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Leseprobe: Himmelsstaub – gefangen im Koma (3)

Der Tisch ist wie immer gedeckt. Gabi ist schon in der Praxis. Sie fängt mit den Mädchen um halb acht an. Ich um halb neun. Bin ja auch der Chef! So kann ich in Ruhe frühstücken und die Tageszeitung, also die Nachrichten von gestern, lesen. Meistens hat sich die Welt schon wieder etwas verändert und die Neuigkeiten der Tageszeitung sind schon überholt. Trotzdem ist es so eine Tradition. Frühstück mit Zeitung. Die Kommentare sind ja auch oft lesenswert. Sie ändern die Welt leider auch nicht.
Ich schneide meine beiden Brötchen auf. Jeden Morgen zwei Brötchen mit Marmelade. Am liebsten Holunder. Von Gabi selbst gemacht. Das Messer ist heute schwerer als sonst. Ist das ein anderes als an anderen Tagen? Nein. Wie immer. Alles merkwürdig heute. Es schmeckt auch irgendwie anders als sonst.
Ich esse widerwillig die Brötchen, trinke den Kaffee. Wieder leichte Übelkeit. Ein Blick auf die Uhr. Zwanzig nach acht. Es wird Zeit. Was hab ich gerade in der Zeitung gelesen? Vergessen! Ich rufe die Hunde und gehe mit ihnen eine Runde durch den Garten. Wie immer. Shari ist wieder zu faul. Sie läuft direkt zur Gartenküche, in der ich die Hunde füttere.
Das war in den ersten Jahren, als die Kinder noch klein waren, unsere Sommerküche. Hier kochte Gabi, und die Kinder, Jane und Johannes, konnten dann im Garten toben. Von hier aus hatte Gabi sie im Auge. Schöne Zeit damals. Meine Frau war damals noch nicht mit in der Praxis. Sie war zu der Zeit nicht immer mit sich und der Welt zufrieden. Sie beneidete mich ein wenig, weil ich meinen ‚Spaß‘ mit den Mädchen – zwei Arzthelferinnen und einem Lehrmädchen – und den Patienten hatte, sie aber mit den Kindern alleine war. Heute sieht sie das anders. So lustig ist eine Arztpraxis nicht immer, wie man es im Fernseher sieht. Über 25 Jahre ist das her! Wo ist die Zeit nur geblieben?!
Nachdem ich die beiden gefüttert habe, gehe ich in mein Sprechzimmer, das eine Tür zum Garten hinaus hat. Meine Beine fühlen sich so schwer an wie Mehlsäcke.
Ich setze mich an meinen Schreibtisch und schalte den Computer ein. Warum fühlt sich der Einschaltknopf so seltsam an? Als ob er unter Strom stünde.
Der Rechner fährt hoch. Das dauert immer. Als ich meine Praxis 1987 am 1. April anfing, hatten wir noch keine Computer. Das waren noch Zeiten! Alles war viel einfacher. Was solls. Geht nun mal heute nicht mehr anders.
Ich schaue auf die Uhr. Habe noch etwas Zeit. Ich muss noch mal raus an die frische Luft. Sofort kommen beide Hunde auf mich zugestürmt. Die glauben wohl, ich ginge mit ihnen noch mal durch den Garten. Ich gehe auch ein Stück. Die Beine sind immer noch so schwer. Ich habe das Gefühl, sie tragen mich nicht mehr weit. Ich schwanke leicht. Bekomme etwas Angst. Leichter Schwindel. Ich glaube, ich bin verrückt. Psychosomatisch heißt das doch. Ich reiße mich zusammen und laufe ein Stück mit den Hunden bis zum Ende des Gartens.
Es ist ein sehr großes Grundstück. Etwas wild. Kein gezirkelter Garten, sondern meine geliebte Wildnis! Rundherum stehen große Bäume, die im Sommer wunderbaren Schatten spenden. Habe ich selbst gepflanzt. Vor ungefähr dreißig Jahren. Wie riesengroß die geworden sind! Zwischen den Bäumen führt ein schmaler Pfad rund um den Garten bis zu einer kleinen, wenn auch künstlichen Quelle. Von dort führt ein kleines Bächlein wieder zum Haus hin und fließt durch drei verschieden große Teiche, um vom letzten unterirdisch wieder zur Quelle zurückzufließen. Ich habe vor Jahren sogar mal von der Gemeinde einen Preis für naturnahe Gärten bekommen. Wir verbringen viel Zeit in unserer grünen Hölle. Mit Arbeit, aber auch zum Ausruhen. Für unsere Kinder war es immer ein Paradies mit vielen Ecken zum Verstecken und Spielen und Klettern. Die Reste eines Baumhauses stehen immer noch. Molche gibts im Wasser und Frösche. Viele Libellen im Sommer und die unterschiedlichsten Vögel, von Eulen über Spechte bis zum Zaunkönig. Sogar ein Eisvogel war mal am Teich. Abends fliegen immer die Fledermäuse. Durch die abendliche Beleuchtung an den Gebäuden, die die Insekten anlockt, haben diese erstaunlichen kleinen Vampire viel Beute. Wie schön ist das alles!
Mir gehts wieder besser. Alles wie weggeblasen. Ich streichle meine beiden vierbeinigen Freunde noch mal und gehe wieder in mein Sprechzimmer. Der Rechner läuft jetzt. Ich rufe, wie jeden Morgen, per Datenfernübertragung die Laborwerte vom Vortag ab und schaue sie mir an. Das mache ich immer zuerst. Vielleicht sind einige Werte nicht in Ordnung. In besonderen Fällen muss ich dann sofort mit den Patienten telefonieren. Ist aber nicht so sehr oft nötig. Das meiste sind Routinekontrollen. Heute ist nichts Besonderes dabei.
Jetzt muss ich aber schnell anfangen. Die Zeit läuft jetzt doch wieder zu schnell. Zunächst ist morgens immer ein TÜV. Manchmal auch zwei oder drei. TÜV ist in unserer Praxis die Gesundheitsuntersuchung. Bei Männern kommt noch die ASU dazu, die Krebsvorsorge. TÜV und ASU! Etwas rustikal ausgedrückt vielleicht. Hat sich aber bei uns so eingebürgert und die Patienten finden es auch lustig. Zumindest die meisten. Wir sind schließlich auf dem Land. Ich bin als Landarzt ja auch ziemlich rustikal. Spreche platt mit den Leuten und nicht lateinisch. Kommt aber gut an bei den Patienten. Mir machts auch Spaß und ich will keinen künstlichen Abstand erzeugen. Wir tragen auch keine weißen Kittel, sondern ganz normale Alltagskleidung. Weiße Kittel allein machen keine Sauberkeit und Ordnung.
Ich gehe den Mädels „Guten Morgen“ sagen, unterschreibe vorn an der Theke einige Rezepte und nehme den ersten Patienten aus dem Wartezimmer mit in mein Zimmer.
„Hallo, Wilhelm, alles fit?“, frage ich ihn.
„Noch ja! Und bei dir?“
„Mir gehts supergut, wie immer, danke!“
Hier auf dem Land duze ich mich mit vielen Patienten. Ich war ja als Kind schon oft hier bei meinem Opa, der damals hier wohnte und die Metzgerei und die Wirtschaft mit meiner Oma betrieb.
Es ist ein sehr großer, sehr alter Bauernhof, ehemals eine Brauerei, deren es hier am Niederrhein sehr viele gab. Ein sogenannter Viereckhof. Mein Urgroßvater Gottfried hat das Anwesen ca. 1900 gekauft. Er hatte einen Großhandel für Futtermittel und Sämereien. War ein reicher und tüchtiger Mann. Er ist mit ungefähr 50 Jahren zusammen mit seiner Frau Eva 1918 an der ‚Spanischen Grippe‘ gestorben. Man nannte ihn ‚Der grobe Fritz‘. Ich habe wohl einige Eigenschaften von ihm. Ich bin auch nicht zimperlich und manchmal etwas grob, im Handeln und auch in der Wortwahl. Gegen Erbgut kann man nichts machen!
Mein Opa Anton hat dann den Hof übernommen. Da meine Mutter nach dem Tod ihres Bruders, der im Zweiten Weltkrieg gefallen ist, schließlich alles geerbt hat, bin ich heute der ‚Alte Sieben vom Lindenhof‘. Ich hätte ein schlimmeres Schicksal haben können! Aber so ein großer Komplex ist zwar toll und ich bin auch sehr stolz darauf, ich habe aber auch immer nur hier gearbeitet und renoviert und investiert. Das kann niemand ermessen. Aber es macht mir und auch Gabi viel Spaß und wir leben dafür. Ich hätte noch Arbeit und auch Ideen für ein zweites Leben!