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Leseprobe: Kinderdiebe (1)

Prolog

Ich war ein wissbegieriges Kind. In den 1950er Jahren an der Zonengrenze aufgewachsen, konfrontierte mich meine Wissbegier mit verwirrenden Fragen. Warum zog sich ein Stacheldraht mitten durch unser friedliches Werratal? Warum endeten meine Fahrten auf dem Kinderroller stets am Schild Achtung Lebensgefahr, das von der anderen Seite des Grenzzauns von einem Wachturm beäugt wurde? Warum gingen die Erwachsenen von einer unsichtbaren Last stumm gebeugt durchs Leben? Meine Mutter war als Flüchtling unfreiwillig in meinem Heimatdorf gestrandet – warum war sie immer so traurig? Warum stritten sich meine Eltern um einen Mann namens Hitler, der irgendetwas mit ihrer beider Geschichte zu tun hatte? Dann geschah etwas mit mir kleinem Mädchen, das mich vollends in Angst und Schrecken versetzte: Der Vorarbeiter meines Vaters zog mich eines Tages in eine dunkle Ecke der Mühle und entblößte seinen Arm; darauf war eine blaue Nummer tätowiert. Dabei zog er mich ganz nah an sich heran und flüsterte mir ins Ohr, er habe damals Lampenschirme aus Menschenhaut gemacht, aber das dürfe ich niemandem sagen, sonst … Das Grauen, das diese unheilvolle Begegnung bei mir auslöste, vermischte sich mit dem, das ich empfand, als meine Mutter eines Tages erzählte, wie sie als junge Frau in Berlin ihren jüdischen Hausarzt vom Balkon springen sah. Und selbst sie hatte etwas von jener Schuld in ihrer Stimme, die den deutschen Alltag der 1950er Jahre belastete.
Dann brachen die 1960er Jahre an und das bleierne, schuldgeschwängerte Schweigen wurde aufgebrochen. Wir bekamen einen Fernseher und ich sah mir alle Sendungen über die Nazizeit an. Mit wachsender Aufklärung entbrannte mein Herz immer mehr in wilder Empörung: Ich gehörte einer Schuldnation an, die Genozid in nie da gewesenem Umfang und Grausamkeit begangen hatte. Wenn mein Vater wiederholt und ohne Erklärung eine Fernsehsendung über die Nazivergangenheit ausmachte, steigerte sich mein Schuldgefühl: Er hatte mitgemacht und schlimmer noch, er wollte es verdrängen. Eines Tages fand ich ein Dokument über sein Entnazifizierungsverfahren unter den amerikanischen Besatzern und noch so manches andere belastende Material. Ich hatte einen Nazi als Vater. Im Nu wurde ich politisiert und zur glühenden Antifaschistin. Unter dem Motto „Nie wieder Faschismus – Nie wieder Krieg“ wurde ich Lehrerin, um Kindern eigenständiges Denken und demokratisches Bewusstsein zu vermitteln. Ich wünschte mir, dass wir Deutschen aus unserer Geschichte lernen und zu friedlichen Europäern werden. Als streitbare Demokratin jedoch machte ich im Kalten Krieg und der Terrorismushysterie der 1970er Jahre ein paar erschreckende Erfahrungen, die mich in meinen jugendlichem Wunsch bestärkten: Ich will keine Deutsche mehr sein, ich will auswandern, und zwar ins Land der Faschismusbezwinger jenseits des Kanals, nach England. In den 1980er Jahren verließ ich Deutschland und zog auf die Trauminsel meiner Jugend, heiratete einen Engländer und wurde Mutter von zwei kleinen Engländern.
Wie mich in der ältesten Demokratie der Welt die deutsche Schuld auf grausame Weise einholte; wie ich mich erst in der Fremde mit meiner deutschen Identität versöhnte; und warum ich heute mehr denn je davon überzeugt bin, dass wir Deutschen aus unserer Nazi-Vergangenheit lernen und Friedensbringer werden können – davon erzählt

KINDERDIEBE.