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Leseprobe: Geschichten einer Kriegerin – Der verliebte Dschinn

Der verliebte Dschinn

Mark Morris erinnert mich an jemanden, ich komme bloß nicht darauf, an wen. Er ist groß, zumindest im Vergleich zu mir, aber kleiner als James. Die meisten sind kleiner als James. Statistisch gesehen. Ich glaube, der größte je gemessene Mensch war fast drei Meter, also viel größer als ich oder James. Aber Mark Morris ist nur etwas mehr als einen halben Kopf größer als ich.
Er ist muskulös und durchtrainiert, gut in Form und achtet auf Körperpflege. In den braunen Haaren, nur unwesentlich brauner als seine Haut, befinden sich an den Schläfen grauen Strähnen, das wirkt ausgesprochen sexy. Dank seiner Nase könnte er glatt in einem Film über römische Gladiatoren mitspielen.
Er trägt ein weißes Hemd, das viel von seinen Brusthaaren offenbart, eine ebenso weiße Bundfaltenhose von Boss und Slipper – natürlich auch in Weiß. Keine Ahnung, welche Marke. Sicherlich keine billige. Und eine goldene Halskette, klar, logisch. Er muss vermutlich einem Ruf gerecht werden, oder die Mitglieder seines Clubs halten es für wichtig. Was durchaus sein kann, der Club ist nichts für arme Leute, auch wenn die meisten keine oder kaum Kleidung tragen.
„Paradise Castle“ prangt in goldenen Buchstaben über der Einfahrt zum Parkplatz, der von hohen Mauern umgeben ist. Diskretion ist wichtig. Auf dem Parkplatz stehen einige Autos, als wir am späten Abend ankommen, keins davon ist billiger als meine Rakete. Daher passt es gut, dass wir mit James‘ Jaguar vorgefahren sind.
Im Foyer werden wir von einer jungen Dame, die gekonnt ein langes Kleid trägt und dennoch fast nackt wirkt, empfangen. Im Hintergrund sehe ich zwei lebenden Kleiderschränke. Die Lady mit der scheinbar unsichtbaren Kleidung, die wirklich nur so viel bedeckt, dass die Fantasie Achterbahn fährt, und die ganz offensichtlich überall außer am Kopf rasiert ist, beginnt, etwas über Anmeldung zu erzählen, als James nur sagt: „Mark erwartet uns.“
„Sie meinen Mr Morris?“, fragt die junge Dame.
„Ja.“
Sie greift zu einem Telefon und bekommt große Augen, nachdem sie ihrem Gegenüber erzählt hat, dass wir da sind. Mit deutlich erkennbarem Respekt sagt sie: „Bitte folgen Sie mir.“
Sie geht zu einer Tür, die verschlossen und elektronisch gesichert ist. Mit einer Magnetkarte entsperrt sie diese, wir gelangen in ein Treppenhaus mit zurückhaltender, gerade noch ausreichender Beleuchtung, und über die Treppe nach oben in ein Vorzimmer, das im Moment unbesetzt ist. Eine schwere Holztür zu einem prunkvollen Büro geht in diesem Moment auf und Mark erscheint auf der Bühne.
„James, altes Haus!“, ruft er begeistert. „Du hast dich nicht verändert!“
„Du auch nicht“, erwidert das alte Haus. Es klingt nicht wie ein Kompliment.
Mark grinst und wendet sich mir zu. „Du musst Fiona sein! Ja, ich erinnere mich an das Gesicht aus den Medien. Und nicht nur an das Gesicht!“
Er hat es echt drauf, sich von der ersten Sekunde an beliebt zu machen.
„Viele von denen, die mich ohne meine Erlaubnis nackt gesehen haben, sind tot“, sage ich ruhig.
Jetzt grinst James, ganz breit.
Mark lässt sich nicht irritieren. Er lacht kurz, dann sagt er Jenny, denn so heißt die unsichtbar bekleidete Dame, dass sie Kaffee holen soll, und invitiert uns in sein Büro.
Wir setzen uns auf eine Ledercouch. Ich sehe mich um. An den Wänden Bilder mit Szenen aus dem Clubleben. Das erinnert mich etwas an das Bordell von Emily. Die ganze Einrichtung hat auf eine gekonnte Art und Weise die Atmosphäre eines teuren Clubs aus dem Zwanzigern.
„Du könntest noch einen Pool hier einbauen lassen“, bemerke ich.
Mark sieht James an. „Ist sie immer so?“
„Im Moment hält sie sich noch zurück, weil sie dich nicht kennt, und mir zuliebe.“
„Okaaay …“ Er blickt Jenny an, die den Kaffee bringt, und wartet, bis sie den Raum wieder verlassen hat. „War ja klar, dass du dir etwas Ebenbürtiges suchst, James.“
„Sonst wäre es ja langweilig.“
„Redet ihr eigentlich über mich, als wäre ich nicht dabei, Jungs?“, erkundige ich mich. „James weiß es schon, nun auch für dich, Mark: Zwei Dinge kann ich nicht leiden: wenn man mich süß nennt und wenn man so tut, als wäre ich nicht da. Meistens bin ich geduldig und rational, aber ich kann auch emotional und hysterisch werden, wenn es nicht so läuft, wie ich es will.“
„Oh ja“, bestätigt James.
„Klingt nach einer aufregenden Ehe“, stellt Mark fest.
„Langweilig wird es mit mir garantiert niemals“, erwidere ich und erhebe mich, um mich umzusehen. Die Bilder finde ich spannend. Ob die Modelle wissen, welche Bilder von ihnen hier hängen?
„Ich schaue mir gerne schöne Menschen an“, bemerkt Mark.
„Hast du sie alle gefickt?“, frage ich, ohne ihn anzusehen. Strafe muss sein.
„Nicht alle.“ Seine Stimme vibriert leicht. Ich mache ihn nervös, ich verhalte mich nicht so, wie er es von zierlichen Blondinen kennt.
Ich drehe mich um. „Und was ist nun dein Problem?“
Er zuckt leicht zusammen. „Das weiß ich nicht so genau. Manche reden von einem Poltergeist.“
„Poltergeist? Klingt eher nach einem Fall für die Wartungstechniker der Klimaanlage.“
„Die waren schon hier. Ich bin ein Pragmatiker und prüfe erst einmal die naheliegenden Gründe. Die Geräusche und andere Erscheinungen haben anscheinend keine technischen Gründe.“
„Andere Erscheinungen?“
„Wir haben zwei Gäste, die behaupten steif und fest, sie hätten einen Mann gesehen, der plötzlich da war und auch wieder weg.“
„Während sie steif und fest waren?“
„Zumindest einer von ihnen.“
„Hm. Haben alle Gäste etwas gesehen oder gehört?“
Mark schüttelt den Kopf. „Vielleicht fünf oder sechs. Aber nur die beiden haben auch etwas gesehen, als sie … sie sich in einen der privaten Räume zurückgezogen hatten.“
„Mann und Frau? Und sie haben gevögelt, während sie von dem Poltergeist beobachtet wurden?“
„Sie sagten, er wäre mittendrin aufgetaucht und dann auch wieder verschwunden. Ob er sie beobachtet hat, ist nicht sicher.“
„Ja, klar. Ich nehme an, sie sind nicht unbedingt alle ausgerechnet heute hier?“
„Heute ist nur sehr wenig los.“
„Okay, ich möchte mich mit ihnen unterhalten. Wann ginge das?“
„Am Samstag. Ich werde ihnen ausrichten lassen, dass es eine Besprechung geben wird. Wann wäre es euch recht? Wenn es geht, eher abends. Oder nachmittags.“
„Nachmittags wäre mir lieber“, erwidere ich. „Je früher, desto besser.“
„In Ordnung. – Fiona, ganz ehrlich, du glaubst nicht daran, dass es übernatürlich sein könnte?“
„Möglich ist alles, Mark. Auch das. Wenn es ein Geist ist, muss es dafür einen Grund geben, wieso er plötzlich aufgetaucht ist. Warum gerade jetzt?“
„Es geht schon seit dem Sommer so, vielleicht August. Ich habe wirklich einiges ausprobiert, sogar Geisterjäger. Du lachst, aber es hat irgendwann genervt. Von dir hat mir Jack erzählt.“
„Siever?“
Er nickt. „Er sagte, du bringst mich um, wenn ich jemandem erzähle, dass du … anders bist.“
„Das stimmt.“
„Und inwiefern bist du denn nun anders? James hat nicht widersprochen, als ich ihn anrief, nachdem ich mich von meiner Überraschung erholt habe, ausgerechnet seinen Namen zu hören. Ich habe natürlich die Ereignisse damals mitbekommen und weiß, dass du über einige Qualitäten verfügst, die dir geholfen haben, all das zu überleben. Aber Übernatürliches? Das ist eine ganz andere Sache.“
„Das stimmt. Damals wusste ich auch noch nicht, dass ich eine Kriegerin bin.“
„Eine Kriegerin?“ Mark klingt überrascht, aber wie jemand, der weiß, was eine Kriegerin ist. „Eine echte Kriegerin?“
„Gibt es auch unechte?“
„Nun ja, da gibt es eine große Grauzone. Echten Kriegern bin ich noch nicht oft begegnet. Genaugenommen nur einem bisher.“
„Wieso weißt du von Kriegern?“, erkundigt sich James stirnrunzelnd. „Ich kannte das nicht, bis Fiona mir davon erzählt hat.“
„Es gehörte nicht zu den Dingen, die man in Berichte geschrieben hat“, murmelt Mark.
„Okay, das kann ich nachvollziehen.“ James akzeptiert erstaunlich schnell, dass Mark etwas wusste, was ihm neu war. Vielleicht gibt es dafür andere Dinge, die er kennengelernt hat und Mark nicht. Angedeutet hat er so was ja.
„Wenn du eine Kriegerin bist, dann kennst du diese Geschichte mit den unterschiedlichen Welten“, bemerkt Mark.
„Klar. Gefrorene Welt und Verborgene Welt.“
„Genau. Ich war noch nie in … der Verborgenen Welt, aber es muss ziemlich … beeindruckend sein.“
Ich werfe einen Blick auf James, aber der verzieht keine Miene. „Ich weiß nicht, ob ich sie beeindruckend nennen würde. Düster, beängstigend, verwirrend, gewaltig.“
„Es heißt, Krieger kommen dorthin, indem sie sterben.“
„Das ist eine Möglichkeit.“
„Okay. Bist du schon mal gestorben?“
„Ab und zu. Ist nichts, was ich vermissen würde.“
„Wahrscheinlich ist es nicht so angenehm.“
Ich lache kurz auf. „So könnte man es auch nennen. Ich starb ja nicht freiwillig, daher war es eigentlich immer unangenehm bis sehr unangenehm. Okay, Themenwechsel.“
„Klar, verstehe ich.“ Mark mustert mich, dann wendet er sich James zu. „Für dich muss es ja ziemlich seltsam sein, mit einer Kriegerin verheiratet zu sein!“
„Es hat die eine oder andere Abweichung von einer normalen Ehe.“ James sieht mich von der Seite an. „Aber das wusste ich eigentlich auch schon vorher. Normal war Fiona noch nie.“
„James! Wie viele Nächte willst du allein schlafen?“
Mark lacht. „Oh, oh, die ist ja ganz schön kratzbürstig.“ Als ich ihm einen Blick zuwerfe, hebt er die Hände. „Du hast nur gesagt, ich darf dich nicht süß nennen, von kratzbürstig war keine Rede!“
„Es gibt Dinge, die nicht gesondert erwähnt werden müssen!“
Ich sehe ihm an, dass er unsicher wird. Und grinse. Nach einem Moment grinst er zurück. James hebt einen Mundwinkel an. Ich glaube, der macht immer absichtlich auf „Ich habe keine Gesichtsmuskeln, also kann ich auch keine Regung zeigen“.
„Hattest du denn schon mit übernatürlichen Wesen zu tun?“, fragt Mark.
„Mit Vampiren, Werwölfen, Geistern, Dämonen, um nur die gängigsten zu nennen.“
„Und du, James?“
„Einige von ihnen durfte auch ich kennenlernen“, antwortet James ruhig.
„Ist schon irgendwie lustig. Ich hätte nicht gedacht, dass ich ausgerechnet mit dir mal hier sitzen und mich über so was wie Vampire und Krieger unterhalten werde, James.“
„Ging mir genauso“, erwidert der und nickt.
Ich will auch was sagen. „Ihr könnt vom Glück reden, dass ihr vermutlich nur einen Bruchteil dessen erfährt, was wirklich los ist. Wenn die Menschen wüssten, was in den Katakomben wirklich passiert, würden nur wenige ruhig schlafen.“
„Was ist denn da los? Soweit ich weiß, leben einige, die das Tageslicht aus unterschiedlichen Gründen scheuen, da unten.“
„Einige, genau“, sage ich lächelnd.
„Du warst schon da unten?“, fragt Mark.
„Ein paarmal. Die eigentlichen Katakomben beginnen dort, wo für Menschen die Grenze ist. Eine Grenze, die nicht ignoriert werden sollte. Dahinter ist es lebensgefährlich für Normalsterbliche.“
„Aber du warst auch da schon.“
„Klar. Bin ja keine Normalsterbliche. – Okay, ich denke, für heute sind wir fertig. Du sagst noch Bescheid, wann wir am Samstag kommen sollen.“
Mark nickt und begleitet uns nach draußen. Er mustert den Jaguar neugierig. „Manche Dinge ändern sich nicht“, sagt er dann.
„Wieso?“, erkundige ich mich.
„James war schon immer ein Jaguar-Fan. Ich glaube, er hat sich noch nie hinter das Steuer einer anderen Marke gesetzt.“
„Doch, er musste ab und zu auch meinen Wagen fahren. Einen Rocket. Kombi.“
Mark zieht die Augenbrauen hoch. „Mein Beileid, James.“
„Jedenfalls hängt mein Wagen jeden Jaguar ab. Er sieht halt nur nicht so sportlich aus.“
„Na ja, ich halte es für eine Sünde, einen Kombi schneller als 100 fahren zu lassen.“
„Komm, James, wir gehen. Sag deinem Ex-Kollegen, dass Chauvis mich hysterisch machen können, was oft ungesund endet.“ Ich wende mich ab und steige kopfschüttelnd in den Wagen. Wahrscheinlich wollte Mark nur einen Witz machen, aber manche Dinge sind für mich einfach grundsätzlich nicht lustig.
Nachdem James eingestiegen ist, sieht er mich fragend an. „Was war das denn?“
„Fahr einfach. Bitte.“

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Leseprobe: Geschichten einer Kriegerin – Liebe und andere Unwägbarkeiten des Lebens

Liebe und andere Unwägbarkeiten des Lebens

David. Ausgerechnet!
Er steigt gerade aus seinem Porsche, als ich auf den Kiesparkplatz neben dem angesagtesten Hafenrestaurant Newopes fahre. Mit James war ich schon ein paarmal hier, aber dass ich auch mit David mal in diesem Restaurant speisen würde, das hätte ich wirklich nicht gedacht.
Bin immer noch sauer auf ihn, das merke ich sofort. Dabei sind neun Jahre seitdem vergangen, als er mich vor der ganzen Schule vorgeführt hat. Vier Jahre lang habe ich ihn ignoriert, heute gelingt es mir nicht.
Zumal er mich sofort entdeckt und auf mich zukommt. „Fiona! Ich dachte mir schon, dass du auch da sein wirst!“
„Das dachtest du dir? Ach.“ Ich steige aus und beuge mich vor, um nicht vorhandenen Staub von den Jeans zu klopfen, nur damit er einen Blick unter meine Bluse werfen kann und muss.
Er grinst. „Du hast dich irgendwie kein bisschen verändert.“
„Hab ich wohl! Ich bin eine Nationalheldin!“
„Das ist wahr“, sagt er und nickt. „Es überrascht mich, dass dir das so wichtig ist.“
Ich atme tief durch. Was mache ich da eigentlich? Ich muss mich doch nicht wegen dieses Arschlochs so aufplustern! Wenn ich auch nur daran denke, dass ich mal in ihn verliebt war! Und dass ausgerechnet er mich entjungfert hat …
„Sorry. Normalerweise bin ich nicht so.“
„Sag bloß, du bist immer noch sauer auf mich.“
„Natürlich bin ich das! Ist dir eigentlich klar, dass die halbe Schule gesehen hat, wie du mit der blöden Fotze rumgeknutscht hast, während ich diesen verdammten Test schrieb? Und dass die ganze Schule wusste, dass du mit mir zusammen bist?“
„Fiona, wir waren beide Kinder!“
„Kinder? Das war nicht direkt ein Kinderspiel, was wir miteinander gemacht haben!“
Jetzt lächelt er auch noch. „Das stimmt. Ich fand es schön.“
„Ach? Du fandest es schön? Und warum hast du dann diese … diese blöde Fotze geknutscht?“
Da ist sie, die Gelegenheit, das endlich zu erfahren. Zumindest theoretisch, denn jetzt kommt Liz auf den Parkplatz gefahren. Und damit ist unser intimes, allerdings in Autokino würdiger Lautstärke geführtes Gespräch beendet. Vorläufig jedenfalls. So leicht kommt er mir nicht davon!
Ich begrüße Liz mit einer Umarmung. David auch. Haben sie etwa …? Dann fällt mir ein, dass mir das scheißegal ist.
„Seid ihr die Ersten?“, erkundigt sich Liz.
Ich zucke die Achseln und David antwortet: „Wir waren noch nicht drin, haben uns unterhalten.“
Liz mustert uns. „Ihr habt euch unterhalten?“
„Über alte Zeiten“, sagt David grinsend. Irgendwann radiere ich ihm dieses verfluchte Grinsen aus seinem Gesicht, aber für immer.
„Und jetzt gehe ich rein“, verkünde ich und setze es direkt in die Tat um.
Wir sind tatsächlich die Ersten. Ungewohnt für mich. Auf der überdachten Terrasse, von der aus wir einen herrlichen Blick auf das Meer haben, ist ein riesiger Tisch für uns reserviert. Wir sitzen noch nicht richtig, da kommt schon ein Kellner an.
„Guten Abend, Mesdames, guten Abend Monsieur. Was kann ich Ihnen zu trinken bringen?“
Während ich noch am Überlegen bin, bestellen David und Liz beide einen Kaffee. Ich mustere Henri, den Kellner. „Henri, was habt ihr für Whisky da?“
„Soll er stark sein oder schmecken, Fiona?“, erkundigt er sich und bleibt dabei völlig ernst.
„Äh … weißt du was, bring mir einen Martini. Ich fange mal zivilisiert an. Whisky dann später.“
„Sehr wohl.“ Und entfernt sich, stocksteif und gerade, wie es seine Art ist.
„Du bist wohl oft hier“, stellt David fest.
„Allerdings. Mit meinem Mann, James.“
„Ah, du hast ihn geheiratet?“ Liz strahlt. „Ich fand ihn so süß im Fernsehen!“
Süß? James??? Ich meine, er sieht toll aus, keine Frage, aber süß???
„Nanntest du James gerade eben süß?“, frage ich nach. Sicher ist sicher.
„Ja! Ich meine, er wirkt so männlich, so stark, aber eben auch süß.“
„Wenn ich ihm das erzähle, fällt er in Ohnmacht!“
An dieser Stelle werden wir erlöst, denn die Nächsten tanzen an. Eine halbe Stunde später ist die Runde fast vollständig. Auch Jeremy und Lincoln, die beiden anderen Ehemaligen, sind da. Aber mit diesen habe ich keine Probleme, sie haben sich ja nicht wie Arschlöcher benommen.

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Leseprobe: Die Legende von Sarah und Thomas – Die Prinzessin, die ihre Eltern tötete

Die Legende von Sarah und Thomas (Band 1)

An den nächsten Tagen musste auch Sarah arbeiten. Sie verhielt sich unauffällig, obwohl sie ahnte, dass es keine Rolle spielte, was sie tat. Sie wurden beobachtet, das stand fest.
Am zweiten Abend wurde Hanvanda geholt. Zum Nachtdienst. In dieser Nacht schlief Sarah nicht. Es dämmerte bereits, als Hanvanda zurückgebracht wurde. Weinend und zitternd drückte sie sich gegen Sarah, die sie mit aller Kraft festhielt. Dabei konnte Sarah Blut, Schweiß und Sperma riechen. Hanvanda erzählte nichts über die Nacht und Sarah fragte auch nicht danach.
Am nächsten Tag ging Hanvanda nicht arbeiten. Sarah deckte sie zu, bevor sie den Gefangenensalon verließ. Hanvanda lag neben Thomas auf dem Boden und schlief endlich.
Sie arbeiteten an diesem Tag auf dem Dach des Hauptgebäudes. Es wurde wenig gesprochen. Obwohl ein Teil von Sarah, den sie spöttisch königlichen Stolz genannt hatte, dagegen protestierte, solch gewöhnliche Arbeit zu verrichten, ließ sie sich nichts von ihren Gefühlen und Gedanken anmerken. Sie arbeitete schnell und präzise, wie sie es vom Kämpfen gewohnt war. Dadurch konnte sie unauffällig ihre Umgebung beobachten.
Das Haus entstand auf einer gerodeten Fläche. Nicht weit davon entfernt stand das Piratenschiff zwischen den Bäumen. Einige bewaffnete Piraten beaufsichtigten die Bauarbeiten. Die Gefangenen konnten sich frei bewegen. Wenn sie gewollt hätten, wäre es für sie ein Leichtes gewesen, zu fliehen. Doch sie wussten genau, das wäre nicht nur ihr eigenes Todesurteil, sondern auch das einiger ihrer Mitgefangenen.
Es war nur ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit, doch die Auswirkung war dafür umso verheerender. Doon und einer der Nomaden schleppten Holz für das Dach nach oben. Sie achteten nicht auf Sarah, die in gebückter Haltung rückwärtsging, einen schweren Balken in seine endgültige Position zerrend. Als sie über den Holzstapel stolperte, den Doon und der Nomade gerade abgelegt hatten, verlor sie ihr Gleichgewicht und fiel nach unten. Davor konnte ihre Körperbeherrschung sie nicht bewahren, aber zumindest vor schweren Verletzungen. Sie blieb einige Sekunden im Gras liegen und versuchte zu atmen. Zunächst bereitete es ihr erhebliche Probleme, sodass sie in leichte Panik geriet. Sie schloss die Augen und zählte langsam bis fünf, den Atem bewusst anhaltend. Danach konnte sie langsam die Luft in ihre Lungen strömen lassen, die vorhin so gewaltsam herausgepresst worden war. Sie atmete tief durch.
Dann waren Doon und der Nomade neben ihr und halfen ihr aufzustehen. Sie starrte Doon an.
„Verdammte Scheiße!“, brüllte sie los. „Seid ihr denn völlig hirnbefreit? Wolltet ihr mich umbringen?!“
„Es war ein Versehen“, erwiderte Doon kleinlaut.
„Ein Versehen? Wie kann man versehentlich was in den Weg stellen?“
„Es war unachtsam von uns, entschuldige.“
Sarah holte tief Luft. Das Gefühl dabei war fast schon wie ein Orgasmus. „Schon gut, vergiss es. Das werde ich nämlich auch tun. Verschwindet!“
Wenig später trat ein Pirat zum Haus und rief: „Hey Blauhaar!“
Alle Augenpaare richteten sich oben auf Sarah. „Oh, oh“, sagte Koteau. Sarah zuckte die Achseln und ging zum Dachrand.
„Ja?“
„Komm, der Chef will dich sprechen!“
„Warum?“
„Keine Ahnung. Und jetzt komm, sonst hole ich dich!“ Er hob andeutungsweise seine Waffe.
Sarah seufzte und sprang hinunter. Sie rollte sich diesmal geschickt ab und kam elegant auf die Füße. Der Pirat grinste, dann zeigte er auf das Raumschiff.
Es war deutlich luxuriöser eingerichtet als das Wächterschiff und auch als das Nomadenschiff. Sarah wunderte sich darüber keineswegs; sie liebte Annehmlichkeit auch, ohne sie zu sehr zu vermissen. Sie folgte ihrem Bewacher in einen Raum, der ein Salon aus ihrer Heimat hätte sein können.
Zwei Menschen warteten hier auf sie: der großgewachsene, braunhaarige Piratenkapitän und eine Frau, die sie sofort als die Hexe erkannte. Sie spürte ihre Anwesenheit mit einer fast schon schmerzhaften Intensität.
Sarah blieb in der Tür stehen.
Der Piratenkapitän blickte hoch und musterte sie. Dann winkte er sie heran. „Komm rein! Was möchtest du trinken?“
Sarah gehorchte und ging bis zum Rand einer eleganten Sitzgruppe, wo sie erneut stehen blieb.
„Vodka-Martini.“
„Ah, gute Wahl. Geschüttelt oder gerührt?“
„Ist mir egal.“ Sarah musterte die Frau. Sie war schlank, hatte rückenlanges, schwarzes Haar und ein fein geschnittenes, schönes Gesicht. Nicht mehr ganz jung, aber immer noch mehr als attraktiv, gepaart mit einer Reife, die sie deutlich älter wirken ließ als der erste Blick.
Der Kapitän reichte ihr ein Glas. „Geschüttelt, denn das ist besser. Ich heiße übrigens Zalo.“
„Ich weiß“, erwiderte Sarah. „Ich habe dich schon mal gehört.“
„Ach ja, in der Höhle. Übrigens, eure Idee war gut – aber nicht gut genug.“
Sarah musterte ihn eindringlich. Er war einen Kopf größer als sie und verdammt gut aussehend. Braune, kurze Haare, graue Augen, muskulöser Körper. Unter anderen Umständen hätte sie ihn sogar scharf gefunden.
„Vorsicht“, sagte er grinsend, „du kriegst Ärger mit Onanda, wenn du mich so ansiehst!“
Sarah blickte zu der Hexe. Sie saß auf einem Sofa, die langen Beine lässig übereinandergeschlagen. Sie trug ein Kleid mit einem Seitenschlitz, der den Blick auf eines ihrer bestrumpften Beine freigab.
„Du bist stark, junge Hexe“, sagte sie mit dunkler, weicher Stimme. „Wie heißt du?“
„Sarah.“
„Sarah. Ein schöner Name. Du kommst von der Erde?“
Sarah nickte.
„Du bist jung, aber deine Kräfte sind bereits gut zu spüren. Bei wem hast du gelernt?“
„Ich habe es mir selbst beigebracht“, erwiderte Sarah. „Meine Großmutter hat mir ein wenig erzählt, aber sie wollte wohl nicht, dass ich meine Kräfte nutze.“
„Sie wird ihre Gründe gehabt haben.“ Onanda erhob sich und ging um Sarah herum. „Du gefällst mir. Und Zalo gefällst du auch. Darum werde ich dich ausbilden und dir helfen, deine wahren Kräfte zu erkennen.“
„Du machst was?“, fragte Sarah vollkommen verwirrt.
„Wir erwecken die alte und mächtige Hexe in dir zum Leben!“, rief Onanda. „Es wäre eine Schande, dies nicht zu tun.“
„Aha. Und wenn ich nicht will?“
„Das wäre dumm. Sehr, sehr dumm.“ Onanda musterte sie lächelnd. „Und ich glaube nicht, dass du dumm bist.“
„Da sind wir uns wohl einig.“ Sarah beobachtete die Hexe aus den Augenwinkeln heraus. So konnte sie auch ihre wahre Gestalt erkennen, hütete sich aber davor, das zu erwähnen. „Und meine Freunde? Was wird aus ihnen?“
„Was soll schon werden?“ Zalo zuckte die Achseln. „Wir brauchen sie, um die Siedlung zu bauen und sie zu betreiben.“
„Sie wären auf ewig eure Gefangenen?“
„Nun, es wäre nicht klug, sie gehen und überall rumerzählen zu lassen, was sie hier aufgebaut haben“, sagte Zalo lächelnd. „Aber das soll nicht dein Problem sein. Du wärst natürlich frei – als unsere Gefährtin. Zu dritt könnte uns niemand mehr besiegen. Erst recht nicht, sobald du mit deiner Ausbildung fertig bist.“
„Warum wollt ihr das überhaupt tun?“
„Weil du diese Chance verdienst“, antwortete Onanda.
„Chance? Als Piratenbraut?“
„Vorsicht, junge Dame. Als Erstes wirst du Respekt lernen müssen. Ein wenig Demut steht jeder Hexe gut.“
Sarah sah die alte Hexe jetzt direkt an. „Ich bin eine Königin. Die rechtmäßige Königin von Untes. Leute wie ihr würden in meinem Königreich aufgehängt oder gevierteilt werden. Mit Banditen schließe ich keinen Pakt!“
Zalos Gesichtszüge entgleisten. Die Hexe hatte sich besser im Griff, von ihrem Gesicht verschwand lediglich das arrogante Lächeln, das Sarah sowieso aufgeregt hatte. Sie trat vor Sarah und starrte sie durchdringend an.
„Du solltest dir das gut überlegen. Könige sind für uns nur besonders willkommene Beute. Davon abgesehen benimmst du dich nicht wie eine Königin, höchstens wie eine verwöhnte Prinzessin.“
Sarah ballte ihre rechte Hand zu einer Faust. Mit der linken führte sie das Glas an ihren Mund und trank es leer. Dann reichte sie es der Hexe. „Vielen Dank für den Drink. Kann ich jetzt wieder an meine Arbeit?“
Onanda nickte. „Sicher.“ Dann schlug sie zu. Sehr schnell und sehr präzise. Mit links. Sarah landete auf dem Bauch und brauchte einige Sekunden, um sich zu sammeln. Ihr Mund füllte sich mit Blut. Langsam richtete sie sich auf.
„Kann ich jetzt gehen?“
Onanda nickte. „Ja, verschwinde.“
Sarah ging zurück auf das Dach. Sie bemühte sich, ihre Wut zu beherrschen. Solange Thomas verletzt dalag, konnte sie sich keinen unnötigen Ärger leisten. Ihr Gefühl sagte ihr jedoch, dass es dafür bereits zu spät war.