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Leseprobe: Freundschaftspiel

Freundschaftspiel

Die Geschichte, der Hendrix Witzl später den Titel Freundschaftspiel gab, hatte für Marie vier Stunden früher begonnen; mit einem Bimmeln der Ladentür nämlich. Hendrix erzählte sie seinem Großvater, als wäre sie seine eigene. Nach zögerlichem Beginn steigerte er sich in eine ihm selbst unbekannte Fabulierleidenschaft hinein.
Es war früher Samstagnachmittag, die Sonne brannte vom wolkenlosen Himmel herab; in der Fußgängerzone von Nastetten herrschte bereits kein Betrieb mehr und Marie freute sich schon darauf, bald den elterlichen Laden abschließen zu können.
Ihre Eltern führten eine kleine Buchhandlung, die seit der Eröffnung des Großfilialisten World of Books gleich schräg gegenüber kaum mehr etwas einbrachte; dementsprechend schlecht war auch die familiäre Stimmung, denn über kurz oder lang würde man die Buchhandlung aufgeben müssen. Maries Mutter, die sich bereits vorsorglich um eine neue Stelle kümmerte, verbrachte die Wochenenden auf EDV-Fortbildungsseminaren in der Nähe von Braunschweig; im November würde sie eine Prüfung ablegen, um dann eine Festanstellung bei Peek & Cloppenburg zu bekommen – in der Datenverarbeitung freilich, nicht im Verkauf. So jedenfalls lautete die Version für Marie und ihren Vater.
Der vertraute seiner Tochter jeden zweiten Samstag ab 13 Uhr den Laden an, da es in der letzten Stunde erfahrungsgemäß nicht mehr viel zu tun gab. Auf diese Weise konnte er sich von seinen Existenzsorgen wenigstens einen Nachmittag lang ablenken und seine geliebten Hannoveraner ansehen, wenn sie ein Heimspiel hatten. An diesem Samstag empfing Hannover 96 die Bayern aus München, es war ein Freundschaftsspiel zur Vorbereitung auf die neue Bundesligasaison. Selbst solche Details erwähnte Hendrix, obwohl er spürte, dass Dieter allmählich ungeduldig wurde.
„Marie saß hinter der Kasse und las die Witze im BuchReport, als die Schaufensterscheiben zu vibrieren begannen; direkt vor der Buchhandlung, also in der Fußgängerzone, hatte ein Kleinbus des Seniorenstifts Sankt Kunibert gehalten. Aus der Fahrerseite sprang ein junger Mann. Der Kleidung nach zu urteilen handelte es sich um einen Zivildienstleistenden. Ohne zuvor den Motor abgestellt zu haben, eilte er um das Auto herum zur Beifahrerseite, hievte einen Rollstuhl aus dem Laderaum und postierte ihn in geeigneter Weise so neben dem Kleinbus, dass er die alte Dame nur noch vom Beifahrersitz zu heben brauchte und hineingleiten lassen konnte.
Marie hatte die Szene eher beiläufig beobachtet, doch als nun die Ladenbimmel ertönte und der junge Mann den Rollstuhl samt Dame hereinschob, erhob sie sich vom Kassentresen und schritt auf die Kundschaft zu.
„Das muss sie sein. Was für ein Glück!“, erklärte die Dame ihrem Begleiter. „Den Rest mache ich schon! Kannst in Ruhe nach deiner Katze sehen. In einer halben Stunde erwarte ich dich hier wieder zurück!“
Sekunden später entfernte sich der Kleinbus, abermals vibrierten die Scheiben.
„Wann ist hier Ladenschluss?“, fragte die Dame mit leicht näselnder Stimme. Sie machte einen eleganten Eindruck in ihrem grauen Kleid.
„Genau genommen in drei Minuten“, antwortete Marie. „Aber es kommt nicht so darauf an. Was darf ich denn für Sie tun?“, fügte sie schnell hinzu, denn ihr Vater hatte sie beschworen, jeden Kunden wie ein rohes Ei zu behandeln.
„Wenn du mir zunächst vielleicht ein Glas Wasser bringen könntest …, ich verdurste nämlich und außerdem muss ich meine Pille schlucken.“
Marie war bereits auf dem Weg zur Kochnische, als die Dame ihr hinterherrief: „Am besten, du schließt jetzt schon mal ab. Ich möchte nämlich nicht gestört werden!“
„Als ich mit dem Wasser kam, bat mich die Dame, sie in die Kinderbuchecke zu schieben. Damit uns niemand durch die Fensterscheibe beobachten konnte. Ein bisschen unheimlich war mir das Ganze schon, kannste dir ja sicher denken. Aber so richtig gefährlich kam mir die Alte auch nicht vor, denn sie saß ja im Rollstuhl. Ich tat ihr also den Gefallen. Jetzt sollte ich mir einen Stuhl holen und mich ihr gegenüber setzen. Was will die nur, habe ich mich gefragt.“
„Du erzählst, als wärest du selbst dabei gewesen!“, sagte Dieter Lange.
„Wolltest du doch, oder nicht?“, gab Hendrix zurück.
„Also: Was wollte sie?“, versuchte Dieter Lange die Ausführungen seines Enkels zu forcieren.
„Du wirst mir vielleicht nicht glauben, aber pass auf: Sie erzählte Marie, dass sie an MS leide und schon seit sieben Jahren im Rollstuhl sitzt. Und dass ihre beiden Söhne in München leben und sie, seitdem sie im Sankt-Kunibert wohnt, noch nie besucht haben. Ihr früherer Ehemann schon gar nicht; der hat sie verstoßen, als sie noch gesund war. Mittlerweile ist er tot.“
Hendrix hatte bis zu dieser Stelle noch nicht Feuer gefangen. Nun folgte jedoch ein Detail, das ihn aufmerken ließ und das er dem Großvater mit gesteigerter Lautstärke präsentierte, weil er gegen einen ganz in der Nähe aufheulenden Moped-Motor ankämpfen musste, wie auch in Filmen die Hintergrundmusik oft lauter wird, wenn es zu einer entscheidenden Stelle kommt.
„Zwanzig Millionen hat der ihr angeblich hinterlassen. Muss man sich einmal vorstellen! Zwanzig Millionen. Aber sie hat nichts davon gekriegt. Nicht einen Cent. Ihre Söhne bezahlen das Altersheim und ein Taschengeld, sonst nichts. Weil sie irgendwann mal, als es ihr schon sehr schlecht ging, einen Vertrag unterschrieben hat, den sie gar nicht kapierte. Der sie voll über den Tisch zog. Du musst dir das mal vorstellen, zwanzig Millionen …“
„Aber dagegen kann man doch gerichtlich vorgehen!“, sagte der Großvater.
„Weiß ich nicht. Hat sie vielleicht ja auch versucht. Vielleicht war sie dazu schon zu schwach und zu krank, oder vielleicht hatte sie niemanden, der sie dabei unterstützte. Soll ich jetzt also weitererzählen oder nicht?“ Hendrix’ Stimme klang aufgebracht.
„Sicher, sicher!“ Der Großvater stopfte seine Pfeife. „Bin gespannt, worauf das jetzt überhaupt hinausläuft!“
Das Motorengeräusch erstarb urplötzlich, die friedliche Abendstimmung war wiederhergestellt. Vom „Goldener Hirsch“ wehte La Paloma herauf, aber leise genug, um nicht das Muhen der Milchbauerkühe zuzudecken.
Hendrix fuhr fort mit seinem Bericht.
„Auch Marie hatte sich die ganze Zeit gefragt, warum die Dame ihr das alles erzählte. Nun erfuhr sie es und sofort war sie von der Sache gefesselt, was sie durch die Art und Weise, in der sie mir davon erzählte, deutlich machte. Du hättest sehen müssen, wie sie dabei geguckt hat!“ Hendrix’ Wangen glühten jetzt regelrecht.
„Einen Menschen gibt es, den die alte Dame seit ihrer Jugend liebt. Den sie auch geheiratet hätte, wäre die Ehe nicht für ihn eine kleinbürgerlich-spießige Institution gewesen, die er verachtete. Und jetzt rate mal, von wem ich rede!“

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