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Leseprobe: Gefährliche Rochade (1)

Kapitel 1

Wismar, 04.10.2013
Blut. Ein abgeschnittener Finger. Das entsetzte Gesicht seiner geliebten Tochter vor Augen.
Ingo Fellbach saß gedankenverloren im Wohnzimmer seiner hübschen, ganz in der Nähe vom Mühlenteich gelegenen Wohnung. Der Blick durchs Fenster bot die optische Vielfalt, welche die Natur für schöne Nachmittage im Frühherbst vorgesehen hatte. Auch das Wohnungsinnere strahlte Behaglichkeit aus. Insgesamt war das Wohnzimmer in mediterranem Stil gehalten. Gelb- und Orangetöne, unterstützt von Terrakotta-Rosé-Elementen, dominierten. Der Türbogen war von hellem Grün umrandet. Die antik anmutenden Möbel, verziert mit feinen Reliefs, fügten sich in ein stimmiges Gesamtbild ein. Der große, mittig platzierte Tisch wurde von kunstvollen Mosaiken bedeckt. Darauf stand ein Topf mit prächtigen Orchideen, die aussahen, als seien sie extra für diesen Ort gewachsen.
Einen echten Blickfang bot ein Ölgemälde, das sich fast über die gesamte Höhe und Breite einer Wand erstreckte. Abgebildet war ‚Die Beständigkeit der Erinnerung‘, dieses wahrscheinlich berühmteste Gemälde von Dali, im Volksmund auch gerne ‚Die weichen Uhren‘ genannt.
Über viele Monate hatte Ingos verstorbene Frau Pia es gemalt. Sie liebte die Malerei. Dieses Bild hatte sie immer am meisten fasziniert. Sie hatte gemeint, es sei nicht nur malerisch etwas Besonderes, sondern auch inhaltlich. Es thematisiere wunderbar die Vergänglichkeit der Zeit und die ewige Rivalität zwischen Hartem und Weichem.
Pia hatte eindeutig mehr von Kunst verstanden als Ingo. Für ihn war ein Bild entweder schön oder nicht schön. Aber durch die Liebe zu Pia und wegen der vielen Arbeit, die sie in dieses Gemälde gesteckt hatte, war ihm das Bild heilig. Die fortwährende Liebe zu Pia war überhaupt der wichtigste Grund dafür, dass er nach wie vor allergrößten Wert darauf legte, den Zustand der Wohnung in Pias Sinne zu erhalten und zu gestalten.
Aber für all das hatte Ingo momentan keinen Blick. Seine Augen fixierten das Schachbrett auf dem von zwei Ledersesseln flankierten Beistelltisch neben dem Kamin. Eigentlich liebte er das königliche Spiel. Für ihn war das Versinken in komplizierte Stellungen auf dem Schachbrett nicht nur eine intellektuelle, wettkämpferische Herausforderung, sondern auch eine Art meditativer Handlung.
Er spielte niemals gegen einen Computer, denn auch das psychologische Moment im Wettstreit mit seinem Gegenüber machte für ihn die Faszination des Spiels aus. Das ging sogar so weit, dass er den Verlust einer Partie gerne in Kauf nahm, wenn er den Gegner dafür im Mittelspiel richtig ärgern und zur Weißglut treiben konnte.
Jetzt stand ihm der Sinn nicht danach. Er spielte ein gefährliches, vielleicht sogar ein tödliches Spiel. Und es ging um das Leben von Julia, Pias und seiner wunderbaren Tochter, die seit Pias Tod alleine mit ihm zusammenlebte. Sie war sein Ein und Alles.
Heute war Freitag. Um 21:00 Uhr würde er sich wieder in der Wohnung in der Osttangente einfinden müssen, um die nächsten drei Züge zu spielen. Er hatte einen dicken Kloß im Hals. Seine Hände zitterten leicht. Er spürte kalten Schweiß auf seiner Stirn. Der Puls war sicher alles andere als normal. Leichte Übelkeit machte es ihm zusätzlich schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Wozu auch?, hätte er sich fragen können. Nach seiner Überzeugung hatte er alle möglichen Reaktionen auf die nächsten denkbaren Spielzüge seines Gegners in den letzten Tagen dutzende Male durchdacht und zu jeder sich ergebenden Variante mögliche Folgevarianten überlegt.
Schließlich, so redete er sich ein, war es doch im Schachspiel wie im Leben: Alles resultierte aus dem Prinzip von Ursache und Wirkung. Nur war das beim Schach im Grunde viel einfacher als im Leben. Die Ursache-Wirkungs-Beziehungen waren weitaus weniger komplex, also in gewissem Maße kalkulierbar. Im Leben waren sie von globalen, ja, sogar von universellen Gegebenheiten abhängig und wirkten, davon war er überzeugt, weit über den Tod hinaus. Im Schachspiel beschränkte sich alles auf vierundsechzig Felder.
Damit versuchte er, sich selbst Mut zu machen. Doch er wusste, dass es nicht so einfach war. Allein schon der Faktor Psychologie, der für unlogische Überraschungsmomente sorgen konnte, erhöhte die Komplexität um ein Vielfaches. Von Kalkulierbarkeit konnte wohl kaum die Rede sein. Zumal sein Gegner es auf eine bizarr-geniale Weise verstanden hatte, ihn psychisch auf ein Abstellgleis zu manövrieren. Daher brauchte er die Unterstützung seines Freundes Paul Burgsmüller, auf den er jetzt so dringend wartete.
Wenn es überhaupt einen echten Freund gab, den, auf den man sich hundertprozentig verlassen konnte, dann war das für Ingo Paul und umgekehrt. Die beiden waren schon zusammen zur Schule gegangen, hatten in den vergangenen über vierzig Jahren einiges gemeinsam erlebt und standen vorbehaltlos zueinander. Aber noch nie hatte Ingo Paul so sehr gebraucht wie gerade jetzt. Das Warten zerrte an seinen Nerven.
Er atmete auf, als es endlich klingelte.
Paul stand, wie gewohnt fröhlich pfeifend, vor der Tür. Nach einer kurzen, herzlichen Umarmung sah er Ingo besorgt an. „Mann, was ist los? Hast du Zahnschmerzen? Oder schlimmer, hast du deinen Alfa zu Schrott gefahren? Was ist passiert? Du siehst richtig scheiße aus!“
Unwillkürlich musste Ingo grinsen, aber das verging sofort wieder. „Komm, setz dich erst einmal. Ich gieße uns einen Whisky ein und dann muss ich dir etwas sehr Ernstes erzählen. Paul, es gibt eine Katastrophe und ich brauche dringend deine Hilfe.“
„Was ist los? Hast du in deinem Job als Personal Coach jemanden falsch beraten und der ist vor lauter Freude hinter einen ICE gehüpft?“ Es war typisch für Paul, dass er in Situationen, die er noch gar nicht einschätzen konnte und die ihm Angst bereiteten, zunächst locker und scheinbar humorvoll reagierte. Das war seine Art eines Selbstschutzes, kombiniert mit dem gleichzeitigen Versuch, die Lage irgendwie zu entspannen. Ingo wusste das. Er hatte inzwischen zwei Gläser mit Whisky gefüllt.
„Lass uns einen Schluck nehmen. Und dann hör mir einfach eine Weile nur zu.“ Auf diese Situation hatte Ingo sich mental vorbereitet. Er wollte unbedingt versuchen, einigermaßen ruhig zu wirken, damit sie möglichst schnell auf eine sachliche Lösungssuche gehen konnten.
Das braune Getränk, das zumindest Ingo in viel zu großen Zügen schluckte, entfaltete schnell eine angenehme Wirkung. Wohl wissend, dass diese eine trügerische Natur hatte, goss Ingo sich gleich noch ein wenig ins Glas.
„Hör zu, Paul. Was ich dir jetzt erzähle, ist bitterernst. Ich habe vor einigen Wochen ein Päckchen bekommen. Darin befanden sich der abgeschnittene Zeigefinger von Julias rechter Hand und ein Brief.“
Beim Sprechen waren Ingo Tränen in die Augen geschossen. Paul verschluckte sich, musste husten und hätte fast sein Glas auf den Boden fallen lassen. „Was sagst du da? Du meinst doch nicht ernsthaft …“, stammelte er.
„Paul, irgendein Irrer hat meine Julia entführt und droht damit, sie umzubringen.“
Jetzt übermannte es Ingo vollends. Seine Tränen flossen hemmungslos. Paul umarmte ihn und starrte ihn nur ungläubig an. Zu etwas anderem war er momentan nicht in der Lage. Ingos Schluchzen ging Paul durch Mark und Bein.
Nach einer Weile beruhigte Ingo sich ein wenig. Sein Gesicht war aschfahl. Beide nippten an ihrem Whisky, ehe Paul nachfragte, fast hysterisch schrie: „Du sagst, er hat dir einen Zeigefinger von Julia geschickt?“
„Ja. Und damit ich bloß nicht daran zweifele, dass es wirklich ihr Finger ist, hat er sich wohl genau für diesen Finger entschieden. Daran hat sie doch dieses unverkennbare, kleine Muttermal, weißt du? Als ob ich sonst gezweifelt hätte.“
„Das ist doch unglaublich. Was will der von dir?“
„Wie gesagt. Er hat noch einen Brief beigefügt. Hier, lies selbst!“
Paul nahm den Brief in seine zitternden Hände und las mit Entsetzen: