, was ein paar Hundert Wiederkehrer anrichten könnten, wenn sie sich zusammenschließen?“
„Hm. Hugh, wozu brauchst du diese Liste?“
„Das ist meine Sache.“
„Nicht ganz. Wie du ganz richtig festgestellt hast, bin ich eine Kriegerin. Und als Wiederkehrer wirst du wissen, was das bedeutet.“
„Ja, weiß ich“, erwidert er leise. „Aber ich muss diese Liste haben.“
„Was passiert sonst?“
Er schweigt.
„Das führt doch zu nichts!“, bricht Victoria aus. „Wie beim Ping-Pong!“
Da hat sie leider recht. Nur hat Hugh offensichtlich eine tierische Angst vor etwas – oder vor jemandem.
„Hör zu, Hugh. Ich könnte dich erschießen und dann direkt hinter dir herkommen in die Verborgene Welt. Und dann kriege ich heraus, warum dir diese Liste so wichtig ist. Glaub mir, ich habe kein Problem mit radikalen Lösungen.“
„Ich weiß“, murmelt er. „Aber ich darf es dir nicht sagen. Du bist eine Kriegerin.“
„Das heißt, es steckt noch jemand anderes dahinter, der auch von den Kriegern weiß. Ein Wiederkehrer?“
Er schüttelt den Kopf. „Nein. Er nennt sich der Zombie-König.“
„Hach!“, ruft Victoria. „Ich wusste es!“

„Zombie-König?“, wiederhole ich. Am liebsten würde ich laut loslachen, aber etwas hält mich davon ab. Meine gute Erziehung? Eher nicht. Es ist eine Intuition.
„Ein Zombie-König schickt euch los, um eine Liste mit den Namen von ein paar Dutzend Wiederkehrern zu besorgen? Habe ich das richtig verstanden?“
„Es sind 127“, sagt Peter.
„Was?“
„Namen auf der Liste. 127 Namen sind auf der Liste.“
„Aha. Also nicht ein paar Hundert?“
„Das war eine lyrische Übertreibung.“
„Eher eine dramaturgische. – Also schön. Ich glaube, ihr seid keine Mörder. Ich werde jetzt meine Waffe sichern. Und ihr werdet das alle auch tun, sonst mache ich Hackfleisch aus euch allen, egal wie lange es dauert. Habt ihr das kapiert?“
Hugh nickt niedergeschlagen und winkt seinen Freunden zu, meinem Befehl Folge zu leisten. Ich gehe mit gutem Beispiel voran, dann schiebe ich die Pistole in meinen Gürtel.
Danach will ich eigentlich fortfahren mit meiner Rede, aber Victoria funkt mir mal wieder dazwischen. Sie springt wie von einer Tarantel gestochen auf und geht auf Hugh los, mit beiden Fäusten auf ihn einschlagend. Hugh ist so perplex, dass er sie ohne Gegenwehr gewähren lässt. Nach einem Moment der Überraschung packe ich die Furie und zerre sie zu ihrem Stuhl zurück. Als sie versucht, mich auch zu schlagen, verpasse ich ihr eine Ohrfeige.
Sie plumpst auf den Stuhl und starrt mich empört an.
„Ich will kein Wort hören!“, herrsche ich sie an. „Noch so eine Aktion und ich werde ernsthaft sauer! Kapiert?“
Mit offenem Mund streichelt sie ihre gerötete Wange, dann nickt sie langsam.
Ich mustere Peter und seine Tochter, dann Victor. Sie beobachten mich angespannt. Ich lasse meinen Blick zu Hugh schweifen. Auch er beobachtet mich. Angespannt. Neugierig. Respektvoll.
„Nun denn, ich werde mir mal diesen Zombie-König vorknöpfen. Hat er eigentlich auch einen richtigen Namen?“
Hugh schüttelt den Kopf. „Zumindest hat er ihn mir nicht verraten.“
„Bist du der Einzige, der Kontakt mit ihm hatte?“
Er nickt. „In meinen Träumen.“
„In seinen Träumen?“, ruft Victoria. „Ihr wolltet uns töten, weil du in deinen Träumen …?“
„Ruhe!“, schreie ich sie wütend an. „Soll ich dich fesseln und knebeln?!“
„Das würden Sie nicht …“
„Doch!“
Irgendwas an mir überzeugt sie davon, dass ich es ernst meine, denn sie verstummt und macht sich klein. Vielleicht habe ich wieder den Killerblick. Egal, was es auch immer ist, es wirkt. Nur das zählt.
„So, nachdem das nun auch geklärt ist … Wenn ich es richtig verstehe, machst du im Schlaf außerkörperliche Wanderungen zum Zombie-König?“
Hugh nickt.
„Dann gehen wir mal gemeinsam dahin. Ich will mit ihm sprechen.“
„Er ist in der Verborgenen Welt“, flüstert Hugh entgeistert.
„Na und? Meine zweite Heimat. Kannst du denn nur im Traum aus deinem Körper?“
„Ja. Kannst du denn jederzeit, wann du willst?“
„Ich bin eine Kriegerin“, erwidere ich. „Also gut. Ich will diese leidige Geschichte irgendwie zum Abschluss bringen. Ihr geht schön brav nach Hause und tut so, als wäre nichts gewesen, dann tue ich auch so und lasse euch am Leben. Hugh bleibt hier, er muss heute noch träumen. Irgendwelche Einwände?“
Erwartungsgemäß gibt es keine. Mein Auftreten macht mal wieder Eindruck. Ich kenne schließlich meine Wirkung, wenn ich hochfahre.
„Dann raus hier! Alle außer Hugh, Victor und Victoria! Und natürlich den Hausherren.“
Ich beobachte die Wiederkehrer, die mit gesenkten Blicken das Büro verlassen. Virginia begleitet sie und schließt hinter ihnen ab. Als sie wiederkehrt, atmet sie erst einmal tief durch.
„Das war ja ganz schön erschreckend“, sagt sie.
„Wie das so ist mit Zombies“, bemerkt Victoria.
Diese Frau macht mich noch wahnsinnig!
Ich beschließe, sie zu ignorieren, und wende mich an Victor: „Sie müssen sich entscheiden, ist Ihnen das klar?“
„Ja“, antwortet er leise. „Es gibt keine andere Möglichkeit?“
„Sie sind tot, Victor. Offiziell liegen Sie neun Fuß unter der Erde. Okay, eigentlich in einer Gruft. Ist auch egal. Begreifen Sie es einfach als Chance, was Vernünftiges aus Ihrem Leben zu machen.“
„Wie bitte?“
„Ach, kommen Sie schon. Sie waren Börsenmakler, was ist daran irgendwie vernünftig gewesen? Sie wurden reich, indem Sie andere Menschen betrogen haben.“
„Das ist ganz schön hart, Fiona.“
Ich zucke die Achseln. „Vergessen Sie nicht, im zivilen Leben bin ich Geschäftsfrau und leite ein Unternehmen, das in diesem Land nicht gerade zu den kleinen zählt. Und da wir an die Börse wollen, hatte ich ein paarmal Kontakt mit Ihresgleichen. – Und keine Insidergeschäfte, klar?“
Victor nickt nur.
Ich wende mich an Peter, der mich lächelnd ansieht. „Fiona, ich bin beeindruckt. Das habe ich Ihnen nicht zugetraut, aber wie Sie hier in kürzester Zeit für Ruhe und Frieden gesorgt haben, Chapeau!“
„Ich werde oft unterschätzt. Bin ja klein, blond und süß.“
„Und das nutzen Sie ganz schön aus.“
Ich schenke ihm ein Lächeln. „Zu irgendwas muss es ja gut sein, dass ich so aussehe. – Also, Victor, wie haben Sie sich entschieden?“
„Habe ich wirklich eine Wahl?“
„Eine Wahl gibt es immer. Die Konsequenzen gehören allerdings dann auch dazu.“
„Eben. Genau diese Konsequenzen lassen mir eigentlich keine Wahl.“
Auch ihm schenke ich ein Lächeln. „Lieber Victor, die Entscheidung besteht eben genau darin, die richtige Wahl aus all den zur Verfügung stehenden Konsequenzen zu treffen. Sonst wäre das doch keine Entscheidung.“
„Oha, ganz schön philosophisch“, bemerkt Peter.
„Das bringt das Kriegerdasein so mit sich. Das Weltbild gerät ziemlich durcheinander, wenn man … jedenfalls geriet meins durcheinander, als ich erfuhr, wer und was ich wirklich bin. Und auch ich musste eine Entscheidung treffen, mit allen Konsequenzen.“
„Sie werden diese Entscheidung aber wohl kaum mit dem Gedanken an die Konsequenzen getroffen haben, oder?“ Victor starrt mich fragend an.
„Oh doch, mir war sogar sehr klar, was es bedeutet und dass es sehr tiefgreifende Konsequenzen hat, wie ich mich entscheide. Und mir war auch klar, dass mir niemand diese Entscheidung abnehmen konnte.“
„So wie mir jetzt?“
„Genau.“
Er seufzt, dann erhebt er sich und macht einen Schritt auf Peter zu. „Dann entscheide ich mich für die Kirche.“
„Eine weise Entscheidung“, erwidert Peter.
„Wir werden sehen.“ Victor wendet sich mir zu. „Und was machen Sie?“
„Ich besuche den Zombie-König. Als Kriegerin kann ich es nicht ignorieren, dass es seinetwegen fast ein Blutbad gab.“
„Er wird wütend sein“, stellt Hugh fest. „Und außerdem, ich kann jetzt bestimmt nicht schlafen. Gibt es denn keine andere Möglichkeit? Wie kommst du denn in die Verborgene Welt?“
„Ich bin eine Kriegerin. Und natürlich gibt es auch eine andere Möglichkeit. Ich töte dich. Allerdings hast du dann etwa fünf Minuten, wieder in deinen Körper zurückzukehren, bevor er endgültig deaktiviert wird. Andererseits, als Wiederkehrer hast du doch Übung darin, ihn wiederzubeleben.“
„Ich glaube nicht, dass ich es wieder schaffen würde“, sagt Hugh mit gesenktem Kopf.
Ich zucke die Achseln. „Dann musst du träumen. Zumindest in Trance kommen.“
Hugh atmet tief durch. „Ich schätze, eine echte Wahl habe ich nicht. Ja, ich weiß, Konsequenzen und so.“
Auch ihm schenke ich ein Lächeln. „Du bist lernfähig. – Sind wir dann so weit? Alle versorgt und glücklich?“
„Nicht alle“, sagt Victoria mürrisch. „Was ist mit mir?“
„Nichts. Was soll mit dir sein?“
„Na ja, ich kann ja schlecht nach Hause gehen und weitermachen wie bisher!“
„Wieso nicht?“
„Wieso nicht?“ Sie starrt mich entgeistert an. „Weil ich jetzt von den Zombies weiß? Von den ganzen Wahnsinnigen, die überall herumlaufen?“
„Ignorier es einfach. Bis auf die Tatsache, dass du etwas mehr von der Wirklichkeit weißt als vorher, hat sich nichts geändert.“
„Super Ratschlag. Vielen Dank auch. Kann ich jetzt gehen?“
Ich nicke. „Kann dich aber auch fahren, wenn du noch kurz wartest.“
„Nein, danke, ich nehme ein Taxi!“ Sprachs und verließ das Büro ohne einen Abschiedsgruß.
„Sie hat es schon schwer“, bemerke ich.
„Ja“, bestätigt Peter. „Ich habe da noch was für Sie, Fiona.“
„Okay, ich höre.“
Peter wirft kurz einen Blick auf die anderen Anwesenden, dann sagt er: „Sie sollten etwas wissen, was ich noch nicht erwähnt habe. Uns … uns war immer klar, dass Wiederkehrer aufgrund ihres Wissens und der daraus resultierenden Macht eine … eine gewisse Gefahr darstellen. Aus diesem Grunde haben wir eine Art Notbremse eingebaut. Es handelt sich um eine Art Bombe, eine chemische Bombe. Die technischen Details sind jetzt nicht so wichtig, aber sie werden mit einer Tablette eingenommen, die alle Wiederkehrer bekommen. Die Liste der Namen im Tresor enthält auch die Aktivierungssqeuenz.“
Stille. Nur das schwere Atmen Hughs ist zu hören.
Dann: „Habe ich das auch in mir?“
Peter nickt. „Ja. Es handelt sich um Nanotechnologie, die Bombe heftet sich an die Magenschleimhaut und verwächst mit ihr. Wird sie aktiviert, setzt sie einen Stoff frei, der innerhalb weniger Minuten zum Tode führt.“
„Das … das ist doch Wahnsinn!“ Hugh ist sehr bleich geworden.
„Eine notwendige Sicherheitsmaßnahme.“
„Eine notwendige Sicherheitsmaßnahme? Und wenn die Bombe einfach mal so zündet? Oder durch ein falsches Signal? Was ist das dann? Verluste gibt es immer, oder wie?“
„Es steht zu viel auf dem Spiel, um gar nichts zu tun“, erklärt Peter ruhig. „Daher ist diese Maßnahme notwendig, trotz aller damit verbundenen Risiken.“
„Werde … werde ich das auch bekommen?“, erkundigt sich Victor.
„Es führt kein Weg daran vorbei. Wiederkehrer sind zu mächtig.“
„Aber ich fühle mich doch gar nicht so mächtig. Genau genommen fühle ich mich weniger mächtig als vor meinem Tod.“
Peter blickt ihn lächelnd an. „Victor, … Bevor ich das erkläre, würde ich gerne allgemein, aufgrund der besonderen Situation, in der wir uns alle befinden und die eine gewisse Vertraulichkeit fördert, vorschlagen, auf formelle Anreden und Ausdrucksweisen zu verzichten. Hat jemand etwas dagegen?“
Victor schüttelt den Kopf.
„Ich bin eine große Freundin vom Verzicht auf Formalitäten“, erwidere ich grinsend.
„Das glaube ich dir sofort. – Also gut, Victor, die Sache ist die: Du durchschaust die Illusion der Gefrorenen Welt. Nicht nur, dass du es weißt, wie deine Frau, dass die Gefrorene Welt lediglich eine … eine …“
„Imagination eines Schutzwalls“, helfe ich aus.
„So könnte man es auch ausdrücken, in der Tat. Danke, Fiona. Nun, abgesehen davon, dass dir diese Tatsache vertraut ist, Victor, hast du darüber hinaus es auch geschafft, Materie bewusst zu beeinflussen, indem du deinen Körper reaktiviert hast. Frankenstein hat dafür die Energie von Blitzen gebraucht mit durchaus schlechterem Erfolg. Wiederkehrer sind in der Tat in der Lage, zumindest mit etwas Übung, gezielt ihre Fähigkeiten einzusetzen, um Materie zu manipulieren. Und damit können sie, literarisch gesehen, zaubern. Sie beherrschen Magie.“
„Oh“, sagt Victor.
„So ist es“, bestätige ich. „Ich kenne mindestens einen Zauberer, der das sozusagen beruflich macht und sehr viel älter ist als …“
„Als wer?“, fragt Victor.
„Als die meisten Menschen, die ich kenne“, erwidere ich und denke dabei an Katharina. Erschreckend, wie weh die Erinnerung an sie immer noch tut.
„Was ist los?“, erkundigt Peter. „Du hast Tränen in den Augen!“
„Ich?“ Ich wische mit dem Ärmel über die Augen. „Nicht so wichtig. Wie auch immer, das mit der Magie ist ein wichtiger Punkt.“
„Kannst du auch zaubern?“, fragt Hugh.
Ich führe meinen Daumentrick vor, den ich gelernt habe, als ich dank Nasnat unfreiwillig in der Verborgenen Welt gelandet war, als ich mit der Elfe in der Oase gelandet war und als ich Zigarettenschachteln auf den Bäumen wachsen ließ.
Mit dem brennenden Daumenzigarettenanzünder mache ich jedenfalls ordentlich Eindruck.
„Cool“, sagt Victor. „Und sehr praktisch.“
„Im Prinzip schon, außer im Mall.“ Ich erhebe mich. „Also gut, haben wir jetzt alles besprochen? Hugh und ich haben ein Date.“
Wir verabschieden uns von Virginia, Peter und Victor und fahren mit meinem Wagen los zu Hughs Appartement. Von unterwegs rufe ich James an und erkläre ihm in Stichworten die Situation.
„Hunger!“, sagt er nur.
Aus dem Augenwinkel sehe ich Hughs irritierten Gesichtsausdruck.
„Kannst du ihr nicht die Flasche geben?“
„Warum kommt ihr nicht her? Während du Sandra fütterst, hypnotisiere ich ihn.“
„Du kannst hypnotisieren?“, erkundige ich mich erstaunt.
„Weißt du das denn nicht?“
„Ich meine, so richtig!“, erwidere ich lachend.
„Ach so. Doch, das gehörte zur Ausbildung. Also, was hälst du davon?“
Ich werfe einen fragenden Blick auf Hugh, der nickt.
„Einverstanden. In einer Viertelstunde sind wir da.“

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Leseprobe: Geschichten einer Kriegerin – Das hungrige Biest

Das Biest hat einen makabren Humor, so viel steht fest.
Es sieht aus wie eine Vogelscheuche. Fast. Nur dass diese hier aus echten menschlichen Teilen zusammengebastelt wurde. Der Kopf ist skelettiert, anscheinend stand kein gut erhaltener Schädel mehr zur Verfügung. Die in die Höhlen gepressten Augen hingegen wirken recht frisch. Der Körper ist nackt, der aufgeschlitzte Bauch notdürftig zusammengenäht. Das Biest hat eindeutig keine chirurgische Erfahrung. Und während der Oberkörper einer Frau gehört hat, stammt der untere Teil von einem Mann. Die Reste lassen das ganz gut erkennen, auch wenn nicht alles, was einen Mann so gewöhnlicherweise ausmacht, noch vorhanden ist.
Die Arme gehörten nicht der Frau, die den Oberkörper zur Verfügung stellt, sie gehörten nicht einmal demselben Menschen. Ein Arm ist so angewinkelt, dass die Hand ein Schild halten kann, auf dem in kraxeliger Schrift die eindeutige Aufforderung steht: „Kehr um!“
Der andere Arm zeigt mit ausgestrecktem Mittelfinger in die Richtung, aus der ich gekommen bin.
Ich denke darüber nach, ob ich dem Befehl folgen sollte. Was geht mich das hier überhaupt an? Okay, ich bin eine Kriegerin, ich habe gefälligst für das Gleichgewicht zu sorgen. Wobei, stört das Ding hier wirklich das Gleichgewicht? Ab wie vielen Opfern kann ich davon ausgehen? Und außerdem, vielleicht sollte ich dabei auch berücksichtigen, wen er sich holt. Klar, eigentlich ist das politisch sehr unkorrekt, den Wert von Menschen gegeneinander abzuwägen. Aber für das Gleichgewicht spielt es nun einmal eine Rolle, wer was tut in seinem Leben. Auch wenn es mich ankotzt, muss ich das berücksichtigen.
Seufzend beschließe ich, den Hinweis zu ignorieren, und gehe an der zusammengebastelten Vogelscheuche vorbei tiefer in den Tunnel hinein.

Um mich herum wird es immer dunkler. Warum konnte mir niemand vorher sagen, dass ich eine Taschenlampe brauchen werde? Missmutig betaste ich die Beule an meinem Kopf; das heißt, dank meiner Heilkräfte ist sie schon verschwunden. Aber es hat verflucht wehgetan, als das Biest mir mit dem Hammer den Kopf fast eingeschlagen hat.
Die Luft ist stickig und kalt. Und es stinkt. Wenn das Biest hier seine Opfer zum Verwesen aufbewahrt, dann ist das aber auch kein Wunder.
Ich merke, wie es in meinem Bauch rumort. Jetzt ist es schon ein halbes Jahr her, dass ich erfahren habe, eine Kriegerin zu sein und was das bedeutet. Habe ich mich deswegen schon daran gewöhnt? Ganz sicher nicht. Ich muss wahnsinnig sein, als unerfahrene Gleichgewichtsbewahrerin hier einem Wesen hinterherzujagen, das verweste, menschliche Leichen für eine Delikatesse zu halten scheint. Es wäre besser gewesen, Nilsson zu fragen. Oder zur Not auch Michael, obwohl der seltsame Vampir mir unheimlich ist. Bei ihm weiß ich nie genau, was er denkt.
Konzentrier dich lieber auf deine Aufgabe, erkläre ich mir. Wer weiß, ob du dich auch dann regenerierst, wenn du aufgefressen wirst.
Mit Sicherheit, erwidere ich mir und muss grinsen, als mir bewusst wird, was für Selbstgespräche ich führe. Ich sollte mich lieber auf meine Umgebung konzentrieren, sonst gibt es gleich den nächsten Schlag auf meinen Kopf.
Wozu braucht ein Wasserwerk überhaupt so einen Tunnel? Und will ich das wirklich wissen? Hoffentlich ist er außer Betrieb, wie der Rest. Möchte nicht plötzlich mit irgendwelcher Kloake geflutet werden. Obwohl, das Biest ist ja hier drin …
Ich halte inne. Eigentlich habe ich es hier nicht hineingehen sehen. Lediglich die komische Vogelscheuche im Eingang ließ mich das glauben. Was, wenn es zum makabren Humor des Wesens gehört, Leute auf völlig falsche Fährten zu locken?
Ich lausche angestrengt in die Dunkelheit hinein und verfluche meinen Leichtsinn, keine Taschenlampe dabei zu haben. Memo an mich: Auf Einsätze als Kriegerin immer, wirklich immer, eine Taschenlampe mitnehmen.
Es ist nichts zu hören. Und zu sehen schon mal gar nicht. Andererseits stinkt es derart abartig, als stünde ich inmitten der Vorratskammer des menschenfressenden Biestes.
Vielleicht stimmt das ja sogar.
Ich gehe langsam in die Hocke und taste den Boden ab. Es fällt mir schwer, keinen Schrei auszustoßen, als ich in etwas Glitschiges packe und mir kurze Zeit später klar wird, dass ich im Bauch von einem Menschen herumwühle.
Okay, also Vorratskammer stimmt schon einmal und auf falsche Fährte gelockt wurde ich auch nicht. Dann müsste das Biest doch eigentlich in der Nähe sein …
Ich spüre den Luftzug, bevor ich getroffen werde, und das rettet mich diesmal. Etwas Hartes streift meinen Kopf zwar trotzdem und reißt mir fast das linke Ohr ab, aber ich werde nicht bewusstlos.
Allerdings verliere ich das Gleichgewicht und falle in das, was ich gerade eben noch als offenen Bauch eines Menschen identifiziert habe. Ich schreie auf, halb vor Wut und halb vor Ekel.
Dann wird mir klar, dass ich es meinem Gegner nicht so leicht machen sollte, und rolle mich zur Seite. Das ist jedoch nur bedingt eine gute Idee, denn logisch, dass der Bauch nicht allein auf dem Boden herumliegt. Ob es die dazugehörigen Eingeweiden sind, in denen ich lande, oder etwas gänzlich anderes, kann ich auf die Schnelle nicht erkennen.
Und um ehrlich zu sein, will ich es auch gar nicht.
Das Biest scheint im Dunkeln sehen zu können, denn plötzlich packt es mich an den Schultern und hievt mich hoch. Ich spüre seinen Atem im Gesicht und denke darüber nach, ohnmächtig zu werden, derart gräßlich ist der Gestank, der plötzlich meine empfindlichen Geruchssinne bombardiert.
„Hör auf!“
Wie? Was? Hat wirklich gerade das Biest mit kaum zu verstehender Stimme, die einem Subwoofer Ehre machen könnte, darum gebeten, aufzuhören?
Ich beschließe, dass ich wohl halluziniere, was kein Wunder wäre angesichts dessen, was ich gerade einatmen muss. Ob sich bei der Verwesung auch Halluzinogene bilden, die nun konzentriert aus dem Magen dieses Monsters entweichen und mich der Sinne berauben?
Ich schlage wild in die Richtung, aus der die Stimme kam, und treffe etwas Hartes. Obwohl ich vom Kampfsport her gewohnt bin, Ziegelsteine und Ähnliches zu zertrümmern, habe ich das Gefühl, sämtliche Knochen meiner Faust wären gebrochen. Anscheinend habe ich das Biest voll im Maul getroffen, und seine Zähne sind verflucht hart.
Wir schreien beide auf und taumeln voneinander weg. Wenigstens kann ich meinen Gegner jetzt hören und so lokalisieren. Er scheint in Richtung Ausgang zu laufen und ich folge ihm, wenn auch etwas langsamer, da ich nichts sehen kann. Ich werde bei Gelegenheit Michael fragen, ob es irgendeinen Trick gibt, wie sich Vampire auch bei völliger Dunkelheit orientieren. Wobei, so wie ich ihn kenne, wird er sagen, dass sie es genauso machen wie die Fledermäuse.
Blödes Arschloch.
Doch jetzt sollte ich mich auf das menschenfressende Biest konzentrieren. Und weil es zunehmend hell wird, kann ich immer schneller laufen. Leider ist sein Vorsprung inzwischen so groß, dass ich ihn aus den Augen verliere, als er den Ausgang erreicht. Und bis ich ebenfalls dort ankomme, ist er verschwunden.
Na super.
Ich mustere die Vogelscheuche.
Dann meine Hände.
Und dann ist es vorbei. Zu viel ist zu viel.
Ich falle würgend auf die Knie und gebe die kümmerlichen Reste meines Abendessens von mir.
Als ich schließlich den Kopf hebe, sehe ich seine Füße.
Direkt vor mir.
Scheiße.

„Warum verfolgst du mich?“
Ich erhebe mich stöhnend, wische die Überreste meines Mageninhalts vom Kinn und starre das Biest dabei entgeistert an.
„Warum frisst du Menschen?“
„Das ist eine lange Geschichte“, erwidert es mit seiner tiefen, brummigen Stimme, und ich muss mich sehr konzentrieren, es überhaupt zu verstehen. „Aber ich habe niemanden getötet!“
„Na ja, die Krankenschwester, die du gebissen hast, hat einen Schock fürs Leben.“
„Das tut mir leid“, erwidert es mit gesenktem Kopf. „Ich wollte es nicht. Es überkam mich einfach.“
Das wird ja immer lustiger. Ein Monster mit Gewissensbissen?
„Hast du eigentlich einen Namen?“
„Ich heiße Theodor Calvan. Und du?“
Wie? Was? Ich atme tief durch, bevor ich antworte: „Nenn mich Fiona. – Hast du zufällig auch einen Personalausweis?“
„Nicht bei mir.“
Mich überkommt urplötzlich das tiefe Gefühl von Surrealität. Ich stehe hier vor einem Tunnel des stillgelegten, alten Wasserwerks von Skyline, mitten in der Nacht, es ist fast Vollmond, saukalt, und ein Monster, das aussieht wie eine Kreuzung aus Quasimodo und einem Zombie aus „Die Nacht der lebenden Toten“, erzählt mir, dass es zwar einen Personalausweis hat, ihn aber nicht bei sich trägt.
Vielleicht sollte ich mich mal kneifen. Obwohl, inzwischen weiß ich ja, dass das nichts bringt.
„Wo hast du ihn denn?“
„Zu Hause. Aber dort kann ich nicht mehr hin.“
„Wieso nicht?“
„Ich habe mich verändert.“ Er seufzt laut. „Ich war mal ein ganz normaler Mensch. Das Menschenfleisch hat mich zu dem gemacht, was ich bin.“
„Was sagst du da? Du wurdest zu einem Monster, weil du Menschenfleisch frisst?“
„Ja.“ Das Biest lässt den Kopf hängen, was bei einem Zwei-Meter-Quasimodo-Zombie-Verschnitt einfach nur lächerlich wirkt. Trotzdem gelingt es mir unter Aufbietung all meiner Selbstbeherrschung, nicht laut loszulachen.
„Warum frisst du überhaupt Menschenfleisch? Selbst wenn du niemanden tötest dafür, zumindest bislang, ist das doch irgendwie ziemlich … irre.“
„Das ist eine lange Geschichte.“
„Ich habe Zeit.“ Ich sehe es herausfordernd an. „So oder so, ich kann dich ja nicht gehen lassen.“
„Wie willst du das verhindern?“ Es richtet sich zu seiner vollen Größe auf und funkelt mich wütend an.
Nach einem Tritt zwischen die Beine und einem Faustschlag gegen seinen Rücken findet es sich auf dem Boden wieder.
„So“, erwidere ich ruhig. Langsam macht es mir Spaß, so was wie ein Engel zu sein. „Das war übrigens die Rache für den Schlag mit dem Hammer.“
„Das war keine Absicht“, sagt es dumpf, während es sich schwerfällig wieder aufrichtet. Seiner monströsen Fratze sehe ich an, dass es dabei Schmerzen hat, und plötzlich empfinde ich Mitleid für es.
„Klar, der Hammer hat deine Hand gezwungen, ihn gegen meinen Kopf zu führen.“
„Ich geriet in Panik, als du plötzlich da warst. Ich bekam es mit der Angst zu tun, weil ich wusste, das war wegen der Sache mit der Krankenschwester.“
„Genau, die du gebissen hast. Also gut, du erzählst mir jetzt schön deine Geschichte und ich überlege mir, was wir tun können.“
„Wer bist du überhaupt?“
„Sagte ich doch schon: Fiona.“
Es, oder eigentlich er, Theodor, mustert mich nachdenklich. „Dich kenne ich aber irgendwoher.“
„Kann schon sein. Vor zweieinhalb Jahren war ich viel in den Zeitungen und im Fernsehen.“
„Ich erinnere mich“, sagt er und nickt. „Wir können uns da drin hinsetzen.“ Er deutet auf den Tunnel und mich schüttelt es.
„Nein, danke, das muss nicht sein. Gibt es hier keinen gemütlicheren Ort? Sonst setzen wir uns in mein Auto.“
Wie auf ein Stichwort klingelt plötzlich mein Handy. Ben ist dran.
„Brauchst du Verstärkung?“, erkundigt er sich ohne Umschweife.
„Nein.“
„Hast du das Ding?“
„Äh … ja und nein.“
„Was zum Teufel heißt das denn?“
„Dass ich noch etwas Zeit brauche. Ich rufe dich an, wenn ich fertig bin.“
„Wenn du womit fertig …?“ Ich lege auf. Mir ist grad nicht nach Diskussionen mit ihm.
„War das die Polizei?“, erkundigt sich das … Theodor.
„Eigentlich nur ein Polizist. Die Polizei kann nicht telefonieren.“ Ich ignoriere seinen ratlosen Gesichtsausdruck und zeige auf mein Auto. Dann fällt mir ein, wie viel Blut und andere menschlichen Teile an uns kleben und ich entscheide mich um. „Das heißt, warte mal. Bestimmt gibt es hier irgendwo verlassene Büros, oder?“
Theodor nickt ergeben und geht voraus. Ich beobachte ihn aufmerksam, falls er fliehen oder mich angreifen will, möchte ich es rechtzeitig merken. Aber anscheinend hat er sich mit seinem Schicksal abgefunden. Direkt eine Kämpfernatur scheint er eh nicht zu sein. Jedenfalls führt er mich in ein Bürogeböude, wo wir uns in einem heruntergekommenen Meetingraum niederlassen. Immerhin gibt es hier Mobiliar.
„Fehlt nur noch die Sekretärin, die uns Kaffee bringt“, bemerke ich.
„Was?“
Ich beschließe, Theodor nicht zu überfordern. Er muss seine ganze Lebensportion Humor aufgebraucht haben, als er die Vogelscheuche gebaut hat.
„Also gut, dann erzähl mal. Wieso hast du angefangen, Menschenfleisch zu essen?“
„Daran war Yvonne schuld.“
„Wer ist Yvonne?“
„Yvonne ist … war eine Kollegin. Ich … ich dachte, ich könnte bei ihr landen, als sie mich zu einer besonderen Party eingeladen hat. Eine Art Tupperparty, sagte sie, nur interessanter.“
„Und da gab es Menschenfleisch?“
„Ja“, erwidert er langsam und starrt an mir vorbei ins Nichts. „Da habe ich zum ersten Mal Menschenfleisch gegessen.“
„Aus Tupperware?“
„Nein, von Tellern. Wieso?“
Fiona! Du wolltest ihn doch nicht überfordern!
Ich winke ab. „Nicht so wichtig. Du bist also wegen Yvonne mit auf eine Tuppermenschenparty gegangen. Und wie ging es dann weiter?“
„Ich habe mit Yvonne geschlafen.“
Jetzt starre ich ihn an. „Äh … Okay. Auf der Party?“
„Nein, danach.“
„Und was passierte auf der Party?“
„Zuerst war alles ganz normal. Ich wusste da ja auch noch nicht, dass es um Menschenfleisch geht. Viele wussten das nicht, die zum ersten Mal dabei waren. Und zuerst habe ich mich auch nicht gewundert, dass wir, als serviert wurde, eine weniger waren als am Anfang. Sie wird nach Hause gegangen sein, dachte ich. Bis ich ihren Ringfinger in der Suppe fand.“
„Hast du ihn gegessen?“, erkundige ich mich.
„Was?“ Theodor sieht mich irritiert an.
„Den Finger.“
„Nein! Ich wusste dadurch, dass sie nicht nach Hause gegangen ist.“
Nicht überfordern, Fiona, nicht überfordern! Vermutlich hat die Verwandlung auch sein Gehirn verändert. Vielleicht ist das eine Art Evolution rückwärts. Also, überfordere ihn nicht!
„Schon gut. Wie ging es weiter?“
„Ich … Ich weiß wirklich nicht, wieso ich dort hingegangen bin.Und wieso ich Fleisch gegessen habe. Menschenfleisch. Einige waren nicht zum ersten Mal da und schwärmten besonders von Babyfleisch.“
Ich atme tief durch. In meinem Magen ist nichts mehr, was ich wieder nach oben befördern könnte.
„Ihr habt Babyfleisch gefressen?“
„An dem Abend nicht. Wie gesagt, wir haben erst während des Essens erfahren, dass wir Menschenfleisch essen. Und irgendwie fühlte es sich normal an. Obwohl einige von uns das noch nie getan haben.“
„Möglicherweise habt ihr Drogen verabreicht bekommen. Ich frage mich nur, wieso eigentlich.“
„Drogen?“
„Meinst du nicht? Ich meine, du hast gerade gesagt, dass ihr nicht alle gewusst habt, was das für eine Party sein würde. Und dann wurde eine von euch sogar gekocht und gegessen. Ich glaube, die meisten Menschen, die in einer westlichen Kultur aufwachsen, lehnen das Verspeisen eines Menschen mehr oder weniger ab. Das ist eine Art angelernter Schutz, ein Tabu. So was lässt sich ziemlich gut mit Drogen ausschalten.“
„Und wieso wurde ich zu so … so einem Monster?“
„Das ist allerdings eine gute Frage. Was passierte denn nach der Party und nachdem du mit Yvonne geschlafen hast?“
„Woher weißt du davon?“
„Hast du vor ein paar Minuten noch selbst erzählt.“
„Ach so. Ja, das stimmt, ich habe dann wirklich mit ihr geschlafen. Aber nur einmal. Danach war sie verschwunden und ich habe sie nie wiedergesehen.“
„Könnte sie sich auch in …ein Monster verwandelt haben?“
„Das weiß ich nicht. Aber möglich ist es.“
Ich überlege, schon allein, um mich zu erholen. Einerseits von dem, was Theodor mir erzählt, anderseits von der Anstrengung, die das Zuhören verursacht, denn er spricht extrem undeutlich.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich jemand nur dadurch, dass er Menschenfleisch isst, so verwandelt. Dass er sich überhaupt verwandelt. Dann müssten sich ja alle verwandeln, die Fleisch irgendwelcher Art essen. Nein, es gibt einen anderen Grund, und der wird mit den Drogen zu tun haben, die Theodor und einige der anderen offensichtlich verabreicht bekommen haben.
Aber wozu? Dahinter stecken vermutlich die Gastgeber der Party, doch was bezwecken sie? Ich habe den Verdacht, dass Theodor kein normaler Fall ist. Irgendwas ist bei ihm vermutlich schiefgelaufen und es entspricht gar nicht dem Plan, dass er sich so verändert hat.
Hilft alles nichts, ich muss sie selbst fragen.
„Führ mich hin.“
„Wohin?“, fragt Theodor erstaunt.
„Zu dem Haus, in dem du Menschenfleisch gegessen hast.“
„Was hast du vor?“
„Ich will herausfinden, was das alles zu bedeuten hat. Schon allein, weil ich es nicht zulassen werde, dass Newopes Bevölkerung aufgegessen wird.“
„So viele waren es gar nicht.“
Ich beschließe, den letzten Satz zu überhören. Alles andere wäre zu anstrengend.
Ich springe auf und mustere Theodor. Er sieht ja nicht wirklich unauffällig aus, nicht einmal im Schutz der Dunkelheit. Außerdem sind wir beide immer noch besudelt von … von was auch immer. Ich will es so genau gar nicht wissen.
„Gibt es hier eine Möglichkeit zu duschen?“
„Duschen?“
„Ja, duschen!“ Ich atme tief durch. „Sorry. Wir müssen mit dem Auto fahren, schätze ich, und so setzt du dich nicht in mein Auto. Und ich auch nicht!“
„Ich glaube nicht, dass es hier fließendes Wasser gibt“, sagt Theodor vorsichtig. „Aber einen kleinen Fluss …“
Hm. Es ist Winter und es ist kalt. Ich sterbe vor Kälteschock, wenn ich in Klamotten baden gehe. Und ohne Klamotten erst recht. Aber den Gestank würde ich nie wieder aus dem Auto kriegen … Verdammt!
„Also gut, wir gehen im Fluss baden. Und danach setzen wir uns bei voll aufgedrehter Heizung sofort ins Auto.“
„Mir ist nicht kalt.“
„Aber mir!“ Diesmal entschuldige ich mich nicht.

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Leseprobe: Fiona – Gefühle (Band 3)

Was zum Teufel tue ich hier überhaupt? Zu Hause warten James und Danny, und ich stehe hier vor einer Bank herum. Ein paar Meter weiter kotzt sich ein Polizist aus.
Die Sonne scheint, ein herrlicher Spätfrühlingstag.
„Was ist mit euch los?“, erkundige ich mich.
„Komm mit rein, dann weißt du es“, erwidert Ben ungewohnt kurz angebunden.
Ich folge ihm in die Bank. Die Fenster sind abgedunkelt, drinnen Scheinwerfer aufgestellt. Spurensicherer und Ärzte sind schon da. Für die Ärzte gibt es nicht so viel zu tun, für die Spurensicherer umso mehr. Und weil sie schon mal da sind, helfen ihnen die Ärzte. Zu helfen gibt es für sie eine Menge.
Überempfindlichkeit gehört nicht zu meinem Wesen, im Gegenteil. In der kurzen Zeit meines bisherigen Wirkens als Kriegerin hatte ich sehr häufig Gelegenheit, ziemlich unappetitliche Dinge zu sehen. Aber der Anblick, der sich mir hier bietet, lässt meinen Magen rotieren. Zwar nur kurz, aber es reicht, dass Ben die Augenbrauen hochzieht.
„Alles in Ordnung, Fiona?“
Ich nicke. „Geht schon wieder. Ich war nur nicht darauf vorbereitet.“
„Niemand von uns war darauf vorbereitet.“
„Ich weiß.“
Die Bank wurde überfallen, das ist eindeutig. Ob auch Geld mitgenommen wurde, ist mir noch nicht bekannt. Aber wie es aussieht, hat niemand von den Kunden und Mitarbeitern überlebt. Sie wurden nicht erschossen, sie wurden auch nicht erstochen, nicht einmal erschlagen. Sie wurden zerfetzt. Einige von ihnen sehen aus, als wären sie teilweise aufgegessen worden. Auf dem Boden liegen Körperteile herum, die Bissspuren aufweisen.
Überall ist Blut.
Auch an der Wand gegenüber den Kassen. Dort hat jemand mit Blut hingeschrieben: Snow White was here.
„Schneewittchen?“ Ich starre Ben fragend an. Er zuckt nur die Schultern.
„Na schön. Hier waren also ein paar Irre am Werk. Und du meinst, das ist ein Fall für mich?“
„Siehst du das anders?“
Ich seufze. „Ben, nicht alle Irren sind übermenschlich. Ich kenne Typen, die sind ziemlich menschlich und würden trotzdem so was veranstalten.“
„Schließt du denn aus, dass es … nichtmenschliche Wesen waren?“
Ich schüttle den Kopf. „Nein. Aber die wenigsten von denen rauben eine Bank aus. Ist Geld mitgenommen worden?“
„Ja, sogar jede Menge. Etwa eine halbe Million.“
„Das wiederum wirkt menschlich.“ Ich schaue mich erneut um. Etwas gefällt mir nicht. Und das ist nicht nur die Mitteilung an der Wand. „Ich weiß nicht, Ben. Irgendwas passt nicht. Aber ich kann dir nicht sagen, was es ist. Vielleicht hast du recht, und das waren tatsächlich keine Menschen.“
„Vielleicht findet die Spurensicherung Hinweise. Ich halte dich auf dem Laufenden.“
„Ja, das ist auf jeden Fall eine gute Idee. Mann, Mann. So was habe ich noch nie gesehen. Das muss doch aufgefallen sein. Die Schreie. Hat niemand die Polizei gerufen?“
„Doch, wir wurden alarmiert von einem Zeugen. Ein Mann, der von draußen alles beobachtet hat.“
„Und?“
Ben zeigt auf etwas in der Nähe der Tür. Es ist wohl mal ein Mann gewesen. Er wurde mit seinem eigenen Dickdarm erwürgt. „Seine Handynummer stimmt überein.“
„Hm. Ich revidiere meine Ansicht immer mehr. Was hat er denn gesagt?“
„Das war nicht ganz eindeutig. Jedenfalls etwas in der Art, dass sie sie auffressen. Klang wohl ziemlich panisch. Und dann brach plötzlich die Verbindung ab. Die Zentrale hat sofort mehrere Wagen hierhingeschickt, aber als sie eintrafen, fanden sie nur noch das vor.“
Ich habe genug gesehen und gehört. Vorne rausgehen mag ich trotzdem nicht, inzwischen ist auch das Fernsehen da. Schon schlimm genug, dass die Reporter gesehen haben, wie ich mit Ben hier hineingegangen bin. Ich nehme den Hinterausgang und atme tief durch. Bestialisch, der Gestank. Meine Hände zittern, als ich mir eine Zigarette anzünde. Allmählich werde ich ruhiger.
Ben kommt nach draußen und bleibt neben mir stehen, die Hände in den Hosentaschen.
„So möchte ich nicht sterben“, sagt er leise.
Ich werfe ihm einen Seitenblick zu. „Ich bin schon schlimmer gestorben.“
„Schlimmer als das?“
Ich nicke. „Ja.“
Wir schweigen eine Weile vor uns hin, bis meine Zigarette aufgeraucht ist. Ich trete sie aus und wende mich dann Ben zu. „Lass es mich wissen, wenn ihr eine Spur gefunden habt.“
„Du hast keine Idee, wer Schneewittchen sein könnte?“
„Mir ist niemand aus der Szene bekannt, der sich so nennt oder der so ein Massaker anrichten würde. Schon mal gar nicht bei einem Banküberfall.“
Ein tiefer Seufzer entfährt Ben. Dann schlägt er unvermittelt gegen die Tür. Ich betrachte seine Hand.
„Geht schon“, meint er. „Aber das musste raus.“
„Klar.“
„Was ist mit dir? Macht dich das nicht wütend?“
„Doch, sicher. Aber vielleicht stumpfe ich ab.“
„Du? Niemals!“
Jetzt muss ich doch lächeln. „Lieb von dir, Ben. Ich fahre mal nach Hause. Hast du keine Lust, eine Mini-Pressekonferenz zu geben?“
Er braucht nur drei Sekunden, um zu verstehen. Dann nickt er grinsend.
Und ich kann unbemerkt in meinen Wagen einsteigen und wegfahren.

Zu Hause ist niemand. Da der Jaguar schon dasteht, sind die beiden wohl laufen. Ich ziehe mich aus und gehe in die Wanne. Das heiße Wasser entspannt meine verkrampften Muskeln. Mit geschlossenen Augen döse ich weg, bis sie nach Hause kommen.
Als ich die Augen öffne, steht James in der Tür, Danny sitzt neben mir. Beide sehen mich irritiert an.
„Hallo, mein Schatz“, sage ich.
„Was ist los?“ Das liebe ich so an ihm. Immer direkt zur Sache kommen, und du kannst einfach kein Geheimnis vor ihm haben. Nicht nach fast drei Jahren Ehe. Er kennt mich in- und auswendig, fast besser als ich mich selbst.
„Schneewittchen.“
„Hm? War das jetzt eine Anrede?“
„Nein“, erwidere ich kopfschüttelnd. „Sie hatte Hunger. Und hat eine Bank mit einem Schnellimbiss und die Menschen mit Hamburgern verwechselt.“
„Ich verstehe kein Wort.“
Ich schließe wieder die Augen. „Ben rief mich an, ob ich nicht zu ihm kommen wolle. Er möchte mir was zeigen. Eine Bank, sie wurde überfallen. Die Menschen darin … auseinandergerissen, zerfetzt, angefressen. Überall Blut. Und mit Blut an die Wand geschrieben: Snow White was here.“
„Shit.“
„Du sagst es, mein Schatz.“
Er kommt zu mir, hockt sich hin und legt eine Hand ins Wasser. Sie berührt ganz leicht meine Brüste. „Eine Ahnung?“
„Eine ganz düstere.“
„Aber nichts Konkretes?“
„Nichts Konkretes. James, ich bin nicht leicht zu schocken, aber das war hart.“
„Wie haben es die anderen verkraftet?“
„Schlecht.“ Er fragt nicht nach, wie schlecht. Ist ihm sowieso klar. Er kennt mich, und er hat genug Fantasie, sich die Szenerie auszumalen.
„Was für dich?“
„Möglicherweise. Auch gewöhnliche Menschen können so was.“
„In einer Bank? Am helllichten Tag?“
Er stellt immer die unbequemen Fragen, die ich mir stellen müsste. Auch dieses Mal.
„Eher selten.“ Ich sehe ihn an. „Aber warum sollten andere Wesen so was tun? Eine Bank ausrauben, eine halbe Million und ein paar Innereien mitgehen lassen?“
„Sag du es mir!“
„Mir fällt kein Grund ein, der mir gefallen würde.“
„Und ein Grund, der dir nicht gefällt?“
„Dämonen. Aber Dämonen rauben keine Bank aus. Sie brauchen kein Geld.“
„Was ist mit Katharina?“
„Was soll mit ihr sein? Sie hat es nicht nötig, Banken auszurauben!“
„Das stimmt. Sie kauft sie höchstens. Aber sie hat eine Affinität zu Geld. Und ist ein Dämon.“
„Sie frisst keine Menschen.“
„Ich habe ja auch nicht gesagt, dass sie es war. Ich wollte dich lediglich darauf hinweisen, dass es Dämonen gibt, die sich mit Geld abgeben.“
„Ja.“ Ich steige aus der Badewanne.
„Oh je, du hast ja wirklich schlechte Laune.“
Seufzend bleibe ich stehen, dann lasse ich mich von ihm trocken rubbeln. Dass ich dabei an einer Stelle nur noch nasser werde, ist ein eindeutig gewollter Nebeneffekt.

Ich gehe in die Hocke. Hinter dem Gestrüpp bin ich unsichtbar, aber selbst sehe ich alles. Es regnet wie aus einer Gießkanne. Meine Sachen sind völlig durchnässt und kleben unangenehm auf der Haut. Am liebsten würde ich mich nackt ausziehen, aber kalte Windböen halten mich davon ab. Ich drücke den Rücken gegen den Baumstamm hinter mir und lege die Arme um die Beine. Ich zittere, es ist plötzlich kalt. Das Wasser dringt durch die Kleidung, alles an mir ist nass.
Wo bin ich?
Um mich herum Gestrüpp. Ein Baum. Grauer Himmel, aus dem es Bindfäden regnet. Geräusche. Ich wende den Kopf nach rechts und versuche durch die Sträucher hindurch zu erkennen, wo sie herkommen. Da ist ein Weg, schlängelt sich durch den Wald. Eine Prozession kommt, eine Beerdigung. Vorne gehen die Sargträger mit dem Sarg. Dutzende von Schwarzgekleideten.
Etwas ist seltsam. Ich krieche unter dem Gestrüpp auf den Weg zu, um besser sehen zu können. Kinder. Es sind Kinder. Alles nur Kinder, gekleidet wie Erwachsene. Selbst die Sargträger sind Kinder.
Es ist gespenstisch. Bis auf den Regen ist nichts zu hören. Die Gesichter der geschätzt 80 Kinder, die dem Sarg folgen, sind regungslos, wie Masken. Nirgendwo ein Regenschirm, eine Kapuze. Die in Anzüge und Kleider gekleideten Kindern sind genauso nass wie ich.
Ich warte, bis die Prozession vorbeigezogen ist, dann krieche ich auf den Weg. Aufgerichtet folge ich den Kindern. Es fühlt sich an, als würde ich durch einen See waten, so dicht ist inzwischen der Regen. Wenn ich den Mund aufmache, ertrinke ich. Am Wegesrand stehen Laternen, deren Licht sich im Wasser zerstreut.
Die Prozession erreicht ihr Ziel, die Kinder stellen sich um ein ausgehobenes Grab herum auf. Die Sargträger lassen den Sarg hinunter in das Loch, während die anderen Kinder einen seltsamen Singsang anstimmen, wie Kinder im Vorschulalter oft singen. Das Bild ist verrückt: Sie geben sich wie Erwachsene und dann dieser Gesang. Ich erschaudere, während ich die Kinder aus einem Versteck heraus beobachte. Der Regen ist mein Versteck.
Nachdem das Grab zugeschaufelt ist, löst sich die Gruppe auf und die Kinder zerstreuen sich in allen Richtungen. Schließlich bin ich allein. Allein mit den Toten. Ich warte noch ein paar Minuten, bevor ich zum Grab laufe. Für mich wäre es zu klein, aber warum sollten ausgerechnet Tote erwachsen sein in dieser Kinderwelt?
Wer bin ich und was tue ich hier??
Die erste Frage bleibt offen, die zweite beantworte ich mir selbst, indem ich damit beginne, das Grab wieder auszuheben. Mit bloßen Händen ist das eine mühselige und dreckige Arbeit, vor allem, da sich die Erde durch den Regen in einen Sumpf verwandelt. Dennoch habe ich irgendwann endlich den Sarg freigelegt. Ich lege mich auf den Bauch und versuche, den Deckel hochzuziehen. Auf dem nassen Holz rutschen meine Finger immer wieder ab, meine Fingerspitzen bluten schon. Doch schließlich schaffe ich es, den Deckel mit beiden Händen so festzuhalten, dass ich ihn anheben und dann von unten packen kann. Ich ziehe ihn heraus und werfe ihn achtlos zur Seite.
Im Sarg liegt ein Kind, doch es ist zu dunkel, als dass ich viel erkennen könnte. Ich suche meine Taschen ab nach etwas, womit ich Licht machen könnte. Aber selbst wenn ich etwas bei mir gehabt hätte, wäre es inzwischen durch den Regen unbrauchbar geworden. Ich lege mich also erneut in den Schlamm und ziehe stöhnend und ächzend den Sarg aus dem Grab. Jetzt kann ich das Kind besser erkennen.
Ein zehnjähriges Mädchen, die Hände ordentlich auf dem Bauch gefaltet, die Augen verschlossen. Sie sind grau. Das weiß ich sehr genau, denn ich starre entgeistert auf mich selbst.

Graue Augen, die ins Nichts starren. Die Augen einer Toten? Ich trete so weit zurück, dass ich meinen Körper im Spiegel sehen kann. Ist das wirklich eine 26-Jährige?
Bin ich das wirklich?
Mir ist kalt. Als ich die Arme um mich lege, fällt mir auf, dass ich mich umarme. Was ist los mit mir? Wie kann ein Traum mich derart verwirren? Was bedeutet er?
Mir ist klar, dass er eine Botschaft ist. Ich habe als Kriegerin oft genug mit Dingen zu tun, die sich in kein rationales Weltbild pressen lassen, mich eingeschlossen. Aber dieser Traum ist etwas sehr Persönliches. Der Anblick meines Kind-Ichs hat etwas sehr Tiefes berührt, und ich kann nicht einordnen, was das für Gefühle sind, die mich fast in einen Zombie verwandeln. Und das Letzte, was ich jetzt sehen will, ist die Visage des Psychoterroristen. Er weiß eh schon viel zu viel über mich. Ich glaube, er weiß mehr als ich.
Ich lasse die Arme sinken, bis sie einigermaßen locker an den Seiten herunterhängen. Schlanke, sehnige Gestalt, flacher, muskulöser Bauch, kleine, runde Brüste. Kurze Haare. Gefährlich sehe ich wirklich nicht aus. Wer mich nicht kennt, hält mich für ein schüchternes, unsicheres Mädchen. Zumindest wer nicht genau hinschaut, denn ich stehe aufrecht.
Viel wichtiger ist jedoch, dass ich sehr deutlich auch das kleine Mädchen im Spiegel sehe.
Ich trete wieder näher an den Spiegel heran und betrachte mein Gesicht. Die unauffällig vollen Lippen, die fast immer angedeutet diesen zynischen Zug haben. Die gerade, schmale Nase. Und die grauen Augen. Sie sind kalt – ja, fast leblos.
„Wer bist du?“, flüstere ich.
In einem Anfall von Trotz beschließe ich, dass mich der Traum kreuzweise kann und verlasse empört das Badezimmer. James ist gerade fertig mit dem Tischdecken, als ich nackt auftauche. Er mustert mich eindringlich. Ich kenne diesen Blick und mag ihn grad nicht. Er scheint es zu merken, denn die obligatorische Frage kommt nicht. Stattdessen reicht er mir stumm meinen Kaffee.
„Schatz.“ Er mustert mich noch eindringlicher. Wenn ich nackt „Schatz“ sage, scheint das was Bedrohliches zu haben. „Schatz?“
„Ja.“
„Was Ja?“
„Was du auch immer fragst.“
„Wie kommst du darauf, dass ich was fragen will?“
„Weil du ‚Schatz‘ gesagt hast. Mit einem Punkt. Kein Fragezeichen, kein gedehntes ‚Schaaaaatz‘, sondern kurz und knackig ‚Schatz‘. Das bedeutet, du willst mir eine Frage stellen, und von der Antwort hängt mein Leben ab. Also habe ich schon mal vorsorglich Ja gesagt.“
Ich starre ihn mit offenem Mund an.
„Wie lautet denn nun die Frage?“
„Äh … habe ich vergessen.“
„Glück gehabt. Möchtest du frühstücken, mein Schatz?“
Ich nicke stumm und setze mich. Er grinst. „Das kommt nicht oft vor, dass man dich sprachlos kriegt.“
„Das stimmt. – Meinst du, ich sollte zum Psychoterroristen?“
„Was willst du da?“
„Na ja, vielleicht kann er mir den Traum erklären.“
„Wieso sollte dir ein Psychotherapeut den Traum erklären können?“
„Er hat das gelernt.“
James verschüttet vor Lachen seinen eigenen Kaffee. „Scheiße!“ Dann blickt er mich fassungslos an. „Das glaubst du aber nicht ernsthaft, oder?“
„Wieso nicht? Er hat wirklich was drauf.“
„Das glaube ich dir ja. Aber ein Trauma zu behandeln ist was ganz anderes, als einen Traum zu erklären.“
„Freud hat auch …“
„Freud! Lass den mal schön aus dem Spiel. Kannst ja deinen Psychoterroristen fragen, was er von dem hält.“
„Nicht viel. – Und wie finde ich jetzt heraus, was mir der Traum sagen will?“
„Hm. Bist du sicher, dass es ein Traum war?“
„Fast. Also, eigentlich ziemlich sicher. Die Stimmung, das Körpergefühl … sehr untypisch für eine Außerkörperlichkeit. Und die Begegnung mit dem Kind … eigentlich nur in einem Traum möglich.“
Mir fällt ein, dass ich frühstücken könnte und nehme ein Brötchen. Als ich hineinbeißen will, nimmt James es mir aus der Hand, schneidet es auf und schmiert Marmelade auf beide Hälften. Dann bekomme ich es zusammengelegt wieder.
„Danke … was symbolisiert ein Kind, das eigentlich mein junges Ich ist und in einem Sarg liegt? Dass ich bald sterben werde?“
„Na, dann brauchst du dir ja keine Sorgen zu machen. Darin hast du nun wirklich viel Übung.“
„Du …!“ Ich atme laut aus. „Ja. Und ich bin erwachsen.“
„Eben. Kannst ja tagsüber darüber nachdenken oder nächste Nacht das Kind fragen. Ich muss jetzt los, habe in einer Viertelstunde eine Besichtigung.“
„Soll ich heute Danny nehmen?“
„Das wäre super.“ Er gießt den Kaffee hinunter und gibt mir einen Kuss. „Bis heute Abend. Und vergiss nicht, dich anzuziehen, bevor du zur Arbeit fährst.“
Manchmal hasse ich ihn. Fast. Wenigstens ein bisschen. Wie kann ein Mensch nur so zynisch sein? Mich ausgenommen!?

Mit 10 war ich ein Einzelkind. Nachdenklich betrachte ich meine Mutter, während ich lustlos im Essen herumstochere. James unterhält sich angeregt mit meinem Vater, aber ich weiß genau, dass er mitkriegt, wie ich drauf bin. Deswegen unterhält er sich so angeregt mit meinem Vater. Aber er schafft es nicht, auch meine Mutter abzulenken. Sie beobachtet mich eine Weile, ehe sie mich anspricht.
„Was ist los, mein Schatz?“
„Nichts.“ Wir alle wissen, dass das gelogen ist.
„Erzählst du mir, welches Nichts dich so beschäftigt?“
„Du bist fast so zynisch wie ich, Mama.“
„Ja, ich habe viel von dir gelernt.“
Ich grinse. „Echt? Die schlimmen Sachen auch?“ Ich atme tief durch. „Ich habe blöd geträumt, das ist alles.“
„Mein Kind, hast du so wenig Vertrauen zu mir?“
Was soll ich dazu sagen? Mütter sind lästig. Meiner Mutter kann ich nichts vormachen, sie kennt mich viel zu gut. Sie spielt oft und erfolgreich die Gattin des reichen Ex-Unternehmers und Entrepreneurs, aber sie kriegt einfach alles mit. Fast alles.
Ich stehe auf und gehe nach draußen. Es regnet leicht, daher bleibe ich unter dem Terrassendach stehen und zünde mir eine Zigarette an. Meine Mutter legt von hinten ihre Arme um mich.
„In letzter Zeit wirkst du oft traurig“, sagt sie plötzlich.
„Traurig?“
„Ja. Nicht immer. Aber ab und zu.“
„Oft oder ab und zu?“
„Mir kommt es oft vor, aber wahrscheinlich ist es gar nicht so oft, wie ich mir einbilde. – Gibt es Probleme mit James?“
„Mit James?“ Ich schüttle den Kopf. Nein, mit James habe ich keine Probleme. Ich liebe ihn. Mein Problem heißt Katharina. Aber das weiß niemand außer ihr. Ich lehne den Kopf zurück, bis unsere Wangen sich berühren. „Mama, ich weiß es nicht. Ich meine, was mich so traurig macht. Mit James ist alles in Ordnung. Ich liebe ihn.“
„Wann werde ich Großmutter?“
„Was?!“ Ich richte mich auf und starre sie entgeistert an.
„Warum erschreckt dich dieser Gedanke so? Du bist eine junge Frau, und du wärst eine wunderbare Mutter.“
„Ich?“ Als Mutter kann ich mich nun wirklich nicht vorstellen. Kind stillen, wickeln, baden … ich??? „Mama, ich glaube nicht, dass ich eine gute Mutter wäre.“
„Doch, das wärst du. Ich habe gesehen, wie du mit Kindern umgehst. Kinder lieben dich.“
„Weil ich auch ein Kind bin!“
„Du bist doch kein Kind mehr!“
Ich ziehe an meiner Zigarette. „In meinem Traum schon. Ich fand mich als Zehnjährige in einem Sarg liegend.“
„Oh. – Jetzt verstehe ich. Aber es war nur ein Traum. Ein böser Traum.“
„Ja, ein böser Traum … wie auch immer. Ich sollte vielleicht erst einmal erwachsen werden, bevor ich ein Kind bekomme.“
„Dann würde die Menschheit aussterben, wenn das Bedingung wäre.“ Meine Mutter kichert. „Es ist gar nicht so gut, ganz erwachsen zu werden.“
„Du überrascht mich, Mama.“
„Wirklich?“
„Nein.“
„Ich habe mich schon fragen wollen, ob du mich wirklich so schlecht kennst.“
Ich zwinge ein Lächeln auf mein Gesicht. „Mama, im Moment kenne ich nicht einmal mich selbst.“ Seufzend nehme ich einen letzten Zug von der Zigarette, bevor ich sie ausdrücke. „Vor allem verstehe ich nicht, dass ein Traum mich so … depressiv macht.“
„Gegen Depressionen gibt es gute Mittel.“
„Wie den Psychoterroristen?“
„Wieso nennst du ihn eigentlich immer so? Das ist abwertend, und das hat er nicht verdient.“
„Weil er wie ein Terrorist in mein Innerstes eingedrungen ist und dort alles durcheinandergebracht hat.“
„Vielleicht hat er auch nur aufgeräumt.“
„Ja, natürlich. – Nein, Mama, das geht schon. Ich bin bestimmt nicht selbstmordgefährdet. Wüsste sowieso nicht, wie ich das anstellen sollte.“
„Zum Glück …“ Sie schweigt erschrocken. „Tut mir leid, verzeih mir. So war es nicht gemeint.“
Ich nehme sie in die Arme. „Ich weiß, Mama. Ist schon gut. Ist lieb gemeint, dass du versuchst, mir zu helfen, aber ich muss mit diesem Ding, das sich mein Leben nennt, selbst fertig werden. Irgendwie. Und ich schaffe das schon. Trotzdem, danke.“
Sie streichelt mir mein Gesicht, dann gehen wir wieder hinein. Die Männer sehen uns erwartungsvoll an, aber sie werden enttäuscht. Von uns erfahren sie nichts. Außerdem hätten wir sowieso keine Gelegenheit etwas zu erzählen, denn mein Handy meldet sich lautstark. Auf dem Display steht der Name von Jack. Mein Herz verkrampft sich.
„Hallo Jack.“
„Fiona … tut mir leid, dich zu stören.“
„Hat Schneewittchen wieder zugeschlagen?“
„Ja, wahrscheinlich.“
„Scheiße. Hast du Ben schon Bescheid gesagt?“
Er zögert. „Das geht nicht“, sagt er schließlich. Dann räuspert er sich. „Sie haben ihn entführt.“
„Wen?“ Ich kapiere mal wieder nichts. „Wer hat wen entführt?“
„So wie es aussieht, hat Schneewittchen Ben entführt.“
„Was!? Jack, wo bist du?“
„In Bens Wohnung. Kannst du herkommen?“
„Ja, natürlich. Bin gleich da.“ Ich lege auf und starre James an.
„Habe ich das richtig verstanden, dass Ben entführt wurde?“, fragt er. Ich nicke. „Verdammt. Heftig. Wesen, die Polizisten persönlich angreifen, sind entweder sehr dumm oder sehr gefährlich.“
„Oder beides. Schatz, ich muss hin.“
„Ich weiß.“
Ich gebe ihm einen Kuss, verabschiede mich von meinen Eltern und laufe rüber zu unserem Haus. Kurzerhand nehme ich den Jaguar, weil ich ihn sowieso wegsetzen müsste. Vor dem Haus, in dem Ben wohnt, sehe ich schon von Weitem den üblichen Auflauf. Allerdings ist die Presse noch nicht da, also hat mich Jack ziemlich schnell, nachdem die Entführung Bens entdeckt wurde, angerufen. Ich parke neben einem Krankenwagen, und als ich aussteige, nimmt mich ein junger Polizist in Empfang.
„Der Chief möchte, dass ich Sie zu ihm bringe“, sagt er ohne jede Begrüßung. „Ich finde das unverantwortlich.“
„Wieso?“, frage ich, unwillkürlich schmunzelnd.
„Es sieht nicht schön aus in der Wohnung des Lieutenants.“
„Wieso?“ Mein Herz verkrampft sich. „Ich denke, er wurde entführt?“
„Er schon. Sein … Freund nicht.“ Mehr scheint der Polizist nicht sagen zu wollen. In der Zwischenzeit haben wir das Haus betreten und gehen zu Fuß in die zweite Etage. Ich habe dabei mehrere Déjà-vus. Bleiche Polizisten, die aussehen, als würden sie gleich kotzen. Dank der Andeutungen des jungen Polizisten ahne ich allerdings, was der Auslöser für die allgemeinen Übelkeitsanfälle sein könnte.
Jack erwartet mich vor der Wohnung. Es ist eine dieser Luxuswohnungen in einem Luxusgebäude in einer Luxusgegend. Wo waren die Luxuswachleute des privaten Schutzdienstes? Und wieso kann sich Ben das eigentlich leisten? Zumindest die letztere Frage kann ich mir selbst beantworten: Weil er zurückgezogen lebt und kaum Geld für irgendwas ausgibt, was nicht unbedingt nötig ist.
Ich nehme Jack kurz in die Arme. Dann deute ich auf die Wohnungstür. „Da drinnen muss es ja schlimm aussehen.“
„Ja. Du warst in der Bank?“
Ich nicke.
„Dann wird es für dich nichts Überraschendes in der Wohnung geben. Wusstest du, dass Ben mit einem Mann zusammengelebt hat?“
„Du?“
„Ja. Aber er machte es nie öffentlich.“
„Nun, ich habe es geahnt. Aber wir haben nie über sein Privatleben gesprochen.“
Jack mustert mich mit einem undefinierbaren Ausdruck. Schließlich öffnet er die Tür und geht vor. Bestialischer Gestank schlägt mir entgegen. Die Quelle liegt auf dem Boden zwischen Badezimmer und Küche. Es war mal ein Mann, das kann ich erkennen.
Ich schlucke. „Komisch, dass Menschen kein Problem haben, ein Huhn aus dem Supermarkt anzupacken, aber bei diesem Anblick loskotzen.“
„Du findest das komisch?“
„Nicht wirklich.“ Während ich an den Resten des Mannes, und es sind wirklich nur Reste, vorbeigehe, denke ich daran, dass es eben einen Unterschied macht, ob man ein Huhn als Huhn erkennen kann oder nicht. Nicht ohne Grund werden die Hühner meistens in Einzelteilen und mariniert oder paniert angeboten, um bloß keine Assoziationen zu wecken. Niemand wäre von einem Menschenschnitzel schockiert, wenn er den ursprünglichen Menschen nicht mehr erkennen könnte und auch nicht wüsste, dass es Menschenfleisch ist, was da grad in der Pfanne bruzzelt.
Der Freund von Ben ist als Mensch erkennbar, auch wenn sein Kopf entkernt wurde.
„Was ist passiert?“, erkundige ich mich. Ich stehe nun mit Jack im Wohnzimmer. Es sieht wild aus. Und als ich erkenne, dass eins der Beweisstücke, das neben dem Sessel liegt, ein Teil von einem Fuß ist, halte ich kurz den Atem an, sonst würde selbst mir schlecht werden.
„Soweit wir rausgefunden haben, sind sie durch das Fenster gekommen. Es gab wohl einen kurzen Kampf. Dann haben sie den Freund – er hieß George Wilson – ausgeweidet, vermutlich, als er noch lebte. Und sind wieder durch das Fenster gegangen.“
„Durch das Fenster? Wir sind im zweiten Stock.“
„Das scheint sie nicht gestört zu haben“, erwidert Jack trocken.
Ich trete zum Fenster, bleibe aber in einiger Entfernung stehen, um die Spurensicherung nicht zu stören. Die Scheiben liegen vor dem Fenster, in Tausenden von Scherben. Sie sind nicht durch das Fenster gekommen, sie sind durch das Fenster gesprungen. Bloß wer?
„Gibt es Zeugen? Irgendwelche Hinweise, mit wem oder was wir es zu tun haben?“
Jack schüttelt den Kopf. „Das Ganze hat vielleicht zehn Minuten gedauert, wenn überhaupt. Mehrere Bewohner haben was gehört, es hat ja auch ordentlich gerumst. Bei uns gingen zwei Notrufe ein. Als wir eintrafen, war es schon vorbei. Als unsere Leute die Tür aufbrachen, hat George noch gezuckt.“
„Wie bitte? Er hat doch kein Gehirn mehr!“
Jack zuckt die Achseln. „Anscheinend hatten sie es ihm erst kurz zuvor entfernt. Sein Körper bewegte sich jedenfalls noch.“
Ich erschaudere. Erinnerungen kommen plötzlich hoch. Erinnerungen, die ich gut verschlossen wähnte. Dann merke ich nur noch, dass Jack mich auffängt.
„Fiona? Fiona, was ist los?“
Ich klammere mich an Jack fest und warte darauf, dass die Welt um mich herum sich beruhigt. Das Ganze dauert sicher nicht länger als ein paar Sekunden, aber das reicht, um Jack einen panischen Ausdruck auf sein Gesicht zu zaubern.
„Fiona??“
Ich atme ein paarmal tief durch und richte mich langsam auf. „Sorry … ich … ich habe mich an etwas Unangenehmes erinnert.“
Jack mustert mich, dann nimmt er meinen Arm und zieht mich fort, fort von den neugierigen Blicken seiner Leute, in das Bad, und er schließt die Tür.
„Fiona, das ist das erste Mal, dass ich eine solche Reaktion bei dir erlebe“, sagt er dann langsam.
„Puuh …“ Ich setze mich auf den Wannenrand und fische meine Zigaretten hervor. „Du auch?“ Und als er den Kopf schüttelt, zünde ich mir eine an. „Das Bild vom zuckenden Kerl … ließ die Frage in mir hochkommen, ob und wie er sich dabei fühlte … und das wiederum in mir mit Urgewalt die Erinnerung daran erwachen, wie sich so was anfühlt.“
„Was anfühlt?“
„Seinen Körper in Stücken zu verlieren.“ Ich ziehe an der Zigarette und bin wieder halbwegs bei mir. „Du weißt doch, wer ich bin.“
„Ja. Aber wir haben uns noch nie über Details unterhalten. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass du auch schon …“
„Ausgeweidet wurde? Nun, es lief etwas anders. Aber am Ende konnte ich die einzelnen Teile meines Körpers auf dem Boden zerstreut rumliegen sehen, bevor ich endlich das Bewusstsein verlor. – Wie auch immer. Ich habe nicht mit diesem Flashback gerechnet.“
„Vielleicht sollte jemand anderes den Fall übernehmen? Schon allein, weil du persönlich befangen bist.“
„Willst du bei Gott anrufen? – Nein, so läuft das nicht, Jack. Du wirst mit mir vorliebnehmen müssen. Wir sind keine Behörde, bei uns gibt es keinen Notruf, keinen Dienstplan, keine Zuständigkeiten. Ich bin Fiona und zufällig in dieser Wohnung, zufällig in diesem Bad und sitze nur zufällig auf dieser Wanne und rauche zufällig diese scheißverdammte Zigarette!“
„Schon gut, ich habe verstanden.“
„Tut mir leid.“ Ich drücke die Zigarette aus und erhebe mich. „Ich will mir die Spuren draußen ansehen.“
Allerdings nicht die in der Wohnung. Um die kümmern sich schon die Fachleute, die das besser können als ich. Ich gehe vorsichtig nahe an das Fenster heran, während unter meinen Sohlen Glas knirscht. Unter dem Fenster ein größerer Gemüsegarten. Pech für die Hobbygärtner, aber gut für mich, denn zwischen den Tomaten und der Paprika ist sehr gut zu erkennen, wo die Angreifer herkamen.
„Sie scheinen von da unten hier hochgesprungen zu sein“, bemerke ich. „Hm.“
„Hochklettern kommt nicht infrage?“
„Dann hätten sie die Scheibe eingeschlagen, und dann lägen die Scherben ganz anders.“
„Das stimmt“, gibt Jack zu. „Aber wer springt mal eben in ein Wohnung im zweiten Stock durch ein geschlossenes Fenster?“
„Sehr gute Frage.“ Ich schaue mich draußen um. Niemand zu sehen. Bevor Jack reagieren kann, springe ich durch das Fenster und lande im Gemüsebeet. Da ich mich dabei darum bemühe, nicht die Spuren der Entführer zu zerstören, müssen weitere Tomaten dran glauben. Das ist blöd, denn der sich verteilende Saft erschwert etwas die Spurenlese. Während ich mich über die Spuren der Entführer beuge, denke ich flüchtig darüber nach, ob Tomatensaft gut aus Baumwolle rausgeht. Wir werden sehen.
Ich konzentriere mich auf das Riechen. Meinem Anderssein verdanke ich unter anderem wesentlich höher auflösende Sinneswahrnehmungen als normale Menschen. Was normal auch immer sein mag. Neben dem brutal intensiven Geruch der zerstörten Tomaten rieche ich als erstes Angst. Todesangst. Ich rieche Bens Angst.
Und dann ist da ein vertrauter Geruch, nur viel, viel intensiver. Der Geruch von Dämonen. Er ist sehr spezifisch, für geübte Nasen wie meine gut erkennbar. Auch Katharina hat diesen Geruch, allerdings nur dezent. Hier jedoch, in diesem Gemüsegarten, waren Vollblutdämonen unterwegs. Damit ist jeder Zweifel ausgeräumt – es waren keine Menschen. Wie konnte ich das auch nur annehmen? Dieser Geruch hätte mir auffallen müssen in der Bank, wäre er auch ohne den allgegenwärtigen Gestank toter Seelen. Fiona! Ich korrigiere, nicht die Seelen stanken, sondern ihr brutaler Tod.
In der Zwischenzeit sind Jack und zwei Polizisten auch da. Jack sieht mich vorwurfsvoll an, spart sich aber jede Bemerkung bezüglich meiner Stunteinlage.
„Hast du was rausgefunden?“
Ich mustere kurz die beiden Polizisten und deren mitleidigen Gesichtsausdruck, dann wende ich mich Jack zu. „Ja.“ Statt einer weiteren Erklärung folge ich der gut sichtbaren und noch besser riechbaren Spur. Ziemlich eindeutig verließen die Entführer das Grundstück auf demselben Wege, auf dem sie gekommen waren. Der riesengroße Gemeinschaftsgarten des Mietshauses grenzt an einen öffentlichen Erholungspark, durch einen mindestens zwei Meter hohen Maschendrahtzahn davon abgetrennt.
„Auf der anderen Seite geht es weiter“, stellt Jack lakonisch fest.
Ich betrachte den Park. Etwas weiter südlich fließt die Labe, spätestens darin würde ich die Spur verlieren. Außerdem sind in dem Park zu viele Leute unterwegs.
„Manchmal liebe ich deinen Humor, Jack. Hast du hier noch was zu tun?“
„Alle wären froh, wenn ich sie hier nicht bei der Arbeit stören würde. Kann ich dir von unserem hervorragenden Kaffee in der Zentrale anbieten?“
„Sandras Kaffee? Jederzeit.“
Wir fahren in die Polizeizentrale, getrennt. Im Vorzimmer des Polizeichefs werde ich überschwänglich von Sandra begrüßt. Erstaunt stelle ich fest, dass ich Jack überholt habe. Ich lümmle mich in den Chefsessel und lege die Beine auf die Lehne. Dabei fallen mir die roten Tomatensaftflecken auf. Sie sehen wie Blutflecken aus.
Jack und Sandra kommen gleichzeitig, sie mit dem Kaffee. Nachdem sie wieder draußen ist, halte ich fragend meine Zigarettenschachtel hoch. Jack nickt. Ich zünde mir eine Zigarette an und betrachte ihn neugierig.
„Ich habe ein paar Leute angesetzt, Bens letzte Fälle anzuschauen. Oder findest du es nicht seltsam, dass er entführt wurde?“
„Ich finde im Moment alles seltsam“, erwidere ich melancholisch.
„Fiona? Alles in Ordnung?“
„Bestimmt“, versichere ich und nehme einen tiefen Zug. „Jack, ich habe noch nie davon gehört, dass Vollblutdämonen sich mitten am Tag einen Menschen holen. Auf diese Weise nicht einmal nachts. Und noch ungewöhnlicher ist dieser Banküberfall.“
„Er ist jedenfalls Thema Nummer eins in den Medien. Aber nicht mehr lange. Schwuler Polizist wird entführt, sein Freund ausgeweidet, und das mitten am helllichten Tag in einer bewachten Luxuswohnanlage.“
„Klingt nach einem Schundroman.“
„Leider.“
Ich grinse leicht. „Es müssten vier oder fünf Dämonen sein, ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie völlig unbemerkt durch die Gegend laufen.“
„Ich auch nicht, deswegen lasse ich jeden Polizisten der Stadt alles auseinandernehmen, was irgendwie auffällig ist.“
„Du warst ja richtig fleißig.“
Jack seufzt, dann setzt er sich an seinen Schreibtisch. Nachdenklich mustert er mich. „Du hast dich verändert.“
„Ich esse keine Menschen.“
Er lacht. „Das wollte ich damit auch nicht behaupten. Ich schätze, du wirst mir den Grund nicht erzählen.“
„Warum ich keine Menschen esse? Oh, das ist einfach. Sie schmecken mir nicht.“
„Ich sollte dir die Zigaretten wegnehmen, sie tun dir offensichtlich nicht gut.“
„Versuchs doch!“ Ich grinse. „Du und James, ihr seid euch sehr ähnlich.“
„Und das heißt konkret?“
„Ihr bringt mich beide gezielt zum Lachen, wenn ich scheiße drauf bin.“
„Ach, das meinst du.“
„Und ihr werdet alt.“ Zack. Das konnte ich mir nicht verkneifen. Für einen Moment bin ich unsicher, ob ich nicht zu weit gegangen bin. Mit James kann ich das machen, das weiß ich. Aber Jack kenne ich nicht so gut. Doch dann entspannen sich seine Gesichtszüge und er stellt fest: „Du bist respektlos. Aber auf eine charmante Weise.“
„Autsch.“
„Ich wünschte, ich hätte eine Tochter wie dich.“ Und zack. Er ist ein guter Sparringspartner.
„Jetzt sind wir wohl quitt und können ernsthaft arbeiten“, erwidere ich. Er grinst.
Mein Handy macht Höllenkrach. Wer zum Teufel hat „Race with the Devil“ als Klingelton eingestellt?
„Was ist das?“, fragt Jack entgeistert.
„Mein Motto: Race with the Devil.“ Ich muss grinsen, während ich den Anruf annehme. „Hallo, mein Schatz.“
„Hi. Störe ich?“
„Du? Niemals!“
„Ich werde dich gegebenenfalls daran erinnern. Wo bist du?“
„Bei Jack im Büro.“
„Grüß ihn von mir. Gehe ich recht in der Annahme, dass du nicht in der nächsten halben Stunde nach Hause kommst?“
„Ich könnte auf die Idee kommen, Einsteins Relativitätstheorie zu widerlegen, dann doch.“
„Schatz, hübsche Blondinen haben keine Ahnung von Physik, also zerstöre bitte nicht mein Weltbild.“
„Du bist ansatzweise zynisch.“
„Zum Glück nur ansatzweise. – Und, wie sieht es aus?“
„Beschissen. Sie sprangen mal eben im zweiten Stock durch das Fenster, fraßen Bens Spielkameraden halb auf und sprangen wieder aus dem Fenster. Dabei nahmen sie Ben mit. Ob als Proviant oder aus weniger niederen Gründen, lässt sich derzeit nicht sagen.“
„Nenn du mich noch einmal zynisch.“
„Wusstest du eigentlich, dass er schwul ist?“
„Gewusst nicht, aber ich hatte so eine Vermutung. Nur ist das nichts, was man einfach mal so fragt.“
„Ja, das ist wahr. Manchmal erschreckt mich meine eigene Naivität. – Bist du eigentlich noch bei meinen Eltern?“
„Wir sind.“
„Klasse. Frag bitte meine Mutter, wie man Tomatensaftflecken aus Jeans entfernt.“
„Wie bitte?“
„Tomatensaftflecken. Jeans. Entfernen.“ Ich sehe Jack strafend an, der sich vor Lachen verschluckt.
„Warum fragst du sie nicht selbst?“, fragt James säuerlich und reicht mich weiter.
„Mama?“
„Mein Kind, James hat erzählt, was passiert ist. Ich habe davon ja auch im Fernsehen was gesehen, das ist ja schrecklich.“
„Im Fernsehen wurde berichtet, dass ich Tomatensaftflecken auf der Hose habe?“
„Was?“
Ich zünde mir mit einer Hand eine neue Zigarette an, und Jack sieht sich ungerührt an, wie ich mich abmühe. „Wie kriege ich Tomatensaftflecken aus Jeans?“
„Ich verstehe nicht …“
Ich schließe die Augen und zähle langsam rückwärts. „Was ist mit euch los? Ich will einfach nur wissen, wie ich Tomatensaftflecken aus Jeans rauskriege. Das kann doch nicht so schwer zu verstehen sein.“
Jack liegt halb auf dem Boden.
„Mit Kernseife. Einweichen, dann normal waschen.“
„Na, endlich eine vernünftige Antwort.“
„Aber … ich dachte, du bist bei der Polizei wegen … wegen dieser schrecklichen Sache.“ Arme Mama.
„Bin ich auch. Ich habe ein Tomatenbeet gekillt, und die Tomaten haben sich fieserweise an meiner Hose gerächt.“
„Tut mir leid, mein Kind, du hast grad eine Laune, die kann ich einfach nicht ertragen. Ciao.“ Und schon habe ich wieder James dran. Ich kann hören, dass er das Lachen nur mit Mühe unterdrückt. „Du machst deine Mutter unglücklich.“
„Tut mir leid.“ Glatt gelogen, und alle, die mich kennen, wissen das auch. „Also, wenn du nachher nach Hause gehst, schau bitte nach, ob wir Kernseife haben, sonst bringe ich welche mit.“
„Ja, Chefin.“
„Arschloch.“ Ich lege wütend auf. Und rufe ihn wieder an. „Tut mir leid. Diesmal wirklich.“
Jetzt zählt er rückwärts. Dann fragt er ruhig: „Was ist passiert?“
„Ich habe Tomaten gekillt. – Ich … ich hatte einen Blackout in der Wohnung von Ben. Scheiße … davon war keine Rede, dass mein Körper zwar heilt, aber meine Seele nicht.“
„Vielleicht ist das die Aufgabe. Zu wachsen.“
„Was?“
„Ist das nicht so? Ist das nicht etwas, woran deine Seele wachsen kann?“
„Hm.“ Ich betrachte Jack, der jetzt sehr ernst an seinem Schreibtisch sitzt. „Ja, vielleicht. Jedenfalls wurde dadurch meine vorher schon nicht rosige Laune nicht besser.“
„Verständlich. Und was habt ihr jetzt vor?“
„Wir versuchen, in Bens Fällen einen Hinweis zu finden, wieso ausgerechnet er entführt wurde. Und wieso er überhaupt entführt wurde.“
„Viel Erfolg. Ich glaube nicht, dass ihr da was finden werdet.“
„Ich auch nicht“, erwidere ich müde. „Aber ich habe im Moment keine bessere Idee.“
„Hast du Katharina schon gefragt?“
Ich erstarre für den Bruchteil eines Moments. So kurz nur, dass es nicht einmal für eine Teilchenkollision reichen würde. Danach höre ich mich antworten: „Nein. Ich glaube nicht, dass sie da helfen kann.“
„O. K. Wahrscheinlich hast du recht damit. – Na gut, ich halte euch nicht länger auf. Schatz …“
„Ja?“
„Versprich mir, dass du dich meldest, wenn es dir wieder so dreckig geht. Ich spüre deinen Schmerz.“
Oh Mist. Ich schließe die Augen und halte den Atem an. Dann nicke ich. Doofkopf, er kann dich doch nicht sehen. „Ja, das werde ich. Ich liebe dich.“ Und lege schnell auf. Oh Mann, was für ein Tag.
Jack mustert mich, ich mustere ihn. Dann zünde ich meine nächste Zigarette an. Heute werde ich bestimmt meinen eigenen Rekord brechen. Vielleicht sollte ich mit dem Rauchen aufhören. Andererseits – es entspannt, und ich werde ganz sicher nicht an den Folgen sterben. Zumindest nicht auf Dauer.
„Fiona … ich habe ein Problem mit der Vorstellung, dass sich Dämonen einfach so in dieser Stadt verstecken können. Sie müssen doch auffallen.“
Wenn er wüsste. „Jack, hast du eine Ahnung, wie viele Dämonen oder ähnliche nicht ganz menschliche Wesen in Skyline leben?“
„Nein. Bislang ist mir keine Statistik dazu untergekommen. Wie viele sind es denn?“
„Was schätzt du?“
„Ich wollte nicht schätzen, aber wenn du schon so fragst, sind es vermutlich mehr, als ich zuerst geschätzt hätte. 1000?“
„Ich rede von Skyline, nicht von einem kleinen Dorf. Genaue Zahlen habe ich natürlich auch nicht, aber etwa eine halbe Million dürfte realistisch sein.“
Die Zahl lässt seine Gesichtszüge entgleisen. „Eine. Halbe. Million?“
„Plusminus, ja. Viele von denen leben in den Katakomben, die ja größer sind als die Stadt. Aber selbst überirdisch dürften es an die 200.000 sein. Die Wenigsten von ihnen fallen auf, viele sind Mischlinge, entstanden aus Affären oder längeren Beziehungen zwischen Menschen und … äh … eben Nichtmenschen.“
„Kennst du … Nichtmenschen?“
Ich nicke.
„Und das meinst du ernst, dass sich Menschen mit Nichtmenschen paaren?“
„Das kommt durchaus oft vor. Jack, vergiss alles, was du aus blöden Filmen über Dämonen, Vampire und sonstige Gruselgestalten weißt. Manche, wie wir ja auch heute wieder gesehen haben, können sehr unangenehm werden, aber das ist keine typisch nichtmenschliche Eigenschaft.“
„Eher im Gegenteil.“
„Du sagst es. – Verdammt, wer raucht immer meine Zigaretten auf?“ Ich werde es nie erfahren, denn Sandra steckt ihren Kopf durch die Tür. „Chef, da ist eine Polizistin, sie meint, sie hat vielleicht eine wichtige Information zu Ben.“
„Dann soll sie reinkommen.“
Sie ist noch jung, etwa in meinem Alter, und sehr unsicher. Sie tritt von einem Bein auf das andere, während ich sie mustere. Jack bietet ihr einen Stuhl an. Sie setzt sich vorsichtig.
„Wie ist Ihr Name?“, erkundigt sich Jack.
„Marlen.“
„O. K., Marlen. Sie wissen etwas, was Ben helfen könnte?“
„Nun … ich bin mir nicht ganz sicher … aber ich dachte, falls es doch wichtig ist und ich erzähle es nicht …“
„Das ist ein guter Gedanke. Erzählen Sie es uns?“
Marlen wirft mir einen scheuen Blick zu, als ich mir die nächste Zigarette anzünde. Mir ist bewusst, dass über mich wahre Legenden erzählt werden, und auch wenn ich kein Unschuldslamm bin, ist das Meiste wahrscheinlich maßlos übertrieben. Und nun sitzt diese Legende beim Chief, raucht in aller Seelenruhe eine Zigarette und sieht auch noch völlig harmlos aus. Mit Tomatensaftflecken auf den Jeans.
„Also, das war so … heute Morgen kam jemand. Eine Frau, in Begleitung eines Mannes. Dieser Mann, er fiel mir auf, weil er so unsicher ging. Nicht wie ein Betrunkener oder so, eher wie ein kleines Kind, das noch nicht gelernt hat, sicher zu gehen. Und er trug einen langen Mantel.“
„Bei dem Wetter?“, frage ich.
„Ja, das fand ich auch seltsam. Die Frau war normal gekleidet. Na ja, vielleicht ein bisschen zu … freizügig. Aus der Nähe konnte ich schon ziemlich tief in ihr Dekolleté schauen. Und sie tat alles dafür, dass ich da hinschaue.“
„War sie lesbisch?“
„Das … das glaube ich nicht. Es wirkte sehr aufgesetzt.“
„O. K. Und was geschah dann?“
„Sie wollte wissen, wo sie einen David findet.“
„David wer?“
„Das hat sie nicht gesagt, Sir. Sie hatte nur den Vornamen und fand es sehr seltsam, dass wir ihr nicht sagen konnten – und auch nicht sagen wollten – wo sie ihn finden könnte.“
„Wirklich seltsam. Aber wieso glauben Sie, dass das was mit der Entführung zu tun hat?“
„Nun, Sir, als sie gemerkt hat, dass sie nichts erreicht, obwohl ihr schon fast eine Brust aus dem Kleid gerutscht ist – und meine Kollegen sich plötzlich ziemlich kindisch benahmen –, da hat sie ihre Taktik geändert und fragte, ob sie jemanden sprechen könnte, der hier was zu sagen hat. Ich wollte ihr grad erklären, dass sie erst einmal mir erzählen müsste, um was es überhaupt geht, da verließ Mr Norris das Haus, um heimzugehen. Sie fragte dann, wer das sei und ging dann. Das war sehr seltsam, wie sie es plötzlich eilig hatte, aber ich konnte ja nicht wissen, was passieren würde.“ Sie bricht in Tränen aus und Jack hat Mühe, sie zu beruhigen. Schließlich reiche ich ihr eine Zigarette und gebe ihr Feuer. Das hilft. Das hilft immer. Sie wischt sich die Tränen ab und schnieft.
Nachdem sie weg ist, sieht Jack mich an. „Schneewittchen“, nicke ich. „Endlich eine Spur. Wir brauchen dringend das Phantombild.“
„Sie lässt es ja jetzt anfertigen. Was hältst du von ihrem Begleiter?“
Ich zucke die Achseln. „Ein Dämon. Spannend finde ich die Frau. Einerseits kannte sie sich mit unseren Gepflogenheiten aus, aber so richtig auch wieder nicht.“
„Das ist wahr. Glaubt, dass wir ihr helfen können und wollen, einen David zu finden. Welchen von den zigtausend?“
„Das bedeutet, sie lebt nicht in der Zivilisation. Damit wird ihre Vorgehensweise zumindest teilweise verständlich. Und es macht sie und ihren Begleiter gefährlich. Genauer gesagt, ihre Begleiter. Im Garten waren definitiv die Spuren von mehr als zwei Dämonen.“
„Wie viele?“
„Vielleicht 4. Oder mehr. Genau konnte ich das nicht erkennen, dazu waren die Spuren zu durcheinander.“
Jack lässt sich seufzend in einem der Sessel nieder. „Jetzt nehme ich auch eine Zigarette.“
Wir sitzen schweigend da und rauchen.

Falls Nasnat vor meiner Ankunft schlechte Laune hatte, wird sie durch meinen Anblick auch nicht besser. Da ich das allerdings schon gewohnt bin, lasse ich mich dadurch nicht verunsichern. Trotzdem wäre es sicherlich interessant zu erleben, wie Nasnat sich verhält, wenn er gute Laune hat. Falls er dazu überhaupt fähig ist. So allmählich habe ich da meine Zweifel.
„Was willst du?“, bellt er, nachdem ich mich an ihm vorbeigedrängelt habe.
„Zu dir.“
„Du bist bei mir. Kannst also wieder gehen.“
„Und mit dir reden!“
„Das kostet aber extra.“
„Das gehörte mal zum Basistarif.“
„Du bist eine harte Verhandlungspartnerin. Na schön. Willst du einen Tee?“
„Klar.“
Wir setzen uns in die Küche. An die unsichtbare Bedienung habe ich mich schnell gewöhnt, jetzt fällt sie gar nicht mehr auf. Ich denke auch daran, mich nicht zu bedanken. Nasnat hatte mir mal erklärt, dass ich genauso gut zu der Wand „Danke“ sagen könnte.
„Fang an zu reden.“
Ich mustere den kleinen Nasnat. Wenigstens sind wir auf Augenhöhe. „Du warst auch schon mal freundlicher. Nicht viel freundlicher, aber so eine kleine Nuance, da bin ich mir ganz sicher.“
„Ich bin kein Psychoonkel.“
„Das ist wohl wahr.“ Zum Glück habe ich nichts im Mund und kann mich auch nicht verschlucken. „O. K., dann komme ich direkt zur Sache.“
„Ich bitte darum.“
„Kennst du Schneewittchen?“
„Natürlich. Ich habe sie immer besucht, wenn die Zwerge in dem Berg waren.“
„Oh. Warum hast du sie denn besucht?“
Nasnat betrachtet mich mitleidig. „Meine Verehrteste, dein Mann tut mir leid. Läuft er schon über?“
Ich schlage mir auf die Stirn. „Jetzt verstehe ich! Du hast einen Witz gemacht! – Entschuldige, es ist mir völlig entgangen.“
„Wie gesagt, dein Mann tut mir leid. Was ist mit Schneewittchen? Schon wieder schwanger?“
Ich umfasse die Teetasse mit beiden Händen, beuge mich über den Tisch und starre Nasnat in die Augen. „Sie und ihre Zwerge haben erst eine Bank überfallen, alle Menschen dort zerfetzt und teilweise aufgefressen. Dann haben sie heute meinen Freund Lieutenant Ben Norris zu Hause überfallen, entführt und vorher seinen Freund ausgeweidet und teilweise aufgegessen.“
„Hm. So psychopathisch habe ich sie nie erlebt, da kann ich jetzt nichts dazu sagen. – Von der Bank habe ich gehört, das mit dem Polizisten ist neu für mich. Bist du sicher, dass es nicht bloß besonders durchgeknallte, menschliche Idioten sind?“
„Bin ich. Ich konnte sie riechen.“
Nasnat nickt langsam. „Das ist schade. Durchgeknallte menschliche Idioten, die so was machen, sind mir deutlich lieber als durchgeknallte Dämonen.“
„Mir auch, Nasnat. Ich habe gehofft, du kannst mir helfen.“
„Das würde ich gerne. Ich fürchte nur, dass ich in diesem Fall weniger weiß als du.“
„Das geht gar nicht.“
„Dann wissen wir beide nichts.“
„Schade.“
Nasnat nippt an seinem Tee und beobachtet mich aus den Augenwinkeln. „Er ist ein guter Freund?“
„Ja. Er war dabei, als das mit … mit meinem Onkel geschah. Gefühlt der einzige Polizist, der auf meiner Seite stand.“
„Ich verstehe. Es tut mir leid. Vielleicht bringt es was, intensiv darüber nachzudenken, wo sich solche Dämonen verstecken könnten. Denn eins ist offensichtlich: Sie halten sich noch nicht lange in der Zivilisation auf.“
„Den Verdacht habe ich auch. Aber kannst du das ein wenig konkretisieren?“
Er zuckt die Achseln. „Sie werden sich ja wohl kaum ein Appartement gemietet haben.“
„Bleiben bloß eine Million Möglichkeiten“, erwidere ich. „Aber du hast recht, mit ihren Essgewohnheiten würden sie auffallen. Und wahrscheinlich auch mit ihren sonstigen Gewohnheiten. Jedenfalls, der Tee war mal wieder sehr gut.“
„Daran wird sich auch niemals etwas ändern. Eher geht die Welt unter.“
Er begleitet mich zur Tür hinaus. Wir verabschieden uns nicht, das tun wir nie. Denn dann müsste er ja zugeben, dass er sich über den Besuch gefreut hat.
Draußen stelle ich erstaunt fest, dass es schon dunkel geworden ist. Mein Wagen, vielmehr der von James, steht unversehrt dort, wo ich ihn abgestellt habe. In dieser Gegend eigentlich gar nicht so selbstverständlich, allerdings scheint es, als würden das Haus und die nähere Umgebung von Leuten, die der Idee des Eigentums ablehnend gegenüberstehen, gemieden. Für den Rest der Gegend gilt das vermutlich eher nicht.
Nach einem Blick auf die Tür zum geheimnisvollen Haus von Nasnat drehe ich mich um und will zu meinem Auto gehen. In der Drehbewegung nehme ich etwas wahr, was den inneren Roten Alarm auslöst, bevor ich bewusst wahrgenommen habe, dass etwas Großes und Dunkles auf mich zukommt. Zukommt? Zurast! Und zwar so schnell, dass ich trotz meiner übermenschlichen Reflexe keine Chance habe, den Angriff abzuwehren. Etwas Handartiges umschließt meinen Hals, eine andere Hand packt meine kurzen Haare, zusammen heben sie mich hoch und drücken mich gegen die Hauswand. In meinem Blickfeld erscheint das Gesicht meiner Albträume.
Leuchtend blaue Augen mustern mich neugierig, Zähne, die selbst einem weißen Hai zur Ehre gereichen würden, blitzen hinter den sich öffnenden Lippen auf, als das Etwas zu mir spricht: „Du wirst Nasnat rausrufen.“
„Warum klopfst du nicht bei ihm an, wie es sich gehört?“, erkundige ich mich.
Er schlägt meinen Kopf mit einer lässigen Bewegung gegen die äußerst harte Hauswand. „Dein Humor ist berüchtigt. Man sagt, dass man dir die Augen rausreißen kann und du machst noch Witze über innere Welten.“
„Anscheinend habe ich mir einen guten Ruf erarbeitet …“ Das zweite Mal, als mein Kopf gegen die Hauswand klopft, tut es schon richtig weh. Wahrscheinlich habe ich eine Platzwunde. Die Situation wird ungemütlich.
„Was hältst du davon, wenn du mich loslässt, bevor wir uns weiter unterhalten?“
„Nichts. Du bist eine Kriegerin. Mit Kriegern mache ich für gewöhnlich kurzen Prozess. Dass du noch am Leben bist, hat einzig damit zu tun, dass ich dich brauche.“
„Um bei Nasnat reinzukommen, ja, das habe ich verstanden.“
„Du bist ja intelligent“, grinst das dunkle Wesen. Dunkel, weil es vollständig in Schwarz gekleidet ist wie ein Nachtmahr. „Du hast also die Wahl …“
Mir gefällt diese Fortsetzung nicht. Ich packe seine Pranken, um mir mehr Bewegungsfreiheit zu verschaffen. Er merkt, dass wir kräftemäßig ausgeglichen sind, denn plötzlich schleudert er mich herum und lässt mich los, sodass ich gegen ein Auto fliege und dessen Dach halb eindrücke, bevor ich ziemlich unsanft auf der Straße lande. Die Begegnung mit der Dachkante, die meinen Unterleib etwas in Mitleidenschaft zieht, raubt mir vorübergehend den Atem, sodass ich noch auf der Straße liege, als mein neuer Feind in meinem Blickfeld auftaucht.
„Wie stehst du jetzt zu meinem Vorschlag?“, erkundigt er sich.
Statt einer Antwort rolle ich mich von ihm weg, in der Hoffnung, schnell genug aufstehen zu können, aber das ist in meinem Zustand illusorisch. Die Pranken haben mich wieder, heben mich hoch und ich trete meinen nächsten Flug an. Er endet in Glasscherben, und ich finde mich zwischen Büchern wieder. Mir fehlt allerdings die Zeit herauszufinden, in welchem Genre ich gelandet bin. Einerseits merke ich, dass ich diverse Glassplitter in mir habe und teilweise kräftig blute, andererseits sehe ich auch meinen neuen Feind auf den Buchladen zukommen.
Während er in das Schaufenster einsteigt, drehe ich mich auf den Bauch und packe das dickste Buch in meiner Reichweite. Und als das dunkle Wesen neben mir stehen bleibt, um sein sadistisches Spiel fortzusetzen, richte ich mich halb auf und schlage mit der offenen Seite des Hardcoverbuchs in sein Gesicht. Das tut weh, selbst einem Dämon, denn das Buch ist wirklich dick und hart. Ich werfe einen Blick auf den Titel: die Bibel. Wie praktisch.
Er taumelt zurück, ich richte mich ganz auf. Mich auf Lorbeeren auszuruhen wäre jetzt fatal. Ich versetze ihm einen linken Haken gegen die Wange, die ich soeben noch mit dem Buch malträtiert hatte. Er taumelt noch weiter zurück, aus dem Schaufenster ins Ladengeschäft, wo er das ein oder andere dekorative Element seines Daseinszwecks beraubt. Ich taumele hinterher, denn anders kann man das vermutlich nicht bezeichnen, was ich vollführe. Zumindest bin ich schneller beim Taumeln als der Dämon, denn er fängt sich von mir den nächsten Treffer ein. Und gleich noch einen. Langsam laufe ich mich warm und erinnere mich wieder, was ich so alles gelernt habe. Mehrere Beinkombinationen später liegt er auf dem Boden, und ich, wohlwissend, dass er ein Dämon ist und nicht verhätschelt werden will, springe beidbeinig auf seinen Kopf. Das sorgt erst einmal für Ruhe.
Ich bin sauer. Zu den Tomatensaftflecken kommen auch noch Blutflecken. Und nicht nur auf den Jeans. Mein Gesicht fühlt sich an wie ein Schnitzel nach dem Flachklopfen. Als ich es berühre, sind hinterher meine Hände rot, soweit ich es im schummrigen Alarmlicht beurteilen kann.
Die Polizei dürfte auch bald da sein.
Und das gefällt mir im Moment nicht wirklich. Wie erkläre ich denen, dass ich mich mit einem Dämon geprügelt habe und ihn dann mit der Bibel ruhigstellte? Wobei, es passt schon, irgendwie.
Der Dämon bewegt seinen Kopf. Sicherheitshalber springe ich auf seinen Bauch, damit er auf keine dummen Ideen kommt. Es wirkt.
„Was willst du eigentlich von mir?“, erkundige ich mich.
„Von dir nichts …“, erwidert er stöhnend. „Ich will Nasnat.“
„Warum?“
„Das geht dich nichts an.“
Ich entdecke meine sadistische Ader, er einen weiteren Schmerzpunkt in der Gegend seines Bauchs. Aber seine Meinung ändert sich dadurch nicht. Ich beschließe angesichts des Zeitmangels, dass ich damit leben kann.
„Die Polizei ist gleich da …“, erzählt er mir dann, leicht gepresst.
„Ich weiß.“
„Was willst du denen sagen? Und willst du riskieren, dass ich einige von deinen Freunden töte?“
„Du weißt verdächtig viel über mich“, knurre ich.
„Du bist berühmt.“
„Ach?“
„Das war dir nicht bewusst?“ Er lacht leise. „Du bist naiv, Fiona. Sehr naiv. Liebenswert naiv. Und du solltest mich gehen lassen, das wäre die beste Lösung für uns.“
Soll ich wirklich zugeben, dass ich das auch so sehe? Einerseits bin ich sauer auf ihn, andererseits habe ich es ihm mit Zinseszins heimgezahlt. Und das Blaulicht kann man schon sehen. Schlechtgelaunt trete ich zur Seite und beobachte ihn dabei, wie er leicht gekrümmt, aber dennoch flink durch das Schaufenster den Buchladen verlässt und dann die Hauswand hochklettert. Ach ja, da ist eine Feuerleiter.
Ich warte kurz, dann folge ich ihm.
Weit komme ich nicht. Unter mir hält ein Wagen, Türen klappen und ein Lichtkegel erfasst mich.
„Halt! Kommen Sie runter! Wir schießen sonst!“
Ich tue so, als würde ich vor Schreck erstarren.
„Los, runterkommen!“
Ich setze mich langsam abwärts in Bewegung. Noch bevor ich unten ankomme, werde ich von Händen gepackt, runtergerissen und gegen die Wand gedrückt. Zwei Hände tasten mich flink ab, dann werden meine Arme nach hinten gedreht und die Hände auf dem Rücken gefesselt. Meine erste Verhaftung, na toll.
Wenn ich gehofft habe, ich würde erkannt werden, so wird diese Hoffnung enttäuscht. Selbst als ich mich umdrehe und sie mir ins Gesicht leuchten, merken sie nicht, wer ich bin. Ich beschließe, dass es vielleicht gar nicht so schlecht ist, wenn ich hier erst einmal wegkomme, daher lasse ich mich widerstandslos in den Streifenwagen bugsieren, nachdem mir meine Rechte vorgelesen wurden. Kaum sitze ich, kommen schon die nächsten Streifenwagen und ein Sonderkommando. Der Leiter des SEK kann allerdings nur noch feststellen, dass es nichts zu tun gibt. Er leuchtet mich kurz an, dann fahren wir los.
Ich lehne den Kopf zurück und schließe die Augen. Trotzdem merke ich, dass ich von dem Beifahrer beobachtet werde.
„Was war da los?“, fragt er plötzlich.
„Hast du eine Zigarette?“
„Nein“, erwidert er mürrisch und dreht sich wieder nach vorne.
Manchmal muss man einen Ort mehrmals besuchen, ehe man begreift, wie wichtig er ist. Zumindest schießt mir dieser Gedanke durch den Kopf, als wir am Präsidium halten. Ich werde nicht besonders sanft aus dem Wagen geholt und Richtung Hintereingang bewegt. Dennoch landen wir am Empfang.
Und hier starrt mich Marlen völlig entgeistert an.
„Was … wieso … was macht ihr da?“, stottert sie meine Begleiter an.
„Wir bringen eine Verdächtige, die wir verhaftet haben. Was ist denn mit dir los?“
„Eine Verdächtige? Himmel, wisst ihr eigentlich, wen ihr da verhaftet habt?“
„Bis jetzt haben wir ihre Personalien nicht aufgenommen“, erklärt der Beifahrer beleidigt. „Marlen, was ist los?“
„Was los ist? Ihr Idioten, ihr habt Fiona Flame verhaftet!“
Die Wirkung ist gewaltig. Fast so, als hätte sie ihnen erklärt, dass ich die Präsidententochter bin. Ich mustere die beiden, dann Marlen.
„Ich muss pinkeln. Begleitet mich jemand, oder nimmt mir jemand die Handschellen ab?“
Einer der beiden Jungs, die mich verhaftet haben, beeilt sich, mich von den viel zu engen Handschellen zu befreien. Ich reibe meine geröteten Handgelenke.
Marlen zeigt mir, wo die Toilette ist. Sie blicken mir alle stumm hinterher, bis ich die Tür hinter mir zuziehe. Die Toilette ist sauber. Ich verschanze mich in einer der Kabinen und lasse meinen Tränen freien Lauf.
Anschließend bemühe ich mich vor dem Spiegel, meinem Gesicht wieder ein halbwegs menschliches Aussehen zu geben. Dazu muss ich eine Menge Splitter entfernen, was zu diversen Nachblutungen führt. Und etwas schmerzhaft ist die Prozedur auch noch, was wiederum zu weiteren Tränen führt. Irgendwann bin ich fertig, wasche mein Gesicht, so gut es geht, und trockne es mit den Papiertüchern ab. Endlich erkenne ich mich selbst im Spiegel wieder.
Nachdem ich Marlen davon überzeugt habe, dass es keinen Grund gibt, Jack aus dem Bett oder aus was auch immer zu klingeln und es viel besser wäre, mich einfach wieder zu meinem Wagen zu fahren, bieten sich meine neuen Freunde an, den Chauffeurdienst zu übernehmen. Da sage ich natürlich nicht Nein.
Und so sitze ich wieder auf meinem angestammten Platz. Nur habe ich diesmal wenigstens die Hände frei.
„Hey, Freunde, habt ihr eine Zigarette? Oder ist das Rauchen hier verboten?“
„Beides“, erklärt der Beifahrer und hält seine Schachtel an das Gitter. Sogar Feuer gibt er mir, und er fährt die Seitenscheibe hinten hinunter. Ich kann das nicht.
„Eines würde mich interessieren“, sagt der Beifahrer. Sein Kollege ist möglicherweise stumm. Obwohl, so weit ich weiß, dürfte er dann keine Streife fahren. Also überlässt er wohl einfach nur das Reden seinem Kollegen, der das mit sichtlicher Begeisterung tut.
„So glücklich möchte ich auch mal sein.“
„Wie bitte?“
„Dass mich nur Eines interessiert.“
Jetzt lachen sie endlich, und zwar beide.
„Nein, ernsthaft. Wieso lässt sich jemand wie Fiona von uns festnehmen?“
„Wieso habt ihr mich nicht erkannt?“
„Es war dunkel und dein Gesicht … na ja … nicht gut zu erkennen.“
Ich denke an die vielen Glassplitter und nicke. „Ich war auch nicht ganz bei mir. Beim Kampf habe ich ein paar Treffer abbekommen.“
„Ja, das stimmt. Sollen wir dich nicht lieber ins Krankenhaus fahren?“
„Auf keinen Fall!“ Ich hasse Krankenhäuser, außerdem müssen sie nicht mitkriegen, dass meine Wunden schon alle verheilt sind. „Mir geht es gut, mein Mann wird mich hegen und pflegen.“
Das befriedigt sie nicht wirklich, aber sie lassen sich überzeugen, keine Planänderung vorzunehmen.
„Gegen wen hast du überhaupt gekämpft? Wir haben niemanden mehr gesehen.“
„Er ist auf das Dach entkommen“, erwidere ich. „Ich wollte grad zu meinem Auto, als er über mich herfiel.“
„Ist eine gefährliche Gegend hier. Aber dass ausgerechnet Fiona sich von so einem Typen …“
„Das war kein Straßenräuber.“ Ein schwacher Versuch, meine Ehre zu retten. „Die fliehen selten auf Hausdächer.“
„Das stimmt. Der Jaguar?“
„Ja.“ Ich verabschiede mich mehr oder weniger herzlich und steige aus. Um den Buchladen herum wird noch spurengesichert, aber der Auflauf hält sich in Grenzen. Nicht einmal die Presse ist da. Sie wissen ja auch nicht, dass Fiona beteiligt war. Ziel erreicht.
Ich beuge mich zum Beifahrer hinunter. „Hätte ich beinah vergessen. Es ist einiges kaputt gegangen, und wenn mal die Versicherung nicht dafür aufkommen will, sorgt bitte dafür, dass ich davon erfahre. O. K.?“
„Geht klar“, sagt der Fahrer lächelnd.
„Huch! Du kannst sprechen?“
Er lächelt immer noch, sagt aber nichts mehr. Vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet. Nach einem Gute-Nacht-Gruß fahren sie davon. Ich steige in den Jaguar ein und fahre ebenfalls davon.
Zwei Dinge werden mir schnell und schmerzlich bewusst. Erstens ist mein Handy im Arsch. Und zweitens, viel schlimmer, habe ich weder Zigaretten noch ein Feuerzeug. Beides scheint auch nicht zur Notfallausrüstung des Wagens zu gehören. Ich muss wohl ein ernsthaftes Wörtchen mit meinem geliebten Ehemann reden.
Zum Glück gibt es noch Tankstellen auf meiner Strecke, auch solche, die Tag und Nacht geöffnet haben. Als ich schon im Laden bin, fällt mir auf, dass ich überhaupt kein Geld dabei habe. Ich denke einen Moment nach, dann gehe ich zurück zum Auto. Nach kurzer Suche finde ich das Versteck des 20-Dollar-Scheins, der für solche und ähnliche Notfälle dort deponiert ist, und betrete wieder den Laden. Der Tankwart grinst dämlich.
„Marlboro und Feuerzeug!“
Da ich heute eh schon verhaftet wurde, pfeife ich auf Verkehrsregeln und öffne die Packung, während ich mit den Knien den Wagen lenke. Anschließend werfe ich alles auf den Beifahrersitz, damit das Handy nicht zu allein ist und fahre nach Hause. Für heute reicht es mir, echt.
Danny meldet mich an, und nachdem James die Haustür geöffnet hat, leckt er mir auch noch das Gesicht ab, bis ich ihn lachend wegschiebe. Dann trete ich vor James, der mich nachdenklich mustert.
„Ist das alles Tomatensaft oder auch Blut dabei?“
„Blut ist auch dabei.“
„Deins?“
„Auch.“
„Aha.“ Für einen Moment verspüre ich große Lust, ihm eine Ohrfeige zu verpassen. „Und dein Telefon?“
„Liegt auf dem Beifahrersitz, bereit, beerdigt zu werden!“
„Oh …“ Er atmet tief durch. „Tut mir leid, Fiona. Ich war ziemlich sauer und auf 180, weil du dich nicht mehr gemeldet hast.“
„Ich … ich war verhindert. Und als ich endlich dazu kam, musste ich feststellen, dass mein Handy hinüber ist. Ich hätte von dem Präsidium aus aber anrufen können. Mir tut es auch leid.“
Jetzt grinst er. „Gut. Es tut uns beiden leid, was hältst du von einem Friedenskuss?“
„Jede Menge!“ Ich springe in seine starken Arme und küsse ihn wild. Seine Hände umklammern meinen Po, während er den Kuss genauso wild erwidert.
Als wir uns schließlich atemlos voneinander lösen, erkundigt er sich: „Und wo kommt das Blut denn nun her?“
„Das ist eine lange Geschichte.“ Da Danny mittlerweile jeden Busch einzeln markiert hat, gehen wir rein. „Ich war noch bei dem Zauberer in der Hoffnung, er wüsste was über Schneewittchen, aber das war eine Fehlanzeige. Und als ich das Haus verließ, fiel ein Dämon über mich her, den ich überhaupt nicht kannte. Er wollte mich sozusagen als Türöffner benutzen. Nach etwas gegenseitigem Gemetzel habe ich ihn beruhigt, aber da kam schon die Polizei. Und was hätte ich denen erzählen sollen, warum mich so ein Ding in das Schaufenster des Buchladens geschmissen hat? Also ließ ich ihn laufen und tat so, als wollte ich ihn verfolgen. Leider wurde das ein wenig fehlinterpretiert und ich wurde verhaftet.“
„Du wurdest verhaftet??“
„Ja.“
„Aber jeder Polizist in Skyline kennt dich doch!“
„Sie haben mich im Dunkeln und blutbedeckt nicht erkannt.“
„Und warum hast du dich nicht zu erkennen gegeben?“
„Eine gute Frage. Weiß ich auch nicht. Wahrscheinlich war ich noch benommen vom Kampf. Der Dämon hatte einen ganz ordentlichen Schlag.“
„Na schön. Du solltest dich ausziehen und baden. Ich weiche die Sachen schon mal ein, vielleicht kriegen wir die Flecken noch raus. Und wir haben tatsächlich Kernseife da.“ Er grinst stolz.
„Super.“ Ich ziehe die Bluse und die Jeans aus, der Schuhe hatte ich mich ja schon beim Reinkommen entledigt. Während er die Sachen in den Keller mitnimmt, marschiere ich Richtung Badezimmer, gefolgt von Danny. Wieso hält er eigentlich mich für beschützenswerter als Herrchen?
Ich ziehe beim Gehen den Schlüpfer auch noch aus und lasse ihn einfach fallen. Dann bleibe ich stehen und drehe mich um. Danny starrt mich an, vor ihm liegt das Höschen. Jetzt weiß ich auch, warum er mir gefolgt ist.
„Vergiss es!“, erkläre ich ihm, aber er scheint mir nicht zu glauben. Ich lasse mich langsam auf alle viere runter, bis ich mit ihm auf Augenhöhe bin. „Vergiss. Es.“
Er fährt mir mit der Zunge durch das Gesicht und setzt sich hin.
„Auf keinen Fall!“, bekräftige ich mein Verbot, dann packe ich den Schlüpfer mit den Zähnen und richte mich auf. Danny wedelt mit dem Schwanz. Männer sind doch alle gleich.
Den Schlüpfer sichere ich im Bad und lasse Wasser in die Wanne laufen. Dann kommt die schwierigste Entscheidung des Tages: Welchen Badezusatz soll ich nehmen? Bis ich mich für Wildrose entschieden und eine ordentliche Portion in das Wasser geschüttet habe, ist auch James da. Er beobachtet mich, als ich mich in die Wanne gleiten lasse und setzt sich dann auf den Wannenrand.
„Und jetzt?“, fragt er.
„Jetzt bade ich.“
„Das ist doch schon mal was. Was ist der Stand wegen Ben?“
Eine gute Frage. Ich wünschte, es gäbe eine eindeutige Antwort darauf. „Ich weiß es nicht. Wenn ich daran denke, dass es ihm in diesem Moment vielleicht richtig dreckig geht … es gibt so viele Puzzlestückchen, die aber scheinbar gar nicht zusammenpassen.“ Seufzend nehme ich seine Hand und halte sie mir an den Mund. „Das Blöde ist … da fällt mir ein, das weißt du ja noch gar nicht!“
„Wahrscheinlich nicht.“
Er bringt mich mal wieder zum Lachen. Zwar nur zu einem kurzen und leisen Lachen, aber bereits das löst die Verkrampfung in meinem Bauch – wenigstens ein bisschen.
„Schneewittchen war im Präsidium.“
„Och! Und, habt ihr sie wenigstens verhaftet?“
„Du bist manchmal ein echter Idiot, habe ich dir das schon gesagt, mein Schatz? Nein, natürlich nicht, wir waren nicht da. Das war vor der Entführung, wahrscheinlich sogar direkt davor.“ Ich erzähle James, was ich weiß und auch, was ich nur vermute. Er hört mir aufmerksam zu.
„Sie sucht also jemanden“, fasst er anschließend zusammen. „Und dafür riskiert sie eine Menge, was sie vermutlich auch weiß.“
Ich nicke. „Wenn es wenigstens ein vollständiger Name wäre. David gibt es in Skyline vermutlich noch mehr als James.“
„Na!“
„Du bist eine Ausnahme. Und überhaupt, wieso sitzt du eigentlich draußen? Komm in die Wanne!“ Ich ziehe an seinem Arm, und da er nicht sonderlich stabil sitzt, ist er ziemlich schnell im Wasser. Danny bellt, fast könnte man meinen, er findet das lustig. So wie ich. James setzt sich auf und starrt mich an.
„Entschuldige, Schatz“, sage ich, muss aber dabei fürchterlich lachen. Das scheint ansteckend zu sein, denn schließlich stimmt er mit ein und beginnt sich auszuziehen. Als er sich an das gegenüberliegende Ende der Wanne drückt, drehe ich mich um und setze mich auf seine Beine, so dass ich ihn mit meinem Rücken spüre. Seine Hände lege ich über Kreuz auf meine Brüste.
„So ist es doch viel gemütlicher.“
„Ich weiß nicht, ob ich das als gemütlich bezeichnen würde“, erwidert James, „aber es ist in Ordnung so.“
„Was ist daran nicht gemütlich?“
„Vielleicht findest du es nicht gemütlich, wenn du abhebst.“
„Jetzt übertreib mal nicht so. Und außerdem, es gibt Wege und Lösungen.“
„Das ist wohl wahr.“
„Schatz … ich habe dir noch gar nicht erzählt, wie mein Besuch bei Nasnat verlaufen ist.“
„Du hast gesagt, er wäre frustrierend gewesen.“
Ich muss grinsen, denn ich hatte etwas anderes gesagt und James kennt mich gut genug, um es auf das Wesentliche zu reduzieren. „Ja, das stimmt schon. Aber er sagte auch, dass ich mal darüber nachdenken sollte, wo sich so ein Dämon mit Gefolge wohl verstecken könnte. Darüber habe ich auch nachgedacht, und wenn er nicht in den Katakomben lebt, was ich nicht glaube, dann kommt nicht viel infrage.“
„Warum nicht in den Katakomben?“
„Nenn es Intuition. Es passt einfach nicht. Viel zu auffällig, auch wenn es da unten jede Menge auffällige Typen gibt. Aber ich glaube, jemand wie Schneewittchen wäre bekannt. Und dann wüsste Nasnat davon. Außerdem benimmt sie sich, als wäre sie in unserer Welt nicht heimisch.“
„Gut, verstehe ich. Wo dann?“
„Ich könnte mir z. B. gut vorstellen, dass sie sich in einem verlassenen Haus einquartiert hat. Zwar könnte sie mit dem Geld auch eins kaufen oder mieten, aber das halte ich, zumindest so schnell, nicht für wahrscheinlich. Scheint auch nicht ihre Art zu sein.“
„Wieso nicht?“
„Weil sie sich einfach nimmt, was sie haben will.“
„So wie du?“
„So wie ich?“
„Tust du das etwa nicht?“
Hm. „Doch.“
„Na siehst du. Aber kommen wir zurück zu Schneewittchen. Also verlassene Häuser?“
„Oder gar Villen. Die möglichst abseits stehen, sodass es nicht auffällt, wenn plötzlich Dämonen darin wüten. So arg viele dürfte es davon nicht geben. Aber wie finden?“
„Da wüsste ich was.“
Ich verrenke mir den Hals, um ihn anzustarren. Natürlich! Wie blöd bin ich denn? Ich sitze direkt auf der Quelle. James ahnt meine Gedanken, denn er grinst. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen?“
„Arbeit geht nur mit Vergnügen“, erwidere ich, und ich spüre, dass er es eigentlich genauso sieht. Ich erhebe mich leicht, bis ich die Füße aufstellen kann, dann umfasse ich sein Glied und lasse es hinten langsam eindringen. Im Wasser fühlt sich das ganz anders an als auf dem Trockenen. Sein Schwanz pulsiert in mir, seine Hände lassen mich pulsieren. Mit einer Hand streichelt er abwechselnd meine Brüste, die andere kümmert sich um meinen Kitzler. Erst sanft, dann immer energischer kreisend. Als ich meinen – ziemlich lauten – Höhepunkt habe, kommt er in mir auch.
Mit geschlossenen Augen lausche ich unseren Atemzügen, die ganz langsam auf normale Frequenz zurückgehen. Als James aus mir herausflutscht, erhebe ich mich seufzend.
„Was nimmst du?“
„Was du nimmst.“
Nass und nackt gehe ich in das Wohnzimmer. Zum Glück liegen die Fenster auf der Gartenseite, obwohl es mich nur bedingt stören würde, wenn man mich von der Straße her sehen könnte.
Ich bereite zwei Whisky on the Rocks zu, was keine besondere Herausforderung darstellt, und dann ist auch James schon da. Er stellt sich dicht hinter mich und nimmt sein Glas.
„Von nur Vergnügen war aber nicht die Rede!“, sage ich lachend.
„Ich bin arbeitsbereit.“
„Ja, das merke ich. Cheers!“
Wir schaffen es dann aber doch noch ohne weitere Unterbrechung an den Laptop von James, um uns in proDB einzuloggen. Als Makler hat James einen ganz anderen Zugriff auf die Datenbank als gewöhnliche Sterbliche. Das ist jetzt ausgesprochen hilfreich.
Nach zwei Stunden haben wir insgesamt 5 Häuser ausgesucht, die in die engere Wahl kommen und die ich mir morgen anschauen will. Kurz denke ich darüber nach, sofort loszuziehen, denn jede Minute kann für Ben eine Minute zu viel sein. Letztlich überzeugt mich James´ Argument, dass ich wenigstens ein paar Stunden Erholung vom Kampf gegen den Dämon brauche, bevor ich gegen andere, womöglich viel gefährlichere Dämonen losziehe.
Als ich dann aufstehe und mich leise anziehe, hat die Morgendämmerung bereits eingesetzt. Ich fühle mich einigermaßen frisch, obwohl die Nacht unruhig war. Träume, an die ich mich nicht erinnern möchte, und die dennoch in meinen Erinnerungen rumspuken. Ich betrachte James, der tief und fest schläft. Danny liegt neben ihm, als wenn er mir sagen wollte, ich könne ruhig losziehen, er wird James beschützen, und wisse auch, dass er jetzt nicht mit kann.
Kluger Hund.
Diesmal nehme ich wieder meinen eigenen Wagen. Mein erstes Ziel liegt außerhalb der Stadt, mitten im Wald. Eigentlich ideal geeignet für Schneewittchen. Die Straßen sind noch ziemlich leer, ich komme gut voran. Schon bald habe ich das Gefühl, aus der Zivilisation herauszufahren. Wem die Villa, der ich einen Besuch abstatten will, auch immer gehört hat, er liebte die Einsamkeit und wollte darin nicht gestört werden. Ein schmaler, asphaltierter Weg schlängelt sich durch den Wald, und laut der Beschreibung, die James mir ausgedruckt hat, geht der Zufahrtsweg von diesem ab.
Ich verpasse ihn beinah.
Ab hier geht es zu Fuß weiter, nachdem ich den Wagen zwischen zwei Bäumen geparkt habe. Zum Glück ist der Boden trocken, bei Regen könnte ich Schwierigkeiten haben, wieder auf den befestigten Weg zu fahren.
Es sind einige hundert Meter bis zum Zaun um das Anwesen, denn von der Größe her ist es eins. Der Zaun ist dicht bewachsen und dadurch undurchsichtig, und auch hoch genug, dass nicht einmal Menschen, die größer sind als ich, darüber hinwegschauen können. Gerade darum nähere ich mich ihm so leise wie möglich und kampfbereit. Meine Intuition steht auf Alarm, ich spüre, dass die Villa nicht leer ist, wie sie eigentlich sein sollte. Zugleich spüre ich aber auch, dass es hier keine übernatürlichen Wesen gibt.
Da es von vornherein klar war, dass ich nicht immer die vorgegebenen Wege nutzen werde, trage ich nicht nur bequeme, sondern auch stabile Kleidung, in Tarnfarbe. Zumindest im Dunkeln. Ich klettere am Zaun hoch und betrachte die andere Seite. Nichts Aufregendes zu sehen, ein verwilderter, zugewucherter Garten. Ich schwinge mich rüber und lande im weichen Moos.
Irgendwo bellen Hunde.
Irgendwo bellen Hunde?
Ich atme tief durch. So was mag ich gar nicht. Ich will Hunden nicht wehtun, so wie ich eigentlich auch Menschen nicht wehtun will. Aber Letztere haben für gewöhnlich mehr Entscheidungsfreiheit und wenn sie mich angreifen, ist meine Hemmung, mich zu wehren, niedriger als bei Hunden. Irgendwie pervers.
Es bringt nichts, die Zeit mit Rumgrübeln zu verbringen. Aufmerksam marschiere ich Richtung Villa los. Das geht keineswegs in einer geraden Linie, derart zugewuchert ist der Garten. Und außerdem wird das Hundegebell immer lauter. Allerdings nähere ich mich den Hunden, nicht sie sich mir.
Und dann sehe ich sie. Etwa zwei Dutzend Hunde aller Größen und aller Rassen toben über den Rasen. Offenbar ist der Garten nur am Zaun entlang so verwildert, um den Eindruck zu erwecken, die Villa wäre unbewohnt. Um sie herum hingegen sieht alles gepflegt aus, wenngleich von einem Ziergarten keine Rede sein kann. Bei so vielen Hunden würde der auch nicht lange halten.
Jedenfalls ist es sehr unwahrscheinlich, dass ich hier Ben und irgendwelche Dämonen finden werde. Rückzug könnte eine sinnvolle Alternative sein.
Leises Knurren.
Mist.
Ich drehe mich langsam um und starre den Rottweiler an, der zähnefletschend vor mir steht. Das Gebell verstummt, und ich brauche mich gar nicht erst umzuschauen, um zu wissen, dass die anderen Hunde auch näher kommen. Beeindruckend, wie sie zusammenarbeiten. Das muss ihnen jemand beigebracht haben.
Ich blicke mich suchend um. Selbst wenn ich bereit wäre, die Hunde zu töten, es sind zu viele und am Ende würden sie mich zerfetzen. Ausnahmsweise könnte Flucht die bessere Alternative sein. Die Chancen stehen gar nicht so schlecht, dass ich es bis zum nächsten Baum schaffe und hochspringen kann, bevor sich die Zähne eines Hundes irgendwo in meinen Körper bohren.
„Sie sollten sich nicht bewegen.“
Ich wende den Kopf langsam dem Sprecher zu. Er steht schräg hinter mir, die Arme vor der Brust verschränkt. Seine Augen mustern mich durchdringend.
„Ich will hier nicht übernachten.“
„Das hätten Sie sich überlegen sollen, bevor Sie hier eingebrochen sind. Das hier ist Privatbesitz.“
„Aber nicht Ihrer!“
„Wer sagt das?“
„Mein Mann ist Immobilienmakler. In der Datenbank ist dieses Grundstück als unbewohnt hinterlegt.“
Er lacht kurz, bitter. „Ach ja, diese schlauen Datenbanken. Ich habe das Grundstück gekauft, aber es nirgendwo eintragen lassen. Es war völlig verwahrlost.“
„Und Sie haben sich Mühe gegeben, dass es von außen immer noch so wirkt.“
„Ja, das hält Neugierige ab. Meistens. Was wollen Sie überhaupt hier?“
„Ich suche jemanden.“
„Auf einem vermeintlich leeren Grundstück?“
„Genau. – Hören Sie, ich habe weder die Zeit noch Lust zu diesem Spielchen. Ich konnte nicht wissen, dass hier jemand wohnt. Und ich will weder Ihnen noch den Hunden was antun, aber ich werde nicht länger hier rumstehen.“
„Ohne meine Erlaubnis sollten Sie sich aber nicht bewegen. Es sind viele Hunde und alle haben noch ihre Zähne.“
Ich betrachte die Hunde. Einige unter ihnen wirken selbst mit Zähnen nicht besonders furchterregend, aber andere haben ein ähnliches Kaliber wie der unablässig leise knurrende Rottweiler.
„Sehe ich so gefährlich aus?“
„Eigentlich nicht. Aber Sie sind bis hierher unbemerkt vorgedrungen, und das macht Sie durchaus gefährlich.“ Ja, eine voll logische Antwort.
„Prima. Und was haben Sie genau vor? Die Polizei rufen? Oder mich hier stehen lassen, bis ich vor Schwäche umfalle?“
„Hm. Interessante Ideen. Kann es sein, dass Sie einen leichten Hang zum Sadismus haben?“
Ich sehe ihn an. Er ist Ende Vierzig oder knapp über Fünfzig. Also wie James. Graue Haare, grauer, gepflegter und gestutzter Bart. Legere, bequeme Kleidung: Pullover, abgewetzte Jeans, Wanderschuhe. Wache Augen. Tief eingebrannte Furchen im Gesicht. Eigentlich ganz sympathisch.
„Na schön, ich habe keine Zeit für Spielchen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich entweder über die Bäume wegkomme oder mit den Hunden fertig werde. Es wäre aber für alle besser, Sie riefen die Hunde einfach zurück.“
„Meinen Sie, die hören auf mich?“, fragt er amüsiert. Der Mistkerl scheint mich einfach nur für mein Eindringen bestrafen zu wollen. Ich schließe kurz die Augen, um nicht auf böse Gedanken zu kommen. Obwohl, es geht eher darum, sie wieder zu verscheuchen.
„Da bin ich mir sogar sehr sicher. Ich habe auch einen Hund und erkenne es, wenn Hunde auf jede Mimik reagieren. Außerdem hat jemand diesen Hunden beigebracht, als ein Team zu agieren. Sie sind der Boss.“
„Vielleicht stimmt das sogar.“ Er mustert mich jetzt genauer. „Irgendwie kommen Sie mir bekannt vor.“
„Sie pfeifen die Hunde zurück, und ich stelle mich vor.“
Er denkt darüber nach. Dann seufzt er und dreht sich um. Sofort wenden sich die Hunde von mir ab und setzen ihr ausgelassenes Spiel fort. Bis auf den Rottweiler. Er knurrt zwar nicht mehr, aber er bleibt mir auf den Fersen. Ich bleibe testweise stehen, er stoppt sofort auch.
„Er wird Sie nicht aus den Augen lassen, solange Sie auf dem Grundstück sind“, erklärt der Mann, ohne sich umzudrehen.
„Ein guter Gastgeber.“
Er lacht wieder kurz. „Ihr Humor ist bewundernswert. Die meisten Menschen, und insbesondere Frauen, so ungern ich das sage, in einer vergleichbaren Situation verlieren den Humor oder werden sogar panisch.“ Während er spricht, biegen wir um die Ecke und gelangen auf eine geflieste Terrasse mit einem Tisch und einem Stuhl. Aber der Geheimnisvolle ist auf Besuch eingerichtet, denn aus einer kleinen Laube holt er einen zweiten Stuhl. „Kaffee?“
Ich schwanke kurz. Einerseits müsste ich weiter, andererseits bin ich inzwischen sehr neugierig geworden, und man kann nie wissen, wofür so eine Begegnung gut ist. Also nicke ich.
„Setzen Sie sich bitte. Ronin wird Ihnen Gesellschaft leisten.“
Ronin? Ich betrachte den Hund neugierig. Er sitzt in etwa zwei Meter Entfernung von mir und starrt ins Nichts. Wobei dieser Eindruck garantiert nur täuscht. Als ich testweise eine Hand hebe, habe ich seinen Blick blitzschnell an mir kleben. Ich winke ihm zu. „Braver Hund.“
Der Geheimnisvolle kommt gleich darauf mit zwei Tassen Kaffee zurück. Er setzt sich mir gegenüber. „Ich glaube, Sie sind Schwarztrinkerin.“
„Meistens.“ Ich nehme einen Schluck von dem heißen Kaffee.
„Also, wie heißen Sie, unbekannte Schöne?“
„Das ist unhöflich.“
„Das stimmt, aber immerhin sind Sie hier eingedrungen, das verändert die Dinge etwas.“
„Auch wieder wahr.“ Ich seufze. „Mein Name ist Fiona Flame.“
„Fiona Flame“, wiederholt er leise. „Ja, ich kenne Sie. Eine Zeit lang sah man Sie überall, im Fernsehen, in den Zeitungen, wohin man schaute, sah man Sie. Es hieß, Sie wären gefährlich für das Böse. Was also wollen Sie hier?“
„Das Böse finden. Es ernährt sich von Menschenfleisch.“
Seine Augen weiten sich leicht. „Ah, ich habe davon gelesen. Und Sie suchen jetzt die unbewohnten Häuser ab, die abseits liegen?“
Er ist intelligent, keine Frage.
„Und Sie? Was ist mit Ihnen?“
„Über mich werden Sie außer in älteren Telefonbüchern vermutlich nichts finden“, erwidert er lächelnd. „Mein Name ist David Conrad.“
„David?“
„Ja, ein durchaus nicht seltener Vorname hierzulande“, erwidert er schmunzelnd.
„Ja, das habe ich mitbekommen“, murmele ich. Und füge lauter hinzu: „Und wieso sind Sie ausgestiegen?“
„Bin ich das?“
Ich werfe einen Seitenblick auf Ronin. „Ja.“
„Macht Ronin Sie nervös?“
Ich schüttle den Kopf und lange in meine Hosentasche. Sofort spannt sich der Körper des Hundes an. Ich hole meine Zigaretten und ein Feuerzeug hervor. „Darf ich?“ Als David nickt, halte ich ihm die Schachtel auch hin, aber er schüttelt den Kopf. Also zünde ich nur mir selbst eine Zigarette an und halte sie mit der linken Hand.
„Sie wollten mir was über sich erzählen, David.“
„Das ist Ihre Interpretation“, erwidert er ernst.
„Wie alles.“ Ich mustere ihn intensiv, aber nervös macht ihn das nicht. „Also gut, Sie wollen es mir nicht erzählen. Sie könnten aber wenigstens dem Hund erlauben, sich zu entspannen.“
„Glauben Sie, dass ich das kann? Es ist Ihre Anwesenheit, die ihn angespannt macht.“
„Aber nur, weil er Ihre Angst spürt.“
„Ich habe keine Angst!“
„Sie haben gerade das Gegenteil bewiesen“, stelle ich fest und nehme einen tiefen Zug.
„Rauchen ist ungesund.“
„Und jetzt lenken Sie auch noch ab. Und ja, ich weiß.“ Ich sehe den Hund an, der David anstarrt. Ein Wink von dem und er stürzt sich auf mich.
„Ich habe keine Angst, aber ich frage mich, wonach genau Sie suchen.“
„Hm.“ Ich lege den Kopf in den Nacken und betrachte den leicht grauen Himmel. „Ein guter Freund von mir wurde entführt, und ich würde ihn gerne in einem Stück finden.“
„Und dann sitzen Sie hier … ah, jetzt verstehe ich! Sie vertrauen wohl niemandem?“
Ich muss lächeln. Er ist wirklich intelligent. „Das ist keine Frage des Vertrauens. – Wollen Sie Ronin nicht doch erlauben, sich zu entspannen? Ich möchte ihn streicheln.“
„Er wird sich nicht streicheln lassen.“ David macht eine angedeutete Bewegung, und Ronin geht zu ihm hin. Nachdem er seine Kopfmassage bekommen hat, setzt er sich so hin, dass er mich wieder im Blickfeld hat.
Ich halte ihm meine rechte Hand entgegen.
David beobachtet uns neugierig.
Ronin mustert die Hand, dann sucht er meinen Blick. Danach mustert er wieder die Hand. Ich warte ab. Nach einigen Minuten erhebt er sich, kommt näher und schnuppert an meinen Fingern. Ich lasse ihn gewähren, auch als seine Nase an meinem Handgelenk ankommt. Dabei schaue ich ihn nicht direkt an, um ihn nicht zu verunsichern. Schließlich setzt er sich hin und lässt es zu, dass ich sanft seinen Kopf berühre und streichele.
„Alle Achtung“, sagt David. „Das hat noch niemand geschafft.“
„Er merkt, dass ich keine Angst vor ihm habe, aber auch, dass ich ihm nichts Böses will. Und er spürt vermutlich auch …“
„Was denn?“
„Nichts“, erwidere ich. „Erzählen Sie was über sich. Wieso leben Sie hier mit einem Hunderudel?“
„Ein Geheimnis? Faszinierend.“ Er lehnt sich zurück und legt seine Hände aneinander, mit den Fingerspitzen Kinn und Lippen berührend. „Im Grunde ist es keine große Geschichte. Ich war 20 Jahre lang Kinderarzt mit eigener Praxis. Und eines Tages hatte ich es satt. Ich hatte es satt, die vielen Kinder, die geschlagen und missbraucht wurden, die verwahrlost wurden, die gezwungen wurden, Abbilder ihrer Eltern zu werden, deren verlorene Wünsche zu erfüllen. Kinder, die vergewaltigt und schwanger wurden. Kinder, die angeblich die Treppe runtergefallen sind. Irgendwann wünschte ich mir, eine Pistole nehmen zu können und diese Eltern einfach zu erschießen. Und die Onkel und Tanten. Die Polizisten, die dann noch einmal auf der Seele der Kinder herumtrampelten. Die unfähigen Idioten von den Jugendämtern. Und irgendwann beschloss ich, dass ich einfach gehen sollte, bevor es ein Blutbad gibt.“
Er schaut mir in die Augen. „Habe ich Sie erschreckt?“
Meine Hand liegt auf dem Kopf von Ronin. Ich verneine kopfschüttelnd.
„Sie haben Tränen in den Augen, Fiona. Wen beweinen Sie?“
„Alle.“
Er nickt langsam. „Danke, dass Sie das sagen. Haben Sie Kinder?“ Und als ich verneine: „Werden Sie welche haben?“
„Keine Ahnung …“
„Ich glaube, dass ja. Sie werden eine gute Mutter sein. Ich weiß, Sie denken jetzt, wie kann der das wissen, er kennt mich ja erst seit ein paar Minuten. Nun, das stimmt. Aber ich sehe, wie Sie mit den Hunden umgehen. Und ich sehe, welches Vertrauen Ronin Ihnen entgegenbringt. Das reicht mir.“
Ich wische meine Tränen ab und nehme einen Zug von der Zigarette, bevor ich sie ausdrücke. „Ich sollte jetzt gehen.“
„Das finde ich bedauerlich, aber ich kann verstehen, dass Sie Ihre Suche fortsetzen wollen.“
Er bringt mich zum Gartentor, begleitet von den Hunden und vor allem Ronin. Ich halte ihm die Hand hin, die er nimmt. Sein Griff ist fest, seine Hand rau. Dann wende ich mich Ronin zu, der sich vor mich setzt. Lächelnd gehe ich vor ihm in die Hocke und streichele seinen Kopf.
„Langsam werden Sie mir unheimlich.“ Ich genieße Davids Verblüffung mit einem Lächeln.
Das nächste Haus befindet sich in einer Gegend, die schon mal bessere Zeiten erlebt hat. Es ist nicht ansatzweise so abgelegen wie das von David, und schon als ich es erblicke, weiß ich, dass ich hier nichts finden werde. Dennoch mache ich einen Rundgang auf dem Grundstück und durch das Haus.
Es ist kurz vor Zehn, als ich in der Nähe von dem dritten Haus den Wagen abstelle. Der Himmel bleibt bewölkt. Die Villa, die ich von außen betrachte, hat bis vor wenigen Monaten einer alten, einsamen Millionärin gehört, die ihr Geld mit Öl gemacht hatte. Genauer, ihr Mann war mal vor vielen, vielen Jahren einer der Drei Ölbarone gewesen. Er starb vor 30 Jahren und hinterließ Norma J. Elko ein nicht unbeträchtliches Vermögen. Vor einem halben Jahr etwa fand ihr Butler sie tot im Bett, als er ihr das Frühstück servieren wollte. Mit 96 war sie sanft entschlummert. Gar kein übler Tod. Und was unangenehme Tode angeht, da kenne ich mich aus.
Ich stehe auf einem Waldparkplatz, von dem aus die hohe Mauer und die Einfahrt zu sehen sind, und rauche eine Zigarette. Hohe Mauer, moderne Überwachungsanlage, das Ganze noch sehr gut erhalten … keine guten Voraussetzungen für mich. Durchaus möglich, dass von den sich streitenden Erben so viel Geld in die Anlage gepumpt wurde, dass die Polizei in zwei Minuten da ist, wenn nicht sogar ein privater Wachdienst.
Alternativ ist Schneewittchen hinter dieser Mauer. Und dann wäre der Wachdienst wahrscheinlich die angenehmere Variante.
Hilft aber alles nichts.
Ich mache die Zigarette aus und lasse den Wagen zurück. Man kann wunderbar joggen, ohne die Mauer aus den Augen zu verlieren. An das Grundstück grenzt Waldgebiet, durch das zwar kein Weg führt, aber das stört mich ja nicht. Dafür kann ich mich unbeobachtet wähnen, sofern keine unsichtbaren Kameras mich längst entdeckt haben. Die Straße ist nicht mehr zu sehen und auch kein Mensch. Eine gute Gelegenheit, einen Blick zu riskieren.
Ich springe so weit hoch, dass ich die Mauerkrone zu fassen kriege und mich hochziehen kann. Sicher könnte ich problemlos über die Mauer springen, aber wer weiß, was auf der anderen Seite lauert.
Noch mehr Wald.
Ich blicke nach rechts, ich blicke nach links. Keine Kameras. Ich schwinge mich über die Mauer und lande auf dem weichen Boden. Ich verharre regungslos und lausche mit angehaltenem Atem.
Kann es wirklich sein, dass das Grundstück so schlecht gesichert ist? Fällt mir schwer, das zu glauben. Wahrscheinlich stehe ich gleich einem weißen Tiger oder so was gegenüber.
Ich ziehe meine Pistole aus dem Hosenbund unter dem Pullover hervor. Die hatte ich David gar nicht erst gezeigt, weil es keine Notwendigkeit gab. Er wird sich auch so gedacht haben, dass ich nicht unbewaffnet bin.
Der Wald wirkt gepflegt, allerdings sieht man ihm an, dass er keine Besitzerin mehr hat. Aber verlassen ist er trotzdem nicht. Und es sind nicht nur Eichhörnchen, Kaninchen und Füchse, die in ihm wohnen, nicht nur Krähen und Elster.
Ich werde beobachtet.
Mein Magen verkrampft sich kurz, als mir bewusst wird, dass ich mein Ziel gefunden habe.
Ich entsichere die Pistole, während ich mich umschaue. Es ist nichts Verdächtiges zu sehen, dennoch sträuben sich meine Nackenhaare. Sicheres Zeichen dafür, dass sich etwas in meiner Nähe befindet, das ich eigentlich gar nicht in meiner Nähe haben möchte.
Dann geht es rasend schnell.
Für die Pistole viel zu schnell, wobei diese mir gegen solche Gegner sowieso nichts nützen würde, was mir schnell klar wird. Ich weiß nicht, womit ich es zu tun habe. Sie bewegen sich unglaublich schnell, sind klein und haben große Zähne in großen Mäulern, die aus runden Köpfen herausragen. Der erste kommt von hinten und versetzt mir einen heftige Stoß. Ich fliege der Pistole hinterher und lande im Gras. Meine Reflexe sorgen dafür, dass ich mich umdrehe. So landet die Axt im Boden statt in meinem Rücken. Dem Wesen, das die Axt umklammert, verpasse ich einen Fußtritt ins Gesicht. Die Genugtuung, dass es nun an ihm ist, meterweit durch die Luft zu fliegen, kann ich dennoch nicht auskosten, denn die nächste Axt steuert meinen Körper an. Ich rolle seitwärts, bis ich gegen etwas Hartes stoße. Einen Baumstamm. Mit einem Fuß wehre ich den Arm ab, die Axt kracht dicht hinter meinem Kopf in den Boden. Mit dem anderen Fuß treffe ich die Zähne des Wesens, das grunzend zurücktaumelt.
Ich packe die Axt und springe auf.
Der dritte Gegner. Er steht hinter dem Baum, der Stiel seiner Axt presst meinen Hals gegen den Baumstamm. Die Kraft, die das kleine Wesen besitzt, ist atemberaubend. Wortwörtlich.
Das zweite Ding, dem ich grad die Axt abgenommen habe, versucht, sie sich zurückzuholen. Röchelnd lasse ich seine Axt los, von seinem eigenen Schwung getragen, purzelt er davon. Meine Hoffnung, dadurch Zeit genug zu gewinnen, mich um den Würger zu kümmern, erfüllt sich allerdings nicht, denn der Erste ist wieder auf den Beinen und visiert mit seiner Waffe meinen Kopf an. Ich empfange ihn hoch in der Luft mit einem wenig eleganten Fußtritt. Aber er erfüllt seinen Zweck, das Ding landet ebenfalls wenig elegant im Gras, seine Axt neben meinem Kopf im Baum.
Na ja, fast neben meinem Kopf. Rasender Schmerz schießt durch mein Ohr, das ich wahrscheinlich grad verloren haben. Und auch wenn ich weiß, dass es bald nachwachsen wird, der Luftmangel und der Schmerz zusammen machen mich verwundbar. Bevor ich reagieren kann, krallt sich der waffenlose Gnom in meinen Körper, was an sich schon mehr als unangenehm ist. Richtig schmerzhaft wird es allerdings, als er aus derselben Bewegung heraus seine Zähne in meinen Kopf schlägt.
Vor Schmerz rasend, zugleich blind, weil Blut aus meinem Kopf strömt und augenblicklich mein Blickfeld vernebelt, packe ich die Haare des Wesens und reiße seinen Kopf zurück. Zumindest versuche ich es, denn seine Zähne stecken fest in meinem Schädel. Und auch wenn das Gehirn selbst keinen Schmerz empfindet, sieht das bei der Kopfhaut schon anders aus. Hinzu kommen seine Krallen, die auch in meinem Körper wüten.
Mir wird klar, dass ich diesen Kampf verloren habe. Zwar weiß ich, dass das noch nichts über die Schlacht aussagt, trotzdem steigt schiere Verzweiflung in mir hoch. Verzweiflung und Wut über meine unglaubliche Naivität.
Ich lasse den Kopf des Dämons los und schlage die Fäuste von beiden Seiten gegen seine Ohren. Das hilft etwas, sein Griff lockert sich. Nach dem zweiten Schlag lässt er mich los und springt mit einem Rückwärtssalto weg.
Allerdings, das wird mir zu spät klar, nur, um den Weg für die Axt des ersten Dämons freizumachen.