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Leseprobe: Gefährliche Rochade

Gefährliche Rochade

Da klingelte es auch schon. Pia schlug vor, die Jacken gar nicht erst auszuziehen, sondern gleich zu einem kurzen Spaziergang aufzubrechen, da sie sich nicht besonders wohlfühlte und meinte, etwas frische Luft gebrauchen zu können.
Das hat sie aber in letzter Zeit häufig, dachte Paul noch und sie marschierten los. Sie liefen an der Talschänke vorbei durch das Hexbachtal, um am Reiterhof Lugge im Stehen einen Kaffee aus Pappbechern zu trinken.
„Und, was macht die Arbeit?“, fragte Paul an Ingo gewandt.
„Ach, alles Mist. Das ist, wie in viel zu dicke Bretter mit viel zu kleinen Bohrern Löcher machen zu wollen. Am meisten nerven mich diese ständigen Bedenkenträger.“
„Dein Chef, oder wen meinst du?“
„Nicht nur den. Wir haben jetzt eine echte Chance, in ein Mexiko-Programm einzusteigen. Damit könnte man wirklich was bewegen. Aber wer da alles mitreden muss, bis man ein wenig Kohle locker macht, das ist frustrierend.“
„Was ist das, ein Mexiko-Programm?“, fragte Vera.
„Die Mexikaner haben in den letzten paar Jahren den wirtschaftlichen Turnaround super geschafft. Mit modernen, personalwirtschaftlichen Maßnahmen haben die das perfekt unterstützt.“ Man merkte, dass Ingo in seinem Element war. „Jetzt bieten die ein tolles Programm an. Unsere Leute könnten ein Jahr in Mexiko mitarbeiten, um zu lernen und sich Ideen zu holen. Im Gegenzug kämen Mexikaner für ein Jahr nach Deutschland. Im Grunde eine Win-Win-Situation.“
„Wieso? Was hätten die Mexikaner davon?“, fragte Paul.
„Na, es gibt schon noch viele Bereiche, in denen die auch von uns was lernen könnten. Aber wichtiger ist denen wohl der politische Deal, der zwischen Mexiko und der DDR geplant ist. Da könnten sie zur Vorbereitung in der BRD ihre Sprachkenntnisse verbessern. Außerdem würden sie dann auch gleich die deutsche Mentalität kennenlernen. Und dass die eine Wissenschaft für sich ist, da sind wir ja wohl einig.“ Paul lachte. „Da geb ich dir recht. Aber im Ernst. Klingt doch alles gut. Wo ist denn jetzt das Problem?“
„Eigentlich ist es lächerlich. Für die Reisekosten, Kost und Logis muss das jeweilige Ursprungsland selbst aufkommen. Wir müssten also erst einige tausend DM in die Hand nehmen. Der spätere Nutzen lässt sich natürlich heute noch nicht beziffern. Und das ist das Problem.“
„Wieso?“
„Die Landesregierung in Düsseldorf muss zustimmen. Und dafür will sie immer eine detaillierte Kosten-Nutzen-Analyse. Die kann keiner erstellen.“
„Ach, das kann doch nicht wahr sein. Dass das eine geile Nummer ist, leuchtet ja sogar mir ein. Ohne diese Analyse. Und jetzt stimmen da irgendwelche Sesselpupser nicht zu?“ Vera war ebenfalls konsterniert. „Gerade jetzt müssen wir doch nach jedem Strohhalm greifen. Und dann soll sowas an der Bürokratie scheitern. Da muss man doch was machen können.“
„Tja, da käme jetzt eigentlich mein Chef ins Spiel, Gerd Kuschke. Das ist der ehemalige Oberbürgermeister von Dortmund. Der hat absoluten Schiss vor den Oberen in Düsseldorf. Und da hält der sich lieber fast komplett raus. Also kann ICH jetzt in Düsseldorf den Bückling machen. Seit Tagen mache ich nichts anderes, als völlig dumm aufgesetzte, seitenlange Formulare auszufüllen.“
„Da hätte ich wohl auch die Schnauze voll.“ Paul war froh, dass er in seinem Job nichts mit solchen Formalitäten zu tun hatte.
„Aber das Projekt will ich durchkriegen. Unbedingt. Deshalb mache ich das.“
„Du kennst doch dieses Sprichwort: Es ist wohlfeil zu jammern, wenn man jemanden hat, dem man klagen kann. Du hast mich doch.“ Pia nahm Ingo mitfühlend in den Arm und lächelte ihn an. Das Lächeln wirkte allerdings etwas gequält.
Plötzlich schrie Vera auf: „Pia, aus deinem Ohr läuft ja Blut.“

 

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