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Leseprobe: Im Zwielicht der Zeit (3)

Am 28. August 1912,
spätabends


Gestern haben wir Mutter begraben. Ich bin noch immer wie betäubt! Bis jetzt war ich nicht in der Lage, ein Wort zu schreiben. Meine Hände zitterten so sehr, ich konnte die Schreibfeder nicht halten. Dass sie so früh von uns gehen musste – das kann ich nicht begreifen! Sie war krank, ja, wir wussten es schon lange, aber zuletzt ging alles so schnell! Die ganze Nacht habe ich an ihrem Bett gesessen, als der Arzt gegangen war und Vater den Totenschein gegeben hatte. ‚Totenschein‘ – was für ein grässliches Wort! Sie sah aus, als ob sie schliefe. Ich hatte das Gefühl, als müsse sie jeden Augenblick aufwachen, ihre Augen aufschlagen und ihre Arme nach mir ausstrecken. Aber sie lag nur still da. Und nun liegt sie in der dunklen Erde und kommt nicht mehr zurück.
Es war eine große Beerdigung, aber ich habe alles nur wie im Traum erlebt. Ich hatte so ein Gefühl, als säße ich unter einer Glasglocke und das, was da geschah, käme nicht wirklich an mich heran. Den Sarg, der unter der Fülle von Blumen und Kränzen kaum noch zu sehen war, den Gesang des Hochschulchores, den Klang der Orgel, die Worte des Pfarrers – das alles habe ich nur wie von ferne wahrgenommen. Ich weiß auch nicht mehr, wer mir später am offenen Grab die Hand gedrückt und was man zu mir gesagt hat. Es waren, glaube ich, immer dieselben Worte. Viele Menschen waren gekommen, denn Mutter war überall beliebt, und Vater ist ja eine bekannte Persönlichkeit. Wie er die ganze Zeremonie überstanden hat, so gefasst und würdevoll, das kann ich nur bewundern, denn ich weiß doch, wie er leidet. Paul hat viel geweint. Er ist ja auch erst fünfzehn und sehr sensibel. Ich glaube, dass die Mutter ihm ganz besonders fehlen wird, denn Vater ist oft sehr streng mit ihm.
Wie wird es jetzt weitergehen? Das Haus ist so leer ohne sie. Wenn ich ins Wohnzimmer komme, dann meine ich, sie müsse in ihrem Sessel sitzen und sticken, so wie sie es immer getan hat. Doch sie wird nie mehr in diesem Sessel sitzen. Ich werde mich mit der bitteren Wahrheit abfinden müssen. Wir haben alle nicht daran gedacht, dass wir sie verlieren könnten, jedenfalls jetzt noch nicht. Ich bin unendlich traurig!


Die Familie kehrte nach den Trauerfeierlichkeiten nicht nach Harzburg zurück. Man blieb in dem Stadthaus in Braunschweig. Friedrich Oertel hätte es nicht ertragen, sich in den Räumen aufzuhalten, wo ihn alles an den Abschied von seiner Frau erinnerte, an ihre letzten Stunden, an ihre immer schwächer werdenden Atemzüge, die das Leben mit sich fortnahmen und gleichzeitig auch alle seine Hoffnungen. Manchmal fuhr er zwar an den Wochenenden nach Harzburg, ohne jedoch einen Fuß in sein Haus zu setzen. Er machte stundenlang einsame Wanderungen durch die Wälder und über die Harzberge, aber abends kam er stets wieder mit dem letzten Zug in Braunschweig an. Er brauchte die Einsamkeit in der Natur, um sich wiederzufinden und um seinen Schmerz zu verarbeiten. Über Gefühle zu reden, im Gespräch mit anderen Trost zu suchen war seinem Charakter fremd. Zeigte er sich in seiner beruflichen und gesellschaftlichen Stellung auch aufgeschlossen und wortgewandt, seine innersten Empfindungen verschloss er vor anderen Menschen tief in seinem Herzen. Das Bild, das er von sich selbst hatte, war das einer starken Persönlichkeit. Die verletzliche Seite seines Wesens gestand er sich nicht ein. Er lehnte es ab, vor anderen Schwäche zu zeigen. Nur Leonore hatte wissen dürfen, dass auch er verwundbar war.
In dem großen Haus herrschte eine düstere Stimmung. Es war nicht allein die gewittrige Schwüle der Augusthitze, die alles lähmte. Gertrud hatte das Gefühl, dass in allen Ecken die Trauer saß, wie eine lebensfeindliche, unerbittliche Göttin, und sie anstarrte. Sie vermisste ihre Mutter unendlich. Wenn Leonore Oertel auch in den letzten Jahren immer stiller geworden war, so hatte sie doch mit ihrem freundlichen, etwas müden Lächeln und mit ihrer leisen Stimme, die voller Anteilnahme war, Wärme und Zärtlichkeit verbreitet. Gertrud empfand deutlich mit jener hellsichtigen Klarheit, die durch starke Erschütterungen hervorgerufen werden kann, dass sie mit ihrer Mutter einen wesentlichen Teil ihres Lebens unwiderruflich verloren hatte. Sie bewunderte ihren Vater, sie hatte die größte Hochachtung vor ihm, aber liebte sie ihn? Wollte er überhaupt Liebe? Wollte er nicht vielleicht nur respektiert werden, geachtet werden, bewundert werden? Die Mutter hatte ihn geliebt. Und seine verzweifelte Trauer zeugte von der tiefen Liebe zu seiner Frau. Vielleicht hat er all seine Liebesfähigkeit in der Beziehung zu ihr erschöpft? Dieser Gedanke kam Gertrud plötzlich in den Sinn. Mit einer ruckartigen Bewegung strich sie eine Haarsträhne aus dem Gesicht, als wollte sie ihn verscheuchen, und wandte sich der Post zu, die vor ihr auf dem Tisch lag.
Ein Sonnenstrahl fiel durch das Erkerfenster des großen Wohnzimmers und ließ kleine Staubkörnchen aufblitzen. Gertrud hatte es übernommen, die Kondolenzbriefe zu beantworten, um dem Vater diese traurige Arbeit abzunehmen. An dem kleinen Schreibtisch im Erker ging sie die Briefe durch. Dabei wunderte sie sich, dass viele Bekannte offenbar gar nicht gewusst hatten, dass ihre Mutter krank gewesen war. Sie las immer wieder, dass man erstaunt sei über ihren frühen Tod. Oft wurde Gertrud auch damit getröstet, dass sie ja nun die schöne Aufgabe habe, für ihren Vater und ihren Bruder zu sorgen und die Hausfrau zu ersetzen. Sie würde sicher Erfüllung und Befriedigung darin finden, und das würde ihr über ihren eigenen Schmerz hinweghelfen. Die Selbstverständlichkeit dieser Erwartungen überraschte sie. Darüber hatte sie noch nicht nachgedacht. Im Augenblick versorgte sie mit Fine und einer Zugehfrau den kleinen Haushalt, aber so würde es wohl nicht bleiben. Vater wollte ja eine Haushälterin engagieren. Doch wie konnte Hausarbeit einen Menschen ersetzen? Mit dem Gefühl, dass man hier über sie verfügen wollte, dass man ihr Pflichten diktierte, die sie nur selbst aus freien Stücken übernehmen könnte, legte sie die Briefe beiseite.
Die Mahlzeiten wurden gemeinsam im Esszimmer eingenommen, das hinter dem Wohnzimmer lag. Es war ein großer Raum, halb hoch mit Eichenholz getäfelt, was ihm eine behagliche, aber etwas düstere Atmosphäre verlieh. Den Abschluss der Täfelung bildete ein Bord, auf dem Krüge und Teller aus Zinn oder Keramik standen. An der einen Seite befanden sich ein Büfett zur Unterbringung des Geschirrs und des Tafelsilbers und eine Anrichte, darauf stand ein schwerer silberner Kerzenleuchter. In der Mitte dominierte ein großer ausziehbarer Tisch mit vier Stühlen. Ein wuchtiger Kronleuchter hing darüber. Das Esszimmer war vom Wohnzimmer durch eine Flügeltür getrennt. Wenn sie geöffnet wurde, konnte man aus den beiden Zimmern einen großen repräsentativen Raum machen, in dem die Diners stattfanden, die Friedrich und Leonore Oertel ihrer gesellschaftlichen Stellung gemäß hatten geben müssen.
Das Wohnzimmer wurde auch der „Salon“ genannt. Ein kostbarer Teppich bedeckte den Fußboden. Die Seidentapete an den Wänden, das zierliche Sofa und die dazu gehörenden Sesselchen sowie der kleine Schreibtisch im Erker waren mit viel Geschmack ausgesucht worden. Diese Einrichtung trug Leonores Handschrift.
Im Erdgeschoss gab es dann noch das Musikzimmer, in dem der große Flügel stand. Hier fanden regelmäßig Hauskonzerte statt, denn Friedrich Oertel spielte sehr gut Cello, und Gertrud hatte sich zu einer tüchtigen Pianistin entwickelt. Auch Paul machte auf der Geige gute Fortschritte. Einige Kollegen des Hausherrn waren gleichfalls begeisterte Musiker, und so hatte man sich immer gern im Oertelschen Hause zum Musizieren getroffen.
Im Souterrain lag die Küche. Sie war ziemlich dunkel und ging auf einen kleinen gepflasterten Hof hinaus. In den oberen Stockwerken befanden sich das Studierzimmer des Professors sowie das Schlafzimmer und die Zimmer der Kinder.
Oertel saß mit seinen Kindern bei Tisch. Wohlgefällig betrachtete er seine Tochter. Fine hatte soeben die Suppe gebracht, und Gertrud füllte zunächst den Teller des Vaters, dann den des Bruders und zuletzt ihren eigenen. Sie bewegte sich anmutig und mit einer natürlichen Grazie. Plötzlich kam ihm zum Bewusstsein, dass seine Tochter kein Kind mehr war. Sie hatte sich zu einer hübschen jungen Frau entwickelt. Das leicht gewellte dunkle Haar umrahmte ihr ovales Gesicht und gab ihm einen weichen Ausdruck. Das Schönste in diesem Antlitz aber waren die großen braunen Augen mit ihrem träumerischen Glanz. Ich werde einen Mann für sie finden müssen, dachte Oertel. Es wird nicht schwer sein. Ich werde dafür sorgen, dass sie eine gute Partie macht, dass sie sich standesgemäß verheiratet. Ein warmes Gefühl der Zuneigung durchströmte ihn.
Dann wanderte sein Blick zu Paul, seinem Sohn. Er setzte große Hoffnungen in ihn. Er wünschte, dass Paul einmal ein tüchtiger Naturwissenschaftler werden würde, vielleicht Mathematiker, wie er selbst, vielleicht sein Nachfolger auf dem Lehrstuhl, den er jetzt innehatte. Seine Neigungen zur Theologie … sie würden vergehen. Er war ja noch Gymnasiast. Seine Entwicklung war noch nicht abgeschlossen. Seine Zeugnisnoten waren durchweg gut, aber sie ließen keine herausragende Begabung erkennen. Man würde sehen, er war ja noch jung, sein Charakter noch im Werden.
Fine kam wieder herein. Sie stellte eine Platte mit Braten auf den Tisch und holte dann Schüsseln mit Blumenkohlgemüse, Kartoffeln und Sauce. Nachdem Oertel sich genommen hatte, reichte er die Speisen weiter an seine Kinder. Es wurde wenig gesprochen während des Essens. Die Geschwister waren von klein auf so erzogen worden, bei den Mahlzeiten nur dann etwas zu sagen, wenn sie gefragt wurden. Der Vater hatte sich früher bei Tisch mit der Mutter unterhalten, aber jetzt war er schweigsam geworden. Der leere Stuhl war für alle drei eine ständige schmerzliche Erinnerung daran, was sie unwiederbringlich verloren hatten.
„Hast du heute schon geübt?“, unterbrach Oertel die Stille und wandte sich an seinen Sohn.
„Ja, zwei Stunden. Es sind ja noch Ferien.“
„Brav“, lobte der Vater ihn. „So kann aus dir etwas werden.“
Gertrud nutzte die Gelegenheit und ergriff das Wort: „Vater, sollten wir nicht unsere Hauskonzerte wieder aufnehmen? Du hast doch immer so viel Freude daran gehabt. Das kann dich vielleicht auf andere Gedanken bringen. Du wirst noch ganz krank vor lauter Traurigkeit.“ Sie sah ihn an, voller Mitgefühl und Zärtlichkeit.
Er erwiderte ihren Blick. „Vielleicht hast du recht. Ich werde es mir überlegen.“
Fine brachte die Nachspeise. Es wurde kein weiteres Wort mehr gesprochen. Schließlich stand der Professor auf und begab sich in sein Studierzimmer. Das war das Zeichen für die Kinder, sich auch zurückzuziehen. Paul ging in sein Zimmer und las. Gertrud half Fine beim Aufräumen der Küche und beim Spülen des Geschirrs. Als die Arbeit erledigt war, ging auch sie auf ihr Zimmer.
15. Oktober,
nach dem Mittagessen
Es ist alles so trostlos, es herrscht so eine beklemmende Stimmung im Haus. Manchmal denke ich, ich kann es nicht mehr aushalten, und dann möchte ich am liebsten davonlaufen. Vater spricht nur das Nötigste. Mit Paul rede ich manchmal über Mutter, und dann weinen wir beide. Aber das Leben geht doch auch weiter. Wenn wir uns in unserem Kummer vergraben, das macht Mutter auch nicht wieder lebendig. Ich bin oft so verzweifelt, weil sie nicht mehr bei uns ist, aber dann denke ich auch wieder, ich bin doch noch jung. Soll mein Leben so weitergehen? Andererseits, was soll ich denn machen? Ich kann Vater und Paul jetzt nicht allein lassen. Sie brauchen mich, und ich habe sie doch auch lieb. Wir trauern alle um Mutter, und wir müssen uns gegenseitig beistehen, so gut es geht. Wie kann ich Vater nur helfen, wie kann ich ihn aus seiner Verschlossenheit herausholen? Er wird noch krank werden! Wenn wir die Hauskonzerte wieder aufnehmen könnten! Er hat früher so viel Freude daran gehabt. Ich werde ihm ein bisschen zureden. Vielleicht hilft ihm die Musik.
Aber es gibt da noch etwas anderes, was mir immer wieder durch den Kopf geht, wenn ich daran denke wegzulaufen. Wo soll ich denn hin, ein Mädchen, das nur die Höhere Töchterschule besucht hat und sonst nichts kann? Vater will ja nicht, dass ich einen Beruf erlerne. Er sagt, ich solle heiraten und bis dahin im Elternhaus bleiben. Ich hätte es nicht nötig, zu arbeiten und Geld zu verdienen. Doch heutzutage haben schon so viele junge Frauen eine Ausbildung und sind berufstätig, zum Beispiel als Sekretärinnen, als Lehrerinnen oder Krankenschwestern. Manche haben sogar studiert und sind Ärztinnen oder Rechtsanwältinnen. Was ist dagegen einzuwenden? Ich verstehe Vater nicht. Jetzt ist mein Platz hier, das weiß ich, bis wir alle ein wenig über Mutters Tod hinweggekommen sind, wenn man überhaupt je darüber hinwegkommen kann. Aber später, in zwei oder drei Jahren vielleicht, werde ich versuchen, von Vater die Erlaubnis für eine Berufsausbildung zu bekommen. Warum soll eine Frau nicht auch ein bisschen Selbstständigkeit und Unabhängigkeit im Leben haben?
Ein Jahr nach Leonore Oertels Tod kam Emmy ins Haus. Sie sollte ein Glücksfall für die Familie werden. Emmy stammte aus einer westfälischen Industriellenfamilie. Sie war Mitte dreißig, als sie in das Oertelsche Haus kam, eine praktische, tüchtige Frau, die überall da mit anpackte, wo es notwendig war, und die keine Arbeit scheute. Gertrud ging ihr gern zur Hand.
Heute waren die beiden Frauen in der Küche beschäftigt. Oertel erwartete am nächsten Tag Gäste, und Emmy bereitete einen Kalbskopf in Aspik vor, der bei allen so beliebt war. „Sie dürfen die Stücke nicht zu groß schneiden, aber auch nicht zu klein, Fräulein Gertrud, etwa so.“ Sie zeigte Gertrud, die dabei war, das Fleisch und das Gemüse zu zerteilen, wie sie es meinte. „Eines Tages werden Sie auch eine Hausfrau sein, dann müssen Sie kochen können.“ Sie nickte ihr aufmunternd zu.
„Wo haben Sie das alles gelernt?“, wollte Gertrud wissen.
„In der Haushaltsschule von Hedwig Heyl in Berlin. Sie hat auch das große Kochbuch geschrieben, das dort steht.“ Ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, deutete sie mit einer Kopfbewegung in Richtung Regal. „Eine Hausfrau muss doch die feine Küche kennen, aber auch einfache Gerichte schmackhaft zubereiten können. Sie muss wissen, wie man die Wäsche richtig pflegt und das Silber. Und wie man Hühner und Gänse schlachtet, das stand auch auf unserem Programm.“
Gertrud starrte Emmy entgeistert an. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Sie sah Emmy vor sich, ein Beil in der einen Hand und mit der anderen das Tier festhaltend, dem sie gleich den Kopf abschlagen würde. Sie schüttelte sich bei dem Gedanken.
„Das muss man können, wenn man in einem Landhaushalt arbeitet“, sagte Emmy mit Überzeugung.
Sie scheint gar nichts dabei zu finden, dachte Gertrud, noch immer schockiert. So eine Haushaltsschule, das wäre nichts für mich. Sie war mit ihrer Arbeit fertig, stand auf und wusch sich die Hände.
Emmy goss die Gelatinelösung über die Fleisch- und Gemüsestücke und stellte die Schüssel kalt. „Helfen Sie mir noch, die Wäsche wegzuräumen, Fräulein Gertrud?“
Sie gingen nach oben zu dem großen Wäscheschrank, vor dem bereits der Korb mit der gebügelten Wäsche stand. Gertrud beobachtete, wie Emmy die Laken und Bezüge ganz genau aufeinander legte und die Wäschestapel mit rosa Bändchen zusammenband. Alle Schleifen sahen genau gleich aus, exakt wie Soldaten, dachte Gertrud.
„Ordnung muss sein, und es soll doch auch hübsch aussehen.“ Emmy hatte Gertruds erstaunten Blick bemerkt. Über ihr Gesicht glitt ein Lächeln.
Gertrud fand die Bänder mit den Schleifen überflüssig. Das werde ich später bestimmt nicht so machen, dachte sie, als sie Emmy die Wäschestapel anreichte. Warum hat sie eigentlich nicht geheiratet, wo sie doch so eine perfekte Hausfrau ist? Sie betrachtete Emmy verstohlen von der Seite. Ihre große, etwas grobknochige Figur, ihr scharf geschnittenes Gesicht, ihre selbstbewusste Art … das ist sicher nichts für Männer. Die wollen ein anschmiegsames Weibchen. Aber als anschmiegsames Weibchen konnte Gertrud sich Emmy nicht vorstellen. Vielleicht wollte sie gar nicht heiraten und lieber unabhängig sein, das würde zu ihr passen.
Am Abend schickte Oertel Gertrud zu Emmy, um ihr etwas auszurichten. Gertrud fand sie in ihrem Zimmer im Sessel neben der Stehlampe sitzend, ein Buch in der Hand.
„Setzen Sie sich, Fräulein Gertrud.“ Emmy zeigte auf einen Stuhl und legte das Buch in den Schoß. Johann Wolfgang von Goethe, Sämtliche Werke, las Gertrud. Ihr Blick ging durch den Raum, umfasste das akkurat zugedeckte Bett, den Tisch mit der gestärkten Spitzendecke, die Waschkommode mit der geblümtem Waschschüssel und der dazu passenden Wasserkanne. An der Wand entdeckte sie ein Bücherregal, in dem weitere Bände von Goethe standen neben Schiller und Shakespeare und Büchern von Heine, Tolstoi und Fontane. Gertrud staunte. Das war eine ganz andere Emmy, so kannte sie sie gar nicht.
„Warum sind sie gekommen, Fräulein Gertrud?“, riss Emmys Stimme sie aus ihren Gedanken. „Sollen Sie mir etwas vom Herrn Geheimrat ausrichten, oder wollen Sie mich besuchen?“ Sie bemerkte Gertruds Verlegenheit und lächelte ihr freundlich zu.
Gertrud besann sich. „Vater lässt Ihnen sagen, dass er morgen früh das Frühstück eine halbe Stunde früher als sonst haben möchte. Er hat vor der Vorlesung noch etwas zu erledigen.“
Emmy nickte. „Das geht in Ordnung.“
Was für eine eigenartige Frau, dachte Gertrud beim Hinausgehen. Morgens arbeitet sie in der Küche, erzählt, dass sie Hühner und Gänse schlachten kann, und abends liest sie Klassiker.
Novembernebel hing zwischen den kahlen Zweigen der Bäume. Die Luft schien gesättigt zu sein mit Tausenden kleiner Wassertropfen. Sie verwischten die Konturen der Straßenlaternen und zerstreuten ihr Licht in einem milchigen Schimmer. Die Häuser, die Sträucher und Zäune der Vorgärten, die wenigen Menschen, die in diesem ungemütlichen Wetter unterwegs waren – alles wurde von ihnen in undeutliche Schemen verwandelt, die plötzlich auftauchten und wieder verschwanden. Auch das Licht der hohen, schmalen Erkerfenster des Hauses Kaiser-Wilhelm-Straße 17 wurde von der feuchten Dunkelheit verschluckt. Wer zufällig vorbeiging, hörte Musik, Klavier und Geigenklang, wie von ferne durch die geschlossenen Fenster dringen.
Es gab wieder Hausmusik bei der Familie Oertel. Gertrud hatte ihrem Vater von Zeit zu Zeit vorsichtig zugeredet, um ihn aus seiner Trauer herauszureißen. Schließlich hatte er nachgegeben. Im ganzen Haus war seit dem Morgen eine erwartungsvolle, freudige Spannung zu spüren. Paul, der zum ersten Mal im Quartett die zweite Geige spielen durfte, übte in seinem Zimmer eifrig seine Stimme. Auch Gertrud spielte noch einmal den Klavierpart des Haydn-Trios durch, das heute Abend unter anderem auf dem Programm stand. Die drei Stücke aus den Kinderszenen von Schumann und die beiden Préludes von Chopin, die sie außerdem spielen wollte, konnte sie gut. Sie beschloss, dass es nicht nötig sei, sie noch einmal anzusehen. Emmy war schon vom frühen Morgen an beschäftigt. Martha, ein junges Mädchen, das sie als Haushaltshilfe eingestellt hatte, weil Fine gegangen war, ging ihr dabei zur Hand. Sie fühle sich inzwischen zu alt, hatte Fine gesagt. Aber es war wohl eher so, dass sie sich an die Veränderungen im Hause Oertel nicht mehr gewöhnen konnte. Das Musikzimmer, in dem der große Flügel stand, musste hergerichtet werden. Die drei Klubsessel und der kleine Tisch wurden beiseitegerückt, damit das Streichquartett in der Mitte Platz hatte. Aus dem Esszimmer holten die beiden Frauen vier Stühle herein und stellten sie in einem Halbkreis vor dem Flügel auf. Zwei große Kerzenleuchter wurden so angeordnet, dass sie die Notenpulte zusätzlich beleuchten konnten, wenn das Licht des Kronleuchters an der Decke nicht ausreichen sollte.
Nach dem Mittagessen ging die Arbeit in der großen Küche im Souterrain weiter. Emmy hatte geplant, in der Pause als Erfrischung „dänische Brötchen“ und Punsch zu servieren.
„Schade, dass wir in dieser Jahreszeit keine frische Petersilie und keine Radieschen haben“, sagte Emmy zu Martha, „es würde noch hübscher aussehen.“
Die Platte mit den Brötchen wurde kühl gestellt. Der Teepunsch konnte erst im letzten Moment zubereitet werden, da er ja warm getrunken wurde. Aber Emmy stellte schon einmal den Rotwein, den Rum, Zucker und Tee bereit, damit nachher alles schnell ging. Zufrieden betrachteten die beiden Frauen ihr Werk.
Oertel merkte nichts von all der Geschäftigkeit. Er saß in seinem Studierzimmer über seinen Büchern. Seinen Part brauchte er nicht zu üben, denn er war ein versierter Cellist, und sowohl das Streichquartett von Boccherini als auch das Haydn-Trio stellten an ihn keine großen Anforderungen. Das Boccherini-Quartett hatte ihm sein Freund und Kollege, Professor Reisinger, gegeben, der heute Abend, wie an so vielen Hausmusikabenden im Hause Oertel, die Bratsche spielen sollte. Er hatte die Stimmen gleich weitergegeben, damit die übrigen Mitspieler sich vorbereiten konnten: die für die zweite Geige seinem Sohn Paul, und die für die erste Geige Wilhelm Zeidler, der auch die Geigenstimme für das Haydn-Trio bekommen hatte.
Wilhelm Zeidler war einer von Oertels Studenten. Er war dem Professor neulich bei einem Hochschulkonzert als vielversprechender junger Geiger aufgefallen. Weil sein anderer Kollege, der sonst im Quartett der „Erste“ war, heute nicht kommen konnte, hatte er Wilhelm gebeten, ihn zu vertreten. Der junge Mann empfand es als eine besondere Ehre, von seinem Professor zum privaten Musizieren eingeladen zu werden, und sagte natürlich hocherfreut zu.
Pünktlich um achtzehn Uhr, zur verabredeten Zeit, klingelte Wilhelm Zeidler an der Tür des Hauses Kaiser-Wilhelm-Straße 17.
„Herzlich willkommen in meinem Heim, lieber Wilhelm“, begrüßte Oertel seinen Studenten. Auf Professor Reisinger musste man noch warten. Wie immer kam er fünfzehn Minuten zu spät. Er war eben an das akademische Viertel gewöhnt. „Scheußliches Wetter“, murmelte er ein bisschen atemlos, als er seine Gummiüberschuhe auszog und an der Garderobe abstellte. Professor Reisinger war ein eher kleiner, etwas korpulenter Herr mit einem runden, freundlichen Gesicht. Die Fältchen an seinen Augenwinkeln vermittelten den Eindruck, dass er gern lachte.
„Kommen Sie herein, lieber Kollege.“ Der Hausherr führte ihn in den Salon. „Gertrud wird uns zunächst etwas auf dem Klavier spielen. Da haben Sie Zeit zu verschnaufen, und Ihr Instrument kann sich an die Zimmertemperatur gewöhnen.“ Oertel, Reisinger und Emmy nahmen in den Sesseln Platz, Paul und Wilhelm Zeidler setzten sich auf die Stühle, die für die Quartettspieler bestimmt waren.
Gertrud, die schon bei Hochschulkonzerten öffentlich gespielt hatte, ging ohne Scheu und völlig unbefangen zum Flügel und setzte sich auf den Hocker. Noten brauchte sie nicht, sie konnte die Stücke auswendig. Sie konzentrierte sich kurz und begann mit der „Träumerei“ aus den Kinderszenen von Schumann. Mit weichem Anschlag, sanft und voller Innigkeit ließ sie die ersten Takte erklingen. Etwas Schwebendes, ja, fast etwas Märchenhaftes lag über ihrem Spiel. Die Zuhörer fühlten sich wie verzaubert und in eine andere Welt entrückt. Mit tiefem Empfinden und musikalischer Sensibilität gestaltete sie die Melodiebögen, indem sie vor einer aufwärts strebenden Linie immer ein bisschen verzögerte, so als ob die Kräfte erst gesammelt werden müssten, die sich zum Höhepunkt aufschwingen. Leicht und ohne jede Anstrengung schienen ihre Finger die Tasten zu bewegen. Sie selbst war ganz versunken in ihr Spiel, und ihre Versunkenheit teilte sich auch den Zuhörern mit.
Die nächsten beiden Stücke kamen munter und lebhaft daher. Mit kraftvollen Akkorden der „Ritter vom Steckenpferd“, mit übermütigen, leichtfüßigen Passagen der „Haschemann“. Und so schwerelos Gertruds Finger eben noch auf den Tasten lagen, so kräftig konnten sie nun zupacken, so virtuos und geschickt bewältigten sie die schnellen Läufe.
Wilhelm Zeidler hatte während der ganzen Zeit den Blick nicht von Gertrud gewandt. Er war überrascht, hingerissen, sowohl von ihrem Spiel als auch von ihrer Erscheinung. Wie sie da am Flügel saß, mit anmutigen, leichten Bewegungen der Hände und Finger, im gelben Seidenkleid mit dem Spitzenkragen, das einen schönen Kontrast zu ihrem dunklen, zu Schnecken aufgesteckten Haar bildete.
Die Stimmung der „Träumerei“ wieder aufnehmend, begann sie nun mit dem „Regentropfen-Prélude“ von Chopin. Voller Bewunderung hörte er ihr zu. Wie sie die stereotypen Tonwiederholungen des Regentropfenmotivs spielte, ganz leicht hingetupft … wie sie darüber die friedvolle Melodie erklingen ließ, verhalten, doch mit beseeltem Ausdruck, das berührte ihn zutiefst. Um so mehr überraschte ihn die sich nun ständig steigernde Intensität ihres Spiels, mit der sie das Donnergrollen in den Bässen vorbereitete, das sich schließlich in einem Fortissimo-Ausbruch entlud. Wie viel Kraft und zugleich auch wie viel Innigkeit lebten in dieser jungen Frau! Er betrachtete ihr feines Profil, das vom Kerzenschein weich beleuchtet war, und meinte, ein Märchenwesen vor sich zu haben, eine Fee oder eine Elfe. Den Abschluss ihres Vortrags bildete das B-Dur Prélude. Das lebhafte, unbeschwerte Stück vermittelte eine heitere Stimmung, und als der letzte Akkord verklungen war, wurde spontan Beifall geklatscht. Auch Oertel nickte seiner Tochter anerkennend zu. Gertrud errötete, aber gleichzeitig war sie sehr stolz auf das Lob, das sie in den Augen ihres Vaters lesen konnte. Der Beifall und die Stimmen der übrigen Anwesenden rissen Wilhelm Zeidler aus seiner Verzauberung. Spontan applaudierte auch er. Wie gern wäre er aufgestanden, zu ihr hingegangen, um ihr zu sagen, wie sehr er sie bewunderte, aber das wagte er nicht. Er hätte ihr die Hand küssen mögen, um ihr seine Gefühle zu zeigen, aber das war ganz unmöglich.
Nun formierte sich das Quartett. Oertel begann souverän, mit vollem, warmem Ton. Gertrud horchte auf, und ihr Herz schlug höher. Wie gut, dachte sie, dass ich Vater überreden konnte, wieder Musik zu machen. Sie wird ihm helfen, seine Trauer zu überwinden. Professor Reisinger mit seiner Bratsche, das Zusammenspiel mit seinem Kollegen gewöhnt, folgte dem Cello mühelos. Paul war ängstlich und nervös und verpasste den ersten Einsatz, woraufhin der Vater abwinkte und ärgerlich „noch mal von vorn“ brummte. Der Junge bekam feuchte Hände und einen roten Kopf, aber er nahm sich zusammen und war dieses Mal rechtzeitig da. Als dann etwas später die erste Geige einsetzte, war es, als ob die Sonne aufging. Wilhelm eroberte sich mit seinem strahlenden Geigenklang, seinem ausdrucksvollen Spiel, das bei allem Gefühl, welches er hineinlegte, immer klar und durchsichtig und sauber intoniert blieb, sofort die Herzen der Zuhörer und der Mitspieler. Und jetzt ging es Gertrud so, wie es ihm vorhin gegangen war: Sie konnte den Blick nicht abwenden von dem schlanken, gut aussehenden jungen Mann, der wie verwachsen schien mit seiner Geige. Eine blonde Haarsträhne fiel ihm ins Gesicht, aber er merkte es nicht. Gertrud meinte zu spüren, dass die Musik vollständig von ihm Besitz ergriffen hatte.
Paul konnte seine Nervosität nicht ganz ablegen. Wahrscheinlich war es auch die Gegenwart des Vaters, die ihn unsicher machte. Er hatte fleißig geübt und konnte seinen Part, aber unter den strengen Blicken des Professors fühlte er sich nicht wohl in seiner Haut und machte Fehler. Im Mittelteil, wo die erste und die zweite Geige in Terzparallelen geführt werden, intonierte er unsauber und hielt das Tempo nicht durch, aber Oertel ließ nicht unterbrechen. Er warf seinem Sohn nur einen strafenden Blick zu. Später würde er ihm sagen, was er zu sagen hatte. So ging der erste Satz ohne eine größere Störung zu Ende.
Vor dem zweiten Satz gab Friedrich Oertel kurze Anweisungen: „Die erste Zählzeit im Menuett sollte etwas betont werden, aber nicht übertrieben. Im dritten Satz kann die erste Geige Virtuosität zeigen. Aber ich denke, wir nehmen ihn zunächst allegro moderato und nicht allegro con brio. Wir spielen schließlich das erste Mal zusammen. Die Hauptsache ist jetzt, dass wir uns gegenseitig hören und aufeinander eingehen. Nach dem Boccherini und vor dem Haydn werden wir dann eine Pause machen.“
Die Pause war eine willkommene Entspannung für die Musiker. Sie ließen sich gern in das geräumige Esszimmer führen und setzten sich an den großen Tisch in der Mitte, auf dem die Kanne mit dem dampfenden Punsch und die appetitlich anzusehende Platte mit den Brötchen standen. Ein Strauß aus Tannengrün und Stechpalmen mit roten Beeren zierte den Tisch und erinnerte daran, dass die Adventszeit nahe war. Kerzenschein tauchte den Raum in ein warmes, gemütliches Licht. Martha goss den Punsch ein, und Emmy nahm gern die Lobreden entgegen, mit denen ihre Brötchen bedacht wurden. Dann ergriff Friedrich Oertel das Wort: „Ich freue mich, Wilhelm, dass wir Sie gewinnen konnten, in unserem Quartett mitzuspielen“, wandte er sich an seinen Studenten. „Sie haben einen schönen, ausdrucksvollen, klaren Ton, und das Zusammenspielen macht Ihnen ja keine Schwierigkeiten, wie ich gemerkt habe. Haben Sie schon in einem Ensemble mitgewirkt?“
„Ich spiele manchmal mit ein paar Freunden zusammen“, antwortete der junge Mann bescheiden.
„Nun, ich würde mich freuen, wenn wir Sie öfter in unserer Mitte haben könnten. Es sollte nicht bei dem heutigen Abend bleiben. Sie spielen ein sehr gutes Legato“, fügte Oertel dann hinzu, „aber vielleicht könnten Sie die Phrasierungen noch etwas deutlicher herausarbeiten.“ Dann wandte er sich an die anderen: „Im Mittelteil des ersten Satzes bei Boccherini müssen wir der ersten Geige unbedingt die Führung überlassen. Die tieferen Stimmen sollten sich deshalb etwas zurückhalten. Auch bei Motivwiederholungen bitte auf die Dynamik achten, also mezzoforte oder piano spielen, je nachdem, was vorausgegangen ist.“
Missbilligend sah der Professor seinen Sohn an. Der Junge kannte diesen Ausdruck in den Augen des Vaters und wusste, dass er gleich einen Tadel bekommen würde. „Paul, achte darauf, dass du immer mitzählst“, sagte er, und der vorwurfsvolle Ton in seiner Stimme war nicht zu überhören. „Du bist bei deinen Einsätzen ein paar Mal zu spät gewesen, und gewackelt hat es fast jedes Mal. Bemühe dich, das Tempo mitzuhalten. Auch deine Intonation ist nicht immer ganz sauber. Nimm dir ein Beispiel an Herrn Zeidler, der selbst seine Oktavsprünge lupenrein spielt und seinen Ton schön ausschwingen lässt. Du solltest überhaupt noch mehr üben, insbesondere die Triller.“
„Na, na, Oertel“, mischte sich Professor Reisinger begütigend ein, „seien Sie nicht so streng mit dem jungen Mann. Für das erste Mal hat er sich doch tapfer geschlagen. Und geübt hat er, das konnte man merken.“ Er klopfte Paul, der neben ihm saß, aufmunternd auf die Schulter: „Wenn man zum ersten Mal mit geübten Musikern zusammenspielt, dann ist man nervös und aufgeregt. Ist mir in deinem Alter genau so gegangen. Nur Mut, du wirst noch ein guter Geiger werden.“
Paul wurde über und über rot und wusste vor Verlegenheit nicht, wohin er gucken sollte. Er starrte krampfhaft auf das Brötchen auf seinem Teller, aber er hatte einen Kloß in der Kehle und konnte nichts herunterkriegen. Warum muss Vater nur immer an mir herummeckern? Nichts kann ich ihm recht machen. Immer hat er etwas auszusetzen. Er fühlte ich enttäuscht und entmutigt, denn er hatte sich so viel Mühe gegeben und fleißig geübt.
Es hatte sich so ergeben, dass Gertrud und Wilhelm einander gegenüber saßen. Dadurch begegneten sich ihre Blicke während des Essens immer wieder. Und obwohl sie die Augen schnell niederschlug, so fing sie doch seinen Blick auf, einen Blick, in dem sich Bewunderung und Zärtlichkeit mischten und der ihr Herzklopfen verursachte.
Nach der Pause gingen sie wieder in den Salon. Professor Reisinger und Paul waren jetzt die Zuhörer. Gertrud setzte sich ans Klavier, und Oertel und Wilhelm stimmten noch einmal ihre Instrumente. Schon gleich im ersten Satz, in dem Geige und Klavier miteinander gehen, dann sich loslassen und in einem Frage- und Antwortspiel wiederfinden, empfand Gertrud eine geheimnisvolle Übereinstimmung mit Wilhelm. Sie fühlte sich von der Geigenmelodie auf eine bisher nicht erlebte Art und Weise inspiriert, getragen, an die Hand genommen und in Bereiche geführt, die sie nicht kannte. Und als dann der Teil kam, in dem das Klavier die Führung übernimmt, war sie voller Begeisterung. Mit einem überströmenden Glücksgefühl variierte sie virtuos die Melodie der Geige. Der ruhige zweite Satz mit seinen Kantilenen voller Poesie glich einem Ausatmen, einer inneren Entspannung und Beruhigung. Er war gewissermaßen eine Zäsur, bevor der letzte Satz – ein Zigeunertanz – mit übersprudelnder Lebendigkeit Spieler und Zuhörer in seinen Bann schlug. Wilhelm und Gertrud beflügelten sich gegenseitig mit ihrer Spielfreude. Ihr war, als hätten sie schon immer zusammen musiziert, als sei dies nicht das erste Mal. Keine Fremdheit war zwischen ihnen. Es war ein selbstverständliches Miteinander, ein gemeinsames Schwingen im Geiste der Musik. Als der letzte Ton verklungen war und die Zuhörer Beifall klatschten, sahen sie sich glücklich und mit vor Begeisterung heißen Gesichtern an. Sie hätten noch lange so weiterspielen mögen, um diese gegenseitige Verzauberung nicht aufhören zu lassen.
Professor Reisinger verabschiedete sich bald. Wilhelm wusste, dass es sich für ihn gehörte, nun auch zu gehen, obwohl er so gerne noch geblieben wäre. Er bedankte sich höflich bei Professor Oertel für den schönen Abend und wurde eingeladen, doch bald wiederzukommen.
„Wir planen ein Hauskonzert mit dem heutigen Programm. Es würde mich freuen, wenn Sie dabei wären, Wilhelm. Ich werde meinen Kollegen, der heute verhindert war, fragen, ob er Ihnen für eine Weile seinen Platz überlässt. Die Art und Weise, wie Sie an die Stücke herangehen, hat mir sehr gut gefallen. Herr Scholz ist ein vielbeschäftigter Mann und hat sicher nichts dagegen. Ein paar Mal sollten wir noch vorher üben. Der heutige Abend war ja eigentlich mehr ein Kennenlernen. Ich dachte, dass wir zunächst einmal ausprobieren müssten, ob wir in dieser Besetzung zueinander passen. Außerdem sollten wir uns bekannt machen mit dem Gesamtklang der Stücke. Manche Einsätze müssten noch präziser herausgearbeitet werden, und auch über Tempi und Ritardandi müssten wir uns verständigen. Gertrud und ich werden außerdem eine Cellosonate spielen.“
Gertrud reichte Wilhelm ihre Hand zum Abschied, und er drückte einen zarten Kuss darauf, der auch als Höflichkeit verstanden werden konnte. Aber sie empfand bei der Berührung seiner Lippen eine seltsame, unbekannte Erregung. Noch in den nächsten Tagen spürte sie seinen Kuss auf ihrem Handrücken, und manchmal warf sie einen verstohlenen Blick auf die Stelle, als wolle sie prüfen, ob dort etwas zu sehen sei.
20. November 1913,
vormittags
Ich bin noch ganz durcheinander! Endlich gab es wieder Hausmusik bei uns! Vater hatte einen seiner Studenten eingeladen, die erste Geige zu spielen, weil Professor Scholz nicht konnte. Er spielte hinreißend! Ich muss immerzu an ihn denken. Wie er den Bogen führte … leicht und doch kraftvoll … sein seelenvoller Ton … mir ist, als habe er sich mit seiner Geige tief in mein Herz hineingespielt. Den Kuss auf meine Hand … ich spüre ihn noch immer … der Blick, mit dem er mich ansah … er ging mir durch und durch … ich muss ihn wiedersehen!
Der Morgen versprach einen strahlenden Tag. Noch war die Sonne nicht zu sehen, denn sie wurde von der gegenüberliegenden Häuserfront verdeckt. Doch ihr Schein tauchte die Dächer und das darüberliegende Stück Himmel in pures Gold. Ein paar weiße Wölkchen schwammen im zarten Blau des Firmaments.
Gertrud erwachte früher als sonst. Sie freute sich auf diesen Tag. Zeidlers hatten sie zu einem Picknick eingeladen. Einen ganzen Tag mit Wilhelm zusammensein zu können … dieser Gedanke machte sie schwindlig vor Glück. Sie hatte das Gefühl, als würde ihr Blut schneller durch ihre Adern fließen. Alle ihre Nerven schienen zu vibrieren. Seit jenem Hausmusikabend waren sie sich immer wieder begegnet, und sie empfand eine wachsende Zuneigung, ja eine Vertrautheit mit dem jungen Mann, über die sie sich zunächst selbst wunderte. Aber dann ließ sie es geschehen, dass er immer mehr von ihrem Denken und Fühlen Besitz ergriff. Sie sehnte sich nach seiner Nähe. Sie konnte stundenlang am Flügel sitzen und die Stücke spielen, die er so gern hörte. Vor ihrem inneren Auge erstand dann sein Bild, und sie spielte nur für ihn. Emmy, die einmal ins Zimmer kam, meinte: „Sie spielen wunderschön, Fräulein Gertrud, mit viel mehr Empfindung als früher, viel ausdrucksvoller.“
Sie blieb noch einen Augenblick liegen und gab sich einer süßen, träumerischen Stimmung hin, in der Vorfreude und Erwartung sich mischten, dann holte sie die Helligkeit des Sommermorgens, die durch die weißen Vorhänge ins Zimmer drang, aus dem Bett. Sie hatte zwar noch viel Zeit, um zehn Uhr wollten Zeidlers sie mit der Kutsche abholen, und jetzt war es erst sieben. Aber sie war kribbelig vor Ungeduld und Erwartung. Außerdem musste sie ja noch ein passendes Kleid auswählen, und auch die Frisur sollte heute besonders sorgfältig aufgesteckt werden. Ein Blick aus dem Fenster sagte ihr, dass es sicher warm werden würde. Also kam nur ein Sommerkleid in Frage. Sie probierte zuerst ein hellblaues Kleid an, von dem sie dachte, dass es ihr besonders gut stand, entschied sich dann aber anders, weil es ihr mit seinem empfindlichen Seidenstoff und den Rüschen und Schleifen für ein Picknick im Freien nicht geeignet erschien. Das schlichte rosa Baumwollkleid kam eher in Frage, aber sie fand es mit seinem weiten Glockenrock zu altmodisch. So etwas trägt man heute nicht mehr, sagte sie zu sich selbst, die modischen Röcke sind enger. Sie haben höchstens Falten oder Plissee. Schließlich entschied sie sich für ein weißes Musselinkleid in Prinzessform. Es hatte einen kleinen viereckigen Ausschnitt, der mit Spitze unterlegt war, und dreiviertellange Ärmel. Gertrud drehte sich vor dem Spiegel hin und her und war zufrieden mit ihrem Äußeren. Ob ich Wilhelm gefallen werde? Sie errötete ein bisschen bei diesem Gedanken. In das Gefühl einer leichten Unsicherheit mischte sich freudige Erwartung. Dann war es Zeit zum Frühstück, und sie ging hinunter.
Pünktlich um zehn Uhr klingelte Wilhelm, und Gertrud, die es nicht mehr erwarten konnte, lief selbst zur Tür, um zu öffnen. Er machte eine spontane Bewegung, als wolle er sie in die Arme schließen, aber als er Emmy im Hintergrund auftauchen sah, hielt er inne und gab ihr nur die Hand, wie es sich gehörte. „Guten Morgen! Ich freue mich so, dass Sie mit uns kommen“, sagte er leise. Seine Stimme hatte einen zärtlichen Unterton. Er führte Gertrud zur Kutsche und half ihr beim Einsteigen. Herr und Frau Zeidler streckten Gertrud ihre Hände entgegen und begrüßten sie freundlich, und auch die beiden Jungen, die mit in der Kutsche saßen, bemühten sich, eine artige Verbeugung anzudeuten. Dabei stießen sie sich an und kicherten. Emmy reichte einen Korb hinauf: „Ich habe einen Rodonkuchen gebacken, Fräulein Gertrud, wie ich es Ihnen versprochen habe. Lassen Sie ihn sich schmecken“, setzte sie, zu den übrigen Insassen der Kutsche gewandt, lächelnd hinzu. Dann verabschiedete sie sich und winkte noch einmal zurück, während sich die beiden Braunen mit gemächlichem Tempo in Bewegung setzten.
„Wir freuen uns, dass Sie uns begleiten“, sagte Wilhelms Onkel zu Gertrud gewandt.
„Hoffentlich wird es nicht zu heiß. Ich kann die Hitze so schlecht vertragen“, seufzte die Tante.
„Wir suchen ein schattiges Plätzchen aus“, beruhigte sie ihr Mann.
„Kommst du mit uns auch Schmetterlinge fangen?“, fragte einer der beiden Jungen.
„Oder Steine sammeln?“, mischte sich der andere ein. Stolz zeigten sie Gertrud ihre Schmetterlingsnetze und ihre Botanisiertrommel.
Wilhelm wohnte für die Zeit seines Studiums bei dem jüngeren Bruder seines Vaters, und die beiden Jungen waren seine Vettern, zehn und zwölf Jahre alt. Die Sommerferien hatten gerade angefangen, und deshalb brauchten sie heute nicht zur Schule zu gehen. Sie waren zappelig und ausgelassen. Der Onkel musste sie mehrmals ermahnen, doch während der Kutschfahrt stillzusitzen.
„Im ‚Grünen Jäger‘ kehren wir erst einmal ein und trinken etwas“, verkündete Herr Zeidler, was von seinen beiden Söhnen mit Begeisterung aufgenommen wurde.
Inzwischen hatten sie in gemütlicher Fahrt den Stadtrand erreicht. Gelegentlich knallte der Kutscher mit der Peitsche, um die Pferde zu einer etwas flotteren Gangart anzutreiben, aber das gelang ihm nur für kurze Zeit, dann fielen sie wieder in ihren langsamen Trott. Oben auf dem Kutschbock saß Käte, das Hausmädchen von Zeidlers, mit dem großen Picknickkorb. Sein geheimnisvoller Inhalt schien vielversprechend zu sein, und einer der beiden Jungen meinte, dass er jetzt schon Hunger habe. „Warte es ab“, brummte der Vater.
Gertrud hatte sich in ihrer Ecke bequem zurückgelehnt. Gewiegt von den leichten, schaukelnden Bewegungen der Kutsche und mit Wilhelm an ihrer Seite fühlte sie sich wohl und geborgen. Verträumt betrachtete sie die Landschaft. Zu beiden Seiten der Straße dehnten sich Wiesen, die jetzt im Sommer von vielen blühenden Blumen bunt gesprenkelt waren. Ihr Grün mischte sich mit dem Weiß der Margeriten. Gelbe, blaue, violette und rote Farbtupfer machten das Bild vollkommen. Auf den Feldern stand das Getreide schon hoch und begann, sich gelb zu färben. Roter Mohn und blaue Kornblumen bildeten dazwischen farbige Inseln. Die Luft war vom Gesang der Lerchen erfüllt. Gertrud beobachtete, wie sie in steilem Flug vom Boden in die Luft aufstiegen und geradewegs in den Himmel hinauf zu fliegen schienen. Hie und da waren kleine Baumgruppen zu sehen, und in der Ferne konnte man einige weidende Kühe und Schafe erkennen. Es ist so still, so friedlich, dachte Gertrud. Am liebsten hätte sie diesen Augenblick festhalten und immer so weiterfahren mögen. Wenn nur diese harmonische Stimmung nie enden würde.
Wilhelm betrachtete sie von der Seite. Er hatte ihre Hand in die seine genommen. Ihr feines Profil, ihr dunkel schimmerndes Haar, das unter dem breiten, weißen Hut hervorsah, ihre weiche Haut, der Duft, der von ihr ausging, ihre ganze Persönlichkeit berührte ihn immer wieder aufs Neue tief und ließ den Wunsch in ihm wach werden, sie in die Arme zu schließen, ganz fest, und ihr Gesicht, ihren Mund mit Küssen zu bedecken. Seit einigen Tagen quälte er sich mit der Frage, wie sie wohl reagieren würde, wenn er sie bäte, seine Frau zu werden. Seit jener ersten Begegnung im November beim gemeinsamen Musizieren, der so viele Stunden glücklichen Zusammenseins gefolgt waren, hatte sie ihn immer wieder mit ihrer Erscheinung und ihrem Wesen bezaubert, und er meinte zu spüren, dass auch sie ihn mochte. Der Gedanke, sie zu heiraten, ging ihm immer öfter durch den Kopf, doch dann zweifelte er wieder, ob er sich schon so früh binden sollte. Sie waren beide noch so jung, er studierte noch, und außerdem, vielleicht wollte sie ihn ja doch nicht zum Mann. Aber während er neben ihr saß und sie ansah, ihre Gegenwart hautnah spürte, war er sich vollkommen sicher, dass er sie und nur sie zu seiner Frau machen wollte. Er nahm sich vor, ihr heute die entscheidende Frage zu stellen, und sein Herz klopfte schneller bei diesem Gedanken. Gertrud schien es zu spüren. Sie wandte kurz den Kopf und lächelte ihm zu.
Mit einem „Brrr“ hielt der Kutscher die Pferde an, und der Wagen stand still. Sie waren vor dem „Grünen Jäger“ angekommen. Die beiden jungen Leute schraken aus ihren Gedanken hoch. Sie hatten gar nicht bemerkt, dass die Fahrt zu Ende war.
„So, aussteigen“, rief der Onkel aufgeräumt, „wir sind da.“ Alle kletterten aus der Kutsche, Käte hievte den großen Picknickkorb vom Kutschbock herunter, und Herr Zeidler zahlte den Kutscher aus. „Heute Nachmittag um fünf Uhr holen Sie uns bitte hier wieder ab“, sagte er noch, dann gingen alle in den großen Garten des Restaurants.
„Da hinten, unter dem Baum ist am meisten Schatten“, sagte die Tante echauffiert und steuerte auf eine entlegene Ecke im Hintergrund zu. Sie war ein bisschen füllig und schwitzte leicht. Während der Fahrt hatte sie sich schon des Öfteren mit ihrem Spitzentaschentuch Kühlung zugefächelt, und die Sonne stand jetzt hoch am Himmel. Es war spürbar wärmer geworden.
Der Ober kam schnell, um die Bestellung aufzunehmen, denn um diese Zeit gab es noch nicht viele Gäste. Bald darauf wurden die Getränke auch schon gebracht, für die Herren je ein großes Bier, für die Jungen Zitronenlimonade und Himbeerlimonade für die Damen.
Gertrud hatte ihren Hut abgesetzt und ihn neben sich auf einen leeren Stuhl gelegt. Ein sanfter Wind kühlte ihre Stirn und löste eine Haarsträhne aus der Frisur, was ihrem Gesicht einen besonderen Reiz verlieh. Wilhelm, der ihr gegenüber saß, unterdrückte nur mit Mühe das Verlangen aufzuspringen, die Haarsträhne aus ihrem Gesicht zu streichen und sie zu küssen.
Als sie sich erfrischt hatten, gingen sie zu Fuß weiter. Wilhelm und Gertrud hatten sich bei der Hand gefasst. Der Weg führte vorbei an einem idyllisch gelegenen Gut mit einem romantischen Teich, der von dichtem Schilf umrandet war und über dem zahllose Libellen schwebten.
„Sieh mal, wie schön!“ Sie blieben stehen. Gertrud lehnte sich leicht an Wilhelms Schulter und betrachtete mit einem entrückten Ausdruck im Gesicht die liebliche Szenerie. Wilhelm hatte jedoch nur Augen für Gertrud. Für ihn konnte es im Augenblick nichts Schöneres geben. Plötzlich bemerkte sie, dass die übrige Gesellschaft sich schon ein ganzes Stück von ihnen entfernt hatte. „Komm“, rief sie erschrocken und zog Wilhelm mit sich fort, „wir müssen uns beeilen.“ Lachend liefen sie hinter den anderen her. Ein Picknickplatz war bald gefunden: eine Wiese an einem kleinen Gehölz, die sowohl Schatten als auch sonnige Stellen bot. Die beiden Jungen liefen sofort los, um mit ihren Schmetterlingsnetzen und der Botanisiertrommel auf „Schatzsuche“ zu gehen. Frau Zeidler und Käte bereiteten das Picknick vor, wobei Gertrud ihnen zur Hand ging. Als sie ihren Rodonkuchen auspackte, war die Freude groß. „Den essen wir später zum Kaffee“, schlug die Tante vor. Alle langten kräftig zu. „Im Freien schmeckt es doch am besten, nicht wahr, Fräulein Gertrud?“ meinte die Tante, zu ihrem Gast gewandt. Gertrud nickte und sagte, dass sie sich ganz besonders auf den heutigen Tag gefreut habe. Herr und Frau Zeidler tauschten einen vielsagenden Blick, den Gertrud eigentlich nicht sehen sollte, aber sie bemerkte ihn und errötete.
Nach dem Essen zündete sich der Onkel eine Zigarre an, Käte räumte das Geschirr zusammen und verstaute es in dem großen Korb. „Ich lege mich ein bisschen hin und mache ein Nickerchen“, sagte die Tante.
Wilhelm sah Gertrud an. „Sollen wir einen kleinen Spaziergang machen?“, fragte er. Sie nickte, und Hand in Hand gingen sie einen schmalen Weg entlang, der tiefer in das Gehölz hineinführte. Rundum Stille, auch die Vögel schwiegen in der Mittagshitze, nur das Summen von Insekten war zu hören und aus der Ferne das Rufen der spielenden Kinder. In dieser Lautlosigkeit kam es ihnen so vor, als könnten sie gegenseitig den Herzschlag des anderen wahrnehmen, spüren, wie das Blut seinen Körper durchfließt, seine geheimsten Gedanken und Gefühle erraten. So nah beieinander zu sein, das war für beide ein fast bedrängendes Erlebnis.
„Ein herrlicher Tag“, sagte Wilhelm und wunderte sich selbst darüber, wie fremd seine Stimme auf einmal klang. Verlegen dachte er, dass dies eine überflüssige und alberne Bemerkung war. Er wollte auch eigentlich etwas anderes sagen, aber er hatte keine Worte für die übermächtigen Gefühle, die sein Inneres erfüllten. Es war, als ob seine Gedanken und Empfindungen in einem Kerker eingeschlossen waren, aus dem sie keinen Ausweg fanden, so verzweifelt sie sich auch bemühten.
„Und so still“, antwortete Gertrud, „noch nicht einmal die Vögel singen.“ Sie warf Wilhelm einen scheuen Blick zu, in den sich eine unbewusste Zärtlichkeit mischte. Wilhelm legte den Arm um Gertrud und zog sie näher an sich. Seine Berührung erregte sie, ging durch ihren Körper wie ein elektrisierender Strom. Verwirrt bemerkte sie, dass sie sich wünschte, seine Lippen auf den ihren zu spüren. Aber Wilhelm wagte nicht, sie auf den Mund zu küssen. Er hauchte ihr einen zarten Kuss auf die Wange, mehr getraute er sich nicht.
„Sollen wir uns hier ein bisschen hinsetzen?“, fragte Gertrud, und deutete auf eine kleine Waldwiese. Dann lagen sie nebeneinander im lichten Baumschatten auf trockenem Gras. Die Zweige dämpften das Sonnenlicht, sodass es wärmte, aber nicht verbrannte. Wie ein Filter ließen sie einzelne Strahlen hindurch, es sah wie ein Fächer aus. Die Atmosphäre hat etwas Traumhaftes, Unwirkliches, dachte Gertrud. Sie ließ ihre Gedanken schweifen, Bilder erfüllten ihre Seele. Die erste Begegnung mit Wilhelm, damals, an dem Hausmusikabend im November, wurde wieder lebendig. Wie tief war sie berührt von seinem ausdrucksvollen Geigenspiel, sie konnte es nicht vergessen. Damals fing alles an, ging es ihr durch den Kopf. Dann kamen die nächsten Musikabende, und dann das Konzert: Wie schön war es, mit ihm gemeinsam zu musizieren, wie fühlte sie sich von ihm inspiriert, getragen, mitten hineingenommen in die Musik, so als ob sie eins wären. Das zufällige Treffen auf der Eisbahn … Es war einer jener klaren Tage im Januar gewesen. Die frostige Luft ließ alles erstarren, und ein kalter Ostwind brannte im Gesicht und drang durch die Kleidung bis auf die Haut. Aber die Sonne wärmte schon ein bisschen. Sie war mit ihrer Freundin Olga zum Schlittschuhlaufen gegangen. Eine Weile zogen sie bereits ihre Kreise, da war plötzlich jemand neben ihr und lief mit ihr auf gleicher Höhe. Sie drehte den Kopf, und ein freudiges Erschrecken durchzuckte sie: Wilhelm. Er nahm sie bei der Hand und führte sie mit sich fort. Wie leicht fühlte sie sich an seinem Arm, wie sicher, ohne Angst, dass sie fallen könnte. Es war, als schwebten sie über die glatte Fläche. Sie hatte das Gefühl, immer so weiterlaufen zu können bis ans Ende der Welt.
Aus diesem zufälligen Treffen wurde eine Reihe von Verabredungen. Immer war Olga mit von der Partie. So konnte sie zu Hause sagen, dass sie mit einer Freundin Schlittschuhlaufen ging. Ein Treffen allein mit Wilhelm – auch wenn der Vater ihn noch so gern mochte, dem hätte er nicht zugestimmt. Und Olga, verständnisvoll, wie sie war, trennte sich von ihr, sowie sie auf der Eisbahn angekommen waren. Sie verabredeten sich für den Nachhauseweg, und dann war sie mit Wilhelm allein. Einmal wäre sie beinahe gestürzt, aber er fing sie auf und hielt sie fest. Man müsste immer jemanden haben, der einen auffängt und festhält, wünschte sie.
Ein paar Mal waren sie zusammen im Theater, begleitet vom Vater. Und wenn seine Gegenwart sie beide auch etwas befangen machte, es war trotzdem schön. Jedes Zusammensein mit Wilhelm hat mich glücklich gemacht, auch wenn wir nicht allein waren! Einmal hatte der Vater sogar erlaubt, dass sie mit ihm in eines der neumodischen Kinos ging und einen Stummfilm ansah. Es war erst ein paar Wochen her. Er hatte ihre Hand in die seine genommen, und in der Dunkelheit des Raumes spürte sie seine Nähe wie eine schützende Hülle. Sie konnte kaum auffassen, was sich auf der Leinwand vor ihr abspielte. Und als sie zu Hause nach dem Film gefragt wurde, kam sie ins Stottern. Seit Mutters Tod habe ich mich nicht mehr so unbeschwert, so glücklich gefühlt wie in seiner Gegenwart, dachte sie schwärmerisch.
Auch Wilhelm hing seinen Gedanken nach, aber sie waren nicht in die Vergangenheit gerichtet. Sie beschäftigten sich mit der Gegenwart und kreisten nur um die eine Frage: Soll ich Gertrud einen Heiratsantrag machen, soll ich sie fragen, ob sie meine Frau werden will? Sie so nah bei sich zu haben wie gerade jetzt im Augenblick weckte in ihm ein leidenschaftliches Verlangen. Er wollte sie festhalten, fürs Leben festhalten! Ein ganzes Leben mit ihr, was konnte es Schöneres geben! Sein Studium hatte er fast beendet, das Examen würde er bestehen, daran zweifelte er nicht. Er würde auch eine Stelle finden und für eine Familie sorgen können, da war er ganz sicher. Aber der Professor, Gertruds Vater, verunsicherte ihn. Er war sein Lehrer und außerdem so eine respektgebietende Persönlichkeit. Würde er ihn als Schwiegersohn akzeptieren? Als Studenten schätzte er ihn, dessen war Wilhelm sich bewusst, aber als Ehemann für seine Tochter? Das war etwas anderes.
Er quälte sich mit seinen Gedanken, seiner Unschlüssigkeit. Dann sah er Gertrud neben sich an, wie sie dalag und verträumt in die Baumkronen hinaufsah, die Augen halb geschlossen. Das weiße Kleid, in dem die Sonnenstrahlen sich verfingen, umgab sie wie eine Hülle aus Licht. Auf ihrem Haar und Gesicht spielten die Schatten der vom Wind leicht bewegten Zweige. Von ihrem Liebreiz überwältigt, setzte er sich auf und ergriff sanft ihre Hand. Er wollte sie nicht erschrecken, nicht abrupt aus ihrer Verträumtheit herausreißen. Seine Stimme bebte, als er leise begann: „Fräulein Gertrud … Gertrud … ich möchte Ihnen sagen … vielmehr, ich möchte Sie fragen …“
Aber er konnte den Satz nicht zu Ende sprechen. Unversehens kam einer der beiden Jungen auf ihn zugelaufen und schlug zum Spaß mit seinem Schmetterlingsnetz nach ihm. „Jetzt fange ich einen großen, dicken Schmetterling“, schrie er. Der Zauber der Stunde war jäh zerrissen. Gertrud war erschrocken, und Wilhelm sah seinen kleinen Vetter zunächst völlig verblüfft, dann aber verärgert an. „Könnt ihr einen denn nie in Ruhe lassen?“, schimpfte er. Der Junge, enttäuscht über den misslungenen Scherz, trollte sich.
Aus der Ferne rief Frau Zeidler zum Kaffeetrinken, und so wurde es auch für die beiden jungen Leute Zeit, zu der Familie zurückzukehren. Gertrud hatte sich die Stimmung dieser Mittagsstunde in ihrem Innern bewahrt. Sie wusste ja nichts von Wilhelms Seelenqualen. Er jedoch war verstimmt. Niedergeschlagen trat er den Rückweg an.
Als die beiden wieder am Picknickplatz eintrafen, war der Kuchen schon aufgeschnitten worden, und Frau Zeidler schenkte gerade den Kaffee ein. „Da seid ihr ja“, rief sie ihnen entgegen, „kommt, wir wollen noch gemütlich Kaffee trinken, und dann wird es Zeit für uns. Wir wollen die Kutsche nicht warten lassen.“