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Leseprobe: Durch die Nadelöhr ins Himmelreich

Durchs Nadelöhr ins Himmelreich

Mit 18 Jahren sagte Sonja den Blumenwiesen ihres heimatlichen Dorfes Ade und folgte ihrem Traum vom Studium im aufregenden Berlin. Schon der Umzug dorthin im VW-Bus, vollgestopft mit ihren geliebten Büchern, Bett und Kochutensilien, ließ sich denkbar schwierig an. Sie erreichten die DDR Grenze an einem verregneten Oktobertag und gerieten an übel gelaunte Grenzposten, die Sonja zwangen, jedes einzelne ihrer vielen Bücher aus den Kartons zu zerren und den Herrschaften zur Ansicht vorzulegen. Am Ende waren die Bücher nass und Sonja von ihrer unterdrückten Wut völlig erschöpft.
Sie erreichten die Stadt viele Stunden später als geplant und es regnete immer noch. Sonja und ihr Begleiter schleppten Bücher, Bett und Kochgerätschaften in den vierten Stock eines ziemlich heruntergekommenen Mietshauses am Paul-Lincke-Ufer, wo sie durch die Vermittlung eines Freundes ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft gemietet hatte. Das Zimmer war geräumig, allerdings wirkte der Stuck an der hohen Decke wie angekokelt und die nackte Glühbirne, die dort angebracht war, machte den leeren Raum nicht gemütlicher. Die Mitbewohnerin, die sie eingelassen hatte, verschwand gleich wieder, fröhlich verkündend, dass sie nur selten hier schlafe. Sie sei meistens in der Wohnung ihres Freundes und behalte ihr Zimmer hier nur noch zur Sicherheit, falls es mit dem Freund schiefgehen sollte. Die dritte Bewohnerin sei schon vor zwei Monaten auf einem Pferd von Berlin in Richtung Pyrenäen geritten, auf der Suche nach einem einfacheren Leben.

Der nächste Tag war ein Samstag und Sonja erkundete ihre neue Umgebung. Gleich um die Ecke geriet sie auf einen türkischen Markt. Frauen in dunklen Gewändern und Kopftuch, mit kleinen Kindern an der Hand, drängten sich um Stände mit köstlich frischem Obst und exotischem Backwerk, während die Verkäufer hinter den Ständen ihre Ware auf Türkisch anpriesen. Dies war eine völlig neue Welt für Sonja, die auf dem Dorf aufgewachsen war und noch nie einen Ausländer zu sehen bekommen hatte. Anfangs mischte sie sich freudig unter die Käuferinnen, bestaunte Chilischoten, eingelegten Schafskäse, Baklava und türkische Pizza, und nahm sich vor, später ein paar dieser Köstlichkeiten auszuprobieren. Im Augenblick aber trieb es sie weiter. Sie wollte ein Gefühl für diese Stadt bekommen, die sie sich als ihre neue Heimat erwählt hatte.
Irgendwann, etwa auf der Mitte des endlos langen Kottbusser Dammes, schlug ihre Stimmung um. Die rußgeschwärzten Kreuzberger Häuserfassaden schienen plötzlich höhnisch auf sie herabzublicken und ihr sagen zu wollen, dass sie hier nicht hingehöre. Da überfiel sie die Angst, diesem Moloch Stadt nicht gewachsen zu sein, gleichzeitig aber von ihm gefangen gehalten zu werden. Das war das Nachbeben der Grenz-Schikane vom Vortag. Wer solche Schwierigkeiten beim Überschreiten der Grenze hat, kommt, nachdem er eingelassen wurde, vielleicht nie mehr heraus? Überhaupt, die Mauer – sie war am Stacheldraht-Grenzzaun zur DDR aufgewachsen und meinte, ein abgeklärtes Verhältnis zur Grenze quer durch Deutschland zu haben. Aber hier in Westberlin fühlte sich das ganz anders an: nicht geteilt, sondern eingeschlossen und belagert. Und das in einer endlosen Steinwüste, in der sie keine Menschenseele kannte.

In der darauffolgenden Woche fing ihr Semester an, das sie sich engmaschig mit Germanistik- und Politik-Vorlesungen und -Seminaren vollgepackt hatte, ihre altbewährte Methode, um keine Lücken entstehen zu lassen, durch die irgendeine Verzweiflung hereinströmen könnte. Disziplin – die hatte sie vom Vater gelernt.
Um zur Universität zu gelangen, musste sie einmal quer durch Berlin mit U- und S-Bahn mit zweimaligem Umsteigen. Auf dem Campus angekommen, eilte sie in ihre Seminare oder Vorlesungen und blieb häufig den ganzen Tag dort, weil es sich nicht lohnte, in einer zweistündigen Pause die Weltreise zurück in ihre Studentenbude auf sich zu nehmen. Solange sie sich gewissenhaft auf ihr Studium konzentrierte, schien sie innerlich im Gleichgewicht zu sein. Lernen hatte ihr immer schon riesigen Spaß gemacht. Nach ein paar Wochen allerdings schlich sich eine Unruhe in ihr Herz und sie musste sich eingestehen, dass sie sich unerträglich einsam fühlte.
Sie hatte zwar Kontakt zu anderen Studenten ihres Semesters während der Seminare und in den Pausen. Abends jedoch verschwanden diese Kommilitonen irgendwohin, wo Sonja eine liebe Mama, einen Freund oder zumindest eine funktionierende Wohngemeinschaft vermutete. Wenn sie selbst nach Hause zurückkehrte, hielt sie nur einsame Zwiesprache mit ihrer trostlosen Glühbirne, die immer noch so nackt an der hohen Decke baumelte, wie sie sich selbst irgendwie nackt und schutzlos fühlte. Daran, dass sie nichts tat, um dieser hässlichen Glühbirne einen improvisierten Schirm zu basteln, wie sie es zu Hause sofort getan hätte, konnte Sonja den Zustand ihres Herzens ablesen. Irgendwie war es ihr nach vielen Wochen immer noch nicht gelungen, in dieser Stadt anzukommen und Ja zu sagen zu ihrer Situation.
Nach einer schlaflosen Nacht erkannte Sonja das Ausmaß ihrer Bedürftigkeit und erschrak. Dies war eine Gefühlslage, vor der sie sich mehr fürchtete als vor irgendetwas anderem. An ihrem Grund lagen Selbstzweifel und diese brachten Abhängigkeit hervor. Wenn du dich selbst nicht liebst, suchst du diese Liebe bei jemand anderem. Er möge dir das Gefühl geben, dass du liebenswert seist.
In ihrem Innersten wusste Sonja schon lange, dass sie lernen sollte, sich selbst anzunehmen. Denn nur so konnte wirkliche Liebe zwischen ihr und einem anderen Menschen entstehen, alles andere war eine Illusion. Aber sie schob diese innere Stimme immer wieder beiseite, denn dann hätte sie sich der tiefen Verlassenheit stellen müssen, mit der ihre Kindheit begonnen hatte und die als untergründige Angst ihr Leben überschattete. Unbehaust sein – das war die Grundmelodie, aus der sich die Stimme der Bedürftigkeit quälend erhob, nach Heimat suchend. Diese große, eingeschlossene Stadt hatte ihre Lebensmelodie klar und deutlich zutage gefördert und sie wurde ihr von der abgaserfüllten Luft, von den Graffiti an den Bahnhöfen und natürlich von der allgegenwärtigen Mauer zurückgespiegelt. Letztere verlief direkt durch ihr Herz.

Das Fahren mit der U-Bahn fiel ihr immer schwerer. Hier fühlte sie sich besonders eingeschlossen und den Blicken ihrer Mitreisenden ausgesetzt. Sie bildete sich ein, diese Blicke könnten in ihr Innerstes eindringen und dort ihre existentielle Unsicherheit entdecken. Wenn ihr jemand übel mitspielen wollte, könnte er sehen, wie wehrlos sie sich fühlte, und dann könnte sie leicht zum Spielball fremder Mächte werden. Auf die Idee, dass sie Hilfe brauchte, kam sie nie. Denn sie war es von Kindheit an gewohnt, dass sie mit der Welt allein fertig zu werden hatte. Und so panzerte Sonja sich mit einem verkrampften Lächeln, das sie in der Öffentlichkeit als Schutzmauer einsetzte.
Das wiederum brachte sie in neue Schwierigkeiten. Jeden Abend, wenn sie mit der U-Bahn Richtung Kreuzberg fuhr, stiegen viele türkische Männer zu. Das Zwangslächeln wurde jetzt zur Falle. Die Männer schauten sie ganz unverhohlen an und sie fühlte sich unter ihren Blicken nackt. Etwas in ihr wollte gesehen werden. Ihr eigenes Sehnen, von einem Mann einfach in den Arm genommen zu werden, beschützt und begehrenswert zu sein, war so zwingend, dass sie es nicht mehr verbergen konnte. Und so musste ihr Lächeln für diese fremden Männer wie eine Aufforderung erscheinen, ihr zu nahe zu treten. Und dafür schämte sie sich.
Sie war nicht mehr in der Lage, sich abzugrenzen, und diese letzte Strecke ihrer Reise glich einem Spießrutenlauf. Wenn sie das Kottbusser Tor erreicht hatte, stürzte sie schweißüberströmt aus der Bahn und es dauerte lange, bis ihr ängstlich pochendes Herz sich beruhigt hatte.

Sie begann, die Uni zu schwänzen, aus Angst vor der U-Bahn. Auf dem Bett liegend hielt sie Zwiesprache mit der nackten Glühbirne und sah niemanden, tagelang. An wen sollte sie sich auch wenden, sie war mutterseelenallein in Berlin. Aber so weit, sich ihr Scheitern an der eingeschlossenen Stadt einzugestehen, war sie noch nicht. Und dies als Fingerzeig des Lebens zu nehmen, sich ihren Angstzuständen zu stellen – dafür war weder die persönliche noch die historische Zeit reif.
Wenn sie von der Glühbirne genug hatte, ging sie in die kalte Küche und machte den kleinen Fernseher an, den jemand auf den Kühlschrank gestellt hatte. Obwohl sie für Fernsehen bisher nur verächtliche Gefühle aufbringen konnte, erwies sich dieser kleine Flimmerkasten als echter Freund, besonders wenn gute Filme liefen. Sonja liebte Kino über alles und sie war in ihren ersten Semestern in Heidelberg Mitglied des studentischen Filmclubs gewesen. Eines traurigen Berliner Abends flimmerte über den kleinen Fernsehkasten Belle de Jour von Buñuel, ein Film, den sie schon dreimal gesehen hatte, so sehr faszinierte sie die Heldin Séverine, gespielt von der bildschönen Catherine Deneuve. Schlafwandlerisch lebt diese Frau ihre sexuellen Phantasien aus, angeekelt von der Falschheit und Doppelmoral ihrer Klasse. Der Regisseur hält es herrlich in der Schwebe, ob Séverine sich nun wirklich oder nur in ihrer Vorstellung ihren perversen Partnern hingibt. Gerade durch den diskreten Umgang mit der weiblichen Lust entstand für Sonja jene schwebende erotische Spannung, die der Film schon die vorigen Male bei ihr ausgelöst hatte. Mit Pornographie hatte das nichts zu tun, denn sie verstärkte normalerweise bei ihr das Gefühl des ekelerregenden Beschmutzt-Werdens. Buñuel aber ließ seine Heldin selbst bei den perversesten Männern fast unschuldig erscheinen, weil sie einem höheren Gebot der Lust zu folgen schien, das gegenüber der Verlogenheit ihrer Ehe die Wahrheit für sich reklamierte.

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Leseprobe: Durchs Nadelöhr ins Himmelreich

Bloß keinen Redner im Bett!

Durchs Nadelöhr ins Himmelreich

Einen Redner im Bett zu haben kann zur hysterischen Implosion führen. Schon beim Entkleiden spricht der Redner über die katastrophale Einrichtung der Welt in fünffüßigen Jamben und verheddert sich dabei in seinen Hosenbeinen. Mit weit ausholender Gestik wirft er beim Reden auch noch die Kerze um, die seine Partnerin liebevoll auf die Nachtkonsole gestellt hat. Statt den dabei entstehenden Brand wie ein Mann zu löschen, vergisst der Redner, sich weiter zu entkleiden, weil er seiner Partnerin einen Vortrag halten muss über die Gefahr von Kerzenbränden im Bett und dass London wegen einer solchen Kerze am Bett schon zweimal abgebrannt sei, man stelle sich vor, diese Kulturstadt! Dabei verheddert sich der Redner ein weiteres Mal, diesmal in seinen fünffüßigen Jamben, und fällt desorientiert aufs Bett, weil er den Faden verloren hat, um was es an diesem Ort eigentlich gehe. Er besinnt sich doch schnell und zitiert aus der Geschichte der Sexualität den Marquis de Sade, der ein echter Mann gewesen sei. Und schon, den Faden wiederfindend, schwingt der Redner sich zwischen den Laken auf zu stolzen rhetorischen Figuren, die über die wachsbekleckerte Dame herfallen und sie am ganzen Körper zwicken, wobei ihr die letzte Lust vergeht, die sie vielleicht noch auf den Mann im Redner hatte. Der aber bemerkt den Stimmungswechsel im Bett nicht, denn ihm schwillt von seiner selbstverliebten Rede gerade der Kamm, die Rhetorik lässt seine Stirnadern heftig hervortreten und dabei seinen Partner, den Schwanz, zu einem erbärmlichen Krümel schrumpeln. Inzwischen aber ist seine Dame, umschwebt von leeren Worthülsen, einfach implodiert.

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Leseprobe: Paternoster – Vom Auf und Ab des Lebens

Paternoster

Regensonntage mit ihren kleinen Fluchten zwischen zwei ‚Eigentlich-Sollte-Ichs‘ sind mir schon von Kindesbeinen an kleine Oasen launiger Verschwendung von Zeit. Letzte Inseln von Unverplantem, die das Endlosförderband alltäglicher Begebenheiten zwischen den Ausrufezeichen des Lebens beschert. So bin ich – ansonsten frei von weltanschaulichem Bekenntnis – doch dankbar für der Hüter christlicher Werteordnung unerbittlichen Kampf zur Verteidigung dieser letzten, immerhin doch leidlich stillen Bastion.
Auf der Schaukel so gepflegter Sonntagsträgheit tauchte mir neulich ein blasspapierner Fetzen von Gelesenem auf: zerfledderte Pflichtlektüre, reformierte Oberstufe, der Böll. Darin überpünktlich Dr. Murke mit zeitloser Brille, Kultur-Sachwalter besprochener Tonbänder in einem namenlosen Funkhaus einer noch namenloseren Stadt. Der seine akkurat versehenen Dienstzeiten täglich neu einläutete mit rituellen Fahrten im diensteigenen Paternoster – höchstpersönlicher Adrenalinstoß frühmorgens um acht. Bange Sekunden ganz oben im Schacht, Umsetzung der Kabine nach abwärts und unten – er kultivierte dieses tägliche Stück freien Falls, kalkulierbarer Wagemut des Rundfunkbediensteten auf Schicht. Herr über Endlosmeter von Tonbändern, wohl Hunderte von Sprechpausen hatte er daraus freiwillig seziert, gesammelt in einer Keksdose, eine ihm merkwürdig heilige Pflicht. Klebte sie zusammen zu einem größeren Schweigen, ein dreiminütig-stummes Hörspiel für seinen Feierabend. Kleine Hommage an die Pausen im allgegenwärtigen Rauschen aus gesprochenem Wort: Dr. Murkes gesammeltes Schweigen.
Paternoster – dem einen Gebetsmühle im Pocketformat, dem anderen ein Anachronismus von Aufzugssystem, Auslauf­modell beide zwischen Aufstieg und Fall im beständigen Fortlauf von Zeit. Wir darin, im Zustand eiligster Verrichtung – nicht immer imstande, dem rastlosen Takt stummer Rotation präzise zu folgen.
Letzte Fahrt im Paternoster, rückwärts geht’s in der engen Kabine, vier Jahrzehnte von hier. Taucht er wieder auf aus dem Nebel kindlich-bedeutsamem Bordpersonals, ein Omar Sharif unter den Militärseelsorgern, manch schmachtender Blick ondulierter Offiziersgattin klebte an seinem mächtigen Talar. Wortgewaltig, mit Tempo und gebietender Verve schritt er einher, als gälte es, Luthers Thesen im Sturm zu erobern. Aus meiner kindlichen Sicht der wohl klügste, aber auch der strengste Mann dieser Welt. Schlohweißes Haar, sorgsam in Wellen gelegt, stechender Blick, der einem wahren Christen wohl noch im Koma das Apostolische Glaubensbekenntnis hätte abtrotzen mögen. Ein strenges, aber gerechtes Regiment führte der Hirte soldatischer Herde zwischen des Lebens Aufstieg mit Taufe und seinem Fall von Vergehen.
Eine Gemeindebusfahrt mit ihm über Land sticht aus dem erinnerten sonntäglichen Reigen zwischen klebrigem Tee und Warteschleife vor Flipper und Lassie heraus. So verschonte der Volkstrauertag uns zwar vor Predigt und wöchentlich-evangelischer Narkose aus Liturgie und schiefem Gesang; nicht aber vor kirchlicher Segnung auf dem kargen Grund eines entfernt verregneten Soldatenfriedhofs im Wald.
Alles konnte ich damals ertragen: Busübelkeit, beschlagene Scheiben und dumpfes Gemurmel aus den Pelzmänteln rundum. Trompetensolo über den abertausend kleinen Beton­kreuzen, irgendwie trotzig aus dem Morast der Ardennen erhaben. Selbst das strikte Verbot kurzweiliger Turnübungen am zentralen Gedenkstein strapazierte mein kindliches Gemüt nicht so sehr wie der jährlich einmalige Tränenausbruch und das Schweigen der Väter lang noch nach dem Klang dieser aus Klage gemachten Musik. Und mir stockte der Atem, mein Vater weinte doch nie und es gab keinen Trost – das fühlte ich wohl. Ich fror und wollte nur noch nach Hause. Damit mein Vater nicht weint.
Gebetsmühlen des Schweigens, ein fernkaltes Grauen vor den Toren der Stadt, selbst wir Kinder fanden dafür kein würdiges Wort. Einen sinnvollen Text über Betonkreuzen, die beredter nicht künden konnten von dem was geschieht, wenn Worte versagen und ein eisiges Schweigen beginnt. Kalter Hauch bis in heutige Tage, die Kindern und Enkeln wenig verwertbaren Text hinterließ. Ein kaum verstehbares Erbe, kein Brückenschlag von Verstehmich gelehrter Chronisten, die selbst wohl nur ahnten von dem, was vor all diesen Kreuzen geschah. Vermisste ich schon als Schulkind auf jenem Soldatenfriedhof einen fühlbar sinnstiftenden Rosenkranz aus Gesprächsperlen von Ich hin zum Du – mühsam zu lernen bis heute.
Banger Sonntagsblick in meine persönliche Keksdose gesammelten Schweigens, beredter doch oft als ein Stammtisch nach Runde elf. Blick auf die Sprechpausen im Paternoster des Herzens, die eines Wortes bedurft hätten im Sinn von Erlösung – und es blieb vielfach aus.
Heinrich Böll, abgereist nach Diktat, ließ ein paar Schnipsel liegen in des Paternosters Kabine bergab, blasspapierne Fetzen eines Chronisten auf Zeit. Der Krieg, so steht im Gekritzel geschrieben, sei niemals zu Ende. So lange noch eine Wunde blute, die er schlug. Bleibt ein brummender Aufzug, eine etwas schwächelnde Technologie. Unsere täglichen Mutproben darin. Vaterunser aus gesammeltem Schweigen, späte Geburt von Frieden im Wort.