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Leseprobe: Neukölln ist nirgendwo – Nachrichten aus Buschkowskys Bezirk

Neukölln ist nirgendwo

In meinem Wohnhaus gibt es einen Konflikt, eine Fehde, ja, eine kriegerische Auseinandersetzung.
Die Konfliktparteien bestehen aus meiner Nachbarin Frau W., der letzten Ureinwohnerin von Neukölln, die ich euch ja schon einmal vorgestellt habe, sowie der Mieterin aus dem fünften Stock, einer Musikerin.
Diese Dame nennt sich „Das Mädchen Chantal“, obwohl ihr 30. Geburtstag schon länger zurückliegt, ja, und auch ihr 35. nicht gerade gestern gefeiert wurde. Chantal ist eine attraktive Dame, nur ihre Augen glänzen etwas zu sehr und ihre Pupillen sind häufig etwas erweitert, was an ihren Kontaktlinsen liegt, wie sie gerne beteuert.
Chantal hat sehr schlanke, gepflegte Hände, ihre Fingernägel sind sorgsam lackiert. Überhaupt ist sie immer sehr modisch gekleidet, obwohl sie Kleidung vom Flohmarkt trägt, die sie geschickt kombiniert und sich dabei von Illustrierten und der Berliner Fashion Week inspirieren lässt. „Ich weiß, was angesagt ist!“, pflegt sie regelmäßig zu sagen.
Chantal stammt nicht etwa aus Frankreich, wie man aufgrund ihres Namens denken könnte, – in Wirklichkeit heißt sie anders, wie sie mir einmal anvertraute, nämlich Christina – sondern aus einem Dorf in Friesland, in der Nähe der niederländischen Grenze, wo schon nachmittags die Bürgersteige hochgeklappt werden und der Nebel sechs Monate im Jahr durch die Gassen wabert.
Chantal tritt regelmäßig in den rauchigen Bars von Kreuzkölln auf, wo sie ihr Repertoire, französische Chansons und lateinamerikanische Balladen, darbietet. Außerdem ist Chantal politisch aktiv und Mitglied bei der Partei „die Linke“, was meine Nachbarin Frau W. verdächtig findet und ihr deshalb den Verfassungsschutz auf den Hals hetzen möchte, wobei sie nicht weiß, an wen sie sich wenden muss. Als sie mich deswegen um Rat fragte, gelang es mir, schnell das Thema zu wechseln, indem ich Frau W. ein Kompliment bezüglich der smaragdgrünen Farbe ihres Bademantels machte.
Regelmäßig wird der Hausflur von lautstarken Tönen erschüttert, immer dann, wenn sich Frau W. und Chantal im Treppenhaus begegnen.
Heute Vormittag war es besonders heftig. Als der Lärm begann, schaute ich durch den Türspion. Frau W. war gerade dabei, den Hausflur aufzuwischen, wobei sie schnaufte wie eine alte Dampfmaschine, als Chantal auf hochhackigen Schuhen die Treppen herunterkam.
„Müssen Sie immer so einen Lärm verursachen, wir sind doch hier nicht auf dem Tanzboden von einem ihrer Etablissements!“, fauchte Frau W., wobei sie Etablissement wie Etablissemäng aussprach.
„Ach, halten Sie doch ihren Mund, Frau W.!“, keifte Chantal zurück. „Wenn Sie durch das Treppenhaus stampfen mit ihrem Übergewicht, ist doch das Haus einsturzgefährdet!“
Frau. W. stemmte jetzt die Hände in ihre Hüften, senkte dann ihren Kopf etwas zur Seite: „Sie impertinentes Frauenzimmer! Na, dass Sie keinen Anstand haben, sieht man ihnen ja an, so anjemalt wie Sie sind. Neulich haben Sie ja auch wieder oben ohne am Fenster gestanden, wie am FKK-Strand auf Usedom. Jede anständige Dame täte sich da genieren. Ick habe vielleicht etwas zu viel auf den Rippen, aber ick loof nicht rum wie ein billiges Flittchen. Sie mit ihrer lauten Musik und ihren Männerbekanntschaften.“
Chantal setze jetzt ein überlegenes Lächeln auf: „Nur kein Neid, Sie alte Trockenpflaume. Außerdem bin ich Künstlerin, ein Nachwuchs-Talent, aber davon verstehen Sie nichts, Sie kleingeistige Spießerin!“
Frau W. verzog angewidert das Gesicht. „Ja ja, nicht mehr janz taufrisch, nicht mehr janz jung, aber immer noch Nachwuchs-Talent, det ist ja zum Brüllen!“
Chantals Gesichtsfarbe änderte sich jetzt von Rouge-Rosa zu Tomatenrot. „Sie alter Trampel, Sie Hausdrachen, was erlauben Sie sich, wie reden Sie mit einer Dame?“
Frau W. grinste teuflisch. „Mit einer Dame? Ick seh hier aber nur eine Dame, det bin icke! Sie sind doch eine Dirne, ja jenau, eine Dirne!“
Chantal geriet in Rage, fast sah es so aus, als würde sie die Fassung verlieren. Stattdessen stieß sie mit einem kräftigen Tritt den Eimer von Frau W. um, worauf sich eine braune Brühe über den Hausflur ergoss.
„Sie Terroristin!“, brüllte Frau W. der Musikerin hinterher, die wutentbrannt das Haus verlassen hatte, wobei sie die Eingangstür krachend ins Schloss fallen ließ. „Sie Kommunistin, gehen Sie doch nach drüben!“

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