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Leseprobe: Fiona – Beginn

Fiona – Beginn

Ich fühle mich müde. Von meinen Eltern unbemerkt habe ich mich ins Haus geschlichen und setze mich auf die Fensterbank. Der Garten wirkt verlassen. In wenigen Stunden wird die Sonne ganz untergegangen sein. Im Hintergrund spielt Musik, Supergirl …
… and supergirls don´t cry.
Wie gern wäre ich jetzt das Supergirl von jemandem. All die vielen Männer, all die vielen Affären, sie verlieren in diesem Augenblick die Bedeutung. Bedeutung, die sie sowieso nie gehabt haben. Ben? Oh nein, Ben ist ein netter Junge, aber nicht das Richtige für mich. Zu langweilig, zu spießig, zu farblos. Vielleicht wäre es sogar ganz nett mit ihm im Bett – die ersten Male. Aber bald würden wir anfangen, uns immer öfter zu streiten. Er hat gern festen Boden unter den Füßen, aber ich bin ein Supergirl, und Supergirls müssen fliegen.
Supergirls lassen sich auch nicht einfach sagen, sie sollen nach Hause gehen und das Puppenhaus hüten. Das war es sinngemäß, was Jack Siever uns mitteilte, als wir ins Präsidium zurückkamen.
„Ich habe schlechte Nachrichten“, empfing er uns, nachdem er uns ausrichten ließ, dass er uns in seinem Büro sehen wollte. „Der Polizeipräsident ist gar nicht erbaut über eure Aktivitäten und möchte, dass Fiona nach Hause geht. Meinen Hinweis auf das Gesetz schmetterte er mit dem Argument ab, dass das Gesetz für Männer gemacht wurde, die eine Waffe richtig anpacken können.“
„Dieser Chauviarsch!“, entfährt es mir.
„Das habe ich überhört“, sagt Siever trocken. „Sorry, aber ich kann seine Anordnung nicht einfach ignorieren …“
„Aber ich kann das!“, erwidere ich heftig. „Okay, ich werde ihn davon überzeugen, dass er die Dinge falsch bewertet. Komme gleich wieder!“
„Fiona! Wo willst du denn hin, verdammt?“
Ich beachte Laura nicht. Das Büro des Präsidenten befindet sich in der obersten Etage. Schon auf dem Korridor merkt man, dass hier nicht die kleinen Fische arbeiten. Meine Schuhe gleiten durch den hochwertigen Teppich, schwere Holztüren führen in das Allerheiligste. Besser gesagt, in den Vorhof davon, zu der Sekretärin.
Sie schaut mich über ihren Brillenrand hinweg fragend an. „Wo möchten Sie hin? Ich vermute, dass Sie sich verirrt haben.“
Ich deute auf eine verschlossene, dunkle Tür. „Ist dort das Büro des Polizeipräsidenten?“
Die Sekretärin nickt.
„Dann bin ich goldrichtig. Ist er da?“
„Ja, aber er hat eine Besprechung … hey, da können Sie nicht rein!“
Als sie versucht, sich mir in den Weg zu stellen, schiebe ich sie mit sanfter Gewalt zur Seite. Danach holt sie mich erst wieder ein, als ich schon die Tür aufgerissen habe.
„Es tut mir leid, aber sie wurde gewalttätig …“
Der Polizeipräsident schaut hoch. Sein Blick durchbohrt mich, dann gleitet er an mir herunter. Seufzend wendet er sich an die beiden Männer in dunkelgrauen Anzügen.
„Es tut mir leid, meine Herren, wir müssen die Fortsetzung unseres Gesprächs vertagen. Sandra, schon gut. Ich kenne die junge Dame. Sie kann sehr nachdrücklich sein. Holen Sie ihr bitte einen Kaffee.“
Sandra geht mit einem irritierten Blick auf mich aus dem Büro. Auch die beiden Herren machen einen erstaunten Gesichtsausdruck, gehorchen aber widerspruchslos. Als die Tür hinter ihnen zugeht, wende ich mich an den Mann hinter dem großen Schreibtisch.
„Hast du wirklich gesagt, das Gesetz wäre für Männer, die eine Waffe richtig anpacken können?“, erkundige ich mich mit einem süßen Lächeln.
„Diesen Gesichtsausdruck mag ich nicht sonderlich, Fiona. Davon abgesehen, habe ich so was angedeutet.“
„Du bist ein elender Chauvinist!“
Seufzend erhebt er sich und kommt zu mir. „Es ziemt sich nicht, so mit deinem Onkel zu reden.“
Die Tür geht auf und Sandra bringt den Kaffee. Sie zieht die Augenbrauen hoch, als sie uns so nah beieinander sieht, enthält sich aber eines Kommentars. Sie ist schon fast wieder draußen, als Steve Connor bemerkt: „Ach, übrigens, ich glaube Sie kennen Fiona Carter, meine Nichte, noch nicht. Fiona ist etwas empört darüber, dass ich sie aus dem Fall rausziehen will.“
„Oh … mir scheint, sie ist genauso ein Sturkopf wie Sie, Steve.“
Steve Connor lacht verhalten. „Oh nein, sie ist viel schlimmer. Sturköpfig und absolut respektlos sind ihre Hauptattribute. Wahrscheinlich liegt sie mir auch deswegen so am Herzen.“
„Wahrscheinlich“, erwidert Sandra und geht raus.
„Du irrst dich“, sage ich leise. „Ich bin nicht etwas empört, ich bin stinkesauer!“
„Es ist gefährlich. Du hast keine Ausbildung …“
„Stopp! Wer hat die Ermittlungen überhaupt so weit gebracht? Das war ja wohl ich!“
„Früher oder später wären wir auch ohne dich zu diesen Erkenntnissen gelangt.“
„Hach! Blödsinn!“
„Möchtest du einen Kaffee?“
„Lenk nicht ab!“
„Kaffeetrinken ist so was wie eine Zeremonie, ähnlich der, wenn bei den Naturvölkern Amerikas die Friedenspfeife geraucht wurde. Also, Fiona, bitte setz dich und trink einen Kaffee mit mir. Ich würde gern mit dir wie mit einer Erwachsenen reden. Du bist doch eine Erwachsene?“
„Natürlich“, erwidere ich mürrisch.
„Also, setz dich bitte. Und erzähl mir, warum ich dich weiter im Team lassen sollte? Eine dreiundzwanzigjährige Zivilistin, die eigentlich Trainee im Unternehmen ihres Vaters ist.“
„Weil ich umgebracht werden soll. Wenn ich bei den Ermittlungen mitarbeite, habe ich automatisch auch Schutz.“
„Schutz können wir dir auch so gewähren.“
„Laut Siever nicht, weil er nicht genug Leute für eine solche Rundumbewachung hat. Und ich dabei auch nicht mitspielen würde. Wie dem auch sei, was hast du eigentlich dagegen?“
„Erstens ist es viel zu gefährlich, zweitens förderst du auch nicht gerade unseren guten Ruf, wenn du in diesem Aufzug für die Polizei deine Haut zur Schau trägst.“
„Ich bin durchaus in der Lage, auf mich aufzupassen. Das habe ich ja wohl bewiesen. Lies den Bericht von Laura und Ben. Was die Kleidung anbelangt, daran lässt sich ja etwas ändern. Onkel Steve, lass mich bitte dabei bleiben. Ich verspreche, dass ich mich nicht mehr daneben benehmen werde! Oder soll ich vor dir auf die Knie fallen?“
„Wenn du das tust, lasse ich dich verhaften. Wie ernst ist dein Versprechen?“
„Sehr ernst.“
„Also schön, ich lasse es auf einen Versuch ankommen. Aber für heute hast du genug. Ich will dich hier frühestens morgen wiedersehen, und zwar ausgeschlafen und vernünftig angezogen. Am besten nimmst du dir zum Einschlafen ein Verhaltensbuch mit. Darin sind nämlich auch einige der wichtigsten Rechtsvorschriften, die Polizisten beachten müssen, aufgeführt. Ist das klar?“
„Ja, Onkel Steve, sonnenklar. Du wirst mich nicht wiedererkennen.“
„Übertreibe nicht. Und jetzt verzieh dich, ich muss arbeiten!“
„Danke! Sagst du Siever Bescheid?“
„Ja, mache ich. Raus jetzt!“
In der Tür bleibe ich zögernd stehen und drehe mich um.
„Du bist ja immer noch da!“ Steve mustert mich nachdenklich.
„Ich fände es schön, wenn du Mama wegen Norman anrufen würdest“, sage ich leise.
Steve atmet tief durch. „Ja, es tut mir leid. Ich werde es tun, OK?“
Ich nicke und verlasse das Büro.
Unten angekommen, brauche ich nicht zu fragen. Laura und Ben sind beim Lieutenant im Büro, und alle drei starren mich an, als ich eintrete.
„Was hast du gemacht?“, fragt Siever ungläubig. „Ich hoffe, du hast ihm nicht einen geblasen!“
Ich registriere das vertrauliche Du nur am Rande. „Das wäre ja Inzest! Steve Connor ist mein Onkel.“
„Ups“, sagt Laura.
„Das wusste ich nicht“, so Siever.
„Es wird ja auch nicht an die große Glocke gehängt. Bis jetzt hatte ich mit meinem Onkel ja auch nur privat zu tun. Übrigens hat er mich nicht im Team gelassen, weil wir verwandt sind, sondern weil ich sachliche Argumente hatte, die ihn überzeugt haben. Bringt mich jemand nach Hause?“
Ben nickt. „Ich mache das. Bin gleich zurück.“
„Hey, Fiona“, sagt Siever, als ich schon fast durch die Tür gegangen bin. „Ist das Du in Ordnung?“
„Sicher, Jack.“
„Fein. Übrigens, du hast gute Arbeit geleistet. Nicht unbedingt immer hundertprozentig konform mit der Legalität, aber gute Arbeit.“
„Danke. Das erinnert mich daran, dass mein Onkel mir aufgetragen hat, einen Verhaltensleitfaden nach Hause mitzunehmen. Habt ihr einen?“
Ich bekomme einen. Zu Hause wandert er erst einmal in die Ecke, Ich hole mir Wein und setze mich auf die Fensterbank.
Schließlich gehe ich duschen. Braves Mädchen, das ich nun mal bin, ziehe ich mich nach dem Duschen polizeigerecht an: Jeans und weißes Hemd. Gut, die Jeans sind recht eng und elastisch, aber keineswegs irgendwie frivol oder gar obszön. Niemand wird gezwungen, mir auf den Schritt oder den Hintern zu starren.

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Leseprobe: Gefährliche Rochade

Gefährliche Rochade

Irgendwo, 18.11.2013

Ein junges Mädchen in einem hübsch eingerichteten Jugendzimmer. Der Raum hatte zwar keine Fenster, war aber sehr ansprechend ausgestattet. Die Möbel waren hochwertig und entsprachen sicher dem typischen Geschmack von Teenagern. Auch die Bilder an der Wand bewiesen Geschmack, waren aber gleichzeitig geeignet, das Auge junger Menschen zu erfreuen. Viele Pflanzen und bunte Fische in einem großen Aquarium gaben dem Ganzen etwas Lebendiges.
Ein großer Flachbildschirm versprach entsprechende Unterhaltung.
Was das idyllische Bild trübte, war das Mädchen selbst. Ihre dick bandagierte Hand wies auf Schmerz hin. Aber mehr noch waren es ihre Augen.
Ihr Blick war leer. Tränen hatten sie lange nicht vergossen. Julia konnte nicht mehr weinen.
Auch zu denken fiel ihr schwer. Sie wusste nicht, wie sie hierhergekommen war. Ihre Hand schmerzte manchmal, aber nicht so doll. Das lag auch an den Medikamenten, die ihr der fremde Mann gegeben hatte. Nachzuschauen, was mit ihrer Hand war, das hätte sie sich nicht getraut, selbst wenn sie den Verband hätte abnehmen können.
Würde sie bald sterben müssen? Das hatte sie sich oft gefragt. Sie wusste es nicht, aber Angst hatte sie keine. Nur davor, dass ihr der Mann wieder wehtun könnte.

Den Mann hatte sie noch nie richtig gesehen. Immer wenn er in ihr Zimmer kam, trug er einen dunklen Trainingsanzug, schwarze Joggingschuhe, eine Kapuze und über das Gesicht gezogen eine Maske, die nur kleine Sehschlitze hatte. Dann brachte er ihr etwas zu essen, sagte aber nichts.
Und immer abends, bevor das Licht ausging, schaltete er von draußen dieses Lied von Pink Floyd an, das ihr Papa auch so gerne hörte. Ihr Englisch war nicht sehr gut, aber den einzigen gesprochenen Satz in dem Lied konnte sie sehr gut verstehen:

One of these days I will cut you into little pieces.
Eines Tages werde ich dich in kleine Stücke schneiden.

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Leseprobe: Projekt Melancholia

Projekt Melancholia

Die Flammen leuchteten seltsam grünlich und ihre zuckenden Schatten vollführten an den Stämmen der umliegenden Bäume einen gespenstischen Tanz.
Was war das auf dem Holz?
Es war wesentlich kürzer als die geschichteten Stämme darunter und sah auch ganz und gar nicht nach Holz aus. Jost beugte sich vor und strengte seine Augen an, um durch die aufsprühende Glut etwas sehen zu können, da erschrak er plötzlich und duckte sich.
Seitlich des Feuers, etwas abseits, halb im Schatten, da war jemand! Keine 10 Meter entfernt von Jost.
Unbeweglich stand er neben einem Baum, nur seine Kleidung flatterte ganz leicht durch den Sog der stark lodernden Flammen. Dieses merkwürdige Gewand wirkte im weitesten Sinne kirchlich und doch irgendwie gruselig, so ähnlich, wie es Mitglieder des Ku-Klux-Klans trugen: Es war lang, reichte bis auf den Boden, und er hatte eine maskenartige Kapuze auf dem Kopf.
Doch das Ganze war nicht weiß, braun oder grau, es war grün. Ein geradezu teuflisches Grün, eine Farbe wie Gift.
Stechend. Noch viel intensiver als das unerklärliche Grün der Flammen.
Die Gestalt hatte Jost offensichtlich nicht bemerkt. Wie eine Statue stand sie da. Jost behielt sie ständig im Blick, während er weiter mehrere Meter durch das hohe Gras vorwärts kroch, Richtung Feuer. Er starrte wie gebannt auf den unheimlichen Maskierten. Die Schlitze in der
Kapuze spähten in die Flammen. Jost folgte ihnen und im nächsten, entsetzlichen Moment erfassten seine Augen, was da auf dem Holz lag, woran die Flammen fraßen:
Ein Mensch!
Der Körper teils mit Reisig bedeckt. Aufgebahrt zur Einäscherung. Und als ob dieser Anblick noch nicht schockierend genug gewesen wäre, durchfuhr Jost nun ein weiterer eiskalter Schauer, denn dieser Mensch war ein Kind – ein kleines Mädchen!