Veröffentlicht am

Leseprobe: Nietzsche nackt

Nietzsche nackt

Über den Schreibtisch gebeugt, die Füße weit auseinander gestellt, beginne ich Nietzsches ‚Antichrist‘ zu lesen.
Der Text handelt von Macht und Ohnmacht und turnt mich ebenfalls an, genauso wie die flüchtigen Berührungen seiner Hände, die mich abwechselnd streicheln und schlagen oder sich wie düstere kleine Tiere verwirrend in meine Scham verkriechen. „Was ist gut?“, lese ich zögernd. „Alles, was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht, die Macht selbst im Menschen erhöht.“ „Was ist schlecht? Alles, was aus der Schwäche stammt.“ „Was ist Glück? – Das Gefühl davon, dass die Macht wächst, dass ein Widerstand überw-w-wunden wird …“ Ich stottere. Herrgott, ich stottere nicht!, herrsche ich mich an. Seine Hand quetscht sich wieder in meine Votze. Und schon wieder: „Nicht Zufriedenheit, sondern mehr Macht, nicht Friede überhaupt, sondern Krieg; n-n-nicht Tugend, son-sondern Tüchtigkeit …“ Die Worte verhaken sich in einem Nichtdenken, die Mechanik setzt aus. Ich setze erneut an: „Die Schwachen und Mißratenen* sollen zugrunde gehen: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.“
Plötzlich huscht ein Gedankenfetzen an mir vorüber, kaum greifbar: Es ist doch ein Wille zur Macht, aber einer zu einer Ohnmacht gegenüber einem, dem ich alle Macht übergeben will.

 

* Hinweis: Die Zitate im Buch sind in der Originalfassung, und folgen somit den Regeln der alten Rechtschreibung.

Schreibe einen Kommentar