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Leseprobe: Kein menschlicher Makel

„Sie fragen, ob ich ein gutes Verhältnis zu meiner Mutter hatte?“

Ruth blickt nachdenklich vor sich hin. Ein Sonnenstrahl, der zum Fenster hereinfällt, lässt ihr blondes Haar aufleuchten. Sie überlegt, was sie eigentlich von ihrer Mutter weiß: Sie hat mit siebzehn Jahren ihre eigene Mutter verloren, ihr erster Verlobter fiel im ersten Weltkrieg. Trotzdem ist sie ein fröhlicher, lebenslustiger Mensch geblieben. Ruth besitzt alte Fotos von ihr aus den Jahren, ehe sie selbst geboren wurde. Sie zeigen eine hübsche, junge Frau, im Stil der Goldenen Zwanziger gekleidet. Sie trägt einen Bubikopf. ‚Sicher hat sie auch Charleston getanzt’, denkt Ruth. Ob sie die Männer mit den braunen Hemden und den roten Armbinden beachtet hat, die jetzt immer öfter im Straßenbild auftauchen? Den Tritt ihrer schweren Stiefel auf dem Pflaster?
„Das Verhältnis zu meiner Mutter … es lässt sich nicht leicht beschreiben. Die Beziehung wurde später kompliziert, aber als ich ein Kind war, habe ich sie sehr geliebt. Ich habe an ihr gehangen, sie war meine einzige Bezugsperson. Ich habe ihr alles erzählt, was mich beschäftigt, gefreut oder bedrückt hat.“
Ein warmes Gefühl von Liebe und Geborgenheit durchströmt Ruth bei der Erinnerung an Kindertage mit ihrer Mutter. Sie sieht sich als kleines Mädchen an ihrer Hand in Wangerooge den Strand entlanglaufen, mit den Füßchen durch das Wasser patschen, Muscheln suchen. Jede Muschel war eine neue Entdeckung!
„Wir hatten eine Ferienwohnung. Lisbeth, unser Hausmädchen, war auch dabei. Sie hat uns die Krebse gekocht, die wir gefangen hatten. Es war schön am Meer, am Strand, wo man so tolle Burgen bauen konnte und auch in den Dünen, wo die Ziegen weideten. Ein wilder Ziegenbock hat Mutti einmal so stark mit den Hörnern gegen das Schienbein gestoßen, dass sie noch tagelang einen Bluterguss davon hatte. Aber das war das einzige Unglück, das passiert ist.“
Ruth blättert in alten Photographien. Mutti photographierte selbst. ‚Sie hat wirklich gute Photos gemacht’, denkt sie beim Ansehen der Bilder. Was hatte sie noch für eine Kamera? Ruth weiß es nicht mehr genau. Mutti hat auch die Platten selbst entwickelt und die Vergrößerungen hergestellt. Verträumt betrachtet sie die Bilder ihrer Kindheit: Da ist sie, auf dem Arm ihrer Säuglingsschwester als kleines Baby, später mit ihrem jüngeren Bruder auf dem Schoß ihrer Mutter, dann an der Hand ihrer Kindergärtnerin, die die Säuglingsschwester ablöste, als die Kinder älter wurden, mit Blumenkränzchen im Haar und einem Sträußchen in der Hand. Es war Muttertag. Auf einem Bild sieht sie ihre Mutter am Steuer eines Autos sitzen, gekleidet nach der Mode der Zwanzigerjahre. ‚Es stand ihr gut’, denkt Ruth.
„Das Auto war ein großer Brennabor. Ein Oldtimer-Sammler würde heute ein Vermögen dafür bezahlen! Wir fuhren mit diesem Wagen ab und zu hinaus ins Grüne: Mutti, wir Kinder, unsere Kindergärtnerin. Manchmal war auch Vati dabei.“ ‚Es muss eine sorglose, schöne Zeit gewesen sein’, denkt sie wehmütig. Ein großer Kummer aus jener Zeit blieb in ihrem Gedächtnis haften: „Ich spielte mit meinem geliebten Holzkreisel auf dem baumbestandenen Mittelstreifen der Straße vor unserem Haus, der die Fahrbahn teilt. Plötzlich rollte der Kreisel davon, sprang auf die Fahrbahn und fiel in eine Straßenbahnschiene. Ich wollte ihm nach und ihn holen, aber Elfriede, unsere Kindergärtnerin, hielt mich fest. Die Straßenbahn kam – und zurück blieb ein kleines Häufchen Holzspäne. Ich habe um meinen schönen Kreisel lange geweint.“
Gedankenvoll legt sie die Photoalben in die Schublade. Andere Bilder aus Kindertagen sieht Ruth in Gedanken vor sich: Wanderungen in den Harzbergen, Autofahrten zu kleinen Städten in der Umgebung, Skiwanderungen im Winter durch den Wald …
„Da war mein Vater noch dabei“, erinnert sie sich plötzlich lebhaft, „er hat mir ja das Skilaufen beigebracht. Mutti war in den frühen Jahren meiner Kindheit, an die ich mich bewusst erinnern kann, eigentlich immer fröhlich und unternehmungslustig. Im Laufe von Jahren veränderte sich ihr Wesen, so dass sie schließlich ein ernster, stiller, verschlossener Mensch wurde. Es kam auch manchmal zu Situationen, in denen ich meine Mutter nicht verstand und mich auch von ihr nicht verstanden fühlte.“ Nachdenklich blickt sie aus dem Fenster. „Ich war zehn Jahre alt. Die Grundschule lag hinter mir, nach den Ferien würde ich zur Mittelschule gehen. Ich wäre gern zum Gymnasium gegangen, um das Abitur zu machen und mit meinen Schulleistungen hätte ich das auch gekonnt. Aber Mutti meinte: ‚Geh´ zur Mittelschule, da sind die Lehrer netter zu dir, das ist heutzutage wichtig. Als Mädchen brauchst du kein Abitur. Du heiratest mal einen netten Mann und bekommst Kinder.’ Sie fügte noch hinzu: ‚Aber erzähle es nicht unseren Verwandten in Braunschweig, dass du nur zur Mittelschule gehst. Das ist nicht ganz standesgemäß.’ Ich war enttäuscht, aber ich nahm die Entscheidung meiner Mutter hin. Später habe ich ihr Vorwürfe gemacht. Aber wenn ich mich in die damalige Zeit zurückversetze … Sie hat sicher aus ihrer Sicht das Beste für mich gewollt.
Meine Gedanken waren in jenen Osterferien auch gar nicht so sehr bei dem bevorstehenden Schulwechsel. Ich war in dem Alter, wo alle Jungen und Mädchen in die Hitlerjugend aufgenommen wurden. Zunächst in das Jungvolk und den Jungmädelbund. Meine Kluft hatte ich schon. Mutti war einige Wochen vorher mit mir gegangen und hatte sie mir gekauft: den schwarzen Rock, die weiße Bluse, die braune Jacke und das schwarze Halstuch mit dem Lederknoten. Ich war mächtig stolz! Es kam der Tag für die Aufnahme der Neuen.“ Ruth sieht alles wieder so lebendig vor sich, als sei es gestern gewesen.
„Aufgeregt mache ich mich auf den Weg in meiner neuen Kluft. Ich habe lange Zeit zu laufen, denn die Aufnahme findet auf dem Schulhof des Gymnasiums statt, ganz unten in der Stadt. Ich freue mich! Ich gehöre jetzt nicht mehr zu den kleinen Kindern, sondern zu den Großen! Ich darf ihre Spiele mitspielen, ihre Lieder singen, ihre Ausflüge mitmachen, ihre Kluft anziehen. Ich gehöre dazu! Atemlos vom schnellen Laufen und von der freudigen Erwartung, komme ich auf dem Schulhof an. Da sind schon Sigrid, Beate und Christa, meine Freundinnen. Sie sind genau so aufgeregt wie ich. Wir müssen noch fünf Minuten warten, dann kommt die BDM-Führerin, die die Neuen aufnimmt. Es ist Lucie, ich kenne sie flüchtig, man kennt sich eben in einer kleinen Stadt. Ich sehe ihr erwartungsvoll entgegen. Lucie sieht mich auch. Sie bleibt einen Augenblick stehen. Ihr Gesichtsausdruck verändert sich. Es ist, als ob sich ein Schatten über ihr offenes, freundliches Gesicht legt. Dann kommt sie auf mich zu, sieht mich ernst an und nimmt mich bei der Hand. ‚Komm mit mir’, sagt sie leise und führt mich von den anderen Kindern weg in eine Ecke des Schulhofes. Dort nimmt sie mich in den Arm und streicht mir sanft über das Haar. Ihre Stimme klingt bewegt, als sie sagt: ‚Ich kann dich nicht aufnehmen, Ruth. Du kannst heute bei uns bleiben, wo du schon einmal hier bist und den Dienst mitmachen. Aber ich muss dich bitten, dann nicht mehr zu kommen.’ Ich sehe Lucie verständnislos an. Ein Kloß sitzt mir im Hals. ‚Ja, aber … aber warum denn nicht’, ich stottere plötzlich, ‚ich … ich bin … ich bin doch zehn Jahre alt!’ Lucie drückt mich fester an sich und sagt mit ihrer leisen, freundlichen Stimme: ‚Ich kann dir das nicht erklären, Ruth! Frage deine Mutter, wenn du nachher zu Hause bist.’ Völlig verwirrt gehe ich mit Lucie zu den anderen. Der Dienst macht mir keinen Spaß. Wir sitzen in einem Klassenraum. Eine BDM-Führerin spricht zu den Neuen. Ich höre ihre Worte nicht, sie gehen an mir vorbei. Dann lernen wir ein Lied. Ich kann mich nicht konzentrieren, ich muss immer an Lucies Worte denken. Was meint sie nur, was soll meine Mutter mir erklären? Zu Hause empfängt mich Mutti still und nachdenklich. Ich platze gleich los: ‚Mutti, die wollen mich nicht aufnehmen. Warum denn nicht? Lucie sagt, du sollst es mir erklären!’ Ernst sieht meine Mutter mich an und sagt nur einen Satz: ‚Dein Vater ist doch Jude.’ Ich verstehe gar nichts mehr. ‚Was ist denn das, Jude?’ ‚Nun, eine andere Rasse’, antwortet meine Mutter. ‚Vati, Jude, eine andere Rasse? Was ist das denn? Vati ist doch nicht anders als wir, er ist doch genau so wie alle Menschen!’ ‚Eines Tages wirst du es verstehen!’ Meine Mutter dreht sich um und geht. Fassungslos bleibe ich zurück. Ich gehe langsam in mein Zimmer, ziehe meine Kluft aus und hänge sie für immer in den Schrank. Ich ziehe ein Hauskleid an und gehe in den Garten. Dort setze ich mich unter meine geliebte Tanne. Ich kann nichts denken und fühlen. Geistesabwesend starre ich vor mich hin. Mir ist, als hätte ich einen furchtbaren Schlag bekommen.“ Ruth schweigt. Nachdenklich blickt sie ins Leere. „Warum hat meine Mutter sich so verhalten? Warum hat sie mit mir die Kluft gekauft, wo sie doch wusste, dass ich sie nie tragen würde? Warum hat sie mir auf meine drängenden Fragen keine Antwort gegeben? Warum hat sie mir nicht erklärt, was es bedeutet, ein Jude zu sein? Sie war wohl so sehr gefangen in ihren eigenen Problemen – die Sorgen um die Zukunft unserer Familie, speziell um die ihrer Kinder, das politische Klima, das unheildrohend die Tage vergiftete und Böses ahnen ließ für die nächsten Jahre – dass ihr meine Probleme gar nicht bewusst wurden. Meine Mutter … sie hat viel aushalten müssen. Sie war klein und zierlich und immer ein bisschen kränklich. Diese Schicksalsjahre waren zu viel für sie.
Ich erinnere mich an ein anderes Ereignis. Es geschieht einige Jahre später, ich bin schon zwölf oder dreizehn Jahre alt. Ich sitze bei den Hausaufgaben. Meine Mutter kommt ins Zimmer. Sie ist aufgeregt und sehr nervös. In der Hand hält sie ein kleines Päckchen. ‚Schnell, Ruth’, in ihrer Stimme ist ein Zittern, ‚lauf zur Oma, bring ihr dieses Päckchen. Ich habe gerade einen Anruf bekommen, die Gestapo ist zu uns unterwegs zur Hausdurchsuchung. Lauf schnell! Aber geh’ über die Chaussee, damit du ihnen nicht begegnest.’ Ich nehme das Päckchen und renne los. Gestapo – Hausdurchsuchung – ich bekomme Angst. Was ist in dem Päckchen? Ich weiß es nicht, kann es mir nicht denken. Und wenn sie mich damit erwischen? Es läuft mir heiß und kalt über den Rücken. Ich renne keuchend durch die Dunkelheit. Es ist November, später Nachmittag. Leichter Sprühregen durchweht die Luft. Den Berg hinunter, jetzt durch die Lindenstraße – ich habe die Chaussee erreicht, die außerhalb des Ortes den Stadtkern umgeht. Hier ist es noch dunkler. Es gibt keine Straßenbeleuchtung. Mir wird unheimlich zumute, die Angst treibt mich vorwärts. Da kommt hinter mir ein Auto mit aufgeblendeten Scheinwerfern. Der Fahrer drosselt die Geschwindigkeit; mit aufgeblendeten Scheinwerfern fährt der Wagen im Schritttempo hinter mir her. Meine Angst steigert sich. Sie sitzt mir im Nacken wie eine eiserne Faust, die mich gepackt hat. Ich weiß nicht, wie lange das Auto hinter mir hergefahren ist, eine Minute, fünf, zehn oder länger? Mir kommt es wie eine Ewigkeit vor. Eine Ewigkeit in einer Hölle von Angst. Schließlich schert der Wagen nach links aus und fährt vorbei. Ich bin erleichtert, aber der Schrecken des Erlebten sitzt mir noch lange in den Gliedern. Ich komme unbehelligt bei meiner Großmutter an und gebe ihr das Päckchen.
Vielleicht war der Vorfall ganz harmlos, und nur meine eigene Angst hat eine schreckliche Gefahr daraus gemacht? Aber in der damaligen Situation war ich fest davon überzeugt, dass die Gestapo in dem Wagen saß.
In dieser Zeit, es war um das Jahr 1938, zogen sich auch meine Schulfreundinnen mehr und mehr von mir zurück. Einige kamen noch manchmal. Es konnte viele Gründe haben: Wir wohnten außerhalb der Stadt, und der Weg zu uns war für manche weit. Meine Freundinnen und ich gingen nun schon in die siebte Klasse, und wir hatten entsprechend viele Hausaufgaben auf. Da blieb oft kaum Zeit übrig. Dann war da der Jungmädeldienst mittwochs und samstags nachmittags, von dem ich ja ausgeschlossen war, den meine Schulkameradinnen aber natürlich mitmachten. Es kam immer wieder vor, dass in der großen Pause eine Gruppe von Mädchen, mit denen ich gerade ging, mich wegschickte mit diesen oder ähnlichen Worten: ‚Geh´ mal weg, davon verstehst du doch nichts. Das sind Sachen aus dem Dienst.’ So stand ich in manchen Pausen allein und isoliert auf dem Schulhof. Aber es gab auch noch freundschaftliche Beziehungen zu einigen Klassenkameradinnen. Nur einmal sagte mir ein Mädchen klar und deutlich: ‚Ich darf nicht mehr zu dir kommen, und ich darf dich auch nicht mehr einladen. Hat meine Mutter gesagt.’ ”
Die Kinder konnten meine Situation nicht verstehen, denkt Ruth, wie sollten sie auch! Ich habe sie ja zunächst selbst nicht verstanden. Ruth erinnert sich weiter an viele kränkende Begebenheiten. „Zum Beispiel die beiden frechen Jungen, ungefähr in meinem Alter. Sie lebten in einem großen Haus, umgeben von einem parkartigen Garten. Die Straße, die ich täglich gehen musste, lief zirka fünfzig Meter an dem Garten entlang, getrennt durch einen hohen Zaun. Es gab auf diesem Grundstück einen bissigen Schäferhund. Oft lauerten mir die Jungen auf. Wenn sie mich sahen, riefen sie den Hund und kamen mit ihm an den Zaun. Dann schrien sie: ‚Judas, Judas, Itzig, Itzig – Sultan, fass, fass!’ Und der Hund sprang mit wütendem Gebell am Zaun hoch und lief neben mir her, bis er nicht mehr weiterkonnte. Ich musste täglich all meinen Mut zusammennehmen, um an diesem Garten vorbeizugehen. Ich wusste nie, waren sie heute da oder nicht, und würde der Hund nicht doch eines Tages über den Zaun springen?
Meiner Mutter habe ich nichts von diesen Dingen erzählt. Sie war oft so müde, abwesend und erschöpft. Seit Hitler 1935 die Nürnberger Gesetze zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre erlassen hatte, durften meine Eltern kein Mädchen mehr beschäftigen. Ich weiß noch, wie wütend Anna, unser letztes Hausmädchen, war, als sie gehen musste. Sie war gern bei uns, und wir Kinder haben sie sehr geliebt. Einmal, als mein Bruder und ich mit Masern im Bett lagen, hat sie uns einen ganzen Nachmittag lang die Zeit mit ihren Zauberkunststücken vertrieben und uns Geschichten erzählt. Sie sah nicht ein, dass sie ihre Stelle verlieren sollte, bloß wegen ein paar unverständlicher Gesetze. Zwischendurch kam noch einmal eine ältere Frau, um meiner Mutter zu helfen. Sie blieb aber nur ein paar Wochen. Für eine kurze Zeit kam später ein halbjüdisches Mädchen zu uns, das war erlaubt. Aber die Last des Haushalts lag doch auf den Schultern meiner Mutter. In der Zeit gab es noch nicht so praktische Haushaltsgeräte wie heute, und der Weg in die Stadt zum Einkaufen dauerte eine halbe Stunde. Auf dem Rückweg mussten die schweren Taschen den Berg hinaufgetragen werden. Am Anfang fuhr Mutti noch mit dem Auto, aber später durfte es nicht mehr benutzt werden. Es wurde aufgebockt. Ich weiß nicht mehr, wann das war. Aber ich weiß genau, wie es nun war, wenn ich aus der Schule kam: Die Pellkartoffeln, ein Messer und eine Gabel standen schon bereit. ‚Schnell, Ruth, die Kartoffeln pellen und den Tisch decken, Hans kommt auch gleich.’ Mein Bruder hatte einen längeren Schulweg als ich. Mutti stand am Herd und machte das Essen fertig. Nach dem Essen war es dann meine Aufgabe, das Geschirr zu spülen, den Herd zu putzen und in der Küche den Fußboden aufzuwischen. Besonders der Herd machte viel Arbeit. Es war ein altmodischer Herd. Die linke Seite konnte mit Kohlen beheizt werden, auf der rechten Seite gab es zwei oder drei Gasflammen. Die Kohlenseite war bedeckt mit einer Platte aus silbrigem Metall, vielleicht war es Stahl. Jeden Tag habe ich diese Platte mit einem Putzmittel, einem Tuch und mit kräftigem Druck der Arme und Hände blank geputzt. Wenn dann jemand sagte: ‚So gut wie du kann das niemand, Ruth’, war ich ganz stolz. Wenn wir Hausaufsätze aufhatten, habe ich mir bei der Küchenarbeit immer die Geschichten ausgedacht. Später brauchte ich sie dann nur noch aufzuschreiben.
Immer wieder hat Mutti uns ermahnt: ‚Ihr müsst in der Schule besonders gut sein, müsst gute Leistungen bringen, sonst werfen sie euch womöglich von der Schule.’
Es gab Wochen, in denen gar nichts Besonderes passierte, wo der Unterricht seinen Gang ging. Aber es gab immer wieder Nadelstiche. Da war die Biologiestunde, in der über Vererbung und die mendelschen Gesetze gesprochen wurde. Am Schluss mussten wir den Spruch auswendig lernen: ‚Gott schuf den Weißen, Gott schuf den Schwarzen, aber der Teufel schuf das Halbblut.’ Einmal, auf dem Nachhauseweg, ist eine Gruppe Jungen vor mir. Sie bleiben plötzlich stehen und gucken in meine Richtung. Ich höre einen sagen: ‚Die da, die ist doch auch ein Halbblut.’ ‚Wieso?’ fragt ein anderer. ‚Na, weil ihr Vater Jude ist.’ Zu mir gewendet, sagt er: ‚Dein Vater ist doch Jude, stimmt´s?’ Ich bekomme einen roten Kopf und sage nichts. Er tritt einen Schritt auf mich zu: ‚Dein Vater ist Jude, das weiß ich doch genau!’ ‚Nein, nein,’ antworte ich, mir selbst kaum bewusst, ‚es stimmt nicht, es ist nicht wahr!’ ‚Und lügen tut die auch noch!’ Damit gehen die Jungen weiter. Ich fühle mich den ganzen Nachmittag beschämt und elend. Warum habe ich nur gelogen? Warum habe ich nicht zu meinem Vater gestanden? Was gehen mich diese Jungen an? Warum habe ich ihnen nicht die Wahrheit gesagt? In dem Augenblick, als sie mich beschimpften, hatte ich nicht den Mut dazu.“
An eine Begebenheit in der Schule erinnert sich Ruth auch. Sie meint, dass der Vorfall Konsequenzen für ihr späteres Leben gehabt hat. Der brennende Wunsch, Schauspielerin zu werden: Ist er vielleicht durch dieses Erlebnis ausgelöst worden? Zum Schulfest soll ein Theaterstück einstudiert werden – Dornröschen. Bei der Rollenverteilung fällt Ruth die Hauptrolle zu. Wie glücklich sie ist! Eifrig fängt sie an zu lernen und freut sich schon auf die erste Probe. Sie kann ihren Text gut! Alle Kinder sind in der Klasse versammelt. Der Lehrer, der die Aufführung leitet, kommt herein. Jetzt geht´s los! denkt sie. Da hört sie Herrn Gerlach sagen: ‚Annie, du übernimmst die Hauptrolle!’, und zu Ruth gewendet: ‚Dich kann ich leider nicht nehmen, Ruth. Die Lehrerkonferenz hat es so beschlossen.’ Wieder einmal eine Niederlage! Sie ist ins Abseits gestellt! Langsam gewöhnt sie sich an den Schmerz. Aber es tut immer wieder weh!
Ihr Zufluchtsort in jenen Jahren ist der schöne Bechstein-Konzertflügel, den ihre Mutter besitzt. Sie war als junges Mädchen eine gute Pianistin, die auch mehrmals öffentlich bei den Hochschulfesten musiziert hat. Als Ruth klein war, hat sie oft gespielt, später immer seltener. Als die Zeiten für die Familie so schwer wurden, hat sie ganz aufgehört. Ruth hat sich als kleines Mädchen manchmal ganz still in eine Ecke des Musiksalons gesetzt. Sie konnte ihrer Mutter lange zuhören. Mit neun Jahren bekommt sie Klavierunterricht. Zunächst kommt ihr Lehrer, Herr Bialojan, ins Haus. Er macht immer seinen Spaß mit ihrer Mutter, indem er ihr versichert, er käme einmal bei Nacht und Nebel, um den schönen Bechstein-Flügel zu holen. Die Tonleitern und Fingerübungen machen Ruth gar keinen Spaß. Sie findet sie langweilig. Manchmal will sie nicht üben. Dann droht die Mutter, Herrn Bialojan abzubestellen. Das möchte sie aber auch nicht. Sie nimmt sich zusammen und macht rasch Fortschritte. Als sie es besser kann, macht ihr das Klavierspielen auch Spaß.
Nach einigen Jahren, Ruth weiß es nicht mehr genau – es mag um 1938 gewesen sein, kommt Herr Bialojan nicht mehr. Ihre Mutter gibt keine Erklärung ab für sein Wegbleiben. Ruth erklärt es sich selbst, sie ist immerhin schon dreizehn Jahre alt und hat einiges erlebt. Sie bekommt nun in Goslar Klavierunterricht. Solange ihre Mutter noch Auto fahren kann, bringt sie Ruth jede Woche hin und wartet, um sie wieder mit nach Hause zu nehmen. Später fährt Ruth mit dem Zug oder mit dem Bus. Hat sie bei Herrn Bialojan die Klavierschule, einige leichte Stücke aus den Kinderszenen von Robert Schumann und 2 Sonatinenbände absolviert, spielt sie nun bei Herrn Zierbeck nach einer Anfangsphase zunächst Mozart-Sonaten, später Beethoven, die Pathétique und die Mondscheinsonate. Das Klavierspielen hat sie in jenen Jahren über viele schwere Stunden hinweggebracht. Sie kann stundenlang spielen. Sie kann ganz in der Musik versinken, ihren Kummer, alle Anfeindungen und Niederlagen vergessen. In einer der letzten Stunden, die sie bei Herrn Zierbeck hat, fragt er sie: ‚Willst du nicht zum Konservatorium gehen, Ruth? Du hättest das Talent dazu.’ Wie oft hat sie später an diese Worte denken müssen bei all ihren Versuchen, im reiferen Lebensalter nachzuholen, was sie zwangsläufig in ihrer Jugend versäumen musste. ‚Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich frei hätte entscheiden können?’ Sie fragt es sich mit Bitterkeit.
Ruth macht eine lange Pause. Sie sinnt ihren Erinnerungen nach. Eine Zeitlang bleibt es still im Zimmer. Das Wechselspiel von Licht und Schatten malt Muster auf den Fußboden und an die weißgetünchten Wände. Aus ihren Gedanken heraus, wie aus weiter Ferne, beginnt Ruth wieder: „Als ich mit der Schule fertig war, machte ich zunächst das Pflichtjahr. In diesem Jahr mussten die schulentlassenen Mädchen bei der Hausarbeit helfen – in kinderreichen Familien, auf Bauernhöfen, in Krankenhäusern oder Heimen. Damit es keine Probleme mit meiner nichtarischen Abstammung gab, wurde ich zu einer befreundeten Familie nach Berlin geschickt. Der Hausherr war Leibarzt des letzten deutschen Kaisers gewesen. Deswegen respektierten ihn die neuen Machthaber. Er würde keine Schwierigkeiten bekommen.“

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