Posted on Schreib einen Kommentar

Leseprobe: Sehnsucht die mich trägt

Sehnsucht die mich trägt

Alles war fremd. Ich betrat zum ersten Mal die Zweizimmerwohnung meiner Großeltern und war anfangs sehr begeistert. Ein kleiner Flur, eine Küche, ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer. Sehr befremdlich für mich war das Badezimmer. Mit einem richtigen WC. Unendlich oft drückte ich auf die Spültaste. Was es hier alles zu entdecken gab! Von diesem Moment an schlief ich jede Nacht zwischen Oma und Opa voller Glück und Zufriedenheit. Ich hielt mich die ganze Nacht an ihren Händen fest vor lauter Angst, sie könnten heimlich nachts wieder verschwinden.
Gleich in den ersten Tagen besuchten wir meine liebe Tante Elisabeth, zu der Oma ausgereist war. Sie bewohnte ein riesengroßes Eigenheim. Zusammen mit ihren Eltern Sofia und Martin , ihrem sehr lieben Ehemann Robert und ihren beiden Söhnen Volker und Franz. Die Jungs waren im gleichen Alter wie mein Bruder und ich. Vom ersten Augenblick fühlte ich mich in diesem wunderschönen Haus sehr wohl. Alle waren nett und schenkten mir Beachtung. Onkel Martin nannte mich immer „moi allerschenschtie“ – meine Allerschönste. Das fand ich so lieb, wenn er dies zu mir sagte. In diesem Haus begann ich zu träumen.
Voller Sehnsucht schmiedete ich Pläne für die Zukunft. Solch ein Haus wünschte ich mir, zwei Kinder, genau solche Vorhänge und Teppiche. Ich wollte eines Tages alles so haben, wie es bei der lieben Tante war. Alles perfekt und das Beste – ein Schrank, in hellbraun, in dem oben links immer Knabberzeug war. Welch eine Freude. Auf dem Boden im Wohnzimmer war so viel Platz, dass wir Kinder mit dem Onkel Robert toben konnten. Das waren außergewöhnlich schöne Momente.
Das erste Mal, dass ich mich selber laut lachen hörte in diesem Deutschland. Täglich ging ich zu dem Haus meiner Tante und meines Onkels, um es zu bewundern. Vor dem Haus gab es eine sehr steile Abfahrt zur Garage mit einem Grünstreifen. Manchmal wartete ich ewig, bis einer von den beiden dort hinunterfuhr, denn ich wollte unbedingt mit hinunter sausen. Wenn keiner kam, zog ich meine Schuhe aus, um den Rasen unter meinen Füßen zu spüren. Wie gerne war ich in Rumänien barfuß gelaufen. Ich verspürte eine große Sehnsucht nach diesem Laufgefühl.
Eine Möglichkeit barfuß zu laufen, suchte ich genauso vergebens wie Kirschbäume und Spielwiesen am neuen Wohnort. Hoffentlich durfte ich bald in die neue Schule. So mein Verlangen. Was tut man hier als Kind eigentlich den ganzen Tag? Viele Tage verbrachte ich ausschließlich mit Erwachsenen. Ich bestaunte die großen Supermärkte, die Fußgängerzonen, die Auslagen – einfach alles. Draußen zum Spielen war ich selten und wenn, dann mit Volker. Es gab ja innen so viel Interessantes. Farbfernsehen, das kannte ich nicht und ein Telefon mit Wählscheibe hatte ich zuvor noch nie gesehen. Wenn wir aus Rumänien einen Anruf tätigten, fuhren wir nach Arad und warteten in einem Institut auf eine Verbindung. Das dauerte manchmal eine Ewigkeit. Hier ging alles ganz fix. Hörer abheben und wählen. Ich konnte gar nicht mehr aufhören, mit der Wählscheibe zu spielen.
Endlich kam der Tag an dem ich zur hiesigen Schule durfte. Einen großen Schulhof gab es dort und das Gebäude selbst sah so steril aus. Mal abwarten, dachte ich mir. Ich hatte das Gefühl, dass keiner mich wahrgenommen hatte. Man brachte mich zur Klassenlehrerin, die mich mit zu ihren restlichen Zweitklässlern nahm. Ich betrat den riesigen Klassensaal mit unendlich vielen Kindern und wäre am liebsten davongelaufen. Ich hatte ziemliche Bauchschmerzen.
So fremd, verloren und so gar nicht geborgen. Ich sah in viele erstaunte Gesichter. So, wer bist denn du? Und wo kommst du her? Ich hatte mich doch so gefreut auf die Schule und nun wollte ich am liebsten weglaufen. Die Lehrerin bat mich zu erzählen, wo ich herkomme und wie mein Name wäre. Mir stockte vor Aufregung der Atem, ich bekam keinen Ton heraus. Alle starrten mich an, bis ich letztendlich losplapperte. In der 1. Pause bat die Lehrerin die Kinder, sich um mich zu kümmern und mit mir zu spielen. Das taten sie auch – wenn auch mit etwas Zurückhaltung. Schließlich war ich für sie so „anders“.
Ich bemühte mich täglich, dem Unterricht zu folgen und lernte fleißig. Das wurde auch anerkannt.
Jede freie Minute erinnerte ich mich an meine Schule und an Frau Gerda K. und an ihre Sommersprossen und den Figurenstempel auf ihrem Pult. So gerne wäre ich bei ihr im Unterricht bei den Zweitklässlern gesessen, gleich in der Reihe neben den Drittklässlern. Ich bekam „Sehnsucht“ – Sehnsucht nach meiner Lehrerin, ihren Gewohnheiten und ihrem freundlichen Wesen. Keiner war wie sie. Ob sie meinen Platz schon neu besetzt hat? Ob die anderen Kinder mich wohl vermissten? Hätte ich ihnen doch eine Adresse gegeben, dann hätten sie mir schreiben können.
Auf den Gedanken, dass ich ihnen schreiben konnte, kam ich nicht. Regelmäßig schrieb ich meiner Freundin Renate und meiner Cousine Monika, vom allerersten Tag an. Ich vermisste sie unendlich. Wieso nur konnte ich sie nicht wiedersehen?
Wieso nur waren sie 1200 km weit entfernt von mir? Ich weinte nur, wenn ich alleine war, um keinen traurig zu machen. Insbesondere nicht meine Großeltern, die mir täglich die Kraft gaben, um mich hier zurechtzufinden. Ich sollte es mal besser haben, so ihre Worte. Ein besseres Leben wollten sie uns ermöglichen, aus tiefster Liebe. Wieso ich denn kein gutes Leben hatte – in Rumänien – verstand ich nicht. Warum konnten nicht alle einfach wieder nach Hause gehen, wir zurück in unser Haus, zu den Tieren, den Menschen, den Freunden und sonntags in die Kirche?
In meine Kirche, in der ich alles in- und auswendig blind beschreiben konnte? Warum konnte dieses Leben jetzt sich nicht einfach als Traum zu erkennen geben, aus dem man erwachen konnte, und wieder zu Hause in seinem Bett lag? In dem Bett mit vielen versteckten Kaugummispuren, die keiner sah?
Ich verspürte großen Appetit nach geräuchertem Schinken und der Salami. Ich hatte tiefes Verlangen nach einem Schluck Wasser aus unserem Brunnen und nach den lieben Menschen, die ich kannte und vermisste.

Schreibe einen Kommentar