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Leseprobe: Sternschnuppenbraut

Sternschnuppenbraut

Was waren das nur für Gefühle, die ich da als Kind gehabt hatte, und wieso hatte ich sie vergessen? Oder sagen wir besser, wieso waren sie mir nicht mehr bewusst? Denn vergessen hatte ich sie in keiner Weise, waren sie doch in meinem Leben immer wieder meine Begleiter gewesen, aber nie wieder auf diese bewusst gewollte Weise wie mit neun Jahren. Jetzt war auf einmal wieder alles da. Alles, was ich damals gefühlt hatte. Ich war wieder neun Jahre alt und lebte noch einmal die Empfindungen, die ich dort auf dem Dachboden gefunden und auf meiner Suche nach mir selbst in meiner Seele abgespeichert hatte. Gerade hatte ich also einen – einen – Teil meines Ichs wiedergefunden. Ich hatte etwas wiedergefunden, was ich nicht verloren hatte, weil ich es bisher nie besessen hatte. Es geht also, man kann etwas verlieren, was man nicht hat, denn sonst könnte man es auch nicht wiederfinden. In mir stieg ein Gefühl der Neugier auf, wie ich sie mit neun Jahren empfunden und ohne Angst gelebt hatte. Ich war neugierig auf das, was ich noch alles finden würde, was ich nicht hatte und doch verlor. Die Suche in meiner Vergangenheit ging weiter. Erinnerungen kann man wecken, dachte ich mir, indem man sich mit Dingen beschäftigt, die aus einzelnen Phasen des gelebten Lebens sind. Also holte ich die Kiste mit den Fotos aus dem Schrank und begann, mir jedes einzelne anzuschauen. Eine Flutwelle aus Gefühlen brach über mich herein.

„Lass das, hör auf mich zu ärgern! Ich hau dich gleich, wenn du nicht aufhörst“, schrie ich meine kleine Schwester an, die mich auf Teufel komm raus piesackte und ärgerte. Immer wieder und immer wieder schleuderte sie mir gemeine Worte entgegen, hänselte mich und traf mich mitten ins Herz. Es war wie ein Messer, das sich tief in mich hineinbohrte, jedenfalls empfand ich es so. Zwei Jahre trennten uns, zwei Jahre, die ich älter und – wie meine Eltern sagten – auch vernünftiger war. Oh, wie ich es hasste. Du musst doch auf deine kleine Schwester Rücksicht nehmen, sie ist doch noch so klein und du bist schon so vernünftig. Wie oft hatte ich diese Worte in den letzten 2 Jahren gehört. Ich war gerade mal sieben Jahre und ein paar Monate alt, wo war man in diesem Alter denn bitte schön vernünftig? Wenn wir alleine zu Hause bleiben mussten, weil die Eltern abends eingeladen waren, hieß es nur, dass ich doch die Ältere sei und auf die Kleine aufpassen solle. Wenn etwas wäre, könnte ich ja anrufen, die Nummer läge neben dem Telefon. Päh, als ob ich anrufen und mir die Blöße geben würde, dass ich etwas nicht schaffte. Und jetzt reizte mich das Biest bis aufs Blut. Wut kochte in mir hoch. Wut und Ärger, die Tränen stiegen mir in die Augen. Wieso nur musste ich eine Schwester haben? Seit sie da war, war alles viel schwerer für mich geworden. Nicht nur, dass ich alles teilen und auf sie aufpassen musste, nein, ich war diejenige, die sich Dinge hart erkämpfte und sie bekam sie dann einfach später wie selbstverständlich auf dem silbernen Tablett serviert. Erneut schleuderte mir Katja eine fiese Gemeinheit an den Kopf und da riss mein Geduldsfaden endgültig. Ehe ich mich versah, hatte ich ihr wie im Affekt eine Ohrfeige geklatscht. Richtig laut hörte ich meine Hand auf ihre Wange aufschlagen und erschrak im selben Augenblick über das, was ich getan hatte. Eine brennend rote Fläche war das Ergebnis meiner Unbeherrschtheit. Tränen liefen über mein Gesicht. Tränen der Wut und der Angst zur selben Zeit. „Katja, es tut mir leid, bitte, das wollte ich nicht. Warum hast du mich auch nur so gereizt und nicht aufgehört, als ich dir gesagt habe, dass es reicht? Bitte, sag es nicht den Eltern.“ Katja heulte ohne Unterlass und verkroch sich zutiefst verletzt in ihrem Bett. Mir schwante, was jetzt alles passieren würde, es war nicht das erste Mal, dass sie mich verpetzte. Und das, obwohl sie mich selbst mit ihrem Verhalten so weit gebracht hatte, dass ich die Beherrschung verlor. Und genau wie ich es erahnt hatte, kam es auch. Am nächsten Morgen, als die Eltern mit uns am Frühstückstisch saßen, platzte Katja mit der Nachricht heraus, dass ich sie geschlagen hatte, zeigte ihre noch immer sehr rote Wange her. Vater sah mich mit steinerner Miene an und Mutter fing an, mir Moralpredigten zu halten. Alle Rechtfertigungsversuche nützten nichts. Ich konnte noch so sehr beteuern, dass Katja mich bis aufs Blut gereizt, mich so lange herausgefordert hatte, bis mir die Hand ausrutschte, es half alles nichts. „Es ist nicht deine Aufgabe, deine Schwester zu erziehen, und geschlagen wird schon einmal gar nicht“, bekam ich zu hören. Na toll, zum Aufpassen war ich gut genug. Wehren aber durfte ich mich nicht. Die kleine Kröte dagegen konnte tun und lassen, was sie wollte, sie kam immer irgendwie damit durch. „Du hast drei Tage Hausarrest, damit du darüber nachdenken kannst, was du getan hast.“ Die Stimme meines Vaters war streng und unerbittlich, die Wärme, die sonst in ihr lag, war verschwunden. Wütend stand ich auf und ging ins Kinderzimmer, das ich mit meiner Schwester teilen musste. Breit grinsend kam sie hinter mir her und hatte nichts Besseres zu tun, als mir mitzuteilen, dass sie eben mehr geliebt würde als ich und dass man ihr alles glauben würde. Diese Hexe, wie ich sie in diesem Augenblick hasste! Beim Blick aus dem Fenster wurde ich noch trauriger, denn es hatte gerade angefangen zu schneien und ich würde den Schnee nicht begrüßen können. Drei Tage Hausarrest. Drei Tage Langeweile. Drei Tage Vorhaltungen. Drei Tage Schadenfreude meiner Schwester. Und sie würde nun mit meinen neuen Skiern fahren, die ich doch so gerne ausprobiert hätte. Gerade erst hatte ich sie geschenkt bekommen, meine neuen Kinderskier. „Du lässt deine Schwester aber auch mal damit fahren“, war die Anweisung gewesen, mit der das Geschenk übergeben worden war. Ein komisches Geschenk, das man teilen musste. Und jetzt, jetzt war sie es, die damit fahren konnte und ich musste ihr dabei zusehen. Oh, wie ich das alles hasste. Ich vergrub meinen Kopf im Kissen und weinte ein paar Tränen. Irgendwie war das Leben doch ein einziger Kampf und ein Krampf obendrein. Und wenn da nicht auf der anderen Seite immer wieder mal das Gefühl gewesen wäre, dass man mich lieb hatte, dann wäre ich schon längst weggelaufen. Daran gedacht hatte ich schon öfter. Nach dem Abendessen ging ich sofort schlafen, lag aber wach, konnte mein Gedankenkarussell nicht anhalten. Irgendwann ging dann die Tür auf und Vater kam wie jeden Abend an unser Bett, um uns, bevor er selber schlafen ging, über den Kopf zu streicheln. Wie sehr liebte ich diesen Augenblick. Diesen Augenblick, der mir ganz alleine gehörte, in dem ich nichts mit meiner Schwester teilen musste. Unzählige Nächte blieb ich heimlich wach, bis Vater sein Ritual ausgeführt hatte und zu Bett gegangen war, nur um diesen Augenblick genießen zu können. Den Augenblick, der nur uns beiden gehörte.
Am nächsten Morgen war die Schneedecke fast 20 cm hoch und der Blick durch das Kinderzimmerfenster nach draußen entführte mich in eine Märchenwelt. Alles sah so anders aus, so friedlich, so leise. Auf den Ästen lag der Schnee so schwer, dass sie sich gen Boden bogen, es fehlte nicht viel und sie würden brechen. Und all das sollte ich nun nur von innen sehen dürfen. Leise schlich ich aus dem Zimmer, um meine Schwester, die Nervensäge, nicht aufzuwecken, und suchte nach meiner Mutter oder meinem Vater. Vater lag noch im Bett, aber war schon wach. Leise schlich ich mich ins Schlafzimmer an sein Bett und flüsterte ihm ins Ohr: „Papa, bitte, darf ich nicht doch rausgehen? Es ist so viel Schnee gefallen und wer weiß, wie lange der liegen bleibt. Ich will auch danach die drei Tage drinnen bleiben. Bitte, lass mich doch meine Skier ausprobieren. Bitte, bitte, ich will auch ganz lieb sein.“ Mit gesenktem Kopf betrachtete ich gespannt sein Gesicht, in der Hoffnung, dass ich den richtigen Ton getroffen und sein Mitleid erregt hatte. „Meine liebe Tochter …“ Autsch, das war schiefgegangen. „Was du getan hast, war nicht richtig und du bleibst drei Tage drinnen. Dass es jetzt schneit und du deine Skier nicht ausprobieren kannst, tut mir leid. Aber Strafe ist Strafe, es bleibt dabei. Du kannst ja vom Fenster aus zusehen, wie die anderen den Hügel runterfahren.“ Enttäuscht drehte ich mich um und ging geradewegs zurück in mein Bett. Ein paar Tränen kullerten über mein Gesicht. Wie ungerecht das Leben doch war! Wieso musste ich eine Schwester haben? Wenn sie nicht wäre, gäbe es all diese Ungerechtigkeiten gar nicht. Dummerweise sahen die Eltern nämlich nie, wenn sie mich bis aufs Blut ärgerte, da war sie sehr geschickt. Und ich durfte wie immer alles ausbaden. Ich hatte es so satt. Und dann musste ich noch mit dieser kleinen Ratte in einem Zimmer schlafen. Wütend drehte ich mich zur Wand und schmollte.

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Leseprobe: Projekt Melancholia

Projekt Melancholia

Die Nacht war kalt. Es wehte kaum Wind und es war sehr ruhig im Dickicht des Waldes. Nur ab und zu hallten die Schreie der Eulen zwischen den Stämmen wider. Dort bewegte sich etwas. Nicht sonderlich schnell und oftmals ausruhend. Ein verwundetes Tier?
Aber es ging nicht auf allen vieren – obwohl stark vornüber geneigt, hielt es sich relativ aufrecht. Es schleppte sich buchstäblich von einem Baum zum nächsten. In den vom Gewitter noch regennassen Nadelboden drückten sich seine Spuren ein.
Niemand, wenn es denn jemand gesehen hätte, hätte wohl in der Dunkelheit erkannt, was es war oder es auch nur geahnt: ein Kind.
Doch weder Leila noch ein anderes Mädchen. Es war ein kleiner Junge, der sich dahinschleichend mühevoll Schritt für Schritt seinen Weg durch das Geäst bahnte. Und dieser kleine Junge hieß Levin. Leilas bester Freund war er.
Er irrte hier umher. Und er war verwundet. An seinem Kopf klebte Blut. Es färbte einzelne Strähnen seines blonden Haares rot.
Aber keine Verletzung war es, die ihm das Vorwärtskommen erschwerte. Etwas in ihm drin hinderte ihn. Ein Gefühl, welches ihn unsicher machte über das, was er tat und sogar darüber, ob er es überhaupt tat. Jeder Schritt kam ihm unwirklich vor.
Auch wusste er kein Ziel. All seine Gedanken waren verschwommen und unklar, dabei hätte er gerade jetzt Klarheit haben müssen.
Er war seinen Verfolgern fürs Erste entkommen.
Im Dunkel der Nacht hatten sie seine Spur verloren. Seine Flucht war geglückt! Sie hatten einen Moment lang nicht aufgepasst, waren kurz unvorsichtig gewesen und diese Schwäche hatte er ausgenutzt.
Man hatte ihn aus dem dunklen Keller herausgeholt, in dem er schon lange festgehalten worden war – viele Stunden, vielleicht Tage – da kein Sonnenlicht dort unten hin drang, wusste er das nicht genau.
Oben war dann alles ganz schnell gegangen. Sie hatten gar nicht daran gedacht, ihn zu fesseln, hatten angefangen zu reden und ihn kurz aus den Augen gelassen. Die Tür war auch nicht abgeschlossen gewesen wie sonst, wahrscheinlich, weil doch gerade jemand gekommen war, der ihn sehen wollte.
Seine Entführer fast über den Haufen rennend, war er aus dem Haus ins Freie gestürmt. Den nicht übermäßig hohen Holzzaun, der das Grundstück begrenzte, hatte er allemal geschafft – bevor ihn die Hunde zu fassen bekommen konnten. Dann über die Wiesen in den Wald.
Sie hatten ihm nachgesetzt. Zweimal hatten sie ihn entdeckt und geschossen, ihn jedoch verfehlt, später noch einmal – aber nicht auf ihn. Sie mussten wohl ein anderes, ein falsches Ziel gehabt und ihn dadurch verloren haben.
Nun war er hier. Wo auch immer das war. Er konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Es war völlig egal, ob er vorwärts, rückwärts, rechts oder links ging. Nur Glück konnte ihm helfen, hier wieder hinauszufinden. Und damit war er in letzter Zeit nicht gerade verwöhnt worden. Und selbst wenn er aus dem Wald hinauskam, was dann?
Langsam begannen sich seine umherkreisenden Gedanken zu ordnen. Er fühlte wieder etwas mehr Boden unter den Füßen.
Er war entkommen. Frei. Endlich frei!
Doch wohin jetzt? Wo war es sicher? Wo gab es jemanden, dem er trauen konnte?
Gerade diese Frage war nicht ganz unwichtig. Einige von denen waren Leute aus dem Dorf gewesen, die er vorher schon gekannt oder zumindest schon einmal gesehen hatte, und andere, völlig fremde – es war nicht abzuschätzen, wer noch zu ihnen gehörte. Vielleicht niemand, vielleicht aber auch sehr viele.
Es war ihm gelungen, freizukommen. Wenn er sich jedoch einfach so wieder im Internat oder im Dorf sehen ließ, konnte er ihnen gleich noch einmal ins Netz gehen.
Was wollten die eigentlich von ihm? Er wusste es nicht. Sie hatten ihn immer wieder gezwungen, irgendwelche kleinen Pillen zu schlucken. Davon war er dann sehr müde geworden, hatte nicht mehr so viel mitbekommen, selbst wenn er wach gewesen war. Schien über das, was er gedacht und getan hatte, keine rechte Kontrolle mehr gehabt zu haben. Oft hatte er alles wie im Traum erlebt.
Aber er wusste nur zu gut, dass es auch noch an etwas anderem lag. Ein Teil dieser Gefühle war ihm schon seit langer Zeit vertraut. Und dafür war er selbst verantwortlich.
Im Internat hatte er sich die Zeit immer etwas verschönt. Im Stift gab es einen kleinen Laden, in dem klostereigene Arzneimittel verkauft wurden. Mit ein paar Freunden war er vor etwa einem Jahr nachts da hineingeschlichen und hatte einiges von den Sachen dort probiert.
Das war richtig gut gewesen. Also war es nichts Einmaliges geblieben. Irgendwann hatte er gemerkt, dass er regelmäßigen Wiederholungsbedarf verspürte. Deshalb hatte er dann angefangen, auch einen gewissen Vorrat in seinem Zimmer zu verstecken. Aber da war er nun schon ziemlich lange nicht mehr herangekommen. Das machte sich jetzt natürlich intensiv bemerkbar. Essen oder Trinken war völlig egal, er fühlte nur den Hunger nach den Medikamenten.
Doch diese lästigen Gefühle hin oder her – was ihn im Moment wirklich fast wahnsinnig machte, war, dass er eine gewaltige Erinnerungslücke hatte.
Er wusste nicht mehr, wie er diesen Leuten überhaupt in die Hände gefallen war. Er war wie immer früh um sechs Uhr im Internat aufgewacht, hatte mit den anderen gefrühstückt, hatte Unterricht gehabt. Aber dann war alles dunkel – keinerlei Erinnerung daran, was nachmittags passiert war.
Er hörte auf zu gehen. Setzte sich an einen Baumstamm.
Er war verzweifelt.
Er wusste, er musste weg. Weg aus dem Dorf, so weit weg wie möglich. Denn sie würden nicht aufhören, ihn zu suchen. Und sie durften ihn nicht wieder erwischen!
Er hatte Angst vor dem, was sie ihm angetan hatten und wieder antun könnten. Oder noch schlimmer. Schließlich hatten sie heute sogar auf ihn geschossen. Er wusste ja, wie sie aussahen und was sie taten.
Solange er frei herumlief, war er ein Risiko für sie. Bevor er etwas verraten konnte, sollte er sterben. Wem aber sollte er schon etwas verraten?! Im Dorf gab es nicht einmal ein Polizeirevier. Wo also sollte er Hilfe finden?
Jemand anderem etwas erzählen? Wenn der, dem er es erzählte, auch dazugehörte, dann war gleich Endstation.
Endstation. Bei diesem Wort kam Levin ein Gedanke.
Die Eisenbahn!
Es gab einen Güterbahnhof am Rande des Dorfes. Die Gegend war früher reich an Erzen gewesen, die von hier mit dem Zug wegtransportiert worden waren. Jetzt fuhren die Züge seltener, aber sie fuhren.
Levin hatte mit Leila vor Jahren öfter auf dem Bahnhofsgelände gespielt. Es gab dort fast niemanden mehr, der aufpasste, und abgesperrt war das Gelände auch nicht.
Damit gab es also eine Möglichkeit, hier wegzukommen. Wohin? Egal! Erst einmal weg, in Sicherheit – außer Reichweite des Todes. Weg von der Gefahr!
All das sollte so weit wie möglich weg von ihm sein – das war sein einziger Wunsch.
Nur ein kleines Bündel voller Hass band ihn an diesen Ort. Doch Rachegedanken konnte er widerstehen. Abgesehen davon, dass er Angst vor diesen Menschen hatte, sah er auch keinen Sinn darin, jemanden zu töten, um seinen Hass loszuwerden. Überhaupt, töten – das konnte er sich kaum vorstellen. Sicher, Rache hin oder her, dann wäre er sie los, sie könnten ihm nichts mehr anhaben. Nur war es das wert?
Was würde dadurch mit ihm passieren? Dass es ihn verändern würde, das fürchtete er am meisten.
Würde etwas Schlimmes mit seiner Seele geschehen? Vorausgesetzt, es gab so etwas überhaupt. Aber furchtbar schlecht fühlen würde er sich auf jeden Fall deshalb, dessen war er sich sicher. Wäre mit dieser Tat nicht sein Leben genauso zerstört, als wenn diese Verbrecher es auslöschen würden? – Nein, das konnte es einfach nicht sein – nicht die Lösung seiner Probleme!
Er verdrängte die Gedanken daran.
Nur weg von hier, zum Bahnhof!
Im Moment war es natürlich nicht sonderlich leicht, dorthin zu gelangen. Der Mond schien zwar relativ hell, aber was nützte Licht von oben, wenn rundherum dicht an dicht hohe Bäume standen?!
Doch bis zum Morgen zu warten, war zu gefährlich, denn dann konnten auch seine Verfolger wieder Jagd auf ihn machen. Also nichts wie los!
Zwischen den Ästen durch die Finsternis tappend; immer einen Fuß vor den anderen. Es ging, wenn auch langsam, aber es ging.
Die genaue Richtung konnte er nur erahnen – das, was er rundum erkennen konnte, sah alles gleich aus. Doch da, wo es unter seinen Füßen abschüssig wurde, musste der Wald am schnellsten zu Ende sein.
Viele Minuten vergingen. Eine Stunde, vielleicht zwei – dann endlich spürte er grasigen Untergrund. Die Bäume lichteten sich etwas und auf einmal stand er tatsächlich im Freien.
Eine große Wiese. Der Mond tauchte die Halme in ein bleiches schimmerndes Weiß. Endlich freie Sicht!
Levin konnte das schlafende Dorf sehen. Es war nicht besonders weit.
Als finstere Klötze lagen die Häuser da, nur die kleine Kirche wurde von außen angestrahlt. Hinter dem Dorf die großen Felder, dann die Gleise direkt am Fluss. Bis dorthin musste er es schaffen.
Das Dorf war vollkommen ruhig, zu hören war nur der Schrei der Eulen vom Walde her.
Levin lief über die Wiese. Er beeilte sich sehr. Er hatte zwar keine Uhr, ihm war jedoch klar, dass die Nacht bereits viele Stunden alt war und wahrscheinlich sehr bald die Sonne aufgehen würde. Vielleicht erst in ein oder zwei Stunden, vielleicht aber auch innerhalb der nächsten zehn Minuten. Die Zeit saß ihm im Nacken. Das war das eine Problem. Das andere war, dass seine Häscher möglicherweise damit rechneten, dass er ins Dorf zurückkehrte und ihm dort eine Falle stellten.
Sicherlich wäre es für sie erfolgversprechender als wieder seiner Spur nachzujagen. Ob sie daran dachten?
Einen Moment überlegte er, den Ort lieber nicht zu betreten und außen herumzugehen. Aber der Umweg würde zu groß sein.
Als er die ersten Häuser erreicht hatte, schlich er von Ecke zu Ecke, immer wieder stehen bleibend und Ausschau haltend, ob nicht schon irgendwer auf ihn lauerte.
Und bereits nach kurzer Zeit schien sich seine Befürchtung zu bestätigen. Gerade war er in eine schmale Gasse eingebogen, da wich er gleich erschrocken zurück.
An einer Hauswand lehnte eine große Gestalt.
Vorsichtig spähte Levin um die Ecke.
Ja, dort war jemand. Eindeutig. Kein Gegenstand, kein bloßer Schatten – das war ein Mensch!
Levin machte abermals den Schritt zurück hinter die Ecke.
Verdammt – was jetzt?! Hier schien mit einem Mal Schluss, aber das durfte nicht sein!
Er schaute wieder. Der Fremde hatte sich nicht bewegt, blickte nicht in seine Richtung. Er hatte ihn also noch nicht bemerkt. Oder tat er nur so? Eine Falle?
In Levin kroch die Angst hoch. Vielleicht saß er schon mittendrin. Er suchte aufmerksam mit den Augen jedes Haus der Gasse ab, blickte auch zurück auf die Straße, aus der er gerade kam.
Nichts.
Aber es gab hier genug Möglichkeiten, jemanden versteckt zu beobachten. Fenster, dunkle Nischen zwischen einigen Häusern, Dächer, sowieso überall dort, wo das Mondlicht nicht hinfiel. Die Straßen waren schmal, die Häuser eng zusammengebaut.
Im Moment stand Levin noch an einer Straßenkreuzung, in der kleinen Gasse jedoch konnte man nur an einem Ende hinein und am anderen Ende wieder hinaus – Hofeingänge oder Lücken zwischen den Häusern gab es dort überhaupt nicht. Ein idealer Platz für eine Falle!
Selbst wenn Levin sich diesbezüglich irrte, sogar wenn diese Gestalt nicht zu denen gehörte, sie würde trotzdem mitbekommen, wo er hinging, hatte ihn gesehen. Und in einem Dorf wurde nun mal viel geredet, sodass denen diese Information auch zufallen konnte, selbst wenn sie nicht danach fragten.
Doch Levin war klar, dass solche Bedenken zu nichts führten. Er musste zum Güterbahnhof, und das so schnell wie möglich! Und falls das wirklich eine Falle war, dann war höchstwahrscheinlich ohnehin schon alles zu spät – dann hatte es auch keinen Sinn, einen zeitraubenden Umweg zu versuchen.
Er nahm allen Mut zusammen und trat um die Ecke. Einfach so vorbeizugehen, als mache er einen Spaziergang, schien ihm am unauffälligsten, wenngleich natürlich jeder, der sich nachts allein auf der einsamen Straße herumtrieb, anderen auffallen musste.
Levin versuchte, ruhig zu gehen und vor allem möglichst geräuschlos. Doch er erschrak bei jeder Berührung seiner Schuhe mit dem Kiesbett der Straße und blickte angstvoll zu der Gestalt hinüber. Bei jedem Schritt gab es ein gefährlich verräterisches Geräusch, das ihm das Herz bis zum Halse schlagen ließ.
Er ging am rechten Straßenrand, dicht an den Hauswänden. Die furchteinflößende Gestalt lehnte an der anderen Seite. Ein langer dunkler Mantel und ein schwarzer Hut.
Ein Gesicht konnte Levin noch nicht erkennen, aber gleich würde er so weit gekommen sein, dass er dem Unheimlichen direkt gegenüberstand. Jeder Schritt vorwärts ließ ihn stärker zittern. Sein Atem wurde immer schneller und sein Herz raste wie wild. Würde er gleich sterben?
Jede Sekunde war eine Ewigkeit, war absolute Qual. Kein Gedanke war mehr klar zu fassen. Panik.
Noch ein einziger Schritt und sein Blick traf genau die Augen des Gefürchteten.
Der Schrei des Entsetzens zerriss mit einem Schlag die nächtliche Stille.
Levin wankte zurück. Doch hinter ihm war die kalte Wand. Er zitterte und aus seinem Gesicht schien alles Leben gewichen zu sein. Was er sah, trieb ihm den Schock durch alle Glieder, ließ sein Herz beinahe stillstehen.
Die Augen und der Mund seines Gegenübers waren weit aufgerissen, es war wie ein stummer Schrei. In tiefdunklem Rot, fast schwarz, lief ihm das Blut von oben herab. In Höhe der Brust spiegelte es sich in der losen Klinge einer Sense, die tief in seinem Körper steckte.
Als wäre er im Augenblick seines Todes erstarrt, stand er nahezu aufrecht, gestützt durch die Wand im Rücken. Der letzte Atemzug war eingefroren in diesem Bild, in diesem Anblick des so ruhelosen Leichnams.
Der grausame Ausdruck seiner Augen forderte Levins Blick, fesselte ihn, zwang ihn dazu, in sie hineinzuschauen. Er konnte sich kein Stück mehr regen und eine unsichtbare Kraft schien ihm die Luft im Halse abzuschnüren. Er war vollkommen im Bann des unheimlichen Toten.
Da plötzlich flammten Lichter auf. Rundherum. Hinter den Fenstern der Häuser wurde es hell. Levins Augen zuckten erschrocken von einem Licht zum nächsten.
Wie ein Blitz schoss das vielfache Leuchten den einen nur möglichen Gedanken in seinen Kopf:
Weg hier!
Er riss seinen noch immer zitternden, halb erstarrten Körper von der Wand los und rannte.

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Leseprobe: Warum ein Maulwurf keinen Schmetterling fangen kann

4. November 2011

Warum ein Maulwurf keinen Schmetterling fangen kann

Bin ich überhaupt depressiv? Oder passe ich mich nur der Mode an?
Eine Auswahl an Ratschlägen. Einige hörte ich dann nicht mehr, weil mich meine Ohren durch Pfeifgeräusche und andere Töne vor den selbst ernannten Therapeuten gerettet haben.
Ich verstehe dich. Bei mir war das auch so. Morgen sieht die Welt viel besser aus!
Ich weiß, wie du dich fühlst! (Wie denn? Ich fühle mich nicht.)
Geh an die frische Luft! Mach mehr Sport, das hat schon immer geholfen! Lass die Sonne in dein Herz! (Rollo’s sind nur zu. Meine Beine sind schwer und tun mir weh. Ich kann meine Arme kaum noch heben. Geschweige denn, einen Stift in der Hand halten.)
Jemand, der es von jemand anderem weiß und der jemanden kennt, der sich auskennt, meint, dass es keine Depression gibt. Das ist wie Burn-out nur eine Modeerscheinung!
Diagnosen aus dem Notfallkoffer der Amateur-Psychologen und „Gut-gemeint-Helfer“: Du lächelst ja schon wieder! Siehst du, war alles halb so schlimm!

4. November 2011

Ich lächle und bin nach Wunsch die Alte. Ich stemme meinen Alltag und ich zähle die Tage und … die Tabletten, die ich habe. Wie viele brauche ich, um nicht mehr aufzuwachen? Mit oder ohne Alkohol? Und wenn es schiefgeht und du danach noch lebst und zum Pflegefall wirst? Wer wird dich finden? Ob man mich obduziert? Ich will nicht aufgeschnitten werden. Abschiedsbrief oder irgendwelche Erklärungen? Nein, wozu denn! Oder doch lieber das Auto? Sieht aus wie ein Unfall und niemand denkt sich was dabei. Ich lächle und jeder denkt: Na, Gott sei Dank. Mit ihr geht es aufwärts! Fast jeder denkt es. Nur nicht mein Therapeut. Warum das Lächeln, wenn sich doch an der Situation nichts geändert hat? Er schätzt die Situation richtig ein. Und ich verspreche ihm, mir nichts anzutun, solange ich bei ihm in der Therapie bin.

7. November 2011

Ein faules Ei verdirbt den ganzen Kuchen. Ein negativer Gedanke … den ganzen Menschen.
Kreisende Gedanken machen schwindelig.