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Leseprobe: Nur für Erwachsene

Nur für Erwachsene

Frieder klingelte bei Wagners. Sofort brach das Klavierspiel ab und er hörte Schritte. Dann ein „Ja?“
„Entschuldigung! Ich wollte nicht stören …“, sagte Frieder, und die Wohnungstür vor ihm wurde geöffnet.
„Störst gar nicht, ich wollte eh aufhören!“, sagte Bluna. „Wir essen gleich!“
„Komm rein! Möchtest du jetzt mal etwas spielen?“
„Bei dem Krach? Nee, danke, ich wollte nur fragen, ob ihr vielleicht eine Dreifachsteckdose für mich habt!“
Herr Wagner, gekleidet in einen über und über mit Farbe beklecksten Blaumann, tauchte aus der Küche auf und begrüßte Frieder.
„Ich dachte schon, das wäre der Pizza-Bote! Komm doch rein!“
„Eigentlich bin ich ja nur hier, weil …“
„Weil du mich fragen wolltest, ob ich deine Geschichte jetzt lesen möchte!“, vollendete Bluna und grinste frech. „Ja, gerne!“
Frieder schüttelte stirnrunzelnd den Kopf.
„So, du schreibst Geschichten?“, mischte sich Herr Wagner ein.
„Och, nicht der Rede wert!“, antwortete Frieder und winkte ab.
„Wohl! Er schreibt Geschichten und ich darf eine gleich lesen. Hat er versprochen!“
„Was für Geschichten schreibst du denn so?“, wollte Herr Wagner wissen.
„Sie handeln vom Verhältnis zwischen Frauen und Männern!“, behauptete Frieder, und er war zufrieden mit sich, weil sich seine Antwort selbstverständlich und plausibel anhörte, soweit er das beurteilen konnte.
Herr Wagner schien zunächst überrascht; er verengte die Augen und legte dabei seine Stirn in Falten, als dächte er scharf nach.
„Vom Verhältnis zwischen Frauen und Männern! Das klingt interessant. Darf ich einmal fragen, woher ein junger Mann von …, wie alt bist du?“
„Siebzehn“, antwortete Frieder.
„… von siebzehn Jahren genug über das Geschlechterverhältnis weiß, dass er darüber schreiben kann?“
Bluna nickte, und als Frieder nicht sofort antwortete, sagte sie: „Das möchte ich auch gern mal wissen!“
„Na ja, so etwas fragt man einen Künstler natürlich nicht, Bluna!“, ermahnte Herr Wagner quasi sich selbst und schüttelte Verzeihung heischend den Kopf. „Spaß beiseite, wenn ich darf, lese ich auch gerne mal, was du so über Frauen und Männer weißt. Kann ich bestimmt noch was lernen!“ Obwohl er „Spaß beiseite“ gesagt hatte, lachte er jetzt.
Frieder schnitt ein Gesicht, als habe er etwas Schlechtschmeckendes im Mund.
„Um ehrlich zu sein …“, Frieder sah Herrn Wagner an, als wäre das, was nun folgen sollte, im Grunde nicht auf Bluna berechnet sondern auf ihn. „Meine bisherigen Sachen gefallen mir alle nicht mehr! Wahrscheinlich haben Sie recht, und ich bin meinem Thema gar nicht gewachsen. Vorzeigen möchte ich aber nur, wozu ich auch stehe!“
„Och komm, Frieder, du hast es mir versprochen! Wenigstens eine!“, quengelte Bluna. „Versprochen ist versprochen! Mein Vater soll ruhig warten, bis du etwas deiner Meinung nach Vorzeigbares anzubieten hast.“ Sie tippte Frieder gegen die Schulter; die Art, wie sie das tat, empfand Frieder als überaus vertraulich. Mehr noch aber, wie sie ihn ansah im Beisein ihres Vaters; es ging Frieder durch und durch. Als spürte sie, dass sie ihn bereits weich geklopft hatte, schmunzelte sie kurz.
„Okay. Am besten gleich, denn ich brauche noch Reiselektüre. Um drei geht mein Zug!“
Wieder schenkte sie Frieder das verführerischste Lächeln, das er jemals gesehen zu haben glaubte.
„Ach übrigens, Papa, sag Mama bitte, dass ich über Nacht bei Mark bleibe.“
Frieder flüsterte sie anschließend zu: „Drück mir bitte die Daumen!“
„Wobei?“, wollte Frieder wissen, aber sie machte eine wegwischende Handbewegung und schüttelte den Kopf. Das sollte vor ihrem Vater nicht Thema werden, verstand Frieder.
„Na, bist du mit dem von soeben fertig geworden?“, richtete sich Bluna jetzt mit veränderter Stimme an ihn. „Oder bekomme ich etwas Älteres?“
„Im Großen und Ganzen, also mehr oder weniger“, nuschelte Frieder.
„Na dann also!“
„Soll heißen, her damit, oder wie oder was?“, fragte Frieder. Im Gegensatz zu soeben, als sie bei ihm geklingelt hatte, empfand er sie jetzt als ausgesprochen resolut. Lag das an der Anwesenheit des Vaters oder daran, dass sie ihn womöglich durchschaut hatte?
„Hast es erfasst!“, antwortete sie und tupfte ihm auf die Nasenspitze.
Was Frieder an der im Grunde peinlichen Situation dennoch gefiel, war, dass er jetzt unmissverständlich erlebte, wie sehr sich Bluna für etwas interessierte, von dem sie annahm, dass er es vollbracht hatte. So wie Piet Luctor et Emergo verschlungen hatte, weil er annahm, es handelte sich um einen Hochfeldt, wollte sie etwas lesen, weil sie davon ausging, es stamme von ihm. Das schmeichelte ihm ausgesprochen.
Zwei Minuten später hielt Bluna zehn Seiten in der Hand, die Frieder rasch noch zusammengetackert hatte, bevor er sie überreichte.
„Luctor et Emergo? Was bedeutet das?“
„Klärt sich bereits auf der ersten Seite“, versprach Frieder. „Aber wie gesagt, heute schreibe ich ganz anders! Hast es ja nicht anders gewollt!“
„Ach, dann ist das hier also gar nicht die neue?“
Frieder schüttelte den Kopf. „Nein, die habe ich zerrissen!“, log er. „Hieran habe ich nur noch ein wenig nachgebessert, ganz auf die Schnelle. Also versprich dir bloß nicht zu viel!“
„Du wiederholst dich!“ Bluna presste die Geschichte gegen ihren Busen, als wollte sie sie, was auch immer er tun würde, um keinen Preis wieder hergeben. „Wird wohlwollend berücksichtigt, versprochen!“ Sie grinste. „Wie lang?“
„Na, ich nehme an, dass es zehn Seiten sind. Gezählt habe ich sie nicht“, antwortete Frieder, ohne eine Miene zu verziehen.
„Du weißt genau, was ich meine! Wie lang ich sie behalten darf!“ Blunas Entrüstung war genauso gespielt wie Frieders Ernst.
„So lang du willst. Aber bitte nicht deinem Vater geben! Wäre mir ausgesprochen peinlich!“
„Wieso ausgerechnet die nicht?“, interessierte sich Bluna.
Frieder legte geheimnisvoll den Finger vor die Lippen und erreichte damit, was er beabsichtige: Bluna errötete.
„Spätestens morgen hast du sie zurück!“, versprach sie. Gegenüber klingelte der Pizza-Bote.
Diese merkwürdige Pavillon-Geschichte war nicht dazu angetan, jemanden zu beeindrucken; ihn zumindest nicht. Lieber hätte er Bluna etwas gegeben, das ihn selbst überzeugte, aber da war nun einmal nichts vorrätig. Erneut kam ihm der Gedanke, sich selbst an eine Geschichte heranzuwagen. Frieder malte sich aus, wie er am folgenden Tag Bluna und Piet miteinander bekannt machen würde und versuchte, Bluna mit Piets Augen zu sehen. Derlei gelang ihm mittlerweile recht gut. Auch Piet würde zweifellos sofort Blunas enormer Busen auffallen, denn der sprang einem regelrecht ins Auge.

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