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Leseprobe: Verdächtige und andere Katastrophen

Verdächtige und andere Katastrophen

Es klopfte an der Tür. Ohne ein „Herein“ abzuwarten, wurde sie geöffnet.
Beide waren geblendet von dem Anblick der Person, die sich als Sofia von Stetten vorstellte. Paul sprang auf und rückte ihr den Stuhl zurecht.
„Möchten Sie auch eine Tasse Kaffee?“, stammelte er. Als Antwort erhielt er ein deutliches, aber auch freundliches „Nein, danke!“ Nie zuvor hatte er ein so wunderschönes Geschöpf mit solch einer magischen Ausstrahlung gesehen. Er vermochte nicht zu sagen, was ihn mehr an ihr fesselte: Ihre überirdische Schönheit oder ihr melancholisches Charisma. Dieses reizvolle Wesen hielt ihn gefangen. Sie war eine atemberaubende Beauty, vergleichbar mit einer aufflammenden Orchidee. Das lange, gewellte, kastanienbraune Haar umrandete ein ovales, elfenbeinernes Gesicht, aus dem die grünen Augen hervorstachen. Außer dem unruhigen Blick einer Raubkatze, der viel Temperament erahnen ließ, war in den vollendeten Gesichtszügen keine Gefühlsregung zu erkennen, bis auf das bezaubernde und warmherzige Lächeln, das gleichmäßige Zähne entblößte. Ihre große schlankwüchsige Statur wirkte in dem lindgrünen Hosenanzug mit kittfarbenen Nadelstreifen, unter dem sie ein pistazienfarbenes Top und hellbeige Pumps trug, ebenso zerbrechlich wie imposant. Sie bewegte sich in einer Leichtigkeit auf den für sie bereitgestellten Stuhl zu, als schwebte sie.
„Nun, meine Herren, sind Sie bereit?“, fragte sie mit sanfter Stimme, als sie Platz genommen hatte.
„Allezeit, bereit!“, antwortete Kommissar „Eifer“ unterwürfig und zeigte das breiteste Lächeln, dass sein Froschmaul imstande war herzugeben.
Sie kramte in ihrer Umhängetasche, die aus demselben hellbeigen Leder gearbeitet war wie die eleganten Glacéhandschuhe, die sie trug. Sie nahm eine Zigarette heraus und führte sie langsam an ihre Lippen.
Geistesgegenwärtig warf Paul sich auf den Schreibtisch von Kommissar „Eifer“, um sich dessen Feuerzeug zu schnappen. Er war Feuer und Flamme, bevor er lang ausgestreckt selbige entfachte.
Ihr Gesicht beugte sich tief über ihn. Ihre Augen blickten fest in die seinen. Nach einer Weile hatte er das Gefühl, als würden ihm seine Lider schwer. Niemand hatte ihn jemals so angesehen. So offen und unverwandt, als ob ihre Augen in die tiefsten Tiefen und Winkel seiner Seele hineinblickten. Ihre Gesichter waren sich so nah, dass ihre Augen fast zu einem einzigen verschmolzen, bevor er seine schloss.
„Sie sollten das auch einmal probieren“, unterbrach sie die Stille.
„Meine Rede! Aber Maurus ist ein solcher Gesundheitsfanatiker, dass …“
„Nicht doch“, lachend warf sie den Kopf in den Nacken. „Handschuhe tragen meinte ich!“ Verständnisvoll blickte sie zu Paul Maurus, der inzwischen mühsam Haltung angenommen und sich mit verschränkten Armen neben seinem Chef aufgebaut hatte. An die Wand gelehnt stand er da und versuchte, gelassen auszusehen.
„Der obskure junge Mann, der noch vor Kurzem auf diesem Stuhl saß, auf dem ich jetzt sitze, ist nicht der, für den Sie ihn halten, Herr Brandolf! Oder ist es ihnen lieber wenn ich Sie mit „Hauptkommissar“ anrede?“ Ihr Augenmerk galt weiterhin Paul Maurus, der mäßig erfolgreich sein „Pokerface“ aufgesetzt hatte. Sofia lächelte ihm spitzbübisch zu.
„Oh bitte! Nennen Sie mich, wie es Ihnen gerade in den Sinn kommt.“ Mit seiner Heuchelei buhlte er vergeblich um ihre Gunst. Abermals schmunzelte Sofia von Stetten so vertrauensvoll in Richtung dieses Kriminalneurotikers, dass Kommissar „Eifer“ sich selbst die Mühe machte, sich nach ihm umzudrehen. Maurus grinste verschämt. Aber der sonst so verklärte Ausdruck seiner großen blauen Augen war gegenwärtig einem Feuer gewichen, das eine nur allzu deutliche Sprache sprach.
Sofia drückte die halb gerauchte Zigarette lässig in den Aschenbecher. Während Gregor Brandolf davon überzeugt war, dass der Kretin hinter seinem Rücken immer noch blöd griente, zündete er sich den nächsten Glimmstängel an.
„Würden Sie das bitte unterlassen! Ich empfinde es als lästig, wenn in meinem Zugegensein geraucht wird, wenn ich es selber nicht tue.“ Prompt folgte er ihrer herrischen Aufforderung und zerdrückte die Zigarette im Aschenbecher.
„Sind Sie Hellseherin? Ich meine, wegen Ihrer Bemerkung von vorhin: Über den obskuren, jungen Mann!?“, er bemühte sich, wieder unumschränkter Herrscher in seinem Büro zu werden. Ein fast tollkühnes Vorhaben, wenn er weiterhin in dieser Weise ignoriert wurde.
„Sie sind wirklich sehr feinfühlend und haben eine sehr gute Beobachtungsgabe. Das ist stets lohnend“, analysierte Sofia den Charakter des verzückten Maurus.
“Was soll dieser Hokuspokus?“, polterte Kommissar „Eifer“.
„Misstrauen, Herr Brandolf, scheint Ihr Zweitname zu sein!“ Verächtlich rümpfte sie die Nase.
Er räusperte sich. „Eine Berufskrankheit … sozusagen.“
„Und von wegen Hokuspokus“, sagte sie erzürnt. „Ich habe die Gabe, Dinge zu sehen. Mitunter brauche ich nur einen Gegenstand zu berühren oder jemanden anzuschauen. Verschiedentlich habe ich auch Wahrnehmungen in meinen Träumen. Und diese Fähigkeit kann ich nicht beeinflussen!“
Gregor Brandolf rieb sich das Kinn. Er hielt es für klüger zu schweigen. Insbesondere nach all diesen zweifelhaften Aussagen, die er heute über sich ergehen lassen musste. Langsam aber sicher konnte er soviel Schwachsinn auf einmal nicht mehr ertragen. Er war sichtbar gereizt.
Vergeblich versuchte er das Zucken seiner Mundwinkel unter Kontrolle zu bringen. Er selbst wusste am besten, wie grotesk er dadurch aussah. Das wiederum regte ihn noch mehr auf. Seine Nervosität steigerte sich ins Unerträgliche. Sein von Neurosen geplagter Assistent blühte indessen unaufhörlich in nahezu anstößiger Weise auf.
„Kann ich bitte ein Glas Wasser haben?“, nahm Sofia wieder das Gespräch auf.
„Selbstverständlich!“ Maurus überschlug sich regelrecht. „Bitte sehr!“ Während er ihr das Glas reichte, hoffte er insgeheim auf eine Berührung von ihr, und wenn es auch nur ein flüchtiger und behandschuhter Kontakt war.
„Hoffentlich Ihr Geschmack?“ stieß er erregt hervor.
Wie zufällig und in Zeitlupe ließ sie ihre Hand über die seine gleiten. Dabei beobachtete sie ihn mit betörenden Blicken. „Genau so, wie ich es liebe“, hauchte sie ihm eindeutig zweideutig entgegen.
Offenherzig flirtete sie mit ihm, was ihn in Ekstase versetzte. Er bezog wieder seine Stellung an der Wand. Von dort hatte er den rechten Blickwinkel.
Hastig trank sie einen Schluck, bevor sie das Glas hinstellte. Wie in Trance visierte sie Gregor Brandolf an. Zuerst kamen die Sätze nur zögernd über ihre Lippen.
„… Und die Feen, Elfen und Kobolde tanzten vergnügt durch den Wald … Ende der Geschichte … Und noch eine Zugabe gibt es nicht … Mit gespielter Strenge beendete die Mutter die Gutenachtgeschichte. Der Knabe, der wie alle Kinder, mit seiner Feinfühligkeit auf jegliche Empfindungsäußerung reagierte, hatte ein ungutes Gefühl. Und das zu recht, wie sich tags darauf herausstellte. Es war der Tag, an dem er seine Mutter zum ersten und zum letzten Mal hatte schreien hören. Nachdem sie festgestellt hatte, dass der von ihr so innig geliebte Baum nicht mehr da stand, wo er gefälligst zu stehen hatte – nämlich vor dem Erkerfenster im Wohnzimmer. Zwischenzeitlich hatte der Tannenbaum nähere Bekanntschaft mit Vaters Motorsäge gemacht. Es war ein stimmgewaltiger Abgang. Mit vielen Koffern. Und als Abschiedsgruß der explosionsartige Knall der Haustür. Da stand er nun, der kleine Junge. Im einsetzenden Regen, der blitzschnell zum Wolkenbruch ausartete. Mit seinen ebenso traurigen wie lebhaften Augen, die, teils vom Regen, teils von Tränen feucht, fiebrig glänzten. Schmerzlich wurde ihm klar, dass ihm nichts geblieben war. Nicht einmal seine Tränen. Die hatte ihm der Platzregen aus den strapazierten Augen gespült.“ Die sprudelnde Quelle ihrer Worte versiegte an dieser Stelle. Sofia kräuselte die Stirn.
Gregor Brandolf war peinlich berührt. Zweifellos war er einmal dieser kleine, niedergeschlagene Junge gewesen. Sofia von Stetten ging nicht näher darauf ein.
Innerlich dankte er ihr für ihren Anstand.
Sie strich durch ihr langes Haar. Ein Lächeln umspielte ihre einladenden Lippen. Sie nippte an dem Wasser. Verheißungsvoll blickte sie zu Paul Maurus und dann zu dessen Chef. Sofia lächelte das bezaubernde und warmherzige Lächeln, dass ihr zu eigen war. Das Lächeln, das ihre gleichmäßigen Zähne, die wie Perlen strahlten, entblößte und Paul mitten ins Herz traf.
„Haben die Herren sich schon unter den ehemaligen Schülern von Rosamunde Stichnote umgehört?“ Sie wartete das Nicken der beiden ab. „Na, dann wissen sie ja Bescheid!“
„Leider wissen wir so gut wie gar nichts“, sagte Kommissar „Eifer“, dessen Froschmaul immer noch von selbst zuckte.
„Diese Frau, die den ehrenvollen Vornamen „Rosamunde“ trug, hatte sich stets selbst als einen herzensguten Menschen bezeichnet. Derzeit hieß sie mit Nachnamen „Stichnote“. Sie hatte wieder ihren Mädchennamen angenommen, nachdem sie von Herbert Schmidt geschieden war. Er war bereits ihr vierter Gatte. Sie hatte eine Schwäche fürs Heiraten. Diese taktlose Person liebte nichts so sehr wie die eigenen Hochzeiten, die sie jedes Mal mit groß gedruckten Anzeigen in mehreren Tageszeitungen kundtat. Wie eine Krawatte hing sie den Männern um den Hals!“
„Sie mochten sie nicht?“, bemerkte Brandolf sachlich.
„Keiner mochte sie! Außer sie sich selbst. Eine Egozentrikerin war sie. Sie hätten mal sehen müssen, wie sie täglich das Messingschild „Rosamunde Stichnote-Wendelgard, staatlich geprüfte Klavierlehrerin“, auf Hochglanz polierte. – Ihr erster Ehemann hieß Wendelgard, Stoffel Wendelgard. Eigentlich „Christopher“, aber sie nannte ihn nur „Stoffel“. Kein Wunder, dass der arme Kerl Reißaus nahm – genau wie die vielen Grundschüler, die sie damals unterrichtete. Außer ihrem Konzertflügel, der für jeden tabu war, nutzte sie zusätzlich ein Klavier nur für den Unterricht.
Allerdings wollte sie sich dieses von den weniger Begabten nicht demolieren lassen, wie sie unverblümt zugab. Also setzte Rosamunde Stichnote alles daran, um diese Schwächlinge, die auf ihrem Instrument stümperten, eines Besseren zu belehren. Ständig kratzte sie sich mit den langen, rot lackierten Fingernägeln die Kopfhaut und überlegte, wie sie die kleinen, halslosen Ungeheuer zu der Einsicht bringen könnte, dass sie nicht zum Klavierspielen taugten. Meistens drohte sie ihnen damit, ihre Wurstfinger auf den Tasten festzunageln. Bei den völlig untalentierten Kindern pupste sie permanent während des Unterrichts. Mit diesen Methoden hatte sie bald ihr angestrebtes Ziel erreicht: Die Elite selektiert! Aber ihr loses Mundwerk und der Hang, alle noch so unwichtigen und verabscheuungswürdigen Vorfälle ihrer Einkaufserlebnisse bis ins kleinste Detail zu schildern, taten ihr Übriges. Als die Schüler ausblieben, versuchte sie es mit einer Mieterin. – Frau Brigitte Hunold, die eine Seele von einem Mensch ist. Der Dauerstreit artete …“
„Hunold?“ Kommissar „Eifer“ schnitt ihr das Wort ab. Sein messerscharfer Verstand arbeitete auf Hochtouren. „Verwandt oder verschwägert mit einem Eckehard Hunold?“
„Das entzieht sich meiner Kenntnis.“ Sofia zuckte mit den Schultern und fuhr fort. „Der Dauerstreit artete immer mehr aus. Rosamunde beobachtete ihre Mieterin genau und führte über all ihre Fehltritte akribisch Buch. Schließlich kommunizierte sie nur noch schriftlich mit ihr. Oder ab und an ließ sie sich dazu herab, ihr eine telefonische Abreibung zu verpassen – wenn es sich um einen sogenannten Notfall handelte. Und ein überkochender Wasserkessel war eben das Eintreten dieser Notwendigkeit, an der sich Rosamunde so richtig die Zunge verbrannte. Sie hatte sich in ihrem Garten aufgehalten und durch die offene Balkontür der Mieterin einen Blick auf deren Wasserkessel werfen können, der nach ihrem Ermessen kurz vor dem Explodieren stand. Daraufhin eilte sie ans Telefon, um diese aufs Schärfste zurechtzuweisen. Letztendlich trat Frau Hunold die Flucht an.“
Der Name Hunold ließ Gregor Brandolf jedes Mal aufhorchen. Für ihn war dieser Name ein Gefahrensignal und an Entwarnung war nicht einmal im Traum zu denken. Er rieb sich den Pavianschädel. Sofia betrachtete ihn prüfend, dann sprach sie weiter.
„Da Rosamunde sich stets versuchte, an mir zu orientieren und obendrein Geld brauchte, hatte sie die glorreiche Idee, ein Buch zu schreiben. Sie wollte …“
„Sie sind Autorin?“
„Ja! Allerdings nur nebenberuflich und unter Verwendung eines Pseudonyms.“
Gregor Brandolfs Neugierde war geweckt. „Und was ist ihr eigentlicher Beruf?“
„Tochter! Ich bin von Beruf Tochter!“, entgegnete sie sarkastisch.
„Auch eine gute Art zu leben!“ Er passte sich ihrem Ton an und war erleichtert, von keinen Zuckungen mehr heimgesucht zu werden.
„Sie sagen es, Herr Brandolf. Eine wirklich sehr gute Art zu leben!“, stellte sie kühl fest. „Rosamunde versprach mir und sich selbst, einen Bestseller zu schreiben. Es klang aber mehr nach einer Drohung als nach einem Versprechen!“
„Was für Bücher schreiben Sie?“ Nicht weniger neugierig, dafür aus rein privatem Interesse heraus, stellte Brandolf diese Frage. Er dachte daran, seiner beachtlichen Sammlung Zuwachs zu gönnen.
Manche Bücher hatten eine so erotisierende Wirkung wie ein Aphrodisiakum. Seine Frau und er bevorzugten solche Bücher.
„Oh! Das ist ganz unterschiedlich. Sozusagen für jeden etwas.“ Sofia schaute abwechselnd zu ihm und seinem Assistenten. „Mitunter Erzählungen. Einen Krimi habe ich auch schon geschrieben, Herr Hauptkommissar! Einen Kurzkrimi, wohlgemerkt! In dem verliebt sich der larmoyante Gehilfe des Kommissars, der eine wandelnde Neurose ist, in die Mörderin. Aber nichtsdestotrotz löst er den Fall auf eigene Faust!“ Sie warf Maurus „Kälbchenaugen“ zu, der fasziniert jedes ihrer Worte wie ein Schwamm aufsaugte und als stummer Diener jeden ihrer Blicke wie Casanova höchstpersönlich reflektierte. „Ach … und Sachbücher. Mit Themen über die Sexualpraktiken von Kriminalisten, deren geheime Leidenschaften und Perversionen, und wie sich diese gegebenenfalls auf ihre laufenden Ermittlungen auswirken.“ Laut lachend wandte sie sich von Gregor Brandolf ab, dessen Antlitz eines Exoten zwischenzeitlich die Farbe einer reifen Tomate angenommen hatte. Sie zwinkerte Paul Maurus zu, der in seiner Ecke wie ein treu ergebener Hund auf die Zuwendung seines Frauchens wartete, um dann dankbar und freudig erregt mit dem Schwanz zu wedeln, wenn er diese erhalten hatte.
„Ihr Pseudonym möchten sie nicht verraten?“, fragte Gregor Brandolf süffisant.

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