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Leseprobe: Spiel der Tränen

Spiel der Tränen

Er mochte es nicht wahrhaben, doch immer wieder tauchten diese Bilder vor seinem geistigen Auge auf, und egal, was er auch tat, ihm gelang es beim besten Willen nicht, jene loszuwerden.
Gewaltsam riss er ihr den schwarzen Rock samt Slip herunter und streifte ihr das Shirt über den Kopf. Seine rauen Hände streichelten ihre nackten Brüste und zogen abwechselnd an ihren Brustwarzen. Er konnte ihrem Ausdruck im Gesicht entnehmen, wie verängstigt sie war und wie hilflos gleichermaßen, schlicht unsicher, wie sie reagieren sollte. Deutlich war, dass die Angst wohl die Lust überwog. Aber die würde noch kommen, davon war er überzeugt. Ihre Furcht, es könnte Schlimmeres passieren, war wie ein Buch in ihren Augen zu lesen. Zu Beginn hatte sie noch versucht, seine brutalen Griffe abzuwehren, doch war es aus dem Eingeständnis der eigenen Schwäche und wohl auch aus der Verwirrung heraus, dass sie das irgendwann kampflos aufgab. Ihrer eigenen Wehrlosigkeit bewusst, ließ sie das Unvermeidbare einfach über sich ergehen. Zu verängstigt war sie, nachdem sie die ersten, heftigen Schläge seiner flachen Hand einstecken hatte müssen. Was war nur in ihn gefahren? Seine Augen waren von einem merkwürdigen Glanz umgeben und wirkten ungewöhnlich leer. Wie besessen war er über sie hergefallen und würde sich kaum von seinem Vorhaben abbringen lassen. Die Geilheit stand ihm ins Gesicht geschrieben. Im Gegensatz zu ihr. Er hatte wohl vollkommen falsch begonnen, um auch die Gier in ihr zu entfachen. Sie biss sich stattdessen auf die Lippen, als er seine Finger in ihr vergrub, erst nur einen und dann den zweiten gleich hinterher.
Ob er überhaupt ernsthaft daran interessiert war, auch ihr eine gewisse Befriedigung zu verschaffen? Schnell verwarf sie diesen Gedanken wieder – er war absurd in dieser Situation. Unklar, ob ihm überhaupt bewusst war, was er da gerade mit ihr anstellte, sah er denn nicht, dass sie sich wehrte, dass Sex mit Gewalt das Letzte war, was sie jetzt von ihm mochte?
Wieso tat er das nur? Hatte er immer noch keinen Respekt für sie? Unkontrollierbar strömten ihr diese Fragen durch den Kopf, auf die sie wohl nie wirklich eine ehrliche Antwort erhalten würde. Sie betete nur immer wieder, dass er endlich von ihr ablassen würde, doch schon in diesem Moment begann er damit, seinen schweren Gürtel zu öffnen und seine Hose herunterzulassen. Sie sah ihm dabei noch einmal in die Augen und hoffte, bei ihm Mitleid und Erbarmen auslösen zu können, doch er schien ihren Blick gar nicht deuten zu können und begann sie zu küssen. Er packte sie ziemlich unsanft an den Armen und warf sie aufs Bett.
Seinen Gesten zufolge verlangte er von ihr, ihn oral zu befriedigen, dass sie sein steifes Glied in den Mund nehmen und verwöhnen sollte. Auffordernd sah er sie an, bis sie seinem wortlosen Befehl tatsächlich nachkam. Hatte sie anfangs sogar Ekel dabei empfunden, tat sie nun brav, was von ihr verlangt wurde. Er drehte sie mit dem Rücken zu sich – heftig, brutal – und befeuchtete ihre Vagina, ehe er mit seinem erigierten Glied in sie eindrang. Sie schloss die Augen und betete erneut zu Gott, möge es doch bald zu Ende sein. Sie spürte bereits ein starkes Ziehen und Brennen innerhalb ihres Geschlechtes, ein stechender Schmerz durchzog ihren Körper. Ihr Bitten schien doch nach kurzer Zeit schon erhört worden zu sein. Er stöhnte nunmehr lauter und seinem Angesicht war anzusehen, dass er zum Höhepunkt gelangt war. Er sah sie lieben Blickes an, strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht, betrachtete ihren grazilen Körper, der nunmehr gekrümmt auf dem weißen Laken lag.
Wie schön sie aussah, wie wunderschön. Hatte er doch nicht ernsthaft gewollt, ihr Schmerzen zuzufügen, doch war ihm keine andere Wahl geblieben, denn er hatte seine Lust nicht im Griff. Er wusste, jedesmal wenn sie sich sahen, wenn ihre Blicke sich trafen, überkam ihn schlicht das Verlangen, und das würde er nicht bändigen können. Er liebte es, mit ihr zu schlafen, ihr nahe zu sein, mit ihr eins zu sein. Würde sie das doch nur auch so sehen, könnten sie sich wirklich viel öfter treffen. Ihm war klar, sie waren beide gleichsam verrückt, sich zu verlassen, und sich dann immer wieder voller Begehren und Verlangen, voller Liebe, in die Arme zu fallen.
Als er seine Hose wieder anzog und das Hemd zuknöpfte, sah er, wie sie mit ihren Händen versuchte, das Blut, das ihr zwischen den Schenkeln entlanglief, am Tropfen zu hindern und er versuchte mühsam, darüber hinwegzusehen, versuchte krampfhaft gegen die Tränen, die sich in seinen Augenwinkeln sammelten, anzukämpfen.

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Leseprobe: Durch die Nadelöhr ins Himmelreich

Durchs Nadelöhr ins Himmelreich

Mit 18 Jahren sagte Sonja den Blumenwiesen ihres heimatlichen Dorfes Ade und folgte ihrem Traum vom Studium im aufregenden Berlin. Schon der Umzug dorthin im VW-Bus, vollgestopft mit ihren geliebten Büchern, Bett und Kochutensilien, ließ sich denkbar schwierig an. Sie erreichten die DDR Grenze an einem verregneten Oktobertag und gerieten an übel gelaunte Grenzposten, die Sonja zwangen, jedes einzelne ihrer vielen Bücher aus den Kartons zu zerren und den Herrschaften zur Ansicht vorzulegen. Am Ende waren die Bücher nass und Sonja von ihrer unterdrückten Wut völlig erschöpft.
Sie erreichten die Stadt viele Stunden später als geplant und es regnete immer noch. Sonja und ihr Begleiter schleppten Bücher, Bett und Kochgerätschaften in den vierten Stock eines ziemlich heruntergekommenen Mietshauses am Paul-Lincke-Ufer, wo sie durch die Vermittlung eines Freundes ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft gemietet hatte. Das Zimmer war geräumig, allerdings wirkte der Stuck an der hohen Decke wie angekokelt und die nackte Glühbirne, die dort angebracht war, machte den leeren Raum nicht gemütlicher. Die Mitbewohnerin, die sie eingelassen hatte, verschwand gleich wieder, fröhlich verkündend, dass sie nur selten hier schlafe. Sie sei meistens in der Wohnung ihres Freundes und behalte ihr Zimmer hier nur noch zur Sicherheit, falls es mit dem Freund schiefgehen sollte. Die dritte Bewohnerin sei schon vor zwei Monaten auf einem Pferd von Berlin in Richtung Pyrenäen geritten, auf der Suche nach einem einfacheren Leben.

Der nächste Tag war ein Samstag und Sonja erkundete ihre neue Umgebung. Gleich um die Ecke geriet sie auf einen türkischen Markt. Frauen in dunklen Gewändern und Kopftuch, mit kleinen Kindern an der Hand, drängten sich um Stände mit köstlich frischem Obst und exotischem Backwerk, während die Verkäufer hinter den Ständen ihre Ware auf Türkisch anpriesen. Dies war eine völlig neue Welt für Sonja, die auf dem Dorf aufgewachsen war und noch nie einen Ausländer zu sehen bekommen hatte. Anfangs mischte sie sich freudig unter die Käuferinnen, bestaunte Chilischoten, eingelegten Schafskäse, Baklava und türkische Pizza, und nahm sich vor, später ein paar dieser Köstlichkeiten auszuprobieren. Im Augenblick aber trieb es sie weiter. Sie wollte ein Gefühl für diese Stadt bekommen, die sie sich als ihre neue Heimat erwählt hatte.
Irgendwann, etwa auf der Mitte des endlos langen Kottbusser Dammes, schlug ihre Stimmung um. Die rußgeschwärzten Kreuzberger Häuserfassaden schienen plötzlich höhnisch auf sie herabzublicken und ihr sagen zu wollen, dass sie hier nicht hingehöre. Da überfiel sie die Angst, diesem Moloch Stadt nicht gewachsen zu sein, gleichzeitig aber von ihm gefangen gehalten zu werden. Das war das Nachbeben der Grenz-Schikane vom Vortag. Wer solche Schwierigkeiten beim Überschreiten der Grenze hat, kommt, nachdem er eingelassen wurde, vielleicht nie mehr heraus? Überhaupt, die Mauer – sie war am Stacheldraht-Grenzzaun zur DDR aufgewachsen und meinte, ein abgeklärtes Verhältnis zur Grenze quer durch Deutschland zu haben. Aber hier in Westberlin fühlte sich das ganz anders an: nicht geteilt, sondern eingeschlossen und belagert. Und das in einer endlosen Steinwüste, in der sie keine Menschenseele kannte.

In der darauffolgenden Woche fing ihr Semester an, das sie sich engmaschig mit Germanistik- und Politik-Vorlesungen und -Seminaren vollgepackt hatte, ihre altbewährte Methode, um keine Lücken entstehen zu lassen, durch die irgendeine Verzweiflung hereinströmen könnte. Disziplin – die hatte sie vom Vater gelernt.
Um zur Universität zu gelangen, musste sie einmal quer durch Berlin mit U- und S-Bahn mit zweimaligem Umsteigen. Auf dem Campus angekommen, eilte sie in ihre Seminare oder Vorlesungen und blieb häufig den ganzen Tag dort, weil es sich nicht lohnte, in einer zweistündigen Pause die Weltreise zurück in ihre Studentenbude auf sich zu nehmen. Solange sie sich gewissenhaft auf ihr Studium konzentrierte, schien sie innerlich im Gleichgewicht zu sein. Lernen hatte ihr immer schon riesigen Spaß gemacht. Nach ein paar Wochen allerdings schlich sich eine Unruhe in ihr Herz und sie musste sich eingestehen, dass sie sich unerträglich einsam fühlte.
Sie hatte zwar Kontakt zu anderen Studenten ihres Semesters während der Seminare und in den Pausen. Abends jedoch verschwanden diese Kommilitonen irgendwohin, wo Sonja eine liebe Mama, einen Freund oder zumindest eine funktionierende Wohngemeinschaft vermutete. Wenn sie selbst nach Hause zurückkehrte, hielt sie nur einsame Zwiesprache mit ihrer trostlosen Glühbirne, die immer noch so nackt an der hohen Decke baumelte, wie sie sich selbst irgendwie nackt und schutzlos fühlte. Daran, dass sie nichts tat, um dieser hässlichen Glühbirne einen improvisierten Schirm zu basteln, wie sie es zu Hause sofort getan hätte, konnte Sonja den Zustand ihres Herzens ablesen. Irgendwie war es ihr nach vielen Wochen immer noch nicht gelungen, in dieser Stadt anzukommen und Ja zu sagen zu ihrer Situation.
Nach einer schlaflosen Nacht erkannte Sonja das Ausmaß ihrer Bedürftigkeit und erschrak. Dies war eine Gefühlslage, vor der sie sich mehr fürchtete als vor irgendetwas anderem. An ihrem Grund lagen Selbstzweifel und diese brachten Abhängigkeit hervor. Wenn du dich selbst nicht liebst, suchst du diese Liebe bei jemand anderem. Er möge dir das Gefühl geben, dass du liebenswert seist.
In ihrem Innersten wusste Sonja schon lange, dass sie lernen sollte, sich selbst anzunehmen. Denn nur so konnte wirkliche Liebe zwischen ihr und einem anderen Menschen entstehen, alles andere war eine Illusion. Aber sie schob diese innere Stimme immer wieder beiseite, denn dann hätte sie sich der tiefen Verlassenheit stellen müssen, mit der ihre Kindheit begonnen hatte und die als untergründige Angst ihr Leben überschattete. Unbehaust sein – das war die Grundmelodie, aus der sich die Stimme der Bedürftigkeit quälend erhob, nach Heimat suchend. Diese große, eingeschlossene Stadt hatte ihre Lebensmelodie klar und deutlich zutage gefördert und sie wurde ihr von der abgaserfüllten Luft, von den Graffiti an den Bahnhöfen und natürlich von der allgegenwärtigen Mauer zurückgespiegelt. Letztere verlief direkt durch ihr Herz.

Das Fahren mit der U-Bahn fiel ihr immer schwerer. Hier fühlte sie sich besonders eingeschlossen und den Blicken ihrer Mitreisenden ausgesetzt. Sie bildete sich ein, diese Blicke könnten in ihr Innerstes eindringen und dort ihre existentielle Unsicherheit entdecken. Wenn ihr jemand übel mitspielen wollte, könnte er sehen, wie wehrlos sie sich fühlte, und dann könnte sie leicht zum Spielball fremder Mächte werden. Auf die Idee, dass sie Hilfe brauchte, kam sie nie. Denn sie war es von Kindheit an gewohnt, dass sie mit der Welt allein fertig zu werden hatte. Und so panzerte Sonja sich mit einem verkrampften Lächeln, das sie in der Öffentlichkeit als Schutzmauer einsetzte.
Das wiederum brachte sie in neue Schwierigkeiten. Jeden Abend, wenn sie mit der U-Bahn Richtung Kreuzberg fuhr, stiegen viele türkische Männer zu. Das Zwangslächeln wurde jetzt zur Falle. Die Männer schauten sie ganz unverhohlen an und sie fühlte sich unter ihren Blicken nackt. Etwas in ihr wollte gesehen werden. Ihr eigenes Sehnen, von einem Mann einfach in den Arm genommen zu werden, beschützt und begehrenswert zu sein, war so zwingend, dass sie es nicht mehr verbergen konnte. Und so musste ihr Lächeln für diese fremden Männer wie eine Aufforderung erscheinen, ihr zu nahe zu treten. Und dafür schämte sie sich.
Sie war nicht mehr in der Lage, sich abzugrenzen, und diese letzte Strecke ihrer Reise glich einem Spießrutenlauf. Wenn sie das Kottbusser Tor erreicht hatte, stürzte sie schweißüberströmt aus der Bahn und es dauerte lange, bis ihr ängstlich pochendes Herz sich beruhigt hatte.

Sie begann, die Uni zu schwänzen, aus Angst vor der U-Bahn. Auf dem Bett liegend hielt sie Zwiesprache mit der nackten Glühbirne und sah niemanden, tagelang. An wen sollte sie sich auch wenden, sie war mutterseelenallein in Berlin. Aber so weit, sich ihr Scheitern an der eingeschlossenen Stadt einzugestehen, war sie noch nicht. Und dies als Fingerzeig des Lebens zu nehmen, sich ihren Angstzuständen zu stellen – dafür war weder die persönliche noch die historische Zeit reif.
Wenn sie von der Glühbirne genug hatte, ging sie in die kalte Küche und machte den kleinen Fernseher an, den jemand auf den Kühlschrank gestellt hatte. Obwohl sie für Fernsehen bisher nur verächtliche Gefühle aufbringen konnte, erwies sich dieser kleine Flimmerkasten als echter Freund, besonders wenn gute Filme liefen. Sonja liebte Kino über alles und sie war in ihren ersten Semestern in Heidelberg Mitglied des studentischen Filmclubs gewesen. Eines traurigen Berliner Abends flimmerte über den kleinen Fernsehkasten Belle de Jour von Buñuel, ein Film, den sie schon dreimal gesehen hatte, so sehr faszinierte sie die Heldin Séverine, gespielt von der bildschönen Catherine Deneuve. Schlafwandlerisch lebt diese Frau ihre sexuellen Phantasien aus, angeekelt von der Falschheit und Doppelmoral ihrer Klasse. Der Regisseur hält es herrlich in der Schwebe, ob Séverine sich nun wirklich oder nur in ihrer Vorstellung ihren perversen Partnern hingibt. Gerade durch den diskreten Umgang mit der weiblichen Lust entstand für Sonja jene schwebende erotische Spannung, die der Film schon die vorigen Male bei ihr ausgelöst hatte. Mit Pornographie hatte das nichts zu tun, denn sie verstärkte normalerweise bei ihr das Gefühl des ekelerregenden Beschmutzt-Werdens. Buñuel aber ließ seine Heldin selbst bei den perversesten Männern fast unschuldig erscheinen, weil sie einem höheren Gebot der Lust zu folgen schien, das gegenüber der Verlogenheit ihrer Ehe die Wahrheit für sich reklamierte.

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Leseprobe: Geschichten einer Kriegerin – Der verliebte Dschinn

Der verliebte Dschinn

Mark schüttelt den Kopf. „Wie kann jemand, der so fit ist, so leicht frieren?“
„Sie friert schon, wenn ich den Kühlschrank aufmache.“ Danke, James!
Mark grinst breit, während ich meinen lieben Ehemann empört anstarre.
„Was denn? Stimmt das etwa nicht? Ich verstehe es sowieso nicht. Als du den einen Kerl aus dem Auto geholt hast, da warst du auch nicht gerade dick angezogen.“
„Aber voll mit Adrenalin!“
„Was für einen Kerl aus was für einem Auto?“
Ich überlasse es James, von unserem Abenteuer mit dem Selbstmörder zu berichten, und denke in der Zeit nach. Was für ein Wesen haust in einem See, streichelt unsichtbar fremde Frauen und erscheint in einem Kaftan einem vögelnden Paar? Irgendwas ist hier mehr als seltsam.
„Schatz?“
„Was?“
„Ich habe dich jetzt dreimal was gefragt.“
„Was denn?“
„Ob es okay ist, dass Mark den Anzug besorgt und uns Bescheid sagt, wenn er ihn hat. Mehr als zwei, drei Tage wird das ja wohl nicht dauern.“
„Er hat eine Woche Zeit.“
„Eine Woche?“
„Bis nächsten Samstag. Ich werde nicht im Dunkeln im See herumschwimmen.“
„Hast du etwa Angst?“
„Das habe ich überhört. Ich brauche Licht. Meine Sinne sind zwar deutlich feiner als eure, aber ganz ohne Licht in dem See wird es nicht gehen.“
„Ich kann auch eine Taucherlampe besorgen.“
„Trotzdem werde ich erst nächsten Samstag in den See gehen, und zwar tagsüber“, erwidere ich. „Hast du ein Problem damit?“
Mark mustert mich nachdenklich, dann schüttelt er den Kopf.
„Gut. War es das?“
„Der offizielle Teil. Wenn ihr noch bleiben wollt, alles geht aufs Haus.“
Ich brauche einen Moment, um zu begreifen, dass er uns gerade ernsthaft vorgeschlagen hat, Gruppensex auszuprobieren. Und dass er heute garantiert mitmachen würde. Kann es wirklich sein, dass er so scharf darauf ist, mit der Frau seines ehemaligen Kollegen zu vögeln? Ich glaub das einfach nicht. Steht auf meiner Stirn: „Fick mich“?
Mark scheint mein Zögern zu missverstehen, denn er sagt: „Nein? Schade. Vielleicht ein anderes Mal.“
„Ganz sicher nicht!“
Ich verzichte auf den Abschied und warte im Foyer auf James. Er kommt irgendwann ohne Mark, sieht mich kurz an, dann nimmt er seine Jacke. Ich habe meine bereits an, er zieht seine gar nicht erst an. Heute sind wir mit meinem Wagen da und ich fahre. Die ersten Minuten ist nur Musik zu hören.
„Mark wollte wissen, was du eigentlich gegen ihn hast“, sagt James plötzlich.
„Ist dir eigentlich klar, dass er scharf darauf ist, mich zu ficken?“
„Unübersehbar.“
„Und was sagst du dazu?“
„Du bist scharf.“
Ich verreiße fast das Steuer, als ich ihn nicht zum ersten Mal heute empört anstarre.
„Ist dir nicht das klar?“
„Natürlich ist mir das klar. Deswegen ficke ich doch nicht jeden!“
„Nicht mehr.“
Arschloch! Ich beherrsche mich gerade noch und denke das nur. Mit zusammengepressten Lippen starre ich nach vorne.
„Ich mache dir keine Vorwürfe. Schließlich habe ich mich in dich verliebt, so wie du bist.“
„Aha.“
„Wo ist das Problem? Du siehst gut aus, du liebst Sex. Männer wie Mark merken das und reagieren darauf.“
„Und das ist dir egal?“
„Es wäre mir dann nicht egal, wenn ich dir nicht vertrauen würde.“
Na toll. Wie soll ich weiterschmollen, wenn er solche Sachen sagt?
Ich werfe ihm einen Blick von der Seite zu. „Du vertraust mir? Trotz allem?“
„Ist das falsch?“
Ich schüttele den Kopf.
„Mich törnt das eh ab.“
Ein heftiger Themenwechsel. Oder er merkt nur, wie unangenehm mir das Thema geworden ist. Immerhin habe ich ihm erst vor ein paar Wochen Gelegenheit gegeben, sein Vertrauen mir gegenüber zu überdenken.
„Hast du nicht gesagt, du hast das schon mal gemacht?“
„Das ist lange her. Außerdem war es dienstlich.“
„Und du hast es nicht genossen?“
„Doch, sicher hat es Spaß gemacht. Ich bin nun auch nicht gerade ein Mönch.“
„Nein, wirklich nicht.“ Ich grinse ihn an. „Hast du auch mit Männern geschlafen?“
Er schüttelt den Kopf.
„Keine Lust oder keine Gelegenheit?“
Mir wird plötzlich bewusst, dass ich mich auf sehr dünnem Eis bewege. Was antworte ich, wenn er mich fragt, ob ich schon mit einer Frau geschlafen habe? Okay, zur Not kann ich Anne Marie ins Spiel bringen. Wäre ja nicht einmal gelogen. Aber auch nicht ganz ehrlich. Kann er mir wirklich vertrauen?
„Jemand, den ich mal kannte, hat gesagt: Homosexuell sei man nur solange nicht, bis einem der Richtige begegnet.“
Stimmt. Genau so ist es mir mit Katharina ergangen. Dass sie seitdem nicht die einzige Frau geblieben ist, mit der ich Sex hatte, ist wahrscheinlich eine Konsequenz daraus, dass ich nun weiß, wie viel Spaß es machen kann.
„Wie müsste denn dein Angebeteter aussehen?“, erkundige ich mich.
„Wie du.“
Okay, er will darüber nicht reden, oder wenigstens nicht in die Tiefe gehen. Ich kann ja nur hoffen, dass er nicht auch ein Geheimnis hat.
Ach was, hat er nicht.
„Demnach hattest du mit mehreren Frauen gleichzeitig Sex.“
„Demnach?“
„Na ja, wenn du Gruppensex in einem Swinger-Club hattest und noch nie Sex mit einem Mann, müssen es ja mehrere Frauen gewesen sein.“
„Das ist logisch. Und ja. Mit dreien.“
„Oh. Unterfordere ich dich da nicht?“
„Du? Ganz sicher nicht.“
Hm. Das ist jetzt eindeutig mehrdeutig. Ich beschließe, dass es ein Kompliment war.
„Und du?“
„Ich war noch nie in einem Swinger-Club.“
„Und auch noch nie mit mehr als einem Mann Sex gehabt?“
„Doch. Einmal.“
„Oh.“
„Ich war neunzehn. Mein erster Urlaub allein, nach der Schule und bevor ich als Trainee anfing. Ich hatte mich im Hilton in Bay Arrival einquartiert und zwei Jungs in der Disco kennengelernt.“
„Also lag ich doch gar nicht so falsch.“
„Womit?“
„Nicht mehr.“
Ich brauche einen Moment, bis ich kapiere, was er meint. Dann sehe ich ihn an. „Idiot.“
Er grinst. „Wie ich schon sagte, ich habe mich in dich verliebt, weil du bist, wie du bist.“
„Wie bin ich denn?“
„Wieso wusste ich, dass jetzt diese Frage kommen wird?“
„Vielleicht weißt du ja wirklich, wie ich bin.“
James mustert mich nachdenklich.
„Du hast noch fünf Minuten, dann sind wir zu Hause.“
„Das geht schnell. Du bist süß wie Schokolade, heiß wie ein Vulkan und wild wie eine Löwin.“
Vielleicht sollte ich ihm erzählen, dass ich nicht süß bin. Andererseits, mir fehlt gerade die Luft zum Reden. Das ist so richtig typisch James, wie er eigentlich immer Komplimente macht. Wieso sagt er nicht einfach, dass ich die tollste Frau bin, der er je begegnet ist? Eine Göttin halt?
„Habe ich dich sprachlos gemacht?“
„Ein bisschen. Meine Eltern haben mich auch erst vor Kurzem mit einem Vulkan verglichen, als ich sagte, du seist wie ein Eisberg.“
„Wann war das denn?“
„Als ich … ich nackt zu ihnen rübergelaufen bin.“
„Ah, das meinst du.“
Zum Glück kommen wir jetzt zu Hause an und ich bin erlöst. Solche Gespräche hatten wir ja wirklich noch nicht oft. Eher noch nie. Was so ein Swinger-Club auslösen kann. Schon erstaunlich.
Wir drehen eine kurze Runde mit Danny. Als wir wieder im Haus sind und ich mich aus meiner der Kälte angemessenen Kleidung schäle, sage ich plötzlich, sogar für mich überraschend: „Auch gleichzeitig.“
James starrt mich fragend an.
„Einer von hinten, einer von vorne.“
„Oh.“ Er denkt kurz nach. „Zwei in Reiterstellung.“
„Und die Dritte?“
„Sie küsste die Zweite.“
„Verstehe.“ Ich vergesse, bei der Hose haltzumachen und stehe plötzlich im Schlüpfer da. „Wir küssten uns gleichzeitig.“
„Wir zu viert. Und zu dritt.“
Ich gehe rückwärts ins Wohnzimmer, bis ich mit den Kniekehlen gegen einen der Sessel stoße.
„Zwei gleichzeitig im Vordereingang.“
James zieht eine Augenbraue hoch. „Waren das keine Männer?“
„Du Arschloch“, erwidere ich lachend.
Er kommt näher und zieht mir den Pullover aus. Dann das Sweatshirt. Und schließlich das T-Shirt.
„Warst du am Nordpol?“, erkundigt er sich amüsiert.