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Geschichten einer Kriegerin – Magie der Angst (4)

Girlschool weckt mich, hart und brutal. Dadurch vergesse ich sofort, was ich geträumt habe, zumal ich damit beschäftigt bin, mir herzuleiten, wer ich überhaupt bin. Und wo.
Letzteres wird mir dann doch relativ schnell klar, als ich die dicken Stoffvorhänge sehe, die den Sonnenschein draußen halten sollen. Die Aufgabe erledigen sie mit Bravur, ich weiß bloß nicht, ob draußen überhaupt die Sonne scheint.
Und wer bin ich denn nun? Fiona? Lois? Vampirlady?
Und was zum Teufel soll eigentlich dieser Lärm?
Teufel ist ein gutes Stichwort, das lässt mich schlagartig daran erinnern, dass „Race with the devil“ mein Klingelton für James ist.
James!
Ich setze mich im Bett auf und suche das Handy. Warum auch immer, ich finde es auf dem Boden, wo es durch die Gegend hüpft. Bis ich es eingefangen habe.
„Ja!“, keuche ich in den Hörer.
„Schon wieder?“, fragt James.
„Was ist los? Was schon wieder?“
„Na ja, das Einschlafprogramm gestern Abend …“
Ah! Das meint er! „Äh …“ Ich räuspere mich. „Nein, eigentlich nicht. Habe tief und fest geschlafen. Wie spät ist es denn?“
„Halb neun.“
„Was?!“
„Hast du einen Termin?“
„Ja, irgendwie schon.“ Seufzend fahre ich mit der freien Hand durch meine Haare. „Ich will noch frühstücken und Frühstück gibt es … Keine Ahnung, habe nicht gefragt. Liane Cook, die Schwester des Polizeichefs und Witwe des Bruders des Wirts mit dem erstaunlich guten Wein, der, also der Bruder, von einem umkippenden Traktor erschlagen wurde.“
„Ja, das kommt vor.“
„Was kommt oft vor?“
„Nicht oft, aber gelegentlich. Traktoren stehen nicht so stabil auf ihren Rädern, wie man gemeinhin annehmen könnte. Das führt immer wieder zu gequetschter Milz und so. Wobei die gequetschte Milz nicht das Schlimmste ist, sondern die gebrochenen Rippen, die sich durch Herz und Lunge gebohrt haben.“
„Hast du was getrunken?“, erkundige ich mich verwirrt.
„Schon seit einer Weile nicht mehr.“
„Also schön. Lassen wir das. Ich muss pullern und mich anziehen.“
„Mach doch.“
„Bin ja schon dabei!“ Da ich eh nackt schlafe, brauche ich nur ins Bad zu gehen. Während ich gähnend auf dem Klo sitze, erkundige ich mich, was er denn gerade tut.
„Ich ziehe mich an, habe einen Termin. War schon eine Stunde mit Danny laufen, Sandra hat die Nacht ja bei ihren Großeltern verbracht.“
„Oh je.“
„Sandra ist bei ihnen sicher.“
„Mir tun eher meine Eltern leid. Egal. Du musst jetzt arbeiten, und ich auch.“
„Ja, das stimmt. Dann geh mal jagen.“
„Mach ich, großer Meister. Hab dich lieb.“
Er murmelt etwas, das sich so ähnlich wie „Ich dich auch“ anhört, dann legt er auf. Ich muss unwillkürlich grinsen. Wenn es darauf ankommt, wenn Kaltblütigkeit und Handeln gefordert sind, wenn es um Leben und Tod geht, dann ist er in seinem Element, hundertprozentig da. Das habe ich ja mehrmals erleben dürfen.
Aber mit Gefühlen, da hat er es nicht so. Gar nicht, um genau zu sein. Zumindest tut er immer so.
Nach dem Bad ist die große Frage dran, was ich denn anziehen soll. Zum Glück oder leider ist die Auswahl, im Gegensatz zu zu Hause, sehr eingeschränkt. Ich entscheide mich also für eine Hemdbluse, deren Ärmel ich hochrolle, einen dunkelblauen Pullover mit V-Ausschnitt und kurzen Ärmeln, hellblauen Jeans und den Stiefeln von gestern.
Zum Schluss noch die Perücke und die Brille aufsetzen, fertig ist die Lois.
Na ja, fast.
Liane sieht aus wie gestern. Weißes Hemd, braune Cordjeans, schwarze Schuhe, die Haare adrett geknotet. Ich komme mir vor wie bei Mary Poppins.
Das Frühstück allerdings ist wirklich lecker. Liane konzentriert sich ganz auf mich, ich denke daher, dass ich wohl der einzige Gast bin. Egal. Ich bekomme hausgemachte Waldbeerenmarmelade auf Croissants, danach Butter vom Nachbarn auf selbstgebackenem Brot und Rühreier von glücklichen Hühnern hinterm Haus.
Und obwohl ich eigentlich verwöhnt bin, denn James und ich achten beim Einkaufen sehr darauf, wo die Lebensmittel herkommen, ist es trotzdem ein Unterschied wie Tag und Nacht.
„Ich denke, ich komme in Zukunft immer hierher zum Frühstücken“, bemerke ich.
„Ist das nicht ein wenig zu weit weg dafür?“, fragt Liane mit großen Augen.
„Ich würde mit dem Hubschrauber kommen“, erwidere ich.
„Das wird schwierig. Ich weiß nicht, wo Sie damit landen können.“
Ich sehe sie misstrauisch an. Die meint das ernst! Ausgeschlossen, dass sie sich so gut beherrschen kann, wenn sie, wie ich zuerst dachte, auf meinen Scherz eingestiegen wäre.
„Aber trotzdem freue ich mich, dass es Ihnen so gut schmeckt. Vielleicht möchten Sie etwas davon mitnehmen?“
„Wohin?“
„Nach Hause. In die Stadt. Wenn Sie abreisen. Sie reisen doch ab? Weil ich gerne das Frühstück für Sie mache, auch für eine Woche, oder zwei, aber nicht für immer.“
Ich rücke meine Brille zurecht. Was soll ich denn jetzt sagen? Ich bin mir inzwischen sehr sicher, dass es nicht gespielt ist, also ist sie ein wenig … in ihrer eigenen Welt. Falsche Antworten könnten verheeren Folgen haben.
Oh je.
Ich atme tief durch. „Ich denke, wir kommen mit weniger als einer Woche hin.“
„Oh nein, Miss Nale, ich wollte damit nicht andeuten, dass Sie mir zur Last fallen! Ganz bestimmt wollte ich das nicht ausdrücken!“
Und ich habe doch das Falsche gesagt. Verdammt. Zum Glück bin ich fertig mit dem Essen, hastig wische ich meinen Mund ab und erhebe mich.
„Machen Sie sich keine Sorgen. Wirklich nicht. Alles in Ordnung.“
Fluchtartig verlasse ich die Pension und eine vermutlich völlig aufgelöste Wirtin bleibt allein zurück, aber sie wird sich beruhigen. Vielleicht. Hoffentlich.
Der Dämon wohl eher nicht, sagt mir die Intuition.
Während ich in der Vormittagssonne viel zu leicht gekleidet auf John Wayne, äh, den Sheriff, äh, den Polizeichef warte, zünde ich mir eine Zigarette an. Gegen die Kälte laufe ich auf und ab. Wieso ist es Mitte März überhaupt noch so kalt, verdammt?
Bin jedenfalls froh, als der Landrover vom Sheriff, äh, ach, scheißegal, auftaucht. Ich schmeiße mich auf den Beifahrersitz und atme aus.
„Guten Morgen“, sagt er.
„Guten Morgen“, sage ich.
Dann fährt er los.
„Wohin fahren wir?“, erkundige ich mich.
„Zur blinden Hexe.“
„Zur blinden Hexe?“
„Ja. Wollten Sie nicht mit der sprechen?“
„Doch. Aber Sie wollten sie doch erst fragen. Von wegen, das geht nicht einfach so, man muss vorher fragen. Und so. Sie erinnern sich? Haben Sie selbst gesagt!“
Lois, aufwachen! Fiona macht alles kaputt!
„Das habe ich getan.“ Daniel Morgin wirft einen Blick von der Seite auf mich. „Alles in Ordnung?“
Ich atme erst ein und dann aus. Aber nur ganz sanft. Kaum bemerkbar, die Hände auf den Knien gefaltet, die Schienenbeine überkreuzt.
Schon besser. Endlich bist du wach, Lois.
„Ja, Captain Morgin, ich denke schon. Ent… entschuldigen Sie bitte.“
Er schüttelt den Kopf, sagt aber nichts dazu. Vermutlich ist es besser so, Lois ist noch nicht wirklich stabil. Doch nach der fast halbstündigen Fahrt, als wir vor einem erstaunlich modern wirkenden Haus, zumindest für diese Gegend, anhalten, hat sich Fiona zurückgezogen und Lois das Ruder übernommen.
„Wem gehört das Haus?“, frage ich, selbiges irritiert musternd.
„Der blinden Hexe.“
„Dieses … Haus gehört …?“
„Sie ist nicht arm.“ Der Sheriff steigt aus und denkt mal wieder nicht daran, mir die Autotür aufzuhalten. Seine Manieren scheinen tagesformabhängig zu sein und die Tagesform äußerst schwankend.
Scheiß drauf. Los jetzt, Lois, hinterher!
Ich gehorche mir und hole den Sheriff auf einem sich sanft schlängelnden Fußweg aus Kies ein, der direkt zur Haustür führt.
„Ihr richtiger Name ist Samantha Teeport“, erklärt der Sheriff, ungewohnt gesprächig.
Ich beiße mir auf die Unterlippe, aber ich sage nichts dazu. Nein. Dazu werde ich mich nicht äußern. Die meisten Menschen können schließlich nichts für ihren Namen.
„Und wie lange wohnt sie schon in dieser Gegend?“, erkundige ich mich, gerade, als wir an der Haustür ankommen.
Bevor der Sheriff antworten kann, wird die Tür geöffnet. Von einer kleinen, schmächtigen Frau mit grauen Haaren in schwarzem Rock und hochgeschlossener Kragenbluse, ebenfalls schwarz, darüber trägt sie eine dunkelgraue Strickjacke.
Und Glasaugen.
Mit denen sie mich anstarrt. Ihr Gesichtsausdruck zeigt für einen Moment Erschrecken, dann entspannen sich ihre Züge wieder etwas. Schweigend wendet sie sich ab und schlurft ins Haus zurück.
Sie ist alt. Ziemlich alt sogar. Nicht so alt wie Katharina, aber an Elaine dürfte sie herankommen. Plusminus. Doch warum sieht sie so scheiße aus?
Tief durchatmend und nach einem Blick auf den Captain, folge ich ihr. Der Captain mir und macht die Tür hinter sich zu. Entweder hat er vor der Hexe viel Respekt oder seine Manieren sind gerade zu Besuch.
Samantha Teeport sitzt im Wohnzimmer, mit Blick auf einen großen Garten, der an den Wald grenzt, auf einer dunkelbraunen Couch und zündet sich eine Zigarette an.
„Wen zum Teufel hast du mir da ins Haus gebracht, Dan?“, fragt sie dann mit heiserer Stimme.
„Das ist Lois Nale. Sie wird den … Dreiarmigen fangen.“
„Die?“ Samantha mustert mich, was wegen der Glasaugen ziemlich irritierend ist. „Weißt du überhaupt, was sie ist?“
„Sie wurde von den Magischen Verbrechern ausgesucht“, erwidert der Sheriff und sieht mich ratlos an. „Was ist denn los mit dir, Samantha?“
„Du hast mir eine Kriegerin ins Haus geschleppt, das ist los!“
„Die vom Verein sagten, sie könnte mit dem Ding fertig werden. Das willst du doch auch.“
„Sicher. Setzt euch.“
Wir kommen der Aufforderung nach. Dan setzt sich auf die von der Hexe am weitesten entfernte Ecke der Couch, ich in einen Sessel ihr gegenüber, mit einem ovalen Glastisch zwischen uns.
„Weiß dieser Vollhonk eigentlich, was Sie sind?“, fragt die Hexe.
„Ich glaube nicht. Und Sie?“
„Ja. Ich bin zwar blind in der Gefrorenen Welt, aber ich kann die Energie spüren, die Sie umgibt. Sie sind eine Kriegerin, aber keine gewöhnliche.“
„Das stimmt.“ Ich werfe einen kurzen Blick auf den Sheriff, der mich irritiert ansieht. „Miss Teeport …“
„Mrs. Zwar schon lange verwitwet, aber trotzdem Mrs.“
„Also gut. Mrs Teeport, wie kommen Sie an einen Visz-Dolch?“
„Das ist eine sehr lange Geschichte“, murmelt sie. „Spielt das eine Rolle?“
„Weiß ich nicht. Solange ich nicht verstehe, was hier geschieht, kann ich das nicht sagen.“
„Ein Dämon hat mich geblendet und nun seine Eltern getötet. Muss eine Kriegerin mehr wissen?“
„Yep!“ Ich lege vorübergehend den Lois-Modus ab. „Ich töte keinen Dämon, bloß weil er ein Dämon ist.“
„Aha. Heißen Sie wirklich Lois Nale?“
„Nein. Ich bin Fiona Flame.“
„Fiona Flame? Das erklärt einiges. Sie haben den Ruf, sehr eigenwillig die Regeln für Gefährdung des Gleichgewichts auszulegen.“
„Es gibt keine Regeln. Und ja, ich treffe meine eigenen Entscheidungen. Wie kamen Sie eigentlich damals ins Spiel?“
„Man bat mich um Hilfe, als man festgestellt hat, dass das Baby etwas … etwas anders ist. Nicht nur wegen der drei Arme. Alles an ihm war seltsam.“
„Vielen Dämonen sieht man gar nicht so ohne Weiteres an, dass sie Dämonen sind. Ehrlich gesagt, wundere ich mich darüber, dass es hier anders war. Es muss einen Grund geben, warum diese Frau einem Dämon das Leben schenkte.“
Die Hexe zuckt die Achseln und drückt ihre Zigarette aus.
„Tut mir leid, darüber habe ich keine Kenntnis. Als ich hinzu gerufen wurde, ging alles ganz schnell, danach war ich mit mir beschäftigt. Wie Sie sicher nachvollziehen können.“
„Sicher.“ Und sie lügt wie gedruckt. Will sie mich, eine Kriegerin, ernsthaft verarschen? Hier ist eine Menge faul. Und ich werde herausfinden, was tatsächlich passiert ist. „Haben Sie eine Ahnung, wo der Dämon bisher sich aufgehalten hat?“
„Im Wald, soweit ich weiß.“
„Babys überleben üblicherweise nicht allein im Wald.“
„Kann schon sein. Im Wald gibt es ja viele Wesen, die sich um ihn gekümmert haben könnten. Als Kriegerin sollten Sie das am besten wissen.“
„Ich kenne auch nicht alle Wesen, die irgendwo in irgendeinem Wald existieren. Wie alt sind Sie eigentlich?“
„Alt.“
Das bestätigt meinen Verdacht. Was ich nicht verstehe, ist der Grund für ihr altes Aussehen. Elaine und Katharina sind auch alt, aber niemand sieht es ihnen an. Oder einem Vampir wie Anne Marie. Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht, und mein Gefühl sagt mir, dass das sehr wohl etwas mit dem Dreiarmigen zu tun hat. Sie wird es mir nur nicht verraten. Jedenfalls nicht freiwillig. Und nicht, wenn John Wayne daneben sitzt.
Letzteres kann ich sogar verstehen. Er hat ja schon daran zu knabbern, dass ich eine Kriegerin bin.
Das merke ich auch, als wir zum Auto gehen.
„Sie sind eine Kriegerin?“, fragt er.
„Fiona ja. Ich bin nur eine PSI-Fachfrau.“
„Jetzt hören Sie auf mit dieser Lois-Sache! Ich sehe ein, dass es notwendig ist für die anderen, aber mir brauchen Sie doch nichts vorzumachen! Warum hat mir niemand gesagt, dass Sie eine Kriegerin sind?“
„Wissen Sie überhaupt, was eine Kriegerin ist?“
„Magische Wesen, die darauf achten, dass andere magische Wesen nicht über die Stränge schlagen.“
„Na ja … Belassen wir es einfach dabei. Für den Fall spielt es nicht wirklich eine Rolle, ob ich eine Kriegerin bin oder nicht. Zumal wir immer noch nicht wissen, was das für ein Ding ist, das dreiarmig durch die Gegend läuft und alle Leute erschreckt.“
„Erschreckt?“ Der Sheriff hält mir ausnahmsweise mal die Wagentür auf. Oder die Manieren sind immer noch zu Besuch. So genau weiß man das ja nicht.
„Die Hexe hat Angst, aber gewaltig.“
„Ja, es war seltsam. Ich hatte auch so ein … komisches Gefühl.“
„Was für ein komisches Gefühl?“
„Haben Sie denn nichts gespürt?“ Der Sheriff legt seine Hand auf den Zündschlüssel, startet den Motor aber noch nicht, sondern sieht mich fragend an. Was ist denn mit dem los?
„Doch. Dass Samantha lügt. Wie gedruckt. Und Sie?“
„Bei ihr war es kalt und dunkel.“
Ich starre ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Hä? Da schien eindeutig die Sonne und es war hell. Im Garten jedenfalls. Kalt und dunkel war es aber auch im Wohnzimmer nicht wirklich. Dass ausgerechnet dieser Mann so was sagt, finde ich mehr als seltsam. Selbst wenn es wirklich kalt und dunkel gewesen wäre, würden Leute wie er das nicht so beschreiben.
Ich blicke nach vorne. „Fahren Sie mich bitte in den Wald, wo das Baby ausgesetzt worden war.“
„Warum?“
„Fahren Sie einfach. Bitte.“
Nach einem kurzen Moment startet er den Motor und gibt Gas.
Ich schließe die Augen und denke nach.