Posted on Schreib einen Kommentar

Leseprobe: Tom – Eine Knastgeschichte

Tom – Eine Knastgeschichte

Tom könnte sich selbst in in den Arsch treten! Er hat die Sache total versiebt, versemmelt, in den Sand gesetzt. Er weiß im Moment selbst nicht, warum er sich so total bescheuert verhalten hat.
Wieder auf seiner Hütte versucht er, die Ereignisse auf die Reihe zu kriegen.
Gleich nach dem Unterricht war der diensthabende Beamte zu ihm gekommen. Besuch! Während er den verdatterten Tom zum Besuchsraum durchschloss, versuchte der herauszufinden, wer dort auf ihn warten könnte. Vielleicht die Schwester?
Im Besuchsraum war fast jeder Tisch besetzt. Von der Schwester war nichts zu sehen. Der Aufsichtsbeamte schickte Tom zu einem Tisch, an dem ein älterer, fast kahlköpfiger Mann saß, Paul-Georg Schulte stellt sich kurz vor. Der Päckchenspender und Steckspielgeber!
Toms Gefühle fahren Karussell, ihm bricht der Schweiß aus. Seine Beine werden weich wie zu lange gekochte Nudeln. So lässt er sich erst einmal auf dem Stuhl nieder, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können. Seine Augen wandern über den vernarbten Holztisch, irren die Wände entlang zum Regal mit den verstaubten Pokalen, streifen flüchtig die anderen Besucher und bleiben zum Schluss an der Uniform des Aufsichtsbeamten hängen, als könnte er daran Halt finden. Nur um den nicht ansehen zu müssen, der ihm da gerade gegenüber sitzt.
Paul-Georg Schulte hat die ausgestreckte Hand unverrichteter Dinge wieder zurückgezogen, seine Hände mit den verschränkten Fingern liegen jetzt ruhig auf der Tischplatte. Er schweigt und wartet.
Toms Augen finden seltsamerweise bei diesen Händen Halt und sein verlegen umherirrender Blick ruht sich irgendwann sogar darauf aus. Nach einer gefühlten Ewigkeit sieht er ihn vorsichtig an. Paul-Georg lächelt ihm zu. In seinen Augen tanzen kleine Lichter.
Tom rutscht unruhig auf seinem Stuhl. Er möchte aufstehen und wegrennen, aber wohin und warum? Bis zur nächsten geschlossenen Tür sind es vielleicht zwanzig Schritte. Immer noch steht das Schweigen zwischen ihnen.
Paul-Georg hat seine Brieftasche aus der Jacke gezogen. Nestelt nach einem Foto. Nein, nicht das Enkelkind, wie Tom erwartet hat. Ein Hund. Ziemlich groß, weißes Fell mit schwarzen Flecken. Die Rasse kann man nicht erkennen. Irgendwas zwischen Schnauzer und Milchkuh, denkt Tom.
„Das ist Falco“, sagt der fremde Besucher. „Ich habe ihn vor einem halben Jahr aus dem Tierheim geholt. Er ist misshandelt und ausgesetzt worden. Jetzt lebt er bei uns und macht uns viel Freude.“
Tom weiß nicht, welcher Teufel ihn in diesem Augenblick geritten hat. Er blafft sein Gegenüber plötzlich an, die Worte stürzen aus seinem Mund und lassen sich nicht aufhalten. „Und jetzt fehlt Ihnen in Ihrer Sammlung noch ein Knacki?“ , hat er Paul-Georg entgegengeschleudert. „Passt doch gut zu dem armen Vieh aus dem Tierheim!“ Tom hat noch viel mehr gesagt, an das er sich nicht mehr im Einzelnen erinnert. Wie ein Schwall Kotze sind die Worte aus ihm herausgebrochen. Bis er leer war und merkwürdig müde, wie nach einer Krankheit.
Paul-Georg hat alldem schweigend zugehört. Dann hat er „Bis zum nächsten Mal“ gesagt. Aber Tom spürt, dass es nach dem Auftritt kein nächstes Mal geben wird.

Schreibe einen Kommentar