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Leseprobe: Paternoster – Vom Auf und Ab des Lebens

Nicht verbrennen

Paternoster

Manchmal trat er auf die Fugen der Pflastersteine und es ­störte ihn nicht so wie sonst. Er versuchte dann, tief durchzuatmen. Nicht an das alte Kinderspiel zu denken, das ihm seine Mutter beigebracht hatte. Denn wer auf die Fugen der Pflastersteine trat, der war verbrannt.
Atmen, nicht denken, atmen und einfach weitergehen.
Das hatte ihm Frau Kramer-Michels gezeigt, jede Woche kam er in ihre Praxis. ‚F 42.2 und F 43.1‘ hatte sie das genannt, was er jahrelang für normal und für kaum wegzudenken ge­halten hatte.
Atmen, nicht denken, atmen und einfach weitergehen – auch an diesem Tag gelang ihm das für eine Weile. Doch dann tönte in der Ferne ein Martinshorn, schlagartig traute er sich nicht mehr, die Fugen der Pflastersteine zu berühren.
Immerhin hatte er seinen Gang inzwischen so perfektioniert, dass Außenstehenden die penible Wahl seiner Auftrittsfläche nicht mehr sofort ins Auge fiel. Als der Bürgersteig vom Plattenbelag in eine geteerte Fläche überging, war er erleichtert. Sein Blick durfte sich endlich vom Boden lösen; er sah plötzlich etwas entfernt den kleinen Nachbarsjungen, der sehnsüchtig in das große Schaufenster eines Spielwarengeschäftes blickte.
„Hallo, was gefällt dir denn da so gut?“, fragte er leise.
Der Nachbarsjunge drehte sich überrascht um, erkannte ihn und deutete auf ein großes Feuerwehrauto.
„Wenn ich groß bin, will ich Feuerwehrmann werden.“
Er seufzte. „Feuerwehrmänner machen einen wichtigen Job, aber leider können sie nicht immer alle retten.“
Der Gedanke an seine Eltern flammte auf, in ihm brannte es. Währenddessen plapperte der Junge weiter, ganz aufgeregt war er jetzt. „Aber die meisten können sie aus dem Feuer retten, mit der Drehleiter oder mit einem Sprungtuch.“
Er nickte mechanisch. Ihn hatten sie damals auch gerettet, als Einzigen. Fünf Jahre alt war er gewesen, und von da an bei der Großmutter aufgewachsen. Die trauerte sehr um ihren einzigen Sohn, da war kein Platz für den Enkel und seine Angst. Er blieb mit seinen Albträumen allein, hielt sich fest in seiner eigenen, einsamen Welt – seinem geschlossenen Regelwerk strenger Ritu­ale. ‚Gerettet zu werden ist nicht immer das Beste‘, dachte er, aber das sagte er dem Jungen nicht.
Frau Kramer-Michels behauptete immer, es gäbe einen Grund, warum er gerettet worden sei und den würde er eines Tages noch herausfinden. Sein Kinderzimmer war weiter vom Brandherd entfernt gewesen als das Schlafzimmer der Eltern. Das war ihm bisher die einzige gültige Tatsache, ohne jede ­Magie.
„Hattest du als Kind auch ein Feuerwehrauto?“
Der Nachbarsjunge riss ihn aus seinen Gedanken.
Er lächelte. „Ich hatte ganz viele, ich habe auch heute noch eine ganze Sammlung.“
Der Junge bekam große Augen. „Echt? Darf ich die mal sehen?“
Er zögerte. Nur die Feuerwehrautos hatten ihm damals Sicher­heit gegeben und taten es manchmal noch heute; dem Kleinen konnte er das schlecht erklären. Er versank in Gedanken, sah sich nervös seine Feuerwehrminiaturen geraderücken, immer wieder den Herd kontrollieren und ängstlich auf das aufleuchtende rote Funktionslicht des Brandmelders starren.
Etwas Furchtbares würde passieren, sobald er nicht wachsam war; auch Frau Kramer-Michels konnte ihm dieses Gefühl nicht nehmen.
„Ach, weißt du“, sagte er abrupt zu dem Jungen. „So spannend ist das auch wieder nicht. Tschüss!“
Bevor der Kleine widersprechen konnte, ging er weiter. Als der Asphaltbelag wieder in verfugte Platten überging, drehte er sich noch einmal kurz um. Der Junge stand noch immer vor dem Schaufenster, er konnte sich also unbeobachtet fühlen. Wieder begann sein konzentrierter Gang über die Platten. Nicht die Fugen berühren, atmen, nicht denken, atmen und einfach weitergehen.

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