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Leseprobe: Sternschnuppenbraut

Sternschnuppenbraut

Die Erinnerung an die Begegnung mit Jan und diese unglaubliche Freude darüber, dass er mich tatsächlich nicht wiedererkannt hatte, war mir gar nicht mehr bewusst gewesen. Es überraschte mich, dass mir sein Urteil so wichtig gewesen war und ich vermutete, dass ich seine Meinung damals gleichgesetzt hatte mit der Meinung aller männlichen Wesen, war er doch das Paradebeispiel eines modernen Kerls zu jener Zeit, gut aussehend, schlagfertig, sportlich und fast immer gut aufgelegt. Jedenfalls sah mein Männerbild so aus, und dem entsprach er nahezu perfekt. Jan. Wie lange hatte ich nicht an ihn gedacht? Ich kam damals tatsächlich mit ihm zusammen, war irre stolz, dass er mich an seiner Seite haben wollte. Allerdings gestaltete sich unsere „Beziehung“ nach dem Urlaub etwas schwierig, da er bei Bremen und ich bei Köln wohnte, wir also praktisch nur telefonieren oder schreiben konnten, die gegenseitigen Besuche auch recht wenig waren, weil zum einen die Bahnfahrt sehr teuer und zum anderen die Möglichkeit des Alleinseins sehr begrenzt war. Wenn ich mich recht entsann, war ich drei- oder viermal bei ihm zu Hause, wo seine Eltern mich auf ein Gästebett im Wohnzimmer verfrachteten. Sein Bruder, ein ebenso aufgeweckter Kerl wie Jan selbst, half uns jedoch, dass wir zumindest etwas Zeit Arm in Arm verbringen konnten, legte sich statt meiner in das Gästebett im Wohnzimmer und ich mich in seines, das im selben Zimmer stand wie Jans. Natürlich blieb ich nicht lange alleine in diesem Bett liegen und fand alles furchtbar aufregend, weil die Gefahr bestand, entdeckt zu werden, was allerdings glücklicherweise nie geschah. Frühmorgens dann schlich ich zurück ins Wohnzimmer und löste Jans Bruder ab, der völlig schlaftrunken zurück in sein eigenes Bett torkelte und unser süßes Geheimnis mit sich nahm. Jan war zwar schon achtzehn, also zwei Jahre älter als ich, lebte aber noch immer bei den Eltern, weil seine Ausbildung noch nicht beendet und das Geld für eine eigene Wohnung zu knapp war. Also waren wir bereits ein paar Monate ein Paar und hatten noch nicht einmal miteinander geschlafen. Und bevor es dazu kommen konnte, lernte Jan ein Mädel aus der Umgebung kennen, was mich in eine tiefe Krise und den, so dachte ich damals, schlimmsten Liebeskummer meines Lebens versetzte. Damals ahnte ich noch nicht, was mir in meinem Leben noch so alles begegnen würde. Vor lauter Kummer aß ich wieder mehr, als ich zur Erhaltung meiner Figur gedurft hätte. Ergo kamen wieder ein paar der Kilos zurück, die ich mir so mühevoll und diszipliniert abgehungert hatte. In meiner Erinnerung fühlte ich mich wieder in jene Zeit zurückversetzt.

„Scheiße, fünf Kilo habe ich in den letzten zwei Wochen zugenommen!“, entfuhr es mir, und ungläubig schaute ich auf den Zeiger der Waage, der einfach viel zu weit ausgeschlagen hatte. Ich stöhnte laut und fühlte mich einfach nur mies. Ich hatte definitiv viel zu viel gegessen. Dabei war es doch gar nicht mehr, als die anderen auch gegessen hatten. Wieso nur ließen sich bei mir die Kilos nieder und die anderen konnten in sich hineinstopfen, was sie wollten? Die Welt war doch ungerecht. Für alles musste ich kämpfen, Disziplin und eisernen Willen haben, während andere scheinbar alles in den Schoß gelegt bekamen. Es musste doch zumindest einen Weg geben, wie ich nicht auf den Genuss verzichten musste und doch schlank bleiben konnte. Irgendetwas musste ich mir einfallen lassen, ich wollte nicht wieder zum Bulldozer mutieren, das war ein absolutes Unding, ging überhaupt nicht, kam überhaupt nicht in Betracht. Vor lauter Frust ging ich in die Küche und machte mir Frühstück. Jetzt war es sowieso egal, also konnte ich auch ruhig noch einmal zuschlagen. Im Tiefkühlfach waren noch Brötchen, die ich in den Ofen schob, der zwar noch nicht vorgeheizt war, was aber nicht störte, da sich dadurch lediglich die Aufbackzeit verlängern würde. In der Zwischenzeit kochte ich mir einen frischen Kaffee, dessen Duft durch die ganze Wohnung zog und deckte den Tisch für mich. Es war schon später Vormittag und ich war ganz alleine zu Hause, keine Ahnung, wo die Eltern heute waren. Wahrscheinlich hatte ich mal wieder nicht richtig zugehört, als man es mir gesagt hatte. Machte aber auch nichts, ich war viel lieber alleine. Niemand konnte mich dann nerven oder mir sagen, was ich zu tun oder zu lassen hatte. Als die 15 Minuten um waren, holte ich die Brötchen, die schon eine schön gebräunte Haube trugen, aus dem Ofen. Noch heiß schnitt ich sie mit einem Brotmesser in zwei Hälften, breitete sie offen aus und ließ sie abkühlen. Auf dem Tisch standen Käse, Marmelade und Schokocreme. Alles nicht gerade förderlich für eine schlanke Figur, aber heute war es eh egal. Fünf Kilo! Voller Frust nahm ich mir eines der aufgebackenen Brötchen und beschmierte es dick mit Butter und Schokocreme. Mir lief sofort das Wasser beim Anblick dieser Herrlichkeit im Munde zusammen, war es doch schon lange her, dass ich mir diese ungesunden Dinge gegönnt hatte. Genussvoll biss ich in das Brötchen und aß den ersten Bissen mit geschlossenen Augen. Ich spürte, wie sich die Schokocreme in meinem Mund ausbreitete, ihn mit Süße erfüllte. Mh, das war ja so lecker! Schade, dass es zu den Dingen gehörte, die ich mir versagte, damit ich nicht wieder zum Bulldozer wurde. Aber heute war eh schon alles egal, also rein mit dem Zeug und einfach nur genießen. Ich aß ein Brötchen, noch ein zweites und noch ein drittes. Es war aber auch einfach zu lecker und vor allem hatte ich es schon so lange entbehrt. Dazu trank ich den leckeren Milchkaffee und genoss meinen Ausflug in die süße Welt, die nicht mehr meine war. Ich genoss ihn, bis mein schlechtes Gewissen anfing, an meine Tür zu klopfen. Poch, poch. Poch, poch. Was machst du da? Ist dir eigentlich klar, dass du gerade dabei bist, das sechste und vielleicht siebte Kilo wieder reinzufuttern? Wolltest du nicht schlank bleiben? Nie wieder Bulldozer sein? Warum tust du das dann? Wieso stopfst du dich mit diesem süßen, ungesunden, dick machenden Kram voll und wirst hinterher wieder fürchterlich leiden, wenn die Wage noch mehr ausschlägt? Mein Gewissen hatte es geschafft. Ich bekam fürchterliche Gewissensbisse, dass ich meinem Verlangen nach Süßem aus Frust nachgegeben hatte. Aber was sollte ich nun machen? So sehr ich anfänglich mein süßes Intermezzo genossen hatte, so sehr nagte jetzt an mir mein Schwachwerden. Wo war meine Disziplin? Wo war mein eiserner Wille hin? In mir tobte ein Kampf, den man im Äußeren gar nicht in Worte fassen kann. Es war ein ewiges Hin und Her zwischen „Du musst dir ab und an auch mal was gönnen!“ und „Wenn du nicht stark bist und durchhältst, bist du bald wieder da, wo du angefangen hast!“ Es war einfach nur grausam. Ein fürchterlicher Kampf. Und mein Gewissen gewann. Das Zeug musste wieder raus. Egal wie. Ich wollte nicht wieder dick werden, also durfte ich mir solche Eskapaden nicht mehr leisten. Alles musste wieder raus. Je schneller, je besser. Ich trank in einem Zug eine ganze Flasche Wasser ohne Kohlensäure aus und fühlte mich auf einmal furchtbar schlecht. Mein Magen rebellierte und ich rannte so schnell ich konnte auf die Toilette, um mich dort zu übergeben. Toll, ich brauchte nicht einmal den Finger in den Hals stecken. Alles kam wieder raus. Die ganze braune, süße, vorhin noch so genossene Schokocreme vermischt mit dem schon angedauten Brötchen ergoss sich in die Toilettenschüssel und erleichterte meinen rebellierenden Magen. Als alles raus und runtergespült war, setzte ich mich vor der Toilette auf den Boden und fing an zu weinen. Was hatte ich nur getan? Warum nur war ich schwach geworden? Ich wollte doch nur ein wenig genießen, so wie es die anderen auch alle konnten. Aber gleichzeitig wollte ich auch nicht wieder dick werden, wollte all die Vorteile, die ich jetzt vermeintlich hatte, nicht mehr missen. Warum war das alles so schwer? Schluchzend steckte ich meinen Kopf zwischen die Beine. War das der Preis dafür, den ich zahlen musste, wenn ich mich nicht unter Kontrolle hatte und meinen Gelüsten nachgab? Ein hoher Preis, wie ich fand. Aber vielleicht eine Lösung, nicht immer auf alles verzichten zu müssen. Essen, genießen und dann wieder loswerden. Das war zumindest eine Option. Ich nahm mir vor, nur ab und zu mal, wenn ich wieder meine Kontrolle über mich verloren haben sollte, an meine Erfahrung mit der ganzen Wasserflasche zu denken. Was ich nicht ahnte, ich war gerade eben in den Kreislauf der Bulimie gerutscht und sollte Jahre brauchen, da wieder herauszukommen.

Mein Herz klopfte bis zum Hals, und ich hatte das Gefühl, jeder würde es hören können, wäre ich nicht alleine gewesen. Innere Aufregung begleitete dieses Herzklopfen, denn mir war soeben ein weiteres Mal klar geworden, dass ich all die Jahre über immer und immer wieder nur nach Anerkennung und Beachtung gesucht hatte, weil ich es wohl in all den Jahren davor nicht schaffen konnte, ein emotional ausreichendes Selbstwertgefühl aufzubauen. Stattdessen machte ich meinen Wert abhängig von dem, was andere über mich dachten, und hatte mein Selbstwertgefühl vermeintlich gefunden, als ich schlank und interessant vor allem für die Jungs geworden war. In welchen Kreislauf war ich da nur geraten und vor allem, wieso? Wieso war ich als Kind nicht in der Lage gewesen, mir ein normales Selbstwertgefühl aufzubauen, das mich vor alldem bewahrt hätte? Was war in meiner Kindheit passiert, was mich daran hinderte, in dieser Beziehung eine normale Entwicklung durchlaufen zu können? Innerlich zitterte ich vor Wut, wenn ich auch nicht wusste, weshalb. Vermutlich wusste mein Unterbewusstsein mehr als ich selbst. Nun ja, ich würde alles an die Oberfläche holen, war wild entschlossen, die Gründe für meinen Verlust meines Ichs zu finden und vor allen Dingen, was noch viel wichtiger war, wild entschlossen, mein wirkliches Ich zu finden. Das Ich, das ich selbst lieben konnte, das Ich, das ich sein wollte und wohl auch war, wenn auch bisher unbewusst. Es war da, dessen war ich mir sicher, denn auch die Bulimie hatte ich nach vielen Jahren und einigen Rückfällen in den Griff bekommen. Zumindest musste ich innerlich so etwas wie Selbstwertgefühl entwickelt haben, auch wenn ich mich im Außen nach wie vor so verhielt, wie ich es immer getan hatte, als ich versuchte, immer allen gerecht zu werden, damit sich an der Anerkennung für mich auch ja nichts änderte. Noch immer innerlich vor Wut zitternd gab ich mich wieder meiner Gedankenwelt hin. Ich wollte mich erinnern, um jeden Preis.

Es war wieder einmal eines jener Familienwochenenden, die ich so sehr hasste. Woche für Woche verbrachte ich die Wochenenden alleine zu Hause, wartete auf Jonas, auf seinen Anruf und darauf, dass er sich vielleicht doch einmal für eine oder zwei Stunden zu Hause wegstehlen konnte. Ich saß da und wartete. Seit ich meine eigene kleine Wohnung hatte, bei den Eltern ausgezogen war, war ich in Wartestellung. Das ging nun schon länger als ein halbes Jahr so und meine Nerven lagen blank. Freunde hatte ich vor Jonas auch so gut wie keine gehabt, betrug doch die Zeitspanne zwischen dem Zeitpunkt, an dem ich abgenommen hatte, offensichtlich interessant geworden war und dem Beginn meiner Ausbildung bei Jonas nur ein knappes halbes Jahr. Zu wenig Zeit, um endlich einmal Freunde zu finden. Erschwerend kam noch hinzu, dass ich in der Schule immer zu den Außenseitern zählte, weil ich zu denen gehörte, die jeden Morgen von weiter her mit dem Schulbus anreisen mussten. Nachmittags jedoch war es sehr schwierig, in den Ort zu kommen, um sich mit anderen treffen zu können, weil die öffentliche Busverbindung sehr schlecht war. So war ich also ungewollt so etwas wie ein Mauerblümchen und immer darauf angewiesen, dass ich, wenn etwas wirklich Wichtiges war, von meinen Eltern gefahren wurde. Da beide aber kaum Zeit hatten, der Weg mit dem Fahrrad ziemlich gefährlich und auch recht weit war, blieb mir nichts anderes übrig, als meine Freundschaften auf die zwei Mädchen aus unserem Dorf zu beschränken. Das war, wie ich fand, sehr mager, zumal die anderen aus der Klasse oft gemeinsam etwas unternahmen, ins Kino oder etwas trinken gingen, am Fluss grillten oder im Sommer das Freibad unsicher machten. Und ich war fast nie dabei. Aber auch das war egal, denn ich durfte die wenigsten Sachen mitmachen. Und wenn ich dann doch mal etwas machen durfte, dann musste ich am Wochenende um neun, spätestens um zehn zu Hause sein, was das Kennenlernen von neuen Leuten natürlich zusätzlich erschwerte, weil niemand ein „Küken“ wie mich dabeihaben wollte, das von einer Glucke behütet und bevormundet wurde. Ja, so war meine Mutter. Sie meinte es nicht böse, da war ich mir sicher, aber sie konnte einfach nie über ihren Schatten springen und setzte Grenzen, die so eng waren, dass sie mir die Luft abschnürten. Die Luft, die ich aus heutiger Sicht in dem Alter so dringend zum Atmen gebraucht hätte. Das Ergebnis all dieser Atemnot war mein Auszug am Tag nach meinem achtzehnten Geburtstag, der ein einziges Fiasko gewesen war. Ich packte meine Sachen und zog vorerst einmal zu Hanna, die sich riesig über meinen Einzug freute, weil wir uns super verstanden und vorhatten, die Welt auf den Kopf zu stellen. Aber das ging natürlich nicht lange gut, und so besorgte mir Jonas drei Wochen später das Appartement über dem Studio. Und nun saß ich hier und wartete. Hanna hatte eine Stelle als Kellnerin gefunden und war nach dem Job so platt, dass sie froh war, wenn sie ihr Bett von innen sah. Da war also auch nichts mehr zu machen. Ich war ziemlich einsam, stellte ich insbesondere an den Wochenenden fest. Unter der Woche, da war es kein Problem, denn erstens arbeitete ich bis um fünf und dann blieb ich noch bis um acht, halb neun im Studio bei Jonas, oder er kam zu mir nach oben, wenn niemand anderes mehr da war. Und wenn er dann fahren musste, dauerte es nicht mehr lange, bis ich schlafen gehen konnte. Unter der Woche war eben alles anders, da hatte ich Jonas um mich, hörte seine liebevollen Worte, bekam seine versteckte Zärtlichkeit und sah, wie er mich mit Blicken verschlang. Unter der Woche war ich nicht alleine, da hatte ich ihn, denn er verbrachte den ganzen Tag und einen Teil des Abends mit mir. Unter der Woche, gehörte er mir und wir liebten uns, wenn wir alleine und unbeobachtet waren. Da bekam ich die Nähe und Wärme, die ich mir so sehnlichst von ihm wünschte. Nur die Wochenenden, die waren für die Familie reserviert. Wie ich sie hasste, diese Wochenenden. Ein paar Tränen rollten mir über die Wangen. Und es war erst Samstagmittag, das Wochenende hatte gerade erst angefangen. Apathisch starrte ich aus dem Fenster und hing meinen trüben Gedanken nach. So konnte das nicht weitergehen. Ich musste dringend etwas ändern. Heute Abend würde ich ausgehen. Ob ich Lust hatte oder nicht, ich würde ausgehen. Ich würde nicht auf seinen Anruf warten, sondern auf der Tanzfläche irgendeines Schuppens meinen Körper zur Musik bewegen und verstohlen danach schauen, welche der Typen am Rand ihren Blick nicht von mir wenden konnten. Ja, ich brauchte dringend eine Dosis Männerblicke, brauchte das Gefühl, noch begehrt zu werden. Auch wenn ich wusste, dass ich mit Sicherheit am nächsten Tag ein schlechtes Gewissen haben würde, stand mein Entschluss fest. Ich würde heute tanzen gehen. Und wenn es sein musste, dann eben auch alleine. Ich war schließlich kein kleines Kind mehr und durchaus in der Lage, den Weg alleine zu finden. Mit diesem Entschluss im Kopf fühlte ich mich langsam etwas besser. Ich stand auf, duschte ausgiebig, machte mich fertig und beschloss, ins Einkaufszentrum zu fahren. Der Abend sollte ein voller Erfolg werden, also brauchte ich noch einen tollen, neuen Fummel. Irgendetwas Aufregendes würde ich schon finden. Beschwingt nahm ich die Schlüssel vom Tisch, zog mir eine Jacke über und verließ mein kleines Gefängnis. Die Gitterstäbe waren Jonas‘ Blicke, seine Versprechungen und meine Hoffnung. Aber heute Abend, heute Abend würde ich mich amüsieren, nicht an ihn denken. Heute Abend würde ich nicht alleine bleiben. Er war selber schuld. Wie oft hatte er mir schon versprochen, dass er seine Frau verlassen würde und hatte es immer noch nicht getan. Er saß am Wochenende in trauter Zweisamkeit mit seiner Frau zusammen und ich war alleine. Wenn ich mir da jemanden suchte, der mir das Wochenende versüßte, war es doch wohl nur recht und billig. Er konnte wohl kaum von mir verlangen, dass ich mich einschloss. Mit diesen Gedanken im Kopf versuchte ich mein aufkommendes Gewissen zu beruhigen. Am besten gar nicht mehr darüber nachdenken, ob es richtig oder falsch war. Ich würde ausgehen und einen irre spaßigen Abend haben. Das war es, was ich wollte. Also würde ich es auch tun.
Die Musik dröhnte hämmernd aus den Boxen, die Tanzfläche war so voll, dass man sich ausschließlich auf der Stelle bewegen konnte, die Luft war verraucht, zum Schneiden dick und die Leute schon ziemlich angetrunken, als ich gegen Mitternacht den zurzeit angesagtesten Schuppen der Gegend betrat. Angewidert wollte ich mich einem ersten Impuls folgend sofort wieder umdrehen und den Laden verlassen. Aber meine innere Stimme, die, die mir gesagt hatte, dass ich unter Leute gehen müsste, damit ich auf andere Gedanken kam, hielt mich davon ab. Da ich alleine war, war es nicht schwer, mich durch die Menge zu drängeln. Ich war gut darin und kam mir vor wie auf einem Parcours, nur dass die Hindernisse Menschen waren. Es hatte auch Vorteile, alleine auszugehen. Man musste auf niemanden Rücksicht nehmen. Man konnte niemanden verlieren. Man konnte tun und lassen, was man wollte. Zielsicher bewegte ich mich durch die Menge Richtung Bar. Am Ende der Theke hatte ich noch einen freien Platz erspäht, es musste wohl mein Glückstag sein. Fest visierte ich ihn an und steuerte auf ihn zu. Eine Sekunde bevor ich ihn erreicht hatte, kam von der anderen Seite ein gut aussehender Typ durch die Menge und ließ sich auf dem Hocker nieder, den ich schon zu meinem für diesen Abend auserkoren hatte. Jetzt stand ich vor ihm mit ziemlich angesäuertem Blick. Na toll, jetzt musste ich, wenn es schlecht lief, auch noch den ganzen Abend stehend meine Getränke in mich hineinschütten. Der Typ sah meinen sauertöpfischen Blick und lächelte mich an. Süß sah er aus, was meinen angesäuerten Blick allerdings wohl nicht entzerrte, denn er beugte sich vor und schrie mir ins Ohr, „hey Hase, wieso schaust du so genervt? Es ist Samstag, morgen ist noch frei und du kannst feiern. Also, was ist los?“ Ich sah ihn entgeistert an und war versucht, ihm zu sagen, dass ich mich durch die Menge gekämpft hatte, um genau den Barhocker im Sturm zu erobern, den er eine Sekunde vor mir einfach so geentert hatte. Aber ich ließ es, es hätte eh keinen Sinn gehabt. Stattdessen drehte ich mich einfach um und ließ ihn stehen. Ich war doch selten dämlich. Auf diese Weise würde ich sicher niemanden kennenlernen, der mir das Wochenende versüßen würde. Und der Typ war auch noch richtig hübsch gewesen. Unsicher drehte ich mich noch einmal kurz um und fing sein Lächeln auf. Er hatte mir die ganze Zeit hinterhergeschaut. Ich blieb stehen und sah ihn an. Aus zwei Metern Entfernung sah er noch besser aus. Dunkle, lange Locken, strahlend blaue Augen, weiß blitzende Zähne wie aus der Zahnpastawerbung und einen leicht bräunlichen Teint. Und immer noch dieses verdammt verführerische Lächeln auf dem Gesicht. In meinem Inneren begann ein kleiner Kampf. Zurückgehen und mit ihm reden oder wieder umdrehen und weitergehen? Es kam mir wie eine kleine Ewigkeit vor, bis ich mir endlich einen Ruck gab und den Weg zurück Richtung Theke aufnahm. Zwei Meter, für die ich, so schien es mir nun, eine Ewigkeit brauchte. Und die ganze Zeit über lächelte mich der Typ an. Es war zum Verrücktwerden. In mir purzelten alle Hormone durcheinander, mir war gleichzeitig heiß und kalt, als ob sich mein Innerstes nicht entscheiden könnte. Ha Jonas, da kannst du nicht mithalten. Den würde ich heute mit nach Hause nehmen und nach langer Zeit das erste Mal am Wochenende nicht alleine schlafen. Ganz sicher. Das konnte ich in seinem Lächeln lesen. Ein Lächeln, das eine Einladung war, ein offenes Buch, in dem unsere Geschichte für heute Nacht geschrieben stand. Ein Lächeln, das eine aufregende Nacht versprach. Dann stand ich wieder vor ihm und schenkte ihm mein schönstes Lächeln, das ich auf mein Gesicht zu zaubern imstande war. „Geht doch, Hase“, war seine Reaktion auf meinen veränderten Gesichtsausdruck, und er hatte keine Ahnung, welche Glücksgefühle er in mir mit diesen Worten ausgelöst hatte. „Was magst du trinken?“, waren die nächsten Worte, die aus diesem verführerischen Mund kamen. „Einen Wodka-Lemon bitte“, gab ich ihm die postwendende Antwort. Und an seinem Gesicht konnte ich sehen, dass ihm die Antwort gefiel. Er hatte angebissen. Oder war ich es, die angebissen hatte? Egal, wir wollten beide dasselbe. Nur das zählte und sonst nichts. Mit jedem weiteren Glas, das ich trank, verloren sich die Lautstärke, der Gestank nach Rauch und die Enge des Raumes. Nur noch dieses Gesicht, dieses wunderschöne Gesicht auf diesem perfekten Körper war in meinem Fokus. Alles andere blendete ich erfolgreich aus. Und ihm ging es wohl ebenso. Bald standen wir eng umschlungen an der Theke und knutschten wie wild. Verdammt, küssen konnte der Kerl auch noch. Was da wohl noch alles ans Tageslicht kommen würde?! Die Nacht versprach viel, ich hoffte, dass sie es auch halten würde.
Die Sonne schien mir durch das Fenster ins Gesicht. Ich hatte vergessen, die Rollos runterzulassen, als ich früh morgens mit meiner Eroberung im Schlepptau wieder dort gelandet war, wo ich mir am Tag zuvor fest vorgenommen hatte, nicht noch ein Wochenende alleine verbringen zu müssen. Und es hatte funktioniert. Zufrieden kuschelte ich mich in den Arm von Volker, so hieß meine nächtliche Begegnung, und genoss die Wärme seiner weichen Haut. Er war drahtig, schlank, gut durchtrainiert und rasiert. Nicht nur im Gesicht, sondern auch an der Brust und an den pikanten Stellen des Körpers, was unsere nächtlichen Spiele im Bett noch wilder machte, weil nicht ständig irgendein Haar an einer Stelle zu finden war, wo es nicht hingehörte und lästiges Entfernen aus seinem oder meinem Mund das Liebesspiel nicht unterbrechen konnte. Es war eine heiße Nacht, eine tolle, heiße Nacht. In meinem Kopf ließ ich noch einmal all das, was wir miteinander gemacht hatten, Revue passieren. Er war ein guter Liebhaber und ziemlich ausdauernd. Mittendrin hatte er dann eine kleine Pause eingelegt, aus seiner Jackentasche ein Paket Tabak, Blättchen und ein kleines Päckchen geholt. Aus allen Zutaten zauberte er eine kleine Tüte und grinste mich freudig an. „Süße, jetzt wird die Post abgehen!“, war alles, was er sagte, bevor er sich die Tüte anzündete. Ich hatte noch nie zuvor in meinem Leben einen Joint geraucht, war eigentlich auch strikt gegen solche Dinge, aber in diesem Moment viel zu betrunken und berauscht von der Situation, um darüber nachzudenken, was ich jetzt gleich tun würde. Er nahm einen tiefen, langen Zug, hielt die Luft einen Augenblick an und ließ selbige dann langsam entweichen. Das wiederholte er einige Male. „Ahh, das tut gut!“, entfuhr es ihm, und er reichte mir den restlichen Stummel erwartungsvoll rüber. Ohne zu überlegen nahm ich den Joint und machte es ihm nach. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich etwas spürte. Es fühlte sich so leicht an, so ungezwungen, so über alles erhaben. Ein irres Gefühl. Und davon sollte man süchtig werden? Und wenn schon, es war ein tolles Gefühl. „Und jetzt Baby, jetzt heben wir ab. Du wirst den besten Sex deines Lebens haben“, kündigte Volker mir mit etwas kichernder Stimme an, bevor er über mich herfiel. Und er hatte recht, es war die wildeste und intensivste Nacht, die ich je erlebt hatte. Solch starke, ausgeprägte Gefühle hatte ich bisher noch nie empfunden. Die Tücken der Drogen hatten mich voll im Griff. Jetzt, am Morgen danach, sah ich alles mit nüchternem Blick und schwor mir, dass ich das nicht noch einmal machen wollte, wusste ich doch, dass es die bewusstseinserweiternde Wirkung der Droge selbst war, die süchtig machte und einen nach mehr verlangen ließ. Es war aber auch wirklich kein Wunder, dass man danach süchtig werden konnte, denn das, was ich erlebt hatte, war phänomenal und unerreicht, verführte dazu, es immer wieder so tun zu wollen. Volker schlief noch tief und fest. Er war nach unserer vergnüglichen Kiffrunde total k. o. und nach dem Sex fast sofort eingeschlafen. Ich hingegen lag noch lange wach und war ziemlich aufgedreht, brauchte eine ganze Weile, bis ich in den Schlaf fand. Das Kitzeln der Sonne in meinem Gesicht hatte mich aufgeweckt. Meinem Kopf nach zu urteilen wäre es jedoch besser gewesen, sich sofort umzudrehen und weiterzuschlafen, anstatt über die Nacht zuvor nachzudenken. Ein dumpfer, hämmernder Schmerz war latent vorhanden. Das war wohl etwas zu viel Alkohol gewesen. Wenigstens hatte ich das Auto stehen lassen, hatte mit ihm ein Taxi genommen, das er, ganz Gentleman, anstandslos bezahlt hatte. Und jetzt lag ich mit einem mir wildfremden Mann in dem Bett, in dem ich mit Jonas schon unzählige Male geschlafen und auf ein Happy End gehofft hatte, und hatte den besten Sex meines Lebens gehabt. Nur nicht mit Jonas. Der Typ gefiel mir, aber ich war nicht verliebt. Er war ein Leckerchen für das Auge und für die Begierde einer Frau, aber alles andere ließ zu wünschen übrig. Seine Allgemeinbildung war nicht sehr ausgeprägt und Themen, über die man mit ihm reden konnte, gab es wenige. Sport, Autos, Frauen. Das war es schon. Vielleicht noch über die Partyszene, welcher Laden gerade in war und wo es welche Drogen gab. Dann war sein Repertoire aber auch schon erschöpft. Machte aber nichts, denn ich wollte ihn ja nicht heiraten, wollte nur nicht alleine sein am Wochenende und das war mir gelungen. Vielleicht konnte ich ihn dazu überreden, das Ganze noch ein paar Wochenenden mehr zu wiederholen. Eine Überlegung wäre es jedenfalls wert, ging es mir durch den dröhnenden Kopf. Ganz vorsichtig wand ich mich aus seinem Arm und stand leise auf, um mir einen Kaffee zu kochen. Als der Duft des frisch aufgebrühten Kaffees sich im Appartement ausbreitete, schlug Volker ganz langsam die Augen auf. Kaffee war wohl sein Wecker, jedenfalls sah es ganz danach aus. Ein „Hi!“ quälte sich durch seine Lippen, und er machte schnell wieder die Augen zu, weil ihm das grelle Tageslicht in den Augen schmerzte. Mit geschlossenen Augen lag er da. „Bekomm ich auch einen? Mit Milch und zwei Löffeln Zucker bitte!“ „Klar, ich bin schon beim Eingießen.“ Toll, das versprach eine sehr fruchtbare Konversation zu werden. Vielleicht sollte ich mir das mit der Wiederholung des Wochenendes doch noch einmal überlegen. Sex alleine war eben nicht alles. Als er den Kaffee ausgetrunken hatte, ging er ins Bad und stellte sich fast eine halbe Stunde lang unter die Dusche. Etwas wacher als zuvor steckte er den Kopf aus der Duschkabine und rief: „Hase, hast du mal ein Handtuch für mich?“ Ich nahm eines aus dem Schrank und brachte es ihm, ohne etwas zu sagen. So in nüchternem Zustand, ohne Alkohol und Drogen, ohne dröhnende Musik, die einem das Reden unmöglich machte, war mir sofort klar, Volker war nur zu einem gut. Für ein weiteres Wochenende würde ich ihn nicht mehr haben wollen, denn das, was ich eigentlich suchte, konnte er mir auch nicht geben. Als er fertig geduscht war, seinen Kaffee getrunken und sich angezogen hatte, und er tat es wirklich in genau dieser Reihenfolge, drückte er mir einen kurzen Kuss auf den Mund, sagte „Baby, es war eine tolle Nacht mit dir, mach’s gut, wir sehen uns“, und nahm die Türklinke der Wohnungstür in die Hand, um vermeintlich für immer aus meinem Leben zu verschwinden. Was blieb, war ein schaler Nachgeschmack und die Erinnerung an den geilsten Sex, den ich bisher in meinem Leben gehabt hatte. Na ja, immerhin hatte ich einen ganzen Tag mal nicht an Jonas gedacht und vor allem, ich hatte nicht auf ihn und seinen Anruf gewartet. Dazu war es gut gewesen. Für mehr aber auch nicht. Keine fünf Minuten später schellte es an der Tür. Oh nein, was hatte er nur vergessen? Ich hatte wahrlich keinen Nerv, Volker jetzt noch einmal ertragen zu müssen, drückte aber die Tür auf und bekam den größten Schreck meines Lebens. Vor mir stand Jonas. Und er war ziemlich wütend.
Ich erinnerte mich wieder an diesen Augenblick damals, er war so ziemlich der schlimmste Augenblick, den ich während der ganzen Jahre mit Jonas erlebt hatte, wenn man mal von unserem „Beziehungsende“ absah. Dass er mir damals nicht an die Gurgel, nicht ins Gesicht gesprungen war, war eine reife Leistung seiner noch existierenden Selbstkontrolle. Jonas hatte Volker aus dem Treppenhaus auf den Hof kommen und in sein Auto steigen sehen, als er selbst gerade auf den Hof fuhr. Da im Augenblick außer mir niemand über dem Studio wohnte, die andere Wohnung stand seit ein paar Wochen leer und wartete auf einen neuen Mieter, war ihm sofort klar, dass ich Besuch hatte. Was er zum Glück nicht wusste, war, dass es ein Besuch über Nacht gewesen war, denn es war bereits früher Nachmittag und nicht ersichtlich, dass wir bis mittags geschlafen hatten. Er war schrecklich wütend auf mich und schrie mich an, was das sollte, wieso ich andere Männer zu mir nach Hause einlud, und drohte mir mit dem Ende unserer Beziehung. Das brachte mich auf den Plan und meine Wut wiederum auf hundertachtzig. Ein Wort gab das andere, ich drohte ihm damit, ihn zu verlassen, wenn er sich nicht bald trennen würde, und so schrien wir uns damals im Hausflur gegenseitig an, bis mir der Kragen platzte und ich ihm einfach die Tür vor der Nase zuschlug. Sollte er doch bleiben, wo der Pfeffer wuchs. Ausgerechnet er war eifersüchtig. Er, der mit seiner Frau das Wochenende verbrachte, anstatt mit mir. Er, der mir seit langer Zeit erzählte, dass er mich liebte und sich trennen würde. Er, der noch mit seiner Frau schlief, was unschwer daran zu erkennen war, dass sie von ihm noch ein weiteres Kind bekommen hatte. Ausgerechnet dieser Mann war eifersüchtig. Mit welchem Recht? Er war dann damals wütend runter ins Studio gegangen und hatte mich eine Stunde später reumütig angerufen, sich am Telefon für seinen impulsiven Auftritt entschuldigt. Es täte ihm leid, sagte er damals. Ich schwieg dazu. Und das erste Mal war in mir ein Gefühl von ‚was mache ich hier überhaupt?‘ aufgekeimt. Allerdings nahm ich es nicht so stark wahr, dass dieses Gefühl eine Chance gehabt hätte, an der Oberfläche zu bleiben. Denn sonst hätte ich die weiteren zweieinhalb Jahre nicht mehr mit Jonas verbracht, was ich allerdings ganz offensichtlich getan hatte. Die ganzen alten Erinnerungen schienen nur so aus mir herauszusprudeln, so als ob ich eine Quelle angebohrt hätte, die nun nicht mehr versiegen wollte. Alles kam so einfach an die Oberfläche, ich brauchte nicht einmal mehr diesen Trancezustand, um an meine Erinnerungen heranzukommen. Das Siegel war aufgebrochen, das Tor war weit geöffnet, alles floss heraus. Es war geradezu so, als ob die ganzen Erinnerungen darauf gewartet hatten, endlich an die Oberfläche, an das Tageslicht kommen zu dürfen. Was hatte ich mir nur selbst angetan? Wieso hatte ich nicht schon viel früher versucht, all das zu verarbeiten? Es war müßig, dieser Frage nachzugehen, ließ es sich doch nicht mehr ändern. Aber jetzt, jetzt konnte ich mich damit auseinandersetzen, alles noch einmal durchleben, den Grund finden, warum mir mein Ich verloren gegangen war. Es war inzwischen später Abend und Bettgehzeit. Das Wochenende war zu Ende, morgen würde ich wieder arbeiten müssen. Nein, ich konnte morgen nicht arbeiten gehen. Ich musste so schnell wie möglich mein Ich wiederfinden, würde morgen früh anrufen und mich krankmelden, notfalls zur Ärztin gehen und ihr erzählen, was mit mir gerade passierte. Zeit war das, was ich jetzt dringend brauchte. Zeit, um all die Dinge an die Oberfläche zu lassen, die so dringlich herauswollten. Und ich würde sie bekommen. Da war ich mir sicher. So oder so. Im Bett lag ich noch lange wach, das Gedankenkarussel drehte sich wieder und ich driftete schon wieder in die Vergangenheit ab, holte neue Erinnerungen an die Oberfläche. Erinnerungen, die alle eines gemeinsam hatten: Ich fühlte mich einsam.

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Leseprobe: Sternschnuppenbraut

Sternschnuppenbraut

Was waren das nur für Gefühle, die ich da als Kind gehabt hatte, und wieso hatte ich sie vergessen? Oder sagen wir besser, wieso waren sie mir nicht mehr bewusst? Denn vergessen hatte ich sie in keiner Weise, waren sie doch in meinem Leben immer wieder meine Begleiter gewesen, aber nie wieder auf diese bewusst gewollte Weise wie mit neun Jahren. Jetzt war auf einmal wieder alles da. Alles, was ich damals gefühlt hatte. Ich war wieder neun Jahre alt und lebte noch einmal die Empfindungen, die ich dort auf dem Dachboden gefunden und auf meiner Suche nach mir selbst in meiner Seele abgespeichert hatte. Gerade hatte ich also einen – einen – Teil meines Ichs wiedergefunden. Ich hatte etwas wiedergefunden, was ich nicht verloren hatte, weil ich es bisher nie besessen hatte. Es geht also, man kann etwas verlieren, was man nicht hat, denn sonst könnte man es auch nicht wiederfinden. In mir stieg ein Gefühl der Neugier auf, wie ich sie mit neun Jahren empfunden und ohne Angst gelebt hatte. Ich war neugierig auf das, was ich noch alles finden würde, was ich nicht hatte und doch verlor. Die Suche in meiner Vergangenheit ging weiter. Erinnerungen kann man wecken, dachte ich mir, indem man sich mit Dingen beschäftigt, die aus einzelnen Phasen des gelebten Lebens sind. Also holte ich die Kiste mit den Fotos aus dem Schrank und begann, mir jedes einzelne anzuschauen. Eine Flutwelle aus Gefühlen brach über mich herein.

„Lass das, hör auf mich zu ärgern! Ich hau dich gleich, wenn du nicht aufhörst“, schrie ich meine kleine Schwester an, die mich auf Teufel komm raus piesackte und ärgerte. Immer wieder und immer wieder schleuderte sie mir gemeine Worte entgegen, hänselte mich und traf mich mitten ins Herz. Es war wie ein Messer, das sich tief in mich hineinbohrte, jedenfalls empfand ich es so. Zwei Jahre trennten uns, zwei Jahre, die ich älter und – wie meine Eltern sagten – auch vernünftiger war. Oh, wie ich es hasste. Du musst doch auf deine kleine Schwester Rücksicht nehmen, sie ist doch noch so klein und du bist schon so vernünftig. Wie oft hatte ich diese Worte in den letzten 2 Jahren gehört. Ich war gerade mal sieben Jahre und ein paar Monate alt, wo war man in diesem Alter denn bitte schön vernünftig? Wenn wir alleine zu Hause bleiben mussten, weil die Eltern abends eingeladen waren, hieß es nur, dass ich doch die Ältere sei und auf die Kleine aufpassen solle. Wenn etwas wäre, könnte ich ja anrufen, die Nummer läge neben dem Telefon. Päh, als ob ich anrufen und mir die Blöße geben würde, dass ich etwas nicht schaffte. Und jetzt reizte mich das Biest bis aufs Blut. Wut kochte in mir hoch. Wut und Ärger, die Tränen stiegen mir in die Augen. Wieso nur musste ich eine Schwester haben? Seit sie da war, war alles viel schwerer für mich geworden. Nicht nur, dass ich alles teilen und auf sie aufpassen musste, nein, ich war diejenige, die sich Dinge hart erkämpfte und sie bekam sie dann einfach später wie selbstverständlich auf dem silbernen Tablett serviert. Erneut schleuderte mir Katja eine fiese Gemeinheit an den Kopf und da riss mein Geduldsfaden endgültig. Ehe ich mich versah, hatte ich ihr wie im Affekt eine Ohrfeige geklatscht. Richtig laut hörte ich meine Hand auf ihre Wange aufschlagen und erschrak im selben Augenblick über das, was ich getan hatte. Eine brennend rote Fläche war das Ergebnis meiner Unbeherrschtheit. Tränen liefen über mein Gesicht. Tränen der Wut und der Angst zur selben Zeit. „Katja, es tut mir leid, bitte, das wollte ich nicht. Warum hast du mich auch nur so gereizt und nicht aufgehört, als ich dir gesagt habe, dass es reicht? Bitte, sag es nicht den Eltern.“ Katja heulte ohne Unterlass und verkroch sich zutiefst verletzt in ihrem Bett. Mir schwante, was jetzt alles passieren würde, es war nicht das erste Mal, dass sie mich verpetzte. Und das, obwohl sie mich selbst mit ihrem Verhalten so weit gebracht hatte, dass ich die Beherrschung verlor. Und genau wie ich es erahnt hatte, kam es auch. Am nächsten Morgen, als die Eltern mit uns am Frühstückstisch saßen, platzte Katja mit der Nachricht heraus, dass ich sie geschlagen hatte, zeigte ihre noch immer sehr rote Wange her. Vater sah mich mit steinerner Miene an und Mutter fing an, mir Moralpredigten zu halten. Alle Rechtfertigungsversuche nützten nichts. Ich konnte noch so sehr beteuern, dass Katja mich bis aufs Blut gereizt, mich so lange herausgefordert hatte, bis mir die Hand ausrutschte, es half alles nichts. „Es ist nicht deine Aufgabe, deine Schwester zu erziehen, und geschlagen wird schon einmal gar nicht“, bekam ich zu hören. Na toll, zum Aufpassen war ich gut genug. Wehren aber durfte ich mich nicht. Die kleine Kröte dagegen konnte tun und lassen, was sie wollte, sie kam immer irgendwie damit durch. „Du hast drei Tage Hausarrest, damit du darüber nachdenken kannst, was du getan hast.“ Die Stimme meines Vaters war streng und unerbittlich, die Wärme, die sonst in ihr lag, war verschwunden. Wütend stand ich auf und ging ins Kinderzimmer, das ich mit meiner Schwester teilen musste. Breit grinsend kam sie hinter mir her und hatte nichts Besseres zu tun, als mir mitzuteilen, dass sie eben mehr geliebt würde als ich und dass man ihr alles glauben würde. Diese Hexe, wie ich sie in diesem Augenblick hasste! Beim Blick aus dem Fenster wurde ich noch trauriger, denn es hatte gerade angefangen zu schneien und ich würde den Schnee nicht begrüßen können. Drei Tage Hausarrest. Drei Tage Langeweile. Drei Tage Vorhaltungen. Drei Tage Schadenfreude meiner Schwester. Und sie würde nun mit meinen neuen Skiern fahren, die ich doch so gerne ausprobiert hätte. Gerade erst hatte ich sie geschenkt bekommen, meine neuen Kinderskier. „Du lässt deine Schwester aber auch mal damit fahren“, war die Anweisung gewesen, mit der das Geschenk übergeben worden war. Ein komisches Geschenk, das man teilen musste. Und jetzt, jetzt war sie es, die damit fahren konnte und ich musste ihr dabei zusehen. Oh, wie ich das alles hasste. Ich vergrub meinen Kopf im Kissen und weinte ein paar Tränen. Irgendwie war das Leben doch ein einziger Kampf und ein Krampf obendrein. Und wenn da nicht auf der anderen Seite immer wieder mal das Gefühl gewesen wäre, dass man mich lieb hatte, dann wäre ich schon längst weggelaufen. Daran gedacht hatte ich schon öfter. Nach dem Abendessen ging ich sofort schlafen, lag aber wach, konnte mein Gedankenkarussell nicht anhalten. Irgendwann ging dann die Tür auf und Vater kam wie jeden Abend an unser Bett, um uns, bevor er selber schlafen ging, über den Kopf zu streicheln. Wie sehr liebte ich diesen Augenblick. Diesen Augenblick, der mir ganz alleine gehörte, in dem ich nichts mit meiner Schwester teilen musste. Unzählige Nächte blieb ich heimlich wach, bis Vater sein Ritual ausgeführt hatte und zu Bett gegangen war, nur um diesen Augenblick genießen zu können. Den Augenblick, der nur uns beiden gehörte.
Am nächsten Morgen war die Schneedecke fast 20 cm hoch und der Blick durch das Kinderzimmerfenster nach draußen entführte mich in eine Märchenwelt. Alles sah so anders aus, so friedlich, so leise. Auf den Ästen lag der Schnee so schwer, dass sie sich gen Boden bogen, es fehlte nicht viel und sie würden brechen. Und all das sollte ich nun nur von innen sehen dürfen. Leise schlich ich aus dem Zimmer, um meine Schwester, die Nervensäge, nicht aufzuwecken, und suchte nach meiner Mutter oder meinem Vater. Vater lag noch im Bett, aber war schon wach. Leise schlich ich mich ins Schlafzimmer an sein Bett und flüsterte ihm ins Ohr: „Papa, bitte, darf ich nicht doch rausgehen? Es ist so viel Schnee gefallen und wer weiß, wie lange der liegen bleibt. Ich will auch danach die drei Tage drinnen bleiben. Bitte, lass mich doch meine Skier ausprobieren. Bitte, bitte, ich will auch ganz lieb sein.“ Mit gesenktem Kopf betrachtete ich gespannt sein Gesicht, in der Hoffnung, dass ich den richtigen Ton getroffen und sein Mitleid erregt hatte. „Meine liebe Tochter …“ Autsch, das war schiefgegangen. „Was du getan hast, war nicht richtig und du bleibst drei Tage drinnen. Dass es jetzt schneit und du deine Skier nicht ausprobieren kannst, tut mir leid. Aber Strafe ist Strafe, es bleibt dabei. Du kannst ja vom Fenster aus zusehen, wie die anderen den Hügel runterfahren.“ Enttäuscht drehte ich mich um und ging geradewegs zurück in mein Bett. Ein paar Tränen kullerten über mein Gesicht. Wie ungerecht das Leben doch war! Wieso musste ich eine Schwester haben? Wenn sie nicht wäre, gäbe es all diese Ungerechtigkeiten gar nicht. Dummerweise sahen die Eltern nämlich nie, wenn sie mich bis aufs Blut ärgerte, da war sie sehr geschickt. Und ich durfte wie immer alles ausbaden. Ich hatte es so satt. Und dann musste ich noch mit dieser kleinen Ratte in einem Zimmer schlafen. Wütend drehte ich mich zur Wand und schmollte.

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Leseprobe: Projekt Melancholia

Projekt Melancholia

Die Nacht war kalt. Es wehte kaum Wind und es war sehr ruhig im Dickicht des Waldes. Nur ab und zu hallten die Schreie der Eulen zwischen den Stämmen wider. Dort bewegte sich etwas. Nicht sonderlich schnell und oftmals ausruhend. Ein verwundetes Tier?
Aber es ging nicht auf allen vieren – obwohl stark vornüber geneigt, hielt es sich relativ aufrecht. Es schleppte sich buchstäblich von einem Baum zum nächsten. In den vom Gewitter noch regennassen Nadelboden drückten sich seine Spuren ein.
Niemand, wenn es denn jemand gesehen hätte, hätte wohl in der Dunkelheit erkannt, was es war oder es auch nur geahnt: ein Kind.
Doch weder Leila noch ein anderes Mädchen. Es war ein kleiner Junge, der sich dahinschleichend mühevoll Schritt für Schritt seinen Weg durch das Geäst bahnte. Und dieser kleine Junge hieß Levin. Leilas bester Freund war er.
Er irrte hier umher. Und er war verwundet. An seinem Kopf klebte Blut. Es färbte einzelne Strähnen seines blonden Haares rot.
Aber keine Verletzung war es, die ihm das Vorwärtskommen erschwerte. Etwas in ihm drin hinderte ihn. Ein Gefühl, welches ihn unsicher machte über das, was er tat und sogar darüber, ob er es überhaupt tat. Jeder Schritt kam ihm unwirklich vor.
Auch wusste er kein Ziel. All seine Gedanken waren verschwommen und unklar, dabei hätte er gerade jetzt Klarheit haben müssen.
Er war seinen Verfolgern fürs Erste entkommen.
Im Dunkel der Nacht hatten sie seine Spur verloren. Seine Flucht war geglückt! Sie hatten einen Moment lang nicht aufgepasst, waren kurz unvorsichtig gewesen und diese Schwäche hatte er ausgenutzt.
Man hatte ihn aus dem dunklen Keller herausgeholt, in dem er schon lange festgehalten worden war – viele Stunden, vielleicht Tage – da kein Sonnenlicht dort unten hin drang, wusste er das nicht genau.
Oben war dann alles ganz schnell gegangen. Sie hatten gar nicht daran gedacht, ihn zu fesseln, hatten angefangen zu reden und ihn kurz aus den Augen gelassen. Die Tür war auch nicht abgeschlossen gewesen wie sonst, wahrscheinlich, weil doch gerade jemand gekommen war, der ihn sehen wollte.
Seine Entführer fast über den Haufen rennend, war er aus dem Haus ins Freie gestürmt. Den nicht übermäßig hohen Holzzaun, der das Grundstück begrenzte, hatte er allemal geschafft – bevor ihn die Hunde zu fassen bekommen konnten. Dann über die Wiesen in den Wald.
Sie hatten ihm nachgesetzt. Zweimal hatten sie ihn entdeckt und geschossen, ihn jedoch verfehlt, später noch einmal – aber nicht auf ihn. Sie mussten wohl ein anderes, ein falsches Ziel gehabt und ihn dadurch verloren haben.
Nun war er hier. Wo auch immer das war. Er konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Es war völlig egal, ob er vorwärts, rückwärts, rechts oder links ging. Nur Glück konnte ihm helfen, hier wieder hinauszufinden. Und damit war er in letzter Zeit nicht gerade verwöhnt worden. Und selbst wenn er aus dem Wald hinauskam, was dann?
Langsam begannen sich seine umherkreisenden Gedanken zu ordnen. Er fühlte wieder etwas mehr Boden unter den Füßen.
Er war entkommen. Frei. Endlich frei!
Doch wohin jetzt? Wo war es sicher? Wo gab es jemanden, dem er trauen konnte?
Gerade diese Frage war nicht ganz unwichtig. Einige von denen waren Leute aus dem Dorf gewesen, die er vorher schon gekannt oder zumindest schon einmal gesehen hatte, und andere, völlig fremde – es war nicht abzuschätzen, wer noch zu ihnen gehörte. Vielleicht niemand, vielleicht aber auch sehr viele.
Es war ihm gelungen, freizukommen. Wenn er sich jedoch einfach so wieder im Internat oder im Dorf sehen ließ, konnte er ihnen gleich noch einmal ins Netz gehen.
Was wollten die eigentlich von ihm? Er wusste es nicht. Sie hatten ihn immer wieder gezwungen, irgendwelche kleinen Pillen zu schlucken. Davon war er dann sehr müde geworden, hatte nicht mehr so viel mitbekommen, selbst wenn er wach gewesen war. Schien über das, was er gedacht und getan hatte, keine rechte Kontrolle mehr gehabt zu haben. Oft hatte er alles wie im Traum erlebt.
Aber er wusste nur zu gut, dass es auch noch an etwas anderem lag. Ein Teil dieser Gefühle war ihm schon seit langer Zeit vertraut. Und dafür war er selbst verantwortlich.
Im Internat hatte er sich die Zeit immer etwas verschönt. Im Stift gab es einen kleinen Laden, in dem klostereigene Arzneimittel verkauft wurden. Mit ein paar Freunden war er vor etwa einem Jahr nachts da hineingeschlichen und hatte einiges von den Sachen dort probiert.
Das war richtig gut gewesen. Also war es nichts Einmaliges geblieben. Irgendwann hatte er gemerkt, dass er regelmäßigen Wiederholungsbedarf verspürte. Deshalb hatte er dann angefangen, auch einen gewissen Vorrat in seinem Zimmer zu verstecken. Aber da war er nun schon ziemlich lange nicht mehr herangekommen. Das machte sich jetzt natürlich intensiv bemerkbar. Essen oder Trinken war völlig egal, er fühlte nur den Hunger nach den Medikamenten.
Doch diese lästigen Gefühle hin oder her – was ihn im Moment wirklich fast wahnsinnig machte, war, dass er eine gewaltige Erinnerungslücke hatte.
Er wusste nicht mehr, wie er diesen Leuten überhaupt in die Hände gefallen war. Er war wie immer früh um sechs Uhr im Internat aufgewacht, hatte mit den anderen gefrühstückt, hatte Unterricht gehabt. Aber dann war alles dunkel – keinerlei Erinnerung daran, was nachmittags passiert war.
Er hörte auf zu gehen. Setzte sich an einen Baumstamm.
Er war verzweifelt.
Er wusste, er musste weg. Weg aus dem Dorf, so weit weg wie möglich. Denn sie würden nicht aufhören, ihn zu suchen. Und sie durften ihn nicht wieder erwischen!
Er hatte Angst vor dem, was sie ihm angetan hatten und wieder antun könnten. Oder noch schlimmer. Schließlich hatten sie heute sogar auf ihn geschossen. Er wusste ja, wie sie aussahen und was sie taten.
Solange er frei herumlief, war er ein Risiko für sie. Bevor er etwas verraten konnte, sollte er sterben. Wem aber sollte er schon etwas verraten?! Im Dorf gab es nicht einmal ein Polizeirevier. Wo also sollte er Hilfe finden?
Jemand anderem etwas erzählen? Wenn der, dem er es erzählte, auch dazugehörte, dann war gleich Endstation.
Endstation. Bei diesem Wort kam Levin ein Gedanke.
Die Eisenbahn!
Es gab einen Güterbahnhof am Rande des Dorfes. Die Gegend war früher reich an Erzen gewesen, die von hier mit dem Zug wegtransportiert worden waren. Jetzt fuhren die Züge seltener, aber sie fuhren.
Levin hatte mit Leila vor Jahren öfter auf dem Bahnhofsgelände gespielt. Es gab dort fast niemanden mehr, der aufpasste, und abgesperrt war das Gelände auch nicht.
Damit gab es also eine Möglichkeit, hier wegzukommen. Wohin? Egal! Erst einmal weg, in Sicherheit – außer Reichweite des Todes. Weg von der Gefahr!
All das sollte so weit wie möglich weg von ihm sein – das war sein einziger Wunsch.
Nur ein kleines Bündel voller Hass band ihn an diesen Ort. Doch Rachegedanken konnte er widerstehen. Abgesehen davon, dass er Angst vor diesen Menschen hatte, sah er auch keinen Sinn darin, jemanden zu töten, um seinen Hass loszuwerden. Überhaupt, töten – das konnte er sich kaum vorstellen. Sicher, Rache hin oder her, dann wäre er sie los, sie könnten ihm nichts mehr anhaben. Nur war es das wert?
Was würde dadurch mit ihm passieren? Dass es ihn verändern würde, das fürchtete er am meisten.
Würde etwas Schlimmes mit seiner Seele geschehen? Vorausgesetzt, es gab so etwas überhaupt. Aber furchtbar schlecht fühlen würde er sich auf jeden Fall deshalb, dessen war er sich sicher. Wäre mit dieser Tat nicht sein Leben genauso zerstört, als wenn diese Verbrecher es auslöschen würden? – Nein, das konnte es einfach nicht sein – nicht die Lösung seiner Probleme!
Er verdrängte die Gedanken daran.
Nur weg von hier, zum Bahnhof!
Im Moment war es natürlich nicht sonderlich leicht, dorthin zu gelangen. Der Mond schien zwar relativ hell, aber was nützte Licht von oben, wenn rundherum dicht an dicht hohe Bäume standen?!
Doch bis zum Morgen zu warten, war zu gefährlich, denn dann konnten auch seine Verfolger wieder Jagd auf ihn machen. Also nichts wie los!
Zwischen den Ästen durch die Finsternis tappend; immer einen Fuß vor den anderen. Es ging, wenn auch langsam, aber es ging.
Die genaue Richtung konnte er nur erahnen – das, was er rundum erkennen konnte, sah alles gleich aus. Doch da, wo es unter seinen Füßen abschüssig wurde, musste der Wald am schnellsten zu Ende sein.
Viele Minuten vergingen. Eine Stunde, vielleicht zwei – dann endlich spürte er grasigen Untergrund. Die Bäume lichteten sich etwas und auf einmal stand er tatsächlich im Freien.
Eine große Wiese. Der Mond tauchte die Halme in ein bleiches schimmerndes Weiß. Endlich freie Sicht!
Levin konnte das schlafende Dorf sehen. Es war nicht besonders weit.
Als finstere Klötze lagen die Häuser da, nur die kleine Kirche wurde von außen angestrahlt. Hinter dem Dorf die großen Felder, dann die Gleise direkt am Fluss. Bis dorthin musste er es schaffen.
Das Dorf war vollkommen ruhig, zu hören war nur der Schrei der Eulen vom Walde her.
Levin lief über die Wiese. Er beeilte sich sehr. Er hatte zwar keine Uhr, ihm war jedoch klar, dass die Nacht bereits viele Stunden alt war und wahrscheinlich sehr bald die Sonne aufgehen würde. Vielleicht erst in ein oder zwei Stunden, vielleicht aber auch innerhalb der nächsten zehn Minuten. Die Zeit saß ihm im Nacken. Das war das eine Problem. Das andere war, dass seine Häscher möglicherweise damit rechneten, dass er ins Dorf zurückkehrte und ihm dort eine Falle stellten.
Sicherlich wäre es für sie erfolgversprechender als wieder seiner Spur nachzujagen. Ob sie daran dachten?
Einen Moment überlegte er, den Ort lieber nicht zu betreten und außen herumzugehen. Aber der Umweg würde zu groß sein.
Als er die ersten Häuser erreicht hatte, schlich er von Ecke zu Ecke, immer wieder stehen bleibend und Ausschau haltend, ob nicht schon irgendwer auf ihn lauerte.
Und bereits nach kurzer Zeit schien sich seine Befürchtung zu bestätigen. Gerade war er in eine schmale Gasse eingebogen, da wich er gleich erschrocken zurück.
An einer Hauswand lehnte eine große Gestalt.
Vorsichtig spähte Levin um die Ecke.
Ja, dort war jemand. Eindeutig. Kein Gegenstand, kein bloßer Schatten – das war ein Mensch!
Levin machte abermals den Schritt zurück hinter die Ecke.
Verdammt – was jetzt?! Hier schien mit einem Mal Schluss, aber das durfte nicht sein!
Er schaute wieder. Der Fremde hatte sich nicht bewegt, blickte nicht in seine Richtung. Er hatte ihn also noch nicht bemerkt. Oder tat er nur so? Eine Falle?
In Levin kroch die Angst hoch. Vielleicht saß er schon mittendrin. Er suchte aufmerksam mit den Augen jedes Haus der Gasse ab, blickte auch zurück auf die Straße, aus der er gerade kam.
Nichts.
Aber es gab hier genug Möglichkeiten, jemanden versteckt zu beobachten. Fenster, dunkle Nischen zwischen einigen Häusern, Dächer, sowieso überall dort, wo das Mondlicht nicht hinfiel. Die Straßen waren schmal, die Häuser eng zusammengebaut.
Im Moment stand Levin noch an einer Straßenkreuzung, in der kleinen Gasse jedoch konnte man nur an einem Ende hinein und am anderen Ende wieder hinaus – Hofeingänge oder Lücken zwischen den Häusern gab es dort überhaupt nicht. Ein idealer Platz für eine Falle!
Selbst wenn Levin sich diesbezüglich irrte, sogar wenn diese Gestalt nicht zu denen gehörte, sie würde trotzdem mitbekommen, wo er hinging, hatte ihn gesehen. Und in einem Dorf wurde nun mal viel geredet, sodass denen diese Information auch zufallen konnte, selbst wenn sie nicht danach fragten.
Doch Levin war klar, dass solche Bedenken zu nichts führten. Er musste zum Güterbahnhof, und das so schnell wie möglich! Und falls das wirklich eine Falle war, dann war höchstwahrscheinlich ohnehin schon alles zu spät – dann hatte es auch keinen Sinn, einen zeitraubenden Umweg zu versuchen.
Er nahm allen Mut zusammen und trat um die Ecke. Einfach so vorbeizugehen, als mache er einen Spaziergang, schien ihm am unauffälligsten, wenngleich natürlich jeder, der sich nachts allein auf der einsamen Straße herumtrieb, anderen auffallen musste.
Levin versuchte, ruhig zu gehen und vor allem möglichst geräuschlos. Doch er erschrak bei jeder Berührung seiner Schuhe mit dem Kiesbett der Straße und blickte angstvoll zu der Gestalt hinüber. Bei jedem Schritt gab es ein gefährlich verräterisches Geräusch, das ihm das Herz bis zum Halse schlagen ließ.
Er ging am rechten Straßenrand, dicht an den Hauswänden. Die furchteinflößende Gestalt lehnte an der anderen Seite. Ein langer dunkler Mantel und ein schwarzer Hut.
Ein Gesicht konnte Levin noch nicht erkennen, aber gleich würde er so weit gekommen sein, dass er dem Unheimlichen direkt gegenüberstand. Jeder Schritt vorwärts ließ ihn stärker zittern. Sein Atem wurde immer schneller und sein Herz raste wie wild. Würde er gleich sterben?
Jede Sekunde war eine Ewigkeit, war absolute Qual. Kein Gedanke war mehr klar zu fassen. Panik.
Noch ein einziger Schritt und sein Blick traf genau die Augen des Gefürchteten.
Der Schrei des Entsetzens zerriss mit einem Schlag die nächtliche Stille.
Levin wankte zurück. Doch hinter ihm war die kalte Wand. Er zitterte und aus seinem Gesicht schien alles Leben gewichen zu sein. Was er sah, trieb ihm den Schock durch alle Glieder, ließ sein Herz beinahe stillstehen.
Die Augen und der Mund seines Gegenübers waren weit aufgerissen, es war wie ein stummer Schrei. In tiefdunklem Rot, fast schwarz, lief ihm das Blut von oben herab. In Höhe der Brust spiegelte es sich in der losen Klinge einer Sense, die tief in seinem Körper steckte.
Als wäre er im Augenblick seines Todes erstarrt, stand er nahezu aufrecht, gestützt durch die Wand im Rücken. Der letzte Atemzug war eingefroren in diesem Bild, in diesem Anblick des so ruhelosen Leichnams.
Der grausame Ausdruck seiner Augen forderte Levins Blick, fesselte ihn, zwang ihn dazu, in sie hineinzuschauen. Er konnte sich kein Stück mehr regen und eine unsichtbare Kraft schien ihm die Luft im Halse abzuschnüren. Er war vollkommen im Bann des unheimlichen Toten.
Da plötzlich flammten Lichter auf. Rundherum. Hinter den Fenstern der Häuser wurde es hell. Levins Augen zuckten erschrocken von einem Licht zum nächsten.
Wie ein Blitz schoss das vielfache Leuchten den einen nur möglichen Gedanken in seinen Kopf:
Weg hier!
Er riss seinen noch immer zitternden, halb erstarrten Körper von der Wand los und rannte.