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Leseprobe: Im Bann der Vergangenheit

Im Bann der Vergangenheit

Düsseldorf, den 15.November 1955

„Liebste Mutti!

Sei ganz herzlich bedankt für Deinen lieben Brief und das Päckchen mit der hübschen Mütze und dem Schal für Klaus. Solch warme Sachen kann ich jetzt bestens gebrauchen. Beides steht ihm gut, und es passt auch ganz ausgezeichnet zu seiner Winterjacke. Aber mach Dir keine Sorgen! Ich passe schon auf, dass unser Kleiner sich nicht erkältet.“

Anna hält inne, lässt den Füllfederhalter sinken und starrt vor sich hin, müde und abwesend. So ist es oft in der letzten Zeit: Plötzlich überkommt sie eine unerklärliche Mattigkeit, eine tiefe Niedergeschlagenheit. Sie versteht nicht, warum. Da ist so ein großer Unterschied zwischen innen und außen, denkt sie, wie eine Kluft, über die man nicht hinweggehen kann. Mit leeren Augen blickt sie das Blatt Papier an, unfähig weiter zu schreiben.

Ihr ist, als ob sie gleichzeitig zwei Leben lebte. Eines nach außen, für alle sichtbar; ein zufriedenes, glückliches Leben, so, wie es von ihr erwartet wird; wie ihre Familie und die Menschen um sie herum es richtig, ja selbstverständlich finden. Das Leben einer strahlenden jungen Ehefrau und Mutter. Eines nach innen, das niemand sieht. Es ist ein geheimes, verstecktes Leben, das das helle Bewusstsein des Tages scheut und sich nachts in ihre Träume schleicht. Schatten liegen auf den Wegen in diesem Leben, die Schatten der Vergangenheit. Nebelschwaden lassen alles grau und öd erscheinen. Spinnweben, stark wie Seile, umschlingen sie, dass sie keine Luft mehr bekommt und halten sie fest. Gespenster hocken in den Ecken, kauern hinter Bäumen und Mauervorsprüngen und machen ihr Angst. Anna weiß im tiefsten Innern, dass die anderen dieses Leben nicht sehen wollen, dass sie es falsch finden und nicht verstehen. Darum lässt sie nichts davon nach außen dringen. Aber das kostet Kraft. Es kostet Kraft, die Schatten zu verdrängen, die Gespenster zu verscheuchen und so zu tun, als gäbe es sie nicht, als sei das alles nicht da.

Langsam steht sie auf und tritt an das Bett ihres Kindes. Der kleine Klaus schläft ruhig, er atmet tief und regelmäßig. Eine Welle von Zärtlichkeit durchflutet Anna. Liebevoll betrachtet sie ihren Sohn: die vom Schlaf rosigen Pausbäckchen, die langen, seidigen Wimpern, das leicht geöffnete Mündchen, das zu lächeln scheint. Ganz sacht streichelt sie über sein Köpfchen und zieht die Decke gerade, unter der die nackten Beinchen hervorkommen. „Mein lieber kleiner Schatz, wenn ich dich nicht hätte!“
Dann setzt sie sich wieder an den Tisch und versucht, den Brief weiter zu schreiben. Sie hat noch Zeit. Es ist Mittwoch, und Ralf ist bei seinem allwöchentlichen Kegelabend. Er wird spät nach Hause kommen. Wie immer wird er einen Dunst von Schnaps, Bier und Zigarettenqualm mitbringen und mit unsicheren Schritten zum Kühlschrank gehen, um sich noch eine Flasche Bier zu holen, als Schlaftrunk, wie er sagt. Wenn sie dann nebeneinander im Bett liegen, wird er ungeschickt und etwas grob nach Anna greifen, sie wird ihn abwehren und sich auf die andere Seite drehen, angewidert von seinem Geruch. Er wird sie zufrieden lassen und schnell einschlafen, während Anna noch lange wach liegen wird, weil sie wegen seines Schnarchens nicht schlafen kann. So ist es immer, einmal in der Woche, am Mittwochabend. Anna seufzt leise auf und bedeckt ihr Gesicht mit den Händen. Ihr ist trostlos zumute. Sie fühlt sich sehr allein. Aber welch ein rücksichtsvoller und hilfsbereiter Ehemann Ralf ist, denkt sie dann. Diese Kegelabende müssen sein. Ein Mann braucht solche Vergnügungen mit seinesgleichen, braucht Männerfreundschaften. Wenn er doch auch einmal mit mir ausginge, so wie damals, als wir noch bei der Thalia waren. Ein Babysitter für Klaus würde sich schon finden. Sicher, wir haben wenig Geld, aber einmal im Monat zusammen ausgehen, das könnten wir uns leisten.

Ich muss zufrieden sein, ja, ich darf mich nicht beklagen. Sie lässt die Hände sinken. Ein Lächeln huscht über ihr eben noch so ernstes Gesicht. Wenn ich morgens aufwache, durchzieht schon der Kaffeeduft die Wohnung. Ralf macht das Frühstück. Und samstags … „Schreib alles auf einen Zettel, was du brauchst. Ich fahre in die Stadt und besorge es.“ Wie oft sagt er: „Lass das Geschirr stehen, Anna, ich wasche ab, dann kannst du dich um Klaus kümmern.“ Ihr wird ganz warm ums Herz. Welcher Mann tut das?? Alle, die uns kennen, beneiden mich. Und wie liebevoll er mit Klaus umgeht. Wie der Kleine jauchzt, wenn sein Vater ihn auf den Schultern herumträgt. Nein, ich darf mich nicht beklagen, es gibt keinen Grund dafür. Und dann ist da plötzlich wieder dieses Schuldgefühl, das sie so oft quält. Bin ich undankbar? Eine schlechte Ehefrau und Mutter? Ich sollte mich freuen an dem, was das Leben mir geschenkt hat. Es sind die Schatten in ihrem Innern, die sie so oft traurig machen, die sie daran hindern, Erfüllung zu finden, das spürt sie und empfindet es wie ein Vergehen. Aber die Schatten, die Gespenster sind nun einmal da, sie wird sie nicht los. Was kann sie tun? Sie fühlt sich hilflos.

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Leseprobe: Das Flüstern der Ahnen

Das Flüstern der Ahnen

Am gestrigen Tag war Alma dann zu einem Kranken gerufen worden, der zu schwach war, um sie selbst aufzusuchen. Alruna begleitete sie wie gewohnt dabei. Der Kranke lag auf seinem Bett, seine Haut war blass, unter den Augen zeigten sich dunkle Ränder, auf seiner Stirn standen Schweißtropfen und ein Zittern schüttelte den ganzen Körper. Von seiner Frau erfuhren die beiden, dass er vor Kurzem mit einigen anderen Männern auf der Jagd gewesen sei und einige Wildschweine erbeutet hatte. Alma hörte nachdenklich zu, wiegte den Kopf hin und her und schickte Alruna dann zu ihrer Hütte, um ein paar Dinge zu holen; darunter auch einen kleinen Beutel mit verschiedenen Gegenständen darin, eine Handtrommel, die mit seltsamen Zeichen bemalt war, eine Handvoll Kräuter und den kleinen Kessel, den Alma sofort über das Herdfeuer hing und in den sie die Kräuter hineinwarf, sobald sich dieser erhitzt hatte. Augenblicklich erfüllte der duftende Rauch der glimmenden Kräuter die Hütte. Nun begann Alma die kleine Trommel in einem gleichmäßigen Takt zu schlagen und sich dabei hin- und herzuwiegen. In einem monotonen Singsang begleitete sie den Rhythmus der Trommel und Alruna merkte, wie ein merkwürdiger Zustand von ihr Besitz ergriff. Plötzlich befand sie sich in einem Wald, vor ihr schlichen fünf Männer geduckt durch die Büsche, ihre Augen auf eine Spur geheftet, in ihren Händen hielten sie Speere. Zu ihrer Linken sah Alruna Alma stehen, die das Geschehen ebenfalls beobachtete.

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Leseprobe: Im Zwielicht der Zeit

Im Zwielicht der Zeit

»Kommen Sie, machen Sie sich nichts daraus. Manche Leute sind so.« Tröstend legte sie einen Arm um Gertruds Schultern. »Wir lassen uns nicht entmutigen. Beim nächsten Mal haben wir sicher mehr Glück.«
Emmy sollte recht behalten. Als sie weitergingen, fiel Gertruds Blick auf ein kleines, mit Holz verkleidetes Bauernhaus. Es sah schmuck und einladend aus mit seinen grün gestrichenen Fensterläden, die einen hübschen Kontrast zu den weißen Fensterrahmen bildeten. Zwei große Obstbäume standen davor und reckten ihre kahlen Zweige in den Himmel. Hühner liefen umher, und in einem kleinen Stall hörte Gertrud ein Schwein grunzen. Neben dem Stall war ein alter Mann damit beschäftigt, Holz zu hacken. »Hier werden wir unser Glück noch einmal versuchen, kommen Sie.« Emmy nahm Gertrud am Arm, ging mit ihr auf die Haustür zu und klingelte. Eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm öffnete.
»Ach, Sie kommen sicher aus der Stadt«, sagte sie freundlich, noch ehe Emmy ihre Bitte vorbringen konnte. »Ich weiß, in den Städten ist die Not groß. Uns geht es noch ein bisschen besser, obwohl es auch hier nicht mehr so ist wie früher. Mein Mann und mein Bruder sind an der Front. Wenn die Eltern mir nicht helfen würden, dann wüsste ich gar nicht, wie ich mit der Arbeit fertig werden sollte.« Sie streichelte das Baby, das anfing, unruhig zu werden. Eine alte Frau erschien in der Tür. »Halte ihn mal einen Augenblick, Mutter«, sagte die Bäuerin und legte das Kind der Frau in den Arm. »Ich hole für die Damen ein paar Eier und etwas Speck.« Sie ging ins Haus und kam mit einer Tüte und einem kleinen Paket wieder.
Emmy fing an, ihre Schätze auszupacken.
»Lassen Sie Ihre Sachen in der Tasche«, wehrte die junge Frau ab, »dafür will ich nichts haben.«
»Wir danken Ihnen sehr«, sagte Gertrud. Ihre Stimme schwankte ein bisschen. Sie war gerührt. Nach dem, was sie gerade erlebt hatte, empfand sie die Freundlichkeit der jungen Bäuerin wie eine Wohltat.
Das nächste Mal klopften sie wieder vergeblich an, aber dann konnten sie Emmys Bettwäsche gegen ein Pfund Butter eintauschen. Danach hatten sie nicht mehr viel Glück. Mutlos stapften sie durch die von Regen und Schnee aufgeweichten Straßen und versuchten mühsam, den schlimmsten Schlammlöchern auszuweichen. Inzwischen war das Wetter noch schlechter geworden. Ein kalter Ostwind trieb ihnen Schneeregenschauer ins Gesicht. Emmy gab Gertrud die große Tasche und spannte ihren Schirm auf. Sie krochen beide darunter, aber das half auch nicht viel. Der Wind blies unter den Schirm und drohte ihn umzukippen, sodass Emmy ihn nach einer Weile wieder zumachen musste. »So ein Sauwetter«, schimpfte sie. Plötzlich rutschte Gertrud aus und wäre fast gefallen, wenn Emmy sie nicht noch im letzten Moment festgehalten hätte.

 

Eine Leseprobe aus dem ersten Band der Familien-Saga von Ellinor Wohlfeil, die als Kind und Jugendliche den Zweiten Weltkrieg persönlich erlebt hat. In den Büchern verarbeitet sie ihre eigene Geschichte als Halbjüdin. Unter folgendem Link finden Sie dieses und andere Bücher von ihr im Verlagshop:

Im Zwielicht der Zeit

Blick ins Buch