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Leseprobe: Karmaexpress

Karmaexpress

Als sie das Kind zum ersten Mal schreien hörte, verdunkelte sich Margaretes Innenwelt auf unerwartete Art und Weise. Die Erinnerung an das tote Kind durchsetzte wie ein Gift jeden Blick, den sie auf das neue Baby warf und hüllte das Kind in ein unsagbares Grauen. Ein Gemisch aus Schuld und Widerwillen ließ sie von seinem Bettchen fliehen und sogleich aus Furcht um sein Leben zurückkehren. Nachts schlich Margarete ruhelos durchs Haus, sie konnte die Mauer zwischen sich und ihrem Kind nicht durchbrechen. Das Kind musste weg, ehe etwas Schlimmes passierte. Margarete bekniete den Müller, das weinende Bündel einer Pflegemutter zu übergeben, natürlich nur so lange, bis es ihr besser gehe. Eine Betschwester im Dorf erklärte sich dazu bereit. Deren Brüste waren vertrocknet und flach wie ein Brett, ihre Hände bedeckten Gummihandschuhe, um nicht in Berührung zu kommen mit den diversen Körperflüssigkeiten des Säuglings. Die einzige Berührung, die Sophia zuteil wurde, war das Kreuz, das täglich über ihrem mageren Körper geschlagen wurde. Als Sophia zu krabbeln begann, wurde sie in ein hölzernes Ställchen gesperrt. Dort presste sie einen unendlich langen Tag lang ihr kleines Gesichtchen an die Gitterstäbe und wartete auf ihre Mutter. Vor langer Zeit schon hatte sie gelernt, dass Weinen nicht half und war verstummt. Ab und zu tauchte Margarete auch wirklich auf und warf einen kranken Blick auf ihr Kind im Laufstall, fühlte sich zu leidend, um es auf den Arm zu nehmen, und verschwand wieder in ihre Welt der ganz persönlichen Dämonen. Sophia aber erschienen Margaretes seltene Besuche wie die eines Engels. Die zarte Haut der Mutter roch so gut, ihre dunklen Augen schauten durch sie hindurch in ein geheimnisvolles Land, ihre Lippen waren stets tiefrot geschminkt. Margarete setzte, wenn sie kam, den eleganten Hut niemals ab, so dass Sophia lange Zeit glaubte, er sei ein Teil ihres Körpers. Das weiche Mutterhaar fiel seidig auf deren Schultern, nirgends in Schach gehalten von harten Kämmen wie das der Pflegemutter. Margaretes Körper war stets gehüllt in ein elegant geschnittenes Kostüm, von dessen Stoff sie das Kind auf Abstand hielt, damit er nicht von klebrigen Kinderhänden beschmutzt würde. An ihrer Hand steckte ein violetter Amethyst, der das Kind faszinierte. Außerdem hielt sie dort meist eine glimmende Zigarette, deren milchig-bläulicher Rauch immer neue geheimnisvolle Figuren in die Luft schrieb. Die Mutter war für das Kind eine Sehnsuchtsgestalt, nach der es sich, das Gesicht an die Holzstäbe des Ställchens gepresst, stumm verzehrte. Sophia sah die Schneeflocken vor dem Fenster treiben und wünschte sich, sie mögen die Mutti hereinwehen. Sie bohrte ihre kleinen Finger durch die Maschen des bonbonfarbenen Wolljäckchens, um diese zu spüren. Sie stopfte sich das Ohr ihres Plüschhasen in den Mund, um die Mutti einzusaugen. Sie lernte, dass das Weinen nach Mutti mit dem Schmerz ungestillter Sehnsucht bestraft wurde und verstummte. Wenn sie es nur schaffte, den mutterlosen, dunklen Ort in sich zum Schweigen zu bringen, dann würde die Mutter kommen und sie wieder zu sich nehmen. Wenn sie nur aufhörte, die Welt in sich aufsaugen zu wollen, würde Margarete sie in ihre Arme betten und eine zufriedene Tochter sehen, die nicht an ihr zerrte. Und wenn sie sich selbst rhythmisch in den Schlaf wiegte, vor und zurück, vor und zurück, dann konnte sie auch das Geborgensein selber herstellen und war niemandem eine Last. Als das alles nichts nutzte, probierte es Sophia mit Sterben. Vielleicht würde das ihre erstarrte Mutter wieder lebendig machen. Sie wurde immer weniger, bis die Frau mit den Gummihandschuhen es mit der Angst zu tun bekam und das dünne Kleinkind schleunigst wieder seiner Mutter überantwortete.

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