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Leseprobe: Neukölln ist nirgendwo – Nachrichten aus Buschkowskys Bezirk

Neukölln ist nirgendwo

Meine Nachbarin Frau W. stellte mir heute ihre Nichte vor.
Ich wollte gerade das Haus verlassen, als Frau W. –rein zufällig – ihre Wohnungstür öffnete.
„Herr Schack, darf ick Ihnen Gritt vorstellen, meene Nichte aus Neubrandenburg.Seit einer Woche ist sie in Berlin, hat hier eine Stelle als Telefonistin anjetreten“
Gritt trat auf die Türschwelle, eine flachsblonde junge Frau, die ihre Haare zu Schnecken gedreht hatte.
„Ich bin keine Telefonistin Tante, sondern Call-Center Agent „, korrigierte sie missmutig.
„Aus Neubrandenburg kommen Sie also?“, fragte ich, um die Konversation in Gang zu bringen.
„Ja, ich bin von Vorpommern“, gab sie wortkarg zur Antwort.
„Meine ganze Familie arbeitet in der Schweinezucht, aber ich will etwas mehr aus meinem Leben machen!“
In diesem Moment kam die Musikerin Chantal- aus der 5.Etage – die Treppen hinunter, mit der Frau W. sich in einer Art Dauerfehde befindet.
Chantal trug eine Sonnenbrille, dazu einen weinroten Mantel .
Als sie uns erblickte, grüßte sie freundlich in meine Richtung, musterte Frau W. aber abschätzig.
„Flittchen!“, zischte Frau W. leise, aber doch hörbar.
„Faschistin!“, gab Chantal zur Antwort, während sie sich an uns vorbei in Richtung Ausgangstür bewegte.
Frau W. fasste sich theatralisch an die Nase
„Ick kann ja kaum noch atmen, dieses Parfüm (Sie sprach es Parföng aus) riecht irgendwie billig, fast nuttig!“
Chantal drehte sich auf den Absätzen ihrer schwarzen Lackstiefel um, schob die Sonnenbrille unter ihre Augen und sagte: „Immer noch besser als ihr Körpergeruch Frau W., damit können sie ja alle Bewohner des Hauses vergasen. Sie waschen sich wohl trocken?“
Frau W. schnappte fassungslos nach Luft
“ Ne Sauerei is dit, wat man sich hier von so eener sajen lassen muß, in seinem eigenen Hausflur.
Aber dit hat noch´n Nachspiel. Komm Gritt, dit haben wir nicht nötig!“ sagte sie, zog dann ihre Nichte in die Wohnung und ließ die Tür ins Schloss fallen .

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