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Leseprobe: Himmelsstaub – gefangen im Koma (4)

Wilhelm, mein erster Patient an diesem Morgen, liegt schon bis auf die Unterhose entkleidet auf der Untersuchungsliege. Ich schaue noch einmal schnell in den Spiegel. Nein, alles ist okay. Nichts im Gesicht ist schief, sehe aus wie immer, etwas blass vielleicht. Fühle mich okay. War alles Einbildung.
Ich setze mich neben Wilhelm und beginne mit der Untersuchung. Zuerst suche ich den ganzen Körper nach Muttermalen ab. Keine auffälligen zu sehen. Ich höre Herz und Lunge ab. Alles okay. Während ich den Bauch von Wilhelm abtaste, zwinkere ich ihm zu.
„Wieder ein paar Kilo zugelegt?“
„Nur wenig, bestimmt!“, grinst er zurück. „Ich versteh das auch nicht! Ich ess doch kaum was! Nur ganz wenig, ehrlich. Morgens ein Scheibchen Brot und mittags zwei kleine Kartöffelchen!“
„Schon klar!“, antworte ich. „Auf dem Brot ist nix drauf und die Kartöffelchen weinen auf dem Teller vor Einsamkeit!“
„Nee, ein bisschen Käse und Wurst und ganz dünn die Butter sind auf dem Brot. Und ohne Soße und einem winzigen Stück Fleisch schmecken die Kartoffeln ja nicht!“
„Klar. Verstehe. Kenn ich. Dann ist der Bauch wahrscheinlich vom Hungerleiden voller Wasser. Nennt man Hungerödem, kommt vom Eiweißmangel! Oder es war der Wind. Der bläst auch dicke Arschbacken!“
Wilhelm lacht.
„Du glaubst mir ja doch nicht. Aber vom Essen kann es wirklich nicht sein!“
Ich schaue ihn sehr ernst an.
„Okay. Dann guck ich mal mit dem Ultraschall, ob du vielleicht schwanger bist!“
„Blödmann“, gibt er zurück. Wir lachen beide.
Ich greife zum Schallkopf am Ultraschallgerät. Hängt der fest in der Halterung? Kriege ihn nicht da raus. Meine Finger rutschen von dem Ding ab. Sie kribbeln wieder. Kaum Gefühl in der Hand. Der Schweiß bricht mir aus. Alles verschwimmt kurz vor meinen Augen. Fieber? Ich muss kotzen. Bloß jetzt nicht mitten in der Untersuchung schlappmachen! Reiß dich zusammen, denke ich bei mir. Ich atme tief durch.
„Ist dir nicht gut?“, fragt Wilhelm mich. „Du bist so blass plötzlich!“
Panik erfasst mich. Scheißtag! Ich setze mich ganz gerade neben ihn auf die Liege und stütze mich mit der linken Hand auf das Ultraschallgerät. Noch mal tief durchatmen.
„Doch. Mir gehts prima! Wie immer.“
Entschlossen greife ich noch mal zum Schallkopf. Jetzt habe ich ihn fest in der Hand. Fühlt sich auch alles wieder normal an. Klemmt auch nicht mehr fest. Gott sei Dank! Ich gebe etwas Gel auf Wilhelms Bauch und beginne zu schallen. Rechte Niere okay. Linke Niere okay. Aorta nicht erweitert. Bauchspeicheldrüse unauffällig. Keine Lymphknoten. Gallenblase steinfrei, Gallengang frei. Fettleber, natürlich. Wie immer. Die rheinische Fettleber! Hier bei uns fast der Normalfall! Noch ein Blick auf Blase und Prostata. Auch okay.
„Bis auf deine fettige Leber ist alles in Ordnung!“, sage ich, nicht ohne Ironie.
„Ist das schlimmer geworden?“, fragt er.
„Nee, wirste überleben!“
Mit Mühe stehe ich auf, bugsiere den Schallkopf wieder in seine Halterung und sage Wilhelm, er solle sich wieder anziehen. Wir besprechen noch das EKG und die Laborbefunde. Ich muss raus hier.
„Insgesamt bist du noch ganz fit. Machs gut und vergiss nicht dein Scheibchen Brot, wenn du zu Hause bist!“, versuche ich gequält zu lächeln.
„Nee, nee!“ Lachend gibt er mir die Hand. „Tschüss und danke!“
Er ist noch nicht ganz aus dem Zimmer, als ich auf den Hof stürze und zum Haus hinüberwanke. Ich gehe hastig zur Toilette und kann gerade noch den Deckel hochheben, als auch schon der erste Schwall sich aus meinem Magen ins Becken stürzt. Verdammt! Kotzen ist für mich das Schlimmste! Ich würge noch weiter und glaube, gleich kommt der Magen mit raus. Was habe ich denn gegessen? Nichts Besonderes, glaube ich. Ich erinnere mich aber überhaupt nicht, was es gestern gab. Wieder bricht mir der Schweiß aus. Noch mal würgen. Jetzt geht es etwas besser.
Ich gehe in die Küche und trinke ein Glas Wasser. Der saure Geschmack im Mund lässt etwas nach. So! Geht wieder. Kann ja mal passieren. Sicher ein Infekt. Hat mich irgendeiner angesteckt. Magen-Darm-Virus grassiert ja wieder mal. Noch ein Schluck Wasser. Der Bauch ist wieder ruhig.
Langsam gehe ich wieder zurück in die Praxis. Ich kann ja über den Hof von außen direkt in mein Sprechzimmer gehen. Niemand hat gemerkt, dass ich weg war. Auf meinem Schreibtisch liegen die Karten der nächsten beiden Patienten. Ich öffne die Tür zum Wartezimmer.
„Frau Schneider bitte!“
Ich begrüße die Patientin mit Handschlag, wie ich es immer tue. Ihre Hand fühlt sich so ungewöhnlich an, irgendwie leblos. Ist ja auch schon alt, die Frau. Oder liegts an meiner Hand? Ach Quatsch! Nicht wieder verrückt machen. Bestimmt sagt Frau Schneider gleich wieder ‚mir ist es nicht gut‘. Das sagt sie immer.
„Na, Frau Schneider! Was kann ich für Sie tun?“
„Ach, Herr Doktor, mir is et jar nich juut!“
Hab ichs doch gewusst! Mir ist es doch auch nicht gut heute!
„So genau wollt ich es nicht wissen. Was ist denn heute besonders schlimm?“, versuche ich freundlich zu lächeln.
„Mir is et schon seit Tagen überhaupt jar nich juut!“, antwortet sie betont wehleidig. Sie hat eine Altersdepression und meistens hilft es, den Blutdruck zu messen und ein paar aufmunternde Worte für sie zu finden. Kleine Psychotherapie.
„Dann mess ich mal Ihren Blutdruck, Frau Schneider!“
„Ja, dat hätt ich jern. Der is bestimmt wieder so furchtbar hoch!“, sagt sie schon etwas munterer.
„Einhundertvierzig zu achtzig! Der ist aber sehr gut für Ihr Alter!“, sage ich anerkennend zu ihr. Eigentlich war er ein bisschen niedrig, aber nicht besorgniserregend. „Liegt sicher am Wetter. Sie müssen viel trinken, Frau Schneider! Das ist die beste Medizin, gerade im Alter!“
„Ja, ja. Dat verjess ich immer. Ich hab auch keinen Durst. Aber ich stell mir jetzt wieder überall eine Flasche Wasser hin. Dat haben Sie ja schon öfter jesagt.“
„Ja, machen Sie das. Dann gehts Ihnen auch besser. Vergessen Sie Ihre Tabletten auch nicht.“
„Mach ich. Ja, das Alter und die Einsamkeit!“, stöhnt sie.
„Sie können jederzeit kommen, wenn es Ihnen nicht gut geht. Oder ich komme dann zu Ihnen, ja?“
„Ja. Dat is nett. Vielen Dank, Herr Doktor! Auf Wiedersehen!“
„Bis bald, und halten Sie sich fit! Und trinken!!“
Läuft fast immer nach dem gleichen Schema ab. Ist aber lieb, die Patientin.
Eines meiner Mädchen kommt durch die andere Tür hinter mir herein und bringt eine weitere Krankenakte.
„Sie sind etwas blass heute, Chef!“ Sie schaut mich fragend und etwas besorgt an. „Gehts Ihnen nicht gut?“
„Doch. Wieso? Ich muss sicher mal wieder unter die Sonnenbank! Braun sieht man besser aus!“ Ich versuche, scherzhaft zu klingen. Gelingt wohl nicht ganz. Sie schaut mich so merkwürdig an, geht dann aber wieder aus dem Zimmer.
Der nächste Patient sieht verdammt mies aus. Ich kenne ihn schon lange. Wenn der kommt, hat er auch was. Er bekommt schlecht Luft, hat Schmerzen in der Brust. Ich befrage ihn kurz und gehe mit ihm sofort in den EKG-Raum. Ich rufe eines der Mädchen und warte, bis das EKG geschrieben ist.
Dachte ich es doch! Frischer Herzinfarkt. Ich gehe kurz mit meiner Helferin vor die Tür und sage ihr, dass sie sofort einen Notarztwagen anfordern soll.
Wieder im Raum, sage ich ganz ruhig: „So, Josef. Das scheint ein kleiner Infarkt zu sein. Aber keine Panik. Kriegen wir wieder hin. Ich leg dir jetzt eine Nadel für eine Infusion in den Arm. Nimm mal hier von dem Spray, dann gehen die Schmerzen schnell weg. Hier, die Tabletten musst du auch schlucken.“
„Ist es sehr schlimm?“, fragt er ängstlich.
„Nee“, versuche ich ihn zu beruhigen. „Aber du musst jetzt ganz ruhig liegen bleiben. Du musst damit ins Krankenhaus. Das ist sonst zu riskant!“
„Gut. Es geht jetzt auch schon etwas besser.“ Er gähnt. Typisch bei Herzinfarkt.
„Wird schon wieder. Der Krankenwagen ist schon unterwegs. Erschreck dich nicht, die kommen ja immer mit Musik!“
Er ist vom Kreislauf her stabil. Trotzdem bin ich froh, wenn er im Krankenhaus ist. Ich höre den Rettungswagen schon von weitem sich nähern. Kurz darauf kommen drei Sanitäter und der Notarzt hereingelaufen.
„Frischer Infarkt!“, sage ich zu dem Kollegen. „Muss so schnell wie möglich auf die Kardiologie zur Angiographie.“
Sie schauen sich alles an, schließen ihr EKG an und heben den Patienten auf die Trage.
„Mach es gut Josef. Bist da in guten Händen. Wir sehen uns bald wieder!“
„Ja. Bis bald!“, sagt er. „Und danke!“
Ich höre den Rettungswagen wieder, wie er sich mit eingeschaltetem Martinshorn entfernt. Ist immer aufregend und etwas stressig, so ein Fall. Hat aber alles gut geklappt, und wenn nichts schiefgeht, wird der Josef bald wieder hier vor mir sitzen. Wahrscheinlich mit einem oder mehreren Stents.
Noch zwei Patienten. Ich spüre wieder diese Unruhe in mir aufsteigen. Hitzewallungen. Übelkeit. Ich fühle mich so schwer. Die beiden sind Bagatellfälle. Einmal Grippe, einmal ‚non vult laborare Syndrom‘. Das heißt, der hat heute keine Lust zu arbeiten und braucht eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. So lange Worte gibt es auch fast nur im Deutschen.
Ich drucke sie aus und gebe sie ihm mit der Bemerkung: „Dieses Jahr aber nur noch, wenn du mal wirklich krank bist!“
„Ja klar!“ Er sieht mich, noch nicht mal beleidigt, lächelnd an.
Mir ist es so verdammt schlecht. Mit Mühe erhebe ich mich aus meinem Sessel und wanke zur Hoftür. Ich gehe raus an die frische Luft. Sofort kommt Gustav angerannt und wedelt freudig erregt wie verrückt mit dem Schwanz.
„Na, mein kleiner Freund!“ Ich bücke mich leicht und streichle sein seidiges Fell. Wenn du wüsstest, wie ich mich fühle, mein allerbester Freund! Es geht mir total beschissen. Ich kann es nicht einordnen. Ich schwitze. Mein Herz rast. Meine Beine sind wie Blei. Meine Arme gehorchen mir nicht mehr. Schwindel. Ich lasse mich einfach auf den Boden sinken. Ich höre die Vögel lustig zwitschern, ein letzter Blick in den Garten. Dann dämmert es mir vor Augen. Panik ergreift mich. Ich spüre noch, dass ich ganz auf der Erde liege. Gustav bellt und leckt mir durchs Gesicht. Alles wird schwarz. Ganz weit höre ich aufgeregte Stimmen nach mir rufen. Hastige Schritte nähern sich. Totale Schwärze legt sich auf mich. Die Stimmen werden leiser. Dunkelheit. Stille. Nichts mehr. Gar nichts.