Posted on Schreib einen Kommentar

Leseprobe: Geschichten einer Kriegerin – Der verliebte Dschinn

Der verliebte Dschinn

Mark Morris erinnert mich an jemanden, ich komme bloß nicht darauf, an wen. Er ist groß, zumindest im Vergleich zu mir, aber kleiner als James. Die meisten sind kleiner als James. Statistisch gesehen. Ich glaube, der größte je gemessene Mensch war fast drei Meter, also viel größer als ich oder James. Aber Mark Morris ist nur etwas mehr als einen halben Kopf größer als ich.
Er ist muskulös und durchtrainiert, gut in Form und achtet auf Körperpflege. In den braunen Haaren, nur unwesentlich brauner als seine Haut, befinden sich an den Schläfen grauen Strähnen, das wirkt ausgesprochen sexy. Dank seiner Nase könnte er glatt in einem Film über römische Gladiatoren mitspielen.
Er trägt ein weißes Hemd, das viel von seinen Brusthaaren offenbart, eine ebenso weiße Bundfaltenhose von Boss und Slipper – natürlich auch in Weiß. Keine Ahnung, welche Marke. Sicherlich keine billige. Und eine goldene Halskette, klar, logisch. Er muss vermutlich einem Ruf gerecht werden, oder die Mitglieder seines Clubs halten es für wichtig. Was durchaus sein kann, der Club ist nichts für arme Leute, auch wenn die meisten keine oder kaum Kleidung tragen.
„Paradise Castle“ prangt in goldenen Buchstaben über der Einfahrt zum Parkplatz, der von hohen Mauern umgeben ist. Diskretion ist wichtig. Auf dem Parkplatz stehen einige Autos, als wir am späten Abend ankommen, keins davon ist billiger als meine Rakete. Daher passt es gut, dass wir mit James‘ Jaguar vorgefahren sind.
Im Foyer werden wir von einer jungen Dame, die gekonnt ein langes Kleid trägt und dennoch fast nackt wirkt, empfangen. Im Hintergrund sehe ich zwei lebenden Kleiderschränke. Die Lady mit der scheinbar unsichtbaren Kleidung, die wirklich nur so viel bedeckt, dass die Fantasie Achterbahn fährt, und die ganz offensichtlich überall außer am Kopf rasiert ist, beginnt, etwas über Anmeldung zu erzählen, als James nur sagt: „Mark erwartet uns.“
„Sie meinen Mr Morris?“, fragt die junge Dame.
„Ja.“
Sie greift zu einem Telefon und bekommt große Augen, nachdem sie ihrem Gegenüber erzählt hat, dass wir da sind. Mit deutlich erkennbarem Respekt sagt sie: „Bitte folgen Sie mir.“
Sie geht zu einer Tür, die verschlossen und elektronisch gesichert ist. Mit einer Magnetkarte entsperrt sie diese, wir gelangen in ein Treppenhaus mit zurückhaltender, gerade noch ausreichender Beleuchtung, und über die Treppe nach oben in ein Vorzimmer, das im Moment unbesetzt ist. Eine schwere Holztür zu einem prunkvollen Büro geht in diesem Moment auf und Mark erscheint auf der Bühne.
„James, altes Haus!“, ruft er begeistert. „Du hast dich nicht verändert!“
„Du auch nicht“, erwidert das alte Haus. Es klingt nicht wie ein Kompliment.
Mark grinst und wendet sich mir zu. „Du musst Fiona sein! Ja, ich erinnere mich an das Gesicht aus den Medien. Und nicht nur an das Gesicht!“
Er hat es echt drauf, sich von der ersten Sekunde an beliebt zu machen.
„Viele von denen, die mich ohne meine Erlaubnis nackt gesehen haben, sind tot“, sage ich ruhig.
Jetzt grinst James, ganz breit.
Mark lässt sich nicht irritieren. Er lacht kurz, dann sagt er Jenny, denn so heißt die unsichtbar bekleidete Dame, dass sie Kaffee holen soll, und invitiert uns in sein Büro.
Wir setzen uns auf eine Ledercouch. Ich sehe mich um. An den Wänden Bilder mit Szenen aus dem Clubleben. Das erinnert mich etwas an das Bordell von Emily. Die ganze Einrichtung hat auf eine gekonnte Art und Weise die Atmosphäre eines teuren Clubs aus dem Zwanzigern.
„Du könntest noch einen Pool hier einbauen lassen“, bemerke ich.
Mark sieht James an. „Ist sie immer so?“
„Im Moment hält sie sich noch zurück, weil sie dich nicht kennt, und mir zuliebe.“
„Okaaay …“ Er blickt Jenny an, die den Kaffee bringt, und wartet, bis sie den Raum wieder verlassen hat. „War ja klar, dass du dir etwas Ebenbürtiges suchst, James.“
„Sonst wäre es ja langweilig.“
„Redet ihr eigentlich über mich, als wäre ich nicht dabei, Jungs?“, erkundige ich mich. „James weiß es schon, nun auch für dich, Mark: Zwei Dinge kann ich nicht leiden: wenn man mich süß nennt und wenn man so tut, als wäre ich nicht da. Meistens bin ich geduldig und rational, aber ich kann auch emotional und hysterisch werden, wenn es nicht so läuft, wie ich es will.“
„Oh ja“, bestätigt James.
„Klingt nach einer aufregenden Ehe“, stellt Mark fest.
„Langweilig wird es mit mir garantiert niemals“, erwidere ich und erhebe mich, um mich umzusehen. Die Bilder finde ich spannend. Ob die Modelle wissen, welche Bilder von ihnen hier hängen?
„Ich schaue mir gerne schöne Menschen an“, bemerkt Mark.
„Hast du sie alle gefickt?“, frage ich, ohne ihn anzusehen. Strafe muss sein.
„Nicht alle.“ Seine Stimme vibriert leicht. Ich mache ihn nervös, ich verhalte mich nicht so, wie er es von zierlichen Blondinen kennt.
Ich drehe mich um. „Und was ist nun dein Problem?“
Er zuckt leicht zusammen. „Das weiß ich nicht so genau. Manche reden von einem Poltergeist.“
„Poltergeist? Klingt eher nach einem Fall für die Wartungstechniker der Klimaanlage.“
„Die waren schon hier. Ich bin ein Pragmatiker und prüfe erst einmal die naheliegenden Gründe. Die Geräusche und andere Erscheinungen haben anscheinend keine technischen Gründe.“
„Andere Erscheinungen?“
„Wir haben zwei Gäste, die behaupten steif und fest, sie hätten einen Mann gesehen, der plötzlich da war und auch wieder weg.“
„Während sie steif und fest waren?“
„Zumindest einer von ihnen.“
„Hm. Haben alle Gäste etwas gesehen oder gehört?“
Mark schüttelt den Kopf. „Vielleicht fünf oder sechs. Aber nur die beiden haben auch etwas gesehen, als sie … sie sich in einen der privaten Räume zurückgezogen hatten.“
„Mann und Frau? Und sie haben gevögelt, während sie von dem Poltergeist beobachtet wurden?“
„Sie sagten, er wäre mittendrin aufgetaucht und dann auch wieder verschwunden. Ob er sie beobachtet hat, ist nicht sicher.“
„Ja, klar. Ich nehme an, sie sind nicht unbedingt alle ausgerechnet heute hier?“
„Heute ist nur sehr wenig los.“
„Okay, ich möchte mich mit ihnen unterhalten. Wann ginge das?“
„Am Samstag. Ich werde ihnen ausrichten lassen, dass es eine Besprechung geben wird. Wann wäre es euch recht? Wenn es geht, eher abends. Oder nachmittags.“
„Nachmittags wäre mir lieber“, erwidere ich. „Je früher, desto besser.“
„In Ordnung. – Fiona, ganz ehrlich, du glaubst nicht daran, dass es übernatürlich sein könnte?“
„Möglich ist alles, Mark. Auch das. Wenn es ein Geist ist, muss es dafür einen Grund geben, wieso er plötzlich aufgetaucht ist. Warum gerade jetzt?“
„Es geht schon seit dem Sommer so, vielleicht August. Ich habe wirklich einiges ausprobiert, sogar Geisterjäger. Du lachst, aber es hat irgendwann genervt. Von dir hat mir Jack erzählt.“
„Siever?“
Er nickt. „Er sagte, du bringst mich um, wenn ich jemandem erzähle, dass du … anders bist.“
„Das stimmt.“
„Und inwiefern bist du denn nun anders? James hat nicht widersprochen, als ich ihn anrief, nachdem ich mich von meiner Überraschung erholt habe, ausgerechnet seinen Namen zu hören. Ich habe natürlich die Ereignisse damals mitbekommen und weiß, dass du über einige Qualitäten verfügst, die dir geholfen haben, all das zu überleben. Aber Übernatürliches? Das ist eine ganz andere Sache.“
„Das stimmt. Damals wusste ich auch noch nicht, dass ich eine Kriegerin bin.“
„Eine Kriegerin?“ Mark klingt überrascht, aber wie jemand, der weiß, was eine Kriegerin ist. „Eine echte Kriegerin?“
„Gibt es auch unechte?“
„Nun ja, da gibt es eine große Grauzone. Echten Kriegern bin ich noch nicht oft begegnet. Genaugenommen nur einem bisher.“
„Wieso weißt du von Kriegern?“, erkundigt sich James stirnrunzelnd. „Ich kannte das nicht, bis Fiona mir davon erzählt hat.“
„Es gehörte nicht zu den Dingen, die man in Berichte geschrieben hat“, murmelt Mark.
„Okay, das kann ich nachvollziehen.“ James akzeptiert erstaunlich schnell, dass Mark etwas wusste, was ihm neu war. Vielleicht gibt es dafür andere Dinge, die er kennengelernt hat und Mark nicht. Angedeutet hat er so was ja.
„Wenn du eine Kriegerin bist, dann kennst du diese Geschichte mit den unterschiedlichen Welten“, bemerkt Mark.
„Klar. Gefrorene Welt und Verborgene Welt.“
„Genau. Ich war noch nie in … der Verborgenen Welt, aber es muss ziemlich … beeindruckend sein.“
Ich werfe einen Blick auf James, aber der verzieht keine Miene. „Ich weiß nicht, ob ich sie beeindruckend nennen würde. Düster, beängstigend, verwirrend, gewaltig.“
„Es heißt, Krieger kommen dorthin, indem sie sterben.“
„Das ist eine Möglichkeit.“
„Okay. Bist du schon mal gestorben?“
„Ab und zu. Ist nichts, was ich vermissen würde.“
„Wahrscheinlich ist es nicht so angenehm.“
Ich lache kurz auf. „So könnte man es auch nennen. Ich starb ja nicht freiwillig, daher war es eigentlich immer unangenehm bis sehr unangenehm. Okay, Themenwechsel.“
„Klar, verstehe ich.“ Mark mustert mich, dann wendet er sich James zu. „Für dich muss es ja ziemlich seltsam sein, mit einer Kriegerin verheiratet zu sein!“
„Es hat die eine oder andere Abweichung von einer normalen Ehe.“ James sieht mich von der Seite an. „Aber das wusste ich eigentlich auch schon vorher. Normal war Fiona noch nie.“
„James! Wie viele Nächte willst du allein schlafen?“
Mark lacht. „Oh, oh, die ist ja ganz schön kratzbürstig.“ Als ich ihm einen Blick zuwerfe, hebt er die Hände. „Du hast nur gesagt, ich darf dich nicht süß nennen, von kratzbürstig war keine Rede!“
„Es gibt Dinge, die nicht gesondert erwähnt werden müssen!“
Ich sehe ihm an, dass er unsicher wird. Und grinse. Nach einem Moment grinst er zurück. James hebt einen Mundwinkel an. Ich glaube, der macht immer absichtlich auf „Ich habe keine Gesichtsmuskeln, also kann ich auch keine Regung zeigen“.
„Hattest du denn schon mit übernatürlichen Wesen zu tun?“, fragt Mark.
„Mit Vampiren, Werwölfen, Geistern, Dämonen, um nur die gängigsten zu nennen.“
„Und du, James?“
„Einige von ihnen durfte auch ich kennenlernen“, antwortet James ruhig.
„Ist schon irgendwie lustig. Ich hätte nicht gedacht, dass ich ausgerechnet mit dir mal hier sitzen und mich über so was wie Vampire und Krieger unterhalten werde, James.“
„Ging mir genauso“, erwidert der und nickt.
Ich will auch was sagen. „Ihr könnt vom Glück reden, dass ihr vermutlich nur einen Bruchteil dessen erfährt, was wirklich los ist. Wenn die Menschen wüssten, was in den Katakomben wirklich passiert, würden nur wenige ruhig schlafen.“
„Was ist denn da los? Soweit ich weiß, leben einige, die das Tageslicht aus unterschiedlichen Gründen scheuen, da unten.“
„Einige, genau“, sage ich lächelnd.
„Du warst schon da unten?“, fragt Mark.
„Ein paarmal. Die eigentlichen Katakomben beginnen dort, wo für Menschen die Grenze ist. Eine Grenze, die nicht ignoriert werden sollte. Dahinter ist es lebensgefährlich für Normalsterbliche.“
„Aber du warst auch da schon.“
„Klar. Bin ja keine Normalsterbliche. – Okay, ich denke, für heute sind wir fertig. Du sagst noch Bescheid, wann wir am Samstag kommen sollen.“
Mark nickt und begleitet uns nach draußen. Er mustert den Jaguar neugierig. „Manche Dinge ändern sich nicht“, sagt er dann.
„Wieso?“, erkundige ich mich.
„James war schon immer ein Jaguar-Fan. Ich glaube, er hat sich noch nie hinter das Steuer einer anderen Marke gesetzt.“
„Doch, er musste ab und zu auch meinen Wagen fahren. Einen Rocket. Kombi.“
Mark zieht die Augenbrauen hoch. „Mein Beileid, James.“
„Jedenfalls hängt mein Wagen jeden Jaguar ab. Er sieht halt nur nicht so sportlich aus.“
„Na ja, ich halte es für eine Sünde, einen Kombi schneller als 100 fahren zu lassen.“
„Komm, James, wir gehen. Sag deinem Ex-Kollegen, dass Chauvis mich hysterisch machen können, was oft ungesund endet.“ Ich wende mich ab und steige kopfschüttelnd in den Wagen. Wahrscheinlich wollte Mark nur einen Witz machen, aber manche Dinge sind für mich einfach grundsätzlich nicht lustig.
Nachdem James eingestiegen ist, sieht er mich fragend an. „Was war das denn?“
„Fahr einfach. Bitte.“

Schreibe einen Kommentar