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Leseprobe: Erwachsen wird man nur im Diesseits

Aufstand der Locken – Gedanken zur Enthüllung

Erwachsen wird man nur im Diesseits

Ich bin in Istanbul geboren und in Deutschland aufgewachsen, ich bin sechsfache Mutter und langjährige Vorsitzende des Islamischen Frauenvereins „Cemiyet – i Nisa e.V.“ (osmanisch: Die Vereinigung der Frauen). Während meiner Vereinsarbeit habe ich mich in die entbrannte Kopftuchdebatte eingemischt, nachdem die afghanische Lehrerin Ferestha Ludin bis zum höchsten Gericht in Karlsruhe geklagt hatte. Ich beobachtete das unverhältnismäßige Verhalten von Muslimen und deutschen PolitikerInnen wegen des Kopftuchs. Ein ganzes Jahr lang habe ich die entsprechenden religiösen Quellen studiert und dabei mit neuartigen Kopfbedeckungen experimentiert. Schließlich habe ich mich – nach über 30 Jahren des Lebens in der Verhüllung – davon endgültig getrennt.

Das Kopftuch als Zeichen des Gehorsams

Dass die Bekleidung der muslimischen Frau zu einem Politikum geworden ist, haben wir insbesondere den islamischen Organisationen in Europa zu verdanken, die dafür gesorgt haben, dass die in religiösen Fragen ohnehin ungebildeten Massen nicht aufgeklärt werden. So kennen viele muslimische Männer und Frauen die Offenbarungsgründe, d.h. die Anlässe der beiden, immer wieder zitierten „Verhüllungsverse“ nicht. Es sind aber gerade diese Anlässe, die auf eine in Raum und Zeit eingebundene Angelegenheit hinweisen. Wenn man heute muslimische Frauen fragt, warum sie das Kopftuch tragen, wird man ein und dieselbe Antwort erhalten: Ich mache das, weil es im Koran so steht und weil Gott das so will. Im Namen Gottes werden so eine Menge wichtige Erfahrungen sowohl für die eigene Entwicklung als auch im Zusammenleben mit anders denkenden Menschen eingebüsst. Sehr viele Kopftuchträgerinnen haben sich weder mit dem Islam, noch mit der Gegenwart wirklich auseinandergesetzt. Sie drücken mit ihrer Entscheidung zur angeblich vorgeschriebenen Verhüllung vielmehr symbolisch ihren Willen zum Gehorsam aus, in der Hoffnung auf eine Belohnung im Jenseits.

Die Frau unter den Stoffhüllen

Meine intensive Auseinandersetzung mit dem Islam und mit der Gegenwart hat mich zur Religiosität geführt, zu einer Nähe zur Schöpfung, zur Nähe zu mir selbst als Frau. Haare sind ein wichtiger Ausdruck von Persönlichkeit und Natürlichkeit, die aber mit dieser Kopfverhüllung für die Mitmenschen verzerrt dargestellt wird. Diese nehmen optisch nur eine uniformierte und sich versteckende Person wahr. Ich finde es immer wieder faszinierend, wenn verhüllte Frauen ihre Kopfbedeckung ablegen und plötzlich als eine ganz andere Person vor einem stehen.
Die eigene Identitätsentwicklung zur Frau war für mich unter den weiten, alles außer Gesicht und Hände bedeckenden Stoffmengen verloren gegangen. Da ich nichts anderes an Erfahrungen kannte, oder besser gesagt kennen lernen durfte, hatte ich mich damit gut arrangiert und war auch, Gott sei gedankt, ohne Schwierigkeiten in der Gesellschaft dieses toleranten Landes zurecht gekommen. So habe ich meine Locken erst seit dem Ablegen meines Kopftuches kennen können. Allmählich haben sie sich aufgerichtet, unter dem Kopftuch hatten meine Locken beim besten Willen keine Chance zum Leben. Und das über 30 Jahre lang. Ich habe heute mehr soziale Bewegungsfreiheit und weiß durch meine Unauffälligkeit eine wichtige Sicherheit zu schätzen. Ich bin von der sichtbaren Muslimin zum unsichtbar beobachtenden und neutralen Menschen geworden. Mit dem Ablegen des Kopftuchs als Kennzeichen von Zugehörigkeit und dem Loskommen von den damit verbundenen Einschränkungen und Grenzen fühle ich mich religiöser und zufriedener denn je und bin meinem Schöpfer sehr nahe gekommen, weil ich meinen eigenen Lebensweg erkannt habe. Zu meinem Erstaunen und Bedauern will aber niemand aus meinem alten Kreis der Muslime meine Religiosität und Freude mit mir teilen. Die strenge Regelgläubigkeit scheint alle menschlichen Beziehungen zu dominieren.

Diskriminierungen

Seit ich meine kennzeichnende Kopfbedeckung abgelegt habe, erlebe ich, wie die über diese Äußerlichkeit laufende Definition von richtig/falsch und gut/schlecht von Seiten vieler Muslime stark gefördert wird: Frauen, die sich verhüllen, sind gut und haben einen starken Glauben, und Frauen, die sich vom Kopftuch verabschieden, sind zu bedauern und haben einen schwachen Glauben. Damit Frauen, die ihr Kopftuch bewusst ablegen, im eigenen Kreis nicht mehr diskriminiert werden, bräuchte es für beide Lebensweisen eine gleichwertige Betrachtungsweise, die eine Verurteilung mit religiöser Rechtfertigung verhindert.
Außerdem sind muslimische Frauen dem Druck ausgesetzt, mit gesellschaftlicher Ablehnung und beruflichen Einschränkungen umzugehen, aber auch ihre Privatsphäre ständig verteidigen zu müssen. Für viele Frauen sind das psychische Dauerstrapazen. Es ist Aufgabe islamischer Organisationen und islamischer Medien, sich dieses inneren Konflikts endlich konsequent anzunehmen, denn das Tragen eines Kopftuchs hat heute für das Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen mehr Nach- als Vorteile. Verhüllte Frauen sind Projektionsfläche für die Verwirklichung politischer Interessen und die Bestätigung von Vorurteilen geworden. Weil heute dieses Kleidungsstück direkt mit der Religion in Verbindung gesetzt wird, wird jeder Versuch einer Kritik und einer genaueren Auseinandersetzung damit automatisch als Angriff auf die Religion verstanden. Das Vorbild des Propheten Mohamed, der sich ausdrücklich für das Wohl der Frauen einsetzte, spiegelt sich im Umgang mit diesem Konflikt bei den männerdominierten islamischen Organisationen jedenfalls nicht wieder.

Historisches

Die Verhüllung war zur Zeit der Einführung vor 1400 Jahren eine praktische Maßnahme für die Erhaltung der Kommunikation zwischen Frauen und Männern – und eben keine Frage von Religion!
So sollten die Männer damals mit einer veränderten Bekleidung der Frauen diszipliniert werden. Gott offenbarte eine Verhüllungsempfehlung als optische Unterscheidung der gläubigen Frauen von den leicht bekleideten Sklavinnen, nachdem eine der Frauen des Propheten beim Verlassen ihres Hauses von Omar erkannt wurde. Nachdem dann auch ein geschmücktes Dekolleté einen Mann dermaßen ablenkte, dass dieser gegen eine Mauer lief und sich dabei die Nase brach, fand die Verhüllung mit einer weiteren Offenbarung ihren vollen Einsatz. Diese praktische Maßnahme ist in ihrem historischen Kontext gesehen gut nachvollziehbar. Der historische Kontext kann aber kaum das unverhältnismäßige Ausmaß des aktuellen politischen Kampfes um dieses Unterscheidungsmerkmal legitimieren.

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Leseprobe: Karmaexpress

Karmaexpress

Sophia durchforstete Time Out, das Londoner ­Szene-Magazin. Vor einer Woche war sie bei Nick eingezogen, nachdem sie sich vom Schuldienst in Berlin hatte beurlauben lassen. Sie hatte zur Sicherheit nur einen Koffer mitgebracht und ihre wenigen Besitztümer in der Wohngemeinschaft in Berlin gelassen. Sie gab sich selbst ein Jahr für dieses Liebesexperiment, dessen Ausgang ungewiss war. Kaum war sie in Heathrow gelandet, hatte sie den Geruch von Theater in der Nase. Und hier in Time Out fand sie, was sie suchte: Einen Aufruf zur Teilnahme an einem groß angelegten experimentellen Theater-Event. Die Open Theatre Company suchte Teilnehmer für ihr Hospital Project, das in Lambeth, einem sozial schwachen Stadtteil im Süden Londons, stattfinden sollte. Sie war sofort Feuer und Flamme: Theater spielend würde sie sich London erschließen! Schon am nächsten Tag fuhr sie mit Bahn und Bus nach Lambeth und nahm alles begierig in sich auf: Die Reihen grauer Häuschen, dazwischen verwahrloste Tower Blocks aus zerbröckelndem Beton; Frauen in Saris, die Einkaufstüten schleppten, schwarz verschleierte Frauen mit Kindern in westlicher Kleidung an der Hand, Männer in Turbanen, die an den Straßenecken miteinander schwätzten; und nirgendwo ein Fleckchen Grün, während die Gegend immer ärmlicher wurde. Die in Time Out angegebene Adresse war ein leer stehendes Krankenhausgebäude im viktorianische Stil und Sophia kämpfte sich eine Weile ratlos durch hohe feuchte Räume, in denen vereinzelt verrostete Bettgestelle standen. Durch die verschmierten, mancherorts zerbrochenen Fensterscheiben fiel eine milchige Herbstsonne. Schließlich fand sie drei enthusiastische junge Theaterleute, die gerade einem großen Kreis von Menschen unterschiedlichen Alters und Hautfarbe das Projekt erklärten. Sie erfuhr, dass sie noch einmal den Geist des viktorianischen Krankenhauses reanimieren wollten, bevor das Gebäude dem Erdboden gleich gemacht würde. Es sei zu seiner Zeit ein Loony Bin, eine psychiatrische Anstalt gewesen und jeder Projektteilnehmer sollte sich mit der Geschichte der viktorianischen Psychiatrie vertraut machen, um daraus eine glaubhafte Figur zu entwickeln, die in diesem Loony Bin ihr Ende fand. Sophia war begeistert, diese Art Theaterarbeit war ganz nach ihrem Geschmack. Schon auf dem Heimweg schaute sie bei Silver Moon, dem Frauenbuchladen auf der Charing Cross Road vorbei und wurde sofort fündig. Das Buch hatte den Titel The Femal Malady und seine Autorin führte durch vielfältige Quellentexte den Nachweis, dass viele Frauen im viktorianischen England als Hysterikerinnen in die Psychiatrie weggesperrt wurden, weil sie sich dem engen Korsett der weiblichen Rollenerwartungen ihrer Zeit nicht anzupassen vermochten. Hier erfuhr sie zum ersten Mal, dass das Wort Hysterie selbst von Hystos, griechisch für Gebärmutter, stammte. Besonders faszinierte sie ein Kapitel über die berühmte Florence Nightingale, die dem Loony Bin nur entging, weil sie eine hoch gebildete Frau war. Als kleines Mädchen, schrieb Nightin­gale, habe sie die Obsession gehabt, ein Monster zu sein, in ständiger Angst, aus der Gesellschaft ausgestoßen zu werden. Als monströs habe sie ihre Wut auf und Unzufriedenheit mit der von ihr erwarteten Rolle der gehorsamen, pflichtbewussten Tochter aus gutem Hause empfunden. Was die Geschichtsbücher über die berühmte Lady with the Lamp, die auf der Krim unermüdlich von Lazarettbett zu Lazarettbett schreitet, verschwiegen, war die Tatsache, dass Florence Nightin­gale sich weigerte, den ihr von ihrer Familie zugewiesenen Mann zu heiraten, weil sie Krankenschwester werden wollte. Als ihr das verweigert wurde, fiel sie in eine tiefe Depression und versuchte sich umzubringen, bis sie den Mut aufbrachte, mit der Familie zu brechen und die Frau zu werden, die für ihre Verdienste in die Geschichtsbücher einging. Andere, weniger gebildete oder charakterstarke Frauen zerbrachen an ihrem Konflikt und wurden von ihren Familien in die Psychiatrie gesperrt. In diesem Buch waren viele Zeichnungen von sogenannten hysterischen Frauen. Sie waren an eiserne Betten gefesselt und ihre Körper bäumten sich auf zu einer Brücke, die sich hoch über die Matratze wölbte.
Sophias Herz ging hinaus zu diesen namenlosen Frauen, die angekettet wurden, um sie mundtot zu machen und ihren schöpferischen Geist zu brechen, und sie wollte sie durch ihre Improvisation ehren. Sie entwickelte eine viktorianische Frauengestalt namens Lucy Jennings, die von der hochmoralischen Pfarrersfamilie, in der sie aufwächst, wegen Ungehorsam verstoßen und in die Psychiatrie gesperrt wird. Sie hat Feuervisionen und möchte die Welt in Schutt und Asche legen. In der Rolle lag zweifelsohne viel von ihrer eigenen Empörung über die Unterdrückung der Frau und ihres Rechtes auf Selbstbestimmung in den vergangenen Jahrhunderten und auch noch in ihrer Gegenwart. Sie war überzeugt, dass auch Margarete, der Nagel in ihrem eigenen Fleisch, eine starke Frau in sich trug, die zum Vorschein gekommen wäre, wenn man sie gelassen hätte. Dasselbe galt für Nicks Mutter, der man früh den Wunsch nach Selbstbestimmung ausgetrieben hatte, so dass ihr nur die Opferrolle übrig blieb. Und in ihrer Beziehung zu Nick ging es um das Gleiche: Sie wollte auf Augenhöhe wahrgenommen werden, als Partnerin. Stattdessen schwankte er zwischen Anbetung – gefährlich, weil Frau leicht vom Sockel fallen konnte – und Besserwisserei, was sie zur Weißglut brachte. Genau diese Wut darüber, nicht gesehen zu werden mit dem, was sie zu geben hatte, legte Sophia jetzt in die Figur der Lucy Jennings. Die Aufführung war ein großer Erfolg. Sie hatten nicht nur einzelne Figuren erarbeitet, sondern aus Pappmaschee große Puppen hergestellt. So betraten die Zuschauer die psychiatrische Station durch einen grell bemalten schreienden Mund einer Patientin. Dann wurden sie in kleinen Gruppen an zehn Einzelzellen vorbei geführt, in denen sich die einzelnen Fälle befanden. Wenn der Vorhang zur Seite gezogen wurde, hielt Sophia als Lucy Jennings einen wütenden Monolog über die irre Einrichtung der Welt. Ihre Feuervisionen, aber auch ihre Sehnsucht nach Grün und Büchern wurden durch bemalte Dias an die Zellenwand projiziert. Wenn die Besucher der Open Theatre Company Performance alle Insassen gesehen hatten, wurden sie die Treppen hinunter in den Hinterhof des tristen Backsteinbaus geführt. Hier hatten sie Puppen aus weißem Pappmaschee an den hohen Backsteinwänden befestigt, die vom Hof aus angestrahlt wurden. So ergab sich den Besuchern ein eindrucksvolles Bild: Die lebensgroßen Puppen steckten von der Hüfte abwärts im Stein, während ihre Oberkörper mit ausgestreckten, sehnsuchtsvollen Armen in die nächtliche Freiheit strebten. Auf dem Hof selbst standen Dutzende von verrosteten Bettgestellen, an die sich die Schauspieler gekettet hatten, um heulend und mit den Ketten rasselnd mit einem lauten Spektakel die Performance zu beenden.
Während der Arbeit am Hospital Projekt vollzogen sich geheimnisvolle Veränderungen mit Sophia. Eines Nachmittags während der Proben schaute sie durch die zerbrochene Scheibe des Stationsfensters hinaus in den herbstlichen Himmel und bemerkte dort eine kleine, orangenfarbene Wolke. Plötzlich meinte sie Lucy in the Sky with Diamonds vorüberschweben zu sehen, das wunderbare Mädchen aus dem gleichnamigen Beatles Song. Nach dieser Erscheinung nannte sie ihre Figur Lucy. Am Wochenende fuhr sie mit Nick ans Meer. Am Horizont gewahrte sie ein großes Schiff, dessen weißer Bauch sich leuchtend aus den grauen Wogen hob. In der nächsten Nacht hatte sie erneut ihren Traum von der Nuss. Wieder gebar sie eine Nuss, aber diesmal schrumpfte diese nicht wie sonst, sondern lag prall und schwer in ihrem Schoß. Sie öffnete sie und fand darin ein winziges Mädchen, gebettet auf eine orangenfarbene Wolke. Die Augen des Kindes schauten an ihr vorbei in das helle Licht eines Sommertages. Als sie von diesem Traum erwachte, wurde Sophia von einer Welle des Glücks überschwemmt. Das Wunder war geschehen, sie wusste, sie war schwanger.
Nick war nicht der erste, der es erfuhr. Nein, Sophia besuchte Florence in ihrem Hexenhäuschen und erzählte ihr, dass sie in ihrem Bauch ihr Enkelchen trug. Sie sah, wie die weißen Löckchen der alten Dame vor Freude wippten. Florence hatte Sophia von Anfang an als Ersatztochter in ihr Herz geschlossen und ihr bedingungslose Liebe entgegengebracht. Umgekehrt fühlte sich Sophia von dieser Frau gesehen auf eine Weise, wie sie es von ihrer eigenen Mutter schmerzlich vermisste. Wie sie so da saß in ihrem Lehnstuhl, ihre alte Katze im Schoß, erinnerte Florence Sophia an die Großmutter in Rotkäppchen. Ja, ihr würde sie jederzeit gern Kuchen und Wein bringen, bedingungslos. Und dieser Frau würde sie ihr Kind anvertrauen, falls es sie wieder auf die Bretter des Theaters zog. Schwieriger würde es sich mit dem einsamen Wolf namens Nick gestalten. Sie wusste, dass Nick ihren Freigeist liebte, weil er so anders war als die Art seiner Mutter, deren Selbstaufgabe er ganz offensichtlich hasste. Andererseits war er ein unsicherer Mann, der seinen Mangel an Selbstbewusstsein durch Rechthaberei kompensierte. Sie konnte seine Sehnsucht nach Liebe sowie seine Verletzlichkeit spüren und schätzen, aber die Prägung durch seine Geschichte des Überlebens; die unsichtbaren Fäuste, die er innerlich ballte, um für den nächsten Schlag gewappnet zu sein; diese Maske konnte sie nicht lieben. Im Gegenteil: Sie machte ihr Angst, weil sie diese Haltung von Margarete kannte. Andererseits könnten sie sich über die Elternschaft zusammenraufen, war das nicht eine Chance? Vielleicht konnten Nick und sie aneinander wachsen? Sophia würde ihn überzeugen, dass er von ihr nichts zu befürchten hatte, wenn er sie nur achtete, wie sie war? Und könnte sie nicht von ihm lernen, ein bisschen pragmatischer zu werden und sich nicht von ihrem Schwarzen Loch auffressen zu lassen? Das rumorte gewaltig und die gefürchtete Stimme hämmerte auf sei ein: Du liebst ihn nicht! Du benutzt ihn nur, um ein Kind zu zeugen! Und weil du das weißt, machst du dich schuldig. Das ist die gleiche Schuld wie die Margaretes, die auch nicht lieben konnte und stattdessen ihre Tochter und ihren Mann bis heute emotional erpresst! Trenn dich vom Vater deines Kindes, ehe es zu spät ist! Mit deiner Geschichte steht dir eine gesunde Familie nicht zu! Sophia hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten, aber das war ganz unsinnig, denn die Stimme mitsamt dem schwarzen Loch hatte sie aus Deutschland mitgebracht. Einen Neuanfang zu machen durch geographische Veränderung war also eine absurde Illusion. Das wusste sie seit ihrem Abitur, in dem sie in Deutsch ein Gedicht von Gottfried Benn zu interpretieren hatte, das mit der Zeile Meinst du, Havanna sei eine andere Stadt begann und darauf hinaus lief, dass wir unsere Themen überall hin mitnehmen, an Palmenstrände oder in aufregende fremde Kulturen. Die inneren Baustellen reisten immer mit. Sie schaute Florence zu, die gerade an ihrem Tee nippte, immer noch mit dem hoffnungsvollsten Lächeln über das Wiedererstehen ihrer kürzlich verlorenen Familie. Nein, dachte Sophia, ich kann es vor allem dieser Frau nicht antun, jetzt zu kneifen. Ich will es wagen und ich will alles, was geschieht, als Lernerfahrung annehmen. Sie wollte heil werden, was auch immer dazu gehören würde. Sie wollte diesem Kind geben, was sie selbst nicht bekommen hatte. Noch am selben Abend teilte sie Nick mit, dass er Vater werden würde, und er war over the moon, wie man auf Englisch sagt.
Die Schwangerschaft gestaltete sich in den ersten drei Monaten schwierig, weil Sophia manchmal blutete. Der englische Arzt meinte lapidar, dann würde der Fötus eben abgehen, das sei ganz natürlich; die Natur sondere eben aus, was sich nicht gesund entwickle. Es war Sophias erster Kontakt mit einem englischen Arzt und die Härte seines Pragmatismus erschreckte sie. Sie beschloss nach Berlin zu fliegen und sich von ihrer alten Gynäkologin eine zweite Einschätzung einzuholen. Der Ultraschall bestätigte einen gesunden Fötus, die Ärztin machte ihr Hoffnung und empfahl, jegliche Art von schwerer körperlicher Anstrengung zu meiden. Erleichtert besuchte Sophia ihre Mutter, um ihr mitzuteilen, dass sie Großmutter werden würde. Margarete zeigte keine Regung, sondern rührte wütend in der Kapernsoße, die es zu den Königsberger Klopsen geben sollte. Sophia konnte fühlen, dass die Nachricht ihre Mutter in höchste Alarmbereitschaft versetzte. Sie wollte ihren festen Griff auf Sophia behalten und deren eigene Mutterschaft barg die Gefahr des Kontrollverlustes. Außerdem war sie nach wie vor fast verzweifelt mit ihrer körperlichen Attraktivität identifiziert, stand viel vor dem Spiegel, vor dem Dutzende von Schönheitscremes aufgereiht waren. Im Badezimmerschränkchen standen mehrere Döschen Valium verschiedener Stärke. Sie rang ganz offensichtlich mit den Folgen der Menopause und das Wort Großmutter gehörte in eine graue Zukunft, gegen die sie sich verbittert wehrte. Sie wollte Spaß am Leben, den es an der Seite des viel älteren Müllers und im dörflichen Einerlei nicht gab. Also beschloss Margarete, einen riesigen Koffer zu packen, um Sophia zurück nach Berlin zu begleiten, weil sie dort eine Jugendfreundin besuchen wollte. Als das Taxi kam, das Mutter und Tochter zum Bahnhof bringen sollte, wies Margarete Sophia barsch an, ihren schweren Koffer zu tragen. Aber Mutti, du weißt doch, dass ich nicht schwer heben darf, weil ich das Kind bekommen möchte, erwiderte diese. Da ergriff Margarete sie grob am Oberarm, schob ihr Gesicht ganz nah an das ihre heran und zischte: Dann kriegst du das Kind eben nicht! Da geschah etwas in Sophia, was sie zuletzt bei einem Autounfall erlebt hatte, als sie siebzehn war. Sie sah in die Augen der Mutter, als diese ihren Fluch ein zweites Mal aussprach, und die Zeit blieb stehen. Damals hatte sich das Auto, in dem sie saß, überschlagen und sie hatte das Lenkrad des Wagens, das Armaturenbrett und den Horizont sich unendlich langsam, wie in Zeitlupe drehen sehen, bevor das Auto ihres Schulfreundes auf dem Dach landete. Ihre Wahrnehmung hatte sich wohl in Erwartung des möglichen Endes völlig aus dem Alltag herausgehoben und sie für einen Augenblick mit einer unsichtbaren zeitlosen Ebene verbunden, die realer zu sein schien als das Alltagsbewusstsein. Etwas Ähnliches geschah hier im Blickkontakt mit der Mutter: Sophia sah plötzlich eine Schattengestalt, die Margarete besetzte, und vor der Sophia ihr ganzes Leben Angst gehabt hatte. Aus Angst war sie dieser dunklen Macht immer zu Willen gewesen und sie war es, die über ihrem eigenen schwarzen Loch thronte. Sie sah die Qual in den Augen der Mutter, die ihr dieser Pakt mit der Schattenfigur bereitete, aber zum ersten Mal stieg sie selbst aus dem Pakt aus. Sie löste sich vom Blick der Gorgonin, verband sich stattdessen mit dem Kind in ihrem Bauch und flüsterte: Ich beschütze Dich! Zu Margarete aber, die immer noch herrisch auf den Koffer zeigte, sagte sie zum ersten Mal in ihrem Leben Nein. In diesem scheinbar endlosen Moment löste sich die Nabelschnur, die Sophia an Margaretes Schatten gebunden hatte. Gleichzeitig festigte sich die Verbindung mit dem Kind und die Blutung versiegte. Sophia wusste intuitiv, dass sich ihr Kind erst jetzt sicher bei ihr fühlte. Margarete aber sank in diesem Augenblick in sich zusammen und würde in die Umnachtung gleiten. In diesem Moment medialer Wahrnehmung wusste Sophia das einfach. Umso mehr wuchs ihre Achtung vor den Gesetzmäßigkeiten der unsichtbaren Welt, die wir nicht verstehen und denen wir nur vertrauen können.