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Leseprobe: Sternschnuppenbraut

Sternschnuppenbraut

Was waren das nur für Gefühle, die ich da als Kind gehabt hatte, und wieso hatte ich sie vergessen? Oder sagen wir besser, wieso waren sie mir nicht mehr bewusst? Denn vergessen hatte ich sie in keiner Weise, waren sie doch in meinem Leben immer wieder meine Begleiter gewesen, aber nie wieder auf diese bewusst gewollte Weise wie mit neun Jahren. Jetzt war auf einmal wieder alles da. Alles, was ich damals gefühlt hatte. Ich war wieder neun Jahre alt und lebte noch einmal die Empfindungen, die ich dort auf dem Dachboden gefunden und auf meiner Suche nach mir selbst in meiner Seele abgespeichert hatte. Gerade hatte ich also einen – einen – Teil meines Ichs wiedergefunden. Ich hatte etwas wiedergefunden, was ich nicht verloren hatte, weil ich es bisher nie besessen hatte. Es geht also, man kann etwas verlieren, was man nicht hat, denn sonst könnte man es auch nicht wiederfinden. In mir stieg ein Gefühl der Neugier auf, wie ich sie mit neun Jahren empfunden und ohne Angst gelebt hatte. Ich war neugierig auf das, was ich noch alles finden würde, was ich nicht hatte und doch verlor. Die Suche in meiner Vergangenheit ging weiter. Erinnerungen kann man wecken, dachte ich mir, indem man sich mit Dingen beschäftigt, die aus einzelnen Phasen des gelebten Lebens sind. Also holte ich die Kiste mit den Fotos aus dem Schrank und begann, mir jedes einzelne anzuschauen. Eine Flutwelle aus Gefühlen brach über mich herein.

„Lass das, hör auf mich zu ärgern! Ich hau dich gleich, wenn du nicht aufhörst“, schrie ich meine kleine Schwester an, die mich auf Teufel komm raus piesackte und ärgerte. Immer wieder und immer wieder schleuderte sie mir gemeine Worte entgegen, hänselte mich und traf mich mitten ins Herz. Es war wie ein Messer, das sich tief in mich hineinbohrte, jedenfalls empfand ich es so. Zwei Jahre trennten uns, zwei Jahre, die ich älter und – wie meine Eltern sagten – auch vernünftiger war. Oh, wie ich es hasste. Du musst doch auf deine kleine Schwester Rücksicht nehmen, sie ist doch noch so klein und du bist schon so vernünftig. Wie oft hatte ich diese Worte in den letzten 2 Jahren gehört. Ich war gerade mal sieben Jahre und ein paar Monate alt, wo war man in diesem Alter denn bitte schön vernünftig? Wenn wir alleine zu Hause bleiben mussten, weil die Eltern abends eingeladen waren, hieß es nur, dass ich doch die Ältere sei und auf die Kleine aufpassen solle. Wenn etwas wäre, könnte ich ja anrufen, die Nummer läge neben dem Telefon. Päh, als ob ich anrufen und mir die Blöße geben würde, dass ich etwas nicht schaffte. Und jetzt reizte mich das Biest bis aufs Blut. Wut kochte in mir hoch. Wut und Ärger, die Tränen stiegen mir in die Augen. Wieso nur musste ich eine Schwester haben? Seit sie da war, war alles viel schwerer für mich geworden. Nicht nur, dass ich alles teilen und auf sie aufpassen musste, nein, ich war diejenige, die sich Dinge hart erkämpfte und sie bekam sie dann einfach später wie selbstverständlich auf dem silbernen Tablett serviert. Erneut schleuderte mir Katja eine fiese Gemeinheit an den Kopf und da riss mein Geduldsfaden endgültig. Ehe ich mich versah, hatte ich ihr wie im Affekt eine Ohrfeige geklatscht. Richtig laut hörte ich meine Hand auf ihre Wange aufschlagen und erschrak im selben Augenblick über das, was ich getan hatte. Eine brennend rote Fläche war das Ergebnis meiner Unbeherrschtheit. Tränen liefen über mein Gesicht. Tränen der Wut und der Angst zur selben Zeit. „Katja, es tut mir leid, bitte, das wollte ich nicht. Warum hast du mich auch nur so gereizt und nicht aufgehört, als ich dir gesagt habe, dass es reicht? Bitte, sag es nicht den Eltern.“ Katja heulte ohne Unterlass und verkroch sich zutiefst verletzt in ihrem Bett. Mir schwante, was jetzt alles passieren würde, es war nicht das erste Mal, dass sie mich verpetzte. Und das, obwohl sie mich selbst mit ihrem Verhalten so weit gebracht hatte, dass ich die Beherrschung verlor. Und genau wie ich es erahnt hatte, kam es auch. Am nächsten Morgen, als die Eltern mit uns am Frühstückstisch saßen, platzte Katja mit der Nachricht heraus, dass ich sie geschlagen hatte, zeigte ihre noch immer sehr rote Wange her. Vater sah mich mit steinerner Miene an und Mutter fing an, mir Moralpredigten zu halten. Alle Rechtfertigungsversuche nützten nichts. Ich konnte noch so sehr beteuern, dass Katja mich bis aufs Blut gereizt, mich so lange herausgefordert hatte, bis mir die Hand ausrutschte, es half alles nichts. „Es ist nicht deine Aufgabe, deine Schwester zu erziehen, und geschlagen wird schon einmal gar nicht“, bekam ich zu hören. Na toll, zum Aufpassen war ich gut genug. Wehren aber durfte ich mich nicht. Die kleine Kröte dagegen konnte tun und lassen, was sie wollte, sie kam immer irgendwie damit durch. „Du hast drei Tage Hausarrest, damit du darüber nachdenken kannst, was du getan hast.“ Die Stimme meines Vaters war streng und unerbittlich, die Wärme, die sonst in ihr lag, war verschwunden. Wütend stand ich auf und ging ins Kinderzimmer, das ich mit meiner Schwester teilen musste. Breit grinsend kam sie hinter mir her und hatte nichts Besseres zu tun, als mir mitzuteilen, dass sie eben mehr geliebt würde als ich und dass man ihr alles glauben würde. Diese Hexe, wie ich sie in diesem Augenblick hasste! Beim Blick aus dem Fenster wurde ich noch trauriger, denn es hatte gerade angefangen zu schneien und ich würde den Schnee nicht begrüßen können. Drei Tage Hausarrest. Drei Tage Langeweile. Drei Tage Vorhaltungen. Drei Tage Schadenfreude meiner Schwester. Und sie würde nun mit meinen neuen Skiern fahren, die ich doch so gerne ausprobiert hätte. Gerade erst hatte ich sie geschenkt bekommen, meine neuen Kinderskier. „Du lässt deine Schwester aber auch mal damit fahren“, war die Anweisung gewesen, mit der das Geschenk übergeben worden war. Ein komisches Geschenk, das man teilen musste. Und jetzt, jetzt war sie es, die damit fahren konnte und ich musste ihr dabei zusehen. Oh, wie ich das alles hasste. Ich vergrub meinen Kopf im Kissen und weinte ein paar Tränen. Irgendwie war das Leben doch ein einziger Kampf und ein Krampf obendrein. Und wenn da nicht auf der anderen Seite immer wieder mal das Gefühl gewesen wäre, dass man mich lieb hatte, dann wäre ich schon längst weggelaufen. Daran gedacht hatte ich schon öfter. Nach dem Abendessen ging ich sofort schlafen, lag aber wach, konnte mein Gedankenkarussell nicht anhalten. Irgendwann ging dann die Tür auf und Vater kam wie jeden Abend an unser Bett, um uns, bevor er selber schlafen ging, über den Kopf zu streicheln. Wie sehr liebte ich diesen Augenblick. Diesen Augenblick, der mir ganz alleine gehörte, in dem ich nichts mit meiner Schwester teilen musste. Unzählige Nächte blieb ich heimlich wach, bis Vater sein Ritual ausgeführt hatte und zu Bett gegangen war, nur um diesen Augenblick genießen zu können. Den Augenblick, der nur uns beiden gehörte.
Am nächsten Morgen war die Schneedecke fast 20 cm hoch und der Blick durch das Kinderzimmerfenster nach draußen entführte mich in eine Märchenwelt. Alles sah so anders aus, so friedlich, so leise. Auf den Ästen lag der Schnee so schwer, dass sie sich gen Boden bogen, es fehlte nicht viel und sie würden brechen. Und all das sollte ich nun nur von innen sehen dürfen. Leise schlich ich aus dem Zimmer, um meine Schwester, die Nervensäge, nicht aufzuwecken, und suchte nach meiner Mutter oder meinem Vater. Vater lag noch im Bett, aber war schon wach. Leise schlich ich mich ins Schlafzimmer an sein Bett und flüsterte ihm ins Ohr: „Papa, bitte, darf ich nicht doch rausgehen? Es ist so viel Schnee gefallen und wer weiß, wie lange der liegen bleibt. Ich will auch danach die drei Tage drinnen bleiben. Bitte, lass mich doch meine Skier ausprobieren. Bitte, bitte, ich will auch ganz lieb sein.“ Mit gesenktem Kopf betrachtete ich gespannt sein Gesicht, in der Hoffnung, dass ich den richtigen Ton getroffen und sein Mitleid erregt hatte. „Meine liebe Tochter …“ Autsch, das war schiefgegangen. „Was du getan hast, war nicht richtig und du bleibst drei Tage drinnen. Dass es jetzt schneit und du deine Skier nicht ausprobieren kannst, tut mir leid. Aber Strafe ist Strafe, es bleibt dabei. Du kannst ja vom Fenster aus zusehen, wie die anderen den Hügel runterfahren.“ Enttäuscht drehte ich mich um und ging geradewegs zurück in mein Bett. Ein paar Tränen kullerten über mein Gesicht. Wie ungerecht das Leben doch war! Wieso musste ich eine Schwester haben? Wenn sie nicht wäre, gäbe es all diese Ungerechtigkeiten gar nicht. Dummerweise sahen die Eltern nämlich nie, wenn sie mich bis aufs Blut ärgerte, da war sie sehr geschickt. Und ich durfte wie immer alles ausbaden. Ich hatte es so satt. Und dann musste ich noch mit dieser kleinen Ratte in einem Zimmer schlafen. Wütend drehte ich mich zur Wand und schmollte.

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