Veröffentlicht am

Leseprobe: Nemesis-Effekt

Am Strand jener fast perfekt halbrunden Bucht, nicht weit vom neuen somalischen Hafen Chisimaios entfernt, befinden sich alte, im Muschelsand nahezu vollständig vergrabene Slipanlagen, die kaum für den modernen Schiffbau geeignet sind. Doch was solls; es reicht immerhin, um das Wrack eines früher stolzen Fischkutters so umzufrisieren, dass er diejenigen hinters Licht führen kann, die sich denn lassen.

Abu-Sein hatte sich damals als weißbärtiger und sehr stattlich auftretender Mann beim Schiffsbauer und Abwrackmeister Suleiman mit Aussicht auf einen Auftrag vorgestellt.

Man trank Tee, sprach über das Wetter, die Arbeitslosigkeit und die Regierung, die allem Anschein nach nichts unternahm, um das Leben des Volkes auch nur einen Hauch lebenswerter zu gestalten.

Über Frauen palaverte man nicht.

Dies ist in Somalien nicht üblich, und schon gar nicht Fremden gegenüber, von denen man nicht viel weiβ. Und das, was man weiβ, ist sowieso nicht prädestiniert dazu, in so wenig Zeit tiefes Vertrauen zu erzeugen.

Per Handschlag hatte man schlieβlich einen Vertrag ratifiziert und den alten, rostigen Kahn, der dort im seichten Wasser schon seit Monaten auf die Schneidbrenner wartete, an einen neuen Eigner überschrieben, obwohl die Papiere nicht offiziell besiegelt wurden und dessen „neues Leben“ demnach dem Lloyds Register of Shipping unexistent blieb.

Ein beachtlicher Betrag druckfrischer Dollar- und Euroscheine sowie einige wenige Cheline der Landeswährung wechselte damals den Besitzer, wie auch die speckigen, in griechisch abgefassten Schiffspapiere, auf denen ein strategisch aufgetropfter, riesiger Tintenklecks den alten Schiffsnamen des Rosteimers unentzifferbar machte.

Bei all den Verhandlungen gingen weder der gezuckerte Tee, das angebrachte delikate Benehmen gegenüber dem Fremden, noch das Gesprächsthema bezüglich der geplanten Schiffsrestaurierung und die dadurch anstehenden Arbeiten sowie die dafür einkalkulierte Zeit aus.

Der Kahn sollte später aussehen wie ein israelischer Kutter, dessen Fotos ebenfalls den Besitzer wechselten. Den Namenszug am Heck wie auch die Registriernummer am Steven hatte man, aus welchem Grund auch immer, vorsätzlich unkenntlich gemacht, obwohl die Reste der alten, ehemalig aufgeschweiβten Buchstaben kyrillischen entsprachen.

Kein Problem, denn niemand hier konnte kyrillische oder griechische Unterlagen oder aufgeschweiβte Namen entziffern.

Die Aufteilungen und Ausstattungen der Innenausbauten waren dem Auftraggeber nach dessen Aussagen schnurzegal. Besser so, denn damit stieg der anzunehmende Gewinn Suleimans, da weniger zu leistende Arbeit bezüglich der nicht auszuführenden Kabinenausbauten anfiel, die er schon gedanklich in der Gesamtsumme einkalkuliert hatte. Man würde jedoch alles in reinem und sauberem Zustand abgeben, das war selbstredend.

Ein angemessener Geldbetrag zum Schmieren einiger Hände ging damals zusätzlich über das silberne, runde Tablett, auf dem honigsüβes Gebäck gereicht wurde.

 

Suleiman hatte die an ihn gestellte Aufgabe während der Umbauzeit sehr ernst genommen, galt es doch dem Auftraggeber zu zeigen, dass man in Chisimaio etwas vom Handwerk der Schiffsbaukunst verstand, und nicht nur vom Abwracken.

Zumindest genauso gut wie die auf den Werften von Blohm und Voss, Mitsubishi oder Kvärna, wie es Suleiman stolz irgendwann ins damalige Gespräch einflieβen lieβ, denn vom Schiffsbau verstand man was an dieser Küste, seit Anbeginn der 10. Dynastie ägyptischer Pharaonen, wenn nicht schon viel länger.

Tage später zog man den mehr an ein Wrack erinnernden Schiffstorso mit flachen, verrosteten Wagen und auf alten, ebenso verrosteten Schienen mittels noch mehr verrosteter Winschen unter Knirschen und Kreischen gepeinigten Metalls auf den flach ansteigenden Muschelschalenstrand.

Der „Araber“ Abu-Sein begutachtete das tropfende Unterwasserschiff des Wracks, obwohl er anscheinend wenig Ahnung von Seeschiffen besaβ, wie seine stetige Fragerei bezüglich der gängigen seemännischen Ausdrücke erkennen lieβ.

Nach drei Tagen verließ Abu-Sein den Strand in wehenden, weiβen Gewändern an Bord einer Aircondition-gekühlten amerikanischen Limousine, nachdem er am Vortag seinen schneeweiβen Kaftan mit einigen Rostflecken verschandelt hatte und ein ekelerregender Geruch nach Seetang und allerlei totem Seegetier ihm die Sinne vernebelte, was er die Menschen in seiner näheren Umgebung zerknirscht wissen lieβ.

Schon bald darauf schweißten und brannten Suleimans Männer singend und in salzig-saurem Schweiß gebadet tagein und tagaus, den Zeitplan immer vor Augen. Sie ersetzten durchrostete Stahlplatten und Rohrleitungen durch weniger rostige, modelten die Aufbauten um, errichteten die Ausleger für das Fanggeschirr am Heck und installierten ihnen vom „Araber“ zugestellte alte Winden, die zwar nicht funktionierten, was Suleiman eigentlich doch verwunderte, jedoch genau denen entsprachen, die auf den damals an Suleiman ausgehändigten Fotos auszumachen waren.

Jetzt, nach unzähligen Stunden harten Schaffens, etlichen Verletzungen sowie zwei Toten, die vor einigen Tagen in einem der alten Treibstofftanks an irgendwelchen Faulgasen krepiert waren und deren Tod von keiner Lebensversicherung gedeckt, von keinem Sozialnetz aufgefangen wurde, die Toten an ihre Angehörigen übergeben und fast vergessen waren, hatten sie es geschafft.

 

Gefällt Dir die Leseprobe? Du kannst das Buch auch kaufen. Klick einfach auf dieses Cover:

 

Schreibe einen Kommentar