Posted on Schreib einen Kommentar

Leseprobe: Geschichten einer Kriegerin – Das hungrige Biest

Das hungrige Biest

Ich ziehe meinen Mantel aus und lege ihn auf das Auto. Wenn in der Zwischenzeit jemand nach draußen schaut, habe ich sowieso Pech, aber ich kann es nicht riskieren, das Auto anzulassen. Vorhin haben sie mich anscheinend nicht gehört, warum auch immer. Aber es ist zweifelhaft, ob ich noch einmal so viel Glück habe. Ich könnte höchstens versuchen, das Auto wegzuschieben, aber auch das macht Geräusche.
Ich zögere kurz. Doch es dürfte am besten sein, möglichst schnell ins Haus zu gelangen. Das Risiko, dass das Auto zu früh entdeckt wird, ist nicht Null, aber überschaubar.
Die unteren Fenster sind teilweise vergittert, sie erleichtern mir den Start. Dann stehe ich auf dem Balkon von Leslies altem Zimmer und bin zum ersten Mal froh, dass James darauf besteht, darin nichts zu verändern.
Wenig später bin ich auf dem Dach angekommen und krieche auf allen Vieren zum offenen Dachfenster. Es erinnert mich daran, wie ich vor wenigen Monaten auf einem Dach hinter dem Cuculus hergerannt bin und fast einen Abflug gemacht habe.
Anscheinend bin ich zu Höherem berufen.
Toller Witz, Fiona. Lach dich aber später darüber kaputt, okay? Ich quetsche mich durch das Fenster und mehrere Spinnennetze, versetze einige der possierlichen Tieren in Panik, eine von denen mich, weil sie plötzlich auf meiner Nase sitzt, wenn auch nicht freiwillig, und sie fast die Größe eines Tennisballs hat.
Ich presse die Hand auf meinen Mund, ganz unterdrücken kann ich den, zum Glück nur leisen, Schrei nicht.
Ich warte, bis sich meine Atmung wieder normalisiert und die Spinne in Sicherheit gebracht hat, dann gehe ich langsam zur Tür. Langsam, weil der Boden quietschen und knarren könnte. Meine Vorsicht ist begründet, es gibt einige verdächtige Stellen. Jedes Mal schaffe ich es, den Fuß wieder anzuheben, bevor es so laut wird, dass die unten davon was mitbekommen könnten.
Die Tür zur Treppe wird die nächste Herausforderung, denn sie wird sehr selten benutzt und protestiert entsprechend lautstark gegen die ungewohnte Bewegung. Mit klopfendem Herzen verharre ich vollkommen bewegungslos und unterdrücke sogar das Atmen.
Erst als ich mir sicher bin, nicht bemerkt worden zu sein, wage ich es auszuatmen. Dann denke ich nach. Es ist ausgeschlossen, dass ich die Tür öffne. Was aber gehen könnte, die Tür aus den Angeln zu heben. Zum Glück geht sie, wie es sich gehört, nach innen auf. Ich packe mit einer Hand den Türfalz knapp unterhalb der Klinke, sodass mein Handgelenk gegen die Klinke drückt und ich dadurch mehr Kraft aufwenden kann. Auf der anderen Seite habe ich nur so viel Platz, dass ich die Fingerspitzen gegen den Falz pressen kann. Hoffentlich sind die Bänder nicht völlig verrostet, weil dann wird es schwer.
Als Fiona Carter hätte ich keine Chance gehabt, die Tür anzuheben. Auch wenn die Tussy so gern „Supergirl“ gehört hat.
Als Kriegerin allerdings schaffe ich es, die Tür aus den Angeln zu heben, sogar geräuschlos. Aber es ist knapp, sie rutscht mir einmal fast aus den Fingern, weil ich mit der rechten Hand keinen richtigen Halt habe.
Keuchend lehne ich die Tür gegen die Wand. Nachdem sich mein Herzschlag halbwegs normalisiert hat, gehe ich die Treppe hinunter. Auch hier muss ich aufpassen, denn einige der Stufen knarren. Ich trete möglichst nah an der Befestigung auf und komme letztlich unbemerkt in der ersten Etage an.
Im Schlafzimmer ist jemand.
Und stöhnt.
Ich erstarre. Wer zum Teufel …?

Posted on Schreib einen Kommentar

Leseprobe: Sena – Die letzte Amazone

Sena – Die letzte Amazone

Sena ging über das verkohlte Feld. Keines der Häuser stand noch. Sie waren alle verbrannt.
Das Feuer hatte das gesamte Dorf zerstört.
Eine Träne lief über ihre Wange. Alle waren tot. Sena war die einzige Überlebende, weil sie sich nicht im Dorf befand, als das Feuer ausgebrochen war. Sie hatte vor dem Dorf ihres Vaters gelauert und ihn beobachtet.
Sie kannte ihren Vater nicht persönlich, aber ihre Mutter hatte ihn ihr einmal gezeigt, als sie auf der Suche nach einer Pflanze gewesen waren.
Bei den Amazonen gab es keine Männer, höchstens Sklaven, aber keine Männer wie in anderen Stämmen. Obwohl sie »nur« Frauen waren, wurden sie von allen anderen Stämmen gefürchtet. Manche bezeichneten die Amazonen als einbrüstig, weil sie als kleine Kinder die rechte Brust ausgebrannt bekamen, um später mit Pfeil und Bogen schießen zu können. Es ist eine schmerzhafte Prozedur gewesen, für jede von ihnen. Abgesehen davon trugen sie noch einen Armschutz, der sehr unangenehm war. Die Riemen schnitten in das Fleisch, wenn man sich zu viel bewegte.
Sena trug sowohl ihre Waffen als auch ihren Brustschutz, ihren Armschutz und den Köcher mit den Pfeilen immer bei sich. Außerdem einen aus Leder gearbeiteten Beutel, in dem sich nun etwas ganz Besonderes befand. Als Sena ihre Mutter vor ein paar Stunden im Wald gefunden hatte, standen deren Kleider in Flammen und sie litt unter starken Schmerzen. Sie hatte Sena etwas geben wollen, doch sie war zu schwach, um sich noch auf den Beinen zu halten, als sie es hervorholte. Am Boden liegend und keuchend vor Schmerz schaffte sie es gerade noch, Sena ihren Beutel zu geben, bevor sie in Ohnmacht fiel. Den Beutel, den keine Amazone vor ihrem Tod freiwillig hergab, weil er das Wertvollste war, das sie besaß. Die Königin Akasha, die ihren Stamm gegründet hatte, führte auch immer einen Beutel bei sich. Aus diesem Beutel ernährten sich die Amazonen. Sie konnten ihr Eigentum darin aufbewahren und ihre Nahrung, und sie konnten ihn auch als Trinkbehälter verwenden. Jede Amazone erhielt einen solchen Beutel, nachdem ihr die Brust ausgebrannt und sie in den Stamm aufgenommen worden war.
»Bring die Krone zurück, mein Kind! Es ist deine Bestimmung«, hatte ihre Mutter gesagt und Sena ihren Beutel gegeben.
Sena fasste wieder an den zweiten Beutel, der nun neben ihrem eigenen an ihrem Gürtel hing.
Wenn sie daran dachte, was sich darin befand, begann es in ihrem Bauch zu kribbeln. Es war das Diadem der Königin. In der Legende hieß es:
›Die Prinzessin Antiope soll damals, als sie von Epopeus geschändet worden war, ihr Göttlich Blaues Herz, das Zeus ihr gegeben hatte, herausgerissen haben, damit Epopeus es sich nicht holen konnte. Sie soll dann das Diadem aus ihrem Herz, ihren Tränen und ihrem silbernen Haar gemacht haben. Prinzessin Antiope übergab das Diadem der Amazonenkönigin Akasha und sagte dabei: ›Ich werde dich mit dieser Krone zur Königin machen und dein Volk beschützen, wenn du mir schwörst, dich nicht an einen Mann zu binden. Du darfst einmal im Jahr ein Kind gebären, wenn es dir gefällt. Aber halte die Männer sonst nur als Sklaven. Du bist viel wert – sie nichts! Und wenn euer Stamm einmal nicht mehr sein sollte, dann soll eine tapfere Kriegerin dem Pfad der Königinnen und Göttinnen folgen und die Krone zu deiner Grabstätte bringen, damit du sie mir zurückgeben kannst.‹
Sena hatte sich schon oft mit dieser Legende beschäftigt und sich immer gefragt, ob es wohl jemals so weit kommen würde, dass ihr Stamm nicht mehr existierte. Sie hatte sich immer gefragt, wer die Kriegerin sein könnte, welche die Krone zurückbrächte. Sie hatte geträumt, dass sie selbst es sein würde, und ihr hatte diese Vorstellung gefallen.
Durch diese Tat würde sie dann berühmt werden. Sie wäre dann die Eine, die auserwählt war, die Seelen ihres Volkes zu befreien. Sie würde eine Heldin sein.
Doch im Moment kam ihr das alles wie ein schrecklicher Albtraum vor. Sie wünschte sich, sie würde gleich aufwachen und alles wäre gut. Doch sie wusste, dass das nicht passieren würde.
»Das Gebirge, du musst ins Gebirge. Finde Antiopes Stier! Du musst in Antiopes Stier hineingehen!«, hatte ihre Mutter gesagt, bevor sie gestorben war.
Sena wusste, welches Gebirge sie gemeint hatte. Sie warf noch einen letzten Blick auf ihre alte Heimat und machte sich auf den Weg dorthin, um Antiopes Stier zu suchen.
Sie wusste auch, dass Antiopes Stier ein Fels war, in dem sich Königin Akashas Grab befand. Aber sie wusste nicht, wo dieser Stein lag. Nur die Königin selbst wusste es.
Der Legende nach hatte sich das Herz der Göttin, als es an die Luft gekommen war, in einen tiefblauen Lapislazuli verwandelt, der sich nun in dem Diadem befand. Diese Steine galten seitdem bei ihrem Volk als heilig. Sena war sich nicht sicher, wie sie ins Gebirge kommen sollte, sie lief durch den tiefen Dschungel und hoffte, dass die Richtung stimmte. Die erste Zeit reiste sie, ohne zu wissen, wohin es ging, und als sie endlich am Fluss angekommen war, waren bereits zwei ereignislose Wochen vergangen.
Sena brauchte einige Zeit, um sich ein wassertaugliches Ruderboot zu bauen, mit dem sie den Fluss überqueren konnte. Als sie es geschafft hatte und sicher am anderen Ufer stand, war die Sonne bereits untergegangen. Sena suchte sich einen geschützten Schlafplatz und schlief sofort ein. In dieser Nacht hatte sie einen seltsamen Traum.
Sie stand in einem großen Palast. Überall waren Menschen, Kinder spielten in den Ecken mit kleinen, runden Steinen. Sena kamen alle Gesichter, die sie hier sah, bekannt vor. Es waren ihre eigenen Leute, die bei dem großen Brand im Dorf ums Leben gekommen waren. Sena bemerkte, wie das kleine Mädchen von nebenan sie ansah. Die Kleine wollte zu ihr laufen und Sena breitete die Arme aus, um das Mädchen in Empfang zu nehmen, als plötzlich eine junge Frau zu der Kleinen kam und sie auf den Arm nahm. Die Frau ging mit dem Mädchen weg und flüsterte ihr etwas ins Ohr.
Die Leute sahen Sena an. Sie erblickte ihre Mutter und wollte zu ihr, doch sie konnte nicht. Just in diesem Moment kam eine Wache und zog alle Leute aus ihrem Dorf auf eine Seite des Raumes. Von dort wurden sie alle durch eine kleine Tür nach draußen geschickt.
Hinter Sena regte sich etwas. Sie drehte sich um und sah eine wunderschöne, silbern glänzende junge Frau.
Sie hatte, wie alle Amazonen, langes, schwarzes Haar und dunkle Augen. Sie trug jedoch nicht das typische Königinnengewand der Amazonen, sondern ein wunderschönes, langes weißes Kleid, das bis zum Boden reichte und mit goldenen Ornamenten geschmückt war. Sena drehte sich nun ganz zu ihr um und fühlte sich, im Angesicht dieser Schönheit, regelrecht hässlich.
»Sena. Wie schön dich zu sehen«, sagte die Frau.
Zu ihrem Ärger musste Sena feststellen, dass sie auch eine wunderbar klingende Stimme hatte.
Sena fragte sich, wer sie war, dass sie so perfekt sein konnte.
»Du fragst dich, wer ich bin? Ich bin Akasha.«
»Ihr seid Akasha?«, fragte Sena verwundert.
Sie hatte sich Akasha immer mit wunderschönem, blondem Haar vorgestellt und mit blauen, strahlenden Augen.
So sah sie so … normal aus. Wie eine Amazone. Eine wunderschöne, perfekte Amazone. Aber nicht wie die Königinnen, die sie kannte, die Königinnen der Griechen.
»Hast du es vergessen? Ich war die erste Amazone, auch wenn das nie jemand außerhalb des Stammes erfahren wird. Natürlich sehe ich aus wie eine von euch. Ich bin eure Schöpferin!«
»Was meint Ihr damit, dass nie jemand erfahren wird, dass Ihr die erste Amazone wart? Eure Legende kennt jeder bei uns im Dorf. Jedes Kind hört sie gerne zum Einschlafen von seiner Mutter«, entgegnete Sena.
»Aber Sena, alle Kinder und alle Erwachsenen deines Stammes sind tot. Sie sind hier in meinem Palast und können nicht wiedergeboren werden, weil sie gewaltsam und durch einen Hinterhalt getötet wurden und deshalb kein vollendetes Leben hatten.«
»Warum lässt du sie nicht gehen? Sie sind doch dein Volk! Lass sie frei aus der Geisterwelt und lass sie ihr Leben vollenden!«
»Wenn ich nur wüsste, wie das geht, mein Kind. Aber das hab ich noch nicht herausgefunden. Und bis ich es herausgefunden habe, kann ich nichts tun. So sehr ich es mir auch wünsche.«
»Was mache ich hier?«
»Du bist hier, weil ich dir etwas mitteilen muss. Alleine kommst du nun nicht weiter. Die Mission, die ich dir gegeben habe, kannst du nicht ohne meine Hilfe erfüllen.«
»Ich komme bestens zurecht. Danke der Nachfrage!«, entgegnete Sena verärgert.
»Und was ist der nächste Schritt?« Sena schwieg. Sie wusste es nicht.
Und das machte sie wütend. Sie war hilflos, doch wollte sie es angesichts der Perfektion, die diese Frau zu verkörpern schien, nicht zugeben. Sie wollte sich nicht von ihr befehligen lassen, von dieser Person, die sich ihre Schöpferin nannte und die ihr diese schwere Bürde auferlegt hatte. ›Glaubt sie, ich bin ihre Sklavin, die für sie das erfüllt, was sie nicht tun kann, weil sie schon tot ist?‹, dachte Sena wütend.
»Nein, ich denke nicht, dass du zurechtkommst und jetzt zurück zum Thema. Ich hab nicht mehr viel Zeit. Den Weg, den du gewählt hast, haben manche Leute beobachtet. Sie haben dich gesehen und wissen, dass du etwas Kostbares bei dir trägst. Sie werden dich jagen. Ich kann dir von hier aus nicht helfen. Du musst zu meinem Grab. Ich werde dir jemanden schicken …«
Auf einmal gab es einen lauten Knall. Sena sah Akashas Bild leicht verschwommen und es wurde schwerer, sie zu versehen.
»Ich werde dir jemanden schicken, der auf dich aufpassen soll. Sei lieb zu ihm, aber lass ihn auf keinen Fall mein Diadem sehen! Er könnte dich sonst angreifen. Er ist ein guter Kerl, aber er ist etwas verrückt. Erschrecke dich nicht, wenn du ihn siehst, und gewähre ihm genügend Zeit zum Jagen. Zeige ihm niemals das Diadem! Das ist wirklich wichtig!«
Noch ein Knall ertönte. Das Bild Akashas verschwamm noch mehr.
»Warum kann ich dir das Diadem nicht einfach jetzt geben?«
»Weil das hier nur ein Traum ist! Und …«
Ein weiterer Knall ließ das Bild des Palastes und auch das Akashas weiter verschwimmen. Es löste sich auf und wurde zu einer leeren, flimmernden Dunkelheit, aus der Sena erwachte.
Es lief etwas Feuchtes über ihr Gesicht, schlagartig war sie hellwach.

Posted on Schreib einen Kommentar

Leseprobe: Fiona – Sterben

Fiona – Sterben

Es hat etwas Vertrautes, das gemeinsame Frühstück auf Gey, dabei der Blick auf die schwarze Wand, Ryemas klare, kräftige Stimme. Ein Ritual, das ein Gefühl von Sicherheit vermittelt. Mag es nur eine Illusion sein, wie eh alles in diesem Universum, dennoch hat es eine beruhigende, festigende Wirkung.
Der Blick auf Sarah dagegen verstört, denn die sonst so muntere Ex-Königin hat verweinte Augen und ist ungewohnt still. Ich bin gespannt, was genau los ist, mehr als „Senaa wurde überfallen!“ haben wir bisher nicht aus ihr herausbekommen.
„Ich hoffe, ihr konntet ein wenig durchatmen“, sagt Ryema. „Zumindest ich fand die Reise zwischen den Welten anstrengend, aber vielleicht auch nur, weil ich sie nicht gewohnt bin.“
„Das ist tatsächlich auch eine Sache der Routine“, bestätigt Thomas. „Da es Sarah nicht so gut geht, hat sie mich gebeten, euch zu erklären, was los ist. – Von Tad Aretan haben wir euch ja erzählt. Wir haben selbst eine Zeitlang da gelebt, nachdem wir Engelkind begegnet waren. Sarah zusammen mit Senaa. Vor ein paar Stunden erhielt Sarah von Senaa eine Gedankennachricht. Sie war nicht zusammenhängend, aber die damit verbundenen Gefühle und Bilder deuten darauf hin, dass sich Senaa in großer Gefahr befindet. Bei den Bildern war eines dabei, das den Schwarzen Riesen zeigte. So wie es aussieht, haben die Noispeds Tad Aretan überfallen. Wir wissen nicht genau, wann es passiert ist und wie es derzeit dort aussieht. Ich konnte Sarah nur mit Mühe davon abhalten, einfach loszustürmen. Ich denke aber, dass wir einen Plan brauchen.“
„Der Plan ist einfach“, erwidert Sarah.
„Stimmt“, sage ich „Wir gehen hin.“
Thomas stöhnt auf. „Fällst du mir in den Rücken?“
„Möchtest du das? Nein, wir stürmen trotzdem nicht los, sondern stellen eine kleine Eingreiftruppe auf. Sie muss klein sein, damit wir schnell agieren können und nicht so leicht gefunden werden. Auf jeden Fall dabei haben möchte ich Katharina, Emily, Ryema, Oela und natürlich Sarah, Thomas und Elaine.“
„Und Roek“, sagt Ryema.
„Und ich!“, ruft Halpha.
„Du willst doch bloß Rache“, erwidere ich.
„Das stimmt. Du nicht?“ Bumm. Treffer. „Davon abgesehen habe ich eine Kampfausbildung. Ich kann mit Waffen umgehen und ich kann auch Nahkampf.“
„Und ich will auch mit“, meldet sich auch Nidea zu Wort.
Helena und Jody heben nur noch stumm die Hände.
Ich blicke mich um. „Sonst noch jemand? Vielleicht noch eine Schulklasse?“
Katharina legt ihre Hand auf meinen Unterarm. „Ab welchem Alter hättest du in ähnlicher Situation freiwillig verzichtet?“
„Gar nicht, aber …“
Die andere Hand legt sich auf meinen Mund. „Schätzchen, ich kann dir versichern, dass Helena auf jeden Fall in der Lage ist, bei so einer Mission mitzuspielen. Das weiß ich auf jeden Fall. Bei den anderen drei kann ich es nicht aus eigener Beurteilung sagen, aber ich glaube, Helena würde protestieren, wenn sie der Meinung wäre, für Jody wäre es zu gefährlich. Was Halpha und Nidea angeht, das überlasse ich Ryema und Oela.“
„Sie können mit“, sagt Oela ruhig.
„Aber euch ist schon klar, dass wir im schlimmsten Fall auf die Ur-Wesen und eine Armee aus Halbvampiren treffen können?“
„Und meinst du, hier ist es wirklich sicherer?“, erwidert Katharina. „Natürlich droht hier in diesem Moment keine Gefahr, aber uns allen ist doch klar, dass das nichts zu bedeuten hat. Augle ist zerstört, Dargk ist tot und nun ist möglicherweise auch Tad Aretan verloren. Das nächste Ziel könnte der Kernel sein und damit die achtzehn Planeten. Wir sollten also mit so vielen Leuten wie möglich dahin, aber nicht mit mehr, als unbedingt nötig. Das bedeutet, wir brauchen alle Leute, die in der Lage sind, mit einem Halbvampir fertig zu werden. Ganz ehrlich, was Leute wie Garoan und Co. betrifft, da muss wahrscheinlich selbst ich passen. Gegen die bist du unser einziger Trumpf, Schätzchen.“
„Oder Tansan.“
„Tansan ist aber kein Krieger, er ist ein Zauberer.“
„Nasnat hat doch auch mitgekämpft.“
„Eine Armee von Vampiren ist etwas anderes als eine Armee, die von den Ur-Wesen angeführt wird. Wir können Tansan natürlich fragen. Wo ist er überhaupt?“
Seun deutet auf den Kernel. „Ich denke, er sollte hier bleiben. Da er keine Kampfausbildung hat, müssten ständig Leute bei ihm sein, die ihn notfalls beschützen. Renroc und ich werden von hier aus koordinieren und Verstärkung schicken, falls es sich als notwendig erweisen sollte. Ich denke übrigens, dass die Mädchen euch helfen können. Sie sind keine gewöhnlichen Teenager. Auch die Leibgardistinnen hatten in diesem Alter schon echte Aufgaben und genau wie jene haben Nidea und Halpha als Kinder mit der Ausbildung angefangen.“
Ich muss irgendwie gerade an Kindersoldaten denken, behalte das aber lieber für mich. Zumal auch ich noch ein Kind war, als ich mit dem Kampfsport begonnen hatte. Weder Nidea noch Halpha machen auf mich den Eindruck, als wären sie zu irgendetwas gezwungen worden.
Trotzdem ist das irgendwie eine Scheißwelt. Ob es wirklich schade um dieses Universum wäre?
Ich beschließe, dass ich unrecht habe und wende mich an Thomas: „Du und Sarah, ihr habt einige Zeit auf Tad Aretan gelebt und kennt euch vermutlich gut aus dort. Ich schlage vor, wir gehen in zwei Gruppen, eine wird von dir und eine von Sarah geführt. Wirst du es schaffen, Sarah?“
Sie nickt stumm. Ironischerweise vermisse ich ihre Stimme.
„Gut. Wir nehmen also Waffen mit. Seun, du hast gesagt, du würdest uns im Notfall Verstärkung schicken. Wie lange braucht es, bis diese hier in Bereitschaft stehen könnte?“
„Etwa eine Stunde.“
„Dann sollten wir in einer Stunde aufbrechen. Fragen, Einwände?“
„Eine Frage habe ich“, meldet sich Roek. „Wieso hast du das Kommando?“
„Weil sie die Auserwählte ist, mein Schatz“, antwortet Ryema für mich. „Außerdem ist es ihre Art.“
Bevor ich antworten kann, liegt Katharinas Hand wieder auf meinem Mund.
Später kommt Ryema zu uns und sagt leise: „Roek ist manchmal etwas hitzköpfig. Der Beginn unserer Beziehung bestand darin, dass ich ihn verprügelt habe. Na ja, wir haben uns eigentlich gegenseitig krankenhausreif geschlagen. Bringe ihn trotzdem nicht um, bitte. Ich liebe ihn.“
„Es ist meine Art?“
Sie lacht auf. „Ist es doch, aber das ist nicht schlimm. Roek hat sich daran gewöhnt, dass ich sage, wo es langgeht, er wird sich auch an dich gewöhnen. Und er ist ein guter Soldat.“
Ich mag keine Soldaten, aber das behalte ich lieber für mich. Außerdem brauchen wir gerade jetzt durchaus Soldaten. Vielleicht sollte Roek die Mission leiten? Andererseits, ich habe alle Rambo-Filme gesehen, ich kann das auch. Wäre ja gelacht.
Also nicke ich brav.

Lieber bei Amazon kaufen?