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Leseprobe: Spiel der Tränen

Spiel der Tränen

Doch war es nicht das einzige Mal, in denen ihnen bewusst werden sollte, dass sie vom Wesen her komplett verschieden waren. Er bevorzugte House, sie hingegen Garagenrock. Der eine mochte Gesellschaft, der andere war lieber alleine. Der eine interessierte sich für historische Bücher, der andere verschlang einen Krimi nach dem anderen. Manchmal konnten die Ansichten und Vorstellungen des Gegenüber unterschiedlicher gar nicht sein. Und doch fanden sie immer einen Weg, ihrer Liebe eine Chance zu geben, das Glück ineinander und miteinander zu finden. Aber wer weiß schon, vielleicht stand es in den Sternen, dass dies nur für eine gewisse Zeit wirklich tragbar war. Es wäre schließlich immer einer gewesen, der klein beigeben müsste, um zu verhindern, einander in die Haare zu bekommen. Meistens war das sie, da ihre Art zu lieben eher unbändig und bedingungslos war. Seine hingegen suchte oft eine Auszeit, brauchte Freiräume, die er sehr weit interpretierte und die für sie des Öfteren für Verzweiflung sorgten, da sie nicht viel mit der Liebe gemein hatten, die sie im Herzen trug. Doch auch gerade deswegen respektierte sie seine Meinung stets, hinterfragte ihn nicht oft und nahm es eben so hin, weil sie ihn schätzte, weil sie ihn aus tiefstem Herzen liebte, wie sie wohl keinen anderen Mann je geliebt hatte und es vielleicht auch nie wieder tun würde.
Doch sie hatte aus ihren Fehlern gelernt, nicht noch einmal würde sie so viel ihres Selbst aufgeben, um dem Partner gerecht zu werden. Nie wieder würde sie so viel Leid ertragen und so viel Kummer herunterschlucken, nie wieder würde sie einen Mann zurücknehmen, der sie jemals mit Respektlosigkeit und Untreue bestraft hatte. Niemals. Das redete sie sich ein, mehrmals, und wusste doch, würde ihr Herz je wieder einen Mann in sich einschließen und ihn mit Haut und Haar lieben können, würde sie einfach alles für ihn tun. Sie würde genauso viel Liebe geben, wie sie es seither getan hat, sie würde seine nicht hinterfragen. Sie würde es nicht zulassen, dass ihr Verstand Einfluss auf ihr Emotionsleben hätte. Sie würde alles tun, was ihre Liebe von ihr verlangte und sich Schmerzen aussetzen, Kompromisse schließen, die sie ein wenig von ihrer Persönlichkeit einbüßen ließen. Sie würde so viel geben, ohne etwas zu verlangen, sie würde ihn mehr zu lieben imstande sein, als sie es sich selbst je könnte.
Aber vielleicht würde sie auf einen Mann stoßen, der das erkennen würde, der ihre Seele zu schätzen wüsste, der ihr selbstzerstörerisches Wesen zu heilen bereit wäre, der genauso viel geben, wie er von ihr nehmen würde, der ihr mit Respekt und Liebe begegnete, auch wenn sie ihm gegenüber ausfallend würde, auch wenn sie mit Verständnislosigkeit auf seine wirren Ideen reagierte, der sie überzeugen wollte, wenn sie mal anderer Meinung wäre und doch gerne Kompromisse für ihr Seelenwohl einginge, der sie genauso nehmen mochte – und nicht anders – wie sie nun einmal war, wie es ihr Charakter von ihr verlangte, der sie in allem unterstützen würde, was sie tat, seien es auch die wildesten und absurdesten Ideen. Er wäre jemand, der genauso liebte, wie sie es tat. Grenzenlos, bedingungslos, aus den Tiefen des Herzens.

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