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Leseprobe: Yaron

Yaron

Ella nahm Yarons Namen nur selten in den Mund. Sie sprach ihn eigentlich nur aus, wenn sie mit ihrer Mutter redete. Doch solch ein Gespräch lag mittlerweile schon wieder Wochen zurück.
Yaron bei seinem Namen zu rufen, hatte damals schon keinen Sinn mehr. Sein Gehör hatte sich in den letzten Monaten derart verschlechtert, dass er eigentlich nur noch mitbekam, was man ihm direkt ins Ohr schrie oder was er anderen Menschen von den Lippen ablesen konnte. Für Ella war es besser, ihren Bruder am Ärmel zu zupfen. So zog sie seine Aufmerksamkeit auf sich und konnte ihm dann mit kleinen Zeichen zeigen, was sie ihm ansonsten gesagt hätte.
Nun aber schrieb Ella seinen Namen. Ihr neuer Klassenlehrer hatte den Kindern ihre erste Hausaufgabe gegeben: sie sollten ein Bild ihrer Familie malen und sich darauf mit Namen benennen, vorausgesetzt, sie konnten ihn schon schreiben. Ella konnte es. Und sie konnte auch Yarons Namen schreiben. Das hatte er ihr bereits beigebracht. Ella war wissbegierig. Sie fragte Yaron andauernd nach den verschiedensten Dingen. Und wenn er ihr antwortete, wollte sie wissen, wo er das gelernt habe. Meistens sagte Yaron, das habe ihm seine Großmutter gezeigt. So konnte er seiner Schwester von dieser alten Frau erzählen, die in seinem Leben eine so wichtige Rolle spielte, die Ella aber bisher nicht kennengelernt hatte. Einmal gestand sie ihm, dass sie ihn um sein Leben bei den Großeltern beneide. Dass Yaron sie gleichermaßen um ihre Zeit mit ihren Eltern beneidete, behielt er jedoch für sich. Er wollte diesem kleinen Mädchen nicht erklären müssen, was sie wahrscheinlich noch nicht verstand. Manchmal verstand er selbst es ja nicht.
Auf dem Heimweg von der Einschulungsveranstaltung wollte er von Ella wissen, ob sie für den nächsten Tag irgendwelche Aufgaben zu erledigen habe. Als sie ihm mit ihren kleinen Fingern klarmachte, dass sie ein Bild malen müsse, zog er sie kurz vor ihrem Zuhause in den Hof, wo ein Herrenausstatter, dessen Lager direkt an ihr Haus stieß, seine Abfallcontainer stehen hatte. Aus einem riesigen Papiercontainer fischte Yaron zielstrebig zwei rechteckige Kartonstücke. Solche hatte er schon seit Wochen dort herausgezogen, wenn Ella Papier zum Malen benötigte. Es waren stabile Pappstücke, die auf der einen Seite grau und auf der anderen schneeweiß waren. Yaron hatte einmal durch Zufall beobachtet, wie der Azubi dieses Herrenausstatters eine große Menge dort hineinwarf. Es handelte sich um Einlagen für Herrenhemden. Da in diesem Geschäft die Hemden aber auf Bügeln präsentiert wurden, waren diese Kartons überflüssig. Und nach jeder Warenlieferung konnte man mehr als genug davon ergattern.
Auf ein solches Stück Pappe hatte Ella nun mit Buntstiften ihre Familie gemalt. Genau in der Mitte stand ihr Bruder und hielt seine kleine Schwester an der Hand. Als er Ella fragte, warum sie ihn denn so groß gemalt hatte, sagte sie, er sei der wichtigste Mensch für sie. In der linken oberen Ecke stand ihre Mutter. Sie war wesentlich kleiner gemalt, schaute ernst und winkte. Der Vater befand sich rechts unten auf dem Bild. Er saß und schaute weniger ernst als die Mutter. Obwohl Ella auch Mama und Papa schreiben konnte, beließ sie es bei Ella und Yaron.
Wie Ella fand auch Yaron, dass es für die erste Hausaufgabe völlig ausreichte, zwei Namen schreiben zu können. Sonst hielte man sie nur für eine Streberin. Und Streber konnte keiner leiden. Das wusste er aus eigener Erfahrung. In seiner alten Schule in Russland war das so gewesen. Und wenn es dort so war, warum sollte es hier anders sein?
„Warst du dieser Streber, den niemand leiden konnte?“, fragte Ella frei heraus, wie es nur kleine Kinder konnten.
Yaron machte eine abwehrende Handbewegung, denn darüber wollte er nichts erzählen. Natürlich war er dieser Streber gewesen, obwohl er sich selbst nie für einen hielt.
„Ist ja egal!“, sagte Ella gleich darauf. Sie beschloss, ihn nie wieder danach zu fragen.
Das Mädchen vermied sowieso instinktiv die Themen, die ihren Bruder traurig machten. Sie wollte lieber mit ihm herumalbern. Oft war er aber nicht zum Albern aufgelegt. Ab und zu kam es vor. Das waren dann die Augenblicke, in denen er nichts Wichtiges zu überlegen hatte.
Ella betrachtete ihr Bild mehrmals und packte es anschließend zufrieden in ihren Schulranzen, der einmal Yaron gehört hatte. Dann nahm sie ihr Hausaufgabenheft zur Hand und blätterte auf den ersten Tageseintrag vor. Dort hatte sie einen Rahmen gemalt, der sie an das Bild erinnern sollte. Das war bestimmt nicht notwendig gewesen. Sie redete, seit sie zu Hause waren, von nichts anderem. Jetzt aber setzte sie einen dicken Haken hinter den Rahmen. Erledigt!
„Sollt ihr eure Hausaufgaben abhaken, wenn ihr sie fertig habt?“, fragte Yaron seine Schwester.
„Nein, aber du machst das doch auch immer so, oder?“, bekam er zur Antwort.
Er wusste, was Ella meinte. Er hatte seine Listen. Die hingen an jedem Schrank und neben der Eingangstür. Alle Dinge, an die er denken oder die er einteilen musste, notierte er sich. Und das waren damals ziemlich viele; Wäsche, Einkäufe, Lebensmittelvorräte usw. Yaron lebte ständig in der Angst, irgendetwas zu vergessen oder an einem Tag ohne die nötigen Lebensmittel dazustehen. So schrieb er sich Listen, damit ihm der Kopf nicht platzte. Wenn ein Punkt erledigt war, setzte er einen Haken dahinter.
Zur Feier des Tages hatte Yaron seiner Schwester Grießbrei mit Obst versprochen. Das war ihr Lieblingsessen. Für frisches Obst reichte das Geld nicht aus. Er hatte stattdessen eine kleine Dose Obstsalat gekauft. Als Ella sich an den Küchentisch setzte, brannte zwischen den beiden Tellern die große, rote Kerze, die sie sonst nur an Geburtstagen oder während eines Gewitters anzündeten. Yaron verteilte den Grießbrei gleichmäßig in zwei Suppenteller, drückte in der Mitte jeweils eine Mulde und füllte den Obstsalat hinein. Wieder hatte er ein Versprechen halten können und fühlte sich für eine Weile erleichtert.
Sie aßen still. Yaron war müde, denn er war an diesem Tag schon sehr früh aufgestanden, hatte nach Ellas Kleidung geschaut, ob noch ein Fleck zu entfernen sei, und schließlich eine Tüte Gummibären in ihre Schultüte gepackt. Als sie von der Einschulung wieder zurück waren, ging er noch schnell einkaufen und räumte anschließend die Lebensmittel in den Schrank. Auch dort hing eine seiner Listen, die er aktualisieren musste. Alles war peinlich genau für die nächsten sieben Tage eingeteilt.
Das Geld, das er nach dem Einkauf übrig hatte – an diesem Montag waren es vielleicht zwei Euro – legte er in eine kleine Spanschachtel mit Klappdeckel. Das war die eiserne Reserve, die er nur anrührte, wenn es gar nicht anders ging. Am kommenden Freitag erwartete Yaron wieder einen Brief seiner Mutter. Sie bekam immer bis spätestens am Fünften eines Monats ihren Lohn und schickte dann sofort das Haushaltsgeld für die nächsten vier Wochen. Wenn der Brief pünktlich ankäme, konnte er Ella endlich ein Paar Turnschlappen kaufen. Er hatte sich schon notiert, wo am folgenden Wochenende Kleiderbasare veranstaltet wurden.
Bis dahin mussten sie sparen. Die Mehrkosten für Ellas Hefte und Bucheinbände hatten ein riesiges Loch in die Kasse gefressen. Die Schultüte hatte er seiner Mutter gegenüber gar nicht erst erwähnt. Diese Idee war auf seinem eigenen Mist gewachsen. Er wollte unbedingt, dass seine Schwester eine Schultüte bekam. Jedes Kind hier in Deutschland begann die erste Klasse mit einer Schultüte. Also sollte Ella auch eine haben!
Nachdem sie das Geschirr vom Abendessen abgewaschen und weggeräumt hatten, setzten sie sich auf das Bett ihrer Mutter und Yaron zog zwei neue Zeitschriften unter seinem Sweatshirt hervor. Die hatte er ebenfalls aus einer Tonne gefischt. Er wusste, wo er suchen musste. Der Friseur um die Ecke warf immer montags die alten Hefte weg. Die Putzfrau arbeitete bis kurz vor acht. Als letztes leerte sie ihre Abfallbehälter und entsorgte das Altpapier. Wenn Yaron es schaffte, diesen Zeitpunkt genau abzupassen, konnte er die Hefte unversehrt ergattern.
Die Kreuzworträtsel in diesen Heften waren meistens unberührt. An die machten sich die Geschwister zuerst. Yaron las vor und Ella durfte die Buchstaben einsetzen, wenn sie die Antwort wussten. So hatte er mit ihr schon seit über einem Jahr das Lesen und Schreiben geübt. Natürlich nur in Druckbuchstaben. Wenn es dann dunkel wurde, legten sie die Zeitschriften beiseite und verkrochen sich unter die Decke. Sie hatten zwar zusammen ein eigenes Zimmer, doch schliefen sie lieber im Ehebett ihrer Eltern. So fühlten sie sich einander näher. Und außerdem stand neben diesem Bett ein Nachttisch und auf ihm der einzige Wecker der Familie.
Noch vor ein paar Wochen hatte Yaron vor dem Einschlafen mit Ella gesprochen. Meistens hatte sie Fragen gestellt und er hatte geantwortet. Das war mittlerweile nicht mehr möglich. Es wurde viel zu früh dunkel und er konnte ihre Lippen nicht mehr sehen. Das Deckenlicht wollte er aber nicht anmachen. Yaron befürchtete, er könne einschlafen und vergessen, es zuvor zu löschen. Strom kostete auch Geld.
Statt zu reden, hielten sie sich nun bei der Hand. Ellas Atem konnte er nicht mehr hören, aber er spürte ihre Wärme. Meistens schlief Yaron zuerst ein. Die Tage mit Ella allein strengten ihn an, mehr als er es sich selbst eingestehen wollte.
Doch an diesem Montag war er zu aufgewühlt, um zu schlafen. Er drehte sich zur Seite und betrachtete die Umrisse von Ellas Gesicht in der Dämmerung. Wie gerne hätte er in diesem Augenblick mit ihr getauscht! In eineinhalb Wochen würde ihre Mutter wieder für ein paar Tage kommen. Yaron sehnte sich nach diesem Tag, denn jetzt, da sie mehr Geld verdiente, war sie lange nicht mehr so verzweifelt wie zuvor. Dann konnte auch er für drei Tage Kind sein. Wahrscheinlich würden sie auch wieder den Vater besuchen gehen, diesen Mann, der ihm so fremd war und dem seine Schwester so sehr ähnelte.