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Leseprobe: Geschichten einer Kriegerin – Der Geist von King Valley

Der Geist von King Valley

„Drol Wayne.“
Ich kaue auf meiner Unterlippe herum. Ich bin so blöd! Wieso rufe ich den eigentlich an? Er wird mir nicht helfen, schon aus Prinzip nicht, das weiß ich doch.
„Fiona? Redest du nicht mehr mit mir?“
„Das weißt du doch genau“, erwidere ich. „Und du wirst mir eh nicht sagen, was ich wissen will.“
„Was willst du denn wissen?“
„Weißt du doch.“
„Und du willst es mir nicht verraten?“
„Das ist ein blödes Spiel.“
„Ich habe dich nicht angerufen.“
„Ich weiß. – Also gut, ist es möglich einen erdgebundenen Geist wieder zum Leben zu erwecken?“
„Geister sind doch nicht tot, wie willst du ihn dann zum Leben erwecken?“
Ich schließe die Augen. Ich habe es gewusst! Warum zum Teufel habe ich ihn angerufen?
„Sie wurde erschlagen, von ihrem Bruder, also ist sie tot! Mann!“
„Warum schreist du so?“, fragt Drol süffisant.
„Weil du mich mal wieder nervst, verdammte Scheiße!“
„Ich habe dich nicht angerufen.“
Raste ich aus oder raste ich nicht aus? Das Schlimme ist, das macht ihm auch noch Spaß und wenn ich ausraste, hat er sein Ziel erreicht und sein Vergnügen gehabt.
Also raste ich nicht aus.
Ich atme tief durch. Mehrmals. Immerhin kriege ich so meinen Puls wieder halbwegs normal. Irgendwo bei 120. Oder so.
„Warum willst du Esther überhaupt wieder zum Leben erwecken? Auch wenn das nicht geht?“
„Sie hat gefragt, ob es geht. Sie möchte spüren, wie es ist, wenn man sich nicht ständig verbiegen und verstecken muss. Und das kann ich sehr gut verstehen!“
„Ja, das ist schon klar, dass du das gut verstehen kannst.“
„Wie meinst du das?“, frage ich misstrauisch.
„Du hasst es doch auch, dich verbiegen und verstecken zu müssen. Oder etwa nicht?“
„Doch. Ich hasse das sehr.“
„Dann ist doch alles klar.“
„Nichts ist klar! Ich weiß immer noch nicht, ob das geht!“
„Dann finde es doch heraus“, erwidert Drol und legt auf.
Ich starre das Handy an. Ich fasse es nicht! Hat er wirklich einfach aufgelegt? Dieses dämliche Arschloch!
„Mit wem hast du denn da gerade telefoniert?“
„Was?“ Ich sehe Monica erschrocken an.
„Du hast dich zum Telefonieren eingeschlossen, aber selbst so war zu hören, dass du sehr aufgeregt warst. Mit wem hast du denn gesprochen?“
Ich starre sie immer noch an, mit dem Handy in der Hand. Schließlich schüttele ich den Kopf und werfe das Telefon auf den Tisch. „Es war privat. Jemand, den ich nicht mehr anrufen sollte, denn es tut meinem Blutdruck gar nicht gut.“
„Allerdings. Soll ich dir einen Tee machen?“
Nach kurzem Überlegen nicke ich, und als sie rausgeht, greife ich erneut nach dem Telefon. Irgendjemand muss doch eine so einfache Frage beantworten können!
Ich fange mit Michael an, der ist sowieso auch halbtot. Oder untot. Wie auch immer.
„Hallo, Fiona“, meldet er sich.
Ich erinnere mich kurz und heftig an den Kuss, dann verscheuche ich die Erinnerung daran ganz schnell wieder. Kann ich grad nicht gebrauchen.
„Hi, Michael. Kurze Frage: Wie holt man erdgebundene Geister wieder ins Leben zurück?“
„Hä? Was willst du?“
„Wie holt man erdgebundene Geister wieder ins Leben zurück?“, wiederhole ich langsam.
„Warum willst du das denn wissen?“
„Michael!“, schreie ich. „Ich habe gerade schon Drol gefragt, also weißt du, wie meine Laune gerade ist! Beantworte einfach meine Frage, verdammte Scheiße!“
„Das hast du Drol gefragt? Ich nehme an, er war nicht sehr kooperativ.“
„Fick dich!“ Ich drücke die rote Taste und werfe das Telefon erneut auf den Tisch, gerade als Monica hereinkommt.
„Du kennst erstaunlich viele Leute, die schlecht für deinen Blutdruck sind“, bemerkt sie, während sie den Tee vor mir abstellt.
„Ja“, erwidere ich düster. „Kannst du bitte bei dem Stadtarchiv und sonstigen Archiven nachfragen, was sie über die Kronachs haben? Danke.“
„Über die Kronachs?“
„Ja, über die Kronachs. Ich hoffe, du willst meinem Blutdruck nichts.“
Monica mustert mich kurz, dann nickt sie und geht aus dem Büro. Ich hole mir ein weiteres Mal mein Handy und rufe Nilsson an.

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