Veröffentlicht am Schreib einen Kommentar

Leseprobe: Neukölln ist nirgendwo

Neukölln ist nirgendwo

Um ihr Pensum zu schaffen, drei Wohnungen an diesem Vormittag, muss sie sich beeilen. Für längere Pausen bleibt keine Zeit. Der nächste Einsatzort liegt nur eine Straßenecke entfernt. Ein modernes Appartementhaus, Domizil einer Altenpflegerin Mitte 30.
„Hoffentlich erwische ich nicht wieder irgendeinen ihrer Liebhaber im Schlafzimmer. Die Dame führt einen lasterhaften Lebensstil“, gibt Anka preis, während sie den Fahrstuhl betritt, um in die fünfte Etage zu gelangen.
„Einmal ‒ ich hatte gerade die Tür geöffnet ‒ trat ein junger Mann auf den Flur, splitterfasernackt, lächelte mich an und fragte, ob ich auch einen Kaffee möchte. Daraufhin habe ich sie dann gebeten, mich vorher zu informieren, wenn ich nackte Männer in ihrer Wohnung antreffen würde. Die Dame ist sehr liebenswürdig, ich mag sie gerne. Sie lebt von ihrem Mann getrennt, einem Libanesen, der auch ihre Kinder aufzieht. Ein Mädchen und ein Junge, 9 und 13 Jahre alt. Deshalb leidet sie an Schuldgefühlen und betäubt diese mit Alkohol und Männerbekanntschaften. Für meinen Geschmack etwas zu viele, aber das geht mich ja nichts an. Obwohl sie mich äußerlich an meine Tochter erinnert. Wir haben uns angefreundet. Einmal ging es ihr sehr schlecht. Ich traf sie verweint in ihrer Wohnung an und machte uns beiden gleich einen Tee. Sie vermisste mal wieder ihre Kinder. Ich nahm sie dann in den Arm, wir redeten eine Stunde lang, danach hat sie selbst geputzt, mich aber trotzdem bezahlt.“ Während Anka die Tür öffnet, verschafft sie sich einen raschen Überblick über den Zustand der Wohnung. „Heute ist hier nicht viel zu tun!“, stellt sie zufrieden fest. „Nur etwas Staub wischen. Es ist halt eine ordentliche Kundin!“ Von den Bücherregalen und CD-Ständern abgesehen ist die Wohnung angenehm leer. Die Wände sind mit den Fotos ihrer Kinder geschmückt. Auf dem Schreibtisch steht ein aufgeklappter Laptop, daneben liegt ein Reisepass, ein Schreiben vom Arbeitsamt, sowie ein geöffneter Lonely Planet Reiseführer für Kroatien. „Nein, nein, ein Elendsviertel ist etwas ganz anderes“, äußert Anka und nimmt damit die in der ersten Wohnung begonnene Konversation wieder auf.
R.S.: „Anka, hast du davon gehört, dass der Bürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky, ein Buch geschrieben hat? Es heißt „Neukölln ist überall“. Anka (erstaunt und interessiert zugleich): „Nein. Ich kenne mich zwar mit Politik nicht gut aus, aber sollte ein Bürgermeister sich nicht mit anderen Dingen beschäftigen? Wer liest denn so etwas?“
R.S.: „Es war monatelang in den Bestsellerlisten, der Bürgermeister wurde dadurch Millionär. Es geht um die Probleme mit Integration, Einwanderung etc.“
Anka: „Wenn er jetzt Millionär ist, dann kann er das Geld ja für soziale Zwecke einsetzen, hier in Neukölln, zumindest einen Teil davon. Einwanderung? Ist das immer noch ein Thema hier? Das begann doch schon vor Jahrzehnten bei Euch in Deutschland, oder? Hat man sich noch nicht daran gewöhnt? Es gibt ja überall solche und solche. Aber, wenn ich mich hier so umschaue, in Neukölln, oder auch in anderen Bezirken Berlins, die Einwanderer sind doch überall. Und, wenn du mich fragst, die halten die Stadt am Leben. Wer betreibt denn hier die ganzen Geschäfte?! Vorhin, zum Beispiel, als wir an der Bäckerei vorbeigingen, da saßen nur Deutsche, tranken Kaffee. Was wäre denn Neukölln ohne Einwanderer? Nichts, meiner Meinung nach. Wenn es den Menschen zu gut geht, dann werden sie zu bequem, erwarten alles vom Staat. Genau das ist in Deutschland passiert. Dann kommen die Einwanderer, füllen die Lücken, verändern das Umfeld. Das wird in Polen auch so passieren, es fängt gerade an. Alle schimpfen auf die Vietnamesen, die Russen, die Ukrainer, die Zigeuner vor allem, dabei sind Millionen Polen selbst ausgewandert, bis vor Kurzem.“
Anka wischt schnell über den Fußboden, staubt die Bücherregale ab, gießt die Zimmerpflanzen. Ihr Geld liegt diesmal auf der Kommode im Flur, unter einem Schuhanzieher. „Fertig!“ ruft sie aus, während eine Pirogge von ihrer Hand in den Mund wandert, wobei sie genießerisch die Augen schließt.
Draußen regnet es jetzt stärker, der Wind hat zugenommen. Anka öffnet einen Regenschirm, läuft zur U-Bahnstation, fährt eine Station weiter zu der letzten Wohnung an diesem Vormittag, bevor sie sich in einem kleinen Café stärken wird. Die nächste Wohnung liegt in der Karl-Marx-Straße, wird von einem pensionierten Lehrer-Ehepaar bewohnt. Ein sorgfältig sanierter Altbau neben einer Eisdiele, gleich gegenüber vom Rathaus Neukölln.
„Am liebsten würde ich diese Putzstelle kündigen ‒ ich kann das Ehepaar nicht ausstehen. Das sind so richtige Alt ‒ wie heißt das bei Euch? Die früher immer demonstriert und Haschisch geraucht haben … ?!“
R.S.: „Du meinst vielleicht Alt-68er, Anka?“
Anka: „Genau, 68er ‒ links reden, rechts leben. Machen auf multikulti und sozial, beschweren sich aber über den Lärm der türkischen Kinder und zahlen mir auch nur einen Hungerlohn, obwohl die wirklich sehr wohlhabend sind und kinderlos. Dafür haben sie eine fette Katze, die mehr Geld verfrisst als fünf Kinder. Wenn du mich fragst, diese 68er gehören ins Altersheim.“
Anka schließt die Tür auf. In der Wohnung riecht es abgestanden. Fünf Zimmer, zwei Balkone. Die Einrichtung besteht überwiegend aus Antiquitäten. An den Wänden hängen Radierungen, die wertvoll zu sein scheinen. Eine dicke Perserkatze schlummert in ihrem Korb, ein Kanarienvogel trillert in seinem goldenen Käfig. Auf dem Wohnzimmertisch liegt die EMMA aufgeschlagen, neben einem Prospekt über Immobilien in der Toskana. Über dem Schreibtisch hängen Fotos an der Wand: Die Inhaber der Wohnung, ein ältliches Ehepaar, zusammen mit Joschka Fischer auf einer Veranstaltung. Alle drei grinsen wie die Honigkuchenpferde, sehen wohlgenährt aus. Sie hat hüftlange Haare, trägt ein wallendes Gewand, er einen Backenbart. Daneben, das Ehepaar vor dem Zuckerhut in Rio, der Basilius-Kathedrale in Moskau, beim Wandern in irgendeiner Mittelgebirgslandschaft. Anka schmeißt den Staubsauger an, wuselt durch alle Räume, ihr Rücken schmerzt. „Das sind ganz penible Kunden, ich sagte es ja schon!“ Mit missmutigem Gesicht reinigt sie das Katzenklo und füllt eine Dose „Whiskas“ in den Futternapf. Die Perserkatze miaut zufrieden.
„Weißt du, wie die Katze heißt? Rosa, so wie Rosa Luxemburg. Der Kanarienvogel drüben im Wohnzimmer wurde Karl getauft, so wie Karl Marx. Komisch, oder? Die werten Herrschaften hätten es keine drei Tage bei uns in Polen ausgehalten während des Kommunismus. Schau doch mal in den Kühlschrank!“ Gesagt, getan.
Der Kühlschrank des linken Lehrerehepaares entpuppt sich als Füllhorn dickmachender Köstlichkeiten: Pastete aus dem KDW neben einer Marzipantorte und anderen Leckereien. „Links reden, rechts leben“, wiederholt Anka und wirft der Katze einen bösen Blick zu. Anka sieht jetzt erschöpft aus, eine Haarsträhne fällt ihr ins Gesicht. Fünf Stunden sind seit ihrem Arbeitsbeginn vergangen, drei Wohnungen hat sie auf Vordermann gebracht. Sie öffnet den für sie auf dem Küchentisch liegenden Umschlag, nimmt das Geld heraus und liest den dazugehörigen Brief.


Liebe Anka,
wie wir feststellen mussten, haben Sie sich nicht daran gehalten, so wir es Ihnen nahegelegt hatten, vegane Putzmaterialien zu verwenden. Es mag in Ihrem Heimatland üblich sein, sich nicht um ökologische Belange zu scheren, aber hier bei uns verfolgt man einen ökologischen, nachhaltigen Ansatz, zum Schutz unserer Umwelt. Das gilt auch gerade für die Hauswirtschaft. Sie kennen vielleicht den Slogan ‚Think globally, act locally‘. Das ist Englisch und bedeutet so viel wie, „Denke global, aber handele regional.“ Ihr Hinweis, Sie könnten sich keine ökologisch abbaubaren Reinigungsmittel leisten, ohne den jetzigen Stundenlohn zu erhöhen, hatte Ihnen mein Ehemann ja neulich eindeutig widerlegt, in seiner Aufstellung. Hätten Sie bei Ihrer Tätigkeit, hier in Berlin, von Anfang an einen nachhaltigen Ansatz verfolgt, wären Ihnen keine Unkosten entstanden. Ferner hatten wir Ihnen ‒ in unserem letzten Schreiben ‒ eine Liste beigefügt, wo Sie günstig die von uns erwünschten Produkte hätten erwerben können. Wie wir leider feststellen mussten, benutzen Sie immer noch umweltschädliche Allzweckreiniger und Reinigungstücher. Das Selbe gilt für die von Ihnen verwendete Schmierseife, Scheuermilch, sowie für die Laminat- und Korkpflege, als auch für die Parkettpflege. Unsere Katze Rosa wirkt jedes Mal verstört, nachdem Sie in unserer Wohnung waren. Wir haben uns deshalb dazu entschlossen, das Arbeitsverhältnis mit dem heutigen Tage zu beenden. Hinterlegen Sie die Wohnungsschlüssel bitte auf dem Küchentisch.
Vielleicht sollten Sie auch in Erwägung ziehen, sich in Polen eine Stelle zu suchen, um unsere Umwelt zu schonen und diese nicht durch Ihr permanentes pendeln ‒ per PKW ‒ zu strapazieren.
MfG


Anka schmunzelt, nachdem sie den Brief gelesen hat. Dann steht sie auf, geht langsam auf den Kühlschrank zu, öffnet diesen, holt die Marzipan-Torte heraus und würzt diese kräftig mit dem Salzstreuer. Anschließend stellt sie alles wieder zurück an seinen Platz.
Es ist früher Nachmittag. Anka holt die letzte Pirogge aus ihrer Tüte. „Lass uns gehen!“ sagt sie. „Ich habe Mittagspause. Außerdem ersticke ich hier in dieser Wohnung“. Beim Hinausgehen wirft sie noch einen letzten Blick auf die Räumlichkeiten: Fünf Zimmer, zwei Balkone, Antiquitäten und wertvolle Radierungen an den Wänden, 8 Euro Stundenlohn als Putzfrau.
„Mach es gut Rosa, du bist eigentlich ganz in Ordnung, was man nicht von deinem Frauchen und Herrchen behaupten kann“, ruft Anka der Katze zum Abschied zu, bevor sie die Tür ‒ etwas zu laut ‒ ins Schloss fallen lässt.
Unten auf der Straße hat es aufgehört zu regnen. Die frische Luft wirkt wie ein Muntermacher nach dem Mief der Lehrer-Wohnung. Wir laufen die Karl-Marx-Straße hinunter, anschließend die Boddinstraße hinauf. Altbauten säumen die baumbestandene Straße, welche an dieser Stelle leicht hügelig aufwärts führt. Mit etwas Phantasie wähnt man sich in San Francisco, oder gar Valparaiso.

Schreibe einen Kommentar