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Leseprobe: Gefährliche Rochade (3)

Nach einer kurzen Zeit des Überlegens schilderte Ingo, was er bisher erlebt hatte. Er erzählte von dem Schockzustand, in den er gefallen war, als er das Paket erhalten hatte. Davon, dass er zwei Tage und Nächte benötigt hatte, um das Geschehen überhaupt zu realisieren. Von der Leere im Kopf, die er so deutlich empfunden hatte, und auch davon, dass er zu diesem Zeitpunkt absolut mit sich allein klarkommen musste. Er erläuterte, dass er die Entscheidung, nicht die Polizei einzuschalten, sondern sich auf dieses mörderische Spiel einzulassen, unbedingt alleine treffen musste. Jeder, auch noch so gut gemeinte Rat von außen, hätte zu diesem Zeitpunkt nach seiner Überzeugung nur kontraproduktiv sein können, weil er ihn in seiner Entschlusskraft geschwächt hätte.
Als Ingo Pauls irritierten Ausdruck sah, versuchte er, eine weitere Erklärung zu geben: „Weißt du Paul, was für die bevorstehende Zeit der einzige Trumpf ist, den ich spielen kann? Unerwartet mentale Stärke zu zeigen. Um mental überhaupt auf den Damm zu kommen, musste ich die Situation so gut wie möglich erst einmal allein verarbeiten. Darum habe ich dich auch nicht früher um Rat gefragt. Auch nicht bei der Vorbereitung auf das Spiel. Und das, obwohl du tendenziell der stärkere Schachspieler von uns beiden bist.“
Ingo erzählte, wie er den Schlüssel zur Wohnung in der Osttangente erhalten hatte. In einem Päckchen der gleichen Größe wie dem, mit dem ihm der Finger zugestellt worden war, hatte er eines Morgens im Briefkasten gelegen. Wie ein Trauma seien ihm in dem Moment die erst wenige Tage alten Erlebnisse um Julia vorgekommen. So habe er beinahe eine Stunde gebraucht, um das Päckchen zu öffnen. Darin gefunden habe er nur den Schlüssel, an den ein Bändchen mit einem Zettel geknotet war, der Straße und Hausnummer sowie einen Hinweis auf die 1. Etage enthielt.
Noch am gleichen Tag war er – so erzählte er weiter – auf seinem Handy angerufen worden. Gesprochen hatte eine Kinderstimme, die Stimme eines Jungen, die auf Fragen oder Äußerungen von Ingo nicht reagierte, sondern nur monoton einen Text herunterleierte. Die Stimme kam aber, dessen war sich Ingo sicher, nicht vom Band. Der Text hatte sich in sein Hirn gebrannt:
„Dies ist eine Nachricht von White King. Das Spiel beginnt am nächsten Freitag, pünktlich um 21:00 Uhr. Die Regeln sind dir bekannt. Halte dich strikt daran. Das gilt nicht nur für die Spielregeln, sondern auch für alle anderen Regeln, die dir angetragen wurden. Ansonsten wird Julia schrecklich leiden. Solange du alles beachtest, versichert dir der White King, dass Julia sehr gut behandelt wird. Alles Weitere wird vom Spielverlauf abhängen.“
Ingo hatte es grotesk gefunden, diese Worte aus dem Mund eines Kindes zu hören. Der Inhalt der Worte war eiskalt, die Stimme, die ihn vermittelte, hatte sensibel, fast zärtlich geklungen. Eben wie die Stimme eines unschuldigen Kindes.
Und gleichzeitig war es für ihn entsetzlich erschreckend, dass das Kind selbst auf flehentliche Worte nicht eingegangen war. Es hatte den Text einfach an der Stelle wieder fortgesetzt, an der es unterbrochen worden war. Ingo war sicher, dass das wieder ein subtiles Arrangement war, das lediglich dem Zweck diente, seine Psyche zusätzlich zu perforieren. Ansonsten wäre der Anruf seiner Ansicht nach völlig überflüssig gewesen.
Dann schilderte Ingo noch, wie der erste Freitag in der Wohnung in der Osttangente abgelaufen war. Paul hörte gebannt die Worte, kaum in der Lage, ihren Inhalt zu verstehen. Sein Kopf schmerzte, seine Augen schienen aus dem Inneren seines Schädels zu drücken. Dennoch richtete er seine Aufmerksamkeit voll auf Ingos Stimme: „Ich habe sofort bemerkt, dass das Haus mit Ausnahme der Wohnung in der 1. Etage unbewohnt ist. Auch diese Wohnung scheint im Wesentlichen ungenutzt zu sein. Ich bin einen langen Flur entlanggelaufen. Es schien Dämmerlicht. Die Wände sind komplett leer. Von dem Flur geht nur ein Zimmer ab, in dem es zwei Türen gibt. Die waren beide verschlossen.
Das Zimmer ist mit einem Schachtisch und zwei bequemen Stühlen eingerichtet. An der Rückwand befindet sich eine riesige Leinwand. Darauf wird das Schachbrett im Großformat projiziert.“
„Und was noch?“
„An einer Wand hängt ein riesiger Druck von Dalis ‚Das endlose Rätsel‘. Das war eines der Lieblingsbilder von Pia. Du kennst ja ihre Leidenschaft für Dali. Es wird durch indirektes Licht richtig in Szene gesetzt. Mir hat der Anblick sofort die Kehle zugeschnürt.“
„Gab es sonst noch was?“
„Ansonsten ist der Raum komplett leer, zumindest, wenn man davon absieht, dass mehrere, offen installierte Kameras alles überwachen. Jetzt kommt noch so ein Knaller. Sobald ich den Raum betreten habe, werden automatisch zwei Pink Floyd-Titel in hervorragender Klangqualität abgespielt: erst ‚Wish you where here‘, danach ‚Time‘.“
„‚Ich wünschte, du wärest hier‘ und ‚Zeit‘; diese Titelwahl ist doch kein Zufall“, meinte Paul.
Ingo fuhr fort: „Erst nachdem die Musik zu Ende war, sprach der Irre über die Lautsprecher zu mir. Die Stimme kannte ich nicht. Es war eine sonore Stimme und er sprach betont deutlich:
,Zu unserer Partie heiße ich dich herzlich willkommen. Lass uns sofort beginnen. Alles Nötige ist gesagt. Die Uhr tickt ab jetzt‘.“
Beim Wiederholen des Textes hatte Ingo seine Stimme verstellt, langsam und sehr betont gesprochen.
„Dann hat der Irre eröffnet. Er zog den weißen Bauern von e2 nach e4. Auf der Leinwand konnte ich das nachzuvollziehen. Das Spiel auf dem Tisch diente wohl nur dazu, dass ich die Züge bei Bedarf auch auf dem Brett abbilden konnte. Sollte wohl eine faire Geste mir gegenüber sein.“
Paul hatte große Mühe, den Schilderungen zu folgen. Sein Entsetzen stieg von Minute zu Minute an. Alles rational zu verarbeiten war ihm völlig unmöglich.
„Ingo, das ist doch der totale Irrsinn. Ich bin immer noch der Meinung, dass du die Bullen rufen musst. Aber ich sehe schon an deiner Gusche, dass du das nicht tun wirst. Willst du jetzt wirklich alles auf die Karte setzen, gegen irgendjemanden – wir wissen nicht wen – diese Partie zu gewinnen? Und selbst wenn, wer weiß, ob er Julia dann wirklich freilässt?“
„Wir müssen jetzt parallel vorgehen.“ Ingo sprach, wie selbstverständlich, jetzt schon von ‚Wir‘.
„Das Schachspiel müssen wir spielen. Da gibt es keine Alternative. Natürlich müssen wir gleichzeitig alle Überlegungen anstellen, welche die Polizei auch anstellen würde. Dazu brauchen wir deren Apparat nicht. Wenn überhaupt können wir dem Irren nur durch eigenes Nachdenken auf die Schliche kommen. Der Schlüssel kann, wenn ich kein rein zufälliges Opfer bin, nur in meiner Vergangenheit liegen. Und die kennt niemand besser als wir beide.“
„Das mag ja sein …“ Den Rest des Satzes verschluckte Paul. „Gut, betrachten wir zunächst das Schachspiel. Was ist deine Strategie? Ist doch Mist, dass du mich jetzt erst einbindest.“
„Meine Überlegung ist, dass ich den Typen nicht mit Standardvarianten, die wir beide leidlich gut drauf haben, schlagen kann. Ich muss ihn überraschen und immer wieder durch Unerwartetes unter Druck setzen. Deshalb habe ich mir auch überlegt, gleich im Rahmen der Eröffnung mit einer Gambit-Variante zu starten.“
„Rede nicht so geschwollen. Was ist das?“
„Na, das heißt, dass du bewusst ein Figurenopfer eingehst, um dir einen Stellungsvorteil zu sichern.“
„Bist du wahnsinnig? Das entspricht doch überhaupt nicht deiner Spielweise. Du knallst am lautesten aus Standarderöffnungen, aus denen du ganz langsam und vorsichtig deine strategischen Vorteile entwickelst. Da passt doch so ein Scheiß nicht.“
„Eben, mein Lieber. Das entspricht nicht meinem Typus. Wenn ich unterstelle, dass der Irre mich kennt, wird er das wissen. Woher auch immer. Daher wollte ich ihn überraschen. Und da ich genau wusste, dass du mir davon abraten würdest, bin ich zunächst ohne dich gestartet.“
Paul quittierte das mit einem leicht beleidigten Blick.
„Ist ganz bestimmt nicht böse gemeint. Aber jetzt, wo jeder seine ersten sechs Züge gemacht hat, kommst du ins Spiel. Die Optionen werden mir jetzt zu komplex, auch wenn ich im Nachhinein natürlich alles mit dem Computer simuliere.
Die Eröffnung ist übrigens doch nicht ganz so abgelaufen, wie ich es mir vorgenommen hatte. Mein Mumm hat mich einfach verlassen. Auch deshalb brauche ich dich. Hilf mir dabei, ihn zu überraschen. Hilf mir, so zu sein, wie ich nicht bin.“
Paul war verdutzt. Insbesondere war er selbst darüber irritiert, dass er jetzt, nur wenige Minuten, nachdem er von dieser schrecklichen Situation gehört hat, tatsächlich damit begann, sich ernsthaft auf das Spiel einzulassen.
„Wie sieht die Partie denn bisher aus?“, fragte er. Seine Gedanken waren so verwirrt, dass ihm die gesamte Situation wie ein schlechtes Rauscherlebnis erschien.