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Leseprobe: Yaron

Yaron

Ella nahm Yarons Namen nur selten in den Mund. Sie sprach ihn eigentlich nur aus, wenn sie mit ihrer Mutter redete. Doch solch ein Gespräch lag mittlerweile schon wieder Wochen zurück.
Yaron bei seinem Namen zu rufen, hatte damals schon keinen Sinn mehr. Sein Gehör hatte sich in den letzten Monaten derart verschlechtert, dass er eigentlich nur noch mitbekam, was man ihm direkt ins Ohr schrie oder was er anderen Menschen von den Lippen ablesen konnte. Für Ella war es besser, ihren Bruder am Ärmel zu zupfen. So zog sie seine Aufmerksamkeit auf sich und konnte ihm dann mit kleinen Zeichen zeigen, was sie ihm ansonsten gesagt hätte.
Nun aber schrieb Ella seinen Namen. Ihr neuer Klassenlehrer hatte den Kindern ihre erste Hausaufgabe gegeben: sie sollten ein Bild ihrer Familie malen und sich darauf mit Namen benennen, vorausgesetzt, sie konnten ihn schon schreiben. Ella konnte es. Und sie konnte auch Yarons Namen schreiben. Das hatte er ihr bereits beigebracht. Ella war wissbegierig. Sie fragte Yaron andauernd nach den verschiedensten Dingen. Und wenn er ihr antwortete, wollte sie wissen, wo er das gelernt habe. Meistens sagte Yaron, das habe ihm seine Großmutter gezeigt. So konnte er seiner Schwester von dieser alten Frau erzählen, die in seinem Leben eine so wichtige Rolle spielte, die Ella aber bisher nicht kennengelernt hatte. Einmal gestand sie ihm, dass sie ihn um sein Leben bei den Großeltern beneide. Dass Yaron sie gleichermaßen um ihre Zeit mit ihren Eltern beneidete, behielt er jedoch für sich. Er wollte diesem kleinen Mädchen nicht erklären müssen, was sie wahrscheinlich noch nicht verstand. Manchmal verstand er selbst es ja nicht.
Auf dem Heimweg von der Einschulungsveranstaltung wollte er von Ella wissen, ob sie für den nächsten Tag irgendwelche Aufgaben zu erledigen habe. Als sie ihm mit ihren kleinen Fingern klarmachte, dass sie ein Bild malen müsse, zog er sie kurz vor ihrem Zuhause in den Hof, wo ein Herrenausstatter, dessen Lager direkt an ihr Haus stieß, seine Abfallcontainer stehen hatte. Aus einem riesigen Papiercontainer fischte Yaron zielstrebig zwei rechteckige Kartonstücke. Solche hatte er schon seit Wochen dort herausgezogen, wenn Ella Papier zum Malen benötigte. Es waren stabile Pappstücke, die auf der einen Seite grau und auf der anderen schneeweiß waren. Yaron hatte einmal durch Zufall beobachtet, wie der Azubi dieses Herrenausstatters eine große Menge dort hineinwarf. Es handelte sich um Einlagen für Herrenhemden. Da in diesem Geschäft die Hemden aber auf Bügeln präsentiert wurden, waren diese Kartons überflüssig. Und nach jeder Warenlieferung konnte man mehr als genug davon ergattern.
Auf ein solches Stück Pappe hatte Ella nun mit Buntstiften ihre Familie gemalt. Genau in der Mitte stand ihr Bruder und hielt seine kleine Schwester an der Hand. Als er Ella fragte, warum sie ihn denn so groß gemalt hatte, sagte sie, er sei der wichtigste Mensch für sie. In der linken oberen Ecke stand ihre Mutter. Sie war wesentlich kleiner gemalt, schaute ernst und winkte. Der Vater befand sich rechts unten auf dem Bild. Er saß und schaute weniger ernst als die Mutter. Obwohl Ella auch Mama und Papa schreiben konnte, beließ sie es bei Ella und Yaron.
Wie Ella fand auch Yaron, dass es für die erste Hausaufgabe völlig ausreichte, zwei Namen schreiben zu können. Sonst hielte man sie nur für eine Streberin. Und Streber konnte keiner leiden. Das wusste er aus eigener Erfahrung. In seiner alten Schule in Russland war das so gewesen. Und wenn es dort so war, warum sollte es hier anders sein?
„Warst du dieser Streber, den niemand leiden konnte?“, fragte Ella frei heraus, wie es nur kleine Kinder konnten.
Yaron machte eine abwehrende Handbewegung, denn darüber wollte er nichts erzählen. Natürlich war er dieser Streber gewesen, obwohl er sich selbst nie für einen hielt.
„Ist ja egal!“, sagte Ella gleich darauf. Sie beschloss, ihn nie wieder danach zu fragen.
Das Mädchen vermied sowieso instinktiv die Themen, die ihren Bruder traurig machten. Sie wollte lieber mit ihm herumalbern. Oft war er aber nicht zum Albern aufgelegt. Ab und zu kam es vor. Das waren dann die Augenblicke, in denen er nichts Wichtiges zu überlegen hatte.
Ella betrachtete ihr Bild mehrmals und packte es anschließend zufrieden in ihren Schulranzen, der einmal Yaron gehört hatte. Dann nahm sie ihr Hausaufgabenheft zur Hand und blätterte auf den ersten Tageseintrag vor. Dort hatte sie einen Rahmen gemalt, der sie an das Bild erinnern sollte. Das war bestimmt nicht notwendig gewesen. Sie redete, seit sie zu Hause waren, von nichts anderem. Jetzt aber setzte sie einen dicken Haken hinter den Rahmen. Erledigt!
„Sollt ihr eure Hausaufgaben abhaken, wenn ihr sie fertig habt?“, fragte Yaron seine Schwester.
„Nein, aber du machst das doch auch immer so, oder?“, bekam er zur Antwort.
Er wusste, was Ella meinte. Er hatte seine Listen. Die hingen an jedem Schrank und neben der Eingangstür. Alle Dinge, an die er denken oder die er einteilen musste, notierte er sich. Und das waren damals ziemlich viele; Wäsche, Einkäufe, Lebensmittelvorräte usw. Yaron lebte ständig in der Angst, irgendetwas zu vergessen oder an einem Tag ohne die nötigen Lebensmittel dazustehen. So schrieb er sich Listen, damit ihm der Kopf nicht platzte. Wenn ein Punkt erledigt war, setzte er einen Haken dahinter.
Zur Feier des Tages hatte Yaron seiner Schwester Grießbrei mit Obst versprochen. Das war ihr Lieblingsessen. Für frisches Obst reichte das Geld nicht aus. Er hatte stattdessen eine kleine Dose Obstsalat gekauft. Als Ella sich an den Küchentisch setzte, brannte zwischen den beiden Tellern die große, rote Kerze, die sie sonst nur an Geburtstagen oder während eines Gewitters anzündeten. Yaron verteilte den Grießbrei gleichmäßig in zwei Suppenteller, drückte in der Mitte jeweils eine Mulde und füllte den Obstsalat hinein. Wieder hatte er ein Versprechen halten können und fühlte sich für eine Weile erleichtert.
Sie aßen still. Yaron war müde, denn er war an diesem Tag schon sehr früh aufgestanden, hatte nach Ellas Kleidung geschaut, ob noch ein Fleck zu entfernen sei, und schließlich eine Tüte Gummibären in ihre Schultüte gepackt. Als sie von der Einschulung wieder zurück waren, ging er noch schnell einkaufen und räumte anschließend die Lebensmittel in den Schrank. Auch dort hing eine seiner Listen, die er aktualisieren musste. Alles war peinlich genau für die nächsten sieben Tage eingeteilt.
Das Geld, das er nach dem Einkauf übrig hatte – an diesem Montag waren es vielleicht zwei Euro – legte er in eine kleine Spanschachtel mit Klappdeckel. Das war die eiserne Reserve, die er nur anrührte, wenn es gar nicht anders ging. Am kommenden Freitag erwartete Yaron wieder einen Brief seiner Mutter. Sie bekam immer bis spätestens am Fünften eines Monats ihren Lohn und schickte dann sofort das Haushaltsgeld für die nächsten vier Wochen. Wenn der Brief pünktlich ankäme, konnte er Ella endlich ein Paar Turnschlappen kaufen. Er hatte sich schon notiert, wo am folgenden Wochenende Kleiderbasare veranstaltet wurden.
Bis dahin mussten sie sparen. Die Mehrkosten für Ellas Hefte und Bucheinbände hatten ein riesiges Loch in die Kasse gefressen. Die Schultüte hatte er seiner Mutter gegenüber gar nicht erst erwähnt. Diese Idee war auf seinem eigenen Mist gewachsen. Er wollte unbedingt, dass seine Schwester eine Schultüte bekam. Jedes Kind hier in Deutschland begann die erste Klasse mit einer Schultüte. Also sollte Ella auch eine haben!
Nachdem sie das Geschirr vom Abendessen abgewaschen und weggeräumt hatten, setzten sie sich auf das Bett ihrer Mutter und Yaron zog zwei neue Zeitschriften unter seinem Sweatshirt hervor. Die hatte er ebenfalls aus einer Tonne gefischt. Er wusste, wo er suchen musste. Der Friseur um die Ecke warf immer montags die alten Hefte weg. Die Putzfrau arbeitete bis kurz vor acht. Als letztes leerte sie ihre Abfallbehälter und entsorgte das Altpapier. Wenn Yaron es schaffte, diesen Zeitpunkt genau abzupassen, konnte er die Hefte unversehrt ergattern.
Die Kreuzworträtsel in diesen Heften waren meistens unberührt. An die machten sich die Geschwister zuerst. Yaron las vor und Ella durfte die Buchstaben einsetzen, wenn sie die Antwort wussten. So hatte er mit ihr schon seit über einem Jahr das Lesen und Schreiben geübt. Natürlich nur in Druckbuchstaben. Wenn es dann dunkel wurde, legten sie die Zeitschriften beiseite und verkrochen sich unter die Decke. Sie hatten zwar zusammen ein eigenes Zimmer, doch schliefen sie lieber im Ehebett ihrer Eltern. So fühlten sie sich einander näher. Und außerdem stand neben diesem Bett ein Nachttisch und auf ihm der einzige Wecker der Familie.
Noch vor ein paar Wochen hatte Yaron vor dem Einschlafen mit Ella gesprochen. Meistens hatte sie Fragen gestellt und er hatte geantwortet. Das war mittlerweile nicht mehr möglich. Es wurde viel zu früh dunkel und er konnte ihre Lippen nicht mehr sehen. Das Deckenlicht wollte er aber nicht anmachen. Yaron befürchtete, er könne einschlafen und vergessen, es zuvor zu löschen. Strom kostete auch Geld.
Statt zu reden, hielten sie sich nun bei der Hand. Ellas Atem konnte er nicht mehr hören, aber er spürte ihre Wärme. Meistens schlief Yaron zuerst ein. Die Tage mit Ella allein strengten ihn an, mehr als er es sich selbst eingestehen wollte.
Doch an diesem Montag war er zu aufgewühlt, um zu schlafen. Er drehte sich zur Seite und betrachtete die Umrisse von Ellas Gesicht in der Dämmerung. Wie gerne hätte er in diesem Augenblick mit ihr getauscht! In eineinhalb Wochen würde ihre Mutter wieder für ein paar Tage kommen. Yaron sehnte sich nach diesem Tag, denn jetzt, da sie mehr Geld verdiente, war sie lange nicht mehr so verzweifelt wie zuvor. Dann konnte auch er für drei Tage Kind sein. Wahrscheinlich würden sie auch wieder den Vater besuchen gehen, diesen Mann, der ihm so fremd war und dem seine Schwester so sehr ähnelte.

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Leseprobe: Yaron

Yaron

An diesem zweiten Samstag im September hätte Yolande ausschlafen können. Samstage waren, wie schon erwähnt, Oskar-Tage und er ließ die Kasse klingeln, wie er seinen wöchentlichen Einsatz nicht ohne eine Spur von Genugtuung umschrieb. Der Neid musste es ihm lassen. An Oskar-Samstagen war wirklich immer etwas los in Yolandes Laden. Viele Kunden verschoben absichtlich ihre Einkäufe auf diese Tage, um seine flotten Sprüche nicht zu verpassen. Sogar die Jugendlichen zog es vermehrt auf die Bastelinsel. Oskar war Künstler und Yolandes bester Freund. Er konnte in allen Fachfragen, ob es sich nun um die Wahl des richtigen Pinsels oder Papiers, das Mischen eines Farbtones oder auch nur um den richtigen Blickwinkel auf ein Motiv handelte, stets um Rat gefragt werden. Ich möchte sogar behaupten, er war geradezu begierig danach, gefragt zu werden. Aber auch Briefumschläge und Grußkarten brachte er gekonnt an den Mann.
Als er an diesem Samstagmorgen um die Ecke bog, staunte er nicht schlecht, als er Yolande bereits im Schaufenster turnen sah. Sie hatte eben neue Preisetiketten an die beiden Tüten geheftet.
„Werde ich nun langsam senil oder du, liebste Yolande?“, fragte er verwundert und half seiner Freundin von der Schaufensterauslage herunter.
„Weder noch!“, antwortete sie und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Er schaute wie ein Kind, dem man sein Lieblingsspielzeug weggenommen hatte.
„Ich habe heute noch einige Dinge im Büro zu erledigen, die ich schon seit Wochen auf die lange Bank schiebe, darunter auch ein paar Reduzierungen. Also dachte ich, nutze ich diesen Samstag.“
„Ach, so! Dann spiel du man heute Büromäuschen!“, brummte er in seinen Vollbart und nahm seinen Platz hinter dem Ladentisch ein. Diese Erklärung schien ihm auszureichen.
Yolande verzog sich gleich darauf in das kleine Zimmer neben dem Verkaufsraum, ließ jedoch die Tür einen Spalt breit offen stehen, und setzte sich an den Schreibtisch. Das Sortieren von Rechnungen und Belegen war zwar nicht dringend angesagt, wie sie Oskar vorgeschwindelt hatte, doch es konnte auch nichts schaden, sagte sie sich. So hatte sie am Monatsende weniger zu tun. Die kleinen und größeren Zettel nach Datum zu sortieren, ließ Yolandes Konzentration gerade noch zu, denn mit einem Auge verfolgte sie, soweit sie es einsehen konnte, das Geschehen vor dem Kassentisch. Als es halb zwölf schlug und noch immer kein Junge mit braunen Haaren den Ladenraum betreten hatte, wurde sie unruhig. Sie zog in Erwägung, dass sie ihn vielleicht übersehen hatte. Außerdem konnte sie nicht sicher sein, dass die Schultüten nicht auch schon andere Abnehmer gefunden hatten und somit der Anreiz für den Jungen gar nicht mehr bestünde. Yolande brühte zwei Becher Kaffee auf und ging mit ihnen nach draußen zu Oskar. Ein kurzer Blick in die Auslagen genügte ihr, um zu sehen, dass ihre letzte Befürchtung nicht zutraf. Die Tüten waren noch an ihrem Platz.
„Hier, nimm, Oskar! Kaffeepause!“ Sie hielt ihrem Freund den größeren der beiden Becher hin. „War heute schon ein etwa zehnjähriger Junge hier? Ein Junge mit ganz außergewöhnlich braunen Haaren?“ Natürlich war sie bemüht, ihre Frage mehr oder weniger beiläufig klingen zu lassen. Sie trank hastig einen Schluck Kaffee und verbrannte sich prompt die Zunge daran.
„Außergewöhnlich braune Haare? Du machst mich neugierig. Meinst du Umbra oder Savanna?“, hakte Oskar nach.
„Wenn du es genau wissen willst, so würde ich es eher als Palisander bezeichnen. Das Braun gleicht diesem dunklen Holz mit seinen vereinzelt hellen Nuancen. Und dazwischen findet sich auch noch ab und zu eine Spur Rot. Das kennst du doch, oder?“
Yolande liebte es, Dinge so genau wie möglich zu beschreiben. Bei ihrer Schwester wäre sie damit auf Unverständnis gestoßen, doch bei Oskar war dies nicht fehl am Platz. Er konnte genauso gut mit Farben wie mit Worten malen und mochte es, wenn sie es ihm gleichtat.
Er schien die Kunden des Vormittags in Gedanken durchzugehen. Dann erst antwortete er.
„Nein, ein solcher Knabe ist mir heute noch nicht untergekommen. Der wäre mir aufgefallen. Hundertprozentig! Soll ich dich rufen, wenn er auftaucht?“
Yolande schüttelte den Kopf. „Ein kleines Zeichen genügt. Vielleicht hüstelst du ein bisschen.“ Immer noch um Beiläufigkeit bemüht, trottete sie zurück ins Büro. Als sie sich an der Tür noch einmal umblickte, sah sie Oskars befremdlichen Gesichtsausdruck. Es war nur unschwer zu erkennen, dass er nicht viel vom Parole-Husten hielt. Yolande war sich jedoch sicher, dass er ein eindeutiges Zeichen finden würde, so er eines benötigte. Schmunzelnd machte sie sich wieder an ihre Sortierarbeit und stapelte die Belege, um sie zügig abarbeiten zu können. Was sich alles im Laufe eines Monats so ansammelt, schoss es ihr durch den Kopf, war schon erstaunlich. Dabei hatte der September doch erst begonnen.
„Papierkram!“, seufzte sie und wurde sich sogleich der Pointe bewusst, die in diesem Wort lag. Sie handelte schließlich mit Papierkram.
Der Morgen verging und der Ladenschluss um 14 Uhr rückte langsam näher. Immer deutlicher hörte Yolande das Ticken der Standuhr neben dem Kassentisch, dabei gab es Tage, da nahm sie nicht eine Sekunde tickend wahr. Warten sensibilisiert Menschen wohl für solche Geräusche, stellte sie fest.
„Du, Yolande …“, hörte sie plötzlich Oskars Stimme aus dem Verkaufsraum, „… wie heißt noch mal gleich der Baum aus dem Regenwald? Gibt es von dem nicht auch eine kleinere Variante?“
Sie stutzte. Was war denn das für eine seltsame Frage? Mit dem Baum aus dem Regenwald spielte Oskar zweifelsohne auf den Palisander an. Doch was um alles in der Welt wollte der alte Kauz ihr mit der kleineren Variante andeuten? Sie ging auf Zehenspitzen zur spaltbreit geöffneten Tür und lugte hinaus. Soweit sie den Verkaufsraum überblicken konnte, sah sie den Jungen vom Vortag nirgendwo.
Oskar hatte sich zum Büro umgedreht und formte mit seinen Lippen einige Wörter, die sie aber nicht erkennen konnte. Sein dichter Bart, der ihm wild um den Mund wuchs, wippte nur ständig auf und ab.
Mit einem Achselzucken signalisierte sie ihm, dass sie nicht verstand, was er ihr sagen wollte. Er überlegte kurz und startete einen weiteren Versuch.
„Ich glaube, wir müssen bald wieder die Schaufenster putzen. Die Kunden drücken sich bereits die Nasen platt, weil sie so nah ran müssen. Man sieht kaum noch etwas.“
Nun hatte Yolande verstanden. Sie blieb, wo sie war und nickte ihm nur zu. Gleich darauf bimmelte die Klingel an der Ladentür und sie hörte Oskar, der die Neuankömmlinge in seiner gewohnt fröhlichen Manier begrüßte.
„Kommen Sie rein, junge Dame, dann können sie rausschauen! Ah, ich sehe, sie haben einen Begleiter mitgebracht. Was darf ich Ihnen denn Schönes anbieten?“
Yolande sah durch den Spalt ein kleines Mädchen an den Ladentisch treten, das dieselben braunen Haare hatte wie der Junge, der gleich hinter ihr ging. Sie drehte sich zu ihm um und machte kleine Zeichen mit ihren Fingern. Daraufhin wandte sich der Junge an Oskar.
„Wir hätten gerne die Schultüte aus dem Schaufenster, die rote mit den Elfen“, sagte er ein wenig zu laut. Seine Stimme klang unsicher und nervös und überschlug bei manchen Lauten. „Sie kostet wirklich nur 4 Euro 10?“
Oskar war schon auf dem Weg zur Auslage und brummte wie gewöhnlich.
„Das werden wir gleich sehen. Es gibt nichts bei uns, das keinen Preis hat. Soviel steht schon einmal fest.“
Wieder gab das Mädchen dem Jungen kleine Zeichen und zuckte dabei mit den Schultern. Er stellte daraufhin seine Frage noch einmal.
„Sie kostet wirklich nur 4 Euro 10?“
Oskar kam mit dem Traum in Pink zurück und löste vorsichtig das Etikett, das er an den Jungen weiterreichte. Nun konnte dieser sich selbst überzeugen. Er nickte aufgeregt. Yolande konnte aus ihrem Versteck wieder die roten Flecken sehen, die sich von seinen Wangen über das gesamte Gesicht ausbreiteten. Er war von Natur aus sehr blass. Wie hatte ihre Mutter früher zu einer solchen Gesichtsfarbe gesagt? – Ein Teint wie Milch und Spucke.
„Wir nehmen sie!“, rief das Mädchen freudig und klatschte dabei in die Hände. Ihre Stimme klang hell, aber lange nicht so schrill und so unsicher wie die ihres Begleiters. Als sie einen Schritt zur Seite trat, um die Tüte aus Oskars Händen entgegenzunehmen, sah Yolande wiederum die zerschlissene Geldbörse, die ihr schon am Tag zuvor aufgefallen war. Der Junge hielt sie fest an sich gedrückt, öffnete aber den Drehverschluss und begann, einige Münzen auf den Tisch zu zählen.
„Darf es denn noch etwas sein? Vielleicht etwas zum Hineintun?“, fragte Oskar in jovialem Ton. Er hatte seine Frage direkt an den Jungen gestellt, da er offensichtlich der Herr über die Finanzen war. Doch der Junge blickte nach unten und reagierte nicht.
Dafür tat es das Mädchen. Sie zog den Jungen am Ärmel und wies mit dem Kopf in Oskars Richtung. Dann wiederholte sie langsam und deutlich die Frage, ohne den Blick von seinen Augen zu nehmen. Er schüttelte den Kopf und das Mädchen tat es ihm gleich.
Oskar nahm die Münzen auf und sammelte sie in seiner linken Hand. Yolande sah, dass er sie währenddessen zählte. Es konnten kaum größere als 50 Cent-Münzen dabei gewesen sein, denn auf seiner Handfläche türmte sich gleich darauf ein stattlicher Haufen. Doch Oskar hatte auch dazu einen flotten Spruch auf Lager.
„Danke, die Herrschaften …“, sagte er mit einer angedeuteten Verbeugung. „… wie abgezählt! Beehren Sie uns bald wieder!“
Dabei setzte er sein wärmstes Lächeln auf und geleitete daraufhin die beiden Kinder noch bis zur Tür. Mit dem üblichen Gebimmel schloss sie sich hinter den zwei schmalen Rücken und Oskar hatte es sichtlich eilig, zu Yolande an die Bürotür zu kommen.
„Nun sag mal, denkst du auch das, was ich denke?“, begann er schon zu fragen, bevor er beim Büro anlangte.
Yolande wusste nicht, auf was er anspielte. Sie meinte sich zu erinnern, dass sie an gar nichts Bestimmtes dachte. Sie fühlte nur übergroße Freude. Immerhin hatte sie mit ihrer Vermutung Schultüte richtig gelegen. Ihr Plan war aufgegangen, was wollte sie mehr? Das strahlende Gesicht der Kleinen und der aufgeregte Junge, der nun wahrscheinlich noch Geld übrig behalten hatte, hielten sich vehement vor ihrem inneren Auge. Da war kein Platz für große Gedanken. Yolande war einfach nur rundherum zufrieden. Von den Gewissensbissen, die sie noch am Abend zuvor geplagt hatten, konnte Oskar ja nichts wissen.
„Mit dem Jungen stimmt doch etwas nicht!“, fuhr er unbeirrt fort. „Er hört entweder gar nichts oder nur ganz, ganz schlecht. Hast du etwa nicht die Zeichen gesehen, die die Kleine ihm immer wieder gab? Seltsam!“
Oskars Worte holten Yolande abrupt in die Gegenwart zurück. Natürlich hatte sie diese Zeichen auch gesehen. Sie überlegte kurz und kam dann zu dem Schluss, dass durchaus diese Schwerhörigkeit der Grund gewesen sein konnte, der am Vortag zu der überstürzten Reaktion des Jungen geführt hatte. Das schien ihr nun sogar sehr plausibel. Er hatte sie am Freitag einfach nicht kommen hören. So musste es gewesen sein! Als er sich schließlich umdrehte und ihr Gesicht schon dicht über seinem sah, hatte er es mit der Angst zu tun bekommen. Diese Erklärung beruhigte Yolande. Sie hatte nichts falsch gemacht.
„Ja“, seufzte sie erleichtert. „Solche Behinderungen gibt es leider auch heute noch. Doch glücklicherweise sind die technischen Errungenschaften da schon ein gutes Stück weiter. Heute kann man dagegen etwas tun. Früher, als wir klein waren …“
Weiter kam sie nicht. Oskar unterbrach sie unwillig. Er schüttelte ungläubig den Kopf.
„Ich merke, du verstehst mich nicht! Es geht mir nicht um die Taubheit im Allgemeinen. Dieser Junge will seine Einschränkung überspielen. Hast du das denn nicht bemerkt? Das macht mich stutzig! Das Mädchen, ich denke es ist seine Schwester, hört für ihn und übersetzt alles mit diesen kleinen Fingerzeichen. Es ist eine Art Gebärdensprache. Aber ich vermute, es ist nicht die offizielle Gebärdensprache. In den Nachrichten im Fernsehen sieht das irgendwie anders aus. Das muss eine Zeichensprache sein, die es nur zwischen den beiden gibt.“
„Und warum findest du das seltsam?“ Fast trotzig stellte Yolande diese Gegenfrage. „Ich finde so etwas rührend!“ Sie wollte sich ihre wiedergewonnene Ruhe nicht durch Oskars aus der Luft gegriffenen Befürchtungen erneut nehmen lassen.
„Natürlich ist es auf eine Art rührend. Aber bedenke doch, wenn sie für andere Leute dieses Spiel spielen und ihre eigene Sprache entwickelt haben, so heißt das doch, dass einzig und allein sie davon wissen. Und das wiederum bedeutet, dass sie davon überzeugt sind, es müsse ihr Geheimnis bleiben. Dabei stellt sich mir die Frage nach dem Warum! Dir etwa nicht?“
Was sollte Yolande darauf antworten? Sie hatte den vorwurfsvollen Ton in Oskars Stimme bemerkt. Er sah etwas im Verhalten dieser Kinder, das sie so nicht sah. Deshalb überlegte sie, ob man heutzutage auch noch mit einem Stigma behaftet war, wenn man nichts hörte. Das wollte sie einfach nicht glauben. Es gab doch auch schon Babys mit Brillen. Soweit sie informiert war, wurden Brillen für Kinder in vollem Umfang von den Krankenkassen übernommen. Was aber für Brillen galt, sollte doch auch für Hörgeräte gelten. Oder?
„Ich sage dir, Palisander und Palisandrinchen hüten ein Geheimnis. Ich habe ein sonderbares Gefühl in der Magengegend und das trügt mich selten. Wir sollten dem weiter nachgehen. Kommen die beiden öfter zu dir in den Laden?“ Oskar hatte nun relativ leise gesprochen. Es hatten erneut Kunden den Laden betreten.
„Das Mädchen sah ich heute zum ersten Mal. Der Junge dagegen war schon mehrmals hier. Er wollte wohl eine Schultüte für seine Schwester basteln. Ich nehme an, es scheiterte am Geld für das Material. Darum habe ich die beiden Tüten auch so drastisch reduziert. Ich hoffte, er würde heute noch einmal wiederkommen.“
Yolande zitterte mit einem Mal. Ihr gutes Gefühl war dahin. Oskars Befürchtungen hatten sich nun ohne eine konkrete Form auch auf sie übertragen.
„Wir sollten die beiden weiter im Auge behalten! Dieses Geschwisterpaar hat eine besondere Geschichte, die mich neugierig macht.“ Oskar kraulte ausgiebig seinen Bart. Yolande kannte diese Angewohnheit. Sie war ein untrügliches Zeichen dafür, dass er einen Entschluss fasste. „Ich frage mich nur, wie wir sie wiederfinden sollen. Du kennst nicht zufällig ihren Namen?“
„Nein, der ist mir nicht bekannt. Aber ich bin mir sicher, wir werden sie wiedersehen, wenn wir am Montag zur Einschulungsveranstaltung in die Ringschule gehen. Was meinst du, sollen wir?“
Sie zwinkerte Oskar auffordernd zu und er hob seine Augenbrauen. Die Sache war abgemacht.

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Yaron

„Da wird euer Vater aber staunen! Es geht doch nichts über einen überraschenden Besuch! Kommt rein, er sitzt an der Terrassentür und schaut den Eichhörnchen zu!“
Tatsächlich saß Johan Baum in einem Sessel neben den ausladenden Terrassenfenstern und freute sich sichtlich über das Schauspiel im Garten. Er blickte neugierig auf, als Ella von weitem schon „Papa!“ rief, doch Yaron bemerkte, dass in diesem Blick kein Erkennen lag. Mit seiner rechten Hand deutete er aus dem Fenster. Ella stellte sich beben ihn und schaute ebenfalls nach draußen. Ihr belustigter Gesichtsausdruck glich dem des Mannes, der ihr Vater war, wie ein Ei dem anderen.
„Ist das keine Überraschung, Johan?“, fragte der ältere Mann, der die beiden Kinder in den großen Wohnraum begleitet hatte. „Ella und Yaron sind gekommen.“
„Ella“, wiederholte Johan Baum mit einem Lächeln und deutete wiederum in den Garten. „Da, die …“ Er konnte sich nicht mehr erinnern, wie die kleinen, flinken Felltierchen hießen.
„Ja, die Eichhörnchen, Johan. Die unterhalten uns schon seit Tagen. Kein Kinofilm könnte interessanter sein, nicht wahr?“
Der Betreuer kam Johan Baum zu Hilfe. „Sie flitzen durch den Garten und klettern auf die höchsten Bäume. Und manchmal kann man sie springen sehen. Von einem Baum zum anderen.“
Ella hatte sich ohne Scheu auf den Schoß ihres Vaters gesetzt und er hielt sie fest mit seinem Arm umschlungen. Das kannte er so wohl noch von früher. Yaron fühlte einen Stich. Er konnte sich nicht daran erinnern, je auf dem Schoß seines Vaters oder seiner Mutter gesessen zu haben.
„Du wolltest Papa etwas vorlesen“, forderte er Ella auf. Dabei klang seine Stimme zuerst schrill und wurde dann urplötzlich so leise, dass der Betreuer ihn besorgt ansah.
„Ist dir nicht gut, mein Junge? Hier im Raum ist ziemlich trockene Luft. Ihr könnt euch gerne etwas zu trinken nehmen. Saft und Wasser stehen dort drüben auf dem Tisch.“
Yaron hatte keinen Durst, aber er ging zu dem Getränketisch und füllte drei Gläser mit einem Gemisch aus Apfelsaft und Mineralwasser. Damit kehrte er zu Ella und dem Vater zurück und gab jedem eines.
Johan Baum schenkte ihm zum Dank ein Lächeln, doch nach wie vor ließ nichts darauf schließen, dass er seinen Sohn erkannte. Dieses Lächeln hätte er jedem anderen auch geschenkt.

 

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