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Leseprobe: Alle Zeit mit ihr – Liebe und Erotik zwischen Frauen

Immer zu dritt

Alle Zeit mit ihr

Acht Jahre sind inzwischen vergangen und dennoch denkt Carola immer mal wieder an sie. Manchmal bedauert sie sogar, dass sie kein einziges Foto von ihr hat und auch im Internet keines findet und überlegt sich, ob sie in Mathildes Schrank nach einem suchen soll. Nach ganz oben hinten hat ihre Partnerin nämlich einen Karton verfrachtet mit Briefen aus ihrer Zeit mit Susanne. Auch wenn es Carola einerseits schwerfällt, Susanne mit hoher Wahrscheinlichkeit nie mehr zu sehen, ist sie andererseits froh darüber, dass sie gemeinsam mit Mathilde von Köln nach München gezogen ist, wo kaum eine Chance besteht, sich zufällig über den Weg zu laufen. Es wäre nämlich zu leicht für Su­sanne, sie erneut in Versuchung zu führen, obwohl oder weil sie mit Mathilde nun seit vierzehn Jahren zusammen ist.
Es war unglaublich. Noch heute sieht sie alles haargenau vor sich. Susanne liegt nackt auf dem Bett. Carola kniet über ihr. Ihre Zunge gräbt sich in Susannes blond gekräuseltes, dichtes Schamhaar. Sie saugt an ihr, knabbert sie an, bis sie kurz aufstöhnt und spürbar feuchter wird. Susannes Becken beginnt sich zu bewegen und Carola saugt sich an der prallen Klitoris fest. Mit zwei Fingern dringt sie gleichzeitig in sie ein, erst vorsichtig, dann immer fester und tiefer, bis sie spürt, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis Susanne kommt. Kurz zuvor hört sie auf; ihre Zunge taucht in den Bauchnabel, spaziert durch die Tief­ebene des knurrenden Magens, erwandert den flachen Hügel ihrer rechten Brust, kriecht weiter über ihren Hals hinauf bis zu ihren geöffneten Lippen. Sie küsst sie, tief, lange und schmeckt sich selbst dabei. Sie leckt über ihre eigenen spröden, aufgesprungenen Lippen.
„Ich habe mir wohl den Mund fransig geredet in den ellenlangen Auseinandersetzungen mit Mathilde“, sagte sie zu Susanne, als diese sie auf den desolaten Zustand ihrer Lippen ansprach.
„Wie steht es zwischen dir und Mathilde?“
„Nicht gut natürlich, sonst wäre ich jetzt nicht hier“, hätte sie ihr antworten können. Doch Carola wollte nicht über ihre Beziehung reden. Mathilde sollte verschwinden von dieser dünnen Matratze. Carola betrachtete die aufgewühlte Frau neben ihr, konnte es einfach nicht fassen: Sie lag mit Mathildes Ex-Freundin im Bett und wollte sie erregen, sie bis an ihre Grenzen bringen, danach Abschied von ihr nehmen und ihr einen festen Platz einräumen in ihren erotischen Fantasien.
Sie denkt noch oft an Susanne, wenn sie sich selbst liebt, beispielsweise auch, wenn sie mit Mathilde schläft und es ihr schwerfällt, von deren Körper und von deren stets ähnlichen und oft zu sanften Berührungen erregt zu werden. Oder wenn sie einmal im Jahr Freundinnen in Köln besucht, durch die Straßen ihres ehemaligen Wohnviertels streift und an Susannes Wohnung vorbeiläuft. Jedes Mal vergewissert sie sich, ob sie noch dort wohnt und ist erleichtert, wenn sie ihren Nachnamen auf einem der Klingelschilder sieht. Eine bloße Freundschaft mit Susanne wäre für Carola nicht lebbar gewesen, die Fortsetzung der Affäre ebenso wenig, denn dann hätte sie Mathilde aufgeben müssen. Diese hätte es – verständlicherweise – nie ertragen, dass sie sich ausgerechnet bei ihrer Ex-Freundin das holen würde, was ihr bei ihr fehlt.
„Gib zu, auch du vermisst leidenschaftlichen Sex mit Mathilde“, wurde sie von Susanne gefragt, als sie gerade eine Pause machten.
„Leider ist das so.“
„Deshalb habe ich mich von ihr damals getrennt. Ich habe es nicht mehr ausgehalten …“
„Ich weiß das. Mathilde hat mir davon erzählt, auch davon, dass du am Ende eurer ansonsten sehr schönen Partnerschaft immer häufiger ausgerastet bist.“
„Kannst du mich verstehen?“
„Ja und nein. Mathilde hat viele positive Eigenschaften. Sex ist nicht das Wichtigste. Aber nun etwas anderes: Soll ich Mathilde beichten, dass ich sie mit dir betrogen haben?“
„Darüber möchte ich gerade nicht nachdenken. Es wäre reine Zeitverschwendung. Küss mich lieber!“
Sie erkundete die Innenseiten von Carolas Oberschenkeln, entdeckte Stellen, wo sie zusammenzuckte, Stellen, die Mathilde übersehen hatte. Sie schlüpfte mit ihren Fingern weich und tief in sie hinein, bis sie Carolas Fingernägel in den Schultern spürte, weil sie sich festkrallte, um nicht endgültig abzuheben.
Gerade erst zwei Wochen war Carola mit Mathilde liiert, als ihr Erzählen über die Ex begann; zuerst war sie schrecklich eifersüchtig, denn sie waren immer zu dritt. Ihre Vorgängerin schwebte über ihnen als Phantom, als Schattenfrau. Sie kannte sie bald auswendig, all die Geschichten aus Mathildes Zeit in der Wohngemeinschaft mit der Frau, der sie ihren ersten Orgasmus und ihr Coming-out zu verdanken hat. Seitdem Carola Mathildes Ex hautnah – und das im wahrsten Sinne des Wortes – erlebt hat, fällt es ihr noch leichter, sich Mathildes Vergangenheit vorzustellen: die vielen Abendessen mit gefüllten Avocados, sich auf der Matratze gegenüber im Schneidersitz sitzend, dazwischen als Tischersatz Mathildes Aktenkoffer, darauf eine weiße Tischdecke ausgebreitet. Für die Matratze hatte Mathilde später eine riesige Bettdecke gekauft, war irgendwann nach Schulschluss zu IKEA gehetzt, um diese Überraschung zu besorgen. Obwohl sie die Bettdecke Susanne geschenkt hatte, nahm Mathilde sie beim Auszug mit. Immer wieder redete Mathilde von ihrem Alltag mit Susanne. Gelegentlich brachte Mathilde sich nach der Arbeit etwas Tiefgefrorenes mit, weil sie sich vor dem ungespülten Geschirr und der verbröselten Arbeitsplatte in der Wohngemeinschaftsküche zu sehr ekelte, um dort kochen zu wollen. Sie schob sich irgendein Fertiggericht in die Backröhre, setzte sich mit der Zeitung ins Bett und hoffte, dass es still bliebe in der WG und dass auch Susanne möglichst spät nach Hause käme. Nach einem langen Tag als Lehrkraft in einer Ganztagsschule sehnte sie sich nach einigen Minuten Alleinsein, nach Zeit für sich, ohne Ansprüche und ohne Auseinandersetzungen. Sie brauchte Ruhe, während Susanne am liebsten jeden Abend mit ihr ins Kino gehen oder Leute treffen oder mit ihr Liebe machen wollte. Wenn Mathilde in ihre noch junge Beziehungsvergangenheit eintauchte, schwankte sie zwischen Liebe und Hass und schien noch immer stark an Susanne zu hängen, was sich Carola schmerzhaft eingestehen musste. Welche Rolle spielte sie am Beginn der neuen Partnerschaft? War sie diejenige, die Mathildes Wunden heilen sollte und gleichzeitig darunter litt, dass Mathilde nur halbherzig in sie verliebt war. Irgendwann begann sie, Susanne mit anderen Augen zu sehen. Vieles, was Mathilde an ihr auszusetzen hatte, traf auf sie selbst genauso zu, dass sie spürbar in Alltagssituationen begehrt werden wollte, beispielsweise, oder dass sie Spaß am Tanzen und mehrmals pro Woche Lust auf Sex hatte. Carola konnte daran nichts verwerflich finden und verstand Susanne und deren angeblich so widerliche Szenen immer besser. Die ständigen Demütigungen, das Betteln um etwas Sinnlichkeit, wie satt hatte auch Carola das alles bekommen. So satt, dass sie Mathildes Ex auf einer Lesbentanznacht ein ganz eindeutiges Angebot gemacht hatte. Aus Rache an Mathilde? Nein, sie begehrte Mathildes Ex, die sie kannte und doch nicht kannte, unter deren Bettdecke sie schlief und von der sie ein gehauchtes „Hi“ bekam, als sie sich zufällig auf einer Party begegneten. Da Mathilde das Ausgehen und besonders das Tanzen hasste, zog Carola manchmal alleine los. Wie bei fremdsprachigen Büchern musste es auch bei Susanne der Originaltext sein, also die unübersetzte Fassung. Mathildes Übersetzung genügte ihr nicht mehr. Als sie Susanne zufällig auf jener Tanznacht sah, fiel es ihr nicht schwer, Mathildes Mischung aus Faszination und Widerwillen zu begreifen. Susannes Tanzstil reizte sie, auch wie sie flirtete. Wenn sie lächelte, war sie fast unwiderstehlich. Als sie eine Tanzpause machte, schrie ihr Carola ins Ohr: „Weiß du, wer ich bin?“
„Natürlich weiß ich das! Du bist meine Nachfolgerin. Ich hatte mich damals gewundert, dass Mathilde so schnell eine neue Frau findet. Und dann noch eine so sexy Lady. Was willst du von mir?“
„Ich möchte mit dir über Mathilde reden …“
„Du bist ja süß. Nur R e d e n möchtest du mit mir. Na ja, warum eigentlich nicht. Auch zwei Körper können miteinander in ein sehr spannendes Gespräch kommen.“
„Du bist ja noch schlimmer als ich dachte!“
„Na und! Ich habe dich nicht gezwungen, mich anzusprechen. Steh um 3 Uhr an der Garderobe und dann fahren wir gemeinsam zu mir.“

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Leseprobe: Fiona – Leben

Fiona – Leben (Band 5)

„Michael?“ In der Stille reicht dieses Wort schon geflüstert, um einen Widerhall zu erzeugen. Untermalt vom Quietschen der Tür müsste es meine Ankunft unüberhörbar verkünden. Dennoch gibt es keine Reaktion.
Aber ich spüre, dass er da ist.
Ich durchquere den großen Raum, den man mit viel gutem Willen Wohnzimmer nennen könnte, und gehe zur Tür, die in den Nachbarraum führt. Darin befindet sich unter anderem das Bett.
Darauf Michael, zusammen mit einem Buch. Er sieht hoch und mustert mich schweigend.
„Hi“, sage ich leise.
„Hi.“ Er lässt seinen Blick über meinen Körper gleiten, dann wieder hoch zu meinen Augen. „Welch ein hoher Besuch! Was verschafft mir diese unerwartete Ehre?“
Das frage ich mich auch gerade. Was habe ich eigentlich erwartet? Noch ist es nicht zu spät, ich sollte mich einfach umdrehen und wieder gehen. Es wäre das Klügste.
Und damit ausgeschlossen.
„Ich komme gerade aus dem Irak.“
„Wie schön für dich. Hast du dort Urlaub gemacht? Als Frau? Mutig.“
„Idiot. Ich habe jemanden hingerichtet. Und ich weiß jetzt, wie sich Kopfschüsse anfühlen.“
Er zieht eine Augenbraue hoch. Die rechte. „Hast du jemanden hingerichtet oder wurdest du hingerichtet?“
„Beides.“
„Also Abenteuerurlaub.“
„Michael …“
„Ja? Ich bin hier.“ Er legt das Buch weg und setzt sich auf. „Was genau willst du von mir?“
Eigentlich weiß ich es immer noch nicht. Ich sollte nicht hier sein. Die Geschichte im Irak ist eine Sache, die meisten Menschen würden kein Verständnis dafür haben, doch das kann mir egal sein. Aber wieso bin ich hierhergekommen, statt nach Hause zu fahren?
„Hallo? Fiona?“
Ich zucke zusammen. „Ich … Tut mir leid. War in Gedanken. Um ehrlich zu sein, versuche ich herauszufinden, warum ich hier bin.“
„Wieso, bist du nicht selbst hergekommen?“
„Doch, schon. Aber ich habe noch gar nicht darüber nachgedacht, wieso.“
„Wie geht das denn? Du musst doch irgendwann die Entscheidung getroffen haben, dieses Ziel als Koordinaten in dein internes Navi einzugeben.“
„Was?“
Er deutet auf seine Stirn. „Gehirn. Gedächtnis. Gefühle. Manchmal auch Gedanken.“
Ich muss lachen. „Du bist doof. Michael, erinnerst du dich, was ich dir gesagt habe, nachdem du mich geküsst hast?“
„Wie könnte ich das je vergessen?“, erwidert er. „Du bläst mir keinen, wir schlafen nicht miteinander und es wiederholt sich nicht.“
Ich senke den Blick. „Das … das war gelogen.“
„Was?“
„Ich meine, damals meinte ich das wirklich. Aber … ich meine, ich habe dir erlaubt, mich zu küssen. Das erlaube ich nicht jedem.“
„Ach?“
Langsam gehe ich näher. Er zieht die Knie an und legt die Unterarme um seine Beine, mit einer Hand das andere Handgelenk umfassend. Weder eine Einladung noch eine Zurückweisung. Ich bleibe unschlüssig stehen.
„Was genau möchtest du von mir?“
„Dich küssen. Dir einen blasen. Mit dir schlafen.“
„Warum so plötzlich? Ich habe nämlich keine Lust, einfach nur als Ventil zu dienen, weil du dich mies fühlst nach so einem Job.“
„Ich fühle mich nicht mies! Das Arschloch hat es verdient.“
„Ich denke, wir richten nicht?“
„Wir treffen Entscheidungen, und wenn wir der Meinung sind, jemand stört das Gleichgewicht, dann töten wir ihn. Das weißt du auch.“
„Ja, weiß ich“, nickt er. „Mir sind deine Kriterien nur nicht ganz klar.“
„Darüber wollte ich nicht mit dir reden. Jedenfalls hat es nichts damit zu tun, dass ich hier bin. Zumindest nicht direkt. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken auf dem Flug.“
„Zeit zum Nachdenken ist gut. Aber es fällt dir immer noch schwer, mir den Grund für deinen Sinneswandel mitzuteilen?“
Ich setze mich seufzend am Bettende auf den Rand. „Es ist … es ist kein Sinneswandel. Ich weiß, dass du in mich verliebt bist und …“
„Bin ich das?“
Ich sehe ihn direkt an. „Bist du. Willst du es leugnen?“
Er schüttelt den Kopf.
„Michael, ich weiß nicht, ob ich in dich verliebt bin. Aber ich begehre dich. Deswegen durftest du mich küssen. Etwas an dir bringt mich an den Rand des Wahnsinns. Ich habe mich dagegen gewehrt, doch jetzt will ich es nicht mehr.“
Michael starrt mich schweigend an. Sein Blick gleitet von meinen Augen nach unten, auf meine Brüste. Viel zu sehen gibt es von ihnen nicht, unter dem schwarzen Pullover trage ich einen Sport-BH. Ich fasse den Pullover am Kragen und ziehe ihn langsam aus. Dann den BH. Michael starrt immer noch auf meine Brüste. Er sieht mich nicht zum ersten Mal nackt, aber zum ersten Mal mit der Aussicht, mehr als den Anblick zu bekommen.

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Leseprobe: Auf die lesbische Liebe

Auf die lesbische Liebe

Da ich nach der Trennung von Nadine von Liebe erst einmal nichts mehr wissen und dennoch nicht darauf verzichten wollte, meinen Köper gelegentlich intensiv zu spüren, war ich Mietglied im Neptunbad geworden, einem Fitness Wellness Spa. An die Maschinen wagte ich mich nicht, aber ich hetzte mich durch Zumba, atmete mich durch Vinyasas oder quälte mich durch Body Workouts. Nach den freiwilligen physischen Strapazen gönnte ich mir ein, zwei Saunadurchgänge. Sport und Wellness hatten für mich mit Erotik bisher nicht das Geringste zu tun gehabt, aber gelegentlich ertappte ich mich dabei, dass ich die verschiedenen Frauenkörper während der Kurse, im Umkleideraum oder beim Duschen interessiert betrachtete, auch wenn mir im Grunde keine der Ladys wirklich gefiel. Auch meine eigene Nacktheit unter völlig Fremden erregte mich und ich fragte mich, ob ich wirklich Blicke auf meinem Körper spüren oder mir derartiges nur einbilden würde.
Als ich an diesem Abend nach einer Stunde Hatha Yoga in den Wellnessbereich ging, fühlte ich mich sofort von einer Frau beobachtet, die auf einem Liegestuhl saß. Ich verschwand in den Schwitz-Kasten und sie kam kurz darauf ebenfalls hinein und ließ sich gegenüber von mir nieder. Zwei weitere Frauen führten eine in meinen Ohren völlig absurde Unterhaltung über einen Gutschein für eine Tätowierung als geplantes Geburtsgeschenk für den Freund einer der beiden. „Dir würde ein Röschen auf dem Oberarm bestimmt auch gut stehen“, sagte die eine zur anderen und ich musste mich beherrschen, nicht loszulachen. „Nein, ich bin kein Typ für Tatoos; ich kann mir nicht vorstellen, dass mir etwas so gut gefällt, dass ich es ein Leben lang behalten will.“
Darüber musste ich ebenfalls schmunzeln und auch die fremde Frau mir gegenüber lächelte in sich hinein. Genauso wie ich amüsierte sie sich über die Unterhaltung oder auch darüber, dass ich ebenfalls still vor mich hin lachte. Sie sah mich an und ich sie. Plötzlich brachen wir beide gleichzeitig in schallendes Gelächter aus, worüber sich die beiden Mädchen wunderten.
„Es tut mir leid, aber weghören ist hier drinnen unmöglich“, sagte ich zu ihnen und die fremde Frau fügte hinzu, dass sie ja nun alles Wichtige wisse über Torstens Geburtstagsgeschenk und dass dessen Mutter Jacqueline heiße und nicht „Mama“ genannt werden wolle.
Die Mädchen verließen kommentarlos die Sauna. Ich blieb mit der fremden Frau allein. Sie schien mich eingehend zu mustern und ich war mir sicher, dass sie mich schon beobachtet hatte, bevor ich ein einziges Wort mit ihr gewechselt hatte. Obwohl ich nichts von ihr wusste, war ich mir sicher, dass wir eine gemeinsame Wellenlange hatten, und das allein abgeleitet aus ihrer Art, mich anzuschauen, und aus unserer ähnlichen Reaktion auf das aberwitzige und gleichzeitig banale Gespräch zweier junger Frauen. Ich schloss meine Augen und dachte an Stephanie und dass ich sie fragen wollte, ob sie mal mit mir in die Sauna gehen möchte.
„Wie heißt du?“, fragte ich die unbekannte Frau in das stille Halbdunkel hinein und hoffte, dass sie nicht ausgerechnet Nadine oder Stephanie heißen würde.
„Carla. Ich habe auch gerade darüber nachgedacht, wie du wohl heißt“, antwortete sie und lächelte mich an.
„Ich heiße Katharina“, sagte ich zu ihr und es freute mich, dass sie sich Gedanken über meinen Namen gemacht hatte.
„Ich habe dich hier noch nie gesehen. Gehst du öfters in Neptunbad?“
„Ich bin seit gut vier Monaten Member und circa zwei Mal in der Woche hier – zum Sport und zum Relaxen. Habe übrigens überhaupt nicht damit gerechnet, dass ich ausgerechnet hier auf einen interessanten Menschen treffen würde.“
„Das kann ich verstehen“, meinte sie. „Ich gehe seit Jahren häufig ins Neptunbad. Du bist die Erste, mit der ich mehr als ein paar Worte rede.“
„Bist du jeden Dienstag Abend da?“ fragte ich sie.
„Ja, meistens, und manchmal auch sonntags ab circa 16 Uhr.“
„Oh, am kommenden Sonntag kann ich nicht. Da muss ich auf eine Finissage.“
„Was machst du beruflich? Hast du etwas mit Kunst zu tun?“, wollte sie wissen.
„Privat ja, beruflich nicht. Rate mal, was ich mache?“
Sie schlug „Hundefängerin“ vor, worüber ich laut lachte und woraufhin sie mir erzählte, dass sie gerne jogge und dabei Angst habe, von einem Hund angefallen zu werden.
„Wo joggst du denn?“, fragte ich sie und sie nannte mir einen Rheinabschnitt, an dem ich täglich spazieren gehe oder radle.
Gemeinsam verließen wir den Saunaraum und gingen zu den Duschen. Im Gegensatz zu mir traute sie sich unter eiskaltes Wasser. Sie gab dabei Laute in verschiedenen Tonhöhen von sich, die mich an Sex erinnerten. Danach stieg sie ins Schwimmbecken. Ich legte mich auf eine Liege, um sie zu beobachten. Ihr nackter Körper bahnte sich schnell einen Weg durch das Wasser, von mir weg, zu mir hin, und sie forderte mich auf, auch hereinzukommen.
„Nach dem nächsten Saunagang gehe ich direkt in den Pool“, rief ich ihr zu. „Jetzt wäre mir das Wasser zu kalt dafür.“
Als sie aus dem Becken kletterte, betrachtete ich ihren Körper ausführlicher. Er sah so aus, als ob er keine Kinder in sich getragen hätte. Er war sehr schlank, aber viel weiblicher als der meine, was ich erregend fand und was mich an die Körper von Nadine und von Graciela erinnerte.
Sie legte sich auf die Liege neben meiner und erzählte mir von ihrem Praktikum als Redakteurin bei der EMMA und dass sich eine Kollegin von ihr schrecklich darüber aufgeregt habe, dass eine Frau in einer Kontaktanzeige einen Mann gesucht habe.
„Das ist sehr intolerant“, sagte ich und Carla meinte: „Ja. Und es muss doch auch Frauen geben, die all die süßen Lesben gebären.“
Diese Bemerkung fand ich aufschlussreich und ich fragte mich, ob sie damit abklären wollte, an welchem Ufer ich stünde. Ich ging darauf nicht weiter ein und erzählte ihr, dass ich am kommenden Sonntag eine heterosexuelle Künstlerin in ihrem Atelier aufsuchen werde, die dort das Ende ihrer Ausstellung mit einem Imbiss und mit französischen Gedichten, die ich für sie ins Deutsche übersetzt hatte, feiern würde. Vielleicht empfand Carla das als eine deutliche Abgrenzung meinerseits. Jedenfalls war das Thema Lesben damit erst einmal erledigt und sie begann von ihrem neuen Bekannten zu reden, mit dem sie seit ein paar Wochen ausgehe und den sie sehr „süß“ finde. Das enttäuschte mich etwas, denn ich hatte schon gehofft, Carla könnte sich mehr als nur freundschaftlich für mich interessieren. Auch wenn ich dabei war, Stephanie kennenzulernen, fühlte ich mich nach wie vor frei, denn ich hatte mit Stephanie noch nicht einmal einen Zungenkuss ausgetauscht. Zudem ärgerte mich ihre letzte Message immer noch und ich überlegte, ob ich meinen Besuch bei ihr absagen sollte. Als Carla gehen musste, verabredeten wir uns vage für Dienstag in einer Woche, und die Art, wie sich mich anlächelte und „Ich freue mich auf unser Wiedersehen“ sagte, ging mir durch und durch.
Egal, ob ich ihr noch einmal begegnen würde, egal, ob sie hetero, bi oder lesbisch wäre, die Begegnung mit ihr hatte meine Stimmung extrem verbessert. Wenn Stephanie mich nicht wollte, würde ich auch eine andere finden, vielleicht sogar im Neptunbad. Eine Kontaktanzeige würde ich nicht mehr schalten, es lieber lernen, mit Frauen, die mir zufällig über den Weg laufen, offensiver zu flirten.