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Leseprobe: Verdächtige und andere Katastrophen

Kommissar „Eifer“ hatte eine übermenschliche Spitzenleistung erbracht, mit der er jedes Rekordergebnis in den Schatten stellte. Bis dato hatte er sich weder telefonisch noch persönlich zu Wort gemeldet, und dieses Mal waren bereits vier Tage verstrichen, was nur der Massagekunst seiner Frau zugeschrieben werden konnte. Paul Maurus freute sich wie ein Schneekönig. Jetzt hieß es, den inneren Schweinehund zu überwinden und den Stier bei den Hörnern zu packen.
„Verehrtester Herr Maurus! Ich bin hocherfreut, Sie nach unserem Telefonat persönlich kennenzulernen. Und haben Sie vielen Dank, dass Sie sich hierher bemüht haben.“ Devot und enthusiastisch zugleich begrüßte ihn Harald Benning. „Das Risiko, dass ich beim Betreten oder Verlassen eines Polizeipräsidiums gesehen werde, ist mir in der Tat zu groß. – Dann wäre meine Reputation dahin!“
Diesen heiratslustigen Beau, der so stolz war wie ein Pfau war, hätte er nur zu gerne an die Kandare genommen. Stattdessen erwiderte er moderat: „Wenn Sie Ihre Aussage lieber in einer Ihnen vertrauten Umgebung machen wollen, dann wäre ich der Letzte, der Ihnen in die Quere kommen würde.“
„Hier ist es ja auch viel schöner. Nicht, dass ich etwa schon … aber so ein typisches Dienstzimmer ist schäbig, nach allem was man im TV zu sehen bekommt. Schließlich soll es ja auch nur ein Zimmer sein, um seinen Dienst zu verrichten, nicht wahr?!“
„Sie sagen es, und genau das werde ich jetzt tun! Sie haben also schon mehrere Kleinanzeigen in Tageszeitungen geschaltet, um Ihrer Traumfrau zu begegnen?“
„Das ist nicht korrekt!“
„So habe ich es aber in unserem vorangegangenen Telefongespräch verstanden!“
„Es handelt sich dabei um ziemlich fett gedruckte Inserate. – Oder können Sie sich vorstellen, dass ein Mann wie ich sich klein gedruckt offeriert? Immerhin bin ich meinem Ruf, der schönste Mann der Stadt zu sein, ein für alle Mal verpflichtet! Aber lassen Sie uns lieber ins Wohnzimmer gehen. Meine Diele ist zwar auch sehr schön … Apropos: Hier sehen Sie mal!“ Er reichte ihm einen Stapel mit Porträts.
Pauls Augenmerk richtete sich auf das gerahmte Poster in Schwarz-Weiß. „Sie stehen auf Albert Einstein?“
„Ich kenne diesen Eierkopf überhaupt nicht! Ich finde es nur toll, wie der die Zunge raushängen lässt. – Wäre doch eine prima Werbung für die Erfrischungsgetränke-Industrie. Bitte nehmen Sie Platz.“
Paul ließ sich samt Konterfeis in den ihm zugewiesenen Sessel fallen. Mit erlesenem Geschmack und viel Liebe zum Detail waren diese Möbelstücke nach antiquarischen Vorbildern gefertigt. Mit wunderschön geschwungenen Massivholzchatosen und Tischbeinen sowie Sichtholz, nussbaumfarben und hochglanzlackiert. Die Frontblenden der komfortablen Ledergarnitur mit traditioneller Knopfheftung und Leder bezogenen Rückseiten bestand aus einem Dreisitzer und zwei Sesseln, Pauls Sitzgelegenheit inbegriffen. Auf dem exquisiten Couchtisch thronte eine Leuchte mit einem aufwändigen, würfelförmigen Lampenschirm aus Tiffanyglas. An der Decke prunkte eine prachtvolle, 8-flammige Pendelleuchte mit eisernem, bronze-altgoldfarbenem Gestell und üppigem Glasbehang. In der Ecke stand eine hautfarbene, formschöne Stehleuchte mit gedrechseltem Fuß und roter Veloursborte. Zwei Brücken und ein persischer Teppich schmückten das Parkett. Ein Wohnzimmer, wie er es nicht besser hätte einrichten können – abgesehen von dem roten, nostalgischen Zweisitzer-Sofa mit zwei Kissen, alles aus Samt. Bequem schien es zu sein, aber es wirkte überladen. Der kunstvolle Gobelin im Barockstil, mit idyllischer Schäfer-Szenerie und die bronzefarbene, schätzungsweise 182 cm hohe Frauen-Skulptur verliehen dem Raum eine unerträgliche Schwülstigkeit.
„Sagen Sie nichts! Ich weiß, dass jeder von soviel Schönheit einfach überwältigt sein muss!“
Die abgedroschene Phrase: „Über Geschmack lässt sich nicht streiten“, war für Paul die letzte Chance, das Wort zu ergreifen.
Selbstgefällig führte Harald Benning seinen Monolog. „So und jetzt reden wir Tacheles! Haben Sie jemals zuvor einen schöneren Mann gesehen?“ Er nahm Paul die Fotografien aus der Hand. „Und ich garantiere Ihnen, Sie werden auch niemals wieder einen so schönen Mann zu Gesicht bekommen! Aber Sie müssen doch ehrlich zugeben, dass diese Bilder mir nicht annähernd gerecht werden. In natura bin ich noch viel schöner. Ihnen fehlen die Worte. Deswegen brauchen Sie sich nicht zu schämen. Ich habe mich daran gewöhnt, dass meine Schönheit meinen Mitmenschen die Sprache verschlägt! Ich bin so schön, dass andere sich dadurch oft überfordert fühlen. Darum hat meine Ex-Frau mich mit unserer gemeinsamen Tochter auch verlassen. Soviel Schönheit auf einmal, und das tagein, tagaus, konnte sie einfach nicht mehr ertragen. Von meinem erlesenen Geschmack ganz zu schweigen!“ Er spreizte seine Pfauenfedern.
„Es heißt, man erkennt einen eitlen Menschen an seiner Kleidung. Auf mich trifft das nicht zu! Obwohl: Ich wähle meine Anzüge, wie Sie sehen können, mit äußerster Sorgfalt aus. In Stilfragen kann mir keiner das Wasser reichen, was ich immer wieder tief beglückt feststelle, beim Flanieren oder wenn ich mich im Straßencafé platziere. Meine teuren Maßanzüge, die edlen Kaschmirmäntel, die ich im Winter trage, die eleganten Seidenhemden mit den farblich passenden, modischen Krawatten und die jeweils darauf abgestimmten Schuhe und Gürtel trage ich nicht aus Eitelkeit. Nein! Sie sind mein Schutz, meine Ritterrüstung gegen den übrigen schlampig und nachlässig gekleideten Rest der Welt. Mit meiner extravaganten Kleidung gelingt es mir sogar, mein schönes Äußeres noch dezent zu unterstreichen. Sicher sagen Sie sich jetzt, eine kostspielige Angelegenheit! Aber als Sprachdozent verdiene ich sehr viel Geld, und sonst bin ich sehr genügsam. Ich trinke nicht, ich rauche nicht und begnüge mich mit einem einfach belegten Käsebrot. Ich will nicht vom Thema abschweifen! Meine Studenten, die Kollegen, gleich welchen Geschlechts, nennen mich alle nur ‚den schönsten Mann der Welt’! Meine Nachbarin, eine gut situierte, ältere Dame, vergleicht mich jedes Mal mit einem berühmten Schauspieler, dessen Name ihr aber niemals über die Lippen kommt, weil er ihr einfach nie einfallen will.
Aber aus Erfahrung weiß ich, es kann sich nur um Pierce Brosnan handeln. Ich selbst scheue diesen Vergleich. Weil ich doch viel schöner und weicher bin als das nämliche Original. Allerdings hat mir die frappierende Ähnlichkeit mit dem vormaligen James-Bond-Darsteller die Inspiration zu diesen Aufnahmen … Moment!“ Er zog ein Bild aus dem Stapel hervor, das ihn mit geheimnisvollem Pokerface und in bester Agentenmanier, in Hut und Mantel, die Hände in den Taschen vergraben zeigte. „Ich will meine Schönheit in die Welt hinausschreien! Darum mache ich auch ganz verrückte Sachen. Eigentlich sollte es ein Geheimnis bleiben. Aber ich werde Ihnen nun anvertrauen, was Sie ohnehin herausfinden würden. Wie im Rausch habe ich des Öfteren bei Nacht und Nebel Abzüge dieser Fotografien, versehen mit meiner Visitenkarte, in die Briefkästen der Umgebung gesteckt. Diese ungewöhnliche Methode schenkt mir vielleicht eine ebenbürtige Frau, die einen so schönen Mann, der ich nun einmal bin, zu würdigen weiß und mit Handkuss nimmt. Eine Frau, die sich gerne mit Schönheit umgibt. Ich bin von dieser Vorgehensweise dermaßen überzeugt, dass ich weitere Abzüge entwickeln lasse, um mich wieder eifrig ans Werk machen zu können. Um noch mehr Menschen mit meiner Schönheit zu erfreuen, habe ich beschlossen, meine Fotos zusätzlich mit der Post zu verschicken. Schließlich kann ich mir nicht ständig die Nächte um die Ohren schlagen. Ich brauche den Schlaf in meinem erstklassigen Wasserbett, mit den seidenen Bezügen. Weil wir gerade beim Thema sind, ich trage ausschließlich Pyjamas aus reiner Seide, möchten Sie einen sehen?“
Paul nickte ermattet. Er wollte die Möglichkeit, die längere Einzelrede in dem Gespräch zu beenden, nicht ungenutzt lassen. Mit seinem Wahn von der eigenen Schönheit würde es dieser überkandidelte Lehrbeauftragte einer Hochschule noch weit bringen. Bald würde er nicht mehr nur der schönste Mann der Stadt, sondern auch der größte Narr weit und breit sein. Irgendwann, in naher Zukunft, würde diesem Beau nichts anderes mehr übrig bleiben, als seine Koffer zu packen und in eine andere Stadt zu ziehen, um dort der schönste Mann zu sein. Und dieser lächerliche Narr fürchtete um den Verlust seiner Reputation, wenn er seinen Fuß auf die Schwelle eines Polizeipräsidiums setzte!
Paul schüttelte fassungslos den Kopf und freute sich über die doch länger als angenommene Zeit, in der der Pfau durch seine Abwesenheit glänzte. Er war bereits eingedöst, als ihn Harald Benning aus dem behaglichen Ledersessel der Luxusklasse hochschrecken ließ. Ein Stapel Wäsche auf dem Arm und ein süffisantes Lächeln auf den Lippen, plauderte er munter weiter drauflos. „Nichts für ungut, aber ich finde, Sie sollten sich besser kleiden.“ Übereifrig breitete er die Kleidungsstücke auf dem Tisch aus. „Und da Sie nun schon einmal hier sind, werde ich Ihnen diesbezüglich mit Rat und Tat zur Seite stehen!“ Er zog einen blauen Kaschmirpullover aus dem Haufen und hielt ihn hoch. „Der würde Ihnen vortrefflich stehen!“
Paul Maurus rollte mit seinen großen, blauen Augen, als hätte er zu viel Chili gegessen.
„Ach, und mit Ihren Haaren müssten Sie auch etwas machen. Die sind so … die wirken so zerzaust. Wirres Haar lässt auf einen etwas wirren Verstand schließen, wie der Volksmund sagt. Außerdem sind sie viel zu lang. Mann trägt jetzt kurz. Wenn Sie möchten, gebe ich Ihnen die Adresse von meinem Friseur. Er ist ein Meister der Schere, und seine Maniküre und Pediküre sind wirklich erstklassig. Von seiner neuesten Dienstleistung ganz zu schweigen! Nichts ist spannender, als unter der Haube die Karten gelegt zu bekommen! Dazu wird Kaffee oder Sekt gereicht. Ich wähle stets den Kaffee, weil man mir dann noch zusätzlich aus dem Kaffeesatz die Zukunft weissagt.“
In Paul keimte wieder der Wunsch auf, ein Badezimmer zu zertrümmern und als Krönung mit bloßen Händen das Waschbecken herauszureißen.
„Ich persönlich finde es schade, dass Sie sich hinter dieser Hippiefrisur verstecken und so wenig aus sich machen. Dabei sind Sie ein so hübscher, junger Mann!“
„Ich verbitte mir diese Schwulitäten!“ Pauls Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. Für sein Leben gern hätte er diesem James-Bond-Verschnitt die Fresse poliert. „Ich bin nicht zum Vergnügen hier! Ich muss einen Mordfall aufklären und Sie dazu befragen. Also lassen Sie uns jetzt zweckdienlich miteinander reden!“
„Ich fühle mich gemaßregelt, dennoch stehe ich ganz zu Ihrer Verfügung, Herr Maurus“, gab er verschnupft zurück und setzte sich ihm gegenüber auf den Lederdreisitzer.
„Sie hatten also ein Rendezvous mit Sofia von Stetten?“, fragte Paul gemäßigt.
„Nein!“
„Natürlich hatten Sie ein Date mit Frau von Stetten!“
„Nein!“
„Was soll das heißen: Nein?“
„Nein, heißt nein! Weil es ein Blind Date war, um bei der Wahrheit zu bleiben.“
„Demnach hatten Sie also ein Blind Date mit Sofia von Stetten?“
„Das ist korrekt!“
„Freut mich zu hören, dass wir uns wenigstens in diesem Punkt einig sind, Herr Benning!“
„Ich darf gar nicht daran denken“, klagte Benning rührselig, von Selbstmitleid getragen. „Sie war so eine wunderschöne junge Frau, und jetzt … Jetzt ist sie tot … Ermordet, von einem Meuchelmörder dahingerafft.“
Dieser Wortspender war nicht nur durch seinen Wahn von der eigenen Schönheit total verblödet, zu allem Überfluss war er auch noch begriffsstutzig. Paul hatte schwer mit seiner Beherrschung zu kämpfen. „Man hat sie nicht ermordet! Sie können die Tränen hinunterschlucken und sich die Nase pudern, sie erfreut sich bester Gesundheit!“
„Warum sind Sie dann hier?“
„Weil eine Freundin von ihr … Ich berichtige mich, weil eine ehemalige Freundin von ihr, Rosamunde Stichnote, ermordet wurde!“
„Und was hat das alles mit mir zu tun?“
„Ehrlich gesagt, frage ich mich das langsam auch!“ Paul kratzte sich nachdenklich am Kopf und entschloss sich kurzerhand, noch einmal die Kernfrage zu stellen.
„Sie hatten also ein Blind Date mit Sofia von Stetten?“
„Ja! Aber das wissen Sie doch schon!“
„Richtig, das weiß ich alles schon“, formulierte er langsam, um Eindruck und Zeit zu schinden.
„Wenn Sie Ihre Schuppen loswerden wollen, sollten Sie ein Haarwasser benutzen!“ Benning predigte tauben Ohren.
„Warum ist nichts daraus geworden?“, fiel Paul nach seinem wilden Kopfschütteln spontan ein.
„Das wüsste ich auch gerne – zumal ich ein formvollendeter Kavalier bin. Zu unserem Treffen hatte ich ihr einen prächtigen Strauß Rosen mitgebracht. Ins kostspieligste Lokal dieser Stadt hatte ich sie dann eingeladen, und als Krönung des Abends schenkte ich ihr ein Porträt von mir, das ich extra für diesen Anlass in einen teuren Rahmen hatte einfassen lassen. Und nachts, wenn ich mit meinem seidenen Schlafanzug allein in meinem großen Wasserbett liege, breche ich deswegen auch immer wieder in Tränen aus. Was bin ich doch für ein glücklicher Hund, sage ich mir dann immer wieder, nachdem ich über mein erfolgreiches Leben sinniert habe. Folglich bin ich auch zu dem Schluss gelangt, dass Sofia von Stetten sich nicht von anderen Frauen unterscheidet. Trotzdem hätte ich gerade von ihr mehr erwartet. Weil sie mit ihrer strahlenden Schönheit alles in den Schatten stellt, hoffte ich auf ihre Akzeptanz. Andererseits hatte sie wohl kaum mit so viel maskuliner Schönheit gerechnet, wenngleich ich sie in unserem Telefongespräch darauf vorbereitet hatte. Den Regeln eines sportlichen Wettkampfes gemäß sage ich, sie hat mich um eine schöne Erinnerung bereichert!“
„Dem kann ich mich nur anschließen, und möchte mich hiermit verabschieden. Auf Wiedersehen, Herr Benning!“

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