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Leseprobe: Ich bleibe solo – Erfahrungen mit dem Glück

Ich bleibe solo

Mein Entschluss steht fest: Ich bleibe solo! Ich habe viel Lehrgeld bezahlen müssen für diese Erkenntnis, aber inzwischen habe ich das Alleinleben gelernt. Allerlei Erfahrungen waren dafür nötig: heitere und ernste, langweilige und skurrile Erlebnisse, an die ich mit einem Lächeln zurückdenke; Begegnungen, die Enttäuschungen mit sich brachten, aber auch amüsante Stunden. Wenn ich die Ereignisse der letzten zwei Jahre meines Lebens in Gedanken wieder lebendig werden lasse, dann ist mir zum Schmunzeln zumute.
Alles begann damit, dass mein glücklich verheirateter Sohn mich eines Tages mit der lakonischen Feststellung überraschte: „Mutter, du brauchst wieder einen Mann!“ Dabei war es doch erst zwei Jahre her, dass ich Witwe geworden war.
„Der Kay hat recht“, pflichtete meine Schwiegertochter Halime ihm bei, „das Alleinsein ist nichts für dich. Der Mensch braucht einen Partner, einen anderen Menschen, mit dem er reden kann, gemeinsam etwas planen und unternehmen kann. Es ist schlimm, dass Papa so früh gestorben ist, aber das lässt sich nun einmal nicht ändern. Du kannst doch deswegen nicht deine Lebensjahre, die noch vor dir liegen, vertrauern!“
„Du hast dich verändert“, fuhr nun mein Sohn wieder fort, „früher warst du aktiv, hattest vielerlei Interessen, hast neben dem Schuldienst Orgel gespielt, hast fotografiert. Jetzt sitzt du oft nur rum und tust gar nichts. Das passt nicht zu dir. Du musst raus aus deinen vier Wänden.“
„Und zu zweit macht sowieso alles mehr Spaß“, fiel Halime ihm ins Wort.
„Also, lass dir das mal durch den Kopf gehen“, sprach mein Sohn wieder weiter. „Aber du musst selbst etwas tun! Es steht nicht plötzlich ein gutaussehender, charmanter Herr mittleren Alters vor deiner Haustür und sagt: ‚Hier bin ich, Madame, ich bin der ideale Partner für Sie!‘ Also, unternimm was!“
Wir saßen in dem gemütlichen Wohnzimmer meiner Kinder bei einem Glas Rotwein zusammen. Das Kerzenlicht verbreitete eine romantische Stimmung. Ich sah die beiden an. Mein Sohn hielt die Hand seiner Frau, und es war schon ein bisschen zu sehen, dass sie bald nicht mehr zu zweit sein würden. Ein warmes Gefühl von Zuneigung und Liebe durchströmte mich. Sie waren glücklich, und sie wollten, dass auch ich wieder glücklich werden sollte, nach dem schweren Verlust, der mich getroffen hatte. Ich dachte an das Haus, das ich nun allein bewohnte, und das so leer war – früher war es voller Leben und Kinderlachen gewesen; morgen früh würde ich wieder dahin zurückkehren. Niemand erwartete mich. Niemand würde mich vermissen, wenn ich nicht käme. Zum ersten Mal, seit ich meinen Mann verloren hatte, kam mir der Gedanke, dass es schön wäre, wenn zu Hause jemand auf mich wartete, nein, besser noch: wenn er hier mit mir säße, als ein Freund und Vertrauter in unserer kleinen Runde.
Auf dem Heimweg damals musste ich immer wieder an unser Gespräch vom Abend zuvor denken. Auch in den folgenden Tagen ging es mir nicht aus dem Kopf. Vor allem die letzten Worte meines Sohnes „Also, unternimm was“ hatten wie ein kategorischer Imperativ geklungen.
Also, unternimm was! Hmm … aber was?? Als ob sich die ganze Welt verschworen hätte, bekam ich auf einmal von allen Seiten gute Ratschläge, wie ich das Problem lösen könne.
„Mach doch wieder einmal eine Studienreise“, riet meine andere Schwiegertochter, stolze Mutter von zwei Kindern. „Da hast du große Chancen, Leute mit den gleichen Interessen kennenzulernen.“
Ich dachte an die Studienreisen, die ich gemacht hatte, an die Ehepaare, die einen Single nicht an sich heranließen, an die allein reisenden Frauen wie mich, die sich oft sehr einsam fühlen mussten. Na ja, aber man könnte es vielleicht noch einmal probieren. Eine Studienreise ist ja interessant und bildend. Warum nicht.
„Belege Volkshochschulkurse, da kommst du auch unter Menschen“, schlug mein zweiter Sohn vor.
„Geh in den Sauerländischen Gebirgsverein“, sagte meine Freundin. „Meine Mutter war dort auch Mitglied. Da sind sehr nette Leute drin. Es wird auch viel Kulturelles geboten, nicht bloß Wanderungen. Da kannst du sicher jemanden kennenlernen, der zu dir passt.“
„Gucken Sie doch in die Zeitung“, war der Rat einer Bekannten. „In der Samstagsausgabe sind so viele Anzeigen. Ich kenne ein Paar, das sich durch eine Zeitungsanzeige kennengelernt hat. Jetzt leben sie schon drei Jahre glücklich miteinander.“
„Gib selbst eine Anzeige auf, natürlich unter Chiffre; dann brauchst du deine Adresse nicht preiszugeben und kannst auswählen“, meinte eine andere Freundin.
Eine gute Bekannte gab mir die Visitenkarte eines Partnervermittlungsinstituts. Sie war von ihrem Mann verlassen worden, hatte durch dieses Institut einen neuen Partner kennengelernt und war nun, frisch geschieden, seit kurzem wieder glücklich verheiratet. „Sie müssen es probieren“, sagte sie mit bewegter Stimme. „Sie können nicht allein bleiben. Ich bin so glücklich, dass ich mich zu diesem Schritt entschlossen habe.“
Irgendwie fühlte ich mich von alledem ein bisschen überfahren. Vierunddreißig Jahre lang hatten Klaus und ich sehr glücklich miteinander gelebt. Gewiss, es hatte auch Probleme gegeben, Sorgen und schwere Zeiten. Aber gemeinsam sind wir damit fertig geworden. Ich war verzweifelt über seinen plötzlichen Tod. Die letzten beiden Jahre waren erfüllt von Schmerz und Trauer. Wie hatte ich mich darum bemüht, allein zu leben. Manchmal dachte ich, es gelingt. Dann wieder fühlte ich mich so unendlich verlassen. Aber ein neuer Partner? Was ich mir damals, an jenem gemütlichen Abend mit den Kindern, durchaus vorstellen konnte, ja vielleicht sogar wünschte, hielt näheren Überlegungen nicht stand. Wieder daheim, im hellen Licht des Tages, verwarf ich den Gedanken. Alle guten Ratschläge schob ich weit von mir weg. Sie gerieten in Vergessenheit über meinem Alltagstrott. Noch fehlte mir die innere Bereitschaft, allein einen neuen Anfang zu wagen.
Aber wenn ich mich an diese Zeit erinnere, dann weiß ich, dass die Worte meiner Kinder wohl doch nicht ganz ohne Wirkung geblieben waren. Ich ertappte mich nämlich im Laufe der nächsten Wochen zu meinem größten Erstaunen immer wieder dabei, dass ich mir aus der Samstagsausgabe der Zeitung den Teil mit den Heiratsanzeigen heraussuchte, ohne Absicht und rein zufällig, wie mir schien. In der letzten Zeit hatte ich mir angewöhnt, beim Frühstück die Zeitung zu lesen, was ich früher nie getan habe. Aber seit ich allein war, konnte mich die Lektüre wenigstens davor bewahren, stumpfsinnig in meine Kaffeetasse zu starren. Die Zeitung wanderte sonst immer ins Altpapier, nachdem ich den politischen und den kulturellen Teil gelesen hatte. Doch auf einmal wurde jetzt auch der Anzeigenteil interessant, zunächst ungewollt. Ich wunderte mich zwar über mich selbst, aber ich wurde doch neugierig und schaute genauer hin.
Unter der großen Überschrift „Ehewünsche/Bekanntschaften“ gab es zunächst die Rubrik, in der die Vermittlungsinstitute inserierten. Alle waren auch Samstag und Sonntag erreichbar und boten „Traumpartner“ an. Da war der Unternehmer, Dipl.-Ingenieur, junggeblieben, dynamisch, in allerbesten finanziellen Verhältnissen, ein Mann von Welt …, der Arzt, auch äußerlich ein Traummann, lässig-elegant, reitet, segelt, spielt Tennis, ein aktiver Mann mit überlegener Ausstrahlung …, die Erbin eines bestfundierten Unternehmens, Akademikerin, die eine „starke Schulter“ zum Anlehnen sucht … und so weiter und so weiter. Die Erde schien geradezu zu wimmeln von liebevollen, großzügigen Menschen, von starken Persönlichkeiten, tüchtig und erfolgreich im Beruf wie im Leben. Wo waren sie alle? Wo hatte ich bisher meine fünf Sinne gehabt, dass mir noch nie so ein Mensch begegnet war, ausgestattet mit allen Vorzügen, die man sich nur erträumen kann, und ohne alle Schwächen. Es musste sie wohl geben. Ich hatte nur nicht richtig hingeguckt.
In der nächsten Rubrik „Heirat – Er sucht Sie“ ging es schon bescheidener zu. Da suchte Er, des Alleinseins müde, vorzeigbar, eine verständnisvolle Sie …, ein repräsentativer Mann eine nette Frau …, ein stiller, häuslicher Typ wollte sein Herz verschenken … alles unter Chiffre, versteht sich. Die Rubrik „Heirat – Sie sucht Ihn“ überschlug ich. Bei den „Bekanntschaften“ wurde es poetisch – oder gewollt originell: ein Kater sucht eine Schmusekatze und versichert, dass er nicht beißt …, ein stilles, aber in vielen Farben schillerndes Wasser möchte ergründet werden …, Leute, die gestern noch am Abgrund standen, behaupteten, dass sie heute einen Schritt weiter wären, weil sie in der Zeitung standen. Aber es gab auch ganz nüchterne und praktische Wünsche: Da suchte eine naturverbundene Sie einen Partner für gemeinsame Reisen …, Thomas, 26, eine Brieffreundin …, eine blonde, sportliche Witwe einen niveauvollen Herrn für gemeinsame Unternehmungen.
Ich sah die Zeitung eine Weile an. Dann dachte ich: Was soll mir das? Was soll ich mit diesen Anzeigen anfangen? Dass sich hinter irgendeinem dieser Inserate ein Mensch verbergen könnte, der ein Freund oder vielleicht ein neuer Lebensgefährte für mich sein würde, das konnte ich mir einfach nicht vorstellen. Die Zeitung wanderte, wie üblich, ins Altpapier. So ging es ein paar Wochen lang jeden Samstag. Ungewollt studierte ich die gleichen Rubriken. Immer wieder begegnete ich dem Traummann in Spitzenstellung … dem vermögenden Fabrikanten mit einer Hochseeyacht und Grundbesitz in Italien … einer attraktiven Waage … einem gefühlvollen Krebs oder auch dem pensionierten Beamten, der eine nette Dame suchte.
Eines Tages aber wurde ich aufmerksam. Eine Anzeige unterschied sich schon optisch von den anderen. Auf schwarzem Grund mit weißen Buchstaben – sozusagen im Negativdruck – bot eine „Freizeitgemeinschaft Frohsinn und Gemütlichkeit“ ihre Dienste an. Sie wollte allen, die allein sind, helfen und versprach sowohl Partnervermittlungen als auch ein umfangreiches Freizeitprogramm, durch das man zwanglos nette Leute oder neue Freunde kennenlernen könne, um so seinen Bekanntenkreis zu erweitern. „Kommen Sie zu uns! Sie werden es nicht bereuen. Nur Mut!“ Diese Aufforderung, gerichtet an die Adresse der Zögernden und Unentschlossenen, bildete den Schluss des Anzeigentextes. „Das ist doch etwas!“, sagte ich zu mir. Erst einmal ganz unverfänglich schnuppern, sich umsehen, zwanglos Menschen kennenlernen und mit ihnen gemeinsam die Freizeit auf angenehme Weise verbringen. Später könnte sich vielleicht eine engere Beziehung ergeben, so ganz von selbst. Es wäre nicht nötig, in irgendeinem Café zu sitzen, mit einer Nelke im Knopfloch oder einem Seidentüchlein in der Hand, und auf einen unbekannten Herrn zu warten, der bestimmt genau so viel Hemmungen, genau so viel Ängste hat wie man selbst. Diese ganze verkrampfte Situation könnte man vermeiden, wenn man das Problem von dieser Seite her anginge.
Hier stockten meine Gedanken plötzlich. Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich tatsächlich ernsthaft darüber nachdachte, mir einen neuen Partner zu suchen. Ich wollte doch eigentlich gar nicht! Oder wollte ich doch? Ich wusste es nicht genau, aber ich schnitt die Anzeige aus und legte sie auf meinen Schreibtisch. Dort blieb sie erst einmal ein paar Tage liegen. Ich wollte sie nicht weiter beachten. Doch mein Blick musste zwangsläufig immer wieder darauf fallen, und so wurde ich ständig an sie erinnert. Schließlich griff ich zum Telefonhörer und wählte die angegebene Nummer.

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