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Leseprobe: Projekt Melancholia

Projekt Melancholia

Die Nacht war kalt. Es wehte kaum Wind und es war sehr ruhig im Dickicht des Waldes. Nur ab und zu hallten die Schreie der Eulen zwischen den Stämmen wider. Dort bewegte sich etwas. Nicht sonderlich schnell und oftmals ausruhend. Ein verwundetes Tier?
Aber es ging nicht auf allen vieren – obwohl stark vornüber geneigt, hielt es sich relativ aufrecht. Es schleppte sich buchstäblich von einem Baum zum nächsten. In den vom Gewitter noch regennassen Nadelboden drückten sich seine Spuren ein.
Niemand, wenn es denn jemand gesehen hätte, hätte wohl in der Dunkelheit erkannt, was es war oder es auch nur geahnt: ein Kind.
Doch weder Leila noch ein anderes Mädchen. Es war ein kleiner Junge, der sich dahinschleichend mühevoll Schritt für Schritt seinen Weg durch das Geäst bahnte. Und dieser kleine Junge hieß Levin. Leilas bester Freund war er.
Er irrte hier umher. Und er war verwundet. An seinem Kopf klebte Blut. Es färbte einzelne Strähnen seines blonden Haares rot.
Aber keine Verletzung war es, die ihm das Vorwärtskommen erschwerte. Etwas in ihm drin hinderte ihn. Ein Gefühl, welches ihn unsicher machte über das, was er tat und sogar darüber, ob er es überhaupt tat. Jeder Schritt kam ihm unwirklich vor.
Auch wusste er kein Ziel. All seine Gedanken waren verschwommen und unklar, dabei hätte er gerade jetzt Klarheit haben müssen.
Er war seinen Verfolgern fürs Erste entkommen.
Im Dunkel der Nacht hatten sie seine Spur verloren. Seine Flucht war geglückt! Sie hatten einen Moment lang nicht aufgepasst, waren kurz unvorsichtig gewesen und diese Schwäche hatte er ausgenutzt.
Man hatte ihn aus dem dunklen Keller herausgeholt, in dem er schon lange festgehalten worden war – viele Stunden, vielleicht Tage – da kein Sonnenlicht dort unten hin drang, wusste er das nicht genau.
Oben war dann alles ganz schnell gegangen. Sie hatten gar nicht daran gedacht, ihn zu fesseln, hatten angefangen zu reden und ihn kurz aus den Augen gelassen. Die Tür war auch nicht abgeschlossen gewesen wie sonst, wahrscheinlich, weil doch gerade jemand gekommen war, der ihn sehen wollte.
Seine Entführer fast über den Haufen rennend, war er aus dem Haus ins Freie gestürmt. Den nicht übermäßig hohen Holzzaun, der das Grundstück begrenzte, hatte er allemal geschafft – bevor ihn die Hunde zu fassen bekommen konnten. Dann über die Wiesen in den Wald.
Sie hatten ihm nachgesetzt. Zweimal hatten sie ihn entdeckt und geschossen, ihn jedoch verfehlt, später noch einmal – aber nicht auf ihn. Sie mussten wohl ein anderes, ein falsches Ziel gehabt und ihn dadurch verloren haben.
Nun war er hier. Wo auch immer das war. Er konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Es war völlig egal, ob er vorwärts, rückwärts, rechts oder links ging. Nur Glück konnte ihm helfen, hier wieder hinauszufinden. Und damit war er in letzter Zeit nicht gerade verwöhnt worden. Und selbst wenn er aus dem Wald hinauskam, was dann?
Langsam begannen sich seine umherkreisenden Gedanken zu ordnen. Er fühlte wieder etwas mehr Boden unter den Füßen.
Er war entkommen. Frei. Endlich frei!
Doch wohin jetzt? Wo war es sicher? Wo gab es jemanden, dem er trauen konnte?
Gerade diese Frage war nicht ganz unwichtig. Einige von denen waren Leute aus dem Dorf gewesen, die er vorher schon gekannt oder zumindest schon einmal gesehen hatte, und andere, völlig fremde – es war nicht abzuschätzen, wer noch zu ihnen gehörte. Vielleicht niemand, vielleicht aber auch sehr viele.
Es war ihm gelungen, freizukommen. Wenn er sich jedoch einfach so wieder im Internat oder im Dorf sehen ließ, konnte er ihnen gleich noch einmal ins Netz gehen.
Was wollten die eigentlich von ihm? Er wusste es nicht. Sie hatten ihn immer wieder gezwungen, irgendwelche kleinen Pillen zu schlucken. Davon war er dann sehr müde geworden, hatte nicht mehr so viel mitbekommen, selbst wenn er wach gewesen war. Schien über das, was er gedacht und getan hatte, keine rechte Kontrolle mehr gehabt zu haben. Oft hatte er alles wie im Traum erlebt.
Aber er wusste nur zu gut, dass es auch noch an etwas anderem lag. Ein Teil dieser Gefühle war ihm schon seit langer Zeit vertraut. Und dafür war er selbst verantwortlich.
Im Internat hatte er sich die Zeit immer etwas verschönt. Im Stift gab es einen kleinen Laden, in dem klostereigene Arzneimittel verkauft wurden. Mit ein paar Freunden war er vor etwa einem Jahr nachts da hineingeschlichen und hatte einiges von den Sachen dort probiert.
Das war richtig gut gewesen. Also war es nichts Einmaliges geblieben. Irgendwann hatte er gemerkt, dass er regelmäßigen Wiederholungsbedarf verspürte. Deshalb hatte er dann angefangen, auch einen gewissen Vorrat in seinem Zimmer zu verstecken. Aber da war er nun schon ziemlich lange nicht mehr herangekommen. Das machte sich jetzt natürlich intensiv bemerkbar. Essen oder Trinken war völlig egal, er fühlte nur den Hunger nach den Medikamenten.
Doch diese lästigen Gefühle hin oder her – was ihn im Moment wirklich fast wahnsinnig machte, war, dass er eine gewaltige Erinnerungslücke hatte.
Er wusste nicht mehr, wie er diesen Leuten überhaupt in die Hände gefallen war. Er war wie immer früh um sechs Uhr im Internat aufgewacht, hatte mit den anderen gefrühstückt, hatte Unterricht gehabt. Aber dann war alles dunkel – keinerlei Erinnerung daran, was nachmittags passiert war.
Er hörte auf zu gehen. Setzte sich an einen Baumstamm.
Er war verzweifelt.
Er wusste, er musste weg. Weg aus dem Dorf, so weit weg wie möglich. Denn sie würden nicht aufhören, ihn zu suchen. Und sie durften ihn nicht wieder erwischen!
Er hatte Angst vor dem, was sie ihm angetan hatten und wieder antun könnten. Oder noch schlimmer. Schließlich hatten sie heute sogar auf ihn geschossen. Er wusste ja, wie sie aussahen und was sie taten.
Solange er frei herumlief, war er ein Risiko für sie. Bevor er etwas verraten konnte, sollte er sterben. Wem aber sollte er schon etwas verraten?! Im Dorf gab es nicht einmal ein Polizeirevier. Wo also sollte er Hilfe finden?
Jemand anderem etwas erzählen? Wenn der, dem er es erzählte, auch dazugehörte, dann war gleich Endstation.
Endstation. Bei diesem Wort kam Levin ein Gedanke.
Die Eisenbahn!
Es gab einen Güterbahnhof am Rande des Dorfes. Die Gegend war früher reich an Erzen gewesen, die von hier mit dem Zug wegtransportiert worden waren. Jetzt fuhren die Züge seltener, aber sie fuhren.
Levin hatte mit Leila vor Jahren öfter auf dem Bahnhofsgelände gespielt. Es gab dort fast niemanden mehr, der aufpasste, und abgesperrt war das Gelände auch nicht.
Damit gab es also eine Möglichkeit, hier wegzukommen. Wohin? Egal! Erst einmal weg, in Sicherheit – außer Reichweite des Todes. Weg von der Gefahr!
All das sollte so weit wie möglich weg von ihm sein – das war sein einziger Wunsch.
Nur ein kleines Bündel voller Hass band ihn an diesen Ort. Doch Rachegedanken konnte er widerstehen. Abgesehen davon, dass er Angst vor diesen Menschen hatte, sah er auch keinen Sinn darin, jemanden zu töten, um seinen Hass loszuwerden. Überhaupt, töten – das konnte er sich kaum vorstellen. Sicher, Rache hin oder her, dann wäre er sie los, sie könnten ihm nichts mehr anhaben. Nur war es das wert?
Was würde dadurch mit ihm passieren? Dass es ihn verändern würde, das fürchtete er am meisten.
Würde etwas Schlimmes mit seiner Seele geschehen? Vorausgesetzt, es gab so etwas überhaupt. Aber furchtbar schlecht fühlen würde er sich auf jeden Fall deshalb, dessen war er sich sicher. Wäre mit dieser Tat nicht sein Leben genauso zerstört, als wenn diese Verbrecher es auslöschen würden? – Nein, das konnte es einfach nicht sein – nicht die Lösung seiner Probleme!
Er verdrängte die Gedanken daran.
Nur weg von hier, zum Bahnhof!
Im Moment war es natürlich nicht sonderlich leicht, dorthin zu gelangen. Der Mond schien zwar relativ hell, aber was nützte Licht von oben, wenn rundherum dicht an dicht hohe Bäume standen?!
Doch bis zum Morgen zu warten, war zu gefährlich, denn dann konnten auch seine Verfolger wieder Jagd auf ihn machen. Also nichts wie los!
Zwischen den Ästen durch die Finsternis tappend; immer einen Fuß vor den anderen. Es ging, wenn auch langsam, aber es ging.
Die genaue Richtung konnte er nur erahnen – das, was er rundum erkennen konnte, sah alles gleich aus. Doch da, wo es unter seinen Füßen abschüssig wurde, musste der Wald am schnellsten zu Ende sein.
Viele Minuten vergingen. Eine Stunde, vielleicht zwei – dann endlich spürte er grasigen Untergrund. Die Bäume lichteten sich etwas und auf einmal stand er tatsächlich im Freien.
Eine große Wiese. Der Mond tauchte die Halme in ein bleiches schimmerndes Weiß. Endlich freie Sicht!
Levin konnte das schlafende Dorf sehen. Es war nicht besonders weit.
Als finstere Klötze lagen die Häuser da, nur die kleine Kirche wurde von außen angestrahlt. Hinter dem Dorf die großen Felder, dann die Gleise direkt am Fluss. Bis dorthin musste er es schaffen.
Das Dorf war vollkommen ruhig, zu hören war nur der Schrei der Eulen vom Walde her.
Levin lief über die Wiese. Er beeilte sich sehr. Er hatte zwar keine Uhr, ihm war jedoch klar, dass die Nacht bereits viele Stunden alt war und wahrscheinlich sehr bald die Sonne aufgehen würde. Vielleicht erst in ein oder zwei Stunden, vielleicht aber auch innerhalb der nächsten zehn Minuten. Die Zeit saß ihm im Nacken. Das war das eine Problem. Das andere war, dass seine Häscher möglicherweise damit rechneten, dass er ins Dorf zurückkehrte und ihm dort eine Falle stellten.
Sicherlich wäre es für sie erfolgversprechender als wieder seiner Spur nachzujagen. Ob sie daran dachten?
Einen Moment überlegte er, den Ort lieber nicht zu betreten und außen herumzugehen. Aber der Umweg würde zu groß sein.
Als er die ersten Häuser erreicht hatte, schlich er von Ecke zu Ecke, immer wieder stehen bleibend und Ausschau haltend, ob nicht schon irgendwer auf ihn lauerte.
Und bereits nach kurzer Zeit schien sich seine Befürchtung zu bestätigen. Gerade war er in eine schmale Gasse eingebogen, da wich er gleich erschrocken zurück.
An einer Hauswand lehnte eine große Gestalt.
Vorsichtig spähte Levin um die Ecke.
Ja, dort war jemand. Eindeutig. Kein Gegenstand, kein bloßer Schatten – das war ein Mensch!
Levin machte abermals den Schritt zurück hinter die Ecke.
Verdammt – was jetzt?! Hier schien mit einem Mal Schluss, aber das durfte nicht sein!
Er schaute wieder. Der Fremde hatte sich nicht bewegt, blickte nicht in seine Richtung. Er hatte ihn also noch nicht bemerkt. Oder tat er nur so? Eine Falle?
In Levin kroch die Angst hoch. Vielleicht saß er schon mittendrin. Er suchte aufmerksam mit den Augen jedes Haus der Gasse ab, blickte auch zurück auf die Straße, aus der er gerade kam.
Nichts.
Aber es gab hier genug Möglichkeiten, jemanden versteckt zu beobachten. Fenster, dunkle Nischen zwischen einigen Häusern, Dächer, sowieso überall dort, wo das Mondlicht nicht hinfiel. Die Straßen waren schmal, die Häuser eng zusammengebaut.
Im Moment stand Levin noch an einer Straßenkreuzung, in der kleinen Gasse jedoch konnte man nur an einem Ende hinein und am anderen Ende wieder hinaus – Hofeingänge oder Lücken zwischen den Häusern gab es dort überhaupt nicht. Ein idealer Platz für eine Falle!
Selbst wenn Levin sich diesbezüglich irrte, sogar wenn diese Gestalt nicht zu denen gehörte, sie würde trotzdem mitbekommen, wo er hinging, hatte ihn gesehen. Und in einem Dorf wurde nun mal viel geredet, sodass denen diese Information auch zufallen konnte, selbst wenn sie nicht danach fragten.
Doch Levin war klar, dass solche Bedenken zu nichts führten. Er musste zum Güterbahnhof, und das so schnell wie möglich! Und falls das wirklich eine Falle war, dann war höchstwahrscheinlich ohnehin schon alles zu spät – dann hatte es auch keinen Sinn, einen zeitraubenden Umweg zu versuchen.
Er nahm allen Mut zusammen und trat um die Ecke. Einfach so vorbeizugehen, als mache er einen Spaziergang, schien ihm am unauffälligsten, wenngleich natürlich jeder, der sich nachts allein auf der einsamen Straße herumtrieb, anderen auffallen musste.
Levin versuchte, ruhig zu gehen und vor allem möglichst geräuschlos. Doch er erschrak bei jeder Berührung seiner Schuhe mit dem Kiesbett der Straße und blickte angstvoll zu der Gestalt hinüber. Bei jedem Schritt gab es ein gefährlich verräterisches Geräusch, das ihm das Herz bis zum Halse schlagen ließ.
Er ging am rechten Straßenrand, dicht an den Hauswänden. Die furchteinflößende Gestalt lehnte an der anderen Seite. Ein langer dunkler Mantel und ein schwarzer Hut.
Ein Gesicht konnte Levin noch nicht erkennen, aber gleich würde er so weit gekommen sein, dass er dem Unheimlichen direkt gegenüberstand. Jeder Schritt vorwärts ließ ihn stärker zittern. Sein Atem wurde immer schneller und sein Herz raste wie wild. Würde er gleich sterben?
Jede Sekunde war eine Ewigkeit, war absolute Qual. Kein Gedanke war mehr klar zu fassen. Panik.
Noch ein einziger Schritt und sein Blick traf genau die Augen des Gefürchteten.
Der Schrei des Entsetzens zerriss mit einem Schlag die nächtliche Stille.
Levin wankte zurück. Doch hinter ihm war die kalte Wand. Er zitterte und aus seinem Gesicht schien alles Leben gewichen zu sein. Was er sah, trieb ihm den Schock durch alle Glieder, ließ sein Herz beinahe stillstehen.
Die Augen und der Mund seines Gegenübers waren weit aufgerissen, es war wie ein stummer Schrei. In tiefdunklem Rot, fast schwarz, lief ihm das Blut von oben herab. In Höhe der Brust spiegelte es sich in der losen Klinge einer Sense, die tief in seinem Körper steckte.
Als wäre er im Augenblick seines Todes erstarrt, stand er nahezu aufrecht, gestützt durch die Wand im Rücken. Der letzte Atemzug war eingefroren in diesem Bild, in diesem Anblick des so ruhelosen Leichnams.
Der grausame Ausdruck seiner Augen forderte Levins Blick, fesselte ihn, zwang ihn dazu, in sie hineinzuschauen. Er konnte sich kein Stück mehr regen und eine unsichtbare Kraft schien ihm die Luft im Halse abzuschnüren. Er war vollkommen im Bann des unheimlichen Toten.
Da plötzlich flammten Lichter auf. Rundherum. Hinter den Fenstern der Häuser wurde es hell. Levins Augen zuckten erschrocken von einem Licht zum nächsten.
Wie ein Blitz schoss das vielfache Leuchten den einen nur möglichen Gedanken in seinen Kopf:
Weg hier!
Er riss seinen noch immer zitternden, halb erstarrten Körper von der Wand los und rannte.

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Leseprobe: Warum ein Maulwurf keinen Schmetterling fangen kann

4. November 2011

Warum ein Maulwurf keinen Schmetterling fangen kann

Bin ich überhaupt depressiv? Oder passe ich mich nur der Mode an?
Eine Auswahl an Ratschlägen. Einige hörte ich dann nicht mehr, weil mich meine Ohren durch Pfeifgeräusche und andere Töne vor den selbst ernannten Therapeuten gerettet haben.
Ich verstehe dich. Bei mir war das auch so. Morgen sieht die Welt viel besser aus!
Ich weiß, wie du dich fühlst! (Wie denn? Ich fühle mich nicht.)
Geh an die frische Luft! Mach mehr Sport, das hat schon immer geholfen! Lass die Sonne in dein Herz! (Rollo’s sind nur zu. Meine Beine sind schwer und tun mir weh. Ich kann meine Arme kaum noch heben. Geschweige denn, einen Stift in der Hand halten.)
Jemand, der es von jemand anderem weiß und der jemanden kennt, der sich auskennt, meint, dass es keine Depression gibt. Das ist wie Burn-out nur eine Modeerscheinung!
Diagnosen aus dem Notfallkoffer der Amateur-Psychologen und „Gut-gemeint-Helfer“: Du lächelst ja schon wieder! Siehst du, war alles halb so schlimm!

4. November 2011

Ich lächle und bin nach Wunsch die Alte. Ich stemme meinen Alltag und ich zähle die Tage und … die Tabletten, die ich habe. Wie viele brauche ich, um nicht mehr aufzuwachen? Mit oder ohne Alkohol? Und wenn es schiefgeht und du danach noch lebst und zum Pflegefall wirst? Wer wird dich finden? Ob man mich obduziert? Ich will nicht aufgeschnitten werden. Abschiedsbrief oder irgendwelche Erklärungen? Nein, wozu denn! Oder doch lieber das Auto? Sieht aus wie ein Unfall und niemand denkt sich was dabei. Ich lächle und jeder denkt: Na, Gott sei Dank. Mit ihr geht es aufwärts! Fast jeder denkt es. Nur nicht mein Therapeut. Warum das Lächeln, wenn sich doch an der Situation nichts geändert hat? Er schätzt die Situation richtig ein. Und ich verspreche ihm, mir nichts anzutun, solange ich bei ihm in der Therapie bin.

7. November 2011

Ein faules Ei verdirbt den ganzen Kuchen. Ein negativer Gedanke … den ganzen Menschen.
Kreisende Gedanken machen schwindelig.

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Leseprobe: Sternschnuppenbraut

Sternschnuppenbraut

„Hanna, komm, wir müssen los. Ich muss um halb neun im Mississippi sein, sonst kann ich an der Talentshow nicht mehr teilnehmen. Also beeil dich gefälligst mal ein bisschen, sonst verpass ich diese Chance!“ Ich war ziemlich aufgeregt, denn heute war mein großer Tag. Ich hatte wochenlang im Play-back die Songs „Irresistible“ und „Stimmen im Wind“ eingeübt, konnte jeden Ton, jedes Wort aus dem Effeff. Fest entschlossen, doch noch eine Karriere als Sängerin und Schauspielerin auf die Beine stellen zu können, hatte ich nicht lockergelassen, bis sogar Hanna so von mir begeistert war, dass sie mir Erfolg prophezeite. Und jetzt bummelte sie herum und brachte meine Teilnahme damit in Gefahr. Das ging gar nicht! Zehn Minuten später waren wir auf dem Weg. „Warum hast du eigentlich nicht schon früher in diese Richtung etwas gemacht?“, fragte mich Hanna, die wohl so etwas wie Bewunderung für mich und meinen festen Willen empfand. „Weil ich Lehrerstochter bin“, lautete meine lakonische Antwort. „Was hat das denn mit deiner Singerei zu tun?“, wollte Hanna von mir wissen. Ich erklärte ihr, dass ich keine Chance hatte, etwas in der Richtung machen zu können, weil ich immer und ewig zu Hause nur zu hören bekam, dass man ja einen anständigen Beruf erlernen musste, weil ein Künstler nur von der Hand in den Mund lebte. Und mir sollte es mal besser gehen, aus mir sollte etwas Anständiges werden. Als ob Sänger und Schauspieler nichts Anständiges waren. Pah! Ablehnung stieg in mir auf. Wer legte denn überhaupt fest, was anständig ist und was nicht? Mit dieser Aussage wurden damals meine Träume mit einem Wisch zunichtegemacht, einfach so unter den Tisch gekehrt. Aus war der Traum von Schauspielschule und großer Bühne. Stattdessen wurde das Verhältnis zu Hause immer schlechter und ich flüchtete mich in eine Ausbildung, brach die Schule nach der Mittleren Reife ab, nur um ja schnell aus dem Elternhaus rauszukommen. Mit Erreichen der Volljährigkeit setzte ich das sofort in die Tat um, indem ich meine Klamotten zusammenpackte und zu Hanna zog. Hanna war diejenige, die mir nach einiger Zeit dann vorschlug, doch an Talentwettbewerben teilzunehmen, da sie mich immer und überall nur singen hörte und meine Stimme ganz schön fand. Zuerst wehrte ich ab, tat alles als eine verrückte Idee ab. Mit der Zeit aber gefiel mir der Gedanke und ich begann, zwei Lieder mit Play-back einzuüben. Eines davon wollte ich heute Abend zum Besten geben und damit gewinnen. Irgendwie musste es doch noch einen Weg geben, meinen Traum in Erfüllung gehen zu lassen. Besser später als nie, dachte ich mir insgeheim. Im „Mississippi“ angekommen suchte ich nach dem Veranstalter des Talentwettbewerbs. Im hinteren Teil der Disco wurde ich dann fündig. Eine Schlange von zehn oder elf jungen Mädchen und Jungs stand bereits dort mit der gleichen Absicht, die auch ich hegte. Geduldig stellte ich mich ans Ende der Schlange an und wartete, bis ich am Tisch des Veranstalters stand, nur um zu erfahren, dass ich noch einen Fragebogen ausfüllen musste. Na super, das hätte man auch mal gleich vorher sagen können! Ich nahm den Fragebogen entgegen, bat die Bedienung, mir einen Kugelschreiber zu leihen und füllte den Bogen gewissenhaft aus. Als alles erledigt und dem Veranstalter übergeben war, bekam ich meine Startnummer. Es war die Sieben. Sieben von zwölf Teilnehmern. Das ging ja noch, also musste ich wenigstens nicht bis zum Ende warten, bis ich an der Reihe war. Der Wettbewerb würde um zehn starten, es blieb mir also noch eine gute Stunde Zeit. Der Laden füllte sich langsam aber stetig. Gut so. Je mehr Leute da waren, umso mehr würden meinen Namen behalten. Der „Hauptgewinn“ des heutigen Abends waren zehn LPs und ein Auftritt in einer Show im Vergnügungspark, den ich um jeden Preis gewinnen wollte. Ich brachte der Bedienung ihren Stift zurück und bestellte einen Wodka-Lemon. Einen konnte ich mir erlauben, außerdem lockerte er meine Zunge ein wenig. Langsam kroch die Nervosität in mir hoch. Lampenfieber. Na toll, und das schon jetzt! Wie sollte es erst sein, wenn ich auf der Bühne stand? Nervös trank ich zwei große Schlucke Wodka-Lemon und versuchte, der Nervosität Herr zu werden, was mir allerdings mehr schlecht als recht gelang. Hanna kam angetänzelt, nahm mich bei der Hand und zerrte mich auf die Tanzfläche. „Tainted Love“ dröhnte aus den Lautsprechern. Dieser Song gefiel mir, vielleicht konnte ich ihn auch irgendwann einmal singen. Wir blieben eine gute halbe Stunde auf der Tanzfläche, was meiner Nervosität ganz guttat. Dann machte ich mich auf den Weg zu den anderen Teilnehmern, die nicht minder aufgeregt am Ende der Disco alle in einer Ecke versammelt standen. Punkt zehn ging die Show dann los. Nummer eins und zwei bekamen Buhrufe des Publikums, wie ich fand zu Recht, denn sie lagen mit fast jedem dritten Ton daneben. Die Nummern drei, vier und fünf waren ganz passabel und die sechste war richtig gut. So ein Mist. Ausgerechnet hinter einer guten Nummer war ich an der Reihe. Jetzt musste ich noch besser sein. Ich hörte, wie mein Name aufgerufen wurde und stand plötzlich im Scheinwerferlicht auf der Bühne. Mein Herz klopfte bis zum Hals, die Hände waren voller Schweiß und ich hatte Angst, den Einsatz zu verpassen oder gar keinen Ton mehr herauszubekommen. Aber dann lief auf einmal alles wie von selbst. Das viele Proben machte sich bezahlt. Ich hatte nicht einen Texthänger, die Töne kamen alle so, wie sie sein sollten, nicht einer lag daneben und ich schaffte es sogar noch, so etwas wie eine kleine Choreografie auf die Beine zu stellen, dem Inhalt des Songs mehr oder minder gerecht werdend. Als der letzte Ton verklungen war, ging ein brausender Applaus los und ich freute mich wie ein kleines Kind über den gelungenen Auftritt. Überglücklich verbeugte ich mich leicht in alle Richtungen und lächelte dem Publikum dankbar zu. Erst als ich wieder am Tisch saß, schaffte Hanna es, zu mir durchzukommen und war total begeistert. „Ich hab dir ja gesagt, dass du die Beste bist“, grinste sie mich an und strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Von der Anspannung, die nun von mir abgefallen war, etwas müde lächelte ich sie an. Sie war schon eine kleine Perle, schaffte es immer wieder, mich aufzubauen. Die noch folgenden fünf Auftritte waren alle eher mittelmäßig und mein Gefühl sagte mir, dass meine Karten ganz gut waren, zumindest unter den ersten dreien zu landen. Bei diesem Wettbewerb entschied das Publikum. Es hatte eine Stunde Zeit, die Stimmkarten in die dafür vorgesehene Box am Eingang einzuwerfen. Die Verkündung des Gewinners war für ein Uhr nachts festgesetzt. Jetzt hieß es warten und hoffen. Hoffen, dass der Weg zur Verwirklichung meines Traums beginnen würde.
Tatjana kam aus der Umkleide in den Barraum und sah mich mit fragendem Blick an. Es war genau eine Woche her, dass Josch mit mir hier an der Theke den Champagner getrunken und alle nach Hause geschickt hatte. Niemand hatte seither ein Wort darüber verloren, die Blicke jedoch sprachen Bände. „Süße, Josch hat nach dir gefragt. Du sollst bitte in den Hof kommen.“ Was soll das nun wieder? „Was will er denn?“, fragte ich ziemlich genervt. Tatjana zuckte nur mit den Schultern. Missmutig stand ich auf und machte mich auf den Weg in den Hof. Ich kam mir vor wie auf dem Gang zum Schafott, jedes Augenpaar der anwesenden Mädchen bohrte sich in meinen Rücken. Wie ich das alles hasste. Wenn Josch nicht eine gute Begründung für all das hier hatte, konnte er sich warm anziehen. Ich öffnete die Tür zum Hof und sah Josch mit dem Rücken zu mir am Pool sitzen. Als er mich hörte, drehte er sich um und sah mich mit ernster Miene an. Ein mulmiges Gefühl im Magen war die Folge. „Setz dich“, sagte er noch immer mit ernstem Blick. Langsam glitt ich auf den Stuhl ihm gegenüber und wartete auf das, was er mir sagen wollte. Ich hatte absolut keine Ahnung, was kommen konnte, denn ich hatte mit niemandem über uns gesprochen, so konnte es also Lizzy auch nicht wissen. Nach einer kurzen Pause des Schweigens sah er mir in die Augen. „Du hast den Tripper und hast ihn mir in unserer gemeinsamen Nacht vermacht. Ich musste Lizzy davon erzählen, weil auch sie jetzt Antibiotikum nehmen muss. Der Arzt hat mir für dich das Medikament gegeben. Du sollst es zehn Tage lang nach Vorschrift einnehmen.“ Mir wurde kalt und heiß zugleich. Der Doc war Anfang der Woche wie jeden Monat zur Untersuchung im Klub gewesen, hatte uns Mädchen wie immer alle auf dem „Stuhl“ gehabt, die notwendigen Abstriche genommen. Eigentlich eine Routineangelegenheit für uns, ich hatte mir nichts weiter dabei gedacht. Und jetzt das. Wie naiv war ich doch gewesen. Der Typ mit den hundertfünfzig Mark extra hatte mir noch ein weiteres Andenken hinterlassen. „Dir ist klar, dass du unter diesen Umständen nicht weiter hier arbeiten kannst. Das war Lizzys Bedingung, damit sie mir den Seitensprung mit dir verzeiht.“ Ich nickte langsam und spürte zugleich, wie eine unerträgliche Kälte in mir aufstieg. Na, da hatte ich meine Geldgier ja teuer bezahlt. Scheiße. Jetzt war ich tatsächlich von Josch auf die Straße gesetzt worden. Ich, die von ihm verführt wurde, musste jetzt dafür büßen. Wieso nur hatte ich nicht einfach die Türe zugelassen, als er betrunken davorstand? Was hätte schon Schlimmes passieren können? Bestenfalls hätte er am nächsten Tag nicht einmal mehr gewusst, dass ich ihn abgewiesen hatte. Ich war eine Idiotin. Ohne ein Wort zu sagen, drehte ich mich um und ging in die Umkleidekabine, zog meine Straßenklamotten an, packte alles, was im Spind war, zusammen und verließ ohne ein weiteres Wort durch die Hintertür den Laden. Was für ein Abgang. Wie gut, dass mir niemand mehr begegnete, ich nicht auch noch alles erklären musste. Sollte doch Josch zusehen, wie er den anderen mein plötzliches Verschwinden verkaufte. Draußen auf der Straße blieb ich stehen und drehte mich um. Da war er nun, der Klub, in dem ich mehr als ein halbes Jahr lang mein eigenes Geld verdient hatte. Der Klub, in dem die Mädchen saßen, die in dieser Zeit so etwas wie Familie geworden waren. Eine Träne lief mir langsam über die Wangen. Ich fühlte mich leer. Leer und verlassen.
In zehn Minuten würde das Ergebnis da sein, dann hatte ich Gewissheit, ob ich unter den ersten drei besten gelandet war. Innerlich war ich total aufgeregt, versuchte aber, mir nichts anmerken zu lassen. Inzwischen war ich vom vielen Tanzen schon müde geworden und spürte den Alkohol, den ich getrunken hatte, auch wenn es nicht viel gewesen war. Ich wollte um jeden Preis gewinnen, was die Anspannung in mir nicht gerade linderte. Hanna saß auch schon angetrunken in einer Ecke und war kurz davor, einzuschlafen. Es war immer dasselbe mit ihr, erst drehte sie total auf, trank jede Menge und dann, von einem Augenblick auf den anderen, sackte sie in sich zusammen. Ich ging zu ihr und versuchte, sie wach zu halten. „Hey, mach die Augen auf, gleich wirst du meinen Sieg miterleben“, schrie ich ihr ins Ohr. Langsam öffnete sie leicht die Augen, verdrehte sie, nur um sie kurz darauf gleich wieder zu schließen. Na super, hier war wohl nichts mehr zu machen. Ich fragte mich, wie ich sie später zum Auto und nach Hause bekommen würde. Sicher kein einfaches Unterfangen. Der Veranstalter der Talentshow erschien auf der Bühne und die Musik verstummte. „Meine Damen und Herren, Sie haben gewählt, Sie haben entschieden. Der beste Akt des heutigen Abends steht fest. Der Gewinner ist heute Abend eine Frau.“ Mein Herz begann laut zu pochen, schlug mir bis zum Hals und es musste sicher jeder hören können. Teilgenommen hatten am Wettbewerb fünf Frauen und sieben Männer, was meine Chance auf den Sieg augenblicklich erhöhte. Die Aufregung wurde immer stärker und mein Bauch fing an zu rebellieren. „Die Gewinnerin des heutigen Abends und somit eine der Teilnehmerinnen des Auftritts in unserer Talentshow im Vergnügungspark ist …“ Er machte eine unerträglich lange Pause, und ich hielt die Luft an. Das Publikum begann zu pfeifen, weil es endlich wissen wollte, wer denn nun die Gewinnerin war, die ihr Lied noch einmal singen würde. „Mila mit Irrisistible!“. Mein Herz rutschte in die Hose und ich schrie vor Freude auf. Ich hatte es tatsächlich geschafft, ich hatte gewonnen! Und das trotz der guten Darbietung vor mir. So schnell meine Füße mich trugen, lief ich die Stufen runter zur Tanzfläche, nahm das Mikro in Empfang, einen Kuss dazu und schon begann das Lied Play-back zu laufen. Erleichtert über meinen Sieg und die neuen Chancen, die ich nun hatte, sang ich entspannt noch einmal den Song, der mir heute Abend Glück und mich in der Gunst des Publikums an die Spitze gebracht hatte. Offensichtlich mochten sie mich, sonst würde ich hier nicht noch einmal stehen. Als ich geendet hatte, ertönte kräftiger Applaus und ich fühlte mich überglücklich. Ich war dabei, meinen Traum zu erfüllen. Der erste Schritt war getan. Der zweite folgte in drei Wochen. Jetzt hieß es proben, proben, proben bis der Arzt kam. Ich wollte unbedingt bei diesem Auftritt glänzen und den ersten Platz belegen. In meinen Gedanken sah ich mich bereits auf großen Bühnen stehen und mein Publikum mit schönen Balladen, aber auch melodiösen, rockigen Nummern verwöhnen. Welch ein herrliches Gefühl, welch schöne Träume! Hanna, die von alledem nichts mitbekommen hatte, schnarchte leise vor sich hin. Gnadenlos rüttelte ich an ihren Schultern, so lange bis sie aufwachte und bugsierte sie, so gut es ging, durch die schon angetrunkene Menge Richtung Ausgang. Ihr unverständliches Nuscheln überhörte ich dabei, war ganz in meine Gedanken versunken. Jetzt wollte ich nur noch eines. Nach Hause und ins Bett.