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Leseprobe: Fiona – Leben (Band 5)

„Ich wurde hingerichtet.
Ich weiß, was Sie jetzt denken. Das ist bestimmt irgendwie metaphorisch gemeint. Hingerichtet, sonst wäre sie ja tot. Und dann könnte sie mir das jetzt nicht erzählen. Und an lebende Toten und so, da glaube ich nicht dran.
Aber so ist das nicht. Ich wurde hingerichtet. Zwei Schüsse von hinten in den Kopf.
Also, aufgeklärte, moderne Menschen glauben ja, das Gehirn ist der Sitz des Bewusstseins, und wenn das Gehirn zerstört wird, ist es vorbei. Dann gibt es dieses Bewusstsein einfach nicht mehr. Wenn wir als Embryo heranwachsen, wird es langsam hell, und wenn wir sterben, wird es wieder dunkel. Für immer. Manchmal geht es langsam, manchmal ganz schnell. Zum Beispiel wenn Ihnen von hinten zwei Kugeln in den Kopf geschossen werden.
Wenn Sie also zu den Menschen gehören, die rational, aufgeklärt und modern sind, werden Sie mir vermutlich nicht glauben. Ich erzähle es Ihnen trotzdem. Sie können hinterher ja entscheiden, wie Sie damit umgehen wollen.
Also, ich wurde hingerichtet. Es war wirklich eine Hinrichtung. Ich geriet in Gefangenschaft, wurde schuldig gesprochen, einer terroristischen Vereinigung anzugehören, Attentate geplant zu haben, und dann an Ort und Stelle mit zwei Kugeln hingerichtet. Das mit den Attentaten stimmte sogar. Aber die wussten nicht, was ich wirklich wollte und dass sie mir sogar dabei helfen, meine Pläne auszuführen. Wie hätten sie es auch wissen sollen? Sie waren zwar weder modern noch aufgeklärt, das sind diese Art von Diktaturen nie, aber sie konnten sich trotzdem nicht vorstellen, dass ich so eine Hinrichtung überleben würde. Sie glauben zwar an Himmel und Hölle und so, an eine dualistische Welt, aber die Realität übersteigt ihre Vorstellungskraft bei Weitem.
Doch zurück zu der Hinrichtung. Meine Hände waren am Rücken gefesselt, mit einem Seil oder so. Kann sein, dass es ein Abschleppseil war, ich weiß es nicht so ganz genau. Während der Verhandlung musste ich knien und die ganze Zeit zum Tribunal schauen. So nannten sie es jedenfalls. In Wirklichkeit war es Lynchjustiz, aber das ist egal. Es spielt keine Rolle, denn jedes Gericht in jedem Staat hält sich für legitimiert und ist es doch nicht. Ich bin legitimiert, denn ich wurde von Gott dazu berechtigt. Doch das ist eine andere Geschichte, und Sie denken jetzt sowieso, ich bin eine Irre, völlig durchgeknallt und größenwahnsinnig.
Tatsache ist allerdings, dass ich hier vor Ihnen sitze, obwohl ich hingerichtet wurde. Das sollte Ihnen möglicherweise zu denken geben.
Nun, ich kniete also da auf dem harten Boden, was nach einer Weile sogar schmerzhaft wurde, aber Schmerzen bin ich ja gewohnt. Es gehört zu meinem Job, dass es ab und zu schmerzhaft wird. Ziemlich schmerzhaft sogar, denn nicht immer geht es so schnell und einfach zu wie meine Hinrichtung in diesem Fall.
Ich beobachtete den Richter und die beiden Soldaten rechts und links von ihm. Rings um uns herum waren noch andere, Soldaten, oder besser gesagt, Rebellen, die sich für Soldaten hielten. Nicht einmal Uniformen hatten sie, viele trugen Sandalen. Nicht wirklich die geeignete Kleidung zum Kämpfen, aber es waren ja auch Amateure. Verblendete Idioten, um ganz genau zu sein. Sie spielen Krieg und irgendwann begannen sie, das Töten zu genießen. Zuzuschauen, wie bei den Kopfschüssen Augen, Nase und Gehirn der Hingerichteten durch die Gegend spritzen, das ist für sie schöner geworden als ihr Sperma zu verspritzen. Make war not love. Ganz schön pervers. Ich meine, ich töte auch. Es macht mir wenig aus, allerdings weiß ich, dass der Körper eines Menschen nicht den Menschen ausmacht, und ich weiß auch, dass das Töten nicht mehr ist als das Verschrotten eines Autos. Sonst wäre ich ja nicht hier, trotz meiner Hinrichtung.
Hinter mir gestikulierten aufgeregt einige Männer, vielleicht darüber, wer mich erschießen darf. Ich habe keine Ahnung. Ich weiß noch, dass ich mir die krumme Nase des Richters anschaute, als der erste Schuss fiel. Die Kugel drang von oben ein, hier hinten, können Sie bei sich spüren, oberhalb der Einbuchtung. Die Anatomen haben auch einen Namen dafür, fällt mir grad nicht ein. Egal. Etwas oberhalb der Augen also, und der Schütze konnte oder wollte nicht vernünftig zielen.
Es war ein ganz eigenartiges Gefühl. Erst einmal ein ziemlich heftiger Schlag, der meinen Oberkörper nach vorne riss. Ich fiel nicht ganz um, schon allein wegen meiner Körperlage. Mein Oberkörper federte gegen meine Oberschenkel. In meinem Kopf fühlte es sich an wie … Ich weiß nicht genau, wie ich es beschreiben soll. Es tat nicht weh. Das Gehirn an sich fühlt ja keinen Schmerz. Es war mehr so eine Art Ziehen. Dauerte nicht lange, nicht einmal eine Sekunde, weil meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes gelenkt wurde.
Wie gesagt, der Schütze hatte schief geschossen, warum auch immer. Die Kugel verließ meinen Kopf durch das linke Auge, mit dem ich natürlich nichts mehr sehen konnte. Obwohl, ist schon interessant. In so einem Moment hat man ja ein ganz anderes Zeitgefühl. Für die anderen sind es Sekundenbruchteile, aber ich konnte deutlich und wie in Zeitlupe spüren, dass die Kugel mein Auge von innen traf. Ganz kurz, wie ein Aufblitzen, konnte ich die Kugel sogar sehen. Irgendwie unheimlich, wenn ich mir das so überlege.
Ich hing da also auf meinen Oberschenkeln, starrte mit dem verbliebenen Auge auf den Boden und sah nebenbei die Reste meines anderen Auges zusammen mit Blut und einer hellen, rosafarbenen Flüssigkeit auf den Boden tropfen.
Dann wurde mir klar, die rosafarbene Flüssigkeit war ein Teil meines Gehirns. Ich hatte es ja schon gesehen, ich meine, außerhalb meines Kopfes. Neu war für mich das alles ja nicht.
Ich dachte noch, wie schön es ist, dass es dieses Mal so schnell geht. Ich meine, ich habe es mir selbst ausgesucht. Den Job so allgemein, und ich wusste vermutlich, dass es auch bedeutet, dass es physisch sehr anspruchsvoll wird. Deswegen regenerieren wir uns immer wieder. Aber das Sterben, das ist wie bei allen Menschen. Und manche Arten zu sterben sind … sehr unschön. Kopfschüsse sind im Vergleich richtig angenehm. Wohlgemerkt, im Vergleich und für Leute wie mich, die überhaupt die Möglichkeit haben, diesen Vergleich anzustellen. Sie beispielsweise werden diese Möglichkeit nicht haben, wenn Sie gleich sterben. Deswegen erzähle ich Ihnen das so genau, damit Sie wissen, was auf Sie zukommt.
Die zweite Kugel kam seitlich. Wahrscheinlich habe ich meinen Kopf gedreht, darum. Jedenfalls spürte ich noch, wie sie irgendwo neben dem Ohr in meinen Kopf eindrang. Sie zerfetzte mein rechtes Auge, sodass ich jetzt blind war. Ich glaube, es ging auch ganz schnell. Ich spürte noch, wie noch mehr von meinem Gehirn auf den Boden floss, dann wurde es plötzlich dunkel. Vermutlich als die kritische Masse meines Gehirns zerstört war.
Mein Körper war damit deaktiviert. Vorübergehend. Ich habe mich dann notdürftig gesäubert, aber in meinen Haaren klebt noch Blut und Reste von dem, was es sonst noch so in meinem Kopf gibt. Sehen Sie?
Mein Ich war natürlich noch da. Ich habe mittlerweile sehr viel Übung darin, die Zeit zu überbrücken, bis mein Körper sich regeneriert hat. Sie haben ihn zu den anderen Leichen geschafft. Als ich zu mir kam, lag ich auf den Überresten eines etwa dreijährigen Mädchens und eines Mannes, der wahrscheinlich sein Vater gewesen ist. Hätte ich zu dem Zeitpunkt auch nur den geringsten Zweifel gehabt, ob ich meinen Plan noch ausführen wollte, wäre dieser Zweifel bei diesem Anblick sofort geflüchtet.
Allerdings hatte ich keinen Zweifel. Ist nicht meine Art. Wissen Sie, mein Motto ist auch, dass ich bereit sein muss, zu Ende zu bringen, was ich beginne. Wofür hätte ich sonst auch all das auf mich genommen? Als Leiche gelangte ich in Ihr Haus, und auch wenn das nur Plan B war, für den Fall, dass ich erwischt werde, hat er doch ganz gut funktioniert.
Und das bedeutet, dass jetzt Sie hingerichtet werden.“
Die Pupillen des Mannes auf der anderen Seite des Tisches weiten sich kaum merklich. Bevor er aufspringen kann, drücke ich ab und beobachte, wie die Kugel durch die Stirn in seinen Kopf eindringt.

„Michael?“ In der Stille reicht dieses Wort schon geflüstert, um einen Widerhall zu erzeugen. Untermalt vom Quietschen der Tür müsste es meine Ankunft unüberhörbar verkünden. Dennoch gibt es keine Reaktion.
Aber ich spüre, dass er da ist.
Ich durchquere den großen Raum, den man mit viel gutem Willen Wohnzimmer nennen könnte, und gehe zur Tür, die in den Nachbarraum führt. Darin befindet sich unter anderem das Bett.
Darauf Michael, zusammen mit einem Buch. Er sieht hoch und mustert mich schweigend.
„Hi“, sage ich leise.
„Hi.“ Er lässt seinen Blick über meinen Körper gleiten, dann wieder hoch zu meinen Augen. „Welch ein hoher Besuch! Was verschafft mir diese unerwartete Ehre?“
Das frage ich mich auch gerade. Was habe ich eigentlich erwartet? Noch ist es nicht zu spät, ich sollte mich einfach umdrehen und wieder gehen. Es wäre das Klügste.
Und damit ausgeschlossen.
„Ich komme gerade aus dem Irak.“
„Wie schön für dich. Hast du dort Urlaub gemacht? Als Frau? Mutig.“
„Idiot. Ich habe jemanden hingerichtet. Und ich weiß jetzt, wie sich Kopfschüsse anfühlen.“
Er zieht eine Augenbraue hoch. Die rechte. „Hast du jemanden hingerichtet oder wurdest du hingerichtet?“
„Beides.“
„Also Abenteuerurlaub.“
„Michael …“
„Ja? Ich bin hier.“ Er legt das Buch weg und setzt sich auf. „Was genau willst du von mir?“
Eigentlich weiß ich es immer noch nicht. Ich sollte nicht hier sein. Die Geschichte im Irak ist eine Sache, die meisten Menschen würden kein Verständnis dafür haben, doch das kann mir egal sein. Aber wieso bin ich hierhergekommen, statt nach Hause zu fahren?
„Hallo? Fiona?“
Ich zucke zusammen. „Ich … Tut mir leid. War in Gedanken. Um ehrlich zu sein, versuche ich herauszufinden, warum ich hier bin.“
„Wieso, bist du nicht selbst hergekommen?“
„Doch, schon. Aber ich habe noch gar nicht darüber nachgedacht, wieso.“
„Wie geht das denn? Du musst doch irgendwann die Entscheidung getroffen haben, dieses Ziel als Koordinaten in dein internes Navi einzugeben.“
„Was?“
Er deutet auf seine Stirn. „Gehirn. Gedächtnis. Gefühle. Manchmal auch Gedanken.“
Ich muss lachen. „Du bist doof. Michael, erinnerst du dich, was ich dir gesagt habe, nachdem du mich geküsst hast?“
„Wie könnte ich das je vergessen?“, erwidert er. „Du bläst mir keinen, wir schlafen nicht miteinander und es wiederholt sich nicht.“
Ich senke den Blick. „Das … das war gelogen.“
„Was?“
„Ich meine, damals meinte ich das wirklich. Aber … ich meine, ich habe dir erlaubt, mich zu küssen. Das erlaube ich nicht jedem.“
„Ach?“
Langsam gehe ich näher. Er zieht die Knie an und legt die Unterarme um seine Beine, mit einer Hand das andere Handgelenk umfassend. Weder eine Einladung noch eine Zurückweisung. Ich bleibe unschlüssig stehen.
„Was genau möchtest du von mir?“
„Dich küssen. Dir einen blasen. Mit dir schlafen.“
„Warum so plötzlich? Ich habe nämlich keine Lust, einfach nur als Ventil zu dienen, weil du dich mies fühlst nach so einem Job.“
„Ich fühle mich nicht mies! Das Arschloch hat es verdient.“
„Ich denke, wir richten nicht?“
„Wir treffen Entscheidungen, und wenn wir der Meinung sind, jemand stört das Gleichgewicht, dann töten wir ihn. Das weißt du auch.“
„Ja, weiß ich“, nickt er. „Mir sind deine Kriterien nur nicht ganz klar.“
„Darüber wollte ich nicht mit dir reden. Jedenfalls hat es nichts damit zu tun, dass ich hier bin. Zumindest nicht direkt. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken auf dem Flug.“
„Zeit zum Nachdenken ist gut. Aber es fällt dir immer noch schwer, mir den Grund für deinen Sinneswandel mitzuteilen?“
Ich setze mich seufzend am Bettende auf den Rand. „Es ist … es ist kein Sinneswandel. Ich weiß, dass du in mich verliebt bist und …“
„Bin ich das?“
Ich sehe ihn direkt an. „Bist du. Willst du es leugnen?“
Er schüttelt den Kopf.
„Michael, ich weiß nicht, ob ich in dich verliebt bin. Aber ich begehre dich. Deswegen durftest du mich küssen. Etwas an dir bringt mich an den Rand des Wahnsinns. Ich habe mich dagegen gewehrt, doch jetzt will ich es nicht mehr.“
Michael starrt mich schweigend an. Sein Blick gleitet von meinen Augen nach unten, auf meine Brüste. Viel zu sehen gibt es von ihnen nicht, unter dem schwarzen Pullover trage ich einen Sport-BH. Ich fasse den Pullover am Kragen und ziehe ihn langsam aus. Dann den BH. Michael starrt immer noch auf meine Brüste. Er sieht mich nicht zum ersten Mal nackt, aber zum ersten Mal mit der Aussicht, mehr als den Anblick zu bekommen.
Mit den Füßen streife ich die Stiefel ab, knöpfe dann die Jeans auf und streife sie ebenfalls ab. Bis auf das hellblaue Höschen bin ich nackt. Nach einer kurzen Pause ziehe ich den Slip auch aus.
Als Michael sich immer noch nicht rührt, steige ich auf das Bett und stelle mich mit gespreizten Beinen so vor ihm hin, dass er meine Muschi vor den Augen hat. Er hebt langsam den Kopf und schaut zu mir hoch.
„Du meinst das ernst?“
Ich nicke, dann lege ich beide Hände auf seinen Kopf und drücke sein Gesicht zwischen meine Beine. Ich spüre, wie er den Mund öffnet und seine Zunge zwischen meine Lippen schiebt. Ich schließe die Augen.
Nach einiger Zeit, in der er mich genau erkundet hat, umfasst er mit den Händen meine Pobacken und zieht mich runter. Ich setze mich kniend auf meine Fersen und betrachte ihn. Er küsst mich, erst sanft, dann immer fordernder, packt dabei mit beiden Händen meine Brüste. Ich schließe wieder die Augen und ertaste die Knöpfe seines Hemdes, öffne sie und schiebe dann das Hemd nach hinten. Dazu muss er mich loslassen und als er die Hände wieder frei hat, legt er eine auf meinen Oberschenkel, die andere zwischen meine Beine. Ich stöhne auf.
Ich lasse meine Fingerspitzen wie Krallen über seine muskulöse Brust gleiten. Der Kuss soll bloß nie aufhören! Als dann seine Finger in mich eindringen, öffne ich seine Hose und greife hinein, bis ich sein hartes Glied umfassen und herausziehen kann. Nur ganz flüchtig schießt mir der Gedanke durch den Kopf, wieso ein Vampir einen Steifen haben kann.
Ich löse meinen Mund von seinen Lippen. „Fick. Mich.“
Er lehnt sich zurück, ich ziehe ihm Hose und Unterhose aus. Sein mächtiger Brustkorb wölbt sich unbewegt hervor. Ich rutsche auf den Knien nach vorne, bis ich mit dem Unterleib über seinem Glied bin und es in mich einführen kann. Es gleitet vollkommen mühelos in meine nasse Muschi. Ich beuge mich vor, um ihn weiter zu küssen. Seine Hände umklammern meinen Po.
Wir sind beide völlig überdreht und kommen schon nach kurzer Zeit. Ich presse meinen Unterleib gegen seinen und bewege ihn kreisend. Er zuckt wild, fast schmeißt er mich runter. Ich schlinge die Arme um seinen Hals und drücke schreiend das Gesicht gegen seine Schulter.
Viel später, ich weiß nicht einmal, ob Minuten oder Stunden vergangen sind, hebe ich den Kopf und sehe ihn an.
Er grinst. „Das war ja fast eine Vergewaltigung.“
„Deine Gegenwehr war kaum zu bemerken.“
„Es ging so schnell, ich hatte gar keine Gelegenheit dazu.“
Damit bringt er mich zum Lachen. „Idiot. Einen so harten Schwanz wie deinen habe ich schon lange nicht mehr erlebt.“
„Ja, und er scheint so bleiben zu wollen.“
Ich bewege meinen Unterleib kreisend. „Hat er etwa noch nicht genug?“
„Genug? Das war doch erst die Vorspeise!“
Er meint es ernst. Sehr ernst.

Michael reicht mir meine Zigaretten, dann geht er zum zugemüllten Schreibtisch und befördert nach einiger Suche zwei Gläser und eine halbvolle Whiskyflasche ans Kerzenlicht. Ich setze mich auf und inhaliere den Rauch tief ein, während er die Gläser ordentlich füllt. Darüber, ob diese Gläser jemals gespült worden sind, mache ich mir lieber keine Gedanken.
Ein Glas gibt er mir, das andere führt er sich an die Lippen und nimmt einen großen Schluck. Ich nippe vorsichtig an meinem Glas. Es schmeckt einigermaßen.
„Wie geht es Sandra?“, erkundigt er sich.
Dieses Arschloch! „Ganz gut. Seit wann interessierst du dich für meine Tochter?“
„Ich finde die Vorstellung süß, dass du eine Tochter hast.“
„Michael, du solltest aufhören, irgendetwas im Zusammenhang mit mir süß zu finden.“
„Ups. Empfindliche Stelle getroffen?“
„Ich? Getroffen? Eher andersherum.“ Ich zaubere das süßeste Lächeln auf mein Gesicht, dessen ich fähig bin. Michaels Miene verdüstert sich.
„Erinnere mich nicht daran“, knurrt er.
„Dann hör auf, von meiner Tochter und von süß zu labern, okay?“
„Wollte nur nett sein …“
„Wozu? Ich bin nicht hier, damit du nett bist. Nett ist langweilig. Ich hasse alles, was mit nett zu tun hat.“
„Stimmt, du bist eher ein Tier.“
„Das sagt der Richtige!“ Ich proste ihm zu und nehme diesmal auch einen großen Schluck.
Er setzt sich neben mich. Ich betrachte seine ausgestreckten Beine neben meinen ausgestreckten Beinen. Seine sind behaart und muskulös. Meine nur muskulös. Und deutlich dünner.
„Du hast schöne Beine“, bemerkt Michael grinsend.
„Danke. Du auch. Zumindest für einen Mann.“
„Das ist mal wieder typisch für dich. Immer direkt eine Einschränkung.“
„Nicht immer!“, protestiere ich.
„Gut, du hast recht, nicht immer. Aber warum überhaupt?“
Ich zucke die Achseln. „Bin eben so. Gefällt es dir etwa nicht, wie ich bin?“
Er mustert mich von der Seite. „Was ist das denn für eine Frage? Willst du jetzt hören, dass du geil aussiehst? Oder geht es um deinen Intellekt?“
„Ach Michael.“ Ich seufze. „Ich weiß, wie ich aussehe und wie ich auf Männer wirke. Vor James habe ich die halbe Stadt gefickt, und auf der Schule gab es kaum einen, der nicht mit mir vögeln wollte.“
„Eingebildet bist du aber nicht, oder?“
„Weil ich mir dessen bewusst bin? Komm schon. Ich war nicht die Schulkönigin, habe mich nie, na ja, fast nie, zurechtgemacht. Und wahrscheinlich waren gerade deswegen alle scharf darauf, mit mir in die Kiste zu hüpfen.“
„Jetzt mal ernsthaft, ist das eine Theorie?“
Ich grinse. „Keine Theorie. Habe es mehrmals getestet.“
„In der Schule?“
„Da auch. Das Klo zu den Sportumkleiden war ein guter Ort. Und David, der mich entjungfert hat …“
„Auf dem Klo?“
„Nein! Hältst du mich für so unromantisch?“
„Also gut, wo hat er dich entjungfert?“
„In meinem Bett, im Haus meiner Eltern. Ich war 15. Ich rief ihn an und sagte ihm, dass ich Hilfe bräuchte, in Mathe. Das war ein sicherer Hinweis für ihn.“
„Wieso?“
„Wir waren die Klassenbesten in Mathe.“
„Oh. Und er kam?“
„Oh ja! Mehr als einmal.“
„Das meinte ich grad nicht …“
„Ist mir klar. Wir waren zwei Monate zusammen, bis er meinte, ein anderes Mädchen knutschen zu müssen, auf dem Schulhof, während die halbe Schule zuschaute, weil er Freistunde hatte, wir aber nicht. Es war echt lustig.“
„Klingt nach Drama.“
„Hey, er war meine erste Liebe! Selbst mein Vater mochte ihn.“
„Hast du ihn verprügelt?“
„Nein“, erwidere ich gepresst. „Aber ich habe ihn ignoriert danach. Na ja, und irgendwann begriff ich, was die Blicke der Jungs zu bedeuten haben. Um ehrlich zu sein, hatte ich mir bis dahin darüber keine Gedanken gemacht. Es gab einige Mädchen in meinem Alter, die Schulköniginnen spielten und natürlich stets hofiert wurden. Ich konnte mit ihnen nichts anfangen und lief nicht aufgetakelt rum.“
„Also eine Außenseiterin?“
Ich schüttele den Kopf. „Seltsamerweise nicht. Ich war schon beliebt. Ich fürchte, die hielten mich alle für süß.“
„Süß?“
Ich nicke. „Ich habe nie was für Allüren übriggehabt, sagte aber, was ich dachte. Es war auch selbstverständlich für mich, dass ich anderen half, wenn es nötig war. Meine Noten waren zwar mittelmäßig, weil ich nie für Tests lernte, aber ich machte mündlich mit. Reden kann ich ja. Ich begriff die Sachen, ich wollte nur nichts auswendig lernen. Lernen fand ich doof. Aber ich konnte alles erklären.“
„Ich glaube, ich verstehe“, sagt Michael nachdenklich. „Du warst einerseits der Kumpeltyp, andererseits aber natürlich süß.“
Ich starre ihn von der Seite an. „Ja, vielleicht. – Warum erzähle ich dir das alles eigentlich?“
„Dir war wohl danach.“
„Ja, irgendwie schon. Vielleicht ist es mir wichtig, dass du mich verstehst. Ich möchte nicht, dass du mich für durchgeknallt hältst.“
„Du bist durchgeknallt, da kannst du mir erzählen, was du willst. Die Menschen können froh sein, dass du auf der richtigen Seite stehst. Du hast vor nichts Angst und wenn du dir etwas in den Kopf setzt, dann tust du es einfach. Als Kriminelle wärst du richtig gefährlich.“
„Ich bin gefährlich.“
„Ja, für meine Unschuld“, knurrt er.
Ich mustere seine schwindende Unschuld. „In der Tat. Es ist schon erstaunlich, dass du als Vampir überhaupt einen Steifen kriegst, aber auch noch einen so harten?“
„Du wirst lachen, wenn ich Hunger habe, kriege ich ihn nicht hoch. Vampire sind sehr abhängig von ihrem Futter, was den Blutdruck angeht.“
Ich kriege einen Lachkrampf und habe Mühe, mich zu beruhigen. Er wartet geduldig, bis ich wieder ansprechbar bin. Dann zieht er mich auf seinen Schoß, dabei dringt er wie von selbst in mich ein. Seine kalten Augen mustern mich.
„Danach musst du gehen.“
„Ich weiß.“
„Gut.“
Später, als ich wieder meinen Verstand eingesammelt habe, frage ich ihn, wo die Toilette sei.
„Toilette?“
„Äh … ja?“
„Hier gibt es keine.“
„Wie meinst du das? Wie kann es hier keine Toilette geben?!“
„Ich brauche keine. Was musst du denn?“
„Pissen, und zwar tierisch!“
„Dann geh doch nach draußen und piss gegen die Wand. Interessiert doch niemanden. Kommt auch niemand vorbei.“
„Hm.“ Aber es hilft nichts. Ich strecke erst den Kopf in den Gang raus und schaue mich um, bevor ich nackt ein paar Schritte weg gehe und mich neben der Wand hinhocke. Es riecht streng, kein Wunder, die Blase ist voll wie sonst was.
Erleichtert gehe ich wieder rein und ziehe mich an.
„Hat dich jemand gesehen?“, erkundigt sich Michael, blöde grinsend.
„Ich habe Eintrittsgeld kassiert.“
„Cool. Aber die Hälfte gehört mir.“
„Du kannst mich mal.“
„Schon wieder?“
Ich zeige ihm, wie schön meine Mittelfinger sind. Doch statt auf diese, starrt er auf meine noch nackten Brüste. Grinsend ziehe ich den BH und den Pullover an.
„Schon wieder?“, frage ich ihn lächelnd.
„Du bist ganz schön rachsüchtig.“
„So bin ich eben.“ Ich gehe um das Bett herum und bleibe neben ihm stehen. Er sitzt nackt am Kopfende und mustert mich fragend. Sein Blick ist eindeutig. Nach kurzem Zögern winke ich ab und gehe. Ich blicke nicht zurück und er sagt nichts.
Ich nehme den Weg, den ich auch gekommen bin, nämlich durch die Disco. Das bedeutet zwar Kletterpartie, aber mein Auto steht eh auf dem Parkplatz. Die Geheimtür, die nur Eingeweihte kennen, befindet sich in einem kleinen Raum, der alibimäßig als Abstellkammer dient. Bevor ich die Tür öffne, lausche ich kurz. Bis auf die dumpf dröhnende Musik ist nichts zu hören. Ich eile an den Toiletten vorbei. Die Musik wird lauter, schließlich befinde ich mich mittendrin.
Die unterirdische Disco kokettiert mit ihren Grotten und Felswänden, die andererseits für eine miserable Akustik sorgen. Bei der Lautstärke spielt das allerdings für die zugedröhnten Gäste keine Rolle. Ich überlege kurz, eine zu rauchen und etwas zu trinken, entscheide mich aber schließlich dagegen.
Dass es ein Fehler war, überhaupt darüber nachzudenken und dadurch länger als unbedingt nötig in der Disco zu bleiben, wird mir klar, als ich Punky mit zwei anderen Vampiren entdecke. Sie schneiden mir den Weg zum einzigen Ausgang nach oben ab. Die beiden entschlossen dreinschauenden Vampirsöldner bleiben in einiger Entfernung stehen, während Punky grinsend auf mich zukommt.
„Hallo Fiona, das ist aber eine Überraschung, dich hier zu sehen. Hast du etwa Sehnsucht nach dem Herrn?“
Ich mustere ihn kurz, dann will ich an ihm vorbei. Er macht einen Schritt zur Seite, sodass er mir erneut den Weg versperrt. Und als er den Mund öffnet, vermutlich um weiter zu quasseln, trete ich blitzschnell und mit aller Kraft gegen seinen Brustkorb. Er hebt regelrecht ab und fliegt davon – wohin, darauf achte ich nicht mehr, denn seine beiden Begleiter erfordern meine ganze Aufmerksamkeit.
Den, der näher steht, erwische ich mit zwei Halbkreistritten, die ihn aus meinem Blickfeld befördern. Schnell wende ich mich dem Dritten zu, allerdings nicht schnell genug. Seine Faust explodiert mitten in meinem Gesicht. Ich spüre, dass ich durch die Gegend fliege, Menschen zur Seite stoße und dann sehr unsanft auf dem harten Boden lande.
Nach einigen Sekunden der Benommenheit drücke ich mich mit einer Hand hoch, mit der anderen Hand berühre ich meine Lippen. Blut. Doch bevor ich wütend aufspringen kann, werde ich an den Haaren gepackt, hochgerissen und mein rechter Arm wird auf den Rücken gedreht. Zum Protestieren habe ich keine Zeit, denn Punky kommt von vorne auf mich zugeschossen. Ich empfange ihn mit einem Tritt zwischen die Beine und lasse einen zweiten in sein Gesicht folgen, als er sich nach vorne krümmt. Einigermaßen zeitgleich hole ich mit der freien Hand aus und schlage sie an meinem Kopf vorbei in das Gesicht des Vampirs, der mich von hinten festhält. Er taumelt, lässt aber meinen verdrehten Arm nicht los. Ich drehe mich jetzt schwungvoll nach rechts, packe dabei mit der rechten Hand seinen rechten Arm. Das zwingt ihn in eine gebückte Haltung, so kann ich mit dem Ellbogen des freien Arms gegen sein Genick schlagen. Endlich lässt er los und geht in die Knie.
Dafür habe ich den dritten Vampir wieder am Hals. Sein Gesicht ist blutverschmiert, ansonsten sieht er aber ziemlich fit aus. Nicht fit genug für mich. Ich brauche nur ein paar Sekunden, um seine Deckung zu zertrümmern und ihm die Nase. Dann erwische ich einen seiner Arme und breche ihn am Ellbogen. Sein Geheul geht im Aufschrei der Menge unter.
Diesmal vertrödel ich nicht unnötig Zeit. Niemand hält mich auf, als ich auf den Ausgang zulaufe. Mein Auto steht noch da, wo ich es abgestellt hatte, was keineswegs selbstverständlich ist.
Ich betrachte mein Gesicht im Rückspiegel. Das Blut aus meiner Nase hat sich um den Mund herum verteilt, ich sehe aus, als hätte ich einen Menschen leergetrunken. Für solche Fälle habe ich zum Glück immer Reinigungstücher dabei.
Ich fahre nach Hause.

Zu Hause ist niemand, also laufe ich hinüber ins Nachbarhaus. Nicholas öffnet und begrüßt mich erfreut. Ich umarme ihn, dann gehe ich in den Salon, dort finde ich meine Eltern mit Sandra auf dem Schoß meiner Mutter. Die Augen der Kleinen leuchten auf, als sie mich erblicken. Lachend nehme ich sie an mich und begrüße sie innig, bevor auch meine Eltern was von mir abbekommen.
„Danny?“
„Den hat James mitgenommen“, antwortet mein Vater. „Möchtest du was trinken? Oder essen?“
„Einen Kaffee könnte ich vertragen. Aber erst nach der Fütterung des Raubtiers.“ Ich setze mich neben meiner Mutter auf die Couch, schiebe Pullover und BH hoch und betrachte lächelnd meine Tochter beim Trinken.
„Sie ist so süß“, sagt meine Mutter und sieht Sandra verliebt an.
„Meins!“
„Schon gut, schon gut. Ich bin glücklich, wenn ich mich ab und zu um sie kümmern darf.“
„Mal sehen, ob du das in 15 Jahren immer noch so denkst“, erwidere ich.
„Ganz sicher.“
„Und wenn sie wird wie ich?“
„Dann erst recht.“
Zack. Sowohl meine Frage als auch die Antwort darauf treffen mich unvorbereitet. Sandra starrt mich erschrocken an, ich habe Mühe, sie zu beruhigen und zu animieren weiterzutrinken. Wenigstens kann ich dabei auch selbst die Beherrschung wiedererlangen.
Natürlich ist es meiner Mutter nicht entgangen, was sie ausgelöst hat. Sie ist aber feinfühlig genug, nicht weiter darauf einzugehen.
Wir schweigen, bis mein Vater mit dem Kaffee kommt. Und danach schweigen wir auch, ich mit Tochter auf der Couch und umrahmt von meinen Eltern. Ein ganz, ganz seltsames Gefühl.
Erst als Sandra fertig ist und ich meine Kleidung wieder gerichtet habe, reicht mir mein Vater den Kaffee, den ich gierig trinke. Mir fällt plötzlich der Whisky ein, aber nun ist es zu spät.
„War deine Reise erfolgreich?“, erkundigt sich mein Vater.
„Oh ja, das war sie.“
„Du warst aber nicht auf Geschäftsreise.“ Keine Frage, sondern eine Feststellung.
„Wie man es nimmt.“ Meine Tochter steht auf meinen Beinen und lacht mich an. Ich bin erst einmal damit beschäftigt, in einen Lachwettstreit mit ihr zu treten. Danach fahre ich fort. „Ich war im Irak.“
„Im Irak?“, wiederholt meine Mutter. „Was hast du denn da gemacht?“
„Eine Störung des Gleichgewichts beseitigt.“
Mein Vater versteht schneller, aber dann gefriert auch der Gesichtsausdruck meiner Mutter. „Aber … ist das nicht gefährlich?“
„Ich wurde hingerichtet mit zwei Kopfschüssen“, erwidere ich in einer Tonlage, als würde ich über Kuchenessen sprechen, denn Sandra untersucht gerade meine Stirn und den Haaransatz. Letzteres ist etwas schmerzhaft. „Junge Dame! Das sind meine Haare! – Dadurch kam ich an … mein Zielobjekt dran. Er wird sich von den Kopfschüssen nicht erholen.“
„Du hast … du hast …“
„Barbara!“, unterbricht sie mein Vater freundlich, aber nachdrücklich.
„Schon gut. Ich war nur … bin … etwas geschockt.“
„Man muss sich erst daran gewöhnen, dass unsere Tochter als Racheengel unterwegs ist und Menschen im Auftrag Gottes tötet“, bemerkt mein Vater.
„Mit Rache hat das nichts zu tun“, entgegne ich, Sandra sanft davon überzeugend, dass es wirklich, wirklich meine Haare sind. „Und auch nicht im Auftrag Gottes. Gott ist es scheißegal, was wir hier so treiben.“
„Red doch nicht so über Gott“, sagt meine Mutter entsetzt.
„Warum denn nicht? Es ist die Wahrheit. Gott hat seine Hausmeistergilde, die sind für Ordnung zuständig. Und der hiesige Hausmeister hat unter anderem mich auserkoren.“
„Wenn das die Menschen erfahren würden, dann brächen sofort alle Religionen zusammen und Frieden kehrte ein.“
Ich starre meinen Vater entgeistert an. „Wieso sollten sie das glauben? Sie glauben ja nicht einmal viel leichter zu verdauende Sachen, zum Beispiel die einfache Tatsache, dass jeder Mensch selbst denken darf.“
„Das ist zynisch“, stellt meine Mutter fest.
„Ach was. Ich und zynisch?“ Ich setze Sandra auf meinen Schoß, so kommt sie nicht an meine Haare dran. Komisch, wie weh das tun kann, wenn so ein Kind an den Haaren zerrt. Einer Fortsetzung der lästigen Diskussion entgehe ich zum Glück, Danny und, mit etwas Verspätung, James stürmen das Wohnzimmer. Ich bringe Sandra vor Danny in Sicherheit und kriege dafür die Zungenküsse ab. Zum Ausgleich auch den Kuss von James. Einen Kuss. Einen zweiten bekommt Sandra.
„Bleibt ihr zum Abendessen?“, erkundigt sich mein Vater.
„Nein, heute nicht. Vielleicht morgen?“, schlage ich vor, bevor mein geliebter Ehemann reagieren kann.
„In Ordnung, morgen bei uns. Gegen acht?“
Wir einigen uns auf acht Uhr, dann gehen wir rüber in unser Heim. Während James ein kleines Abendessen zubereitet, bade ich Sandra und bringe sie danach ins Bett.
Ich ziehe mich aus, stopfe alles in die Schmutzwäsche und streife ein T-Shirt über. James zieht kurz eine Augenbraue hoch, als er das sieht, enthält sich aber eines Kommentars.
Beim Abendessen schweigen wir uns an. Ab und zu mustert James mich und sieht fast so aus, als wollte er was sagen. Aber nur fast. Ich setze mich danach auf die Couch und mache den Fernseher an. James kommt einige Minuten später mit einer Flasche Wein nach, öffnet sie routiniert, schenkt in zwei Gläser ein und reicht mir eins, während er sich neben mich setzt.
„Wie war dein Auftrag?“
„Es war kein Auftrag. Ich habe selbst entschieden, den Kerl zu töten.“
„Dann: Wie war deine Entscheidung?“
Ich betrachte ihn nachdenklich. Da sitze ich im kurzen T-Shirt, die nackten Beine angewinkelt hochgezogen, und der Kerl sitzt völlig ungerührt neben mir.
„Blutig“, erwidere ich knapp.
„Also wie üblich.“
„Jaaames …“
„Auf jeden Fall.“ Damit bringt er mich zum Lachen, und das weiß er auch genau. Ich proste ihm zu und trinke mein Glas leer. „Das ist Rotwein aus Frankreich!“, ruft er entgeistert.
„Jetzt nicht mehr. Jetzt ist er Rotwein auf dem Weg in meinen Bauch. Hier, schau.“ Ich ziehe mein T-Shirt bis zum Kinn hoch und zeige mit dem Finger, wo der Wein hinunterläuft. Seine Reaktion würde jeder Steinstatue Ehre machen.
„James, was ist los?“
„Im Moment nichts.“
„Ja, das sehe ich auch. Aber was ist der Grund?“
„Lass uns fernsehen.“
„James!“ Ich springe wütend auf und stelle mich zwischen ihn und den Fernseher. „Das ist nicht dein Ernst? Kannst du dich überhaupt noch daran erinnern, wann wir das letzte Mal miteinander geschlafen haben?“
„Ist eine Weile her. Schatz, meinst du, ich kriege einen hoch, wenn du mich so anschnauzt?“
„Dann sag mir wenigstens, warum du keinen hochkriegst!“
„Ich weiß es nicht. Postnatale Depression.“
„Was? Das kriegen die Frauen!“
„Ich habe es für dich übernommen.“
„Okay, du bist also nicht gewillt, dich ernsthaft darüber zu unterhalten?“
„Nicht weniger als du.“
„Wie? Was?“
„Du findest, das, was du tust, kann man als ernsthafte Absicht bezeichnen?“
„Das ist ja wohl die Höhe! Ich habe dich ganz normal gefragt, was los ist! Erst als du daraufhin fernsehen wolltest, wurde ich laut!“
„Warum eigentlich?“
Ich bekomme Schnappatmung und habe Schwierigkeiten, überhaupt die passenden Worte zu finden. „Das fragst du noch? Verdammt nochmal, Sandra ist 8 Monate alt, und seit 8 Monaten hatten wir keinen Sex mehr!“
„Du warst ja auch entweder mit ihr beschäftigt oder in göttlicher Mission unterwegs.“
Ich starre ihn völlig entgeistert an. „Was?“
„Schatz, diese Diskussion ist müßig.“
„Was? Äh … Bin ich im falschen Film, oder was? Du hast mir nicht grad ernsthaft vorgeworfen, dass ich mich um unsere Tochter kümmere?“
„Das war kein Vorwurf, lediglich eine Feststellung. Und außerdem solltest du vielleicht …“
„Sag mal, spinnst du jetzt völlig?!“, brülle ich los.
„… nicht so rumschreien, du weckst das Kind.“ Womit er recht hat.
Ich atme ein paarmal tief durch, dann gehe ich nach oben und nehme Sandra auf den Arm. Sie weint ziemlich heftig und ich brauche lange, um sie wieder zu beruhigen.
Nachdem ich Sandra abgelegt und zugedeckt habe, gehe ich langsam zur Treppe. Göttliche Mission? Was fällt dem Kerl eigentlich ein?
Der Kerl steht an der Bar und trinkt etwas, vermutlich Whisky. Er sieht mich nachdenklich an, als ich ins Wohnzimmer komme.
„Sie schläft.“
James nickt.
Ich gehe zu ihm. „Hör zu, es tut mir leid, dass ich grad so ausgeflippt bin.“
Erneutes Nicken. „Ich war wohl nicht sehr … kooperativ.“
„Ach was. Du wolltest halt fernsehen.“
Ein Grinsen. Tatsächlich! Ein. Grinsen!
Ich lege die Hände auf seine breite Brust. „James, ich liebe dich. Ich … Verdammt, in göttlicher Mission?“
Grinsen wird breiter. Unglaublich.
„Tut mir leid, ich wollte dich damit nicht verletzen.“
„Es geht um das Gleichgewicht.“
„Ja, ich weiß. Ich hoffe, ich störe dein Gleichgewicht nicht, sonst wird mein Leben doch recht kurz.“
„James? Wenn du glaubst, …“
„Das war ein Scherz.“
Ich atme tief durch. „Kannst du die bitte ankündigen, deine Scherze? Du bringst nämlich mein psychisches Gleichgewicht durcheinander. Dafür gibt es nicht den Tod, aber … Und außerdem, wenn schon Mission, dann Fiona Mission.“
„Oje.“
„Ich hör schon auf damit. Gehen wir ins Bett?“
Das dritte Nicken. Unfassbar.
Während James das Badezimmer oben nimmt, gehe ich in das untere. Beim Zähneputzen mustere ich mein Gesicht. Es ist immer noch das Gesicht einer 27jährigen Mutter, trotzdem hat sich etwas verändert. Die Augen. Es ist eine alte Frau, die mich aus diesen Augen anstarrt.
An diesem Abend schlafen James und ich das erste Mal nach acht Monaten wieder miteinander.

Pünktlich wie die Geldeintreiber stehen wir bei meinen Eltern auf der Matte. Die ganze Meute. Und nachdem die Tür aufgegangen ist, schießt Danny an Nicholas vorbei. Wir finden ihn vor meiner Mutter sitzend wieder, genüsslich die Reste der Reste kauend.
„Ich verstehe echt nicht, wieso er noch nicht rollen kann“, bemerke ich grinsend.
„Danny arbeitet hart, da kann nichts ansetzen“, erklärt meine Mutter. „Gib mir mal das Kind.“
„Hier. Aber gib ihm keinen Kaffee.“ Ich gehe an die Hausbar und schenke James und mir Whisky ein.
„Wieso darf sie heute keinen Kaffee haben?“, erkundigt sich meine Mutter.
„Wie, was?“
„Dass ich das mal erlebe, ich habe es geschafft, dich reinzulegen!“
„Gar nicht wahr“, murmele ich. „Ich wollte dir nur eine Freude machen …“
Klugerweise geht meine Mutter darauf nicht weiter ein, sondern bittet uns zu Tisch. Sandra behält sie, was dem Töchterchen offensichtlich gefällt. Schon erstaunlich, wie genau sie schon mit ihren acht Monaten erkennt, wo es die größten Kuchenstücke gibt. Und Pommes.
Nach dem Essen gehe ich nach draußen, um zu rauchen. Während meine Mutter sich um Sandra kümmert, unterhalten sich die Männer über Politik. Ich muss innerlich schmunzeln, wie wenig das Bild der Realität entspricht. Durch meine Arbeit als CEO und als Kriegerin ist es nicht unwahrscheinlich, dass ich mehr darüber weiß, was in dieser Stadt passiert, als die beiden. Aber sie sind halt alte Männer und brauchen das.
Ich werde allerdings hellhörig, als ich einen mir unbekannten Namen höre. Mein Vater erzählt von einem Präsidentschaftskandidaten, der wie aus dem Nichts aufgetaucht sei. Wieso weiß ich nichts davon? Wie kann jemand für das Amt des Präsidenten kandidieren und ich kenne nicht einmal seinen Namen?
Ich drücke die Zigarette aus und gehe rein.
„Ich habe James gerade von Frost erzählt“, sagt mein Vater.
„Ich habe es gehört. Und wieso weiß ich nichts über den?“
„Vielleicht will er nicht als Ungleichgewicht gelten“, sagt James grinsend.
„Blödmann. Wann hast du das erste Mal von dem gehört, Papa?“
„Das ist gar nicht so lange her. Beim Tennis erzählte mir ein befreundeter Journalist von ihm, da war es ziemlich neu.“
„Hm. Da bin ich ein paar Tage im Irak und schon haben wir einen neuen Kandidaten? Findet ihr das normal?“
„Es ist durchaus seltsam“, gibt James zu. „Was weiß man denn über ihn?“
„Er heißt Deal B. Frost“, antwortet mein Vater.
„Das ist alles?“
„Im Wesentlichen. Morgen soll es eine große Pressekonferenz geben, dann will er sich vorstellen.“
„Hm. Sehr ungewöhnlich.“
„Da gebe ich dir recht“, sagt mein Vater. „Aber es könnte sich auch einfach nur um sehr gutes Marketing handeln.“
„Die Aufmerksamkeit dürfte er sich gesichert haben, ja.“
Ich mache eine Notiz in meinem Handy, dass ich mir diesen Frost mal anschaue. Ich kann es förmlich riechen, da stimmt etwas nicht. Ob es eine Sache für Krieger ist, das muss sich allerdings erst noch zeigen.
Ich friere.

Ich frage mich zum tausendsten Mal, warum ich das alles eigentlich tue, während ich von meinem Sitzplatz auf dem Gehweg neben dem kleinen Café in Downhill den Logan-Tower betrachte. Es ist Spätnachmittag. Feierabend. Die Leute aus dem Tower gehen alle nach Hause oder ins Fitness-Center oder ins Kino, vielleicht auch erst shoppen, oder zum Chinesen essen … Und ich sitze hier und starre das Gebäude an.
Ich führe langsam die Tasse mit dem Cappuccino an den Mund und nippe am Schaum. Mit der Zunge wische ich ihn dann von meiner Oberlippe.
Der Tower wird bewacht. Mich interessiert in erster Linie das zweistöckige Penthouse ganz oben, das von Frost bewohnt wird. Unauffällig komme ich durch das Gebäude da nicht rein, so viel habe ich schon herausgefunden. Selbst von hier unten ist zu erkennen, dass das Penthouse nach innen versetzt gebaut wurde, und das Geländer, das um das Dach herum verläuft, lässt vermuten, dass da eine Terrasse ist.
Vernünftig wäre es, einfach nach einem Termin bei Frost zu fragen.
Aber erstens hasse ich vernünftige Lösungen, und zweitens sagt mir mein Gefühl, dass ich Frost keine Gelegenheit geben sollte, sich auf meinen Besuch vorzubereiten.
Ich zünde mir eine Zigarette an. Es ist frühlingshaft kühl, vor allem hier in der Straßenschlucht. Aber drinnen herrscht Rauchverbot, ganz abgesehen von der fehlenden Aussicht. Und da ich hier draußen eh auch von den Autoabgasen vergiftet werde, stört sich niemand daran, dass ich rauche.
Alle Gebäude um den Tower herum sind niedriger. Aber eins davon hört nur zwei Etagen unterhalb der Terrasse des Penthouses auf. Für mich kein Problem. Allerdings sollte ich warten, bis es dunkel geworden ist. Frost ist noch bis Mitternacht auf der Pressekonferenz. Was nicht heißt, dass sein Penthouse unbewacht ist.

Ich fahre nach Hause und mache Abendessen. Danach hole ich Sandra und Danny ab und komme gleichzeitig mit James an der Haustür an. Fast dunkel. Beim Abendessen erzähle ich James, was ich vorhabe.
Er mustert mich nachdenklich.
„Was denn?“
„Nichts. Eigentlich nichts. Ich hatte die Frage auf der Zunge, warum du das machst, aber mir fiel dann ein, dass deine Intuition immer recht behält. Also sag ich lieber nichts.“
„Ich wüsste eh keine gute Antwort. Ich weiß nur, dass ich ein beschissenes Gefühl habe, wenn ich an diesen Kerl denke. Alles an dem ist seltsam, und ich verstehe nicht, wieso das niemand merkt.“
„Was sollte denn wer tun? Ich meine, du tust doch was. Und vielleicht sind auch andere aktiv, werden das aber wohl kaum öffentlich tun.“
„Deine ehemaligen Kollegen? Ja, gut möglich.“ Ich betrachte lächelnd Sandra, die das Essen von ihrem Teller entfernt hat. Überallhin. Außer in ihren Mund. Eigentlich bin ich doof, ihr überhaupt etwas zu geben, nachdem sie den ganzen Tag bei meinen Eltern verbracht hat. Sie kann einfach keinen Hunger haben, mindestens bis morgen Abend.
„Du siehst müde aus“, stellt James fest.
„Ich bin auch müde. Was gar nicht sein dürfte.“
„Die Müdigkeit hat nichts mit deinem Körper zu tun.“ Der oberschlaue James. Ich schenke auch ihm ein Lächeln.
„Ist mir auch klar, mein Lieber. Vielleicht passiert das irgendwann, wenn man ständig tötet.“
„Oh. Hast du so viel getötet?“
„Zu viel. Zumindest habe ich manchmal das Gefühl. Dabei sind es keine, die es nicht herausgefordert hätten. Na ja, Jammern auf hohem Niveau.“
„Willst du kein Engel mehr sein?“ James grinst.
„Ich? Engel?“ Ich zeige ihm, wie ich ein Engel sein will. Allerdings erst, nachdem wir Sandra gebadet und ins Bett gebracht haben.

Danach geht James an seinen Computer, ich arbeiten. Passend angezogen fahre ich wieder nach Downhill und parke den Wagen in einer dunklen Seitenstraße. In dem Haus neben dem Tower befinden sich Luxusappartements. Ich drücke wahllos mehrere Klingeln und habe Glück, denn der Summer ertönt. Nach kurzem Überlegen nehme ich die Treppe statt des Aufzugs. Keuchend komme ich oben an. 30 Stockwerke merke selbst ich mit meiner Kondition.
Vom Dach aus erkunde ich die Umgebung und die Möglichkeiten, auf die Terrasse des Penthouses zu gelangen. Springen ist eine echte Alternative. Es sind etwa zehn Höhenmeter, für mich kein Problem, für normale Menschen ohne Hilfsmittel unüberwindbar.
Ich ziehe Handschuhe an, denn es ist nicht nötig, dass Ben mich wegen Einbruchs verhaften muss. Kurz denke ich darüber nach, wie wahrscheinlich eine Kameraüberwachung der Terrasse sein dürfte. Sehr wahrscheinlich. Also streife ich die Kapuze über und ziehe sie tief ins Gesicht.
Die Terrasse ist mit glatten Fliesen ausgelegt, das Penthouse völlig dunkel. Niemand da. Oder gut getarnt. Ich gehe einmal ganz herum, finde die hochwertigen Terrassenmöbel aus Teakholz, aber keine Möglichkeit, ohne Gewaltanwendung nach drinnen zu gelangen.
Ich denke nach. Genaugenommen gibt es keinen rationalen Grund für das, was ich hier tue. Ich sollte einfach wieder nach Hause fahren. Politik zu machen ist weder verboten noch strafbar, leider. Jedenfalls aus der Perspektive des Gleichgewichts habe ich keine Veranlassung, mich mit Frost zu befassen. Dennoch, da ist dieses bohrende Gefühl irgendwo tief im Bauch, tief in den Eingeweiden, das mir keine Ruhe lässt.
Etwas stimmt nicht.
Es ist nicht so offensichtlich wie katzenjagende Mäuse, aber ich spüre es trotzdem deutlich. Ich beschließe, meine recht rudimentären magischen Fähigkeiten einzusetzen, um die Tür zerstörungsfrei zu öffnen. Zumindest will ich es versuchen. Wenn es nicht klappt, wäre dies halt das Zeichen dafür, dass ich wieder nach Hause fahren kann.
Dann wird mir klar, wieso es keine Überwachungskameras gibt, wieso kein Alarm losging – und wieso mein Bauch sich so eindrücklich gemeldet hat.
Das Wesen ist plötzlich da. Das ist erschreckend, denn selbst wenn ich beschäftigt und abgelenkt bin, so bekomme ich dennoch mittlerweile ziemlich gut mit, was um mich herum geschieht. Doch dieses in einen dunklen Umhang gehüllte Wesen schafft es, mich zu überraschen. Genau wie der Dämon damals vor Nasnats Haus.
Als das Wesen sich nähert, erkenne ich, dass es nicht derselbe Dämon ist. Er ist kleiner und wirkt dennoch bedrohlicher. Eine beängstigend starke Aura umgibt ihn.
„Womit bezahlt Frost einen Dämon?“, erkundige ich mich, gleichzeitig meine Hände zu Fäusten spannend.
„Die falsche Frage“, erwidert er mit einer derart tiefen Stimme, dass ich Mühe habe, die einzelnen Wörter zu verstehen.
„Was ist denn die richtige?“
„Du darfst sie aus der Antwort erraten.“ Und die kommt sofort. Schraubstockartig schließen sich seine Finger, oder was auch immer er dahat, um meinen Hals und heben mich mühelos in die Höhe. Ich packe seinen Unterarm und stelle erschrocken fest, dass er sich wie aus Stahl anfühlt. Sein harter Griff lässt mein Genick knacken. Ich sollte ziemlich schnell etwas tun, was mich aus dieser äußerst misslichen Lage befreit.
Ich trete fest dorthin, wo Menschen und ähnliche Wesen empfindliche Stellen zu haben pflegen. Dieses hier zuckt sogar zusammen und drückt dann noch fester zu. Ich brauche ganz dringend eine sehr gute Lösung.
Ich ziehe beide Beine hoch und stemme sie gegen seinen Brustkorb. Nicht einmal ein Flusspferd könnte davon unbeeindruckt bleiben, ich bin schließlich eine Kriegerin. Tatsächlich schaffe ich es, seinen Arm länger werden zu lassen.
Doch die Freude währt nicht lange, denn plötzlich fährt er herum und schleudert mich gegen die gepanzerte Glaswand des Penthouses. Die Begegnung ist laut und ziemlich schmerzhaft. Wenn alle Knochen heil geblieben sind, dann habe ich riesiges Glück gehabt.
Der Dämon gönnt mir nicht einmal so viel Zeit, dass ich herausfinden kann, ob ich überhaupt noch lebe, und reißt mich wieder am Hals in die Höhe.
„Verabschiede dich“, sagt er.
„Fick dich!“, presse ich zwischen seinen Klauen hervor. „Ich bin eine Kriegerin, ich komme wieder!“
„Nicht, wenn ich dich endgültig töte“, erwidert das Ding und ich höre so was wie Belustigung aus dem tiefen Brummen heraus.
„Du hältst dich wohl für Gott …“
„Kleines Mädchen, wie ahnungslos du doch eigentlich bist.“
Ich mag keine Beleidigungen. Und als kleines Mädchen bezeichnet zu werden, ist so ziemlich die schlimmste Beleidigung, die man mir antun kann. Wutentbrannt beginne ich ihn zu schlagen und zu treten und zu kratzen, doch genauso könnte ich irgendeine Statue schlagen und treten und kratzen.
Bis ihn ein Tornado von der Seite einfach umweht. Und mich mit. Ich lande hart und schlage mit dem Kopf gegen die Fliesen, was ziemlich schmerzhaft ist. Ich schmecke Blut und finde, dass es einfach keinen Sinn hat.
Ich schließe die Augen.
Genieße die Stille, die nicht lange währt. Schritte nähern sich. Der Dämon kommt also, um sein Werk zu vollenden. Was ihn auch umgeweht haben mag, so mächtig, wie der Dämon ist, wird niemand, den ich kenne, mit ihm fertig.
„Fiona!“
Ich reiße die Augen auf und starre die Frau an, die sich über mich beugt.
„Katharina!“
Sie atmet laut aus und lässt sich neben mich sinken. „Jetzt bin ich ganz schön erleichtert.“
„Katharina?“
„Du hast ganz schön Glück gehabt, dass ich im richtigen Moment ankam.“
Ich sehe sie an. Sie ist es wirklich. Katharina. Die Frau, die ich mehr liebe als alles andere auf der Welt. Sie sitzt neben mir, ganz nah, und eigentlich doch unerreichbar weit weg.
„Wieso … wieso bist du überhaupt hier?“
„Und du?“
Eine gute Frage. Ich setze mich langsam auf, eine ziemlich schmerzhafte Angelegenheit. Vielleicht sind doch einige Knochen gebrochen. Ich habe immer noch den Geschmack von Salz und Eisen im Mund.
„Ich wollte mir Frost ansehen.“
Katharina nickt. „Ich auch.“
„Du auch? Warum?“
Sie schaut mich an, wie ich sonst jemanden anschaue, mit dem ich Mitleid habe aufgrund seiner eingeschränkten geistigen Fähigkeiten. „Weil ich ihn bewundere. Und ich glaube, du hast eine Gehirnerschütterung. Kann das sein?“
Ich betaste meinen malträtierten Kopf und stelle dabei fest, dass in meinem Gesicht jede Menge Blut verteilt ist. „Nein, glaube ich nicht. Es hat zwar ordentlich gekracht, aber ich kann noch geradeaus denken.“
„Geradeaus denken?“ Katharina lacht. „Du hast immer noch eine manchmal herrlich schräge Ausdrucksweise.“
„Die stirbt zuletzt. – Mal ehrlich, warum wolltest du dir Frost anschauen?“
„Ich will es immer noch, Schätzchen. Vermutlich aus demselben Grund wie du. Da taucht ein Präsidentschaftskandidat aus heiterem Himmel auf und tut so, als wäre das völlig normal. Soweit ich mitbekommen habe, stellt er das als Marketinggag dar.“
„Du warst auf der Pressekonferenz?“
„Die läuft noch. Ich habe meine Leute da, die mich informieren.“
„Ach ja, ich vergaß.“ Ich erhebe mich stöhnend.
„Wo willst du hin?“, erkundigt sich Katharina und steht ebenfalls auf.
„Keine Ahnung. Irgendwohin. Sag mal, kanntest du den Typen eigentlich?“
Ihr Gesichtsausdruck verdüstert sich. „Oh ja. Das war Sorned, ein Krumana-Dämon.“
„Was für ein Hasta Mañana?“
„Krumana. Weder Hasta Mañana noch Cro-Magnon, obwohl Letzteres eher passen würde. Krumana war ein mächtiger Zauberer, der vor ungefähr 12.000 Jahren gelebt und gewirkt hat. Er erschuf eine ganze Armee von sehr starken Kampfdämonen, die Krumana-Dämonen. Die meisten von ihnen existieren nicht mehr. Sorned ist einer von ihnen. Und er kann unangenehm werden.“
„Das hast du nett ausgedrückt. Meine Tritte haben ihn weniger beeindruckt als mich Mückenstiche!“
„Wie ich schon sagte, sehr starke Kampfdämonen.“
„Woher kennst du ihn überhaupt?“
Katharinas Mundwinkel zuckt. Ein verräterisches Zeichen.
„Ein Geheimnis?“
Sie winkt ab. „Wir hatten mal … eine Beziehung.“
„Was?“ Ich starre sie entgeistert an. „Du? Mit? Diesem? Ding?“
„Lange her“, sagt sie seufzend. „Außerdem kann er auch nett sein. Manchmal zumindest. Und auch nicht zu allen.“
„Wo ist er eigentlich?“
„Fort. Als er mich erkannt hat, ist er abgehauen. Zum Glück, denn ich weiß nicht, ob ich mit ihm fertiggeworden wäre.“
„Okay. Katharina, es hat sich eine Menge geändert. Ich weiß jetzt viel mehr, was es bedeutet, eine Kriegerin zu sein. Ich bin inzwischen oft gestorben und ich mache Dinge, die ich mir früher nicht einmal in meinen wildesten Träumen hätte vorstellen können. Dieser Dämon hat mich geschockt, denn er holte mich zurück auf den Boden der Tatsachen. Ich habe ernsthaft geglaubt, dass ich mächtig genug bin, zumindest chancengleich mit anderen, magischen Wesen zu sein.“
„Bist du ja auch.“
„Klar. Ich habe das grad bloß geträumt.“
„Sorned ist absolut kein Maßstab. Er wurde geschaffen, um zu vernichten.“
„Und Krieger wurden geschaffen, um das Gleichgewicht zu bewahren. Bisschen schwierig, wenn die Waage so sehr in die andere Richtung kippt.“
„Oh Lady, so kenne ich dich ja gar nicht.“
„Wie schon gesagt, es hat sich eine Menge geändert. Mich interessiert jetzt vor allem, wie wir diesen Wahnsinnigen stoppen können.“
„Ich habe das ja auch schon einmal geschafft. Gut, ich hatte dabei Hilfe von einer Hexe. Aber ich habe es geschafft. Er ist also nicht unbesiegbar.“
„Was hast du mit ihm gemacht?“
„Wir haben ihn eingesperrt. Verbannt. In das Gefängnis des Vergessens.“
„Davon habe ich schon mal gehört“, bemerke ich. „Also schön. Du hast Sorned irgendwann mal sozusagen eingesperrt. Anscheinend hatte das Schloss dieses Gefängnisses aber ein Verfallsdatum.“
Ein angedeutetes Grinsen schleicht sich auf Katharinas Gesicht. „Deine Art, deinen Zynismus in die unmöglichsten Vergleiche zu packen, ist einfach herrlich. So wie es aussieht, hat ihn jemand befreit. Möglicherweise dient er diesem Jemand als Gegenleistung, was bedeutet, dieser Frost ist mehr als eigenartig.“
„Das ist er auf jeden Fall. Hast du eine Idee, wer es gewesen sein könnte?“
Sie schüttelt den Kopf. „Leider nein. Normalerweise würde ich jetzt Nasnat fragen, aber …“
„… aber den habe ich sozusagen aus der Stadt vertrieben“, ergänze ich verkniffen.
„So ungefähr.“
„Also, was jetzt?“
„Jetzt fragen wir halt jemand anderen.“
„Wen?“
„Das ist eine Überraschung. Fahren wir mit einem Auto oder mit beiden?“
„Mit beiden“, antworte ich nach kurzem Zögern. „Ich fahre dir hinterher.“
„In Ordnung. Wo stehst du?“
„Irgendwo da unten. Und du?“
„Ich auch“, erwidert sie mit einem leicht verkniffenen Lächeln. „Dann geh einfach vor, okay?“
Ich nicke. Es wird eh Zeit, hier zu verschwinden. Ich laufe los und springe mühelos nach unten, ohne mir etwas zu brechen. Flüchtig schießt mir der Gedanke durch den Kopf, dass es irgendwie schon auch Spaß macht, egal wie viel Scheiße dabei passiert.
Und ich bin mit Katharina zusammen.

Das Objekt meiner Begierde nutzt eine Parklücke, in die ihr Auto eigentlich gar nicht reinpassen dürfte. Aber Katharina schafft es wider die Natur, ihr Auto in diese Lücke zu manövrieren. Ich suche mir derweil grummelnd eine andere Parkgelegenheit und laufe die 50 Meter zurück zu ihr, nachdem ich im Auto halbwegs mein Gesicht wieder gesellschaftsfähig gemacht habe.
Sie wartet grinsend gegen ihren Ferrari gelehnt.
„Ein sehr unauffälliges Auto in dieser Gegend“, bemerke ich.
„Definitiv. Komm.“
„Wohin?“
Statt einer Antwort nimmt sie mich an der Hand, was meine Knie schlagartig weich werden lässt. Sehr weich. Ich erinnere mich daran, was diese Hand so alles mit mir anstellen kann. Verdammt, wieso bleibt sie dabei so unnahbar? Erinnert sie sich an gar nichts?
Zum Glück werde ich durch die Ereignisse abgelenkt. Katharina führt mich in eine Bar, über deren Eingangstür der Name “Cat´s Meow“ prangt. Entführt sie mich jetzt in eine Lesbenbar??
Meine Enttäuschung hält sich in Grenzen, nachdem mir klar wird, dass es ein ganz normaler Pub ist. Mehr oder weniger normal. Es muss schließlich einen Grund dafür geben, warum Katharina mich ausgerechnet hierher geführt hat. Und irgendwann werde ich ihn auch erfahren. Vielleicht.
Katharina steuert zielgerichtet auf die Theke zu und schwingt sich auf einen der wenigen Hocker. Ich auf einen direkt daneben.
Dann mustere ich die Leute. Rechts von uns zwei Männer, denen ich nicht im Dunkeln begegnen wollen würde, wäre ich eine ganz normale Mutter mit kleinem Kind. Und der Rest der Gäste wirkt auch nicht vertrauenserweckender.
Am normalsten scheint mir noch die Barfrau zu sein.
„Was wollt ihr trinken?“, erkundigt sie sich.
„Hi Elaine“, sagt Katharina grinsend. „Ich liebe dich auch, aber das weißt du ja.“
Hä? Ich mustere die Braunhaarige, die ihre Augen verdreht. Katharina scheint Geheimnisse zu haben, von denen ich nicht sicher weiß, ob ich sie kennen möchte.
„So ganz sicher war ich mir dessen nicht“, erwidert Elaine. Eigentlich ist sie ziemlich hübsch, stelle ich fest. „Tut wenigstens so, als wolltet ihr was trinken.“
„Klar. Ich nehme einen Scotch.“
„Martini. Pur.“ Ich schenke der jungen Frau ein Lächeln. Sie mustert mich kurz, dann geht sie.
Ich beuge mich rüber zu Katharina. „Was wollen wir hier?“
„Das ist meine Schwester“, erklärt Katharina. „Sie kann uns vielleicht helfen.“
Es dauert einen Moment, bis ich schalte. „Deine Schwester? Aber … ich meine …“
„Meine Halbschwester, um genau zu sein. Selber Vater, unterschiedliche Mütter.“
„Oh.“ Das muss ich erst einmal verdauen. „Du hast Geschwister?“
„Auf jeden Fall eine Schwester, ja. Mein Vater war vermutlich nicht sparsam mit seinem Samen.“
Ich suche mit dem Blick Elaine. Sie unterhält sich mit einem Gast, scheint aber etwas zu spüren und schaut in meine Richtung. Sie deutet ein Lächeln an. Mit Katharina hat sie überhaupt keine Ähnlichkeit, dennoch spüre ich dieselbe Macht in ihr.
Ich wende mich wieder ab.
„Und wieso kann sie uns vielleicht helfen?“, erkundige ich mich.
„Na ja, wer weiß immer alles, abgesehen vom Postboten?“
„Friseure.“
„Stimmt, die auch.“ Sie lacht. „Und wer noch?“
„Priester!“
„Gut, sehr gut. Du machst es also spannend, liebe Fiona.“ Musste sie das jetzt sagen? Liebe Fiona? Wie hört sich das denn an? So nennt vielleicht eine Lehrerin die etwas minderbemittelte Schülerin. Verdammt!
„Fiona?“
„Ich … nicht so wichtig. Also schön, eine Frau, die eine Bar führt, noch dazu eine Art Hexe, oder meinetwegen ein Dämon, weiß auch ziemlich viel. Vielleicht sogar alles.“
Katharina mustert mich nachdenklich. Dann erwidert sie: „Genau. Elaine weiß alles. Was sie nicht weiß, weiß niemand.“
„Klingt doch super. Als Kriegerin kann ich dann die Liquidation von Frost beschließen.“
„Du willst ihn liquidieren? Warum?“
„Wie, warum? Sein Penthouse wird von einem Dingsbumskampfdämon bewacht.“
„Krumana-Dämon. Diese Tatsache allein stellt ja wohl kaum eine Störung des Gleichgewichts dar.“
„Aber die Idee dahinter mit hoher Wahrscheinlichkeit.“
„Mehr als eine Vermutung ist das aber nicht. Reicht dir das wirklich für eine solche Entscheidung?“
„Ich weiß es nicht.“ Elaine bringt uns die Getränke. Ich nehme mein Glas und spiele damit herum. Sie bleibt bei uns stehen. „Ihr wollt zu mir?“
„Überrascht dich das?“, erkundigt sich Katharina.
Elaine zuckt die Achseln. „So oft schaust du hier ja nicht vorbei.“
„Alle 10 Jahre, das ist nicht selten!“
Jetzt lacht sie, die Schwester. „Also gut, kommt, setzen wir uns da rüber, da haben wir etwas mehr Ruhe.“
Ich nehme mein Glas und folge den Schwestern in eine halbwegs stille Ecke mit Eckbank. Katharina setzt sich genau in die Ecke und schaut mich provozierend an. Ich beschließe, dass sie sich noch an alles erinnert und setze mich neben sie.
Elaine mustert mich neugierig. „Was läuft da zwischen euch?“
„Nichts. Wir sind befreundet, jagen böse Vampire, Werwölfe und Außerirdische gemeinsam und jetzt einen Dingsbumsdämon.“
„Krumana-Dämon“, sagt Katharina hilfsbereit.
„Meinetwegen. Das ist alles. Oder, Katharina?“
Ich halte den Atem an. Es ist, als hätte plötzlich jemand die Zeit angehalten. Langsam wende ich den Kopf Katharina zu, die meinen Blick düster erwidert. Dann nickt sie langsam. „Ja, das ist alles.“
„Zumindest beim Lügen seid ihr ein Team“, stellt Elaine grinsend fest. „Cheers!“
Ich nippe an meinem Martini. Hoffentlich ist sie einfach nur als Katharinas Schwester so mit deren Mimik vertraut, dass sie die Lüge sofort durchschaut. Ich möchte nicht, dass alle uns das sofort ansehen.
„Du könntest jeden Lügen-Detektor ersetzen, nicht wahr?“, bemerkt Katharina lächelnd. „Doch wir sind wegen einer anderen Fähigkeit von dir hier.“
„Ich habe keine Fähigkeiten“, erwidert Elaine.
„Nicht? Schwesterherz, ich liebe dich auch.“
„Ach, ist das so?“ Elaine beugt sich vor. „Katharina, ich betreibe hier eine Bar, weil ich meine Ruhe haben will.“
„Ach, ist das so? Ich kann mich noch erinnern, was du getan hast, als du wirklich deine Ruhe haben wolltest.“
Elaine kaut auf ihrer Unterlippe herum. „Also schön, vielleicht erfahre ich Manches. Aber ich halte mich aus allem raus. Ich habe viel zu viele sterben sehen.“
„Das geht nicht nur dir so. Fiona ist eine Kriegerin.“
„Ja, das spüre ich.“
„Und sie ist die mächtigste Kriegerin, der ich je begegnet bin.“
Elaine mustert mich nachdenklich. „Ja, das kann sein.“
„Vielleicht werden wir ihre Fähigkeiten brauchen, damit wir nicht noch viel mehr Wesen sterben sehen als jemals zuvor.“
Elaine und ich starren sie an. „Gibt es etwas, was ich wissen sollte?“, erkundige ich mich.
„Nichts Konkretes. Nennt es Intuition. So vieles, was sich verändert hat. Der Krumana-Dämon ist nur eine Sache von vielen. Er dürfte nicht hier sein. Elaine, wenn du etwas weißt, solltest du es uns sagen.“
Elaine lehnt sich zurück. Ihre Hand spielt mit ihrem Glas. Dann schüttelt sie den Kopf. „Nein, mir ist nichts bekannt. Aber ich gebe dir recht, etwas liegt möglicherweise in der Luft. Und das Auftauchen eines Krumana-Dämons ist definitiv ein schlechtes Zeichen. Alles, was in letzter Zeit ungewöhnlich war, ist eine Werwolf-Gruppe, die immer stärker wird.“
„Werwolf-Gruppe?“, wiederhole ich.
Elaine lächelt. „Nazis.“
„Oh. Die sind fast so schlimm wie echte Werwölfe.“
„Schlimmer. Werwölfe handeln intuitiv, fast instinktiv. Nazis sind einfach nur böse.“
„Böse? Ein Dämon sagt, Nazis sind böse? Entschuldige, ich will nicht darauf anspielen, dass du ein Dämon bist, das weiß ich besser. Aber hast du nicht ganz andere Dinge gesehen als Nazis, die man böse nennen könnte? Falls es so was wie Gut und Böse gäbe?“
„Wenig von dem, was ich gesehen habe, kann es mit den Nazis aufnehmen“, erwidert Elaine. „Ich habe die gesamte Nazizeit erlebt, ich ging nach dem Ersten Weltkrieg nach Deutschland, der Liebe wegen. Ich habe erlebt, wie eine Familie an dieser Last kaputtging. Und ich habe gesehen, wie Geschwister sich gegenseitig töteten, indem sie sich verrieten. Natürlich sind nicht die Nazis selbst böse, es sind Menschen wie wir alle. Ihre Gefühle werden dunkel und lassen sie Dinge machen, die böse sind. Sehr böse. Und ja, ich weiß, es gibt keinen Gott und der Teufel ist nur ein armer Irrer, der glaubt, den Statthalter ärgern zu müssen. Aber auch diese Scheißwelt, in der wir verkörperlicht leben, ist ein Teil der Welt, mit allem, was dazu gehört. Und glaub mir, Moral ist keine Erfindung der Gefrorenen Welt. Ganz im Gegenteil.“
„Wow“, sagt Katharina nur.
„Ich weiß von alldem noch nicht wirklich viel“, sage ich langsam. „Und Moral ist mir sogar sehr wichtig …“
„Wie wahr“, stellt Katharina fest.
„… aber glaubst du wirklich, die Nazis haben noch die Macht, die Welt erneut in Dunkelheit zu stürzen?“
„Oh ja“, erwidert Elaine düster. „Doch du hast wohl recht, das ist nichts, was eine Kriegerin richten muss.“
„Kommt darauf an.“ Ich lehne mich gegen die Wand hinter mir und trinke mein Glas leer. „Doch im Moment interessiert mich tatsächlich ein Dingsbumsdämon mehr. Ja, ich weiß, Krumana-Dämon.“
Katharina applaudiert.
„Das verstehe ich.“ Elaine nickt. „Aber da kann ich euch nicht helfen.“
„Schade. Sagst du uns Bescheid, wenn du was hörst?“
„Klar.“
„Gut. Ich könnte Ben wegen der Werwölfe ansprechen. Er ist Lieutenant bei der Polizei. Ich vertraue ihm.“
„Eine gute Idee. Wenn du willst, kannst du ihn zu mir schicken. Allein. Ich habe mich daran gewöhnt, nicht auf der Flucht zu sein.“
„Sicher. Er weiß übrigens, was ich bin. Wir … wir hatten einige gemeinsame Erlebnisse.“
„Ach?“ Katharina schaut mich fragend an.
„Erzähle ich dir bei Gelegenheit. Was schulde ich dir für die Drinks, Elaine?“
„Nichts. Geht aufs Haus.“
„Danke. Bleibst du noch, Katharina?“
Sie nickt. „Das heißt, nur wenn Elaine nicht zu beschäftigt ist. Willst du den Dämon suchen?“
„Ja, aber nicht heute. Oder meinst du, es ist so dringend?“
Katharina schüttelt den Kopf. „Heute würden wir ihn eh nicht mehr finden. Und du brauchst vermutlich etwas Pflege.“
„Vor allem seelische“, erwidere ich finster.
„Gut. Treffen wir uns morgen, um Mitternacht? Wir könnten ein paar Orte abklappern, wo sich ein Dämon aufhalten könnte.“
„Okay. Holst du mich ab?“
Sie lächelt ansatzweise. „Sicher. Bis morgen, Fiona.“
Ich winke ihnen zu. Im Auto verliere ich die Beherrschung und heule mich aus. Es kostet mich mehr als ein Papiertuch, bis ich wieder halbwegs wie ein Mensch aussehe.
Diese verfluchten Gefühle. Wie ich sie hasse!

James’ Augen sind offen. Ich schenke ihm ein Lächeln. Das Pochen in meiner Muschi lässt nach. Ich lasse mich auf seine Brust sinken und vergrabe das Gesicht in seiner Halsbeuge.
„Das macht doch sicher mehr Spaß, als nächtelang einen Dämon zu suchen“, bemerkt James träge.
„Du Idiot!“, erwidere ich lachend. „Natürlich macht es mehr Spaß! Und es gibt ein Erfolgserlebnis!“
Seine Hand fährt durch meine Haare. „Warum ist euch dieser Dämon so wichtig?“
„Schon allein die Tatsache, dass er in unserer Welt rumstreift, macht ihn verdächtig. Er wurde vor 10.000 Jahren von einem Zauberer erschaffen, um zu zerstören.“
„Und wenn ihr ihn findet? Er scheint ziemlich stark zu sein.“
„Katharina hat ihn schon einmal stillgelegt.“
„Stillgelegt.“ Ich höre James schmunzeln. „Hast du nicht erzählt, sie hatte Hilfe von einer Hexe?“
„Und was bin ich?“
„Ach so. Das wusste ich nicht. Erklärt aber so Manches.“
„Mein Lieber, herzlichen Glückwunsch. Du hast dich soeben von einem Idioten zu einem Arschloch befördert.“
„Wusstest du denn gar nicht, dass ich so karrieregeil bin?“
„Ich habe es befürchtet …“
Sein leises Lachen weht durch meine Haare. „Ich glaube, es ist mir fast lieber, wenn du im Irak religiöse Fanatiker killst.“
„Hast du auch dieses Gefühl, dass irgendwas passieren wird?“
James erstarrt. Nur kurz. Ich richte mich auf und sehe ihn fragend an.
„Du auch?“, erkundigt er sich.
Ich nicke. „Und nicht nur ich.“
In dieser Nacht schlafe ich unruhig, ohne mich an meine Träume zu erinnern. Am nächsten Morgen nimmt James Sandra mit, er hat nur zwei Besichtigungstermine. Nachdem sie aus dem Haus sind, ziehe ich mich an, bringe Danny zu meinen Eltern und fahre ins Büro.
Alle wirken nervös. Oder bin nur ich es und meine Wahrnehmung verzerrt? Ich weiß es nicht, aber ich spüre deutlich meine Unruhe und meine Schwierigkeit, mich zu konzentrieren. Als ich zwischendurch Kaffee hole, sagt Monica, wie furchtbar es sei.
„Was denn?“, erkundige ich mich.
„Das mit den beiden Polizisten. Sie wurden tot aufgefunden. Erschossen, im eigenen Wagen.“
„Oh, das wusste ich gar nicht. Haben sie die Täter schon?“
„Nein, und offiziell auch keine Spur. Wirst du nicht bei Ben nachfragen? Was ist das für eine Welt, in der schon Polizisten einfach abgeknallt werden?“
„Eine böse“, erwidere ich und gehe in mein Büro. Meine Unruhe hat neue Nahrung erhalten. Vor zwei Tagen hatte ich Ben von den Werwölfen erzählt und er versprach, dem nachzugehen. Ich kann und will mir nicht vorstellen, dass es einen Zusammenhang zwischen der Nazigruppe und den toten Polizisten gibt.
Ich erschaudere unwillkürlich.
Ich lenke mich mit Arbeit ab. Zwischendurch schweifen meine Gedanken zu den letzten Nächten ab, in denen ich gemeinsam mit Katharina auf der Suche nach dem Krumana-Dämon durch die Stadt gestreift bin. Natürlich ohne Erfolg.
Außer, dass ich jedes Mal danach das Höschen wechseln musste.
Verdammte Scheiße.
Die Erinnerung an den Duft von Katharina wird wieder lebendig. Ihre Nähe machte mich beinahe wahnsinnig. Noch mehr als die Tatsache, dass sie mit keiner einzigen Silbe darüber sprach. Nicht der Hauch einer Andeutung. Sie kann es doch nicht vergessen haben!
Missmutig blicke ich auf den Monitor meines Laptops, als ein leiser Ton die Ankunft einer neuen Mail ankündigt.
Dann erstarre ich.
Lange dauert meine Erstarrung nicht. Hektisch hole ich mein Handy hervor und wähle die Nummer von James.
„Hi Schatz“, meldet er sich.
„Wo seid ihr? Ist Sandra bei dir?“
„Ja, ich habe sie auf dem Arm. Willst du sie sprechen?“
„Wo seid ihr?“
„Auf einer Besichtigung. Wieso?“
„Ich werde gleich Ben bitten, euch von der Polizei abholen und nach Hause fahren zu lassen. Dazu brauche ich die Adresse.“
Ich notiere mir Straße und Hausnummer. Eine halbe Stunde von zu Hause, bei normaler Fahrweise. Und ganz weit weg vom Büro. Ich kaue auf meiner Unterlippe herum.
„Fiona! Was ist los?“
Ich schrecke zusammen. „Sorry … Ich habe grad eine Mail bekommen. Der Tod der Polizisten sei erst der Anfang, und ich solle gut auf meine Tochter aufpassen.“
„Tod der Polizisten?“
„Vor ein paar Stunden wurden zwei Polizisten tot in ihrem Wagen gefunden, erschossen.“
„Und was hat das mit uns zu tun?“
„Ich habe keine Ahnung!“ Ich atme tief durch. „Erinnerst du dich, was für ein Scheißgefühl wir beide hatten?“
„Ja“, erwidert er. Und nach einer kurzen Pause: „Wir warten hier.“
„Okay. Bis gleich.“ Ich beende die Verbindung und wähle Ben.
„Hi Fiona“, meldet er sich.
„Schick bitte ein oder zwei Wagen in die Newsway 23, bitte. Dort warten Sandra und James. Lass sie nach Hause begleiten.“
Ben zögert nur kurz, dann höre ich ihn im Hintergrund Anweisungen geben. Das ist das Gute an der Zusammenarbeit mit ihm. Er versteht schnell und weiß genau, was Priorität hat.
„Und jetzt die Langversion“, sagt er.
Ich erzähle ihm von der Mail.
„Mist. Du hältst sie offenbar für echt.“
„Ja. Eine Intuition. Du weißt, was das heißt?“
„Oh ja“, erwidert er düster. „Blut. Schmerz. Tote. Verletzte.“
Ich lache kurz auf. „Ach, Ben, du bist so herrlich pragmatisch.“
„Ich bin Polizist.“
„Eben. Ach, egal.“
„Fiona, es ist schon lange her, dass ernsthaft was passiert ist. Wird ja mal wieder Zeit.“
„Eigentlich nicht. Aber es kommt was auf uns zu. Ich habe ein ganz mieses Gefühl. Und es hat irgendwie was mit diesem Frost zu tun.“
„Wie kommst du denn darauf?“
Ich schildere ihm meine Erlebnisse auf der Terrasse vom Penthouse. Als ich Katharinas Namen erwähne, hält er den Atem an. Im Gegensatz zu ihr erinnert er sich offensichtlich.
Noch mehr Scheiße.
„Was … was ist danach passiert?“, erkundigt er sich.
„Ich kenne jetzt Katharinas Schwester.“
„Schwester?“
„Selber Vater, andere Mutter.“
„Oh. Und sonst?“
„Nichts sonst. Wir haben den Dämon nicht gefunden.“
„Fiona, du kannst einen echt nerven. Was ist noch passiert? Du weißt genau, was ich meine!“
„Ja, weiß ich. Aber es war nichts. Katharina tut so, als wäre nichts passiert.“
„Und du hast es nicht angesprochen?“
„Nein!“ Ich atme tief durch. „Sorry, Ben. Meine Nerven sind grad nicht die besten.“
„Klar, verstehe ich. Hör zu, wenn da übernatürliche Wesen im Spiel sind, weiß ich nicht, wie gut wir Sandra und James beschützen können.“
„Ist mir klar. Ich werde gleich Katharina anrufen und mit ihr zusammen diese Werwölfe anschauen.“
„Hm.“
„Meinst du nicht? Ist zumindest verdächtig, oder? Erst gebe ich dir den Tipp, dann werden zwei deiner Leute getötet und ich bekomme so eine Mail. Glaubst du an Zufälle?“
„Nein, das klingt nicht wie Zufall. Gut, sagst du Bescheid, wenn ihr was rausfindet?“
„Auf jeden Fall. Bis später, Ben.“
„Bis später.“
Ich denke kurz nach, dann schnappe ich mir Handy und Jacke und gehe aus dem Büro. Monica schaut mich fragend an.
„Ich muss weg.“
„Und die Termine?“
„Absagen. Am besten alle diese Woche.“
Sie zieht ihre rechte Augenbraue hoch. „Soll ich das Notfallteam aktivieren?“
Ich zögere, aber schließlich nicke ich. „Ja, besser ist es. Über Handy bin ich erreichbar. Aber eigentlich sollte das Team in der Lage sein, eigene Entscheidungen zu treffen.“
„Es gibt Dinge, die nur du entscheiden kannst.“
„Ja, ich weiß, deswegen bin ich erreichbar.“
„Fiona, ich hoffe, deiner Tochter passiert nichts.“
„Das hoffe ich auch.“ Ich umarme sie kurz, dann gehe ich in die Tiefgarage. Aufzug würde zu lange dauern, außerdem brauche ich Bewegung. Ich springe von Treppenabsatz zu Treppenabsatz, außer, als mir in der Mitte zwei Mädels aus der Buchhaltung entgegenkommen. Sie würden sich vermutlich sehr über meine sportlichen Fähigkeiten wundern. Ich lächele sie an, und kaum haben sie das Treppenhaus verlassen, gebe ich wieder Gas.
Im Auto wähle ich die Nummer von Katharina, während ich auf die Straße fahre und dabei für Beinahherzinfarkte sorge.
„Hi Fiona“, meldet sie sich.
„Wir haben jemanden verärgert.“
„Hä?“
Ich gebe ihr ein paar Stichworte. Sie hört schweigend zu. Als ich fertig bin, atmet sie hörbar durch.
„Wir sollten uns diese Werwolfgruppe doch mal ansehen“, sagt sie schließlich.
„Yap! Ich bin schon unterwegs. Wo soll ich dich abholen?“
„Im Büro. Weißt du, wo?“
Was für eine Frage. Natürlich weiß ich es. Stand schließlich oft genug vor dem Wolkenkratzer, in dem auch ihre Konzernverwaltung untergebracht ist.
„Central Place 3?“
„Genau. Ich warte unten.“
„Weißt du eigentlich, wo wir hinmüssen?“
„Ich frage Elaine.“
„Bis gleich.“
Ich brauche keine 10 Minuten bis zum Central Place, dennoch steht Katharina schon unten. Sie ist genauso wenig passend angezogen wie ich, aber meine Ungeduld verbietet es, dass wir uns umziehen. Zumindest tragen wir beide keine High Heels. Obwohl, hohe Absätze könnten gut als Waffen benutzt werden. Hat Katharina schließlich schon mal vorgeführt.
Sie lächelt mich an. „Wald.“
Ich mache vermutlich kein besonders intelligentes Gesicht, denn sie lacht kurz auf. „Die Werwölfe sind im Wald.“
„Ja, klar. Geht es etwas genauer?“
„Irgendwo in Small Hills. Elaine hat mir den Weg beschrieben. Sie haben logischerweise keine offizielle Adresse.“
„Logischerweise.“ Wie witzig. Ich fahre also erst einmal nach Osten. Eine halbe Stunde später verlassen wir New Village und kurven eine enge Serpentinenstrecke hinauf. Als eine Gabelung kommt, fahren wir rechts, was dem Fahrwerk nicht so guttut. Und unseren Hintern auch nicht. Katharina verzieht das Gesicht. „Du solltest dir einen Geländewagen anschaffen“, stellt sie fest.
„Hey, ich habe noch nie einen gebraucht bisher. Ich heiße nicht Katharina, um zu jeder Gelegenheit den passenden Wagen in der Garage zu haben.“
Sie grinst mich an. „Kann es sein, dass du sauer bist?“
„Ich? Nö.“
Für einen kurzen Moment habe ich Hoffnung, doch dann ist auch dieser Moment einfach vorbei. Vielleicht ist das auch ganz gut so, denn der enge Waldweg, auf dem wir uns mittlerweile befinden, erfordert meine ganze Aufmerksamkeit. Nicht zuletzt deshalb, weil wir uns wohl dem Lager der Werwölfe nähern und uns nicht zu früh bemerkbar machen sollten.
Zu früh?
Katharina kann Gedanken lesen. „Wir sollten zu Fuß weitergehen.“
Ich nicke und fahre den Wagen in die Büsche. Katharina trägt ein schwarzes Hosenkostüm und Stiefel, ich Jeans, Stiefeletten und ein Hemd, lässig über die Hose fallend. Nur bedingt die richtige Kleidung für eine Wanderung.
„Woher weiß eigentlich Elaine so genau, wo dieses Lager ist?“, erkundige ich mich, während wir durch das Wechselspiel zwischen Schatten und Sonnenlicht, das zwischen den Baumkronen auf den moosbedeckten Waldboden fällt, eilen.
Katharina zuckt die Achseln. „Keine Ahnung. Vielleicht hat sie mal mit einem der Typen gevögelt.“ Und auf meinen erstaunten Blick hin fügt sie hinzu: „Sie ist keine Asketin.“
„Und warum sollte sie mit einem der Typen vögeln?“
„Weil er vielleicht in die Bar gekommen ist, ein paar Bier getrunken und sie angebaggert hat, ohne dass sie wusste, wer er ist?“
Ja, das könnte so gewesen sein. Ich spare mir eine Antwort.
Zumal wir das Lager erreichen. Was man so Lager nennt. Auf einer Lichtung parken zwei Geländewagen, unter den Bäumen stehen Zelte in Tarnfarben. Zwischen ihnen brennt ein Lagerfeuer, darüber hängt ein Kessel. Mich würde es nicht einmal wundern, wenn darin ein Mensch kochen würde – oder zumindest Teile von ihm.
Fiona?
Wir robben im Schutz des Gestrüpps heran. Das war’s für unsere Geschäftskleidung. In einem der Zelte ist Bewegung zu erahnen. Viel scheint nicht los zu sein. Vielleicht Mittagspause?
„Hast du dich eigentlich mal gefragt, wieso du in der Firma angemailt wurdest?“, erkundigt sich Katharina.
„Klar. Was glaubst du, warum ich so hektisch reagiert habe? Wer auch immer dahinter steckt, weiß eine Menge.“
„Allerdings. Ben vertraust du?“
„Ja!“ Ich starre sie empört an. Sie grinst. „Schon gut, ich wollte ihm nicht nahetreten. Aber jemand muss gute Kontakte zur Polizei haben.“
„Frost.“
„Kann sein. Mich interessiert eher, wer hinter Frost steckt.“
„Lass es uns herausfinden!“ Ich springe auf und marschiere auf das Lager zu.
„Fiona!“, ruft Katharina unterdrückt. Da ich nicht reagiere, rennt sie hinter mir her. Sie sieht wütend aus. „Bist du durchgeknallt?“
„Immer.“
Die Wut macht auf ihrem Gesicht einem Grinsen Platz. „Echt, du bist völlig bescheuert.“
„Gibs zu, das liebst du an mir.“
„Das stimmt.“
Wir erreichen das Lagerfeuer und bleiben stehen. Aus einem der Zelte treten zwei junge Männer und mustern uns neugierig.
„Hi“, sage ich fröhlich. „Seid ihr Pfadfinder?“
Das bringt sie zum Lachen. Kann ich gut, Leute zum Lachen bringen. Zumindest für kurze Zeit. Meistens weinen sie am Ende.
„Okay, war nur ein Scherz. Frost schickt uns.“
Schlagartig werden sie ernst. „Wer?“
„Frost. Wisst ihr doch.“
„Schon mal was von subtilen Fragen gehört?“ Katharina beugt sich zu mir herüber und flüstert es in mein Ohr.
„Keine Ahnung, wer das ist“, sagt einer der jungen Männer. Er trägt einen tarnfarbenen Kampfanzug. „Was genau wollt ihr überhaupt?“
„Kannst du dir das nicht denken?“, erwidere ich keck und gehe forsch auf ihn zu. Er zieht plötzlich eine Pistole und richtet sie auf mich. Sein Kumpel macht dasselbe mit Katharina. Dabei rufen sie nach den anderen. Wir stehen auf einmal sechs jungen Männern gegenüber, die alle einen tarnfarbenen Kampfanzug tragen. Sie sind uniformiert.
„Ich liebe deine subtile Art“, bemerkt Katharina.
„Meine was?“ Und an den ersten jungen Mann gewandt: „Ist das alles? Nur sechs Leute? Da fühle ich mich direkt unterfordert!“
Er grinst. „Wir sind nur die Wache. Also, wer seid ihr und was genau wollt ihr?“
„Mein Name ist Fiona Flame.“ Ich registriere, wie sie sich plötzlich alle anspannen. „Wir wollten mit eurem Chef sprechen.“
„Der ist nicht da“, erwidert mein Gesprächspartner, sichtlich nervös. „Und er wird nicht mit euch sprechen wollen. Ihr solltet jetzt besser gehen.“
„Warum denn? Ich bin schrecklich neugierig. Was treibt ihr hier eigentlich so?“
Er hebt die Pistole höher, bis die Mündung auf meinen Kopf zeigt. „Ich weiß, wer und was du bist. Wenn ich dir das Gehirn wegpuste, bist du zumindest lange genug außer Gefecht gesetzt, dass wir dich unschädlich machen können.“
„Ihr könnt mich nicht unschädlich machen.“
„Oh doch.“ Er zieht einen Dolch. „Damit können wir dich ein für alle Mal aus diesem Universum entfernen.“
„Visz“, sagt Katharina. „Wie kommt ihr denn daran?“
„Das wüsstest du wohl gerne. Du siehst nervös aus. Wie heißt du eigentlich, Blondie?“
Katharinas Gesichtsausdruck verändert sich nicht. Jedenfalls kaum. Wahrscheinlich merkt es niemand außer mir. „Nomén.“
Spannend, dass sie diesen Namen nutzt. Doch die Reaktion der sechs Männer beweist, dass sie damit richtigliegt. Ich erkenne die Bewegung des Zeigefingers am Abzug der Pistole, die auf meinen Kopf gerichtet ist und werfe mich zur Seite. Die Kugel verfehlt mich, genau wie die nachfolgenden. Dann bin ich schon bei dem jungen Mann angekommen und trete ihm die Waffe aus der Hand. Die andere Hand mit dem Dolch stößt in meine Richtung. Ich wehre sie mit dem Unterarm ab, gleichzeitig eine Halbdrehung vollführend. Mein Ellbogen trifft auf die Nase und zertrümmert sie.
Ich verschaffe mir hastig einen Überblick. Katharina ist auch nicht untätig geblieben und bricht gerade einen Arm. Die vier anderen Männer teilen sich auf. Einer von ihnen ist mir schon ganz nahe. Viel zu nahe.
Ich schaffe es nicht ganz, seinem Schlag auszuweichen und verliere den Halt. Zum Glück setzt mich der Schlag, dessen Wucht mich überrascht, nicht außer Gefecht, und ich rolle mich auf dem moosbedeckten Boden ab. Dadurch entgehe ich seinen Fußtritten und kann schließlich meinen eigenen Fuß zwischen seinen Beinen platzieren. Das lässt ihn zusammenknicken.
Bleibt noch der dritte Kerl. Dieser scheint zu der Einsicht gelangt zu sein, dass sie uns unterschätzt haben und wählt die Flucht. Als ich aufspringe, dreht er sich um und feuert in meine Richtung. Ob er eine eigene Waffe hat oder die von dem ersten Kerl aufgesammelt hat, weiß ich nicht und ist mir auch egal, während ich der Kugel aus dem Weg hechte. Im Flug sehe ich, dass Katharina weniger Glück hat und getroffen zusammenbricht. Ich rolle mich ab und nutze den Schwung, wieder auf die Füße zu kommen, und laufe auf den Schützen zu, der Katharina getroffen hat. Er sieht mich kommen, dreht sich um und folgt seinem fliehenden Kumpel in den Wald hinein.
Ich überlege nicht lange und renne zu Katharina, die stöhnend auf dem Boden liegt. Die Kugel hat sie in der Leiste getroffen. Sie wird sich bald erholt haben, aber es dürfte höllisch wehtun.
„Hat dir niemand gesagt, dass man Kugeln ausweichen kann?“, erkundige ich mich. Dann reiße ich ihre Bluse auf. Beim Anblick ihres nackten Bauchs muss ich schlucken, denn ich sehe plötzlich ihren ganzen Körper nackt vor mir. Was noch schlimmer ist, ich spüre ihn auch. Ihre Antwort holt mich ins Jetzt zurück.
„Du bist ein dämliches Arschloch.“
„Da hast du recht“, erwidere ich. „Ich sollte die Kugel rausholen.“
„Tue das!“
Ich sehe sie an. Es muss wirklich wehtun, ihr Gesicht ist tränenüberströmt. Ich werfe einen Blick auf die anderen Möchtegernnazis, aber die sind vorläufig inaktiv. Lange werden sie nicht in diesem Zustand bleiben, ich sollte mich daher beeilen. Und eins steht fest: Diese Kerle sind genauso wenig gewöhnliche Menschen wie wir.
„Tut mir leid“, murmele ich, bevor ich mit den Zeigefingern die Wunde aufspreize. Katharina stöhnt auf. „Mach weiter!“, befiehlt sie, als ich zögere. Ich nicke und schiebe einen Zeigefinger in das Loch. Dank meines Engelsjobs bin ich nicht besonders empfindlich, aber dennoch würde ich meinen Finger viel lieber an einer ganz anderen Stelle bei Katharina reinschieben. Ich atme tief durch.
Endlich finde ich die Scheißkugel. Vorsichtig ziehe ich sie mit einem Finger nach oben. Dass dies die Schmerzen nicht lindert, höre ich deutlich. Ich spare mir eine weitere Entschuldigung, stattdessen beeile ich mich lieber. Schließlich kann ich die Kugel mit Daumen und Zeigefinger rausholen und halte sie hoch.
„Schön“, sagt Katharina gepresst. „Dann können wir ja jetzt weitermachen!“
Ich nicke und helfe ihr, sich aufzusetzen. Unsere Gesichter berühren sich dabei. Verflucht. Zum ersten Mal in meinem Leben werde ich nass zwischen den Beinen, während ich mich mitten in einer Kampfhandlung befinde. Das kann so nicht weitergehen.
„Wir müssen herausfinden, was die in Wirklichkeit sind“, sagt Katharina. „Jedenfalls keine Menschen, zumindest keine gewöhnlichen.“
„Das ist wohl wahr.“
Als ich aufstehe, um einen der vorhin noch inaktiven Kerle zu fragen, stelle ich fest, dass sie verschwunden sind. Die Geländewagen stehen noch da, nur unsere Freunde sind weg. Wir waren so vertieft in die Operation, dass sie sich unbemerkt davonstehlen konnten. So wie es aussieht, in den Wald.
„Ups“, sage ich.
„Na dann. Weit können sie ja nicht sein.“
„Ich glaube eher, die wollen mit uns spielen.“
„Das glaube ich auch. Spielen wir mit?“
Ich betrachte sie fragend. „Was macht die Wunde?“
„So gut wie verheilt. Du hast Talent als Ärztin.“
„Die armen Patienten! Also gut, teilen wir uns eben auf.“
Ich halte mich links. Mindestens zwei von denen haben eine Schusswaffe, wahrscheinlich aber alle. Außerdem haben sie übermenschliche Kräfte. Alleine hätten sie weder gegen Katharina noch gegen mich eine Chance, aber gemeinsam sind sie stark.
Ich konzentriere mich auf meine Sinne. Sehen, hören – und spüren. Meine Fähigkeit, die Grenzen der Gefrorenen Welt durchzudringen, kommt mir immer mehr zugute. Auch wenn es noch sehr rudimentär und weit von dem entfernt ist, was ein Zauberer kann, hilft es mir jetzt sehr. Ich erkenne Lebewesen in meiner Nähe an ihrem Energieflimmern. Wie bunte Wolken sehe ich sie, so ähnlich, wie durch Infrarotbrillen.
Sie haben sich verteilt und verharren hinter Bäumen. Hoffentlich verfügen sie nicht ebenfalls über erweiterte Wahrnehmung, denn sonst ist es nichts mit Überraschung. Aber ich glaube, nicht einmal Katharina kann Energiespuren so deutlich sehen wie ich.
Geduckt, immer in Deckung vom Gestrüpp, laufe ich in einem weiten Kreis um die uns auflauernden Jungs herum. Mit etwas Glück gelingt es mir, sie von hinten der Reihe nach unschädlich zu machen. Oder wenigstens einige.
Zumindest sieht es ganz danach aus, dass sie nichts von ihrem bevorstehenden Unheil ahnen und demnach ihre Fähigkeiten doch sehr eingeschränkt sind. Ich nehme mir denjenigen zuerst vor, der am weitesten außen lauert. Dabei kommt mir mein eigener Atem unglaublich laut vor. Aber anscheinend sind diese Werwölfchen auch noch schwerhörig. Ich kann den ersten schon mit bloßem Auge sehen, nur ein umgestürzter Baumstamm trennt mich von ihm. Er steht an einen Baum gepresst, in der rechten Hand eine Pistole haltend, mit der Mündung nach oben. Er starrt angespannt in die Richtung, in der er mich eher vermutet als hinter sich.
Wie in einem schlechten Film trete ich auf einen Zweig, der zwar nicht knackt, aber dennoch ein Geräusch macht. Ich verharre sofort regungslos. Leider ist meine Beute nicht schwerhörig genug. Dass in dem Moment, als er sich nach mir umdreht, irgendwo ein Schuss erklingt, rettet mich allerdings. Für einen Sekundenbruchteil oder so ist er abgelenkt, und das reicht mir auch schon. Ich bin bei ihm, bevor er seine Pistole auf mich richten könnte und danach kann er es nicht mehr. Ich werfe mich mit aller Kraft gegen ihn und erst der Baumstamm stoppt uns. Der Kerl stöhnt unterdrückt auf. Wahrscheinlich raubt ihm mein Ellbogen im Magen den Atem. Ich gehe kein Risiko ein, mit einem Schlag von unten gegen sein Kinn breche ich ihm das Genick.
Jetzt habe ich auch eine Pistole. Das ist doch schon mal was. Ich sehe mich nach den anderen um. Sie rennen wie aufgescheuchte Hühner durch den Wald. Geduckt, mit der Pistole im Anschlag, begebe ich mich in Deckung. Zwei von den verbleibenden fünf Jungs sind in der Nähe. Ich entscheide mich für den, den ich besser im Blickfeld habe, und lege auf ihn an. Der Schuss sitzt, was für die Pistole spricht.
Dann höre ich etwas von der Seite und fahre herum. Das rettet mich, aber dennoch werde ich getroffen. Wie ein Hammerschlag erwischt es mich an der rechten Schulter. Meine Waffe fliegt im hohen Bogen davon und ich lande auf dem Boden.
Das darf Katharina nicht erfahren. Es ist doch so einfach, einer Kugel auszuweichen.
Während aus der Entfernung Schmerzensschreie zu hören sind, die ich nicht Katharina zuordne, bleibt der Werwolf, der mich erwischt hat, neben mir stehen und richtet seine Pistole auf meinen Kopf.
Stöhnend richte ich mich auf einen Ellbogen gestützt auf.
„Keine Hektik“, sagt der Kerl grinsend. „Das ging ja ziemlich leicht. Vielleicht bist du doch nicht so gut, wie man sich erzählt.“
„Was erzählt man sich denn so?“, erkundige ich mich und zwinge mich, nicht in die Mündung zu starren.
„Dass du sehr, sehr gefährlich bist. Aber das sehe ich anders.“
„Ach ja?“ Ich schlage mit der linken Hand seine Pistolenhand weg und die Waffe fliegt davon. Durch den Schmerz bin ich zu langsam, der Kerl schafft es, hinter seiner Pistole herzuhechten. Immerhin gelingt es mir aber, mich auf ihn zu werfen, bevor er seine Waffe krallen kann. Ich packe sein Handgelenk mit der einen Hand, mit der anderen seinen Kopf. Er ist deutlich größer und muskulöser als ich, aber ich verfüge über Engelskräfte. Er ist dennoch fast so stark wie ich.
Der Geruch seines Blutes steigt in meine Nase. Er scheint nicht verletzt zu sein, dennoch kann ich sein Blut deutlich riechen. Dann wird mir klar, dass ich im Eifer des Gefechts mein Gesicht an seinen Hals gedrückt habe. Ich zögere nur kurz, dann schlage ich die Zähne in sein Fleisch, reiße die Schlagader auf und sauge gierig sein Blut. Obwohl ich genauso überrascht bin wie er, lasse ich trotz seiner heftigen Gegenwehr nicht locker.
Sein warmes Blut strömt in meinen Mund, ich habe Mühe, schnell genug zu schlucken. Bald lassen seine Bemühungen, mich loszuwerden, nach und sein Körper beginnt zu erschlaffen. Ich höre mit dem Trinken erst auf, als er sich gar nicht mehr bewegt.
Ich hebe keuchend den Kopf und sehe Katharina, die nicht weit entfernt steht und uns schweigend beobachtet.
„Bist du schon lange da?“, erkundige ich mich.
Sie schüttelt den Kopf. „Was ist passiert? Ich hatte bisher nicht das Gefühl, dass du dich in einen Vampir verwandelt hast.“
„War mir auch nicht bewusst“, erwidere ich. Das warme Blut ist auf meinem Gesicht verteilt und tropft auf den Kopf des toten Nazis hinunter. „Ich … Was ist mit den anderen?“
„So wie es aussieht, sind alle tot“, antwortet Katharina ungerührt.
Ich atme tief durch, dann setze ich mich auf. „Ich hatte plötzlich den Geruch seines Blutes in der Nase, da habe ich einfach zugebissen.“
„Ja, du hast eine gewisse Blutaffinität. Du hast damals auch mein Blut getrunken, erinnerst du dich?“ Und sie erinnert sich doch! Ich nicke und erwidere: „Aber nur ein paar Tropfen.“
Katharina lächelt. „Sonst hätte ich auch protestiert. Wie auch immer, wir wissen nicht mehr als vorher, und da sie tot sind, können wir sie ja auch schlecht fragen.“
„Apropos tot … was ist das für eine Geschichte mit dem Visz-Dolch?“ Ich erhebe mich langsam.
„Der Dolch … den sollten wir uns holen. Komm.“ Ich folge ihr, als sie losmarschiert. Dabei erzählt sie: „Normalerweise bedeutet der Tod die Vernichtung der materiellen Existenz und Freisetzung der Seele. Die Seele verbleibt im Universum, also in der Verborgenen Welt. Na ja, es gibt ja eigentlich keinen echten Unterschied zwischen der Verborgenen Welt und der Gefrorenen Welt, wie du inzwischen ja weißt. Normalerweise. Also, ich habe keine Ahnung, wo Visz eigentlich herkommt, aber man sagt, es sei göttlicher Stoff und nicht aus dem Universum. Frag mich nicht, was das bedeutet. Aber wenn man einen Visz-Dolch dreimal schnell hintereinander im Herzen eines Wesens – oder was dem Herzen entspricht – umdreht, dann wird die Seele dieses Wesens aus dem Universum unwiderruflich gelöscht.“
„Oh. Shutdown für immer? Böse.“
„Ja. Zum Glück ist es nicht ganz einfach, an einen Visz-Dolch ranzukommen. Und dreimal drehen in etwa einer Sekunde schafft auch nicht jeder.“
„Hm. War es das, was der Krumana-Dämon meinte?“
„Möglicherweise.“ Wir finden den Werwolf, der vorhin den Dolch bei sich hatte. Er hat ihn immer noch. Katharina betrachtet ihn nachdenklich. „Dieses Ding ist in der uns bekannten Welt unzerstörbar. Hier, nimm ihn.“
„Ich?“
„Ja. Ich habe zu Hause schon einen.“
Ich nehme den Dolch. Es ist ja nicht zum ersten Mal, dass ich einen in der Hand halte. Ich erinnere mich sogar noch an den Geschmack der Klinge. Ein komisches Gefühl, etwas zu berühren, was nicht aus dieser Welt stammt. Göttliches Material? Was zum Teufel ist damit gemeint?
Ich stecke den Dolch in den Hosenbund.
„Spieß dich nicht auf“, bemerkt Katharina grinsend.
„Nicht mit einem Dolch“, erwidere ich. „Komm, wir schauen uns mal um. Wir wissen immer noch nicht, wer die sind und was das mit der Mail zu tun hat.“
Katharina nickt. Wir durchsuchen die Zelte und die Autos, finden aber nichts, was uns irgendwie weiterbringen könnte. Da die Gefahr besteht, dass der Rest der Truppe wiederkommt, verlassen wir das Lager. Unbemerkt gelangen wir zum Auto und schließlich nach Skyline zurück. Von unterwegs ruft Katharina Elaine an, erzählt ihr in Stichworten, was geschehen ist und bittet sie, sich umzuhören, was das für eine Organisation ist.
„Sie ist unbegeistert“, sagt sie, nachdem sie aufgelegt hat.
„Ich auch. Das bedeutet nämlich, dass meine Familie in Gefahr ist. Und mir gefällt der Gedanke nicht, dass irgendwelche übermenschlichen Wesen hinter ihnen her sind.“
„Sie sollten sich verstecken.“
Sie hat recht. Ich wähle die Nummer von James.
„Hi Schatz“, meldet er sich.
„Hi. Katharina ist bei mir auf Lautsprecher. Wo seid ihr?“
„Zu Hause, bewacht von einer Armee.“
„Ich fürchte, diese Armee kann nichts gegen die Bedrohung ausrichten. Wir hatten gerade eine kleine Auseinandersetzung mit ein paar Kerlen, von denen wir nicht wissen, wer und was sie sind. Aber es war echte Arbeit, mit ihnen fertigzuwerden.“
James schweigt. Er weiß genau, was mein letzter Satz bedeutet.
„Schatz, ihr müsst euch verstecken.“
„Verstecken?“
Ich werfe einen gequälten Blick auf Katharina, die die Augen verdreht. „Ja. Du bist nicht unsterblich. Und Sandra auch nicht.“
„Bist du sicher? Aber egal, sie kann ja in ein Versteck gebracht werden. Ich bin es gewohnt, in gefährlichen Situationen handlungsfähig zu bleiben.“
„Du warst es gewohnt!“, erwidere ich scharf.
„Wie bitte?“
Das kann ja heiter werden. Katharina legt mir eine Hand auf den Arm. „Hi James, Katharina hier. Deine Holde wird mich wahrscheinlich gleich verprügeln, aber ich verstehe dich. Daher schlage ich vor, dass du und die Armee Sandra und deine Schwiegereltern zu mir fahrt. Mein Anwesen ist magisch geschützt, da sind sie sicher. Wir fahren jetzt auch dorthin und treffen uns dort. Dann überlegen wir gemeinsam, wie du dich beteiligen kannst. Möglicherweise sind deine alten Kontakte hilfreich. Einverstanden?“
„In Ordnung. Aber sag deinen magischen Kräften, dass sie nicht versuchen sollen, mich dort festzuhalten.“
„Keine Sorge, das ist nicht meine Art. Bis gleich.“
Ich starre Katharina an, bis sie ins Lenkrad greift und uns wieder auf Kurs bringt.
„Was war das denn?“
„Ich habe einen Ehekrach abgewendet. Gern geschehen.“
Ich starre wieder nach vorne und bemühe mich, nicht auszurasten.
„Fiona, was ist dein Problem? Wir haben grad mal keine Zeit für psychotische Anfälle.“
„Psychotische Anfälle?!“
„Yap! Also, sei so lieb, und fahr uns zu mir. Adresse kennst du ja. Hier läuft irgendeine Schweinerei, und zwar eine große, also lass uns jetzt bitte darauf konzentrieren.“
Sie hat leider recht. Wenn ich zusammenfasse, was wir haben, kommt wirklich was Großes dabei raus. Eine Werwolf-Gruppe, die keine ist, aber über mindestens einen Visz-Dolch verfügt … verfügte und außerdem übermenschliche Fähigkeiten besitzt. Die Größe der Gruppe kennen wir nicht. Sie wissen weiterhin, wer und was ich bin, wo ich arbeite und wohl auch, wo ich wohne. Und wir haben noch einen Krumana-Dämon, anscheinend eine wahrhaft höllische Vernichtungsmaschine, wie es sie seit 10.000 Jahren nicht mehr geben dürfte. Zu guter Letzt haben wir einen quasi vom Himmel gefallenen Politiker, der Präsident dieses Landes werden will. Mal eben so.
Doch, das könnte was Großes sein.
Mal eben so, ohne dass ich oder auch Katharina im Vorfeld was davon mitbekommen hätten. Und das macht mir echte Sorgen.
„Ich sehe, du bist wieder da“, stellt Katharina fest.
„Yeah.“
Wir kommen vor meiner Familie an, aber nur kurz. Ich bin gerade fertig mit dem Begrüßen von Kay und Helena, als der Konvoi sich anmeldet. Gott sei Dank. Oder wem auch immer. Katharina bedankt sich höflich bei den Polizisten, bittet sie gleichzeitig aber, nicht auf das Anwesen zu kommen.
Einige Minuten später hält der BMW meines Vaters vor dem Haus, mit James am Steuer. Als Erstes springt Danny raus und kommt auf mich zugerast. Sandra ist auf dem Arm meiner Mutter, beide sehen erschrocken aus. Ich nehme sie gemeinsam in die Arme.
„Was ist bloß los? Wer will uns was antun?“, fragt meine Mutter.
„Das wüsste ich auch gerne. Jedenfalls sind es Leute, die unangenehm werden können.“
Mein Vater mustert meine Kleidung. „Du hattest bereits Kontakt mit ihnen?“
„Vermutlich mit denen.“ Ich betrachte James, der sich nähert. Sein Gesichtsausdruck schwankt zwischen „Ich bin noch sauer!“ und „Geht es dir gut, Schatz?“. Allerdings sieht man ihm das nur an, wenn man ihn so gut kennt wie ich. Für alle anderen ist sein Gesicht einfach nur ausdruckslos.
Ich küsse ihn und flüstere in sein Ohr: „Es tut mir leid.“
Er nickt kaum merklich. „Deine Eltern machen sich Sorgen. Was sollen wir ihnen erzählen?“
„Alles, was wir nicht wissen“, flüstere ich zurück.
Er grinst. Katharina lädt uns ein, auf die Terrasse zu gehen. Mein Vater, der Luxus gewohnt ist, wirkt beeindruckt, als wir durch das riesige Haus nach hinten gehen. Dort hat Helena schon einen Tisch gedeckt und es gibt erst einmal was zu trinken. Ich nehme Sandra zu mir und gehe mit ihr an den Pool. Natürlich will sie mit dem Wasser spielen. Ich halte sie an der Hose darüber, so kann sie im Freiflug mit den Händen das Wasser aufwirbeln.
Ich spüre plötzlich die Nähe meiner Mutter.
„Du siehst mitgenommen aus, Kind.“
„Katharina und ich hatten einen Kampf mit sechs Männern, die keine Menschen waren.“
„Und, sind sie … sind sie …?“
„Tot? Ja.“ Ich betrachte das Loch in meiner Jeansjacke. „Ich … einen von denen habe ich wie ein Vampir leergesaugt, und ich habe keine Ahnung, warum ich das getan habe.“
„Vielleicht … Du bist ja ständig mit diesen … diesen Wesen zusammen. Vielleicht verändert dich das.“
Hm. Eine naive Vorstellung. Aber könnte ich das guten Gewissens verneinen? Eigentlich nicht. Ich habe viel zu wenig Ahnung davon, wie dieses Universum wirklich tickt. Andererseits weiß ich aber inzwischen, dass die Sicht der Menschen darauf weit entfernt ist von der Realität.
„Ein blutsaugender Engel“, murmele ich amüsiert.
„Müsstest du als Engel nicht Flügel haben?“, erkundigt sich meine Mutter.
„Nur in diesem komischen Märchenbuch. Und auf Bildern, die irgendwelche Maler im Delirium gemalt haben. Echte Engel sind blond und leicht reizbar.“
„Oh, du bist leicht reizbar? Bisher habe ich dich eigentlich nur mit Nerven wie Drahtseilen erlebt.“
Mich? Mit wem verwechselt sie mich da gerade? „Mama, es tut mir leid, dass ihr meinetwegen solche Umstände habt. Aber ihr wohnt in einem Luxusgefängnis.“
Meine Mutter betrachtet das Gebäude, soweit es von hier aus überhaupt erkennbar ist. „Ja, das stimmt wohl. Und die drei wohnen hier ganz allein?“
„Ähm … jaaaa …“
„Fiona, sag die Wahrheit!“
„Es gibt hilfreiche … na ja … Also, ihr werdet sie nie zu sehen bekommen.“
Sie erschaudert. „Du hast recht, ich will es gar nicht wissen!“
Wir werden abgelenkt, weil Helena zu uns kommt und fragt, ob sie Sandra halten darf. Ich nicke und gebe ihr die Kleine. Helena spaziert mit ihr strahlend davon. Ich erhebe mich langsam.
„Kind!“, sagt meine Mutter erschrocken. „Ich habe dich noch nie so erlebt! Hast du Schmerzen?“
„Nein, keine Schmerzen. Die Wunden verheilen bei mir sehr schnell. Ich denke nur nach. Ich muss an damals denken, aber diesmal sind es nicht Gangster, die euch bedrohen, sondern viel schlimmere Gegner. Ich mache mir einfach Sorgen um euch.“
„Ich denke, hier sind wir sicher?“
„Seid ihr auch.“ Ich werfe einen Blick auf Katharina. „Sie … Ihr vertraue ich absolut.“
„Obwohl sie ein Dämon ist?“
„Ja. Und außerdem, was bedeutet das schon? Dämon ist ein Begriff aus der menschlichen Mythologie. Katharina ist ein Wesen, das genau wie ich nicht an die Grenzen des Menschseins gebunden ist. Alles andere ist willkürliche Moral.“
„Damit fertigst du die jahrtausendealte Tradition der Philosophie in einem Satz ab“, sagt meine Mutter lächelnd.
„Ach, das weiß ich nicht. Heißt Philosophie nicht so viel wie Liebe zur Weisheit? Und der Weise hat kein Problem damit, zu den Alten zu sagen: ‚Fuck you, ihr habt euch eben geirrt!‘ Wenn wir heute etwas besser wissen, ist das keine Sünde, man wird nicht mehr auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Zumindest in dieser Gegend nicht.“
„Das ist auch gut so.“
„Eben. Komm, wir gehen zu den anderen.“
Katharina telefoniert, James und Kay sitzen nebeneinander, beide haben eine Flasche Bier in der Hand. Ich gleite auf den Schoß von James, was Kay ein dickes Grinsen in das Gesicht zaubert.
„Soll ich dir eine Limo holen, Fiona?“
„Kay, willst du ewig leben? Ich will einen Martini!“
„Sag ich doch.“ Kay springt auf und geht zur Bar. Ich mustere meinen lieben Ehemann. „Willst du nicht lieber doch hierbleiben? Ihr versteht euch doch sehr gut, oder?“
„Kay und ich werden ein paar alte Kontakte abklappern“, sagt James ungerührt.
„Verräter!“, rufe ich Kay zu. James steckt seinen Zeigefinger durch das Loch in der Jeansjacke. „Hör zu, Schatz, ich weiß, dass ich nach so einem Treffer nicht mehr einfach so aufstehen würde wie du. Dementsprechend vorsichtig agiere ich. Aber ich habe eine zweijährige intensive Ausbildung gehabt. Ich habe gelernt zu überleben, auch unter schwierigen Umständen. Und meine Gegner waren auch nicht immer menschlich …“
„Wolltest du mir davon nicht mal erzählen?“
„Irgendwann mal. Lenk nicht ab.“ James lächelt endlich.
„Also gut. Ich sehe ein, dass du keinen Babysitter brauchst und den starken Mann markieren kannst … Aua! Was soll das?“ Ich starre ihn empört an. Hat er mich echt gekniffen? In die Seite? Bloß weil ich gesagt habe, dass er den starken Mann markiert?
„Mein Schatz, das war die Rache des kleinen Mannes. Fahr bitte fort mit deinen interessanten Ausführungen.“
Kay bringt mir den Martini, das lenkt mich ab von meiner Empörung. Ich nippe am Glas. Das Zeug ist gut.
„Also gut. Aber das sagte ich schon. Ihr seid beide so was wie Supermänner. Geht klar. Fakt bleibt, ihr seid beide nicht unsterblich. Und es gibt keinen Grund, dass ihr unnötige Risiken eingeht.“
„Es sind keine unnötigen Risiken“, entgegnet Kay. „Wir haben andere Informationsquellen als du und Katharina. Warum sollten wir sie nicht auch anzapfen?“
„Das könnt ihr auch von hier aus!“
„Nur bedingt. Ihr bleibt ja auch nicht hier. Oder willst du behaupten, für euch ist es da draußen völlig gefahrlos? Was machen wir, wenn ihr getötet werdet?“
Ich sehe mich um. Meine Eltern beobachten den Disput angespannt. Vermutlich ist es für sie vollkommen neu, mich in einer solchen Situation zu erleben.
„Stimmt, du hast recht, Kay.“ Ich ziehe den Dolch hervor. „Aber um uns zu töten, brauchst du so was. Und davon gibt es nicht allzu viele.“
„Was ist das?“
„Eine Waffe“, antwortet Katharina. Sie kommt aus dem Haus, in das sie zum Telefonieren gegangen ist, nachdem wir zu diskutieren begonnen haben. „Das Material ist unzerstörbar, schneidet sogar einen Diamanten problemlos. Strenggenommen existiert es auf der Erde nicht. Und wie Fiona sagte, äußerst selten.“
„Nichts ist härter als Diamant“, stellt mein Vater fest.
„Unter irdischen Bedingungen in der Gefrorenen Welt stimmt das durchaus“, stimme ich zu. Dann schneide ich mit einer lockeren Bewegung den Stiel meines Glases ab. Klirrend fällt er auf die Fliesen und zerspringt in mehrere Teile.
„Ups. Sorry, Kay.“
Er winkt ab.
„Wie auch immer … Ihr tut sowieso, was ihr wollt.“
„Lass sie“, sagt Katharina. „Elaine hat inzwischen was für uns. Vielleicht. Wir werden sie treffen, sie tat geheimnisvoll.“
„Wer ist Elaine?“, erkundigt sich meine Mutter.
„Meine Schwester. Sie hat eine Bar in Downhill und kennt eine Menge Leute. Aller Art. Sie hat uns auch von den Werwölfen erzählt, aber wir haben alle nicht geahnt, dass der Tipp so heiß ist. Ich hatte sie gebeten, die Ohren offenzuhalten und anscheinend hat sie jetzt was für uns. Ich schlage also vor, die Jungs bemühen ihre Kontakte und wir unsere. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass daraus Synergien erwachsen.“
„Synergien … Mein Schatz, das ist keine Vorstandssitzung.“
Katharina tritt zu ihrem grinsenden Mann und legt ihm beide Arme um den Hals. „Wirklich nicht?“
Ich wende hastig den Blick ab, als seine Hände an ihrem Rücken entlang nach unten gleiten. Kann nur hoffen, dass James meine Reaktion völlig falsch interpretiert, was nicht unwahrscheinlich ist, da ihm eine wichtige Information fehlt.
„Dann ist ja alles klar und wir sollten aufbrechen“, sage ich. „Oder ist noch etwas unklar?“
„Nein. Aber ich werde mir etwas Bequemeres anziehen. Und du?“
Ich gleite von James auf den Boden. „Habe meinen Kleiderschrank leider zu Hause vergessen.“
„Kein Problem, hier gibt es genug Kleiderschränke. Wir finden sicher was Passendes für dich. Komm mit.“ Ich folge der lachenden Katharina in den Schatten des Hauses, über die Treppen in den zweiten Stock. Katharina führt mich in ein riesiges Zimmer.
„Das ist eins unserer Gästezimmer. Die Sachen in den Schränken entsprechen deiner Größe. Such dir einfach was aus.“
Ich starre sie fassungslos an. „Ihr habt Gästezimmer für unterschiedliche Konfektionsgrößen?“
„So ist es.“
„Das … das ist mehr als nur dekadent!“
„Genau, das ist praktisch. Wir treffen uns unten. Wenn du willst, kannst du auch duschen.“
Eine nette Art zu sagen, dass ich stinke. Aber sie hat recht. Ich stinke wirklich. Nach Schweiß und Blut. Daher springe ich schnell unter die Dusche und suche danach in ein Badetuch gewickelt nach passender Kleidung. Die Auswahl ist riesig. Schließlich entscheide ich mich für bequeme Jeans, feste Schuhe, ein T-Shirt und einen Pullover. Den Dolch stecke ich wieder in den Gürtel. Ganz ungefährlich ist das nicht, aber ich möchte ihn dabeihaben.
Als ich auf der Terrasse ankomme, reicht mir Katharina eine Scheide. Auf meinen fragenden Gesichtsausdruck hin erklärt sie, dass mein Visz-Dolch da genau reinpasst. Es wäre Wahnsinn, wenn ich mit der offenen Klinge so rumlaufe. Während ich den Dolch in die Scheide schiebe, erhasche ich ein leichtes Grinsen auf dem Gesicht meines Vaters.
Alle haben sich wohl gegen mich verschworen.
Danach verabschieden wir uns von den anderen. Katharina und ich fahren mit meinem Wagen los, um Elaine zu treffen. James und Kay gehen ihre eigenen Wege. Zum Abschied küsse ich James innig.
„Wir sehen uns wieder“, sagt er grinsend.
„Hoffentlich.“
Auf der Fahrt zünde ich mir eine Zigarette an.
„Wie alt ist eigentlich Helena“, erkundige ich mich dann.
„Im Herbst wird sie 15. Wieso?“
„Sie interessiert sich sehr für Sandra.“
„Hey! Sie ist noch zu jung!“
„Wofür?“
„Kinder. Und so.“
Ich werfe einen Blick auf Katharina und muss lachen. „Sie ist eine junge Frau.“
„Sie ist ein Kind!“
„Aber nicht mehr lange.“
„Sie bekommt es noch früh genug mit dieser Scheiße zu tun“, knurrt Katharina.
„Bist du sicher, dass sie es nicht bereits hat? Sie lebt doch nicht isoliert.“
„Das ist wahr. Erst kürzlich wollte sie vom Internat auf eine normale Schule. Um mit normalen Leuten zu tun zu haben, wie sie sagt.“
„Da hast du es.“
„Normale Leute reduzierst du auf Sex?“
„Nein. Aber Sex ist normal für Leute.“
„Bist du dir dessen ganz sicher?“ Katharina zieht beide Augenbrauen hoch. „Ich habe da andere Erfahrungen gemacht.“
„Jetzt bist du zynisch. Aber nur ein bisschen.“
„Sagt mir die Richtige! Aber ich gebe zu, Sandra ist ausgesprochen süß. Habt ihr gut hingekriegt.“
Autsch. Oder meint sie das ehrlich? Ich sehe sie an. Ja, sie meint es ehrlich. Warum würde ich dann am liebsten um mich schlagen? Und blöderweise kennt mich Katharina auch noch gut genug, um meine Verfassung zu durchschauen.
„Tut mir leid“, sagt sie leise.
„Mir auch“, erwidere ich.
Den Rest der Fahrt verbringen wir schweigend.

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Geschichten einer Kriegerin – Magie der Angst (4)

Girlschool weckt mich, hart und brutal. Dadurch vergesse ich sofort, was ich geträumt habe, zumal ich damit beschäftigt bin, mir herzuleiten, wer ich überhaupt bin. Und wo.
Letzteres wird mir dann doch relativ schnell klar, als ich die dicken Stoffvorhänge sehe, die den Sonnenschein draußen halten sollen. Die Aufgabe erledigen sie mit Bravur, ich weiß bloß nicht, ob draußen überhaupt die Sonne scheint.
Und wer bin ich denn nun? Fiona? Lois? Vampirlady?
Und was zum Teufel soll eigentlich dieser Lärm?
Teufel ist ein gutes Stichwort, das lässt mich schlagartig daran erinnern, dass „Race with the devil“ mein Klingelton für James ist.
James!
Ich setze mich im Bett auf und suche das Handy. Warum auch immer, ich finde es auf dem Boden, wo es durch die Gegend hüpft. Bis ich es eingefangen habe.
„Ja!“, keuche ich in den Hörer.
„Schon wieder?“, fragt James.
„Was ist los? Was schon wieder?“
„Na ja, das Einschlafprogramm gestern Abend …“
Ah! Das meint er! „Äh …“ Ich räuspere mich. „Nein, eigentlich nicht. Habe tief und fest geschlafen. Wie spät ist es denn?“
„Halb neun.“
„Was?!“
„Hast du einen Termin?“
„Ja, irgendwie schon.“ Seufzend fahre ich mit der freien Hand durch meine Haare. „Ich will noch frühstücken und Frühstück gibt es … Keine Ahnung, habe nicht gefragt. Liane Cook, die Schwester des Polizeichefs und Witwe des Bruders des Wirts mit dem erstaunlich guten Wein, der, also der Bruder, von einem umkippenden Traktor erschlagen wurde.“
„Ja, das kommt vor.“
„Was kommt oft vor?“
„Nicht oft, aber gelegentlich. Traktoren stehen nicht so stabil auf ihren Rädern, wie man gemeinhin annehmen könnte. Das führt immer wieder zu gequetschter Milz und so. Wobei die gequetschte Milz nicht das Schlimmste ist, sondern die gebrochenen Rippen, die sich durch Herz und Lunge gebohrt haben.“
„Hast du was getrunken?“, erkundige ich mich verwirrt.
„Schon seit einer Weile nicht mehr.“
„Also schön. Lassen wir das. Ich muss pullern und mich anziehen.“
„Mach doch.“
„Bin ja schon dabei!“ Da ich eh nackt schlafe, brauche ich nur ins Bad zu gehen. Während ich gähnend auf dem Klo sitze, erkundige ich mich, was er denn gerade tut.
„Ich ziehe mich an, habe einen Termin. War schon eine Stunde mit Danny laufen, Sandra hat die Nacht ja bei ihren Großeltern verbracht.“
„Oh je.“
„Sandra ist bei ihnen sicher.“
„Mir tun eher meine Eltern leid. Egal. Du musst jetzt arbeiten, und ich auch.“
„Ja, das stimmt. Dann geh mal jagen.“
„Mach ich, großer Meister. Hab dich lieb.“
Er murmelt etwas, das sich so ähnlich wie „Ich dich auch“ anhört, dann legt er auf. Ich muss unwillkürlich grinsen. Wenn es darauf ankommt, wenn Kaltblütigkeit und Handeln gefordert sind, wenn es um Leben und Tod geht, dann ist er in seinem Element, hundertprozentig da. Das habe ich ja mehrmals erleben dürfen.
Aber mit Gefühlen, da hat er es nicht so. Gar nicht, um genau zu sein. Zumindest tut er immer so.
Nach dem Bad ist die große Frage dran, was ich denn anziehen soll. Zum Glück oder leider ist die Auswahl, im Gegensatz zu zu Hause, sehr eingeschränkt. Ich entscheide mich also für eine Hemdbluse, deren Ärmel ich hochrolle, einen dunkelblauen Pullover mit V-Ausschnitt und kurzen Ärmeln, hellblauen Jeans und den Stiefeln von gestern.
Zum Schluss noch die Perücke und die Brille aufsetzen, fertig ist die Lois.
Na ja, fast.
Liane sieht aus wie gestern. Weißes Hemd, braune Cordjeans, schwarze Schuhe, die Haare adrett geknotet. Ich komme mir vor wie bei Mary Poppins.
Das Frühstück allerdings ist wirklich lecker. Liane konzentriert sich ganz auf mich, ich denke daher, dass ich wohl der einzige Gast bin. Egal. Ich bekomme hausgemachte Waldbeerenmarmelade auf Croissants, danach Butter vom Nachbarn auf selbstgebackenem Brot und Rühreier von glücklichen Hühnern hinterm Haus.
Und obwohl ich eigentlich verwöhnt bin, denn James und ich achten beim Einkaufen sehr darauf, wo die Lebensmittel herkommen, ist es trotzdem ein Unterschied wie Tag und Nacht.
„Ich denke, ich komme in Zukunft immer hierher zum Frühstücken“, bemerke ich.
„Ist das nicht ein wenig zu weit weg dafür?“, fragt Liane mit großen Augen.
„Ich würde mit dem Hubschrauber kommen“, erwidere ich.
„Das wird schwierig. Ich weiß nicht, wo Sie damit landen können.“
Ich sehe sie misstrauisch an. Die meint das ernst! Ausgeschlossen, dass sie sich so gut beherrschen kann, wenn sie, wie ich zuerst dachte, auf meinen Scherz eingestiegen wäre.
„Aber trotzdem freue ich mich, dass es Ihnen so gut schmeckt. Vielleicht möchten Sie etwas davon mitnehmen?“
„Wohin?“
„Nach Hause. In die Stadt. Wenn Sie abreisen. Sie reisen doch ab? Weil ich gerne das Frühstück für Sie mache, auch für eine Woche, oder zwei, aber nicht für immer.“
Ich rücke meine Brille zurecht. Was soll ich denn jetzt sagen? Ich bin mir inzwischen sehr sicher, dass es nicht gespielt ist, also ist sie ein wenig … in ihrer eigenen Welt. Falsche Antworten könnten verheeren Folgen haben.
Oh je.
Ich atme tief durch. „Ich denke, wir kommen mit weniger als einer Woche hin.“
„Oh nein, Miss Nale, ich wollte damit nicht andeuten, dass Sie mir zur Last fallen! Ganz bestimmt wollte ich das nicht ausdrücken!“
Und ich habe doch das Falsche gesagt. Verdammt. Zum Glück bin ich fertig mit dem Essen, hastig wische ich meinen Mund ab und erhebe mich.
„Machen Sie sich keine Sorgen. Wirklich nicht. Alles in Ordnung.“
Fluchtartig verlasse ich die Pension und eine vermutlich völlig aufgelöste Wirtin bleibt allein zurück, aber sie wird sich beruhigen. Vielleicht. Hoffentlich.
Der Dämon wohl eher nicht, sagt mir die Intuition.
Während ich in der Vormittagssonne viel zu leicht gekleidet auf John Wayne, äh, den Sheriff, äh, den Polizeichef warte, zünde ich mir eine Zigarette an. Gegen die Kälte laufe ich auf und ab. Wieso ist es Mitte März überhaupt noch so kalt, verdammt?
Bin jedenfalls froh, als der Landrover vom Sheriff, äh, ach, scheißegal, auftaucht. Ich schmeiße mich auf den Beifahrersitz und atme aus.
„Guten Morgen“, sagt er.
„Guten Morgen“, sage ich.
Dann fährt er los.
„Wohin fahren wir?“, erkundige ich mich.
„Zur blinden Hexe.“
„Zur blinden Hexe?“
„Ja. Wollten Sie nicht mit der sprechen?“
„Doch. Aber Sie wollten sie doch erst fragen. Von wegen, das geht nicht einfach so, man muss vorher fragen. Und so. Sie erinnern sich? Haben Sie selbst gesagt!“
Lois, aufwachen! Fiona macht alles kaputt!
„Das habe ich getan.“ Daniel Morgin wirft einen Blick von der Seite auf mich. „Alles in Ordnung?“
Ich atme erst ein und dann aus. Aber nur ganz sanft. Kaum bemerkbar, die Hände auf den Knien gefaltet, die Schienenbeine überkreuzt.
Schon besser. Endlich bist du wach, Lois.
„Ja, Captain Morgin, ich denke schon. Ent… entschuldigen Sie bitte.“
Er schüttelt den Kopf, sagt aber nichts dazu. Vermutlich ist es besser so, Lois ist noch nicht wirklich stabil. Doch nach der fast halbstündigen Fahrt, als wir vor einem erstaunlich modern wirkenden Haus, zumindest für diese Gegend, anhalten, hat sich Fiona zurückgezogen und Lois das Ruder übernommen.
„Wem gehört das Haus?“, frage ich, selbiges irritiert musternd.
„Der blinden Hexe.“
„Dieses … Haus gehört …?“
„Sie ist nicht arm.“ Der Sheriff steigt aus und denkt mal wieder nicht daran, mir die Autotür aufzuhalten. Seine Manieren scheinen tagesformabhängig zu sein und die Tagesform äußerst schwankend.
Scheiß drauf. Los jetzt, Lois, hinterher!
Ich gehorche mir und hole den Sheriff auf einem sich sanft schlängelnden Fußweg aus Kies ein, der direkt zur Haustür führt.
„Ihr richtiger Name ist Samantha Teeport“, erklärt der Sheriff, ungewohnt gesprächig.
Ich beiße mir auf die Unterlippe, aber ich sage nichts dazu. Nein. Dazu werde ich mich nicht äußern. Die meisten Menschen können schließlich nichts für ihren Namen.
„Und wie lange wohnt sie schon in dieser Gegend?“, erkundige ich mich, gerade, als wir an der Haustür ankommen.
Bevor der Sheriff antworten kann, wird die Tür geöffnet. Von einer kleinen, schmächtigen Frau mit grauen Haaren in schwarzem Rock und hochgeschlossener Kragenbluse, ebenfalls schwarz, darüber trägt sie eine dunkelgraue Strickjacke.
Und Glasaugen.
Mit denen sie mich anstarrt. Ihr Gesichtsausdruck zeigt für einen Moment Erschrecken, dann entspannen sich ihre Züge wieder etwas. Schweigend wendet sie sich ab und schlurft ins Haus zurück.
Sie ist alt. Ziemlich alt sogar. Nicht so alt wie Katharina, aber an Elaine dürfte sie herankommen. Plusminus. Doch warum sieht sie so scheiße aus?
Tief durchatmend und nach einem Blick auf den Captain, folge ich ihr. Der Captain mir und macht die Tür hinter sich zu. Entweder hat er vor der Hexe viel Respekt oder seine Manieren sind gerade zu Besuch.
Samantha Teeport sitzt im Wohnzimmer, mit Blick auf einen großen Garten, der an den Wald grenzt, auf einer dunkelbraunen Couch und zündet sich eine Zigarette an.
„Wen zum Teufel hast du mir da ins Haus gebracht, Dan?“, fragt sie dann mit heiserer Stimme.
„Das ist Lois Nale. Sie wird den … Dreiarmigen fangen.“
„Die?“ Samantha mustert mich, was wegen der Glasaugen ziemlich irritierend ist. „Weißt du überhaupt, was sie ist?“
„Sie wurde von den Magischen Verbrechern ausgesucht“, erwidert der Sheriff und sieht mich ratlos an. „Was ist denn los mit dir, Samantha?“
„Du hast mir eine Kriegerin ins Haus geschleppt, das ist los!“
„Die vom Verein sagten, sie könnte mit dem Ding fertig werden. Das willst du doch auch.“
„Sicher. Setzt euch.“
Wir kommen der Aufforderung nach. Dan setzt sich auf die von der Hexe am weitesten entfernte Ecke der Couch, ich in einen Sessel ihr gegenüber, mit einem ovalen Glastisch zwischen uns.
„Weiß dieser Vollhonk eigentlich, was Sie sind?“, fragt die Hexe.
„Ich glaube nicht. Und Sie?“
„Ja. Ich bin zwar blind in der Gefrorenen Welt, aber ich kann die Energie spüren, die Sie umgibt. Sie sind eine Kriegerin, aber keine gewöhnliche.“
„Das stimmt.“ Ich werfe einen kurzen Blick auf den Sheriff, der mich irritiert ansieht. „Miss Teeport …“
„Mrs. Zwar schon lange verwitwet, aber trotzdem Mrs.“
„Also gut. Mrs Teeport, wie kommen Sie an einen Visz-Dolch?“
„Das ist eine sehr lange Geschichte“, murmelt sie. „Spielt das eine Rolle?“
„Weiß ich nicht. Solange ich nicht verstehe, was hier geschieht, kann ich das nicht sagen.“
„Ein Dämon hat mich geblendet und nun seine Eltern getötet. Muss eine Kriegerin mehr wissen?“
„Yep!“ Ich lege vorübergehend den Lois-Modus ab. „Ich töte keinen Dämon, bloß weil er ein Dämon ist.“
„Aha. Heißen Sie wirklich Lois Nale?“
„Nein. Ich bin Fiona Flame.“
„Fiona Flame? Das erklärt einiges. Sie haben den Ruf, sehr eigenwillig die Regeln für Gefährdung des Gleichgewichts auszulegen.“
„Es gibt keine Regeln. Und ja, ich treffe meine eigenen Entscheidungen. Wie kamen Sie eigentlich damals ins Spiel?“
„Man bat mich um Hilfe, als man festgestellt hat, dass das Baby etwas … etwas anders ist. Nicht nur wegen der drei Arme. Alles an ihm war seltsam.“
„Vielen Dämonen sieht man gar nicht so ohne Weiteres an, dass sie Dämonen sind. Ehrlich gesagt, wundere ich mich darüber, dass es hier anders war. Es muss einen Grund geben, warum diese Frau einem Dämon das Leben schenkte.“
Die Hexe zuckt die Achseln und drückt ihre Zigarette aus.
„Tut mir leid, darüber habe ich keine Kenntnis. Als ich hinzu gerufen wurde, ging alles ganz schnell, danach war ich mit mir beschäftigt. Wie Sie sicher nachvollziehen können.“
„Sicher.“ Und sie lügt wie gedruckt. Will sie mich, eine Kriegerin, ernsthaft verarschen? Hier ist eine Menge faul. Und ich werde herausfinden, was tatsächlich passiert ist. „Haben Sie eine Ahnung, wo der Dämon bisher sich aufgehalten hat?“
„Im Wald, soweit ich weiß.“
„Babys überleben üblicherweise nicht allein im Wald.“
„Kann schon sein. Im Wald gibt es ja viele Wesen, die sich um ihn gekümmert haben könnten. Als Kriegerin sollten Sie das am besten wissen.“
„Ich kenne auch nicht alle Wesen, die irgendwo in irgendeinem Wald existieren. Wie alt sind Sie eigentlich?“
„Alt.“
Das bestätigt meinen Verdacht. Was ich nicht verstehe, ist der Grund für ihr altes Aussehen. Elaine und Katharina sind auch alt, aber niemand sieht es ihnen an. Oder einem Vampir wie Anne Marie. Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht, und mein Gefühl sagt mir, dass das sehr wohl etwas mit dem Dreiarmigen zu tun hat. Sie wird es mir nur nicht verraten. Jedenfalls nicht freiwillig. Und nicht, wenn John Wayne daneben sitzt.
Letzteres kann ich sogar verstehen. Er hat ja schon daran zu knabbern, dass ich eine Kriegerin bin.
Das merke ich auch, als wir zum Auto gehen.
„Sie sind eine Kriegerin?“, fragt er.
„Fiona ja. Ich bin nur eine PSI-Fachfrau.“
„Jetzt hören Sie auf mit dieser Lois-Sache! Ich sehe ein, dass es notwendig ist für die anderen, aber mir brauchen Sie doch nichts vorzumachen! Warum hat mir niemand gesagt, dass Sie eine Kriegerin sind?“
„Wissen Sie überhaupt, was eine Kriegerin ist?“
„Magische Wesen, die darauf achten, dass andere magische Wesen nicht über die Stränge schlagen.“
„Na ja … Belassen wir es einfach dabei. Für den Fall spielt es nicht wirklich eine Rolle, ob ich eine Kriegerin bin oder nicht. Zumal wir immer noch nicht wissen, was das für ein Ding ist, das dreiarmig durch die Gegend läuft und alle Leute erschreckt.“
„Erschreckt?“ Der Sheriff hält mir ausnahmsweise mal die Wagentür auf. Oder die Manieren sind immer noch zu Besuch. So genau weiß man das ja nicht.
„Die Hexe hat Angst, aber gewaltig.“
„Ja, es war seltsam. Ich hatte auch so ein … komisches Gefühl.“
„Was für ein komisches Gefühl?“
„Haben Sie denn nichts gespürt?“ Der Sheriff legt seine Hand auf den Zündschlüssel, startet den Motor aber noch nicht, sondern sieht mich fragend an. Was ist denn mit dem los?
„Doch. Dass Samantha lügt. Wie gedruckt. Und Sie?“
„Bei ihr war es kalt und dunkel.“
Ich starre ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Hä? Da schien eindeutig die Sonne und es war hell. Im Garten jedenfalls. Kalt und dunkel war es aber auch im Wohnzimmer nicht wirklich. Dass ausgerechnet dieser Mann so was sagt, finde ich mehr als seltsam. Selbst wenn es wirklich kalt und dunkel gewesen wäre, würden Leute wie er das nicht so beschreiben.
Ich blicke nach vorne. „Fahren Sie mich bitte in den Wald, wo wir gestern auch waren.“
„Warum?“
„Fahren Sie einfach. Bitte.“
Nach einem kurzen Moment startet er den Motor und gibt Gas.
Ich schließe die Augen und denke nach.

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Leseprobe: Fiona – Wiederkehrer (Band 4)

Wieso ist es schon dunkel? Das bedeutet, es ist mindestens acht Uhr abends. Und das ist gar nicht gut.
Ich überlege kurz, dann lasse ich mich in meinen Bürosessel fallen und rufe mit dem Handy James an. Er ist schnell dran, also wartet er bereits.
„Hunger“, sagt er statt der Begrüßung.
„Du hast Hunger?“
„Ich auch. Aber ich kann mir was zu essen machen.“
„Tut mir leid“, erwidere ich lachend. „Ich komme grad aus einem Meeting, das länger gedauert hat. Du könntest Sandra trotzdem schon was geben. Im Kühlschrank ist ja noch was da. Musst du nur warm machen.“
„Bist du da nicht die Chefin? Wieso dauerte das Meeting so lang?“
„Haha. – Ich check noch meine Mails, dann komme ich. Gehen wir heute aus?“
„Mit einem Baby?“
„Wozu wohnen meine Eltern direkt nebenan? Aber wir müssen nicht.“
„Mal sehen. Hängt davon ab, wann du nach Hause kommst.“
„Sehr witzig. So lange werde ich ja wohl nicht brauchen. Bis später, mein Schatz.“
Ich lege das Handy neben die Tastatur und überfliege meine Mails. Um diese Zeit kommen nicht so viele neue rein, zwei beantworte ich gleich, dann fahre ich meinen Rechner herunter.
Das Display des Handys wird hell, bevor der Klingelton losgeht.
Dass Bens Name zu sehen ist, gefällt mir gar nicht. Für einen kurzen Moment überlege ich sogar, ob ich drangehen soll. Doch dann siegt mein Pflichtbewusstsein.
„Hi Ben.“
„Kannst du herkommen?“
Ich stutze. Das ist eigentlich überhaupt nicht Bens Art. Nicht einmal, als Emily die Bank überfallen hat, klang er so.
„Alles in Ordnung, Ben?“
„Nein, nicht wirklich. Hier läuft einer durch die Gegend, der seit zwei Jahren tot ist.“
„Aha. Und was habe ich damit zu tun?“
„Na, Übernatürliches ist doch dein Gebiet.“
„Übernatürliches? Ben, du redest nicht etwa davon, dass da einer durch die Gegend läuft, der wirklich tot ist?“
„Doch, genau davon rede ich. Ich bin auf dem Friedhof in Newvil, weil der Friedhofswärter uns angerufen hat. Er sah eine verdächtige, nackte Gestalt herumlungern, als er sie zur Rede stellen wollte, hat sie ihn weggestoßen, dann ist sie weggerannt. Der Wärter hat seine Spur zurückverfolgt und kam zu der Gruft der Burtons. Sie ist offen, einer der Särge ebenfalls. Und leer ist der auch noch.“
„Und woraus schließt du auf Übernatürliches?“
„Der Wärter behauptet, er hätte den Nackten erkannt. Er hat ihn bei der Aufbahrung vor zwei Jahren im Sarg liegen sehen. Einer der Toten des Massenunfalls vom 3.9.2005. Ich weiß nicht, ob du dich an den Nebel erinnerst, der an dem Tag die ganze Stadt bedeckt hat.“
„Schwach“, erwidere ich nachdenklich. „Glaubst du ihm?“
„Jedenfalls ist die Leiche weg. Und er will einem nackten Mann begegnet sein, der aussah wie der Tote. Hinzu kommt, dass es keine Einbruchsspuren in der Gruft gibt. Im Gegenteil, es sieht so aus, als wäre sie von innen aufgebrochen worden.“
„Ups. Hör zu, Ben, ich habe noch nie von herumirrenden Leichen gehört, das wäre selbst für mich neu.“
„Hältst du es für ausgeschlossen?“
„Machst du Witze? Ich halte gar nichts mehr für ausgeschlossen.“
„Ich auch nicht. Also, kommst du?“
„Ja“, antworte ich unbegeistert. Wieso muss James immer recht behalten?
Ich ziehe meine Jacke an und fahre mit dem Aufzug in die Tiefgarage. Es stehen nur noch wenige Autos da, unter anderem meins. Auf dem kurzen Weg vom Aufzug zum Auto spüre ich die Kälte, die von draußen kommt.
Während der Fahrt zum Friedhof rufe ich James an.
„Hunger“, sagt er. „Wie ich höre, bist du schon auf dem Weg. Und weil du anrufst, bist du nicht auf dem Weg zu uns.“
„Ich muss eine Leiche einfangen.“
„Eine was?“
„Eine Leiche.“
„Einfangen?“ Okay, James ist erschüttert. Zumindest für seine Verhältnisse.
„Da läuft ein Toter herum und ich soll ihn einfangen.“
„Du redest von einem, der richtig tot ist?“
„Zumindest war er es angeblich. Etwas über zwei Jahre lang. Und jetzt läuft er durch die Gegend.“
„Klingt gruselig. Und wo fährst du jetzt hin?“
„Zum Newviller Friedhof.“
„Oh, wie stimmungsvoll. Oktober, abends im Dunkeln. Das passt ja gut. Bist du sicher, dass dich da nicht jemand verarschen will?“
„Das traue ich Ben nicht zu.“
„Also hat er dich angerufen. Schade, das macht die Sache ernst. Weck mich, wenn du nach Hause kommst, ich bin neugierig.“
„Äh, sag mal …!“ Ich atme tief durch. „Ja, ist gut.“
„Dann viel Spaß bei der Zombiejagd.“
Ich starre entgeistert das Display von der Freisprechanlage an und fahre fast gegen ein parkendes Auto. Verdammt, Zombiejagd?
Am Friedhof ist nicht viel los. Ich kann verstehen, dass Ben in dieser Sache Aufsehen vermeiden möchte. Er steht neben seinem Wagen in Gesellschaft von zwei uniformierten Polizisten und eines weiteren Mannes. Das wird der Wärter sein.
Ich parke meinen Wagen neben ihnen und steige langsam aus. Hier ist es noch kälter als in West Town. Liegt ja auch höher, der Friedhof sogar am Waldrand. Ich ziehe die Jacke eng um mich und schlage den Kragen so hoch, wie es nur geht.
„Hi“, sage ich zu der Versammlung. „Ich nehme an, eure Leiche ist noch nicht wieder aufgetaucht?“
„Nein, die läuft noch herum“, antwortet einer der Polizisten grinsend. „Ich halte das Ganze für irgendeinen dummen Streich, der allerdings langsam lästig wird.“
„Das ist kein Streich!“, erwidert der, den ich für den Friedhofswärter halte. „Ich bin Martin Cartwright, der Friedhofswärter.“
„Fiona. Also, nochmal für Doofe. Sie haben einen nackten Mann auf dem Friedhof gesehen?“
„Ich habe ihn nicht bloß gesehen, sondern angefasst, um ihn festzuhalten. Er stand ganz nahe vor mir und ich konnte deutlich sein Gesicht sehen. Es war Victor Burton, den ich gesehen habe. Oder sein Zwillingsbruder. Aber ich glaube, er hat keinen.“
„Man kann heutzutage sehr echt wirkende Masken herstellen“, sagt der Polizist, der vorhin schon gesprochen hat. „Und in einer solchen Situation können einen die Augen auch schon mal täuschen. Also, ich glaube wirklich nicht an Geister.“
„Und wozu dann das Ganze? Für einen Streich etwas zu viel Aufwand, oder?“
Da hat Martin recht.
„Ich könnte mir verschiedene Gründe vorstellen“, bemerke ich. „Kann ich mir die Gruft ansehen?“
Martin nickt und geht los. Wir folgen ihm. Ben gesellt sich zu mir und fragte leise: „Was denkst du wirklich?“
„Ich habe gelernt, dass alles möglich ist. Wirklich alles. Aber ich kann mir grad nicht vorstellen, warum jemand nach zwei Jahren auferstehen und nackt durch den Friedhof rennen sollte.“
„Jedenfalls ist die Gruft aufgebrochen und einer der Särge leer, nämlich der, in dem Victor Burton gelegen hat.“
„Das ist zumindest interessant, dennoch kann es sein, dass jemand nur möchte, dass wir denken, Victor wäre auferstanden. Ich denke, im Moment ist eine nicht ganz so übernatürliche Erklärung nicht auszuschließen. Aber es kann genauso gut sein, dass wirklich einer, der schon verwest sein müsste, wieder durch die Gegend läuft. Im letzteren Fall wird es spannend.“
Wir erreichen die Gruft. Im Schein der Taschenlampen betrachte ich die Tür. Sie sieht wirklich aus, als wäre sie von innen aufgetreten worden. Das beweist zwar nichts, aber wenn jemand die Geschichte hier insziniert hat, dann hat er große Sorgfalt darauf verwendet, dabei authentisch zu wirken.
„Wollen Sie sich auch drinnen umsehen?“, fragt Martin.
„Klar.“
„Es ist aber dunkel.“
Ich blicke ihn an, dann lasse ich mir eine Taschenlampe geben und betrete die Gruft. Die anderen bleiben draußen, was mir auch lieber ist.
Es riecht moderig und nach verwesten Leichen. Das ist aber nicht weiter verwunderlich. Ich spüre auch deutlich, dass sich noch nicht alle vollständig von ihrem physischen Dasein gelöst haben. Doch das ist nicht mein Problem, daher tue ich so, als würde ich das gar nicht merken.
Ich sehe sofort, welcher Sarg Victor Burton gehört, denn der Deckel liegt daneben auf dem Boden. Er sieht aus, als wäre er von jemandem, der in dem Sarg gelegen hat, heruntergestoßen worden.
Das wird mir jetzt langsam ein wenig zu authentisch und ich beginne, ernsthaft in Erwägung zu ziehen, dass es wirklich Victor Burton ist, der draußen nackt herumläuft. Was ich nicht verstehe, ist, wieso er nicht verwest ist.
Sicherheitshalber werfe ich einen Blick in den offenen Sarg, aber der ist leer.
Ich gehe wieder nach draußen und zünde mir eine Zigarette an.
„Was hast du herausgefunden?“, erkundigt sich Ben.
„Der Sarg ist leer.“
„Sehr witzig! Und was noch?“
Ich zucke die Achseln. „Nichts weiter. Aber vielleicht solltet ihr in den umliegenden Häusern mal nachfragen, ob jemand etwas Ungewöhnliches bemerkt hat.“
Ben nickt den Polizisten zu, die sofort losgehen.
Ich blicke Martin an. „Ich brauche eine Liste der Beerdigungen heute und gestern.“
„Die habe ich im Büro.“
„Dann holen Sie sie bitte.“
Als auch er weg ist, sehe ich Ben an. „Da drinnen spuken einige noch herum, aber eben nicht in ihren Körpern. Ich halte es jedenfalls für immer wahrscheinlicher, dass unser Victor tatsächlich auferstanden ist.“
„Müsste er aber nicht völlig verwest sein?“
„Warum denn? Ist doch eh alles nur eine Illusion.“
„Ja, aber das bedeutet doch nicht, dass einer wieder einen vollständig wiederhergestellten Körper hat!“
„Ben, ich habe noch nie einen echten Geist gesehen, dafür aber viele andere Dinge, von denen ich früher gedacht habe, sie wären Ausgeburten von Fantasyautoren. Mich kann nichts mehr erschüttern.“
„Gut zu wissen. Und jetzt?“
Ich nehme einen letzten Zug, dann drücke ich die Zigarette aus und werfe sie fort.
„Das habe ich nicht gesehen.“
„Was denn? – Komm, wir laufen mal über den Friedhof, vielleicht begegnen wir ihm. Erzähl mir was über ihn.“
„Tja, er war das, was man einen Pechvogel nennen könnte. Er starb am 3. September 2005 bei einer Massenkarambolage aufgrund des Nebels, der an dem Tag die ganze Stadt eingehüllt hat. Am Tag zuvor hatte er geheiratet.“
„Autsch.“
„Seine Frau, also seine Witwe, die heißt Victoria, geborene Johnson.“
„Wo wohnt die? In Skyline?“
„Keine Ahnung, kann ich aber herausfinden, wenn es wichtig ist.“
„Vielleicht. Kommt darauf … dein Handy.“
Ben nickt und nimmt den Anruf an. Er hört interessiert zu, dann sagt er: „Wir kommen“ und legt auf.
„Was ist los?“
„In einem der Häuser wurde eingebrochen. Gestohlen wurde nur Kleidung. Ein Jogginganzug für Männer, Schuhe und etwas Geld. Der Dieb hat aber das Portemonnaie, Papiere, Kreditkarte, alles dagelassen, nur etwa 20 Dollar mitgenommen.“
„Reicht für ein Taxi“, murmele ich.
„Wie, was?“
„Reicht für eine Taxifahrt innerhalb von Skyline. Finde mal heraus, wo diese Victoria wohnt!“
Während Ben noch telefoniert, erreichen wir das Haus neben dem Friedhof, vor dem die beiden Polizisten herumstehen.
„Langsam kommt mir das Ganze doch etwas seltsam vor“, sagt jener, der vorhin die Masken ins Spiel gebracht hat. „Vielleicht wollte jemand jemandem einen Streich spielen und hat ihm die Kleidung geklaut.“
„Auf dem Friedhof?“, frage ich. „Haben Sie noch mehr unwahrscheinliche Vorschläge?“
„Jedenfalls wahrscheinlicher als Spukgestalten.“
Martin kommt mit einem Blatt Papier angelaufen und Ben ist fertig mit dem Telefonieren. Ich werfe pflichtbewusst einen Blick auf die Liste mit den Beerdigungen, dann blicke ich Ben fragend an.
Er nickt und sagt zu den Polizisten: „Ihr macht ein Protokoll und ich fahre mit Fiona zu Victoria Burton.“
„Und was mache ich?“, fragt Martin.
„Einen Rundgang über den Friedhof, vielleicht haben wir was Wichtiges übersehen“, antworte ich ihm.
Ben kann sich beherrschen, bis er im Auto sitzt, dann kriegt er einen Lachkrampf. Ich steige in mein eigenes Auto, zünde mir eine Zigarette an und warte. Als Ben endlich losfährt, folge ich ihm.
Victoria Burton wohnt in einer Villa, die mich eher an einen Bunker erinnert, der in einen Hügel reingebaut wurde. Wir parken vor der Doppelgarage und schlendern zum verglasten Hauseingang in der verglasten Fassade.
Sie öffnet uns in einem bodenlangen, gelben Kleid, das bis zum Bauchnabel ausgeschnitten ist. Irgendwie macht sie den Eindruck, als hätte sie jemand anderes erwartet. Sie sieht uns fragend an.
„Guten Abend“, sagt Ben und zeigt seinen Ausweis. „Ich bin Ben Norris, das hier ist Fiona. Wir sind wegen Ihres Mannes hier.“
„Wegen meines Mannes? Ich bin Witwe.“
„Das wissen wir“, erwidert Ben nickend. „Dürfen wir hereinkommen?“
Nach kurzem Zögern nickt sie und tritt zur Seite. Sie führt uns in das große, helle Wohnzimmer. Mir fällt ein Bild auf dem Kaminsims auf, das sie mit einem jungen, gutaussehenden Mann zeigt. Hinter ihnen der Eiffelturm.
„Ist das Victor?“, erkundige ich mich.
„Ja, das ist Victor. Und wer waren Sie nochmal?“
„Mein Name ist Fiona Flame.“
„Aha. Sie haben mir gar nicht Ihren Ausweis gezeigt.“
„Ich bin keine Polizistin, Victoria. Ich helfe dem Lieutenant in dieser Angelegenheit.“
„In welcher Angelegenheit?“ Sie blickt von mir zu Ben und zurück.
„Mrs Burton, Ihr Mann ist aus der Gruft verschwunden“, erklärt Ben feinfühlig. Ich habe große Lust, ihm einen Tritt in den Hintern zu verpassen.
„Mein Mann verschwunden? Aus der Gruft?“ Sie starrt ihn aus großen Augen an. „Sie meinen, er wurde … gestohlen?“
„Nun, das wissen wir nicht so genau. Der Friedhofswärter ist auf dem Friedhof einem nackten Mann begegnet, der aussah wie Ihr Mann.“
Sie starrt ihn immer noch an, aber ich sehe ihr an, sie wird gleich explodieren.
„Sind Sie verrückt?! Wenn das ein Witz sein soll, ist das ein verdammt schlechter! Wo ist die versteckte Kamera?! Wer zum Teufel seid ihr?!“
Ich fange sie ab, als sie auf Ben losgeht und zerre sie auf die Couch. Dabei werfe ich Ben wütende Blicke zu.
„Mrs. Burton! Mrs. Burton, sehen Sie mich an!“ Als sie stattdessen versucht, auf mich einzuschlagen, packe ich ihre Handgelenke und drücke so fest zu, dass sie vor Schmerz aufschreit. Und sie sieht mich endlich an. „Mrs. Burton, ich weiß, wie verrückt das klingt. Jemand, der aussieht wie Ihr Mann vor seinem Tod ausgesehen hat, ist nackt auf dem Friedhof rumgerannt, ist dann in einem Haus daneben eingebrochen, hat Kleidung und 20 Dollar gestohlen und ist seitdem verschwunden. Ich glaube, dass er herkommen wird.“
„Aber warum?“
Ich lasse testweise ihre Handgelenke los. Sie bleibt wie erstarrt in derselben Position.
„Nun, ich kann nicht ausschließen, dass es Ihr Mann ist und Sie besuchen will.“
„Er ist tot! Seit zwei Jahren!“
„Das weiß ich.“
Sie sieht mich an, als würde sie mich zum ersten Mal wahrnehmen, und sagt: „Ich kenne Sie. Ich hab Sie schon mal gesehen. Sind Sie nicht die Wahnsinnige, die nackt auf dem Flughafen rumgerannt ist?“
„Sie wurde dazu gezwungen“, erwidert Ben.
„Schon gut, Ben. – Mrs. Burton, mir ist klar, wie absurd das für Sie klingen mag. Für gewöhnlich vermeide ich es, das zu tun, was ich jetzt tun werde.“
„Nein!“, sagt Ben.
Ich höre nicht auf ihn, sondern packe mit der linken Hand meinen ausgestreckten Zeigefinger der rechten Hand und knicke ihn ruckartig nach hinten. Es knackt laut und vernehmlich. Der Schmerz ist die Hölle, aber ich bin ihn gewohnt und presse nur aufzischend die Zähne zusammen.
Victoria Burton starrt entgeistert meinen gegen den Handrücken gedrückten Finger an. Ich lasse ihn los und beobachte durch den Tränenschleier, wie er sich langsam aufrichtet, bis ich ihn schließlich wieder ganz normal bewegen kann.
„Victoria, Ihr Mann wird hier früher oder später auftauchen. Ich habe keine Ahnung, wieso er wieder am Leben ist, aber er ist es.“
„Don …“, flüstert Victoria.
„Wie bitte?“
„Don … Mein Freund. Er wird gleich hier sein.“
„Rufen Sie ihn an und sagen Sie ihm, dass er wieder nach Hause fahren soll.“
Victoria nickt geistesabwesend und geht zu einer Kommode, auf der eine Basisstation mit Mobilteil steht.
Während sie telefoniert, gehe ich zu Ben. Er ist etwas bleich.
„Du bist wahnsinnig!“, sagt er leise. „Das muss doch höllisch wehtun!“
„Das Abschneiden war schlimmer.“
„Erinnere mich bloß nicht daran! – Also gut, und wie geht es weiter?“
„Wir warten, bis Victor kommt.“
„Das kann ja ewig dauern!“
„Ich glaube nicht. Er muss nur ein Taxi finden und herkommen. Dann wird er eine Weile ums Haus rumschleichen. Da wir aber wieder abziehen, kommt er rein. Und weil wir ja nicht wirklich weg sind …“
„Raffiniert“, sagt Ben grinsend.
„Echt jetzt? Du wärst auch auf so eine Idee gekommen.“
„Natürlich. Allerdings habe ich nicht so viel Erfahrung mit Geistern.“
„Er ist kein Geist“, erwidere ich leise. „Ich habe eine Idee, was passiert sein könnte, will aber erst mit ihm sprechen.“
Victoria Burton ist fertig mit dem Telefonat und kommt zu uns. Sie hat Tränen in den Augen.
„Was passiert jetzt?“
„Victor wird vermutlich nicht reinkommen, solange wir hier sind, darum tun wir so, als würden wir wegfahren.“
„Was … was hat er vor? Ich meine, wie kann das alles möglich sein? Der Finger … Geister … So was gibt es doch gar nicht!“
„Es ist nicht leicht zu verstehen“, erwidere ich. „Als ich das erste Mal damit konfrontiert wurde, habe ich das alles für Spinnereien gehalten. Aber inzwischen weiß ich, dass unser westliches Weltbild mit der Realität ziemlich wenig zu tun hat.“
„Aber was sind Sie überhaupt? Auch ein Geist?“
„Nein, ich bin echt und lebendig“, sage ich kopfschüttelnd. „Meine Aufgabe ist es, mich um Dinge zu kümmern, die nicht in unser westliches Weltbild passen. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“
Danach fahren wir fahren mit unseren Autos weg, allerdings nur um drei Ecken, und gehen zu Fuß zurück. Auf unsere Bitte hin läßt Victoria Burton alle Lichter an und dank der Glasfassaden ist es auch von der Straße aus gut zu sehen, was im Haus passiert.
Erst einmal gar nichts. Sie läuft im Wohnzimmer umher, sichtlich nervös. In der Hand hält sie das Telefon und scheint mit sich selbst eine Unterhaltung zu führen.
Plötzlich fährt sie herum und starrt zur Tür.
Und einige Sekunden später kommt ein Mann ins Wohnzimmer und auf sie zu.
Ich setze mich in Bewegung, ohne darauf zu achten, ob Ben mithalten kann. Die Tür hält mich nur kurz auf, dann stürme ich ins Wohnzimmer.
Victor und Victoria Burton stehen nebeneinander und starren mich an.
„Guten Abend“, sage ich.
Keuchend kommt Ben neben mir an und sagt auch „Guten Abend“. Vermutlich fällt ihm genausowenig etwas Besseres ein wie mir.
„Was machen Sie denn hier?“, fragt Victor Burton.
„Wir wollen mit Ihnen reden“, antworte ich und mustere ihn neugierig. Er scheint es wirklich zu sein, auch das Verhalten der Frau deutet daraufhin. „Immerhin sollten Sie verwest im Sarg liegen.“
„Tue ich aber nicht“, murmelt er. „Ich brauche etwas zu trinken. Sie auch?“
Ich nicke. „Ich nehme einen Scotch.“
Er geht zur Bar und macht drei Drinks fertig. Ein Glas mit Martini reicht er seiner Frau. Dann blickt er Ben an.
„Ich trinke nichts, danke“, sagt dieser.
Er bringt mir meinen Scotch. Bei der Übergabe berühren sich kurz unsere Hände. Seine fühlt sich normal an. Seltsam. Sehr seltsam.
„Wir sollten uns setzen“, sagt Victor Burton und deutet auf die Sitzgruppe.
Wir nehmen sein Angebot an. Ben und ich sitzen nebeneinander auf der Couch, Victor und Victoria Burton getrennt in zwei Sesseln. Victoria ist sehr bleich, ihre Hand zittert leicht und vermutlich steht sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Kann ich gut verstehen.
„Victor – ich darf doch? -, Sie sollten wissen, dass ich vertraut bin mit … sagen wir mal, mit Dingen, die sich scheinbar der rationalen Erklärungsmöglichkeiten einer aufgeklärten westlichen Welt entziehen. Allerdings bin auch ich noch niemandem begegnet, der nach zwei Jahren Totsein in seinem restaurierten Körper zurückkehrt.“
„Das liegt vermutlich daran, dass Sie eine falsche Vorstellung über das Jenseits haben“, erwidert Victor ruhig.
„Habe ich das?“
„Nun, sind Sie gläubig?“
Ich verneine kopfschüttelnd.
„Und was glauben Sie dann über das Jenseits?“
Ich lehne mich lächelnd zurück und nippe an meinem Glas. „Nichts. Ich war schon oft tot und weiß, wie es in der Verborgenen Welt aussieht.“
Seine Augen weiten sich. „Sie … Sie wissen von der Verborgenen Welt?“
Ich nicke. „Mich interessiert vor allen Dingen, warum Sie hier sind und wie Sie das geschafft haben. Wobei, den Grund kann ich mir denken. Sie haben eine sehr attraktive Ehefrau. Ist es deswegen?“
„Ich liebe sie“, sagt Victor ruhig.
„Ihnen ist aber schon klar, dass Sie nicht einfach von den Toten auferstehen und so weitermachen können, als wäre nichts geschehen?“
„Ja, natürlich. Für dieses Problem habe ich noch keine Lösung.“
„Es gibt keine. Sie sind tot, Victor.“
„Der Tod ist eine Illusion, genauso wie das Leben. Wenn Sie die Verborgene Welt kennen, müssten Sie das doch wissen.“
„Ich weiß es auch. Aber die meisten Menschen wissen es nicht. Die sind das Problem. Wobei mich dennoch interessiert, wie Sie das geschafft haben.“
„Und Sie? Wie schaffen Sie das?“
„Ich bin eine Kriegerin, deswegen regeneriert sich mein Körper grundsätzlich immer wieder.“
„Sie sind eine Kriegerin? Sie sind doch Fiona, das Mädchen, das vor ein paar Jahren so viel in den Medien war? Wegen dieser Kindermissbrauchsgeschichte?“
„Ja, ich war das. Damals wusste ich allerdings nicht, dass ich eine Kriegerin bin.“
„Was ist eine Kriegerin?“, fragt Victoria leise.
Ihr Mann antwortet. „Eine Art Engel. Das ist eine komplizierte Geschichte, weil die Welt eigentlich ganz anders funktioniert, als die Menschen das glauben.“
„Krieger haben die Aufgabe, für das Gleichgewicht zu sorgen“, füge ich hinzu. „Leider hat der Chef vergessen, zu definieren, was er eigentlich mit Gleichgewicht meint. Wie auch immer, im Fall Ihres Mannes weiß ich nicht, was ich tun soll. Er verletzt das Gleichgewicht nicht wirklich, auch wenn es für mich völlig neu ist, dass ein gewöhnlicher Mensch in der Lage ist, sich zu regenerieren. Und das auch noch nach einer so langen Zeit.“
„Sagen wir es mal so: Ich hatte Hilfe durch jemanden, der das auch geschafft hat, aber schon lange kein Wiedergänger mehr ist. Er hat genug von der Welt, von der Illusion. Er hat mir gezeigt, wie das geht.“
„Beeindruckend“, erwidere ich lächelnd. „Dennoch bleibt das Problem, dass Sie in dieser Welt offiziell seit zwei Jahren tot sind. Es ist nicht vorgesehen, dass Tote wiederkehren.“
„Das kommt aber immer wieder vor, dass Menschen, die für tot erklärt wurden, plötzlich wieder da sind“, sagt Ben.
„Ja, aber in solchen Fällen gibt es entweder keine Leiche oder zumindest eine, die nicht ganz eindeutig identifiziert werden kann.“
„Das stimmt“, gibt Ben zu.
„Das ist doch Wahnsinn!“, schreit plötzlich Victoria Burton. „Ich werde doch nicht mit einem Geist zusammenleben! Ihr seid alle wahnsinnig!“
„Ich bin kein Geist!“, protestiert Victor. „Ich bin genauso aus Fleisch und Blut wie du. Ich habe meinen Körper vollständig regeneriert. Ich werde weiterleben und altern und irgendwann wieder sterben.“
„Nein!“
„Doch! Und ich darf dich daran erinnern, dass ich das Haus gekauft habe. Du hast es geerbt, aber wenn ich wieder am Leben bin, dann gehört es wieder mir und …“
„Jetzt mal langsam“, unterbreche ich ihn. „Auch wenn es nicht den großen göttlichen Plan gibt, waren Sie trotzdem tot und damit Ihr irdisches Leben beendet …“
„Wir sind alle unsterblich!“
„Nicht als menschliche Manifestierung. Victor Burton hat aufgehört zu existieren. Ihre Engagement für diese Rolle ist abgelaufen. Sie müssten sich eigentlich eine neue Rolle suchen, wenn Sie wieder leben wollen. Und dann die vorgesehene Prozedur durchmachen: Zeugung, Geburt, Aufwachsen, und so weiter.“
„Wollen Sie mich töten? Um das Gleichgewicht zu wahren?“
„Blödsinn. Ich kann nicht erkennen, wie Sie das Gleichgewicht stören. Trotzdem werde ich nicht einfach zur Tür rausspazieren, ohne eine Lösung für … für das Problem zu haben.“
„Es muss doch möglich sein, irgendwie zu erklären, dass nicht ich beerdigt wurde!“
„Hallo? Die gesamte Verwandtschaft hat Sie aufgebahrt gesehen!“
„Ich wurde beim Unfall übel zugerichtet.“
Ich blicke Ben an. „Der Wärter will ihn doch erkannt haben und hat ihn vorher nur bei der Aufbahrung gesehen.“
„Sagt er. Die Leichen werden normalerweise für die Aufbahrung wieder hergerichtet, so gut es geht.“
„Ich weiß“, murmele ich und denke an Norman.
„Aber so weit ich mich erinnere, war Victor Burton in seinem Auto von der Ladung des LKWs vor ihm zerquetscht worden.“
„Aber in seinem Auto?“, frage ich nach.
„Das habe ich verliehen“, sagt Victor.
„Und wo waren Sie zwei Jahre lang?“
„Hm.“
Ich betrachte seine Frau, die aussieht, als stünde sie kurz vor der Ohnmacht. Was mich nicht wirklich verwundert. Nicht nur, dass ihr totgeglaubter Ehemann quietschfidel plötzlich auftaucht, sondern er will sie auch noch aus dem Haus schmeißen, das sie sich zusammen mit ihrem Liebhaber so schön eingerichtet hat.
Geht ja gar nicht.
Dürfte sie jedenfalls denken.
Ob sie auch darüber nachdenkt, dass Victor gesagt hat, dass er sie liebt?
„Mal angenommen, diese Fragen lassen sich alle so klären, dass Sie wieder Ihr altes Leben aufnehmen könnten. Aber auch dann bliebe es Fakt, dass Sie die Illusion durchschauen, dass Sie von der Verborgenen Welt wissen.“
„Das würde ich schön für mich behalten, sonst würde ich für verrückt erklärt.“
„Und? Sie würden also einfach alles für sich behalten und niemandem davon erzählen? Das kann ich mir nicht vorstellen. Immerhin wurde doch Ihr gesamtes Weltbild umgeworfen.“
„Ihres doch auch.“
„Das stimmt, und ich hatte auch lange daran zu knabbern.“
„Trotzdem sind Sie hier. Und eine Kriegerin.“
Ich seufze. „Ihre Frau weiß jetzt auch davon.“
Er mustert sie. Sie starrt den Boden an. „Hören Sie, Fiona, warum geben Sie mir nicht einfach mal einen Tag Zeit, über meine Situation nachzudenken? Muss ich das wirklich jetzt sofort entscheiden? Das ist grausam.“
Ich sehe Ben fragend an. Er nickt.
„In Ordnung, denken Sie bis morgen Abend darüber nach. Und bis dahin bleiben Sie im Haus, gehen nicht einmal in den Garten. Niemand darf Sie sehen. Am besten geht auch Ihre Frau nicht aus dem Haus.“
Victoria starrt mich entsetzt an. „Sie wollen mich wirklich mit … mit dem hier allein lassen?“
„Es ist Ihr Mann, Victoria. Der Mann, den Sie geheiratet haben. So, als wäre er niemals gestorben.“
Sie sinkt in sich zusammen.
„Fiona, überlassen Sie das mir. Ich kümmere mich darum. Niemand wird mitbekommen, dass ich hier bin. Und bis morgen habe ich eine Entscheidung getroffen.“
Ich nicke. „In Ordnung. Ich komme morgen Abend wieder vorbei und wir setzen diese Unterhaltung fort.“
„Ich danke Ihnen. Ich bin mir sicher, dass wir eine Lösung finden werden.“
Ganz sicher.
Victor begleitet uns zur demolierten Haustür. Ich reiche ihm die Hand. Die Berührung ist unspektakulär, wie der Händedruck eines jeden Menschen.
Draußen atmet Ben tief durch. „Irgendwie ist das ganz schön gruselig“, sagt er dann.
„Ja“, erwidere ich nachdenklich. Wir gehen langsam los. „Und du meldest, dass wir ihn nicht gefunden haben und er nicht aufgetaucht ist?“
Er nickt. „Hoffentlich ist es richtig, was wir hier tun.“
Das hoffe ich auch.
Wir verabschieden uns neben meinem Wagen, dann steige ich ein und fahre nach Hause.

Nodus Sinuatrialis.
Das kann sich doch kein Mensch merken! Zumindest keiner, der nicht zehn Jahre Medizin studiert hat. Andererseits, der Name ist genial. Finde das mal im Internet. Und selbst wenn du was findest, kommst du niemals darauf, dass du nicht auf einer Seite für angehende Herzchirurgen gelandet bist.
Ich mustere den Ausdruck der Mail. Die haben eine Geschäftstelle in Newvil, was ich ganz praktisch finde, weil der Weg vom Zuhause der Burtons dahin nicht sehr weit ist. Unter den gegebenen Umständen vielleicht ein großer Vorteil.
Ich greife nach dem Telefon und rufe James an.
„Mein Schatz, du bist der Größte!“, erkläre ich ihm.
„Du hast Glück, dass Geheimdienst mehr ist als nur geheimer Dienst“, erwidert er in seiner üblichen Bescheidenheit.
„Das hast du aber schön gesagt. Und ich wusste das doch schon, schließlich habe ich James Bond gesehen. Und Craig als Bond ist sowieso …“
„Sag nichts Falsches, meine Liebe“, unterbricht er mich.
„So, so. Hast du einen bestimmten Verdacht, was ich sagen wollte?“
„Wahrscheinlich, was alle in spätpubertären Zustand zurückversetzte Frauen sagen wollen, nachdem sie Craig als Bond gesehen haben.“
„Jetzt machst du mich ja mal neugierig. Was sagen denn Frauen, die in spätpubdingsbums Zustand zurückversetzt wurden?“
„Das müsstest du doch besser wissen als ich“, brummt er. „Wann kommst du eigentlich nach Hause?“
„Lenk nicht ab!“
„Ich lenke nicht ab.“
Ich seufze. „Du bist unmöglich. Dabei weißt du doch genau, dass gegen dich kein anderer James eine Chance hast. Den Craig schlägst du doch um Längen.“
„Oh, oh, das gibt eine ganz schön hässliche Schleimspur.“
„Gar nicht. Ich habe doch eine Hose an.“
Jetzt lacht er endlich. „Da hast du was missverstanden, meine Liebe. Aber wir wollen das mal nicht am Telefon vertiefen.“
„Du willst ja bloß, dass ich möglichst schnell nach Hause komme. Aber ich muss dich enttäuschen, ich habe immer ein paar Slipeinlagen zur Reserve im Büro.“
„Jetzt wird das Gespräch eindeutig zu intim für die NSA.“
„Das stimmt. Also, ich fahre jetzt zu Victor und Victoria und höre mir an, was sie mir zu sagen haben. Falls Victoria nicht schon einen Nervenzusammenbruch hatte. Dann fahre ich bevorzugterweise mit Victor zu der Geschäftsstelle von … von Nodus Wasauchimmer.“
„Nodus Sinuatrialis.“
„Verdammt, ich wusste doch, irgendwas war verkehrt! – Sag mal, wieso kannst du das so gut aussprechen? Verheimlichst du mir etwas?“
„So schwer ist das ja nun auch wieder nicht.“
„Ja, ja, du bist ja auch nicht blond wie ich. So, mein Lieber, das war wie immer ein entzückendes Gespräch mit dir, aber ich muss los, sonst wird es sehr spät und du schläfst schon, wenn ich nach Hause komme.“
„Alles in Ordnung?“
„Ja, klar. Wieso fragst du?“
„Du klingst etwas aufgekratzt.“
„Das liegt am Sekt.“
„Am Sekt?“
„Am Sekt.“
„An welchem Sekt?“
„Den ich getrunken habe.“
„Aha. Muss ich jetzt wirklich alles einzeln aus dir herauskitzeln oder erzählst du mir in zwei zusammenhängenden Sätzen, was los ist?“
„Bob, den ich aus meiner Traineezeit gut kenne, hat heute Geburtstag. Die ganze Abteilung hat mit ihm angestoßen und ich halt auch.“
„Das waren ja wirklich zwei Sätze.“
„Ich bin ja auch eine brave Ehefrau, die tut, was man ihr sagt.“
„Okay, du hast grad bewiesen, dass Alkohol wirklich ähnlich wirkt wie Wahrheitsserum. Ich meine, du hast es widerlegt.“
Ich lache. „Mein Schatz, ich lege jetzt auf und fahre.“
„Okay. Wer legt zuerst auf? Du oder ich?“
„Du bist doof. Bye!“ Immer noch lachend beende ich die Verbindung und lege das Telefon auf den Tisch.

Als ich gegen die Tür klopfe, höre ich kurz darauf Schritte auf der anderen Seite und dann die Stimme von Victoria: „Wer ist da?“
„Fiona.“
Jemand nestelt an der Tür herum, dann kippt sie zur Seite. Ich mustere sie beim Eintreten und gebe erst Victoria, dann ihrem wiederauferstandenen Mann die Hand. Victor hängt die Tür danach wieder ein.
„Tut mir leid“, sage ich. „Aber ich hatte es eilig.“
„Schon gut“, erwidert er. „Wir wollten heute nur nichts riskieren und haben deswegen die Tür noch nicht reparieren lassen.“
„Das ist eine gute Idee.“ Ich folge Victoria in den Salon, wo jetzt die Jalousien unten sind.
„Möchten Sie einen Scotch?“, erkundigt sich Victor, bereits auf dem Weg zur Bar.
„Nein, heute nicht. Im Büro gab es eine Geburtstagsfeier und ich möchte meinen Alkoholpegel nicht weiter hochtreiben.“
„Oh. Okay, dann …“
„Moment mal!“, ruft Victoria. „Bevor wir weitermachen, möchte ich klarstellen, dass ich diesen Wahnsinn nicht länger mitmachen werde! Ich werde ausziehen!“
„Warum denn?“, frage ich erstaunt.
„Warum? Das fragen Sie noch!? Sehen Sie sich den doch an! Ich habe ihn vor zwei Jahren zu Grabe getragen, er müsste von den Würmern zerfressen sein!!“
„Ja, aber dafür sieht er doch eigentlich ganz gut aus.“
„Was?!?“, kreischt sie. „Halten Sie das alles irgendwie für einen Scherz?!“
„Nein, keineswegs. Mir ist der Ernst der Lage durchaus bewusst. Aber dieser Mann ist aus Fleisch und Blut wie Sie. Wenn Sie nicht wüssten, dass er gestorben ist, würden Sie es nicht merken.“
„Ich weiß es aber!“
„Trotzdem, er ist jetzt … sozusagen im alten Zustand. Bevor er starb. So eine Art Hard-Reset.“
Victoria starrt mich an und sieht aus, als würde sie sich gleich auf mich stürzen. Ihr Mann bewahrt sie vor dieser Dummheit, indem er zu ihr tritt und ihr ein Glas mit irgendetwas Alkoholischem darin reicht.
„Trink das, mein Schatz. Fiona ist eine Kriegerin.“
Sie mustert ihn, dann nimmt sie mit mürrischem Gesichtsausdruck das Glas und kippt den Inhalt hinunter.
„Ja, und? Was bedeutet das?“
„Dass sie viel stärker und schneller ist als normale Menschen. Es wäre also keine gute Idee, sie anzugreifen.“
„Habe ich das getan? Nein. Na also!“
Ich wende mich grinsend ab und wandere zur Couch. Während ich mich fallen lasse, erkundige ich mich: „Sagen Sie, Victor, welche Lösung haben Sie gefunden?“
„Ja, also …“ Er folgt mir und setzt sich am anderen Ende der Couch. „Ich könnte bei dem Unfall so schwer verletzt worden sein, dass ich mein Gedächtnis verloren habe. Es hat so lange gedauert, bis ich …“
„Und wer ist dann in Ihrem Sarg beerdigt worden?“
„Ein Freund, der mit mir im Auto saß.“
Ich mustere ihn.
„Ja, ist ja schon gut, der Plan ist nicht besonders gut durchdacht.“
„Freundlich ausgedrückt.“
„Aber was ist mit meiner Idee von gestern? Dass ich gar nicht im Wagen war, weil ich ihn kurzfristig verliehen habe? Und weil der Körper ziemlich … äh, demoliert wurde beim Unfall, hat niemand gemerkt, dass ich das gar nicht war. Ich meine, eine DNA-Probe hätte das aufgedeckt, aber es gab ja keinen Grund zu zweifeln.“
„Und wer wird seitdem vermisst?“
„Öh … darüber habe ich natürlich auch schon nachgedacht. Es könnte ein Kumpel von mir gewesen sein, der im Ausland wohnt. Er ist für ein paar Tage nach Skyline gekommen und brauchte dringend ein Auto …“
„Victor, wer soll Ihnen den Schwachsinn abkaufen?“
Er senkt den Blick. „Ich will nicht zurück. Nicht jetzt. Ich lebe doch. Habe Herzschlag, Blutdruck, Gefühle. Wollen Sie mich wirklich wieder töten?“
Ich schüttele den Kopf. „Nein, das will ich nicht. Habe nie gesagt, dass ich das will. Dennoch brauchen wir eine vernünftige Lösung. Sie können nicht einfach in Ihr altes Leben zurück.“
„Und wie soll die aussehen?“
„Wir fragen jemanden, der mit so was mehr Erfahrung hat als ich.“
Überrascht blickt er mich an.
„Es gibt noch mehr wie mich?“
„Sieht ganz danach aus“, erwidere ich nickend. „Gar nicht so weit weg von hier gibt es eine Geschäftsstelle von … Ich kann mir diesen Scheißnamen nicht merken!“ Ich hole den Ausdruck aus der Hosentasche. „Nodus Sinuatrialis.“
„Bitte, was?“
„Das ist lateinisch und heißt Sinusknoten.“
„Sinusknoten? Ernsthaft jetzt?“
Ich nicke schon wieder. „Ja. Passt doch, oder? Da gibt es noch mehr Wiederkehrer. Ich vermute, die haben die ein oder andere Idee, was wir mit Ihnen anfangen sollen.“
„Und da haben Sie einen Termin ausgemacht?“
„Einen Termin?“ Ich starre ihn entgeistert an. „Nein, wir gehen einfach hin. Jetzt.“
„Jetzt?“
„Ja.“
„Werde ich hierher zurückkommen?“
Ich zucke die Achseln. „Keine Ahnung. Sie sind mein erster derartiger Fall, Victor.“ Ich blicke Victoria an, die auf einem Stuhl in der Essecke sitzt und apathisch vor sich hinstarrt. „Sie kommen auch mit, Victoria.“
„Ich?“ Sie hebt den Kopf und stiert mich an. „Wieso denn?“
„Es ist immerhin Ihr Mann, um den es geht. Sie müssen ihn ja mal geliebt haben. Außerdem geht es Sie auch ganz praktisch was an, wie es weitergeht.“
„Er ist tot“, flüstert sie. „Ich habe um ihn getrauert. Erst war ich wütend. Wütend auf Gott, wütend auf das Schicksal. Dann kam die Einsamkeit. Und irgendwann habe ich mich aufgerafft, habe angefangen, mein Leben zu leben. Ja, ich habe ihn geliebt. In einem früheren Leben.“
„Das tut mir leid.“ Ich wende mich an Victor: „Zwei Jahre sind eine lange Zeit.“
„Ich weiß. Ich … In der Verborgenen Welt gibt es keine Zeit. Ich dachte wohl irgendwie, ich komme hier an und alles ist wie früher. Mir war gar nicht klar, was zwei Jahre bedeuten können.“
„Kommt darauf an, für wen. In der Verborgenen Welt sind zwei Jahre wie ein Wimpernschlag. – Nun, hilft alles nichts. Wir nehmen meinen Wagen.“
„Muss ich mich umziehen?“, fragt Victoria, während sie sich mühsam erhebt.
„Keine Ahnung. Entscheiden Sie selbst, welchen Eindruck Sie machen wollen.“
„Meinen Sie, das ist den Zombies wichtig?“
„Ich bin kein Zombie!“, entfährt es Victor. „Wann akzeptierst du das endlich?“
„Gar nicht“, erwidert Victoria und geht aus dem Salon.
Victor blickt mich an. Ich zucke nur die Achseln.
Victoria kommt paar Minuten später umgezogen wieder und wir machen uns auf den Weg.

Dekadent. Das Wort kommt mir spontan in den Sinn, als wir auf die Auffahrt abbiegen und das Gebäude erblicken, in dem Nodus Sinuatrialis seinen Vereinssitz hat.
„Ist ja ziemlich dekadent“, bemerkt Victor, der neben mir sitzt.
„Tote sind immer dekadent, wenn sie durch die Gegend laufen!“, erwidert Victoria von hinten.
„Meine Liebe, das wird allmählich doch langweilig“, stellt Victor fest.
„Dann geh doch zurück in deine Gruft, wenn es dich nervt!“
Er schüttelt den Kopf und verzichtet auf eine weitere Diskussion. Was ich für eine weise Entscheidung halte.
Ich parke den Wagen neben einem wuchtigen Geländewagen aus England. Beim Aussteigen sehe ich mich neugierig um. Die Gegend ist vornehm, wie es sich für Newvil gehört, wobei wir uns in einer der älteren Ecken Newvils befinden, die noch nicht so von Neureichen überbevölkert wird wie der Rest des Vorortes. Ich werfe einen Seitenblick auf Victor, der vor seinem Tod zu den typischen Vertretern der Yuppies gehört hat. Börsenjunkie.
Die schwere Metalltür mit zwei Flügeln ist nicht abgeschlossen; ich halte sie den beiden Burtons auf, damit sie nicht von der zurückschwingenden Tür erschlagen werden. Nicht auszudenken, wenn Victoria auch zum „Zombie“ würde. Der reinste Horror.
Der Raum, in den wir gelangen, ist mit geräuschdämpfendem Teppich ausgelegt und wirkt nicht weniger edel als das Ambiente draußen. Hinter einem riesigen, massiven Schreibtisch, auf dem genug Platz zum Tennis spielen ist, sitzt eine Frau etwa mittleren Alters. Im Anbetracht der Umstände bin ich mir nicht ganz sicher, wie ich ihr Alter abschätzen soll.
Sie blickt uns freundlich durch eine randlose Brille entgegen und lächelt dabei professionell. Ich weiß nur, wenn bei CSE am Empfang die Damen so lächeln würden, hätte ich sie schon längst auf einen Selbsterfahrungskurs geschickt.
Aber vielleicht ist das in einem Verein, der vorgibt, Herzinfarktüberlebenden ins Leben zurück zu helfen, eher angebracht. Ich glaube es zwar nicht, aber ich bin ja auch keine Herzinfarktüberlebende und werde es auch nie sein.
„Guten Abend und herzlich willkommen bei Nodus Sinuatrialis“, sagt sie mit einer überraschend angenehm temperierten Stimme. „Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Hi“, erwidere ich bewusst schnodderig. „Wir sind hier, um einen Knoten zu lösen.“
„Wie bitte?“
Auch meine Begleiter wirken etwas irritiert.
„War ein Scherz“, erkläre ich.
Endlich versteht sie und ein zweites Lächeln überlagert das erste auf ihrem Gesicht. „Ich verstehe. Nun, wenn ich kann, bin ich Ihnen selbstverständlich dabei behilflich.“
„Das ist schön. Wir hätten gerne den Chef gesprochen … Moment …“ Ich hole den Mailausdruck hervor, auf dem alles Wichtige steht. „Mr. Peter Wolf.“
„Mr. Wolf ist in einem Meeting“, erwidert das personifizierte Lächeln. „Ich nehme an, Sie haben keinen Termin.“
„Richtig angenommen, Miss …“
„Verzeihen Sie meine Unhöflichkeit. Ich bin Virginia Wolf, die Tochter von Mr. Wolf.“
„Trifft sich gut“, sage ich und schenke ihr ein Lächeln.
„Möchten Sie denn Informationsmaterial über unsere Arbeit mitnehmen?“ Sie greift elegant hinter sich und holt ein Päckchen mit bunten Broschüren nach vorne. „Ist jemand von Ihren Begleitern betroffen?“
„Das kann man wohl so sagen“, bestätige ich.
„Ich verstehe. Das ist natürlich ein großer Einschnitt im Leben eines Menschen. Aber man hat ja Glück gehabt und den Herzinfarkt überlebt …“
„Hat man nicht“, unterbreche ich sie. „Miss Wolf, ich schlage vor, wir lassen dieses Geplänkel und kommen zur Sache.“
Sie sieht mich ausdruckslos an. „Ich fürchte, ich verstehe Sie nicht, Miss …?“
„Mrs. Flame. Fiona Flame.“
„Also, Mrs. Flame, ich fürchte, ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.“
„Natürlich wissen Sie das, so wie Sie ja auch wissen, dass Ihr Vater ein Wiederkehrer ist.“
„Noch ein Zombie!“, entfährt es Victoria.
„Ein Wiederkehrer? Was genau meinen Sie damit? Es gibt natürlich einige Mitglieder, die bei ihrem Herzinfarkt eine Nahtoderfahrung hatten, aber ich glaube, Wiederkehrer ist nicht der passende Ausdruck dafür.“
„Ich meinte ja auch die Wiederkehrer, die schon richtig und ganz tot waren und es geschafft haben, ihren Körper zu reaktivieren.“ Ich werfe einen Blick auf Victor. „Wie auch immer sie es geschafft haben.“
„So was gibt es nicht“, erklärt Virginia Wolf ruhig.
„Natürlich gibt es das. Auch wenn ich zugeben muss, dass mir dieses Phänomen neu ist. Aber ich bin lernfähig und habe akzeptiert, dass es selbst in Skyline einige Hundert Wiederkehrer gibt. Und Ihr Vater gehört dazu, was Ihnen bekannt sein wird.“
„Aha. Und Sie denken, Sie kennen einen Wiederkehrer?“
„Das denkt sie nicht nur, das weiß sie sehr genau.“
Miss Wolf schwenkt ihren Blick von mir zu Victor. „Und woher?“
„Weil ich vor zwei Jahren bei einem Unfall gestorben und gestern wiedergekehrt bin.“
Miss Wolf mustert ihn nachdenklich, dann nimmt sie Victoria unter die Lupe.
„Das ist die Witwe“, sage ich. „Die ehemalige Witwe, um genau zu sein.“
„Und wie kommen Sie ins Bild, Mrs. Flame?“
„Ich bin eine Kriegerin.“
Ihre Gesichtszüge entgleisen nur kurz, aber dafür umso nachdrücklicher. Doch sie fängt sich schnell wieder.
„Eine Kriegerin? Sie, Fiona Flame?“
„Überraschung!“, erwidere ich grinsend. „Also, können wir jetzt endlich mit Ihrem Vater sprechen?“
„Ich … ich bin mir nicht sicher, ob er noch da ist. Ich schaue mal nach.“
Als sie aufsteht, stelle ich mich ihr in den Weg. „Miss Wolf, vorhin war er noch im Meeting. Wenn ich wollte, würde ich einfach in sein Büro marschieren, aber das ist meistens nicht meine Art. Zumal ich Ihrem Vater nichts will. Mir geht es nur darum, Victor Burton zu helfen, mit seinem neuen, ungeplanten Leben zurechtzukommen und ich glaube, Ihr Verein kann ihn dabei unterstützen. Als Kriegerin habe ich nichts gegen Wiederkehrer.“
„Wirklich nicht?“, fragt sie leise und senkt den Blick. „Wir haben durchaus von Vorfällen gehört, wo Krieger Wiederkehrer getötet haben.“
„Das ist bedauerlich, aber ich bezweifle, dass sie es ohne triftigen Grund getan haben. Auch Wiederkehrer können Dinge tun, die ein Krieger als Störung des Gleichgewichts einstufen kann, dann muss er handeln. Die Tatsache, ein Wiederkehrer zu sein, stellt für mich jedenfalls keine Störung des Gleichgewichts dar. Ich habe nicht vor, Ihrem Vater zu schaden. Allerdings hasse ich es, verarscht zu werden. Das kann mein persönliches seelisches Gleichgewicht sehr empfindlich stören und dann reagiere ich nicht immer nachvollziehbar.“
Ich betrachte sie, die immer mehr zu einem Häuflein Elend mutiert. Eigentlich ist sie eine hübsche Anfangdreißigerin, zumindest dem Anschein nach. Gekleidet in einen braunen Zweiteiler, Strümpfe und Lackschuhe mit zwar hohen, aber nicht schwindelerregenden Absätzen wirkt sie sogar seriös und dürfte geeignet sein, normale Menschen, die den Verein für das halten, was er vorgibt zu sein, zu täuschen. Aber mit mir ist sie eindeutig überfordert.
„Es tut mir leid“, murmelt sie und starrt den Boden an. „Darf ich an Ihnen vorbei? Ich frage meinen Vater …“
„In Ordnung. Aber nicht weglaufen. Bin sowieso schneller.“
Sie nickt und zwängt sich an mir vorbei, dann geht sie durch eine schwere Holztür, vielleicht Mahagoni. Dekadent wirkt sie auf jeden Fall.
„Sie haben ihr ja ganz schön Angst gemacht“, stellt Victoria fest. „Hoffentlich kriegt der Zombie-Vater keinen Herzinfarkt!“
„Das wäre eine ziemliche Ironie“, erwidere ich grinsend, dann wende ich mich an Victor: „Ich habe das Gefühl, Sie werden sich von Ihrem früheren Leben verabschieden müssen.“
„Glauben Sie, das wird man mir hier raten?“
„Den Eindruck habe ich, ja.“ Ich nehme die Broschüren vom Schreibtisch und blättere sie durch, während wir warten.
Weit komme ich nicht, bis die Tür wieder aufgeht und Virginia Wolf zurückkehrt. Ein hochgewachsener, grauhaariger Mann begleitet sie. Er kommt mir bekannt vor, aber mir fällt nicht ein, wo ich ihn schon mal gesehen haben könnte.
Er kommt auf mich zu und hält mir die Hand hin, die ich ergreife.
„Miss Flame, eine Überraschung, Sie hier begrüßen zu dürfen. Ich bin Peter Wolf.“
„Die Überraschung ist ganz auf meiner Seite. Meine Begleiter sind Victoria und Victor Burton.“
Peter Wolf begrüßt die beiden auch, dann deutet er auf die Tür, durch die er gekommen ist. Seine Tochter folgt uns.
„Darf ich Ihnen etwas anbieten? Vielleicht Kaffee?“
„Ich nehme einen“, erwidere ich. Victoria schüttelt den Kopf, Victor möchte ein Glas Wasser.
Virginia geht wieder nach draußen.
Nachdem wir uns alle gesetzt haben, blickt Wolf mich an und sagt ruhig: „Sie haben meiner Tochter einen ganz schönen Schreck eingejagt. Sie hat keine besonders gute Meinung von Kriegern, fürchte ich.“
„Schwarze Schafe gibt es überall.“
„Gewiss. Ich gebe zu, ich bin überrascht, dass Fiona Flame eine Kriegerin ist. Obwohl Sie ja durchaus bewiesen haben, dass Sie kämpferisch veranlagt sind.“
„Und dabei wusste ich zu der Zeit noch nicht, dass ich eine Kriegerin bin.“
„Das denke ich mir, denn wenn Sie es gewusst hätten, hätten Sie sich vermutlich anders verhalten.“
„Mit Sicherheit.“
Die Tür geht auf und Virginia kommt mit den Getränken. Sie serviert sie stumm, dann setzt sie sich in der Nähe ihres Vaters. Im Vergleich zu ihrem selbstbewussten Auftreten zu Beginn unserer Begegnung wirkt sie im Moment sehr unsicher und verloren.
„Dann kommen wir doch zur Sache“, fährt Peter Wolf fort. „Was kann ich für Sie tun? Meine Tochter hat angedeutet, dass Mr. Burton … schon einmal tot war?“
„Und wie ich tot war!“, erwidert dieser. „Bis ich dann erfahren habe, dass diese ganze Gefrorene Welt eine Illusion ist und eine einzige Verarsche!“
„So würde ich das nicht nennen“, sagt Peter Wolf ruhig. „Diese Illusion hat durchaus einen Zweck.“
„Welchen denn?“
„Wir sind nicht hier, um die philosophischen Aspekte des menschlichen Daseins zu diskutieren“, unterbreche ich.
„Zumal es keineswegs nur um Menschen geht.“ Peter Wolf lächelt sanft.
„Ich weiß, aber auch darum geht es nicht.“
„Was soll das bedeuten?“, kreischt Victoria. „Wollen Sie damit andeuten, dass es diese … diese Zombies nicht nur auf der Erde gibt? Oder dass auch Tiere …?“
Ich seufze. „Victoria, Sie werden akzeptieren müssen, dass die Welt aus mehr als nur Modezeitschriften und Hollywoodstars besteht. Die Erde ist nicht mehr als ein Fixpunkt unter vielen im Universum. Wie auch immer, Victor, ich möchte jetzt wirklich nicht über existenzphilosophische Aspekte des Universums diskutieren, zumal ich befürchte, dass Sie nur einen kleinen Ausschnitt der Wahrheit wissen.“
„Und Sie wissen mehr?“
„Ich bin eine Kriegerin.“
„Dann wissen Sie vermutlich auch vom Statthalter?“, fragt Peter Wolf.
„Wissen? Machen Sie Witze? Ich hatte schon mehrmals das Vergnügen, mich mit ihm unterhalten zu dürfen.“
„Das hört sich an, als wäre es eigentlich das Gegenteil eines Vergnügens gewesen.“
„Ansichtssache“, murmele ich. „Lassen wir das. Wir haben hier ein ganz konkretes Problem und mein Gefühl sagt mir, dass Sie im Umgang mit dieser Art von konkreten Problemen mehr Erfahrung haben als ich.“
„In der Tat“, bestätigt Peter Wolf nickend. „Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass das Wiederkehren manchmal … unerwünschte Nebenwirkungen hat.“
„Unerwünschte Nebenwirkungen?“, wiederholt Victor und starrt ihn entsetzt an.
„Nun ja, Sie dürfen nicht vergessen, dass der menschliche Geist auf ein Leben programmiert ist. Mrs. Flame wird sicherlich bestätigen können, dass es einiges an Arbeit bedarf, als Mensch mit dem Wissen um das, was jenseits der Grenzen der Gefrorenen Welt liegt, umgehen zu lernen …“
„Das stimmt.“
„Krieger sind aber Seelen, die sich diese Aufgabe gezielt ausgesucht haben, das erleichtert die Eingewöhnung. Wenn ich das mal so sagen darf. Wiederkehrer verletzen die Spielregeln und überschreiten Grenzen, die eigentlich nicht ohne Konsequenzen überschritten werden dürfen.“
„Ach?“, sage ich. „Wie sehen diese Konsequenzen denn aus?“
„Das ist unterschiedlich, Mrs. Flame. Meistens geht es darum, dass Wiederkehrer nicht mehr in ihr altes Leben zurück können und eine neue Identität annehmen müssen. Meine Tochter und ich zum Beispiel sind vor fünf Jahren bei einem Hausbrand ums Leben gekommen und leben seitdem ein sehr zurückgezogenes Leben als Hinzugezogene. Wenn jemand sich sehr viel Mühe gebe, könnte er herausfinden, dass wir eigentlich niemals geboren wurden. Zumindest nicht als Virginia und Peter Wolf.“
„Ich glaube, ich weiß wer Sie waren“, sage ich nachdenklich. „Sie kamen mir vorhin schon irgendwie bekannt vor.“
„Ich würde es sehr schätzen, wenn Sie dieses Wissen für sich behalten würden, Mrs. Flame.“
Ich schenke ihm ein Lächeln, denn für einen anerkannten Wissenschaftler, der Nahtoderfahrungen ausschließlich ins Reich der Biochemie verfrachtet hat, muss die Erkenntnis, da sehr falsch gelegen zu haben, ein Kulturschock gewesen sein. Es erklärt aber auch, warum er sich so sehr für Wiederkehrer einsetzt.
„Selbstverständlich, Peter.“
„Danke, Fiona.“ Er lächelt auch, also hat er verstanden.
„Ihr habt mich abgehängt, glaube ich“, beschwert sich Victor. „Wovon redet ihr?“
„Ich weiß jetzt, wer Peter Wolf mal war und warum er jetzt Peter Wolf ist“, erkläre ich, wohlwissend, damit keineswegs zur Entwirrung von Victor beizutragen. „Mich interessiert sehr, welche Probleme es noch geben kann.“
„Nun, schwierig wird es dann, wenn einem Wiederkehrer klar wird, über welche Macht er verfügt.“
Ich verstehe sofort. Logisch. Wiederkehrer haben hinter die Grenzen geblickt und waren in der Lage, mindestens einmal ihr erweitertes Wissen anzuwenden, als sie nämlich ihren Körper reaktiviert haben. Und auch wenn sie eigentlich Menschen wie vor ihrem Tod sind oder werden, haben sie den Menschen, die noch vor ihrem physischen Tod stehen, eines voraus: Sie durchschauen die Illusion.
„Wie oft kommt das vor?“
„Nicht oft. Ein Wiederkehrer weiß nicht nur, über welche Macht er verfügt, er weiß auch, welche Konsequenzen es hat, wenn er diese Macht auch nutzt.“
„Zum Beispiel, dass Krieger ihn töten wollen.“
„Zum Beispiel.“
„Ich finde das richtig, dass diese Zombies wieder dahin zurückbefördert werden, wohin sie gehören.“ Victoria schon wieder.
„Wiederkehrer sind keine Zombies, sondern Menschen wie Sie“, erklärt Peter geduldig. „Bis auf die Tatsache, dass sie die Illusion erkennen, unterscheidet sie nichts, aber auch gar nichts, von anderen Menschen.“
„Ja, sicher.“
Peter blickt mich fragend an und ich zucke die Achseln. „Sie müssten es doch kennen, dass Angehörige damit nicht umgehen können.“
„Nun, es ist eher selten, dass Angehörige von einer Wiederkehr erfahren. Und die meisten sind dann glücklich über die hinzugewonnene Zeit.“
„Ich nicht!“
„Victoria, würdest du jetzt endlich bitte deine Fresse halten!?“
Drei Augenpaare richten sich entgeistert auf Victor, eines empört.
„Von einem Zombie lasse ich mir nichts befehlen!“
„Der Zombie bist du hier, dein Gehirn ist offenbar außer Betrieb, wahrscheinlich seit der Geburt schon!“
Victoria schnappt nach Luft, Virginia bekommt einen Lachanfall, Peter lächelt sanft und ich überlege, ob ich dazwischengehen soll.
Nachdem sich alle wieder beruhigt haben, sagt Peter in der von ihm gewohnten Ruhe: „Ich glaube, ich kann einen Vorschlag unterbreiten, der alle Interessen berücksichtigen dürfte.“

„Als meine Tochter und ich wiederkehrten und feststellten, dass es noch mehr wie uns gibt und wahrscheinlich immer gegeben hat, beschlossen wir, unser neues Leben für etwas Sinnvolles, für etwas Wichtiges zu nutzen.“ Peter erhebt sich und geht zum Fenster. „Mrs. Burton, Wiederkehrer sind alles andere als Zombies, aber ich darf Ihnen versichern, es gibt sie ebenfalls, die Zombies. Und ich darf Ihnen ebenfalls versichern, eine Begegnung mit ihnen würden Sie niemals vergessen, nicht für den kurzen Rest Ihres Lebens.“
„Was meinen Sie damit?“, erkundigt sich Victoria, während die Zornesröte in ihrem Gesicht einer deutlich helleren Farbe weicht.
„In der Verborgenen Welt gibt es all das, was Menschen sich jemals vorgestellt haben“, erkläre ich. „Und auch wenn sie nur einen kleinen Teil der Verborgenen Welt ausmachen, wobei Zeit und Raum in der Verborgenen Welt keine uns gewohnte Bedeutung haben, sind sie uns am Nächsten, denn sie entstanden aus uns, den Menschen. Und viele von ihnen sind … nun ja, nicht unsere Freunde.“
„Um es mal vorsichtig auszudrücken“, ergänzt Peter lächelnd. „Es ist daher sehr gut, dass sie in der Verborgenen Welt sind.“
„Dann sollen sie doch da bleiben, wo ist das Problem?“
„Das Problem, Victoria, ist, dass die Grenze zwischen der Verborgenen Welt und der Gefrorenen Welt die Illusion ist. Die Illusion der Gefrorenen Welt. Und auch wenn sie die materielle Welt schon seit Jahrtausenden zusammenhält, ist sie in Wahrheit ziemlich zerbrechlich. Wenn Menschen träumen, überschreiten sie diese Grenze, verliert die Illusion ihre Kraft und wir begegnen unseren tiefsten und dunkelsten Ängsten. Können Sie sich vorstellen, was es bedeuten würde, wäre diese Grenze plötzlich weg und die Gestalten aller Albträume aller Menschen seit Anbeginn der Zeit hätten ungehinderten Zugang zu unserer Welt? Wobei, meine Welt ist es nur teilweise, aber ich bin ja auch eine Kriegerin.“
„Sie waren vermutlich schon in der Verborgenen Welt“, bemerkt Victor.
„Ab und zu.“
„Und was hat all das mit uns zu tun?“, fragt Victoria. Sie wirkt ruhiger als vorhin noch. Vielleicht beginnt sie endlich zu begreifen.
„Nun“, setzt Peter an, während er immer noch am Fenster steht, „trotz alldem ist die Verborgene Welt durchaus faszinierend und schön, insbesondere im Vergleich zu den Einschränkungen und Entbehrungen, die uns das materielle Dasein, ich möchte fast sagen, das materielle Gefängnis, aufzwingt. Der Tod ist nichts Schlimmes, sondern letztlich der Entlassungsschein. Das ist natürlich nur schwer zu vermitteln, obwohl es durchaus eine immer größer werdende Bewegung gibt, deren Mitglieder zumindest ahnen, dass die aufgeklärte Welt nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Aber natürlich erliegen auch sie gerne den Verlockungen der Materie und nutzen die Sehnsüchte der Menschen aus, um Geschäfte zu machen. Wie dem auch sei, wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, ein wenig Licht ins Dunkle zu bringen, und gründeten eine Kirche, die wir Aeternumen nannten.“
„Ein aussprechbarer Name wäre vielleicht sinnvoll gewesen“, bemerke ich.
Peter mustert mich kurz mit einem Anflug von Missbilligung, dann lächelt er. „Nun, für Sie ist sie ja nicht gedacht, Fiona.“
„Was für ein Glück. Immer wenn ich zur Messe ginge, müsste ich erst nachlesen, wie die Kirche heißt.“
Offenbar finden es nicht alle witzig, denn Victoria fährt mich an: „Sie sind ja wirklich so was von blond und das typische Beispiel für Menschen, die nicht mit dem Kopf denken!“
„Womit denke ich denn?“, erkundige ich mich amüsiert.
„Was weiß ich? Da Sie keine furchterregenden Muskeln besitzen, wahrscheinlich mit der Fotze!“
„Victoria!“, ruft Victor entsetzt.
„Was? Seitdem die bei uns aufgetaucht ist, gibt es nur Ärger! Überhaupt, sie war sogar vor dir da! Vielleicht hat sie dich zu uns geführt!“
„Wer ist hier blond?“, entfährt es Viriginia.
„Ich nicht!“
„Ruhe jetzt!“ Ich kann auch laut. Ziemlich laut sogar. Alle erstarren. Ich stehe auf und gehe zu Peter. „Welchen Vorschlag wollten Sie eigentlich unterbreiten, der alle Interessen berücksichtigt?“
Peter wirft einen Blick in die Runde, dann mustert er mich. „Nun, ich denke, sein altes Leben weiterzuführen ist für Victor Burton keine Option. Dazu müsste mindestens seine Frau mitspielen, und das erscheint mir etwas unwahrscheinlich. Außerdem weiß ich aus eigener Erfahrung, wie sehr das Wissen darum, dass die Welt mehr ist als nur ein paar Atome, die Gedanken beherrscht. Irgendwann wird es zur Besessenheit. – Victor, schließen Sie sich uns an. Bei uns brauchen Sie sich weder zu verstecken noch zu verstellen. Unsere Kirche kann Menschen wie Sie gut gebrauchen.“
Bleiern schwere Stille legt sich über den Raum. Selbst Victoria schafft es mal, keinen ihrer wenig hilfreichen Kommentare abzugeben. Alle beobachten Victor, der einen unsichtbaren Punkt des Universums, der sich zufällig grad in dieses Büro verirrt hat, anstarrt.
Endlich hebt er den Kopf. „Vermutlich haben Sie recht, Peter, und ich sollte Ihr Angebot annehmen. Welche Wahl habe ich denn auch?“
„Die realistisch gesehen zur Verfügung stehenden Optionen sind relativ überschaubar“, erwidere ich.
Er lächelt. „Vorsicht, Sie zerstören das Vorurteil meiner Frau über Sie, Fiona.“
„Passiert mir öfter.“
Ich habe Respekt vor Architekten. Und ich habe Respekt vor Handwerkern, die deren Vorstellungen so präzise umsetzen wie die Handwerker, die dafür gesorgt haben, dass die schwere Holztür, wahrscheinlich Mahagoni, des Büros, in dem wir uns befinden, wirklich, wirklich schalldicht ist.
In beiden Richtungen.
Blöd nur, dass nicht einmal ich rechtzeitig mitbekomme, was da passiert. Das heißt, als die Tür aufgerissen wird und ziemlich viele Menschen ins Büro stürzen, bekomme ich das mit, aber es ist eigentlich zu spät.
Da die Neuankömmlinge in Kampfanzüge gekleidet und bewaffnet sind, reagiere ich mehr oder weniger reflexartig. Meine einzige Waffe ist mein Körper, aber diese nachweislich ziemlich effektiv.
Den Ersten erwisch ich mit einem Aufwärtstritt und schnappe mir bei der Gelegenheit seine Pistole. Dann fahre ich herum und starre in eine Mündung.
Verflucht, das sind keine gewöhnlichen Menschen und sie bewegen sich verdammt schnell!
„Schön sauber bleiben“, sagt das Gesicht, das zu der Mündung gehört.
„Heute Morgen habe ich geduscht“, erwidere ich. Meine Pistole zeigt auf die Stirn in dem sprechenden Gesicht. In Filmen ist das immer eine klassische Pattsituation. Hier und jetzt, in meiner Realität, bin ich mir dessen nicht so sicher. Ich bin unsterblich, mein Gegner auch?
Doch eigentlich ist nicht diese Frage entscheidend. Die entscheidende Frage lautet: Will ich, dass andere, unschuldige Menschen sterben? Victoria, Victor, Peter, Virginia? Sie alle haben ebenfalls mindestens eine Waffe auf sich gerichtet.
Und dann sind da noch weitere Neuankömmlinge, überwiegend Männer. Insgesamt etwa zwanzig, wie eine schnelle Zählung ergibt.
„Ach ja? Umso hässlicher würden die Blutflecken wirken.“
„Oh ja, das ist wohl wahr.“ Ich mustere ihn. Er ist grob geschätzt Anfang bis Mitte Dreißig. Südländischer Typ mit braunen Locken. „Ich habe nicht das Gefühl, dass du schon wieder sterben möchtest.“
„Oh, du scheinst eine ganz Schlaue zu sein“, erwidert er spöttisch. „Aber du hast natürlich recht, Wiederkehren ist nichts, was auf Knopfdruck und immer funktioniert. Es ist ein bisschen wie Russisches Roulette. Von daher würde ich es mir gerne ersparen. Und deinen Freunden auch!“
„Wer sagt denn, dass es meine Freunde sind?“ Ich wende den Blick nicht von ihm.
„Weil du mit ihnen zusammen hier gesessen hast“, zischt er.
Ich hasse solche Diskussionen. Ich könnte ihn töten und einige weitere. Irgendeine Kugel würde mich dann erwischen. Und vermutlich nicht nur mich. Ich würde irgendwann wieder auferstehen, die anderen nicht.
Ich beschließe, dass so ein Massaker eine empfindliche Störung des Gleichgewichts darstellen würde, und lasse die Waffe sinken.
„Eine weise Entscheidung“, sagt mein braungelockter Freund, nimmt mir die Pistole ab und schubst mich zu den anderen. „Wenn alle schön vernünftig bleiben, passiert niemanden was. Okay, alles gesichert?“
„Gesichert!“, ruft jemand von der Tür. „Wir sind allein!“
„Sehr schön.“ Er wendet sich wieder uns zu. „Setzt euch einfach alle mal hin.“
Ich lasse mich auf einen der durchaus bequemen Stühle fallen, lehne mich zurück und kreuze die Beine. Die anderen folgen, wenn auch etwas zögerlich, meinem Beispiel.
„Sehr schön“, sagt der Südlandische. „Wie schon erwähnt, geschieht niemandem etwas, wenn ihr nicht versucht die Helden zu spielen. Von euch will ich gar nichts.“
„Was willst du denn, Hugh?“, fragt Peter, mit der vertraulichen Anrede meinen Verdacht bestätigend, dass die Eindringlinge keine Fremde sind.
„Die Liste“, antwortet Hugh.
Peter schüttelt den Kopf. „Das ist ausgeschlossen und das weißt du auch.“
Bevor Hugh antworten kann, ertönt mal wieder Victorias schrille Stimme: „Sind das etwa auch Zombies?“
„Zombies?“, fragt Hugh mit großen Augen.
„Wiederkehrer“, helfe ich bereitwillig aus.
„Oh ja, werte Dame, wir sind Wiederkehrer. Haben Sie etwa ein Problem damit?“ Hugh beugt sich vor und lächelt Victoria an.
„Terror-Zombies! Ihr seid Terror-Zombies!“
Sie ist wirklich kreativ, das muss ich neidlos anerkennen.
Hugh sieht das allerdings anders. Nach einem kurzen Moment schreit er sie plötzlich an: „Hinsetzen! Klappe halten!“
Victoria, die, wohl vor Aufregung, vorhin aufgesprungen ist, lässt sich mit geweiteten Augen wieder sinken und sagt tatsächlich nichts mehr. Anscheinend ist ihr gerade klar geworden, dass die Terror-Zombies möglicherweise beleidigt reagieren könnten. Zumindest macht Hugh nicht den Eindruck, als würde ihn die Bezeichnung als Terror-Zombie kaltlassen.
„Gut“, sagt Hugh. „Nachdem nun auch das geklärt ist, können wir uns jetzt mit den wichtigen Dingen beschäftigen. Zum Beispiel mit der Liste!“
„Es gibt keine Liste“, erwidert Peter ruhig.
Hugh richtet seine Pistole plötzlich auf ihn. „Wirklich nicht? Auch nicht, wenn ich dich erschieße?“
„Dann erst recht nicht.“ Peter wirkt immer noch ruhig. Ich habe das Gefühl, seine Ruhe ist nicht gespielt.
„Und warum nicht, Professor?“
„Weil biometrische Angaben von mir notwendig sind, um an die Liste zu kommen. Auch solche, über die ich tot nicht mehr verfüge.“
„Hm. Ob ich das glauben soll?“
„Er könnte die Wahrheit sagen!“, wirft einer von seinen Begleitern ein, die bislang schweigend die Diskussion beobachtet haben. „Wenn eine Stimmprobe von ihm notwendig ist, dann brauchen wir ihn lebend.“
Hugh nickt. „Ja, das könnte natürlich sein. Nun, aber wir könnten seine Tochter erschießen.“
„Mich?“ Victoria sinkt noch mehr in sich zusammen.
„Dann kommt ihr ebenfalls nicht an die Liste.“
„Sag bloß, ihre biometrischen Daten sind ebenfalls notwendig.“
„Genau so ist es“, bestätigt Peter. „Der Tresor ist doppelt gesichert. Und es sind mehrere biometrischen Daten notwendig. Stimme, Iris und Fingerabdruck. Selbst wenn du uns also die Augen rausschneidest und die Finger abschneidest, nützt dir das nichts, denn unsere Stimmen würden dann garantiert nicht mehr zu den Proben passen.“
„Ich glaube, du lügst uns an, um euch zu retten.“
„Kannst du es dir erlauben zu riskieren, dass ich doch die Wahrheit sage?“
Faszinierend. Ich bewundere den wiedergekehrten Professor. Seine Kaltblütigkeit ist geradezu unglaublich.
„Kann mich jemand auufklären, um was es hier geht?“, erkundige ich mich.
Hugh starrt mich an, als würde er mich zum ersten Mal sehen. „Wer bist du eigentlich? Verdächtig, wie ruhig du wirkst. Bist du eine Polizistin?“
„Ach ne, ganz sicher nicht.“ Ich mustere seine Gefährten. Sie scheinen unsicher zu sein. Das sind keine Terroristen. Aber was zum Teufel wollen sie eigentlich? „Mein Name ist Fiona Flame. Und wie heißt du?“
„Hugh Canman. Deine Ruhe ist erstaunlich. Ich glaube, du bist es gewohnt, dass eine Waffe auf dich gerichtet wird.“
„Durchaus.“
„Und dennoch bist du keine Wiederkehrerin.“
„Nein, ich bin kein Zombie.“
„Haha“, sagt Victoria.
„Was ist das eigentlich für eine Sache mit dem Zombie? Ich möchte auch darüber lachen.“
„Ein running gag“, erkläre ich. „Nicht so wichtig, nicht jetzt. Also, was ist hier eigentlich los?“
„Wüsste nicht, was dich das angeht“, erwidert Hugh.
„Eine Menge. Ich bin hier mittendrin.“
„Na und? Verhalt dich ruhig, dann geschieht dir nichts. – Peter, wir bekommen die Liste und …“
„Welche Liste?“, unterbreche ich ihn.
Er starrt mich an. „Du scheinst wirklich keine Angst zu haben. Vielleicht erlaube ich meinen Freunden, sich mit dir zu amüsieren. Dann vergeht dir schon der Übermut.“
Ich mustere seine Freunde und zucke die Achseln. „Ich bin nicht interessiert. Aber wenn sie mich angreifen, wehre ich mich und töte sie.“
„Du tötest sie?“, fragt Hugh fassungslos.
„Was ist das denn für eine?!“, ruft einer seiner Freunde.
Statt einer Antwort schnappe ich mir die Pistole von Hugh und richte sie auf ihn. Etwa 19 Pistolen zielen daraufhin auf mich. Sehr gut.
„Bist du wahnsinnig? Gib mir meine Waffe zurück!“ Er bewegt sich auf mich zu. Ich schüttel den Kopf und drücke den Abzug leicht durch, die Mündung auf seine Stirn gerichtet.
Er bleibt stehen.
„Selbst wenn du mich erschießt, stirbst du“, sagt er dann.
„Aber ich wache kurze Zeit später wieder auf, du nicht“, erwidere ich lächelnd. „Und dann töte ich die nächsten. Solange, bis niemand mehr übrig ist.“
„Scheiße, sie ist eine Kriegerin!“
Ich nicke und mustere Hugh abwartend.
Er leckt sich die Lippen. „Also schön, dann bist du eben eine Kriegerin. Du darfst nicht zulassen, dass den Menschen hier etwas passiert!“
„Ich muss Prioritäten setzen. Und du weißt, dass ich als Kriegerin eigene Entscheidungen treffe. Es ist wichtiger, dass ihr nicht an diese Liste kommt, warum auch immer.“
Nur am Rande registriere ich die entsetzten Gesichter der anderen Geisel. Meine Konzentration ist auf Hugh gerichtet, genau wie meine Waffe. Meine Hand zittert kein bisschen, im Gegensatz zu manch einer anderen, die eine Waffe hält.
„Wir … wir müssen diese Liste haben“, sagt er.
„Was ist das für eine Liste?“
Er schweigt, aber Peter nicht: „Sie enthält die Namen aller uns bekannten Wiederkehrer.“
„Und diese Liste ist besser gesichert als ein Goldschatz?“
„Können Sie sich vorstellen, was ein paar Hundert Wiederkehrer anrichten könnten, wenn sie sich zusammenschließen?“
„Hm. Hugh, wozu brauchst du diese Liste?“
„Das ist meine Sache.“
„Nicht ganz. Wie du ganz richtig festgestellt hast, bin ich eine Kriegerin. Und als Wiederkehrer wirst du wissen, was das bedeutet.“
„Ja, weiß ich“, erwidert er leise. „Aber ich muss diese Liste haben.“
„Was passiert sonst?“
Er schweigt.
„Das führt doch zu nichts!“, bricht Victoria aus. „Wie beim Ping-Pong!“
Da hat sie leider recht. Nur hat Hugh offensichtlich eine tierische Angst vor etwas – oder vor jemandem.
„Hör zu, Hugh. Ich könnte dich erschießen und dann direkt hinter dir herkommen in die Verborgene Welt. Und dann kriege ich heraus, warum dir diese Liste so wichtig ist. Glaub mir, ich habe kein Problem mit radikalen Lösungen.“
„Ich weiß“, murmelt er. „Aber ich darf es dir nicht sagen. Du bist eine Kriegerin.“
„Das heißt, es steckt noch jemand anderes dahinter, der auch von den Kriegern weiß. Ein Wiederkehrer?“
Er schüttelt den Kopf. „Nein. Er nennt sich der Zombie-König.“
„Hach!“, ruft Victoria. „Ich wusste es!“

„Zombie-König?“, wiederhole ich. Am liebsten würde ich laut loslachen, aber etwas hält mich davon ab. Meine gute Erziehung? Eher nicht. Es ist eine Intuition.
„Ein Zombie-König schickt euch los, um eine Liste mit den Namen von ein paar Dutzend Wiederkehrern zu besorgen? Habe ich das richtig verstanden?“
„Es sind 127“, sagt Peter.
„Was?“
„Namen auf der Liste. 127 Namen sind auf der Liste.“
„Aha. Also nicht ein paar Hundert?“
„Das war eine lyrische Übertreibung.“
„Eher eine dramaturgische. – Also schön. Ich glaube, ihr seid keine Mörder. Ich werde jetzt meine Waffe sichern. Und ihr werdet das alle auch tun, sonst mache ich Hackfleisch aus euch allen, egal wie lange es dauert. Habt ihr das kapiert?“
Hugh nickt niedergeschlagen und winkt seinen Freunden zu, meinem Befehl Folge zu leisten. Ich gehe mit gutem Beispiel voran, dann schiebe ich die Pistole in meinen Gürtel.
Danach will ich eigentlich fortfahren mit meiner Rede, aber Victoria funkt mir mal wieder dazwischen. Sie springt wie von einer Tarantel gestochen auf und geht auf Hugh los, mit beiden Fäusten auf ihn einschlagend. Hugh ist so perplex, dass er sie ohne Gegenwehr gewähren lässt. Nach einem Moment der Überraschung packe ich die Furie und zerre sie zu ihrem Stuhl zurück. Als sie versucht, mich auch zu schlagen, verpasse ich ihr eine Ohrfeige.
Sie plumpst auf den Stuhl und starrt mich empört an.
„Ich will kein Wort hören!“, herrsche ich sie an. „Noch so eine Aktion und ich werde ernsthaft sauer! Kapiert?“
Mit offenem Mund streichelt sie ihre gerötete Wange, dann nickt sie langsam.
Ich mustere Peter und seine Tochter, dann Victor. Sie beobachten mich angespannt. Ich lasse meinen Blick zu Hugh schweifen. Auch er beobachtet mich. Angespannt. Neugierig. Respektvoll.
„Nun denn, ich werde mir mal diesen Zombie-König vorknöpfen. Hat er eigentlich auch einen richtigen Namen?“
Hugh schüttelt den Kopf. „Zumindest hat er ihn mir nicht verraten.“
„Bist du der Einzige, der Kontakt mit ihm hatte?“
Er nickt. „In meinen Träumen.“
„In seinen Träumen?“, ruft Victoria. „Ihr wolltet uns töten, weil du in deinen Träumen …?“
„Ruhe!“, schreie ich sie wütend an. „Soll ich dich fesseln und knebeln?!“
„Das würden Sie nicht …“
„Doch!“
Irgendwas an mir überzeugt sie davon, dass ich es ernst meine, denn sie verstummt und macht sich klein. Vielleicht habe ich wieder den Killerblick. Egal, was es auch immer ist, es wirkt. Nur das zählt.
„So, nachdem das nun auch geklärt ist … Wenn ich es richtig verstehe, machst du im Schlaf außerkörperliche Wanderungen zum Zombie-König?“
Hugh nickt.
„Dann gehen wir mal gemeinsam dahin. Ich will mit ihm sprechen.“
„Er ist in der Verborgenen Welt“, flüstert Hugh entgeistert.
„Na und? Meine zweite Heimat. Kannst du denn nur im Traum aus deinem Körper?“
„Ja. Kannst du denn jederzeit, wann du willst?“
„Ich bin eine Kriegerin“, erwidere ich. „Also gut. Ich will diese leidige Geschichte irgendwie zum Abschluss bringen. Ihr geht schön brav nach Hause und tut so, als wäre nichts gewesen, dann tue ich auch so und lasse euch am Leben. Hugh bleibt hier, er muss heute noch träumen. Irgendwelche Einwände?“
Erwartungsgemäß gibt es keine. Mein Auftreten macht mal wieder Eindruck. Ich kenne schließlich meine Wirkung, wenn ich hochfahre.
„Dann raus hier! Alle außer Hugh, Victor und Victoria! Und natürlich den Hausherren.“
Ich beobachte die Wiederkehrer, die mit gesenkten Blicken das Büro verlassen. Virginia begleitet sie und schließt hinter ihnen ab. Als sie wiederkehrt, atmet sie erst einmal tief durch.
„Das war ja ganz schön erschreckend“, sagt sie.
„Wie das so ist mit Zombies“, bemerkt Victoria.
Diese Frau macht mich noch wahnsinnig!
Ich beschließe, sie zu ignorieren, und wende mich an Victor: „Sie müssen sich entscheiden, ist Ihnen das klar?“
„Ja“, antwortet er leise. „Es gibt keine andere Möglichkeit?“
„Sie sind tot, Victor. Offiziell liegen Sie neun Fuß unter der Erde. Okay, eigentlich in einer Gruft. Ist auch egal. Begreifen Sie es einfach als Chance, was Vernünftiges aus Ihrem Leben zu machen.“
„Wie bitte?“
„Ach, kommen Sie schon. Sie waren Börsenmakler, was ist daran irgendwie vernünftig gewesen? Sie wurden reich, indem Sie andere Menschen betrogen haben.“
„Das ist ganz schön hart, Fiona.“
Ich zucke die Achseln. „Vergessen Sie nicht, im zivilen Leben bin ich Geschäftsfrau und leite ein Unternehmen, das in diesem Land nicht gerade zu den kleinen zählt. Und da wir an die Börse wollen, hatte ich ein paarmal Kontakt mit Ihresgleichen. – Und keine Insidergeschäfte, klar?“
Victor nickt nur.
Ich wende mich an Peter, der mich lächelnd ansieht. „Fiona, ich bin beeindruckt. Das habe ich Ihnen nicht zugetraut, aber wie Sie hier in kürzester Zeit für Ruhe und Frieden gesorgt haben, Chapeau!“
„Ich werde oft unterschätzt. Bin ja klein, blond und süß.“
„Und das nutzen Sie ganz schön aus.“
Ich schenke ihm ein Lächeln. „Zu irgendwas muss es ja gut sein, dass ich so aussehe. – Also, Victor, wie haben Sie sich entschieden?“
„Habe ich wirklich eine Wahl?“
„Eine Wahl gibt es immer. Die Konsequenzen gehören allerdings dann auch dazu.“
„Eben. Genau diese Konsequenzen lassen mir eigentlich keine Wahl.“
Auch ihm schenke ich ein Lächeln. „Lieber Victor, die Entscheidung besteht eben genau darin, die richtige Wahl aus all den zur Verfügung stehenden Konsequenzen zu treffen. Sonst wäre das doch keine Entscheidung.“
„Oha, ganz schön philosophisch“, bemerkt Peter.
„Das bringt das Kriegerdasein so mit sich. Das Weltbild gerät ziemlich durcheinander, wenn man … jedenfalls geriet meins durcheinander, als ich erfuhr, wer und was ich wirklich bin. Und auch ich musste eine Entscheidung treffen, mit allen Konsequenzen.“
„Sie werden diese Entscheidung aber wohl kaum mit dem Gedanken an die Konsequenzen getroffen haben, oder?“ Victor starrt mich fragend an.
„Oh doch, mir war sogar sehr klar, was es bedeutet und dass es sehr tiefgreifende Konsequenzen hat, wie ich mich entscheide. Und mir war auch klar, dass mir niemand diese Entscheidung abnehmen konnte.“
„So wie mir jetzt?“
„Genau.“
Er seufzt, dann erhebt er sich und macht einen Schritt auf Peter zu. „Dann entscheide ich mich für die Kirche.“
„Eine weise Entscheidung“, erwidert Peter.
„Wir werden sehen.“ Victor wendet sich mir zu. „Und was machen Sie?“
„Ich besuche den Zombie-König. Als Kriegerin kann ich es nicht ignorieren, dass es seinetwegen fast ein Blutbad gab.“
„Er wird wütend sein“, stellt Hugh fest. „Und außerdem, ich kann jetzt bestimmt nicht schlafen. Gibt es denn keine andere Möglichkeit? Wie kommst du denn in die Verborgene Welt?“
„Ich bin eine Kriegerin. Und natürlich gibt es auch eine andere Möglichkeit. Ich töte dich. Allerdings hast du dann etwa fünf Minuten, wieder in deinen Körper zurückzukehren, bevor er endgültig deaktiviert wird. Andererseits, als Wiederkehrer hast du doch Übung darin, ihn wiederzubeleben.“
„Ich glaube nicht, dass ich es wieder schaffen würde“, sagt Hugh mit gesenktem Kopf.
Ich zucke die Achseln. „Dann musst du träumen. Zumindest in Trance kommen.“
Hugh atmet tief durch. „Ich schätze, eine echte Wahl habe ich nicht. Ja, ich weiß, Konsequenzen und so.“
Auch ihm schenke ich ein Lächeln. „Du bist lernfähig. – Sind wir dann so weit? Alle versorgt und glücklich?“
„Nicht alle“, sagt Victoria mürrisch. „Was ist mit mir?“
„Nichts. Was soll mit dir sein?“
„Na ja, ich kann ja schlecht nach Hause gehen und weitermachen wie bisher!“
„Wieso nicht?“
„Wieso nicht?“ Sie starrt mich entgeistert an. „Weil ich jetzt von den Zombies weiß? Von den ganzen Wahnsinnigen, die überall herumlaufen?“
„Ignorier es einfach. Bis auf die Tatsache, dass du etwas mehr von der Wirklichkeit weißt als vorher, hat sich nichts geändert.“
„Super Ratschlag. Vielen Dank auch. Kann ich jetzt gehen?“
Ich nicke. „Kann dich aber auch fahren, wenn du noch kurz wartest.“
„Nein, danke, ich nehme ein Taxi!“ Sprachs und verließ das Büro ohne einen Abschiedsgruß.
„Sie hat es schon schwer“, bemerke ich.
„Ja“, bestätigt Peter. „Ich habe da noch was für Sie, Fiona.“
„Okay, ich höre.“
Peter wirft kurz einen Blick auf die anderen Anwesenden, dann sagt er: „Sie sollten etwas wissen, was ich noch nicht erwähnt habe. Uns … uns war immer klar, dass Wiederkehrer aufgrund ihres Wissens und der daraus resultierenden Macht eine … eine gewisse Gefahr darstellen. Aus diesem Grunde haben wir eine Art Notbremse eingebaut. Es handelt sich um eine Art Bombe, eine chemische Bombe. Die technischen Details sind jetzt nicht so wichtig, aber sie werden mit einer Tablette eingenommen, die alle Wiederkehrer bekommen. Die Liste der Namen im Tresor enthält auch die Aktivierungssqeuenz.“
Stille. Nur das schwere Atmen Hughs ist zu hören.
Dann: „Habe ich das auch in mir?“
Peter nickt. „Ja. Es handelt sich um Nanotechnologie, die Bombe heftet sich an die Magenschleimhaut und verwächst mit ihr. Wird sie aktiviert, setzt sie einen Stoff frei, der innerhalb weniger Minuten zum Tode führt.“
„Das … das ist doch Wahnsinn!“ Hugh ist sehr bleich geworden.
„Eine notwendige Sicherheitsmaßnahme.“
„Eine notwendige Sicherheitsmaßnahme? Und wenn die Bombe einfach mal so zündet? Oder durch ein falsches Signal? Was ist das dann? Verluste gibt es immer, oder wie?“
„Es steht zu viel auf dem Spiel, um gar nichts zu tun“, erklärt Peter ruhig. „Daher ist diese Maßnahme notwendig, trotz aller damit verbundenen Risiken.“
„Werde … werde ich das auch bekommen?“, erkundigt sich Victor.
„Es führt kein Weg daran vorbei. Wiederkehrer sind zu mächtig.“
„Aber ich fühle mich doch gar nicht so mächtig. Genau genommen fühle ich mich weniger mächtig als vor meinem Tod.“
Peter blickt ihn lächelnd an. „Victor, … Bevor ich das erkläre, würde ich gerne allgemein, aufgrund der besonderen Situation, in der wir uns alle befinden und die eine gewisse Vertraulichkeit fördert, vorschlagen, auf formelle Anreden und Ausdrucksweisen zu verzichten. Hat jemand etwas dagegen?“
Victor schüttelt den Kopf.
„Ich bin eine große Freundin vom Verzicht auf Formalitäten“, erwidere ich grinsend.
„Das glaube ich dir sofort. – Also gut, Victor, die Sache ist die: Du durchschaust die Illusion der Gefrorenen Welt. Nicht nur, dass du es weißt, wie deine Frau, dass die Gefrorene Welt lediglich eine … eine …“
„Imagination eines Schutzwalls“, helfe ich aus.
„So könnte man es auch ausdrücken, in der Tat. Danke, Fiona. Nun, abgesehen davon, dass dir diese Tatsache vertraut ist, Victor, hast du darüber hinaus es auch geschafft, Materie bewusst zu beeinflussen, indem du deinen Körper reaktiviert hast. Frankenstein hat dafür die Energie von Blitzen gebraucht mit durchaus schlechterem Erfolg. Wiederkehrer sind in der Tat in der Lage, zumindest mit etwas Übung, gezielt ihre Fähigkeiten einzusetzen, um Materie zu manipulieren. Und damit können sie, literarisch gesehen, zaubern. Sie beherrschen Magie.“
„Oh“, sagt Victor.
„So ist es“, bestätige ich. „Ich kenne mindestens einen Zauberer, der das sozusagen beruflich macht und sehr viel älter ist als …“
„Als wer?“, fragt Victor.
„Als die meisten Menschen, die ich kenne“, erwidere ich und denke dabei an Katharina. Erschreckend, wie weh die Erinnerung an sie immer noch tut.
„Was ist los?“, erkundigt Peter. „Du hast Tränen in den Augen!“
„Ich?“ Ich wische mit dem Ärmel über die Augen. „Nicht so wichtig. Wie auch immer, das mit der Magie ist ein wichtiger Punkt.“
„Kannst du auch zaubern?“, fragt Hugh.
Ich führe meinen Daumentrick vor, den ich gelernt habe, als ich dank Nasnat unfreiwillig in der Verborgenen Welt gelandet war, als ich mit der Elfe in der Oase gelandet war und als ich Zigarettenschachteln auf den Bäumen wachsen ließ.
Mit dem brennenden Daumenzigarettenanzünder mache ich jedenfalls ordentlich Eindruck.
„Cool“, sagt Victor. „Und sehr praktisch.“
„Im Prinzip schon, außer im Mall.“ Ich erhebe mich. „Also gut, haben wir jetzt alles besprochen? Hugh und ich haben ein Date.“
Wir verabschieden uns von Virginia, Peter und Victor und fahren mit meinem Wagen los zu Hughs Appartement. Von unterwegs rufe ich James an und erkläre ihm in Stichworten die Situation.
„Hunger!“, sagt er nur.
Aus dem Augenwinkel sehe ich Hughs irritierten Gesichtsausdruck.
„Kannst du ihr nicht die Flasche geben?“
„Warum kommt ihr nicht her? Während du Sandra fütterst, hypnotisiere ich ihn.“
„Du kannst hypnotisieren?“, erkundige ich mich erstaunt.
„Weißt du das denn nicht?“
„Ich meine, so richtig!“, erwidere ich lachend.
„Ach so. Doch, das gehörte zur Ausbildung. Also, was hälst du davon?“
Ich werfe einen fragenden Blick auf Hugh, der nickt.
„Einverstanden. In einer Viertelstunde sind wir da.“