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Leseprobe: Übertragene Nähe – Aus dem Seelenleben eines Psychotherapeuten

Übertragene Nähe

Sie sitzen vor ihm aufrecht oder mit hochgezogenen Schultern, in sich hineingekrochen oder mit geradem Rücken am äußersten Rand des Sessels, als ob sie sofort wieder gehen wollten, entfliehen vor ihm, vor dem Raum, vor sich selbst.

–    Was ist Ihr Anliegen?
–    Es soll mir besser gehen …
–    Wodurch könnte es Ihnen besser gehen?
–    Das weiß ich nicht; deswegen sitze ich hier, auch wenn ich hier nicht gerne sitze …
–    Was könnte Ihnen helfen herauszufinden, wie es Ihnen besser gehen könnte?

Sie wissen es nicht, denn wenn sie es wüssten oder zumindest erahnten, wären sie nicht zu ihm gekommen, oder hätten die anderen sie nicht zu ihm geschickt mit dem Wunsch, dass sie sich verändern würden …
Sie wissen es nicht und wollen es nicht wissen, denn wenn sie es wüssten, müssten sie sich selbst fragen, sich selbst befragen, warum sie es nicht tun, warum sie allzu oft genau das Gegenteil von dem tun, was sie tun müssten, um sich besser zu fühlen …
Sie wissen es nicht, obwohl sie tief in ihrem Innern ein großes Wissen haben, ein Wissen darüber, was sie spüren oder nicht spüren wollen, wen sie berühren oder nicht berühren wollen, was sie tun oder nicht tun wollen …
Sie wissen es nicht, weil sie dem großen Wissenden, der sie durchs Leben trägt, weil sie ihren Körper nicht fragen wollen oder können, was sie tun oder lassen könnten, damit sie sich besser fühlen …

–    Wenn Sie sich von außen betrachten würden, was würden Sie dann sehen?
–    Nichts …
–    Meinen Sie mit nichts einen Menschen?
–    Man würde sich selbst sehen …
–    Sie würden sich sehen?!
–    Ja, man tut sich schwer, sich zu sehen …
–    Sie tun sich schwer, sich wahrzunehmen?!
–    Ja … vielleicht …
–    Was spüren Sie, wenn Sie sich wahrnehmen?
–    Man spürt nichts …
–    Sie spüren nichts … Spüren Sie sich?
–    Nur wenn es mir schlecht geht …
–    Es muss Ihnen also schlecht gehen, damit Sie sich spüren können …?

Sie spüren nichts, weil sie vergessen haben, dass sie ihre Körper sind, dass sie eins sind mit ihren Körpern, die sie oft auf eine unangenehme Weise spüren, falls sie sie spüren…
Oder sie spüren nichts, weil sie sich selbst kasteien, weil sie bisher nur auf ein einziges Pferd gesetzt haben, das sie Stabilität oder Sicherheit nennen, weil sie sich bis zur Erschöpfung abmühen, diesem Pferd zum Sieg zu verhelfen …
Oder sie spüren nichts, weil sie sich in vergangenen Zeiten das Spüren abgewöhnen mussten, weil sie den Schmerz unerträglich gefunden hätten, weil sie an ihm womöglich zerbrochen wären …
Oder spüren nichts, weil man ihnen das Spüren ausgetrieben hat und stattdessen das Funktionieren eingetrieben, weil sie besser für die anderen sind, wenn sie sich nicht mehr spüren …

–    Werden Sie wiederkommen?
–    Ich muss es wohl …
–    Sie wissen, dass es anstrengend werden könnte?!
–    Ja, aber ich habe keine andere Wahl …
–    Gut, dann lade ich Sie hiermit auf eine spannende Reise ein …
–    Auf welche Reise?
–    Auf die Reise zu sich selbst …

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