Roman in Entwicklung: Fiona – Götter: 2

Romane leben und wachsen. Hier könnt Ihr ihnen dabei zuschauen. In der Rohfassung, unlektoriert, aber authentisch und echt.

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Ich hasse die Götter nicht. Hass kann gar nicht so schlimm sein wie das, was ich den Göttern wünsche. Dafür gibt es überhaupt keinen Ausdruck. Noch nicht, jedenfalls. Mir wird schon was dafür einfallen.
Ich drücke die Stirn gegen die Knie, und es ist mir egal, was Nomu denkt. Ob er überhaupt was denkt. Sein Herr ist gegangen, um sich umzuziehen, bevor wir aufbrechen. Wird wohl ein längerer Flug als von der Wohnungswabe hierher.
„Geht es dir gut?“, erkundigt sich Nomu. „Oder ist dir dein eigenes Feuer zu heiß?“
Ich hebe den Kopf und starre ihn an.
„War ein Scherz“, sagt er. „Mikonos können das. Scherze machen.“
„Toll. Ganz toll.“
Vor weiteren peinlichen Scherzen bewahrt ihn die Rückkehr seines Herren. Er trägt jetzt eine weite Hose und beachtliche Muskeln. Keine Frage, er sieht mit seinen fast zweieinhalb Metern, den goldfarbenen Haaren und den breiten Schultern beeindruckend aus. Daran ändert auch der leichte Bauchansatz nichts.
„Wir fliegen los“, sagt er.
„Schön. Wie lange werden wir denn unterwegs sein?“
„Du hast Glück, Feuermädchen.“ Wie bitte? So hat mich ja noch niemand genannt! „Im schlimmsten Fall hätten wir einen halben Mikonomon fliegen müssen. Theoretisch.“
„Wie lange ist das?“, erkundige ich mich, nachdem ich meine Sprache wiedergefunden habe.
Feuermädchen? Echt jetzt? Immer wenn du denkst, nichts kann dich mehr überraschen, kommt irgendeine Scheiße, mit der du in deinem schlimmsten Albtraum nicht gerechnet hättest.
Feuermädchen?!
„Hm. Wie erkläre ich dir das denn? Das ist die Zeit, bis 75.000 Mikoman an dieser Stelle, wo wir gerade sind, vorbeigefahren sind.“
„Aber wir bewegen uns doch gar nicht!“
„Noch nicht. So, wir fliegen los. Nomu, du nimmst sie.“
Ich erhebe mich, als der schwarzhaarige Engel zu mir tritt. Und weiche ihm aus, denn er will mich genauso tragen wie vorhin.
„Ich bin kein kleines Kind. Und auch nicht deine Braut.“
„Meine was?“
„Dir zu Gefallen.“
„Und wie willst du dann mitfliegen?“
„Auf deinem Rücken.“
Er überlegt kurz, dann zuckt er die Achseln und dreht sich um. Seine Flügel entfalten sich und ich packe seine Schultern, um mich hochzuziehen. Die Arme lege ich um seinen Hals.
„Halt dich gut fest, ohne mich zu erwürgen.“
„Ich gebe mir Mühe.“
Das lässt er unkommentiert und erhebt sich in die Luft, seinem Herrn folgend, der schon fort ist.
Ich bin sehr froh, dass ich früher selbst fliegen konnte und es dadurch gewohnt bin, alles aus der Vogelperspektive zu sehen. Sonst würde mir jetzt wohl schwindlig werden, vor allem als wir die Miko-Nomana hinter uns lassen und zum Sturzflug übergehen.
Der Anblick der Wohnungswaben, die garantiert anders heißen, mich aber einfach daran erinnern, ist nicht mehr neu, dennoch atemberaubend. Zumal Nomu jetzt viel schneller fliegt als vorhin. Einen Sturzflug gab es auf dem Flug zu seinem Miko auch nicht. Aber dieser hat es anscheinend eilig.
Wir fliegen auf die Treppe in der Mitte zu. Die goldene Säule in der Mitte, um die sich die Stufen winden, ist vielleicht von einem Meter Durchmesser. Die Stufen selbst grob geschätzt zehn Meter breit. Sie sind weiß, wie das Wasser. Dadurch bilden sie einen heftigen Gegensatz zu der Säule.
Noch heftiger wird es aber unter uns. Vorhin habe ich noch gerätselt, wo sich denn die 1,2 Milliarden Menschen verstecken. Garantiert nicht in den Wohnungen der Mikonos. So viel Platz wäre da gar nicht.
Und nun sehe ich es. Die Mikoman ist zweigeteilt. Der Boden des oberen Bereichs, der anscheinend dem Miko und den Mikonos vorbehalten ist, befindet sich, grob geschätzt, knapp 500 Meter unter der Miko-Nomana, der Residenz des Mikos. Und übrigens auch unter der untersten Reihe der Wohnungswaben. Hier gibt es verschiedene Gebäude, Gärten und Einrichtungen, die für mich aussehen wie Arenen. Würde ja zu Engeln passen.
In der Mitte allerdings ist ein riesiges Loch, durch das sich die Treppe schlängelt.
Genau auf dieses Loch halten wir zu, und ich kann jetzt schon erkennen, dass die Welt darunter ein wenig anders aussieht.
„Heilige Scheiße!“, entfährt es mir unwillkürlich, als wir durch das Loch tauchen und weiter nach unten fliegen.
„Wie bitte?“
„Nichts. Ist das … ist das die Welt der Nomos?“
„Ja.“
Wir fliegen jetzt von der Treppe weg, aber immer noch steil abwärts. Ich verrenke mir fast den Hals, um zu sehen, wo die Treppe hinführt. Hier geht es auf jeden Fall viel tiefer als oben. Ich schätze, etwa zehn bis elf Kilometer. Dort endet dann die Treppe im Kreuzpunkt von zwei Wegen, die etwa 40 Meter breit sind und schnurgerade von ihr wegführen. Rechts und links befinden sich Gebäude, die bis nach oben reichen – also etwa zehn bis elf Kilometer hoch.
Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wären es vier Gebäude, in jedem Quadranten, die durch die vier Wege gebildet werden, eins. Doch dann erkenne ich, dass von den Wegen weitere Wege in rechtem Winkel abgehen und in die Gebäude hineinzuführen scheinen. Im Vorbeifliegen kann ich dann sehen, dass sie eigentlich mehrere Gebäude voneinander trennen und dass von diesen Wegen Treppen nach oben führen, und zwar genauso hoch, wie die Gebäude sind.
Das bedeutet, in jedem Quadraten stehen auf einer Länge und Tiefe von etwa sechs Kilometern, wenn ich vorhin richtig gerechnet habe, fast elf Kilometer hohe Gebäude.
Dass darin 1,2 Milliarden Menschen leben, ist dann tatsächlich möglich. Aber, verflucht nochmal, ist die Käfighaltung von Hühnern die genetisch verankerte Rache der Erdlinge für die Haltung in dieser Welt gewesen, oder wie jetzt?
„Alles in Ordnung?“, erkundigt sich Nomu, dem meine Erregung nicht entgehen dürfte.
„Nicht wirklich. Und so sieht es in jeder Mikoman aus?“
„Ja. Außerdem wirst du es gleich sehen.“
Er deutet nach vorne. Wir fliegen wenige Meter über dem Boden, inzwischen habe ich auch erkannt, dass die vier Wege gar keine vier Wege sind. Sie sind eher so was wie Flaniermeilen mit Buden, Bänken, Tischen, und vielen Menschen. Einige schauen hoch und machen die anderen auf uns aufmerksam.
Auf mich, eigentlich. Es scheint ungewöhnlich zu sein, dass jemand, der scheinbar einer von ihnen ist, auf dem Rücken eines Mikonos mitfliegt.
Doch eigentlich will mich Nomu auf etwas Anderes aufmerksam machen. Nämlich auf das Tor, das vor uns liegt. Es ist so breit wie der Weg … die Flaniermeile …oder was das auch immer ist und sich auf der anderen Seite des Tores fortsetzt.
„Das ist die nächste Mikoman“, sagt er.
Über dem Tor steht 7331.
„Wir befinden uns in der Mikoman 7331?“
„Ja.“
„Von 150.000?! Und die anderen sind alle vor uns?!“
„Und hinter uns“, erwidert er, sichtlich amüsiert. „Alle Mikoman sind miteinander verbunden. Theoretisch könnten wir einmal herumfliegen und am anderen Tor unserer Mikoman ankommen.“
„Wieso theoretisch?“
„Du hast recht, nicht nur theoretisch. Ich wollte sagen, dass wir irgendwann wegen der Lücke warten müssten. Die Lücke ist aber viel schneller, sie braucht nur eine Mikomano für die Umrundung.“ Wir fliegen jetzt durch das Tor. Dabei passiert nichts Besonderes, wir fliegen einfach weiter und auf die Treppe der nächsten Mikoman zu. Das ist echt krass. „Wegen der Lücke müssen wir natürlich nicht warten, aber sobald wir an den Taranam ankommen, würden wir die Verbindung zu den anderen Mikoman für eine Mikomano verlieren.“
Mir schwirrt der Kopf und ich versuche mir gerade vorzustellen, wie diese Welt von außen betrachtet aussehen könnte.
Aber es gelingt mir nicht. Mir fehlen eindeutig noch Informationen. Ich weiß nur, dass irrsinnig viele Mikoman, die anscheinend die Form von Würfeln mit der Kantenlänge 12 Kilometer haben, miteinander irgendwie verbunden sind. Aber nicht immer.
„Was genau bedeutet Mikomano?“, frage ich nach.
„So viel Zeit vergeht zwischen zweimal anfahren.“
„Aha. Und … was kann man alles in dieser Zeit machen? Reicht das für ein Leben?“
Nomu lacht auf. „Fürs Sterben vielleicht.“
Das hilft mir nicht wirklich. Immerhin scheint es sich dabei um keine sehr lange Zeit zu handeln.
„Kurz bevor du aufgewacht bist, sind wir gefahren. Und es ist bald wieder so weit.“
Das ist in der Tat nicht sehr lange. Wie lange mag ich schon wach sein? Einige Stunden, aber wohl kaum mehr als vier oder fünf. Also entspricht eine Mikomano fünf oder sechs Stunden, schätze ich. Kommt natürlich darauf an, wie lange es noch tatsächlich dauert, bis die Mikoman anfahren.
„Fahren alle Mikoman gleichzeitig?“
„Nein, das geht nicht.“
„Wieso denn nicht?“
Nomu dreht den Kopf nach hinten, fast wie eine Eule, und sieht mich verwundert an. „Kannst du dir das nicht denken?“
„Nein, woher denn?“
„Kannst du dir keine Kette vorstellen?“
„Das war jetzt nicht sehr hilfreich!“
Er lacht auf und sagt nichts mehr. Was wirklich nicht sehr hilfreich ist. Welchen verfluchten Grund könnte es denn haben, dass nicht alle Mikoman gleichzeitig fahren? Bin ich zu doof, um das zu verstehen, oder steckt irgendein besonderes Geheimnis dahinter?
Da ich nicht dahinterkomme, lenke ich mich ab, indem ich versuche, unsere Geschwindigkeit zu schätzen. Wir brauchen etwas mehr als zwei Minuten für die Durchquerung einer Mikoman, das kriege ich relativ leicht durch Mitzählen heraus. Da eine Mikoman 12 Kilometer lang ist, beträgt unsere Geschwindigkeit etwa 360 km/h.
Wow! Schneller als mein Kombi, den Katharina so gehasst hat!
Das erklärt auch den ziemlich lauten Wind um meine Ohren.
Nach etwa fünfzehn Mikoman spüre oder höre ich, wie der Würfel sich in Bewegung setzt. So ganz sicher bin ich mir nicht, so tief ist der dabei entstehende Ton. Den Menschen ist es nicht anzumerken. Entweder erfolgt der Start wirklich sehr sanft oder sie haben sich so daran gewöhnt, dass sie nicht mehr aus dem Gleichgewicht geraten. Oder beides.
„Wir fahren“, bemerkt Nomu.
„Ich weiß.“
„Woher?“, fragt er überrascht.
„Ich kann es hören. Ist das so ungewöhnlich?“
„Ja, allerdings. Nomos hören das nicht.“
„Ich bin ja auch kein Nomos, kriegst du das in deinen Schädel?“
„Du siehst aber aus wie einer.“
„Das mag ja sein. Ich verrate dir ein Geheimnis: Ich wurde in meinem Leben schon verdammt oft wegen meines Aussehens unterschätzt.“
„Du bist ja auch ein Feuermädchen“, erwidert er lachend.
Ich denke kurz darüber nach, meine Zähne in seinen Hals zu schlagen. Wie sein Blut wohl schmeckt? Meine Zähne hätten ja keinen weiten Weg. Ich entscheide mich dagegen, wahrscheinlich kann er gar nicht anders. Bei dem Miko hätte ich weniger Bedenken, aber der fliegt vor uns, für mich unerreichbar fern.
Scheiße, dass ich nicht mehr fliegen kann.
Da ich dafür keine Flügel und Physik gebraucht hatte, war ich sehr viel schneller als diese Geflügelten hier. Die einzige Grenze war eigentlich nur die Temperatur.
Nach etwa einer halben Stunde hört das tiefe Brummen auf. Sehr weit können die Mikoman nicht gekommen sein, sie waren nicht schnell.
Auch wenn ich mit keiner verständlichen Antwort rechne, erkundige ich mich bei meinem Taxi, welche Strecke wir, das heißt die Mikoman, gefahren sind.
„Genau die Länge einer Mikoman“, antwortet er.
Eine unerwartet hilfreiche Antwort, auch wenn sie mich überrascht. Wieso fahren sie 12 Kilometer? Mit einer Geschwindigkeit von 24 km/h? Hä?
Dann wird es mir plötzlich klar. Natürlich, wenn die Würfel wie an einer Kette zusammenhängen, müssen sie um die Kurve fahren. Und wenn eine Mikoman die Richtung ändert, kann die nachfolgende erst fahren, wenn die davor den Platz vollständig freigegeben hat.
Das meinte Nomu vorhin mit der Lücke!
Offensichtlich gibt es nur eine Lücke, die herumwandert. Das bedeutet, die Mikoman ändern mehrmals die Richtung. Mindestens viermal.
Aber wieso dauert es sechs Stunden vom Anfahren bis Anfahren, wenn eine Fahrt nur eine halbe Stunde dauert? Das ergibt nur dann Sinn, wenn es mehr als vier Ecken gibt.
Welche scheißverfluchte Form hat das Ding denn?
Ich werde in meinen Gedanken durch unsere Ankunft unterbrochen.