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Leseprobe: Himmelsstaub – gefangen im Koma (1)

Prolog

Seit Milliarden von Jahren existiere ich. In der Ewigkeit. Ein Staubkorn im All. Es geht mir prächtig! Ich sehe nichts. Ich fühle nichts. Ich höre nichts. Ich weiß nichts. Ich bin noch nicht, aber ein Teil von mir ist. Grenzenlos und frei.
Milliarden zufällige Dinge geschehen um mich herum. Ich fliege durch Raum und Zeit, werde hier angezogen, da weggezerrt. Wunder geschehen hier am laufenden Band. Es gibt unendlich viele von meiner Sorte. Eine große Ordnung in einer großen Unordnung.
Vieles ballt sich zusammen, anderes fliegt auseinander.
Ich werde mit anderen Staubkörnern zusammengepresst. Wir werden immer mehr. Unzählig viele. Riesige Haufen von Staubkörnern. Es wird immer enger. Wir bilden Zellen. Zellhaufen. Riesige Zellhaufen. Wir teilen uns. Vermehren uns. Ich bin der Zellhaufen.
Ich teile mich ständig weiter. Ich wachse. Ich fühle. Ich höre ein dumpfes Rauschen und rhythmisches, dumpfes Klopfen. Es ist warm und gemütlich. Um mich herum ist Wasser. Ich werde wieder zusammengedrückt. Es wird eng. Sehr eng. Ich werde durch einen dunklen Tunnel gequetscht. Ich sehe Licht am Ende des Tunnels.
Riesige Hände strecken sich mir entgegen. Sie greifen nach meinem Kopf und ziehen mich aus dem engen Tunnel. Ich bekomme keine Luft. Das Licht wird dunkler. Ich schreie! Schreie immer lauter. Jetzt bekomme ich Luft. Ich bin geboren. Ich lebe!
Man legt mich vorsichtig meiner Mutter in den Arm. Ich bekomme die warme Brust. Ich trinke. Ich schlafe und erhole mich von meiner Geburt.
Ich hatte eine glückliche Kindheit, lernte viel für die Schule, aber auch für das Leben.
Habe geliebt, gelebt, gelacht. War manchmal traurig. Habe geheiratet und zwei herrliche Kinder gezeugt, meinen Beruf geliebt und meine Familie. Meine Eltern begraben. Nicht nur einen, sondern viele Bäume gepflanzt. Bin immer auf der Sonnenseite des Lebens alt geworden. Habe mit meinen eigenen Händen und denen meiner Frau ein schönes Zuhause geschaffen. Ich war glücklich. Welch herrliches Leben auf dieser Erde!
Jetzt bin ich am Ende meines irdischen Daseins angelangt. Ich sehne mich zurück. Zurück in die Ewigkeit. Zur ewigen Ruhe.
Man lässt mich nicht gehen. Man hält mich mit Gewalt hier, wo ich jetzt nur noch leide, nicht mehr lebe, sondern sterbe. Langsam sterbe. Ganz langsam. Viel zu langsam. Das ist grausam.
Wo sind die großen Hände, die mich auf die Welt geholt haben? Warum helfen sie mir jetzt nicht wieder zurück? Zurück durch den engen Tunnel, zurück zu den anderen Staubkörnern? Zurück ins Universum, aus dem ich gekommen bin?
Warum lässt man mich nicht los, nicht gehen? Ich will weg!! Hat denn niemand Erbarmen?