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Leseprobe: Himmelsstaub – Gefangen im Koma

Himmelsstaub – gefangen im Koma

Ein dicker Schlauch schiebt sich zwischen meine Lippen, durch die Zahnreihen weiter in den Hals am Kehlkopf vorbei und holt mich schrecklich wirklichkeitsnah und boshaft unangenehm aus dem Puff, wo ich um ein Haar meine Entjungferung erlebt hätte. War mehr eine ganze Perücke, die daran fehlte. Trotzdem war es so schön! Was machen die jetzt schon wieder mit mir?
„Schieb mal den Monitor näher. Ich seh so nicht, wo ich bin. Ah. Da ist die Aorta. Jetzt die Kammer. Da ist der Vorhof!“
Eine TEE! Das hatte ich ja auch noch nicht! Mir wird sofort klar, was die untersuchen. Es handelt sich um eine transösophagele Echokardiographie. Dabei wird eine Ultraschallsonde an einer Art Endoskop durch den Hals bis in Herzhöhe geschoben. Dabei kann man genauer als bei der Echokardiographie von außen die Herzhöhlen beurteilen. Ist natürlich auch teurer! Man sucht da unter anderem nach Blutgerinnseln im Vorhof, die eventuell einen Schlaganfall verursachen können, wenn sie durch die linke Herzkammer, dann durch die Hauptschlagader in die Halsarterie und von dort direkt ins Gehirn gelangen.
„Da ist kein Vorhofflimmern. Hätte man ja auch im EKG gesehen. Auch keine Blutgerinnsel. Die Klappen sind auch okay. Das Herz ist völlig unauffällig. Fertig. Ich zieh wieder raus!“
Die Stimme ist neu für mich und das Gesicht des Untersuchers kenne ich auch nicht. Er ist etwas untersetzt, schlank, noch nicht sehr alt, vielleicht vierzig. Sieht eigentlich ganz sympathisch aus mit seinen dunklen, leicht gewellten Haaren. Guckt aber etwas unwirsch.
„Wir sollen da auch noch ’nen Katheter schieben. Kommt doch auch nix bei raus bei der guten Herzfunktion. Aber der Chef will das! Der spinnt! Klar, P-Patient! Melken, melken, melken, melken! Wie ich das hasse!“
Du sprichst mir aus dem Herzen, Junge! Aber so ist das eben. Profit geht über medizinische Notwendigkeit. Das kannst du auch nicht ändern. Sieh zu, dass du nicht mal genauso wirst.
„Wenn ich mal irgendwo was zu sagen habe, wird es das nicht geben, das schwör ich!“ Mit diesen Worten zieht er den Schlauch wieder aus meinem Hals. Kann der jetzt auch meine Gedanken lesen, dass er meine gedachte Frage sofort beantwortet hat? Mir wird das langsam unheimlich.
„Bringt ihn in den anderen Raum, dann schieben wir den Herzkatheter schnell noch!“
Im nächsten Raum werde ich wieder auf eine Art OP-Tisch gehoben. Über mir sehe ich an einem schwenk- und drehbaren Teleskoparm eine Röntgenröhre schweben. Zwei große Monitore stehen an meiner Seite, sodass ich die Sache weitgehend verfolgen kann.
Der Arzt von vorhin macht sich an meiner rechten Leiste zu schaffen.
„Lokale und Sedativum?“, fragt ein OP-Pfleger. „Wie immer, oder brauchen wir das hier nicht?“
„Angeblich ja nicht. Aber gib mal lieber her, mir ist das nicht geheuer. Die sagen zwar, der merkt nichts mehr, aber wer weiß!“
Er sticht mit einer dünnen Nadel in meinen Oberschenkel, kurz unterhalb der rechten Leiste. Das pikst einen Moment, aber schon kurz darauf fühlt sich da alles taub an. Schön! Freundlich von ihm! Die Katheternadel ist nämlich ziemlich dick und schmerzhaft. Dann spritzt er mir noch etwas in die Armvene. Ein Beruhigungsmittel. Wahrscheinlich Valium oder so was. Ich fühle mich sofort wie auf Wolken, werde etwas müde. Ein tolles Feeling, so leicht ist plötzlich alles, fast schwerelos. Eben hatte ich noch Angst vor der Untersuchung, jetzt ist es mir egal. Bin sogar neugierig. Hoffentlich kann ich es auch sehen auf dem Monitor, wenn der Katheter hoch bis ins Herz geschoben wird. Ein bisschen müsste der noch zu mir hingedreht werden.
Als ob der Arzt mich verstanden hätte, dreht er den Tisch mit dem Monitor so, dass er weiter in mein Gesichtsfeld rückt. Er macht das zwar für sich, aber ich würde Danke sagen, wenn ich könnte.
„So!“, sagt er zum Pfleger, „Mach die Durchleuchtung an!“ Schon wird der Bildschirm hell und ich sehe meinen Unterleib im Röntgenbild. Ein schwarzgrauer Strich kommt von unten ins Bild und wandert langsam hoch. In dem Katheter ist immer ein ganz dünner Metalldraht, damit man ihn im Röntgenbild überhaupt sehen kann. Kunststoff sieht man da nicht so gut. Der Strich wird immer länger, macht zuerst eine Kurve nach rechts auf dem Monitor, in mir drin in Wirklichkeit also nach links, dann beschreibt er einen scharfen Knick nach oben und dann geht es ziemlich gerade hoch. Die Röntgenröhre wird vom Pfleger mitgeführt, so, dass die Spitze des Drahtes immer ungefähr in der Bildmitte liegt. Jetzt sehe ich meine Rippen, die Wirbelsäule und die im Röntgenbild ziemlich hellen Lungenflügel. Knochen erscheinen fast schwarz.
In der Mitte sehe ich mein Herz schlagen, ganz ruhig und rhythmisch. Der Katheter wandert derweil immer höher durch die Aorta – die Hauptschlagader -, bis er von unten hinter dem Herzen verschwindet. Ganz schwach kann ich ihn noch sehen. Dann taucht er oberhalb des Herzens wieder auf und muss jetzt durch die enge Kurve des Aortenbogens. Das ist meistens nicht so einfach. Hab das ja schon mal gesehen. Der Kardiologe – der junge Arzt ist das ja wohl – zieht den Katheter mehrmals vor und zurück. Dann ist der Bogen geschafft und der Strich wandert nach unten.
„Jetzt noch die Koronararterie treffen!“, murmelt er mehr zu sich selbst und zieht und schiebt wieder an dem Teil, bis man es fast rechtwinklig abknicken sieht. „Geschafft! Kontrastmittel bitte!“
Der Pfleger reicht ihm eine große Spritze, die er unten auf den Katheter stöpselt.
„Jetzt wird es etwas warm, Herr Kollege!“

Hallo? Hat der das jetzt zu mir gesagt? Freundlicher Kollege, war aber sicher so ein Routinesatz! Oder doch nicht? Jetzt wird es mir wirklich innerlich ganz warm von dem Kontrastmittel. Unangenehm, aber auszuhalten. Ich sehe das Kontrastmittel schwarz durch die Adern fließen. Das Herz ist jetzt mitten im Bild. Mehrere größere, so einige Millimeter dicke Adern sind sichtbar, die Koronararterien. Sie zweigen sich immer weiter auf, wie die Äste an einem Baum. Ganz schnell geht das alles jetzt. Zum Schluss sieht man die ganze Herzsilhouette von einer feinen Gefäßstruktur gezeichnet, bevor das Kontrastmittel verschwunden ist und das Herz wieder nur als dicker, pumpender Schatten zu sehen ist.
„Das wars!“, sagt er. „Alles okay. Keine Stenosen. Ich schau mir das gleich noch genau am Computer an. Sie können aber beruhigt sein, Herr Kollege. Ihr Herz ist völlig in Ordnung!“ Der spricht doch mit mir! Der Erste hier im Haus von den Herren Ärzten! Aber für die anderen bin ich ja auch im Koma!

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