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Leseprobe: Im Zwielicht der Zeit (2)

Der Geheime Hofrat Professor Dr. Friedrich Oertel hatte sich in seine Studierstube zurückgezogen. Wie betäubt saß er an seinem Schreibtisch. Es gelang ihm nicht, seine Gedanken zu ordnen. „Ich werde eine Haushälterin einstellen müssen … Gertrud ist noch zu jung … der Haushalt … ich in meiner Stellung habe Verpflichtungen … ich muss repräsentieren …“ Dann überwältigte ihn der Schmerz. Wie ein reißender Fluss, der über die Ufer tritt und alle Dämme zerstört, überflutete er sein Inneres und löschte jede andere Empfindung aus. Schwach und hilflos fühlte Oertel sich dem ausgeliefert, was geschehen war. Obwohl er über die Krankheit immer genau Bescheid gewusst hatte, konnte er in diesem Augenblick nicht begreifen, dass er seine Frau nun endgültig verloren haben sollte. Nie mehr würde sie ihn anlächeln, nie mehr ihre Hand leicht auf seine Schulter legen, niemals wieder mit ihrer sanften Stimme zu ihm sprechen. Es konnte nicht sein, es durfte nicht sein! Etwas in ihm wehrte sich mit aller Macht gegen diese grausame Wahrheit. Sein Kopf sank vornüber auf die Schreibtischplatte. Tränenloses, krampfhaftes Schluchzen erschütterte seinen Körper.
So verharrte er lange Zeit, ohne etwas denken zu können, ganz dem Ansturm seiner Gefühle preisgegeben. Schließlich stand er auf, ging langsam zum Fenster und öffnete es. Die Nacht war schwül, die Luft schwer, er meinte, er müsse ersticken. Der Himmel war wolkenverhangen, kein Stern sandte einen Lichtschimmer in die Finsternis. In der Ferne donnerte es leise. Ab und zu erhellte Wetterleuchten am Horizont die Nacht. Vor dem geöffneten Fenster ging ein leichter Sommerregen nieder. Manchmal sprühte er Tropfen in Oertels Gesicht, aber er konnte dessen heiße Stirn nicht kühlen.
Dieses Haus am Waldrand – er hatte es für sie gebaut. Es trug ihren Namen, „Lorenhöhe“. Sie sollte sich hier ausruhen, erholen, neue Kraft schöpfen. Nun war sie hier gestorben. Ihm war, als habe er, ohne es zu wissen, ein Mausoleum für sie erbaut. Lange stand er am Fenster und starrte in die Dunkelheit. Schließlich setzte er sich benommen, leer und ausgebrannt wieder an seinen Schreibtisch. Er stützte den Kopf in beide Hände. Er wusste nicht, wie spät es war, es interessierte ihn nicht. Er spürte nichts, gar nichts mehr, auch nicht den wütenden Schmerz, der sein Innerstes aufgewühlt hatte. Es war, als sei alles Leben aus ihm gewichen, als sei er mit ihr gestorben. Eine lange Zeit saß er so da, bis ihn plötzlich ein Geräusch aufschreckte.
Mit Erstaunen nahm er wahr, dass Tageslicht ins Zimmer fiel. Die Tür war leise geöffnet worden. Gertrud stand im Türrahmen, gefasst, aber mit bleichem, übernächtigtem Gesicht. Sie ging auf den Vater zu. Eine Welle von Liebe und Mitgefühl stieg in ihr auf. Sie wusste, wie sehr er seine Frau geliebt, wie viel er mit ihr verloren hatte. Ihr eigener Schmerz um die tote Mutter ließ sie das Leid des Vaters mitfühlen. Sie schlang zärtlich die Arme um ihn, eine Geste, die es schon lange nicht mehr zwischen ihnen gegeben hatte. Er ließ es wie selbstverständlich geschehen. Gertrud konnte sich nicht erinnern, dass ihr Vater sie in den Arm genommen hatte, seit sie dem Kleinkindalter entwachsen war. Eine Respekt gebietende Autorität war immer von ihm ausgegangen, eine distanzierte Strenge. Die Kinder wussten sich von ihm geliebt, er gab ihnen Sicherheit und Geborgenheit. Aber gleichzeitig war die Übermacht seiner starken Persönlichkeit stets allgegenwärtig. Sein Wort war Gesetz. Jeder hatte sich nach ihm zu richten. Widerspruch oder kleine Ungehorsamkeiten wurden nicht geduldet. Er regierte sein Hauswesen und seine Familie wie ein guter Patriarch: mit Liebe, aber auch mit Strenge; mit Verantwortungsbewusstsein, aber Gehorsam fordernd; gerecht, aber unduldsam gegenüber Meinungen, die er nicht teilte; mit einer Autorität, die jeder in seiner Umgebung spürte und die in seinem Charakter begründet war. Es schnitt Gertrud ins Herz, ihren starken Vater so zu sehen, gramgebeugt, ein schwacher Mensch.

Friedrich Oertel entstammte einem alten niedersächsischen Bauerngeschlecht. Er war zwar nicht mehr auf einem Hof aufgewachsen, doch sein großer, kräftiger Körperbau, seine robuste Gesundheit, seine Liebe und Verbundenheit zur Natur waren das Erbteil seiner bäuerlichen Vorfahren. Auch die Kraft seiner Persönlichkeit, die Willenstärke und Disziplin hatten ihren Ursprung in seiner Bindung an die bäuerliche Heimat. Sein Vater war zwar Beamter gewesen, denn der Hof wurde immer an den ältesten Sohn vererbt, und er war der Zweitgeborene, aber der Kontakt der Familie zu ihren bäuerlichen Verwandten und damit zu ihrem Ursprung blieb stets bestehen.
Schon früh zeigten sich Oertels überdurchschnittliche Intelligenz und seine Begabung für die mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächer. Er erhielt ein Stipendium und studierte nach dem Besuch des Gymnasiums an verschiedenen Universitäten Mathematik, Physik, Philosophie und Pädagogik. Sein Vater sah darin die Erfüllung eigener Träume und Wünsche. Er hoffte, es noch zu erleben, dass der Sohn eines Tages ein bedeutender Mathematiker würde, was ihm, dem Bauernsohn, trotz eigener Neigung und Begabung nicht möglich gewesen war. Er blieb zeitlebens ein kleiner Katasterbeamter, der im Auftrag seiner Behörde Landvermessungen durchzuführen hatte.
Friedrich Oertel war ehrgeizig und hatte eine hohe Meinung von sich selbst. Aber er stellte auch ebenso hohe Ansprüche an sich und seine Leistungsbereitschaft. Als ihm im Staatsexamen nur die Durchschnittsnote zwei plus zuerkannt wurde und er in den mündlichen Kommentaren zu seinen Prüfungsleistungen einige Kritik und Einschränkungen seitens der Prüfungskommission hinnehmen musste, beschwerte er sich bitter darüber in einem Brief an seine Eltern. Aber gleichzeitig führte er aus, dass er nun andere Ziele habe. Er wolle sein Doktorexamen mit dem Grad „ad modum laudabilis“ machen, ein einfaches „cum laude„ wolle er anderen Leuten überlassen.
Sein Staatsexamen berechtigte ihn, die Fächer, die er studiert hatte, am Gymnasium zu unterrichten. Er wurde jedoch, kurz nachdem er in den Schuldienst übernommen worden war, freigestellt, um einige Jahre lang der Erzieher des Prinzen Joachim Albrecht von Preußen zu sein. Danach habilitierte er sich als Privatdozent für Mathematik und folgte einem Ruf seines alten Lehrers an die Universität Göttingen. Zwei Jahre später wurde er Ordinarius an der Technischen Hochschule in Braunschweig, der er bis zu seinem Lebensende die Treue hielt. Zweimal wurde er im Laufe dieser Zeit zum Rektor berufen. Er schrieb einige mathematische Bücher, die viel Beachtung fanden.
Im Alter von dreiunddreißig Jahren heiratete er Leonore, ein zwanzigjähriges Mädchen, Fabrikantentochter aus dem Rheinland. Sie war fröhlich und aufgeschlossen, den schönen Seiten des Lebens zugewandt. Sie brachte Farbe und Wärme in sein Leben, das Leben eines Wissenschaftlers und Gelehrten, das sich im Wesentlichen in seiner Studierstube über Büchern abspielte. Sie war der lebendige Mittelpunkt der Familie und des Hauswesens, bis die Schatten der beginnenden Krankheit sie stiller und matter werden ließen. Sie schien mehr und mehr in eine unbestimmte Ferne entrückt zu sein, und eines Tages verlosch ihr Leben wie eine niedergebrannte Kerze. Gertrud hatte von ihrer Mutter die Freude am Leben geerbt. Aber es war auch etwas von der Strenge und Verschlossenheit des Vaters in ihr, das sich in späteren Lebensjahren, in den Konflikten ihres eigenen Schicksals, mehr und mehr zeigen sollte.