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Leseprobe: Kinderdiebe

Kinderdiebe

Kann man sich als Kind schon verlieben? Wie sich das anfühlte, stellte ich mit Erstaunen fest, als der neunjährige Sohn unseres Dorfkapellmeisters, blondgelockt und strahlend, mir kleinem Dorfmädchen im grünen Kinderdirndl am hell lichten Tage während eines Freilichtkonzertes einen Kuss auf den Mund gab. Da kam es das erste Mal über mich, jenes süße Kribbeln freudiger Erregung, das mir wie ein Schlüssel zur ganzen Welt erschien. Der Kapellmeiser und sein Sohn blieben nur einen Sommer, aber die Sehnsucht nach jenem außerordentlichen Gemütszustand der verliebten Erregung blieb. Das süße Kribbeln, das ich mit meinem ersten Kuss verband, stellte sich erst in einer Situation wieder ein, die ganz und gar nichts mit dem anderen Geschlecht zu tun hatte. Es wurde ausgelöst vom Klang einer Sprache, die sich mir in meiner ersten Englischstunde zum ersten Mal ins Ohr schmiegte. Dabei fürchtete ich meine erste Englischlehrerin eigentlich, denn mir war ihre herrische Art aus anderen Fächern unheimlich. Aber als mir plötzlich aus ihrem Mund dieses Good morning, boys and girls sanft und guttural entgegen rollte, war es um mein zehnjähriges Mädchenherz geschehen: Was für eine Sprache, was für ein zauberhafter Klang! Die exotische Wirkung der englischen Sprache war natürlich auch den Umständen einer isolierten Dorf-Kindheit im Deutschland der 50er Jahre geschuldet, eine Kindheit in der Natur, ohne Radio, Fernseher oder Zeitung. Nach anderen, aufregenden fremden Welten hatte ich schon bei Karl May geschnüffelt, von dem ich kleine Leseratte alle 20 Bände gelesen hatte, welche die kleine Dorfbibliothek hergab. Dass Menschen fremder Länder auch ganz anders sprachen, kam bei Karl May nicht vor und wurde mir erst in meiner ersten Englischstunde bewusst.

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