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Leseprobe: Gefährliche Rochade (2)

Lieber Ingo,
ich muss dir nicht erklären, zu wem mein kleines Geschenk gehört. Aber sei versichert, Julia geht es im Übrigen (noch) gut. Ihre Wunde ist medizinisch versorgt und ich tue alles dafür, dass sie sich wohlfühlt, soweit es die Umstände zulassen.
Das wird sich auch so lange nicht ändern, wie du genau das tust, was ich von dir verlange. Versuche gar nicht erst, herauszubekommen, wer ich bin. Es wird dir nicht gelingen. Auch Analysen dieses Briefes und Ähnliches würden nicht zum Ziel führen. Sollte ich auch nur den Hauch eines Verdachts hegen, dass du die Polizei eingeschaltet hast oder sonst etwas geschehen, was ich nicht zulassen kann, werde ich dir deine Julia in kleinen Portionen zusenden.
Wahrscheinlich wird dich jetzt brennend die Frage interessieren, was mein Begehr ist.
Ich möchte mit dir spielen!
Wir beide werden eine Partie Schach spielen. Grundsätzlich unterliegen wir den offiziellen Regeln des Weltschachverbandes. Es gelten nur folgende kleine Besonderheiten:
• Da ich diese Partie ja initiiere, werde ich mit Weiß spielen, sie also eröffnen.
• Es gibt kein Remis; Bei einem Unentschieden ist die Partie für dich verloren.
• Wir spielen alle zwei Wochen freitags ab 21:00 Uhr. Den Schlüssel zu einer Wohnung in der Osttangente, die als Spielort dient, lasse ich dir zukommen. Natürlich werde ich nur virtuell dort sein. Gib dir keine Mühe – über die Wohnung kannst du mich nicht ausfindig machen.
• Die Spielzeit auf jeder Seite beträgt jeweils maximal 45 Minuten. In dieser Zeit müssen beide Spieler drei Züge absolvieren.
Du darfst, wenn du möchtest, eine zweite Person zu den Spieltagen mitbringen. Solltest du dich dafür entscheiden, muss es aber immer dieselbe sein. Ansonsten erwarte ich dich allein. Während der Spielzeit vor Ort sind keine Hilfsmittel erlaubt. Wie du dich zwischen den Terminen auf das Spiel vorbereitest, ist für mich ohne Bedeutung, solange es den Grundsätzen meiner Regeln nicht widerspricht.
Sofern du das Spiel gewinnst, entlasse ich deine Julia in die Freiheit. Dann wirst du nie wieder von mir hören. Für den Fall, dass du verlierst, wird sie leider sterben müssen. Das ist der Einsatz.
Frage dich gar nicht erst, warum mir diese Partie so wichtig ist. Der Versuch, das zu verstehen, würde deine Fähigkeiten weit übersteigen. Es würde ja erfordern, dass du zu ähnlicher geistiger Leistung imstande wärest wie ich. Wie sonst solltest du meine Intentionen nachvollziehen können?
Sieh es also als eine sportliche Herausforderung mit hohem Einsatz an und fühle dich durchaus geehrt, dass ich dich zu dieser Partie einlade. Damit zolle ich dir großen Respekt. Enttäusche mich nicht!

Zunächst verbleibe ich voll der Hochachtung
Gez. White King


Paul war verwirrt und erschüttert. Er las den Brief ein weiteres Mal. Aber er konnte den Inhalt einfach nicht fassen. Im Moment tat er sich sogar schwer, überhaupt zu glauben, was er hier erlebte. Aber wenn das stimmt, dachte er, was hat Ingo eigentlich mit dem Finger gemacht? Nein, das werde ich ihn nicht fragen. Ich will das nicht wirklich wissen.
„Ingo, hast du die Bullen gerufen?“, fragte er, obwohl er die Antwort kannte.
„Bist du verrückt? Du hast den Brief doch gelesen. Weißt du, was dieser Irre mit meiner Julia anstellt, wenn er das herauskriegt? Und er würde es herauskriegen. Der Typ ist zwar eindeutig verrückt, aber sicher nicht dumm. Der ist absolut professionell unterwegs.“
„Woher weißt du das? Du hast doch nicht …“
„Selbstverständlich habe ich. Wir haben schon zweimal gespielt. Heute Abend ist der dritte Termin. Und ab heute möchte ich dich dabei haben.“
In dem Raum herrschte Schweigen. Draußen gab es einen heftigen Regenschauer. Blitze erhellten den inzwischen sehr dunkel gewordenen Abendhimmel. Die Freunde sahen sich an und sahen sich doch nicht. Jeder hing seinen Gedanken nach.
Paul fragte sich, ob es richtig sein konnte, die Polizei nicht einzuschalten. Sein Gefühl sagte ihm, dass das ein Fehler sein musste. Und wie soll es weitergehen? Wir können doch das Leben von Julia nicht von einem Spiel gegen einen Irren abhängig machen. Warum hat Ingo bereits damit begonnen und schaltet mich jetzt erst ein?
Ein lauter Donnerschlag riss die beiden aus ihren Überlegungen.
Als hätte Ingo die Gedanken seines Freundes gelesen, setzte er das Gespräch fort: „Paul, meine erste Idee war natürlich die Polizei. Als ich den Telefonhörer in der Hand hielt, fiel mein Blick wieder auf den abgeschnittenen Finger. Dieses Arschloch hat Julia in der Hand. Warum sollte der nicht merken, wenn ich die Polizei einbinde? Ich würde alles tun, nur dass ich Julias Leben gefährde, kommt nicht infrage. Wenn ich mich opfern müsste, um Julia zu retten, wäre das kein Problem. Nicht eine Sekunde lang würde ich überlegen. Aber nach Pia jetzt auch noch Julia zu verlieren, nein, das wäre unerträglich.“
Ingo machte eine kurze Pause. Sein Blick schien ins Leere gerichtet zu sein. Er dachte gefühlt sehr lange nach, um dann mit fester Stimme und sehr nachdrücklich fortzufahren: „Und überhaupt, was könnte die Polizei schon tun, erst recht, wenn es niemand merken darf? So verrückt das klingt, das ist mir einfach zu gefährlich.“
„Das schnalle ich sogar. Aber Ingo, was würden die Bullen denn in jedem Fall tun? Sie würden doch versuchen, rauszukriegen, wie der Typ ausgerechnet auf dich gekommen ist. Der muss ordentlich was von dir wissen. Zum Beispiel, dass du leidenschaftlicher Schachspieler bist. Dabei wissen das gar nicht viele. Du spielst in keinem Verein oder so. Meistens muss ich doch als Gegner herhalten. Woher kennt der dich? Und wer kann dich so krass hassen, dass er dir so etwas antut? Ist in deinem Job etwas schiefgelaufen? Ein Mandant, der es auf dich abgesehen haben könnte? Hast du irgendeine Braut flachgelegt, von der du mir nicht erzählt hast? Ein gehörnter Ehemann, der dich plattmachen will. Irgendetwas?“
Pauls Redeschwall machte seine Verzweiflung offensichtlich. Die Fragen sprudelten nur so aus ihm heraus. Und seine Augen verrieten absolute Hilflosigkeit. Sicher hätte er gleich mehrere Fragen hinterhergeschoben, wenn Ingo ihn nicht unterbrochen hätte: „Glaub mir, Paul. Darüber zermartere ich mir Tag und Nacht den Kopf. Erfolglos.“
„Du hast bereits angefangen, mit dem Typen zu spielen. Wie ist das denn gelaufen? Und warum sprichst du mich erst jetzt an? Ich bin doch dein Freund.“